Kirchen

Dass sich die Balken biegen


Fastenkalender "7 Wochen Ohne"
epd-bild/edition chrismon/Verena Brüning
Lügen haben kurze Beine, weiß der Volksmund. Trotzdem gehören sie zum Alltag, auch in der Politik. Die evangelische Kirche ruft ihre Mitglieder in der Fastenzeit zu "Sieben Wochen ohne Lügen" auf.

In der Bibel findet sich in Sachen Lüge eine klare Ansage: "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten", heißt es im achten der zehn Gebote, die Moses der Überlieferung nach auf dem Berg Sinai in Empfang nahm. Die evangelische Kirche stellt in diesem Jahr ihre Fastenaktion unter das Motto "Sieben Wochen ohne Lügen". Doch das ist gar nicht so leicht: Umfragen zufolge lügt die Mehrheit der Deutschen täglich. Viele finden das auch in Ordnung - sei es, um Freunde aufzumuntern oder um Engagement am Arbeitsplatz vorzutäuschen.

Was alles unter den Begriff Wahrheit falle, sei gar nicht so einfach zu klären, gibt Rochus Leonhardt zu bedenken, Professor für Systematische Theologie an der Universität Leipzig: "Menschen schulden sich in bestimmten Situationen Wahrhaftigkeit, aber sie müssen nicht ihr Innerstes nach Außen kehren. Nicht jeder hat das Recht zu wissen, was ich denke." Würde man niemandem mehr einen "guten Morgen" wünschen, den man in Wirklichkeit nicht leiden kann, wäre das nicht nur brutal ehrlich, sondern auch unhöflich und letztlich absurd.

Schon im Mittelalter sei genau zwischen den verschiedenen Formen der Lüge unterschieden worden - zwischen Scherzlügen, Nutzlügen und Schadenslügen, sagt Leonhardt. Und auch Martin Luther erkannte Lügen zwar als ethisches Problem, rechtfertigte sie aber bis zu einem bestimmten Grad. In manchen Situationen könnten sie geradezu ein "Liebesdienst" sein, befand der Reformator.

Lüge dürfe niemanden schaden

Für Rochus Leonhardt, der sich viel mit den theologischen Aspekten des Lügens befasst hat, ist letztlich entscheidend, dass eine Lüge niemandem schaden dürfe - etwa, indem jemand schlechtgeredet werde: "Da muss man kein Christ sein, um das schäbig zu finden."

Karl Peter Bruch, einst SPD-Innenminister in Rheinland-Pfalz, hatte früher dienstlich tagtäglich damit zu tun, Lügner zu ertappen. Vor seinem Wechsel in die Berufspolitik war er bei der Kriminalpolizei. "Du erkennst bei Vernehmungen, wenn da etwas nicht stimmt", sagt er. Aus Körperhaltung, Mimik und Gestik könne ein erfahrener Ermittler ablesen, wenn ein Gegenüber sich in Lügen flüchte. Und er schließt: "Du merkst daran, dass die Leute eigentlich nicht lügen wollen."

Den Gedanken, dass Politiker lügen, hält er generell für fatal. Dass, etwa im Wahlkampf, nicht alle unangenehmen Dinge offen angesprochen würden, sei eine andere Sache. Aber niemand sollte eigene Versäumnisse durch Lügen verstecken, sagt Bruch. Für Politiker in hohen Ämtern gelte das umso mehr.

Im parlamentarischen Betrieb gilt "Lügner" als einer der schlimmsten Vorwürfe, wer das Wort einem politischen Gegner an den Kopf wirft, bekommt eine offizielle Rüge. Wenn Politiker lügen, zerstören sie das Vertrauen in die Politik. Den deutschen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) kostete sein Auftreten in der Plagiatsaffäre letztlich "nur" das Amt und den Doktortitel. Andere politische Lügen - etwa die Berichte der US-Führung über Saddam Husseins angebliche Massenvernichtungswaffen - dienten zum Vorwand für Kriege, in denen unzählige Menschen starben.

Der Psychologie-Professor Manfred Schmitt von der Universität Koblenz-Landau sieht Politiker in einer Vorbildrolle: "Lügen mächtiger Personen nehmen Einfluss auf die Verbindlichkeit des Wahrheitsgebots und tragen dadurch zur Legitimierbarkeit von Lügen bei", warnt er. Wer bei einer Lüge ertappt werde, könne sich inzwischen auf die mächtigsten Männer der Welt berufen. Bei US-Präsident Trump habe der Faktencheck der "Washington Post" ergeben, dass er täglich mehrmals öffentlich die Unwahrheit sage.

"Lob der Lüge"

Der Göttinger Parteienforscher Franz Walter schrieb hingegen 2008 in einem Essay unter dem Titel "Lob der Lüge", Politiker müssten kühl kalkulierende Strategen sein, "kaltschnäuzig, unsentimental, knochenhart, listig". Dieser Logik folgend werden Lügen gelegentlich auch damit gerechtfertigt, die Staatsraison habe sie erforderlich gemacht.

Dem EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker wird der Satz zugeschrieben: "Immer, wenn es ernst wird, muss man lügen." In seiner Zeit als Vorsitzender der Euro-Gruppe hatte Juncker in einer besonders heiklen Phase der Griechenland-Krise ein Spitzentreffen einberufen, dies jedoch auf Pressenachfrage abgestritten. Die Lüge rechtfertigte der Luxemburger später damit, es sei wichtiger gewesen, die fiebernden Finanzmärkte vor dem Kollaps zu retten als die Neugier eines Reporters zu befriedigen.

Nach Worten des Psychologen Schmitt kann eine Lüge durchaus sinnvoll und legitim sein: Menschen griffen dann zu einer Lüge, wenn sie damit größeren Schaden verhindern könnten. Die "Notlüge" folge im Grunde der Regel, dass man lügen darf, wenn dadurch ein höheres Gut als die Wahrheit geschützt werde, sagte Schmitt.

Aber nicht immer herrscht Einigkeit darüber, wie hoch die Bedeutung der Wahrheit einzuschätzen ist. Ende 2018 sorgte der Fall einer Grundschullehrerin aus dem US-Bundesstaat New Jersey für Schlagzeilen: Die Pädagogin hatte ihren Schülern offenbart, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt und dabei auch gleich erklärt, dass Osterhase und Zahnfee Fabelwesen sind. Die Schulbehörde fand das überhaupt nicht lustig. Sie ließ die Frau kurzerhand vom Dienst suspendieren.

Von Karsten Packeiser (epd)


Weltkirchenrats-Treffen in Karlsruhe mit 3.000 Gästen aus aller Welt


Fykse Tveit, Bosse-Huber und Cornelius-Bundschuh (v.l.)
epd-bild/Uli Deck/ARTIS
Die Vollversammlung des ÖRK soll ein Ort des Zusammenhalts, der Kontaktpflege, des Zuhörens und der Ermutigung sein. Sie ist das höchste Beschlussgremium des Dachverbandes und tritt etwa alle acht Jahre zusammen - das nächste Mal 2021 in Deutschland.

Zur Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) werden in Karlsruhe im September 2021 rund 850 Delegierte erwartet. An dem Treffen unter dem Motto "Die Liebe Christi bewegt die Welt zu Versöhnung und Einheit" würden zudem 3.000 ökumenische Gäste aus aller Welt teilnehmen, sagte der Generalsekretär des Weltkirchenrats, Olav Fykse Tveit, am 28. Februar in Karlsruhe.

Die einwöchige Versammlung solle ein Ort des Zusammenhalts, der Kontaktpflege, des Zuhörens und der Ermutigung sein. "Wir wollen Kirchen in aller Welt dabei unterstützen, Friedensstifter zu sein", sagte Tveit. Die Kirchen wollten den "Pilgerweg des Friedens und der Gerechtigkeit" gemeinsam gehen. Das sei besonders wichtig in einer Zeit, in der die Demokratien weltweit "herausgefordert seien".

Die Versammlung der Kirchen der Welt werde auch prominente Gäste "aus der ersten Reihe der Weltpolitik" haben, kündigte EKD-Auslandsbischöfin Petra Bosse-Huber (Hannover) an. Konkrete Namen nannte sie nicht. Sie bezeichnete Karlsruhe als einen symbolträchtigen Ort. Die grenzübergreifende Verbindung der Menschen und der Kirchen über den Rhein nach Frankreich zeige auf, wie Spaltungen heute überwunden werden können. "Es gibt kaum etwas Wichtigeres als Versöhnung, was die Welt heute braucht", sagte Bosse-Huber.

Cornelius-Bundschuh: "Große Chance" für die Ökumene

Der badische Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh bezeichnete die Zusammenkunft als "große Chance" für die Ökumene, die bislang noch zu wenig genutzt werde. Das Treffen könne aufzeigen wie "Frieden funktioniert und Gerechtigkeit wachsen kann".

Die Vollversammlung ist das höchste Beschlussgremium des Dachverbandes und tritt etwa alle acht Jahre zusammen, zuletzt 2006 im brasilianischen Porto Alegre und 2013 im südkoreanischen Busan. In Karlsruhe soll es neben Arbeitssitzungen im Plenum auch Gebete, Bibelgruppen, ökumenische Gespräche sowie Treffen nach Regionen und Glaubensgemeinschaften geben.

Im Ökumenischen Rat der Kirchen sind 350 Kirchen mit rund 560 Millionen Gläubigen zusammengeschlossen. Dem Weltkirchenrat gehören protestantische, anglikanische, orthodoxe und altkatholische Kirchen sowie Freikirchen an. Die römisch-katholische Kirche ist nicht Mitglied, arbeitet jedoch seit Ende der 1960er Jahre in wichtigen Gremien mit.



Zwei Frauen kandidieren für kurhessisches Bischofsamt


Beate Hofmann (l.) und Annegret Puttkammer
epd-bild/Andreas Fischer
Zum ersten Mal in der Geschichte der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck wird eine Frau das Bischofsamt übernehmen. Beide Kandidatinnen wurden aus rund 60 Personen ausgewählt. Bischof Martin Hein tritt im September in den Ruhestand.

Zwei Kandidatinnen bewerben sich um das Bischofsamt der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW): Pröpstin Annegret Puttkammer (55) aus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) und Beate Hofmann (55), Direktorin des Instituts für Diakoniewissenschaft und Diakoniemanagement der Kirchlichen Hochschule in Bethel/Bielefeld. Wie Thomas Dittmann, Präses der Synode der EKKW und Vorsitzender des Nominierungsausschusses, am 26. Februar in Kassel bekanntgab, wurden beide Kandidatinnen aus rund 60 vorgeschlagenen Personen ausgewählt. Der amtierende Bischof Martin Hein (65) tritt Ende September in den Ruhestand.

Damit steht fest, dass zum ersten Mal in der Geschichte der EKKW eine Frau das Bischofsamt übernehmen wird. Auf eine Differenzierung zwischen Mann und Frau sei es bei der Auswahl nicht angekommen, betonte Dittmann. Die Entscheidung habe sich allein an der Frage orientiert, wer für das Amt am besten geeignet sei. Die Wahl wird am 9. Mai auf der Frühjahrssynode der EKKW in Hofgeismar erfolgen.

"Pfarrerin aus Begeisterung"

Annegret Puttkammer bezeichnete sich bei ihrer Vorstellung als "Pfarrerin aus Begeisterung". Als Bischöfin wolle sie unter anderem junge Erwachsene für die Kirche begeistern und die Kirche näher zu den Menschen bringen. Auch ein guter Kontakt zu den Gemeindemitgliedern sei ihr wichtig.

Beate Hofmann hob hervor, dass das Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamtlichen ein wichtiges Zukunftsthema der Kirche sein werde. Zudem wolle sie Wege suchen, wie Menschen ermutigt werden könnten, aus dem Glauben zu leben. Kirche solle durch Bildung und diakonische Arbeit die Gesellschaft mitgestalten.

Amtseinführung im September

Die 1963 in Fulda geborene Annegret Puttkammer wirkte nach Studium und Vikariat als Pfarrerin in Kleve am Niederrhein. Von 1991 bis 1994 war sie Pastorin beim Evangelischen Bibelwerk im Rheinland, danach wechselte sie als Bildungsreferentin ins Frauenwerk der Evangelischen Kirche in Württemberg. 1997 kam sie in die EKHN und war zehn Jahre Gemeindepfarrerin in Wiesbaden und in Bad Soden-Neuenhain. 2008 wurde sie Dekanin im Dekanat Herborn. Die Synode der EKHN wählte sie 2010 zur Pröpstin für Nord-Nassau mit Sitz in Herborn und bestätigte diese Wahl 2015.

Beate Hofmann, 1963 in Bad Tölz geboren, wirkte nach Studium und Vikariat zunächst von 1993 bis 1996 als Pfarrerin in München. 1999 promovierte sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität München. 1998 bis 2003 war sie theologische Studienleiterin der Diakonie Neuendettelsau, 2003 bis 2013 Professorin für Gemeindepädagogik an der Evangelischen Hochschule Nürnberg. 2012 erfolgte ihre Habilitation, seit 2013 ist Hofmann Professorin für Diakoniewissenschaft und Diakoniemanagement an der kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel.

Die Einführung der neuen Bischöfin sowie die Verabschiedung von Bischof Martin Hein ist für den 29. September in der Kasseler Martinskirche vorgesehen.



Kirchentag: Steinmeier ist willkommen

Der Deutsche Evangelische Kirchentag hat auf die Forderung des früheren SPD-Politikers Steffen Reiche, den Bundespräsidenten nicht zum Protestantentreffen im Juni einzuladen, gelassen reagiert. Das Präsidium des Kirchentages habe Frank-Walter Steinmeier bereits im April 2018 zu dem Dortmunder Treffen eingeladen und "freut sich, dass der Bundespräsident diese Einladung angenommen hat", sagte Generalsekretärin Julia Helmke dem Evangelischen Pressedienst (epd) am 27. Februar. Reiche hatte - wie auch andere Politiker - die Glückwünsche Steinmeiers an den Iran zum 40. Jahrestag der Revolution kritisiert.

Der Kirchentag stehe "für einen breiten zivilgesellschaftlichen Dialog und dafür, dass in gegenseitigem Respekt über unterschiedliche Meinungen diskutiert und gestritten werden kann", unterstrich Helmke. Dies schließe das Gespräch mit den eingeladenen Vortragenden ein. "Das offene und auch kontroverse Gespräch 'auf Augenhöhe' wird diesmal einen besonderen Schwerpunkt bei einer großen Anzahl der über 2000 geplanten Veranstaltungen einnehmen", fügte sie hinzu.

"Scham geboten"

In einem Gastbeitrag für die Berliner Tageszeitung "Die Welt" hatte der evangelische Theologe und ehemalige brandenburgische Minister geschrieben, er schäme sich "für den ersten Mann meines Staates". Zum Kirchentag solle Steinmeier nicht eingeladen werden. "Und wenn er kommt, sollten wir alle ihm Plakate entgegenhalten: Nicht in meinem Namen."

"Wenn ein Bundespräsident, der zudem auch Christ ist, denen gratuliert, die 40 Jahre den Namen Gottes in den Schmutz ziehen, indem sie Menschen verfolgen, die nichts wollen, als ihre Menschenrechte zu leben, dann ist nicht nur Zorn, sondern auch Scham geboten", so der 58-Jährige, der zurzeit Pfarrer der Gemeinde Berlin-Nikolassee ist. Wenn Steinmeier den Dialog mit dem Iran unterstützen wolle, um den Frieden zu stärken, "hätte er nur dem iranischen Volk alles Gute wünschen können an diesem Trauertag".

Der 37. Deutsche Evangelische Kirchentag findet vom 19. bis 23. Juni 2019 in Dortmund statt. Die Veranstalter erwarten bis zu 100.000 Dauerteilnehmer. Das Treffen steht unter der Losung "Was für ein Vertrauen". Der Kirchentag ist alle zwei Jahre in einer anderen Stadt zu Gast. 2017 fand das Protestantentreffen anlässlich des 500. Reformationsjubiläums in Berlin und Wittenberg statt. Für 2021 ist zum dritten Mal ein Ökumenischer Kirchentag geplant, in Frankfurt am Main.



Methodisten lehnen gleichgeschlechtliche Ehen weiter ab

Ihre Haltung zur Homosexualität beschäftigt die Methodisten seit Jahren. In den USA haben einige Pastoren gleichgeschlechtliche Ehen gesegnet. Konservative US-Kirchenmitglieder und besonders viele Mitglieder aus Afrika lehnen das grundsätzlich ab.

Die weltweit rund zwölf Millionen Mitglieder zählende Evangelisch-methodistische Kirche lehnt gleichgeschlechtliche Ehen weiterhin ab. Bei ihrer am 26. Februar in St. Louis im US-Bundesstaat Missouri zu Ende gegangenen Generalkonferenz bestätigten die Delegierten mit 438 zu 384 Stimmen ihre restriktive Haltung in Fragen zur Homosexualität. Praktizierte Homosexualität gilt in der Freikirche danach weiter als nicht vereinbar mit der christlichen Lehre. Die Ordination von homosexuellen Menschen zu Geistlichen und auch die Segnung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften bleiben verboten.

Den Delegierten lagen mehrere Entwürfe zur Abstimmung vor, teilte die Evangelisch-methodistische Kirche in Deutschland am 27. Februar in Frankfurt am Main mit. Ein Reformplan, wonach künftig die Gemeinden über ihre Positionierung zur Homosexualität selbst entscheiden sollen, wurde abgelehnt. Der beschlossene Entwurf ("Traditional Plan") sieht vor, die bisherige Ordnung der Kirche zu bewahren.

Einzelheiten noch unklar

Der deutsche evangelisch-methodistische Bischof Harald Rückert erklärte, das Ergebnis sei "eine weiter bleibende große Herausforderung, an der Einheit der Kirche zu arbeiten und für die Vielfalt zu werben". Die Entscheidung der Generalkonferenz stehe unter Vorbehalt; der kirchliche Rechtshof werde die Vereinbarkeit mit der Verfassung der Kirche überprüfen.

"Deshalb sind viele Einzelheiten einer konsequenteren Anwendung zurzeit noch unklar", erläuterte Rückert. Für die Evangelisch-methodistische Kirche in Deutschland "werden diese Entscheidungen erst nach der nächsten im November 2020 tagenden ordentlichen Zentralkonferenztagung wirksam".

Der Informationsdienst der evangelisch-methodistischen Kirche zitierte den Konferenzdelegierten Antoine Umba Ilunga aus dem Kongo. Er sei für die Beibehaltung der bisherigen Ordnung, weil "die Bibel sagt, ein Mann müsse eine Frau heiraten". Der US-amerikanische Pastor Tom Berlin aus Virginia hingegen warnte, viele Pastoren in den USA würden die Kirche wegen des "Traditional Plans" verlassen. Der Plan sei ein Virus, der "die amerikanische Kirche sehr krank machen" werde.

51.000 Methodisten in Deutschland

Die Evangelisch-methodistische Kirche (EmK) ist eine evangelische Freikirche, die aus einer christlichen Erweckungsbewegung in England im 18. Jahrhundert hervorging. Führende Persönlichkeiten am Anfang der Bewegung waren die Brüder John und Charles Wesley. Zur EmK in Deutschland zählen sich rund 51.000 Kirchenmitglieder und Kirchenangehörige in rund 500 Gemeinden. Die methodistische Kirche ist bewusst nicht nationalstaatlich organisiert, sondern arbeitet über Ländergrenzen hinweg. Die EmK gehört zum Weltrat Methodistischer Kirchen, in dem über 70 Kirchen methodistischer Tradition verbunden sind, zu denen sich über 51 Millionen Menschen zählen.

In den USA ist die methodistische Kirche nach dem Südlichen Baptistenverband die zweitgrößte protestantische Kirche. Rund sieben Millionen methodistische Christen leben in den USA. Prominente US-Methodisten sind Ex-Außenministerin Hillary Clinton und der frühere Präsident George W. Bush.

In den USA verliert die Kirche seit Jahren Mitglieder, wie aus Kirchenstatistiken hervorgeht. In afrikanischen Ländern dagegen gewinnt sie stark dazu. Nach Angaben des Informationsdienstes "Religion News Service" kamen 58 Prozent der Delegierten in St. Louis aus den USA. Als oberstes kirchenleitendes Gremium der weltweiten Evangelisch-methodistischen Kirche kann allein die Generalkonferenz Fragen zur Ordnung der Kirche entscheiden und beschließen.



Wegen Kindesmissbrauch: Kardinal Pell schuldig gesprochen


George Pell (Archivbild)
epd-bild/Romano Siciliani

Papst Franziskus hat dem in seiner australischen Heimat wegen sexuellen Missbrauchs verurteilten Finanzchef des Vatikans, Kardinal George Pell, öffentliche Messen und Kontakt zu Minderjährigen untersagt. Das Verbot gelte bis zur endgültigen Aufklärung des Falls, teilte Vatikansprecher Alessandro Gisotti am 26. Februar mit. Das Oberhaupt der katholischen Kirche bestätigte damit vom zuständigen Bischof bereits bei der Rückkehr Pells nach Australien erlassene Vorsichtsmaßnahmen.

Der Vatikansprecher betonte den "maximalen Respekt" des Heiligen Stuhls vor der australischen Justiz. In Erwartung eines rechtskräftigen Urteils erinnerte er daran, dass "Kardinal Pell seine Unschuld bekräftigt und das Recht hat, sich bis zur letzten Instanz zu verteidigen".

Der 77-jährige Präfekt des vatikanischen Wirtschaftssekretariats wurde schuldig gesprochen, während seiner Zeit als Erzbischof von Melbourne 1996 zwei Chorknaben im Alter von zwölf und 13 Jahren missbraucht zu haben. Im vorliegenden Prozess sagte nur einer von ihnen aus. Der andere war 2014 an einer Überdosis Drogen gestorben.

Nachrichtensperre

Der Missbrauch ereignete sich laut dem australischen Sender ABC im Jahr 1996 in der Saint-Patrick's-Kathedrale in Melbourne. Pell hatte auf nicht schuldig plädiert. Sein Anwalt deutete den Angaben zufolge an, dass er Berufung gegen die Verurteilung einlegen wolle. Pell drohen viele Jahre Haft. Er war im Dezember auf Kaution freigelassen worden, um sich einer Knieoperation zu unterziehen. Der Kardinal wurde am 27. Februar nach der Aufhebung seiner Freilassung auf Kaution inhaftiert. Das Strafmaß wird nach Angaben des australischen Senders ABC am 13. März bekannt gegeben.

Pell war bereits im Dezember verurteilt worden. Wegen weiterer Ermittlungen durfte darüber aber zunächst nicht berichtet werden. Der Kurienkardinal ist der bislang ranghöchste katholische Geistliche, der wegen Missbrauchs verurteilt wurde. Der Papst hatte ihn für die Dauer des Verfahrens von seinem Amt als Finanzchef beurlaubt. Überdies hat er ihn aus dem K9-Rat ausgeschlossen, der an einer Reform der vatikanischen Kurie arbeitet.

Wer Schuld auf sich geladen habe, müsse die Konsequenzen tragen, "auch wenn das Gefängnis hieße", sagte der Leiter des Kinderschutzzentrums der päpstlichen Gregoriana-Universität, Hans Zollner, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Der Jesuit erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass der ehemalige Erzbischof von Adelaide, Philip Edward Wilson, im vergangenen Jahr nach einer Verurteilung in erster Instanz wegen Vertuschung von Missbrauch in zweiter Instanz freigesprochen wurde. Das australische Justizsystem sei sehr komplex, sagte er unter Hinweis auf die Vorgabe, dass eine Verurteilung dort nur erfolgen könne, wenn alle Zweifel ausgeräumt seien.

"Langer Weg"

Mit Blick auf das am 24. Februar zu Ende gegangene Krisentreffen im Vatikan über Missbrauch in der Kirche rechnet Zollner, einer der Organisatoren des Treffens, mit konkreten Entscheidungen "in den nächsten Tagen oder Wochen". Dazu werde voraussichtlich auch eine Aufhebung des Päpstlichen Geheimnisses gehören, dem Akten über Missbrauchsfälle im Vatikan bislang unterliegen.

Das wichtigste Ziel des Missbrauchstreffens sei erreicht worden. Das sei aber nicht messbar, sagte der deutsche Jesuitenpater unter Hinweis auf die Empörung darüber, dass dabei keine Beschlüsse gefasst wurden. Nach den Berichten von Opfern bei der Konferenz hätten auch die Bischöfe aus besonders kinderreichen Ländern in Afrika und Asien, die Missbrauch bislang für ein Problem in Europa und Nordamerika hielten, dies zu ihrer Priorität erklärt. Beschlüsse seien in den dreieinhalb Tagen des Treffens nicht vorgesehen gewesen, da sie Teil eines "langen Weges" seien.



"Erst mal ungestört morden"


Sjöfn Müller Thor
epd-bild/Gudrun Petersen
Tagsüber predigen sie von der Kanzel, taufen und beerdigen. Abends dagegen schmieden sie Intrigen, begehen Verbrechen und morden, wenn auch nur auf dem Papier: Drei evangelische Pfarrerinnen erzählen, warum sie in ihrer Freizeit Krimis schreiben.

Aufgewachsen ist Sjöfn Müller Thór im westlichsten Örtchen Europas, einem kleinen Fischerort namens Patreksfjödur an der Westküste Islands. "Im Winter war es immer dunkel, und es gab immer Schnee", erzählt die evangelische Pfarrerin. Vor ihrem Umzug in die Eifel betreute sie in Island 600 Gemeindemitglieder in sechs Gemeinden, die bis zu drei Autostunden voneinander entfernt lagen. Schon damals reifte die Idee für einen düsteren Island-Krimi in ihr heran. Umgesetzt hat sie ihn in dem Roman "Es war meine Schuld", der im September im Gaasterland Verlag erschienen ist.

Mittlerweile lebt Müller Thór mit ihrem deutschen Ehemann, der selbst evangelischer Pfarrer ist, und den vier Kindern in Inden am Nordrand der Eifel. Für die Pfarrerin ist das Schreiben ein Verarbeitungsprozess: "Der Job ist manchmal hart: Da nimmt man viel aus der Realität mit." Als begeisterte Krimi-Leserin war für sie dieses Genre eine logische Wahl. Herausgekommen ist ein tiefgehendes und packendes Psychogramm einer schwierigen Mutter-Tochter-Beziehung. Der nächste Roman ist bereits in Arbeit.

Pseudonym

Anders als Müller Thór startete die Mainzer Pfarrerin Angela Rinn ihre Krimi-Karriere unter dem Pseudonym Vera Bleibtreu - "um erst einmal ungestört zu morden". Sie wollte nicht, dass ihre Gemeinde anfängt, über Parallelen zu real existierenden Personen zu spekulieren, im Sinne von: "Das ist doch bestimmt die ...". Zwar verarbeite sie durchaus manchmal Personen in ihren Büchern, über die sie sich geärgert habe, gibt Rinn zu - wenn auch unter anderem Namen. "So reagiere ich mich ab." Aber das sei ein heilsamer und harmloser Prozess: "Die Welt wäre sehr viel besser, wenn jeder Krimis schreiben würde", lacht sie.

Nach 21 Jahren als Pfarrerin in Mainz bildet Rinn als Professorin für Seelsorge nun hauptberuflich angehende Pfarrerinnen und Pfarrer im Theologischen Seminar im hessischen Herborn aus. Das Schreiben ist Hobby für sie. Dass ihre Protagonistin Susanne Hertz selbst Pfarrerin ist und eine Gemeinde in Mainz betreut, ist für Rinn absolut logisch: "Nach 25 Jahren in diesem Job kenne ich den Alltag einer Pfarrerin einfach gut. Da passieren mir keine Fehler." Maßgeblich beeinflusst hat sie bei der Entscheidung eine Freundin, die leidenschaftliche Krimi-Leserin ist: "Die sagte zu mir, dass sie nichts mehr hasst, als wenn die Dinge in einem Krimi nicht stimmen."

"Direkt und frech"

Für eine Hauptperson ganz anderer Art hat sich die Theologin und Krimiautorin Tanja Griesel aus Kassel entschieden: Ihre Protagonistin Maxie Kaiser kocht mit Temperament und Hingabe und betreibt ein kleines Restaurant. "Ich wollte kein klassisches Krimi-Genre, und ich wollte auch keine Heldin, die strahlend hell ist." Maxie Kaiser hat Ecken und Kanten und bedient sich auch schon mal sehr zweifelhafter Methoden. "Sie ist anders als ich, sehr direkt und frech, und darf vieles, was ich nicht darf", erzählt Griesel. "Deswegen kann ich in meinen Krimis eine ganz andere Seite von mir ausleben und selbst mal böse sein."

Dass ausgerechnet Pfarrerinnen gern ins Krimi-Genre eintauchen, findet Griesel nicht überraschend. Als Pfarrerin müsse man kreativ sein, zuhören können und die richtigen Lösungsansätze finden, sagt sie. Aber vor allem hätten sowohl Pfarrerinnen als auch Autorinnen "immer mit dem Wort zu tun": "Ich schöpfe viel aus biblischen Geschichten, sie zeigen das volle Leben", betont die Theologin. Und auch die Wortmächtigkeit der Bibel sei inspirierend.

Auch Angela Rinn begegnet in ihrem beruflichen Alltag immer wieder biblischen Motiven, die dann Eingang finden in ihre Bücher: "Was bringt Leute dazu, so zu handeln? Wie kommt es, dass sie neidisch, missgünstig oder rachsüchtig sind? Dass sie lieben, hassen und morden?" Was beide Metiers verbinde, sei vor allem eines, glaubt Rinn: "das Interesse am Menschen".

Von Barbara Driessen (epd)


Lutherbibel 2017 als Senfkorn- und Großdruck-Ausgabe

Die Deutsche Bibelgesellschaft hat ihr Bibelangebot um zwei Formate erweitert. Die Lutherbibel 2017 ist in Zusammenarbeit mit dem Dachverband der evangelischen Blinden- und evangelischen Sehbehindertenseelsorge in drei Bänden als Großdruckausgabe erschienen. Und es gebe neu den revidierten Bibeltext als sogenannte Senfkornausgabe, teilte die Bibelgesellschaft in Stuttgart mit.

Die Großdruckausgabe hat eine gut leserliche Schrift in 14-Punkt-Größe und einen besonders übersichtlichen Seitenaufbau. Sie ist speziell auf die Bedürfnisse älterer Menschen und von Menschen mit Sehschwäche abgestimmt.

Die Senfkornbibel ist 9 mal 13 Zentimeter groß und hat damit Jackentaschenformat. Ihren Namen verdankt sie einem biblischen Gleichnis, in dem Jesus das Reich Gottes mit einem Senfkorn vergleicht. Beide Bibelausgaben haben Inhaltsübersichten, Sach- und Worterklärungen sowie Zeittafeln.



58-jähriger Thüringer will Pfarrer werden

Der Thüringer Joachim Süß ist mit 58 Jahren der vermutlich älteste Vikar der Kirchengeschichte. Dass er bei seiner Ordinierung zum Pfarrer bereits 60 Jahre alt sein wird, nehme er fast amüsiert zur Kenntnis, berichtet die in Weimar erscheinende mitteldeutsche Kirchenzeitung "Glaube und Heimat" (3. März). "Für mich ist es ein unglaubliches Geschenk, diesen Weg begonnen zu haben", zitiert das Blatt den promovierten Religionshistoriker der gerade ein Schulvikariat im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt absolviert.

Süß war in seinem bisherigen Berufsleben unter anderem Dozent an der Schiller-Universität Jena und Referent am Thüringer Institut für Lehrerfortbildung. Im Jahre 2017 bei einem Gottesdienst am Lutherstein in Stotternheim habe er, wie einst der Reformator Martin Luther (1483-1546), die Berufung gespürt, in den Pfarrdienst zu gehen, sagte er der Kirchenzeitung. Seine Motivation beschreibt er so: "Verantwortung zu tragen und Gottes Wort zu verkündigen und die Freude über die wunderbare Tatsache, dass Gott diese Welt für uns gemacht hat."



Glööckler soll Kirchenfenster gestalten


Harald Glööckler
epd-bild/Rolf Zöllner

Der Modedesigner Harald Glööckler soll ein Kirchenfenster im baden-württembergischen Rümmingen gestalten. Die evangelische Kirchengemeinde Binzen-Rümmingen habe bei dem Modeschöpfer angefragt und dieser habe sofort reagiert, sagte Pfarrer Dirk Fiedler dem Evangelischen Pressedienst (epd) am 27. Februar auf Anfrage: "Er hat einen pompösen Vorschlag gemacht." So wolle Glööckler nicht nur das Fenster verglasen, sondern das Kunstwerk in den Kirchenraum hineinziehen. Die Arbeit an sich könne er honorarfrei machen. Einzige Bedingung sei eine mediale Begleitung, etwa durch ein Fernsehteam.

Es gibt aber noch Hürden. Derzeit führe er noch Gespräche mit der Denkmalschutzbehörde und der Leitung der Evangelischen Landeskirche in Baden, erklärte Fiedler. Anschließend werde die Kirchengemeinde den Auftrag noch ausschreiben. Das Fenster im Chorraum war bei einer früheren Renovierung zugemauert worden und soll nun wieder ans Licht kommen.

Der evangelisch erzogene Glööckler ist nach eigenen Angaben aus der Kirche ausgetreten, glaubt aber weiter an Gott. Er hat bereits einen Schmuckschuber für die Lutherbibel 2017 entworfen und ein Buch über Reformbedarf bei den beiden großen Kirchen Deutschlands geschrieben.




Gesellschaft

Greta Thunberg wie ein Popstar gefeiert


Greta Thunberg in Hamburg
epd-bild/Patrick Piel
Tausende Schüler streiken in Hamburg für das Klima. Mit "Greta, Greta"-Sprechchören feiern sie ihr großes Vorbild, die 16 Jahre alte schwedische Aktivistin.

Greta Thunberg wurde gefeiert und zugleich abgeschirmt wie ein Popstar. Mit einer weißen Mütze und einer lila Jacke stand die 16-Jährige am 1. März in Hamburg an der Spitze eines Schulstreiks für das Klima, der sich zu einer Großdemonstration ausweitete. Mehrere tausend Schüler blockierten mit ihrem Protest "Fridays for Future" für Stunden die gesamte Hamburger Innenstadt rund um die Binnenalster, die Mönckebergstraße und den Rathausmarkt. Die Veranstalter sprachen von 10.000 Teilnehmern, die Polizei von rund 4.000.

"Greta, Greta"-Sprechchöre schallten über den Rathausmarkt, als die schwedische Klimaaktivistin ihr kurzes Statement gehalten hatte: "Ihr macht Geschichte und könnt stolz auf euch sein", rief sie den Schülern auf Englisch zu. Und: "Wir machen unsere Hausaufgaben, die Politik nicht. Die ältere Generation klaut uns gerade unsere Zukunft", sagte sie. Der Protest könne möglicherweise dauern, "aber wir haben Geduld".

"Wir sind laut - weil ihr unsere Zukunft klaut"

Im August 2018 war Greta Thunberg zum ersten Mal der Schule ferngeblieben, um vor dem schwedischen Reichstag in Stockholm für den Klimaschutz zu demonstrieren. Spätestens mit ihrem Auftritt vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar wurde sie weltberühmt. Ihr Protest hat "Schule gemacht" und weltweit Nachahmer gefunden. "Wir sind hier - wir sind laut - weil ihr unsere Zukunft klaut", skandierten die Schüler in Hamburg. Thunberg selbst will ihren Protest fortführen, bis Schweden seine Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaschutzabkommen erfüllt.

Die Hamburger Schulbehörde hatte vor dem Streik noch davor gewarnt, den Unterricht zu schwänzen. Das werde als unentschuldigter Fehltag gewertet, ließ Schulsenator Ties Rabe (SPD) verkünden. Am Freitag äußerte er sich per Twitter etwas versöhnlicher: "Ich freue mich, wenn sich junge Menschen für eine bessere Welt engagieren", schrieb er. Doch auf Dauer wirke es "wenig überzeugend", ausgerechnet in der Schulzeit zu demonstrieren: "Niemand verbessert die Welt, indem er die Schule schwänzt."

Die protestierenden Schüler sahen dies anders. "Streik in der Schule - Streik in der Fabrik: Das ist unsere Antwort auf eure Politik", hieß es auf einem Plakat. Andere Parolen lauteten: "Keine Toleranz für Klima-Ignoranz", "Wir wissen, CO2 ist beschissen", "Ist doch klar, die Zukunft ist solar", "Ihr sägt den Ast ab, auf dem wir alle sitzen" und "There ist no Planet B".

Lob der Ministerin

"Fridays for Future" wird weitergehen. Allein in Deutschland hat die Schüler- und Studentenbewegung mehr als 155 Ortsgruppen. Doch die Initiative ist weltweit aktiv. Proteste fanden bislang in den USA, in Schweden, Australien, Indien und Chile statt. Auch in England, Italien, den Niederlanden, Belgien, Kanada, in der Schweiz, in Österreich, Irland und in Schottland finden sich Ableger.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) nannte das Engagement der Schüler "beeindruckend". Man könne doch froh sein, dass sich junge Menschen für ihre Zukunft einsetzen. Klima-Experte Mojib Latif sagt auf dem Hamburger Rathausmarkt: "Wenn von unten kein Druck kommt, wird oben nichts passieren."

Von Klaus Merhof (epd)


Merkel begrüßt Schüler-Demos für Klimaschutz

Die Bundeskanzlerin kann die Ungeduld junger Leute verstehen, die auf Maßnahmen gegen die Erderwärmung dringen. Aus Sicht des Präsidenten des Lehrerverbandes sind unter den demonstrierenden Schülern nur wenige, die sich vor Unterricht drücken wollen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) unterstützt die Schüler-Demonstrationen für mehr Klimaschutz. Sie begrüße es sehr, dass junge Menschen mahnen, schnell etwas gegen die Erderwärmung zu tun, sagte Merkel in ihrem am 2. März veröffentlichten Videopodcast. Aus Sicht des Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, sind die Demonstrationen den streikenden Schülern in der überwiegenden Mehrzahl kein Vorwand zum Schwänzen, sondern ein wirkliches Anliegen. Ausgehend von dem politischen Engagement der jungen Menschen stieß Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) eine Debatte über eine Herabsetzung des Wahlalters an.

Lehrerverbands-Präsident Meidinger sagte der "Passauer Neuen Presse": "Echte Abseiler, die nur deshalb zur Klima-Demo gehen, um nicht zum Unterricht zu müssen, beobachte ich kaum." Gleichwohl seien die regelmäßigen Schülerstreiks an Freitagen ein Spagat. "Wir wollen auf der einen Seite eine Erziehung zum politisch mündigen Bürger. Wir können es aber auch nicht Schülern und Eltern überlassen, ob man in die Schule geht oder nicht", sagte er.

Kanzlerin Merkel ging in ihrem Podcast nicht auf Unterrichtsausfälle wegen der Demonstrationen ein. Sie sagte: "Ich weiß, dass die Schülerinnen und Schüler sich manches schneller wünschen, zum Beispiel den Ausstieg aus der Kohle." Doch gehe es darum, Wirtschaftskraft mit den Zielen des Klimaschutzes in Einklang zu bringen. Daher solle der deutsche Kohleausstieg bis 2038 erfolgen. "Das scheint aus der Perspektive der Schülerinnen und Schüler vielleicht sehr lange, aber es wird uns sehr fordern, und dafür werbe ich, auch dies zu verstehen", sagte die Kanzlerin.

Wählen ab 16?

"Fridays for Future" ist eine internationale Schüler- und Studentenbewegung, die sich für den Klimaschutz einsetzt. Seit mehreren Wochen gehen junge Menschen weltweit freitags auf die Straße, anstatt die Schule oder die Universität zu besuchen. Vorbild für die Streikenden ist die Schwedin Greta Thunberg, die mit einem mehrwöchigem Schulstreik im vergangenen Jahr internationale Aufmerksamkeit erlangte.

Auch Bundesjustizministerin Barley lobte die "Fridays for Future"-Demonstrationen. "Dass die Jugendlichen jetzt für den Klimaschutz demonstrieren und sich so engagieren, ist doch großartig. Das räumt mit dem Vorurteil auf, dass junge Leute nicht aktiv genug wären und sich nicht politisch engagieren", sagte Barley der "Passauer Neuen Presse". Zugleich warb sie für ein Wahlrecht ab 16 Jahren, um politischen Einfluss junger Menschen zu stärken.

Der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Thorsten Frei (CDU), wies den Vorstoß zurück. Er sagte dem Berliner "Tagesspiegel", man könne kaum begründen, "warum jemand über die Geschicke eines Landes und einer Gesellschaft mitentscheiden soll, den wir in allen anderen Bereichen nicht für reif genug erachten, seine Angelegenheiten ohne die Zustimmung seiner Eltern zu regeln". Als Beispiele nannte Frei den Abschluss von Mobilfunkverträgen und Altersbeschränkungen für Kinofilme.

Die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Eva Högl, sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe, Jugendliche seien heute früher politisch aktiv und engagierten sich vielfältig. In vielen Bundesländern sei das Wahlalter bei Kommunalwahlen und teilweise auch bei Landtagswahlen bereits abgesenkt worden. "Deshalb tritt die SPD für die generelle Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre ein", sagte Högl.

Die Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen im Bundestag, Britta Haßelmann, sagte in Berlin: "Es kann nicht sein, dass die Stimme der Jugend bei Wahlen kein Gehör findet." Daher fordere ihre Fraktion, das Wahlalter auf 16 Jahre zu senken.



Steinmeiers Gretchenfrage


Diskussion über Religion: Mouhanad Khorchide, Frank-Walter Steinmeier, Evelyn Finger und Hans Joas (v.l.)
epd-bild/Christian Ditsch
Von der "Rückkehr der Religion" ist die Rede. Debatten über den Islam scheinen das zu belegen. Der Bundespräsident diskutierte mit Gästen darüber und stellt eine eigene Gretchenfrage: Wie viel Religion braucht und verträgt die Demokratie?

Jedes Jahr verlieren die beiden großen christlichen Kirchen Mitglieder. Zugleich boomt das Thema Religion. Immer wieder werde über die Grenzen der Religionsfreiheit gestritten, analysierte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 26. Februar in seiner Veranstaltungsreihe "Forum Bellevue" und zählte ein paar Themen auf: Kruzifix-Urteil, Kopftuchstreit, die Beschneidung von Jungen, kirchliches Arbeitsrecht, Moscheebau und Sterbehilfe. "Widersprüchlich" nannte er das Bild, das derzeit mit dem Thema Religion in der Öffentlichkeit verbunden ist.

Für mehr Klarheit hatte er für seine Reihe, in der es um Herausforderungen für die Demokratie geht, Religionsexperten nach Berlin eingeladen: den Religionssoziologen Hans Joas, den islamischen Theologen Mouhanad Khorchide und die Journalistin Evelyn Finger ("Die Zeit"). Sie diskutierten über die heutige Bedeutung von Glauben für die Gesellschaft, über Trennung von Staat und Kirche und eine Frage, die Steinmeier in Ableitung des umstrittenen Satzes, dass der Islam zu Deutschland gehört, so stellte: "Welcher Islam gehört zu Deutschland?"

Warnung vor Überheblichkeit

Kinderehen und die Missachtung von Frauenrechten gehörten sicher nicht dazu, betonte Steinmeier. Khorchide, der für einen aufgeklärten Islam eintritt und sich damit unter konservativen Muslimen viele Feinde gemacht hat, sagte, der innerislamische Streit sei ähnlich wie bei den Kirchen vor Jahrhunderten. Es gehe darum, wie wörtlich die heilige Schrift zu nehmen sei. An dieser Trennlinie entscheide sich wohl die Reform- und Demokratiefähigkeit des Islams, sagte Steinmeier.

Der Bundespräsident warnte gleichzeitig vor Überheblichkeit der christlichen Gemeinschaft beim Urteil über die Modernisierungsfähigkeit des Islams: "Es steht uns Christen gut an, uns daran zu erinnern, wie lange es gebraucht hat, bis die Kirchen ein positives Verhältnis zum modernen Verfassungsstaat gefunden haben." Sehr viele Protestanten hätten in der Weimarer Republik der Monarchie nachgetrauert, sagte Steinmeier und verwies auch darauf, wie lange in den Kirchen Homosexualität "buchstäblich verteufelt" worden sei. "Und auch die ersten Frauenordinationen in der evangelischen Kirche liegen so furchtbar lange auch noch nicht zurück", betonte der Bundespräsident.

Steinmeier rief die Deutschen zu mehr Toleranz zwischen den Religionen sowie zwischen Gläubigen und Nicht-Gläubigen auf. Kein Mensch dürfe wegen seines Glaubens diskriminiert oder ausgegrenzt werden. Keinesfalls dürfe zugelassen werden, "dass Menschen beleidigt oder angegriffen werden, weil sie ein Kopftuch, eine Kippa oder ein Kreuz tragen", sagte er.

Trennung von Staat und Religion

Die Journalistin Finger erzählte dabei von scharfer Kritik, die sie in Zuschriften erhält, wenn sie auf ihrer Seite liberale Islam-Vertreter zu Wort kommen lässt. Sie habe sich angewöhnt, das zu ignorieren, und halte die Debatten für wichtig, sagte sie. Das gelte auch bei der Aufklärung des Missbrauchs in der katholischen Kirche. "Religionskritik ist keine Religionsfeindschaft", sagte Finger und plädierte für eine klare Trennung von Staat und Religion.

Der Soziologe Hans Joas zeigte sich überzeugt, dass dies am Ende nicht zum Nachteil der Religion sei. Eine starke Trennung trage dazu bei, "dass Religion vital bleibt", sagte er. In den USA habe es früh eine verfassungsrechtliche Trennung von Staat und Kirche gegeben. Gleichzeitig gebe es dort eine besonders starke Vitalität von Religion.

Von Corinna Buschow (epd)


Nächster Zensus fragt nicht nach Religion

Bei der nächsten Volkszählung wird die Bevölkerung in Deutschland nicht mehr nach der Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft gefragt. Wie ein Sprecher des Bundesinnenministeriums am 27. Februar auf Nachfrage in Berlin mitteilte, ist anders als beim Zensus aus dem Jahr 2011 in der kommenden Haushaltsstichprobe keine Frage nach der Religionszugehörigkeit vorgesehen. Der nächste EU-weite Zensus steht 2021 an.

Das Bundeskabinett hat am Mittwoch das Gesetz beschlossen, auf dessen Grundlage die Volkszählung 2021 vonstatten gehen soll. Zehn Jahre nach dem letzten Zensus sollen dann erneut Einwohnerzahlen und Basisdaten zur Bevölkerung wie Erwerbstätigkeit und Wohnsituation statistisch erhoben werden.

Zahl der Muslime nur geschätzt

Beim deutschen Zensus sollen nach Angaben des Ministeriumssprechers die Angaben zur Zugehörigkeit zu einer öffentlich-rechtlichen Religionsgemeinschaft von den Meldebehörden übermittelt werden. Das ist vor allem für die als Körperschaft anerkannten Kirchen und jüdischen Gemeinden möglich. Muslime in Deutschland sind dagegen nicht als Körperschaft organisiert. Ihre Zahl kann daher nur geschätzt werden.

Ein genaueres Bild über die Zahl der Muslime in Deutschland könne aus dem Zensus 2021 nicht gewonnen werden, sagte der Sprecher. Bei der Volkszählung 2011 war die Angabe zur Religionszugehörigkeit freiwillig. Datenschützer hatten damals aber allein die Frage danach kritisiert, weil sie über den von der EU vorgeschriebenen Katalog der zu erfassenden Daten hinausgeht.



Rund 1.000 Visa für Familiennachzug pro Monat


Demonstration für Familiennachzug Anfang Februar in Berlin (Archivbild)
epd-bild/Christian Ditsch
Mehr als zwei Jahre war der Familiennachzug zu Flüchtlingen mit subsidiärem Schutz ausgesetzt. Zuletzt wurden Visa für rund 1.000 Angehörige pro Monat ausgegeben - womit das vorgesehene Maximum erreicht ist. Zehntausende warten aber noch.

Der Familiennachzug zu Flüchtlingen mit eingeschränktem Schutzstatus läuft nach schleppendem Start inzwischen wie vorgesehen. Die Zahl der erteilten Visa hat nach Angaben des Bundesinnenministeriums vom 26. Februar das in der Koalition vereinbarte Kontingent von 1.000 pro Monat erreicht. So wurden für Angehörige von Flüchtlingen mit subsidiärem Schutz im Dezember 1.050 Visa erteilt, im Januar 2019 waren es sogar 1.096, wie ein Ministeriumssprecher in Berlin mitteilte.

Auch im Februar dürfte die Zahl voraussichtlich wieder bei 1.000 liegen, bis zum 18. Februar gaben die deutschen Auslandsvertretungen demnach bereits mehr als 700 Visa aus. Von August bis Dezember 2018 waren 2.612 Visa ausgestellt worden, also im Schnitt lediglich 522 pro Monat. Im Ministerium sei man "sehr erfreut", dass nach der anfänglich zögerlichen Bearbeitung seit November 2018 eine deutliche Beschleunigung festzustellen sei, teilte der Ministeriumssprecher auf Anfrage mit.

36.000 Anfragen

Der Familiennachzug zu subsidiär Schutzberechtigten wurde im Frühjahr 2016 ausgesetzt, um die Zuwanderung nach Deutschland zu begrenzen. Betroffen sind vor allem Syrer, die oftmals nicht als politisch Verfolgte im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention anerkannt werden, sondern nur den untergeordneten Status zum Schutz vor dem Bürgerkrieg in ihrem Land erhalten. Seit August 2018 gilt nach langem politischen Streit eine Kontingent-Regelung, nach der bis zu 1.000 Angehörige pro Monat kommen können. Derzeit liegen den deutschen Vertretungen weltweit etwa 36.000 Terminanfragen für den Familiennachzug zu subsidiär Schutzberechtigten vor, wie es aus dem Auswärtigen Amt heißt.

Das Verfahren zum Familiennachzug ist kompliziert. Die Anträge nehmen die Auslandsvertretungen vorrangig in den Nachbarstaaten Syriens entgegen. Nach ihrer Prüfung werden die Ausländerbehörden in Deutschland konsultiert, bevor letztlich das Bundesverwaltungsamt über die Auswahl entscheidet und wiederum den Auslandsvertretungen mitteilt, wer ein Visum bekommt. Das Kontingent von 1.000 Personen gilt für die Zustimmungen durch das Bundesverwaltungsamt. Wegen der dazu zeitlich verzögerten Visaerteilung kann die Zahl der erteilten Visa pro Monat daher auch höher als 1.000 liegen.

Das mehrstufige Verfahren sorgte zu Beginn dafür, dass nur wenige Anträge bearbeitet wurden. Die Koalition verständigte sich deswegen darauf, übrige Kontingentplätze bis Jahresende auf den Folgemonat zu übertragen. Mit dem Jahreswechsel sollte ein Schnitt gemacht werden und die Zahl von 1.000 pro Monat nicht mehr überschritten werden. Allerdings wurden bis Jahresende erst 3.260 Anträge auf Familiennachzug bewilligt. Vorhanden waren 5.000 Plätze.



Kein Bio-Logo für Fleisch aus Ritualschlachtung ohne Betäubung

Es geht ums Tierwohl, die korrekte Information der Verbraucher beim Einkaufen von Fleisch und die Religionsfreiheit: Der Europäische Gerichtshof hat ein europaweit gültiges Urteil zum Schlachten ohne Betäubung gesprochen.

Fleisch aus ritueller Schlachtung ohne Betäubung darf nicht als Biofleisch angeboten werden. Denn die Biokennzeichnung stehe für den größtmöglichen Tierschutzstandard, der bei dieser Praxis nicht gegeben sei, urteilte der Europäische Gerichtshof (EuGH) am 26. Februar in Luxemburg. Das Urteil zu dem Fall aus Frankreich ist EU-weit gültig (AZ: C-497/17). Scharfe Kritik kam vom Zentralrat der Juden in Deutschland.

Die Tierschutzorganisation Hilfswerk für Schlachttiere hatte in Frankreich eine Klage angestrengt, wie der EuGH erläuterte. Die Organisation wandte sich gegen die Werbung und Kennzeichnung von als "halal" zertifizierten Hacksteaks als Biofleisch. "Halal" heißt so viel wie "rein" oder "erlaubt" und bezieht sich auf islamische Regeln. Juden sprechen in ähnlicher Weise von "koscher". Das EU-Urteil bezog sich auf die rituelle Schlachtung von Tieren ohne Betäubung generell.

"Unkenntnis über religiöses Schlachten"

Die Luxemburger Richter stellten fest, dass die europäischen Gesetze zu Bioprodukten und zur Schlachtung von Tieren auf ein hohes Tierschutzniveau abzielten. Sie führten dabei auch die Erwartungen der Verbraucher als Argument an. Bei einer rituellen Schlachtung ohne Betäubung sei nun zwar ein präziser Halsschnitt mit einem scharfen Messer erforderlich, damit das Tier nicht so lange leiden muss. Die Methode könne das Tierleid aber nicht so stark mildern wie eine Betäubung und entspreche daher nicht dem höchsten Standard, erklärte der EuGH. Die rituelle Schlachtung sei im Übrigen nur ausnahmsweise aufgrund der Religionsfreiheit erlaubt.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland widersprach dem EuGH. Das Urteil sei "ein Schlag ins Gesicht für die jüdische Gemeinschaft und zeugt von einer großen Unkenntnis über das religiöse Schlachten", erklärte Zentralratspräsident Josef Schuster auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd). Religiöse Schlachtung und ökologische Tierhaltung oder Produktion schlössen sich keineswegs aus, die Bio-Zertifizierung hänge vielmehr von artgerechter Tierhaltung und -transport sowie der Fütterung ab. "Es gibt keine wissenschaftlichen Untersuchungen, die belegen, dass die Schechita schmerzhaft sei", betonte Schuster.

Keine Schächtungen in Deutschland

Nach Angaben des Zentralrats führt die koschere Schächtung ein ausgebildeter Schlachter mit einem chirurgisch scharfen Messer durch. Dabei durchtrenne er mit einem einzigen Schnitt Luft- und Speiseröhre sowie Blutgefäße des Tieres, was zu einem dramatischen Abfall der Hirndurchblutung und der Sauerstoffversorgung führe. "Das Tier verliert das Bewusstsein innerhalb weniger Sekunden und damit seine Schmerzempfindlichkeit." Die gängigen Betäubungsmethoden wie Bolzenschuss- und Elektrobetäubung könnten dagegen durchaus ein Leiden des Tieres verursachen, hieß es weiter. Nach Kenntnis des Zentralrats wird in Deutschland allerdings überhaupt nicht koscher geschächtet.



Umfrage: Schwindeln auf Frage "Wie geht's? ist in Ordnung

Zwei von drei Menschen in Deutschland finden es in Ordnung, mit "gut" zu antworten, auch wenn es ihnen schlecht geht. Dies geht aus einer Umfrage im Auftrag des evangelischen Magazins "chrismon" (März-Ausgabe) hervor. Ein Geschenk zu loben, das man eigentlich hässlich findet, hält mehr als die Hälfte der Befragten (54 Prozent) für zulässig.

Für knapp ein Drittel (31 Prozent) geht es in Ordnung, einem Bettler vorzuschwindeln, man habe kein Kleingeld. Fast ebenso viele (30 Prozent) sagten, man könne durchaus dem Finanzamt eine kleine Einnahme verschweigen. Elf Prozent der Befragen sagten dagegen, für sie sei keine dieser Lügen vertretbar.

Die evangelische Kirche eröffnet am 10. März ihre Fastenaktion, die in diesem Jahr unter dem Motto "Mal ehrlich! Sieben Wochen ohne Lügen" steht.

Für die Erhebung befragte das Emnid-Institut 1.018 Bürger in Deutschland. Mehrfachnennungen waren möglich.



Eine Frau findet die Freiheit


Deborah Feldman
epd-bild/Rolf Zöllner
Mit ihrer Lebensgeschichte inspiriert Deborah Feldmann Millionen Leserinnen und Leser weltweit. Als junge Frau riss sich die Autorin aus einer frauenfeindlichen jüdischen Gemeinde in New York los. Doch dafür zahlte sie einen hohen Preis.

Mit 20 Jahren spürte Deborah Feldman zum ersten Mal am eigenen Leib, wie sich Befreiung anfühlt. Heimlich tauschte die ultraorthodox erzogene Jüdin im Auto ihren langen schwarzen Rock gegen ihre erste Jeans. Sie war auf dem Weg zum College, wo sie hinter dem Rücken ihres Ehemannes ein Studium begonnen hatte. "Ich erinnere mich genau an das überwältigende Gefühl, wie sich mein Körper entspannt hat", erzählt die heute 32-Jährige dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Das war Freiheit pur, es war, wie zum ersten Mal in der Sonne zu baden."

Das Gefühl war ein Vorgeschmack auf einem langen Weg in die Unabhängigkeit, den Feldman vor sich hatte. Sie wuchs in einer autoritären chassidischen Gemeinde in New York auf. Im Alter von 23 Jahren brach sie mit ihrer Familie und verließ mit ihrem kleinen Sohn die sektenähnliche Parallelgesellschaft der Satmarer. Ihre Befreiungsgeschichte erzählte sie in ihrer Bestseller-Autobiografie "Unorthodox". Heute lebt die Deutsch-Amerikanerin in Berlin.

"Ich komme aus einer Welt mit einem ganz schlimmen Frauenbild", erzählt die selbstsicher wirkende Frau mit den halblangen dunklen Haaren und der runden Brille. Die Erinnerung sprudelt nur so aus ihr heraus, in fast druckreifem Deutsch. "Ich habe dort in ständiger Angst gelebt, etwas Falsches zu tun und bestraft zu werden." Denn in ihrer Herkunftsgemeinde im New Yorker Stadtteil Williamsburg gelte der weibliche Körper als größte Bedrohung und schmutzig, erklärt Feldman. Frauen müssten ihn strengstens kontrollieren lassen, früh eine arrangierte Ehe eingehen, dem Mann bedingungslos gehorchen und möglichst viel Nachwuchs gebären.

Internationaler Frauentag am 8. März

Im Durchschnitt bringe jede Frau 10 bis 20 Kinder zur Welt, erzählt die Autorin: "Die Autoritäten überwachen die Reproduktion, um das Wachstum der Gemeinde sicherzustellen, Verhütung ist verboten." Nach diesem Verständnis - die Satmarer-Gemeinde in Williamsburg wurde von Holocaust-Überlebenden gegründet, die die Judenvernichtung als Strafe für die eigene Gottlosigkeit begriffen - sollten die Kinder die Ermordeten ersetzen. Außer als Gebärmaschinen hätten Frauen keine Funktion, sagt Feldman: "Bildung, Arbeit und jegliche Freude sind nicht vorgesehen." Sie müssen ihre Haare abrasieren, ihren Körper in ein Korsett pressen und unter schweren Röcken verhüllen.

Dass Feldman der fast undenkbare Ausstieg aus dieser isolierten Welt gelang, hat sie zuerst ihrer eigenen Wissbegierde zu verdanken. Als Schülerin fing sie an, heimlich Romane etwa von Jane Austen und den Brontë-Schwestern zu lesen. "Ich habe Freunde in Büchern gefunden, die mir gezeigt haben, dass ich nicht allein bin und dass es andere Lebensweisen gibt als die eine, die ich kannte", erzählt sie. "Ich habe mich nach Bildung und Aufklärung gesehnt, die ich an meiner religiösen Mädchenschule nicht bekam."

Eine Schlüsselrolle spielte für sie inmitten der patriarchalen Struktur eine starke Frau: ihre Großmutter, von der Enkelin liebevoll "Bubby" genannt. Die gebürtige Ungarin hatte ihre gesamte Familie an einem Tag in Auschwitz verloren. Von ihr habe sie viel gelernt, sich bei ihr angenommen und geborgen gefühlt, erinnert sich die Autorin, die bei den Großeltern aufwuchs. "Sie inspirierte mich und wurde zur großen Metapher für meine Lebensgeschichte, denn sie war der ultimative Flüchtling. Ich habe das auf sehr kleine Weise erlebt: Ich habe versucht, ihr Leben zu rekonstruieren, und dabei ein Leben für mich konstruiert."

Siebenjährige Selbstfindung

Feldman blickt auf eine siebenjährige Reise der Selbstfindung zurück. Nach ihrer Flucht aus Williamsburg zog sie mir ihrem Sohn zunächst nach Manhattan. Dort fühlte sie sich von Kapitalismus, Überfluss und Dekadenz schier erschlagen. Als Reaktion verkroch sie sich jahrelang auf dem Land in Neuengland. Doch auch dort wurde sie nicht heimisch. Ihre Suche führte weiter nach Europa, wo sie der Vergangenheit der geliebten "Bubby" nachspürte. "Ich war eine Frau ohne Wurzeln, ohne Identität", erinnert sie sich an diese Zeit. "Ich habe Persönlichkeiten anprobiert wie Kleidung."

Ihre Heimat fand sie schließlich 2014 in Berlin. Dort fühlte sie sich zum ersten Mal zugehörig. "Die Stadt ist voll von Ausnahmen wie mir, es ist eine Stadt im Ausnahmezustand", sagt die 32-Jährige. "Berlin ist für mich der letzte Ort auf der Welt, wo jeder einen Platz finden kann." Allerdings habe sie hier auch Antisemitismus zu spüren bekommen. Aus Angst, in eine Schublade gesteckt zu werden, stellt sie sich heute nicht mehr als Jüdin vor. Stattdessen sagt sie, dass sie aus New York kommt.

Jegliches Schubladen-Denken ist Feldman auch sonst zuwider. Deshalb reagiert sie allergisch darauf, als "mutige Frau" bezeichnet zu werden. "Dass ich rausgekommen bin, hat mit großem Glück zu tun und nicht damit, dass ich mutiger bin als andere Frauen", sagt sie energisch. Vielmehr habe sie vom College an das Glück gehabt, ein Netzwerk aus Menschen zu finden, die ihr halfen. Das Etikett "mutig" empfindet sie deshalb auch als Abwertung aller Frauen, denen ein Ausbruch aus der Unterdrückung nicht gelingt.

Und solche Frauen leben nicht nur bei den Satmarern, sondern in vielen fundamentalistischen Gemeinschaften, wie sie betont. "Ich habe ähnliche Erfahrungen wie meine von christlichen, muslimischen und hinduistischen Frauen gehört. Die Details unterscheiden sich, aber die großen Zwänge sind alle gleich." Extreme religiöse Gruppen schienen auf ähnliche Art und Weise zu funktionieren: "Vielleicht nennen sie ihren Gott bei unterschiedlichen Namen, aber am Ende geht es immer um Männer, die Macht wollen."

"Mensch mit Heimat"

Sie selbst hat sich von der Last ihrer Vergangenheit inzwischen weitgehend befreit. Den mühsamen Weg dorthin beschreibt sie in ihrem zweiten Buch "Überbitten". Das Wort aus Feldmans jiddischer Muttersprache bezeichnet ein Ritual der Versöhnung. "Ich habe meine Geschichte in meine Hände genommen und gesagt, was daran falsch war", sagt sie. Mit den Schuldgefühlen, die sie von klein auf immer gequält hatten, sei endlich Schluss. Allerdings hat die Autorin für ihre Befreiung einen hohen Preis bezahlt: Zu ihrer Familie hat sie keinen Kontakt mehr, aus dem chassidischen Milieu erhielt sie Todesdrohungen.

Ob sie denselben Weg noch einmal gehen würde? Feldman zögert. "Diese sieben Jahre waren härter, als ich es je hätte ahnen können", sagt sie. Am Ende aber hätten sich alle Entbehrungen gelohnt: "Jetzt bin ich endlich wieder ein Mensch mit einer Heimat, ich fühle mich nicht mehr fremd."

Das Kleidungsstück, mit dem die Reise in die Freiheit begann, die Jeans, trägt sie weiterhin. "Jahrelang war ich regelrecht jeanssüchtig", erzählt die Schriftstellerin. "Ich konnte das Gefühl nicht loslassen, ich dachte, es gibt kein Kleidungsstück auf der Welt, in dem man sich freier fühlt." Nach zehn Jahren hat sie sich nun aber auch äußerlich mit ihren Wurzeln ausgesöhnt: "Mittlerweile ziehe ich ab und zu auch mal wieder ein Kleid an. Das ist nicht mehr schlimm."

Von Michaela Hütig (epd)


Cremig-süße Eis-Nudeln


Dario Fontanella macht Spaghetti-Eis.
epd-bild/Thomas Lohnes
Das Rezept ist so einfach wie genial: Vanilleeis, Erdbeersauce, weiße Schokostückchen und ein Kern aus Sahne. Fertig ist das Spaghetti-Eis. Erfunden wurde der Lieblingseisbecher vieler Deutscher vor 50 Jahren in Mannheim.

Anfangs hatten die Kinder Tränen der Enttäuschung in den Augen, erinnert sich Dario Fontanella: Der Kellner brachte ihnen statt des erhofften Eisbechers scheinbar einen Teller Spaghetti mit Tomatensauce. Täuschend echt sah das vom damals 17-jährigen Fontanella kreierte Spaghetti-Eis aus. Serviert wurde es erstmals vor 50 Jahren in der Mannheimer Eisdiele seines Vaters.

Wie ein Original-Spaghetti-Eis geht, demonstrierte Fontanella im vergangenen Sommer beim Bürgerfest des Bundespräsidenten in Berlin und immer wieder in einem seiner zwei Cafés: Der 67-Jährige nimmt die Presse in seine Hände, drückt kraftvoll und präzise einen Berg langer, blassgelber Eisnudeln auf den weißen Teller, auf dem bereits ein Häufchen Sahne liegt. In einem elegantem Schwung verteilt er die tomatenrote Erdbeersoße und garniert alles mit einem Löffel weißer Schokostückchen.

Damals, im Frühjahr 1969, ahnte niemand, dass seine Erfindung zu einem Lieblingseis der Deutschen werden würde. Rund 25 Millionen Mal jährlich gehe die berühmte Köstlichkeit über die Tresen der Eiscafés von Bremerhaven bis Konstanz, so erzählt es Fontanella, während er die frisch gestärkte weiße Servicejacke anzieht.

2,80 Mark

Die Idee bekam er in Italien, wo er beim Skifahren die italienische Nachspeise "Mont Blanc" kostete. Dafür wird Esskastanienpüree durch eine Kartoffelpresse gedrückt und mit Puderzucker verziert. Fasziniert von dem luftig-leichten Dessert, probierte das er kurzerhand in den Osterferien 1969 mit Eis. Seine ersten Versuche in der Eisdiele seines Vaters in Mannheim sollten die Farben der italienischen Flagge aufnehmen, mit Pistazien-, Zitronen- und Erdbeereis. Doch sie scheiterten, wie er sich erinnert: Es entstand eine wenig appetitliche Eissoße.

Besser funktionierte es, nachdem er seine schwäbische Spätzlepresse - mit Geld von der Oma gekauft - vorher kurz in den Gefrierschrank legte und dem Tipp seines Vaters folgte: "Niemand hat jemals bunte Spaghetti gesehen." Fontanella nahm also Vanilleeis und garnierte die hellen Eis-Schnürchen mit Erdbeersauce. Fehlte nur noch der "Parmesan", den er mit einer Parmesanreibe kurzerhand von einem weiß-braunen Schokoladen-Osterei raspelte.

"Ich wusste, ich habe etwas ganz Besonderes geschaffen", erzählt Fontanella, noch heute ist er stolz. Strahlend erinnert er sich, wie sein Vater ihm erlaubte, die Eiskreation per Hand und mit Lineal auf die Speisekarten zu schreiben: "Neu: Spaghetti-Eis 2,80 Mark." Weil immer mehr Gäste eine Portion Sahne dazu bestellten, entschied sich Fontanella, die Sahne unter die Eis-Spaghetti zu setzen: "Das sieht optisch viel besser aus".

Patent verpasst

Nachdem sich der Absatz seines Vanilleeises binnen kürzester Zeit vervielfachte, berichtete der Vater stolz Kollegen von der Erfindung des Sohnes. "Es war die genialste Idee meines Lebens", sagt Fontanella, der es manchmal noch bereut, dass er seine Erfindung nicht patentieren ließ. Sein Vater und ein befreundeter Anwalt hatten abgeraten. Sie zweifelten daran, dass seine Idee patentierbar wäre und wollte dafür kein Geld ausgeben.

Damals ahnte niemand, dass seine Erfindung innerhalb weniger Jahre nicht nur Eisdielen in Deutschland erobern, sondern auch in Italien, dem Mutterland des "Gelato", und sogar in den USA auf Eiskarten landen würde. Und wer weiß, meint Fontanella nachdenklich, ob seine Erfindung des Spaghetti-Eises nicht gerade wegen des Patentverzichts so beliebt geworden sei.

Fontanella ist stolz auf seinen Beruf, will seine Produkte immer besser machen und getreu des Qualitäts-Anspruchs seines Großvaters nur hochwertiges Eis herstellen. Mittlerweile beliefert er auch Sterneköche und regionale Supermärkte. Vor zehn Jahren hat er den staatlich anerkannten Beruf des Speiseeisherstellers mitentwickelt. In einer dreijährigen Ausbildung wird gelernt, wie aus Milch, Sahne, Zucker, Früchten oder Nüssen Eis entsteht.

Mit italienischem Temperament und deutscher Genauigkeit entwickelt er immer wieder neue Sorten in seiner Eismanufaktur. Zum regionalen kirchlichen Ökumenetag 2017 kreierte der Katholik ein "Ökumene-Eis", das sensorisch das Abendmahl darstellen sollte: Milcheis mit gerösteten Brioche-Stückchen verbindet sich hier mit einem fruchtigen Sorbet aus Rieslingtrauben.

In seiner Mannheimer Eisdiele gehen neben den beliebten Klassikern wie Vanille, Erdbeer oder Schokolade mittlerweile auch ausgefallene Eiskreationen mit Gemüse über die Theke: Karotte-Orange, Himbeer-Paprika oder Zitrone-Gurke-Dill - nicht durch die Presse gedrückt, sondern ganz klassisch serviert als Kugel im Becher oder in der Waffel.

Von Christine Süß-Demuth (epd)



Soziales

Vorstoß gegen steigende Kosten für Pflegeheimbewohner


Im Pflegeheim
epd-bild/Jürgen Blume
Die steigenden finanziellen Belastungen treiben viele Bewohner von Pflegeeinrichtungen in die Grundsicherung. Das Pflegerisiko wird zum Armutsrisiko. Jetzt reagiert die Politik - und will die Pflegeversicherung vom Kopf auf die Füße stellen.

Der Impuls zur Reform kommt aus Hamburg. Die Hansestadt will erreichen, dass künftig sämtliche Kostensteigerungen in der Heimpflege, etwa verursacht durch höhere Löhne des Personals, grundsätzlich von den Pflegekassen übernommen werden.

"Über 20 Jahre nach Einführung der Pflegeversicherung ist es an der Zeit, das Verhältnis von Eigenverantwortung und Solidarität neu auszubalancieren", sagt Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) und kündigt einen Vorstoß im Bundesrat an, der am 15. März auf die Tagesordnung der Länderkammer kommen solle. Sie wirbt für "einen Dreiklang aus begrenzten und kalkulierbaren Eigenanteilen, paritätischen Beiträgen zur Pflegeversicherung und einem dynamisierten Steuerzuschuss".

Mehrausgaben zulasten der Heimbewohner

Die Belastungen der Heimbewohner werden weiter steigen. Grund sind vor allem die Vergütungserhöhungen, die zwischen den Pflegekassen und den Einrichtungsträgern vereinbart werden, um mehr Personal zu beschäftigen und es auch besser zu bezahlen. Diese Mehrausgaben gehen allein zulasten der Heimbewohner.

Eine Reform hin zum Prinzip der echten "Teilkaskoversicherung" in der Pflege würde das ändern - durch eine Umkehrung des Leistungsprinzips der Versicherung. Denn heute sichert die Pflegekasse nicht das Risiko des Einzelnen umfassend ab, sondern gewährt bei Pflegebedürftigkeit lediglich einen nach Pflegegraden gestaffelten festen Zuschuss. Darüber hinaus anfallende Kosten der Pflege müssen die Pflegebedürftigen selbst tragen - oder staatliche Sozialleistungen in Anspruch nehmen.

Baden-Württembergs Sozialminister Manne Lucha (Grüne) warb jüngst ebenfalls dafür, die Belastungen der Heimbewohner zu deckeln. "Der Eigenanteil soll künftig fix sein, während der Anteil, der auf die Pflegekassen entfällt, variabel sein soll."

Zustimmung von Pflegeverbänden

Kordula Schulz-Asche, Sprecherin für Alten- und Pflegepolitik der Grünen, begrüßte den Hamburger Reformansatz. Ihre Bundestagsfraktion bereite einen Beschluss vor, der zum einen die Eigenanteile von Pflegebedürftigen senkt und begrenzt und die Finanzierung der Pflege aus Steuergeldern stärkt. Es sei gut, dass der Bundesrat diskutiert, "welche Leistungen die Versicherung und welche die Pflegebedürftigen zukünftig übernehmen sollen".

Zustimmung zur Reform signalisieren auch der Deutsche Evangelische Verband für Altenarbeit und Pflege (DEVAP) und der Verband katholischer Altenhilfe in Deutschland (VKAD). Bisherigen Pflegestärkungsgesetzen seien "nur kurz- bis maximal mittelfristige Verbesserungen gelungen. Der große Wurf für die kommenden Jahrzehnte blieb bis jetzt aus", sagte DEVAP-Vorsitzender Bodo de Vries dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Es ist ein radikales Umdenken gefordert", sagte de Vries - und warb gleichfalls für eine echte Pflegeteilkaskoversicherung.

"Fehler im System"

Seinen Angaben nach lag der Bundesdurchschnitt bei den Eigenanteilen der Heimbewohner an den Investitionskosten, den Zahlungen für Unterkunft und Verpflegung und die Ausbildungsumlage im Sommer 2018 bei 1.831 Euro pro Monat. Die durchschnittliche Rente lag 2017 bei 1.382 Euro pro Monat. "Man muss kein Mathegenie sein, um hier den Fehler im System zu erkennen." Jetzt aber würden die Anregungen der Verbände von den politisch Verantwortlichen aufgenommen: "Ein Weiterdenken findet langsam statt."

Der Paritätische Wohlfahrtsverband fordert gar eine Regelung, nach der die Pflegeversicherung künftig grundsätzlich mindestens 85 Prozent der Heimkosten übernimmt und der Eigenanteil der Pflegebedürftigen auf 15 Prozent gedeckelt wird.

Im Durchschnitt tragen laut Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider die Heimbewohner mittlerweile über 50 Prozent ihrer Pflegekosten. Wer das Geld nicht aufbringen könne, sei auf Sozialhilfe angewiesen: "Gute Pflege darf nicht länger Armutsrisiko sein. Die Pflegefinanzierung muss komplett umgekrempelt werden."

"Die finanziellen Belastungen Pflegebedürftiger müssen ein Ende haben", sagte auch Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbandes Deutschland (VdK) dem epd. Ihr Verband gehe aber noch weiter: "Wir fordern perspektivisch eine Pflegevollversicherung, damit Pflege für alle bezahlbar sein wird. Das Prinzip der gesetzlichen Krankenversicherung muss auf die Pflegeversicherung übertragen werden."

Von Dirk Baas (epd)


Krankenkassen: Patienten werden mit besseren Hilfsmitteln versorgt


Wer zahlt den Rollator?
epd-bild/Werner Krüper
Zu schwere Rollatoren und Windeln, die nicht dicht halten: Mit Hilfsmitteln für kranke und pflegebedürftige Menschen hat es in den vergangenen Jahren viel Ärger gegeben. Jetzt haben die Krankenkassen den Katalog modernisiert.

Modernste Beinprothesen, leichtere Rollatoren und Windeln, die dicht halten: Damit sollen Kassenpatienten künftig rechnen können, wenn sie diese Hilfsmittel benötigen. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV-Spitzenverband) stellte am 26. Februar in Berlin das aktualisierte Verzeichnis der Hilfsmittel vor. Vorstand Gernot Kiefer sagte, die Versicherten müssten eine gute Versorgung bekommen, ohne dass sie selbst Mehrkosten tragen. Das sei sein Ziel, sagte Kiefer.

Zu Hilfsmitteln zählen unscheinbare Produkte wie Bandagen oder Windeln sowie Geräte wie Insulinpumpen, Hörgeräte oder Rollstühle und Prothesen. Auch ein Blindenhund ist ein Hilfsmittel, das von der Krankenkassen finanziert wird. In den vergangenen Jahren hatte es besonders viel Ärger mit schlechten Inkontinenzprodukten gegeben. Die Krankenkassen finanzierten häufig nur Windeln, die besonders billig waren. Viele Patienten mussten auf eigene Rechnung bessere kaufen.

Inzwischen müssen die Inkontinenzprodukte Mindestanforderungen erfüllen. Sonst werden sie von den Krankenkassen nicht bezahlt, wie die Fachleute vom GKV-Spitzenverband erklärten. Die Patienten müssten unter mehreren zuzahlungsfreien Produkten wählen können und diese zuerst genannt bekommen, bevor man sie über teurere Alternativen informiere.

Gewichtsgrenze

Einen Überblick, wie viele Versicherte Mehrkosten für Windeln oder einen leichten Rollator selbst übernehmen, hat der GKV-Spitzenverband nicht. Mitte dieses Jahres sei erstmals mit aussagekräftigen Zahlen zu rechnen, sagen die Fachleute. Vorstand Kiefer forderte die Hersteller auf, ihr Angebot zu verbessern. Die Kassen zahlten künftig nur noch Rollatoren bis zu einem Gewicht von zehn Kilogramm, sagte er. In den Sanitätshäusern würden aber immer noch zu viele schwere oder teure Rollatoren angeboten, die die Patienten dann zum Teil selbst bezahlen.

Künftig soll die Versorgung mit einem Hilfsmittel genauer auf die Situation des einzelnen Patienten zugeschnitten werden. Wenn beispielsweise jemand einen Elektro-Rollstuhl im Nahverkehr benutzen will, soll die Krankenkasse ihm ein dafür geeignetes Modell finanzieren. Außerdem sollen die Patienten besser informiert und beraten werden.

Kosten stiegen um 40 Prozent

Der GKV-Spitzenverband ist überzeugt, dass die Modernisierung des Hilfsmittelverzeichnisses und zusätzliche Regeln für die Versorgung zu Verbesserungen führen werden. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will zudem die Ausschreibungen für Hilfsmittel abschaffen, die dazu führen, dass die Kassen den günstigsten Anbieter nehmen. Das sieht Kiefer skeptisch. Zwar hätten die Ausschreibungen - wie bei Inkontinenzversorgung - "zu Entwicklungen geführt, die wir nicht wollen", sagte er. Doch sei es wirtschaftlich nicht sinnvoll, auf Ausschreibungen ganz zu verzichten. Immerhin hätten sie den Kassen bei den Hilfsmitteln Einsparungen "im dreistelligen Millionenbereich" erbracht, gab Kiefer zu bedenken.

Die Ausgaben für Hilfsmittel machen 3,7 Prozent der Gesamtausgaben der Krankenkassen aus und betrugen im Jahr 2017 rund acht Milliarden Euro. In den vergangenen zehn Jahren sind sie um rund 40 Prozent gestiegen. Insgesamt sind rund 32.500 verschiedene Produkte im Hilfsmittel- und Pflegehilfsmittelverzeichnis aufgeführt. Dieser Katalog war veraltet und ist in den vergangenen zwei Jahren gründlich überarbeitet worden.



Opposition prüft Klage gegen Änderung von 219a


Abstimmung am 21. Februar im Bundestag über Paragraf 219a
epd-bild/Christian Ditsch
Der Streit um das Werbeverbot für Abtreibungen wird von der Politik möglicherweise bis zum Bundesverfassungsgericht getragen. FDP, Linke und Grüne erwägen einen Normenkontrollantrag.

Der Streit um das Werbeverbot für Abtreibungen könnte auch nach der Änderung des umstrittenen Paragrafen 219a weitergehen. Die Oppositionsfraktionen FDP, Linke und Grüne erwägen, gegen die vom Bundestag beschlossene Neufassung im Strafgesetzbuch vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen, wie der FDP-Rechtspolitiker Stephan Thomae am Freitag bestätigte. Mit der Frage eines Normenkontrollantrags wolle man sich in der nächsten Sitzungswoche des Bundestags befassen, teilte Thomae mit. Die beginnt am 11. März.

Das "RedaktionsNetzwerk Deutschland" hatte als erstes über die Erwägungen berichtet. Demnach wollen die Oppositionsfraktionen unter Federführung der FDP zunächst ein Gutachten erstellen lassen. Vom Inhalt des Gutachtens hänge die endgültige Entscheidung ab. Dem Evangelischen Pressedienst (epd) sagte Thomae, Anknüpfungspunkte für eine Klage könnten Einschränkungen der Berufsfreiheit der Ärzte oder die Frage sein, ob es nicht mildere Mittel als die des Strafrechts gäbe.

Der Bundestag hatte in der vergangenen Woche die Änderung des umstrittenen Paragrafen 219a verabschiedet, der die Werbung für Abtreibung verbietet. Weil der Paragraf in der Vergangenheit auch Grundlage für die Verurteilung von Ärzten war, die darüber informierten, dass sie Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, sah die Politik Handlungsbedarf. Nach der Änderung dürfen Ärzte jetzt selbst mitteilen, dass sie Abtreibungen vornehmen. Für weitere Informationen, etwa über die gewählte Methode, müssen sie an neutrale Stellen verweisen. Aus Sicht von FDP, Linken und Grünen ist die Neufassung unzureichend. Sie hatten im Bundestag für die völlige Abschaffung des Paragrafen 219a gestimmt.

Jurist verwundert über "Gedankenspiele"

Für eine Normenkontrollklage des Bundestages ist die Unterstützung von 25 Prozent der Abgeordneten erforderlich. Gemeinsam erreichen die drei Fraktionen dieses Quorum. Wer das Gutachten über die Reform erstellen soll, ist noch offen. Den Bericht, wonach der Gießener Rechtswissenschaftler Arthur Kreuzer im Gespräch sei, bestätigte Thomae zunächst nicht.

Kreuzer sagte dem "RedaktionsNetzwerk Deutschland": "Ich halte eine Klage für aussichtsreich. Das Gesetz erscheint mir verfassungsrechtlich nicht haltbar." Verfassungsrechtliche Bedenken gegen die Reform hatten auch mehrere Juristen bei der Bundestagsanhörung zum Thema geäußert.

Der Göttinger Verfassungsrechtler Hans Michael Heinig äußerte sich dagegen kritisch über eine mögliche Verfassungsklage. "Die Norm war in der ursprünglichen Fassung verfassungskonform", sagte er dem epd. Erst recht sei sie es im Hinblick auf Grundrechte von Ärzten in der nun liberalisierten Fassung. "Deshalb wundere ich mich über die Gedankenspiele, nun Karlsruhe anzurufen", ergänzte der Leiter des Kirchenrechtlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Heinig sagte zudem, die Politik beklage oft, dass das Bundesverfassungsgericht "übergriffig" agiere. "Es wird aber zugleich immer wieder als Ersatzgesetzgeber bemüht oder zur Fortsetzung einer eigentlich politischen Streitigkeit missbraucht. So auch hier", sagte der Jurist.



Bundesfinanzhof stellt Gemeinnützigkeit von Attac infrage


Aktion von Attac: Aktivisten besetzten im September 2018 die Frankfurter Paulskirche.
epd-bild/Philip Eichler/www.attac.de

Der Trägerverein der Globalisierungsgegner Attac muss nach einem Urteil des Bundesfinanzhofs (BFH) mit dem endgültigen Entzug der Gemeinnützigkeit rechnen. Zwar gelte die unter Volksbildung zu fassende politische Bildungsarbeit als gemeinnützig, nicht aber der Einsatz für allgemeinpolitische Forderungen zur Tagespolitik und dazu durchgeführte Kampagnen, betonten die Münchner Richter am 26. Februar bei der Jahrespressekonferenz. (AZ: V R 60/17)

Die Grünen und mehrere Sozialverbände reagierten mit Unverständnis. Das Finanzamt hatte 2014 dem Attac-Trägerverein für die Jahre 2010 bis 2012, um die der Streit geht, die Gemeinnützigkeit entzogen. Das Finanzamt begründete das mit der allgemeinen politischen Tätigkeit, die nicht als gemeinnützig gelte. Seitdem stellt der Verein keine Spendenbescheinigungen mehr aus. Spenden sind damit nicht mehr steuerlich absetzbar.

"Geistige Offenheit"

Das Hessische Finanzgericht in Kassel gab den Globalisierungsgegnern noch recht. Die Arbeit von Attac sei als "Volksbildung" einzustufen, die als gemeinnützig anzusehen sei. Doch dem widersprach nun der BFH. Die Abgabenordnung weise 25 gemeinnützige Zwecke auf, wie Verbraucherschutz, Tierschutz, Umwelt, Sport und auch die politische Bildung, zu der auch die Volksbildung gehört.

Die Volksbildung, so das Gericht, müsse aber eigenständig und in "geistiger Offenheit" betrieben werden. Das sei bei Attac nicht der Fall. Der Trägerverein habe ganz konkrete Lösungsvorschläge zu bestimmten allgemeinpolitischen Themen durchsetzen wollen, etwa zum Sparpaket der Bundesregierung, der Bekämpfung der Steuerflucht oder zum bedingungslosen Grundeinkommen.

Zwar dürften auch gemeinnützige Vereine politische Forderungen erheben, wie etwa eine Umweltschutzorganisation zu Atomkraft. Aber Attac habe allgemeinpolitische Forderungen zu verschiedensten Themen gestellt. Das Finanzgericht muss nun die Gemeinnützigkeit von Attac aus formalen Gründen erneut prüfen.

Sven Giegold, EU-Abgeordneter der Grünen und Mitgründer von Attac Deutschland, sprach von einem "schwarzen Tag für die Demokratie". Das Urteil bedeute für viele gemeinnützige Vereine Unsicherheit und finanzielle Risiken. Ein Verein, der politische Bildungsarbeit macht, könne sich seines Status der Gemeinnützigkeit nicht mehr sicher sein.

"Vereine und Stiftungen bedroht"

Giegold, der 2001 bis 2007 mit kurzer Unterbrechung Mitglied im bundesweiten Attac-Koordinierungskreis war, warnte, dass "das Kräfteverhältnis zwischen finanzstarken Wirtschaftsverbänden und kritischer Zivilgesellschaft nun weiter auseinanderklaffen wird". Er rief Bundesjustizministerin Katharina Barley (SPD) auf, rechtliche Sicherheit für die Zivilgesellschaft schaffen.

Ähnlich äußerte sich das internationale Kinderhilfswerk terre des hommes in Osnabrück. Auch hier traf die Entscheidung des Bundesfinanzhofs auf Unverständnis. "Attac setzt sich mit Kampagnen gegen die weit verbreitete Steuerflucht internationaler Konzerne ein. Diese Art des politischen Engagements von Attac dient dem Gemeinwohl und sollte nicht bestraft werden, sondern steuerlich begünstigt bleiben", sagte Vorstandssprecher Albert Recknagel. Er hoffe, dass das Urteil keinen Bestand habe.

Konsequenzen für eine Vielzahl von Ehrenamtlern befürchtet Stefan Diefenbach-Trommer, Vorsitzender der Allianz "Rechtssicherheit für politische Willensbildung", unter deren Dach sich mehr als 80 Organisationen zusammengeschlossen haben. Er sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung: "Die Entscheidung bedroht Tausende Vereine und Stiftungen. Sie alle müssen sich fragen, ob ihnen der Status der Gemeinnützigkeit bei der nächsten Finanzamtsprüfung aberkannt wird." Der Gesetzgeber müsse nun regeln, was aus seiner Sicht gemeinnützig ist.



Jobcenter zahlen beim Eintreiben kleiner Beträge drauf

Im vergangenen Jahr haben die Jobcenter von Hartz-IV-Empfängern rund 18 Millionen Euro an Kleinbeiträgen bis 50 Euro zurückgefordert - dabei fielen Verwaltungskosten von 60 Millionen Euro an.

Das Eintreiben von Kleinbeträgen ist für die Jobcenter ein Minusgeschäft. Wie aus Zahlen der Bundesagentur für Arbeit hervorgeht, besteht ein deutliches Missverhältnis zwischen den Einnahmen und dem Verwaltungsaufwand, wenn geringe Beträge zurückgefordert werden, weil zu viel Arbeitslosengeld II gezahlt wurde. Einen entsprechenden Bericht der "Süddeutschen Zeitung" bestätigte am 27. Februar eine Sprecherin der Bundesagentur.

Den Angaben zufolge wurden von den Jobcentern 2018 insgesamt 18 Millionen Euro an Kleinbeträgen bis 50 Euro zurückverlangt. Das aber verursachte Verwaltungskosten von 60 Millionen Euro. Bei niedrigeren Beträgen verschärft sich das Missverhältnis noch: Forderungen von bis zu 20 Euro summierten sich 2018 auf 4,6 Millionen Euro, führten aber zu einem fast neunmal so hohen Verwaltungsaufwand von 40,6 Millionen Euro. Hinzu kommt, dass die tatsächlichen Rückzahlungen noch unter den Forderungen gelegen haben dürften.

Der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur, Detlef Scheele, sagte der "Süddeutschen Zeitung": "Wir wünschen uns seit Jahren die Einführung einer Bagatellgrenze. Der jetzige Aufwand für Erstattung und Aufhebung von kleinen Beträgen steht in keinem Verhältnis zum Ertrag."

Der Bundestagsabgeordnete Kai Whittaker (CDU), der die Zahlen angefordert hatte, sagte der Zeitung: "Hartz IV verwaltet sich selbst und verliert sich in Kleinigkeiten."



Högel-Prozess: Meineid-Verfahren gegen drei weitere Zeugen

Im Mordprozess gegen den früheren Krankenpfleger Niels Högel hat die Staatsanwaltschaft Oldenburg drei weitere Meineid-Verfahren auf den Weg gebracht. Ein ehemaliger Oberarzt, ein ehemaliger Krankenpfleger und eine Betriebsrätin aus dem Klinikum Oldenburg stehen unter dem Verdacht, in der vergangenen Woche als Zeugen im Prozess gegen Högel falsch ausgesagt zu haben, bestätigte der Sprecher der Oldenburger Staatsanwaltschaft, Martin Koziolek, am 27. Februar dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Zeugen hatten sich bei ihrer Aussage auf große Erinnerungslücken berufen. Zuerst hatte die "Nordwest-Zeitung" über die neuen Ermittlungen berichtet.

Zweifel an der Glaubwürdigkeit

Die Staatsanwaltschaft sei verpflichtet, Meineid-Verfahren einzuleiten, wenn ein Richter Zweifel an der Glaubwürdigkeit von Zeugen äußere, sagte Koziolek. Eine Falschaussage vor Gericht sei eine Straftat. Falschaussagen unter Eid werden mit einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr noch härter bestraft.

Högel muss sich zurzeit vor der 5. Strafkammer des Oldenburger Landgerichts verantworten (Az:5Ks 1/18). Er soll auf Intensivstationen in Oldenburg und Delmenhorst 100 Patienten getötet haben. Wegen weiterer Taten wurde er bereits zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Gegen vier weitere frühere Mitarbeiter des Klinikums Oldenburg, die ebenfalls vor Gericht ausgesagt hatten, laufen bereits Meineid-Verfahren.




Medien & Kultur

Gipfeltreffen zweier Malerfürsten


"Die Darbringung Christi im Tempel" - von Andrea Mantegna (l.) und von Giovanni Bellini.
epd-bild/Jürgen Blume
In der Berliner Gemäldegalerie sind ab März rund 100 Gemälde und Zeichnungen der italienischen Maler Andrea Mantegna und Giovanni Bellini zu sehen. Die Ausstellung entstand in Kooperation mit der National Gallery in London.

Gleich am Beginn der Ausstellung ziehen zwei Bilder den Betrachter in den Bann, deren Ähnlichkeit nicht nur wegen des Themas verblüfft: die "Darbringung Christi im Tempel". 1454 malte der junge Andrea Mantegna (um 1431-1506) die Szene aus extremer Nahsicht: Maria hält das in Bänder gewickelte Kind dem weisen Simeon entgegen, beobachtet von Josef im Hintergrund sowie zwei weiteren Personen am Rand, vermutlich Mantegna selbst und seine frisch angetraute Frau, Nicolosia Bellini.

Sein Schwager und Malerkollege Giovanni Bellini (um1435-1516) war davon offenbar so stark beeindruckt, dass er Mantegnas Gemälde 20 Jahre später abpauste und mit neuen Figuren im Hintergrund ins Bild setzte. "Bellini hat sich davon inspirieren lassen, aber es ist keine direkte Kopie", urteilt Kurator Neville Rowley von der Berliner Gemäldegalerie, "der Grund dafür bleibt rätselhaft."

Enge Verbundenheit beider Maler

Das Bilderpaar belegt die Nähe zwischen den beiden bedeutenden Malern der Renaissance, die sich gegenseitig inspirierten und austauschten. Mantegna und Bellini standen lebenslang in regem Kontakt und vermittelten der Malerei wichtige neue Impulse: Mantegna in seiner Neuinterpretation der Antike, Bellini in der Wiedergabe von Landschaft, Licht und Farbe.

Die Ausstellung "Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance" am Kulturforum in Berlin lädt mit knapp 100 Werken zu einem Gipfeltreffen. Sie zeigt mit knapp 100 Werken die enge Verbundenheit beider Maler. Erstmals werden dazu Skizzen und Studien direkt neben den Gemälden, auf Augenhöhe, präsentiert und ermöglichen so den direkten Vergleich. Entstanden ist die Schau in Kooperation zwischen der National Gallery in London und der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen Berlin, die beide über Bestände aus allen Schaffensphasen der Künstler verfügen, ergänzt durch herausragende Leihgaben unter anderem aus Venedig, Washington und Paris.

Kirchliche, private und öffentliche Auftraggeber

Der aus Padua stammende Mantegna hatte 1452/53 die Halbschwester Giovanni Bellinis geheiratet. Seine Bildfindungen und sein Interesse an der Antike stießen auf großes Interesse bei seinem Schwager und Malerkollegen, während Mantegna seinerseits von Bellinis Darstellung von Landschaft beeindruckt war. Das wird etwa bei dem Bilderpaar "Christus am Ölberg" deutlich: 1455 malt Mantegna Jesus vor den Toren Jerusalems in einer Felskulisse, oben türmt sich die antike Stadt - das erste Einzelgemälde zu diesem Thema. Bellini greift die Szene 1458 auf und fasst sie in weicher Morgenstimmung neu.

1460, als Mantegna nach Mantua zog, um dort als Hofmaler zu arbeiten, trennten sich ihre Wege. Bellini war weiterhin in Venedig für kirchliche, private und öffentliche Auftraggeber tätig. Doch das gegenseitige Interesse blieb. Das belegt ein spätes Bilderpaar: 1514 malte Bellini "Fest der Götter" vor lebhaft gestalteter Landschaft eindeutig inspiriert durch Mantegnas detailreiches Gemälde "Minerva vertreibt die Laster aus dem Garten der Tugend" von 1500. "Diese beiden Gemälde einmal nebeneinander sehen zu können, ist ein Jahrhundertereignis", freut sich Kuratorin Dagmar Korbacher, Direktorin des Kupferstichkabinetts.

Zu den Höhepunkten der Schau gehört auch die Gegenüberstellung des Porträts des Kardinals Trevisan von Mantegna aus der Gemäldegalerie mit dem Bildnis des Dogen Loredan von Bellini, das erstmals überhaupt von der National Gallery in London ausgeliehen wurde. Darüber hinaus reisten drei großformatige Gemälde Mantegnas aus dem Zyklus "Der Triumphzug des Cäsar" nach Berlin, die aus dem Besitz der englischen Königin stammen. Die Ausstellung gibt mit diesen Meisterwerken Einblick in die künstlerischen Beziehungen zweier Malerfürsten der Renaissance.

Von Sigrid Hoff (epd)


Nora Krug bekommt Evangelischen Buchpreis 2019

Die Autorin und Illustratorin Nora Krug bekommt den Evangelischen Buchpreis 2019. Sie wird für ihr im vergangenen Jahr erschienenes Buch "Heimat - Ein deutsches Familienalbum" ausgezeichnet, wie das Evangelische Literaturportal mit Sitz in Göttingen am 25. Februar mitteilte. Der Evangelische Buchpreis ist mit 5.000 Euro dotiert und wird seit 1979 verliehen. Vorsitzender des Literaturportals ist der hannoversche Landesbischof Ralf Meister.

Mit dem Buch habe Krug eine "persönliche Spurensuche" zum Thema Heimat vorgelegt, urteilte die Preisjury: "Eine kiloschwere, fulminante und faszinierende Bild- und Wortwelt saugt den Leser, die Leserin in eine Familiengeschichte." Die Jury wählte das Buch aus 99 Vorschlägen von Leserinnen und Lesern aus.

Professorin für Illustration

Krug spüre für ihr Erinnerungsbuch den Verstrickungen ihrer Familie in die Geschichte des "Dritten Reichs" nach, hieß es weiter. Sie recherchiere in Archiven, sichte Familienfotos, befrage "verschollene" Verwandte und skizziere Objekte, die symbolisch für eine vergangene Zeit stünden. "In diese großartig gezeichnete und beschriftete Collage webt sie Deutungen und Interpretationen ein, die helfen zu verstehen, was gewesen ist." Das Ergebnis ihrer Suche sei ein Buch, das wie ein handgeschriebenes Album wirke.

Nora Krug wurde 1977 in Karlsruhe geboren und studierte Bühnenbild, Dokumentarfilm und Illustration in Liverpool, Berlin und New York. Sie erhielt zahlreiche Preise und Förderungen. Krug ist Professorin für Illustration an der "Parsons School of Design" in New York und lebt im Stadtteil Brooklyn. Der Preis soll ihr am 5. Juni in der Neustädter Hof- und Stadtkirche in Hannover überreicht werden.



Margot Käßmann startet Zeitschrift "Mitten im Leben"


Margot Käßmann
epd-bild/Norbert Neetz
Die Theologin und Bestsellerautorin Margot Käßmann startet im April eine eigene Monatszeitschrift mit dem Titel "Mitten im Leben".

Die Zeitschrift "Mitten im Leben" ist nach Angaben des Verlags Herder im Abonnement zu beziehen und erscheint monatlich jeweils zu einem Schwerpunktthema. Die Themen werden jeweils in einem Interview und mit Impulsen aus der Bibel aufgenommen, wie der Verlag am 1. März in Freiburg weiter mitteilte. Zudem gebe es Anregungen aus Lektüre, Film und Musik sowie Erklärungen zu den Ereignissen des Kirchenjahres. Käßmanns Monatszeitschrift wolle "persönlich, politisch und biblisch" sein.

Persönliches und Politisches

Die frühere Bischöfin werde in der Zeitschrift "über Persönliches und Politisches" schreiben und das Gespräch suchen mit prominenten Weggefährten. "Mitten im Leben" sei "so etwas wie ein Notizbuch von Margot Käßmann, das ihre Freunde und Fans abonnieren können", kündigte der Verlag an.

Die 60-jährige Käßmann sagte: "Mit der Zeitschrift möchte ich mit meinen Leserinnen und Lesern in einen regelmäßigen Austausch treten." Die Theologin war von 1999 bis 2010 Landesbischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und von 2009 bis 2010 Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Mit ihren Büchern erreicht sie Millionenauflagen.



Erster Grimme-Preis für Amazon

Die Liste der Grimme-Preisträger ist so vielfältig wie die heutige Fernseh-Landschaft. Zum ersten Mal erhält der Streamingdienst Amazon Prime einen Preis. Der Satiriker Jan Böhmermann wird bereits zum vierten Mal in Folge ausgezeichnet.

Mit Amazon Prime Video erhält in diesem Jahr erneut ein US-Streamingdienst einen Grimme-Preis. Amazon wird für seine deutsche Thriller-Serie "Beat" ausgezeichnet, wie das Grimme-Institut am 26. Februar in Essen mitteilte. Sie spielt in Berlin zwischen Techno-Milieu, Geheimdiensten und organisierter Kriminalität. Im vergangenen Jahr hatte bereits Netflix für "Dark" einen der renommierten Fernsehpreise gewonnen. Leer geht hingegen Youtube aus, obwohl in diesem Jahr erstmals zwei deutsche Eigenproduktionen der Videoplattform nominiert waren.

Neben "Beat" erhalten noch zwei weitere Serien den Preis: "Bad Banks" (ZDF/Arte) über die Finanzwelt und "Hackerville", eine Produktion der Bezahlsender TNT Serie und HBO Europe über Cyberkriminalität. "Die Auszeichnung von gleich drei Serien zeigt die Vielfalt, Innovationsfreude und den Stellenwert des Formats", sagte die Direktorin des Instituts, Frauke Gerlach. Insgesamt werden in diesem Jahr 16 Grimme-Preise in den vier Kategorien Fiktion, Unterhaltung, Information und Kultur sowie Kinder und Jugend vergeben.

In der Kategorie Fiktion zeichnet die Jury neben den Serien auch die ARD-Degeto-Komödie "Familie Lotzmann auf den Barrikaden" aus. Ein Spezial-Preis geht an den "Tatort: Meta" vom RBB, eine "aberwitzig anmutende Film-im-Film-im-Film-Konstruktion", wie die Jury lobte.

Preis für "Kulenkampffs Schuhe"

Wieder einmal findet sich Satiriker Jan Böhmermann unter den Preisträgern. Seine Sendung "Lass dich überwachen! Die Prism is a Dancer Show" (ZDFneo) über den Umgang mit persönlichen Daten in sozialen Netzwerken wird in der Kategorie Unterhaltung ausgezeichnet. Böhmermann hatte bereits in den vergangenen drei Jahren sowie 2014 Grimme-Preise gewonnen.

Im Unterhaltungswettbewerb wird außerdem wie im vergangenen Jahr die Sketch Comedy "Kroymann" (ARD/Radio Bremen/SWR/NDR) von und mit Kabarettistin Maren Kroymann geehrt. Ebenfalls für preiswürdig befand die Jury die Spielshow "Catch! Der große Sat.1 Fang-Freitag" unter anderem mit dem Comedian Luke Mockridge, in der sich alles ums Fangen dreht. Mockridge erhält den Preis zum ersten Mal.

Der viel beachtete Dokumentarfilm "Kulenkampffs Schuhe" (ARD/SWR/HR) zählt zu den Preisträgern in der Kategorie Information und Kultur. Regisseurin Regina Schilling zeichnet darin am Beispiel von beliebten TV-Shows die Nachkriegszeit und ihre eigene Familiengeschichte nach. Der Film wurde vom SWR wenige Wochen nach seiner Erstausstrahlung wegen des großen Zuschauerinteresses noch einmal gezeigt - zur Primetime um 20.15 Uhr.

Einen Spezialpreis gewinnt das "Docupy"-Team des WDR für die dreiteilige Sendereihe "Die Story: Ungleichland" über soziale Ungleichheit mit dazugehörigem Online-Konzept. Für besondere journalistische Leistungen wird WDR-Reporterin Isabel Schayani geehrt, unter anderem für ihre Berichte und Kommentare über die Flüchtlingspolitik.

Format für Kleinkinder

Einen Preis in der Kategorie Kinder und Jugend erhält unter anderem Filmemacher Marco Giacopuzzi für seine Beiträge zu der Reihe "Schau in meine Welt" (HR/Kika). Anders als im letzten Jahr ist mit der Reihe "Animanimals" (SWR/Kika) wieder ein Format für Kleinkinder unter den Preisträgern.

Bei dem traditionell von öffentlich-rechtlichen Sendern dominierten Preis sind in diesem Jahr mit "Beat", "Hackerville" und dem "Sat.1 Fang-Freitag" drei Produktionen privater Anbieter erfolgreich. Bis auf Sat.1 findet sich darunter allerdings kein frei empfangbarer Privatsender. Insgesamt hatten die Jurys die Wahl aus 72 Produktionen und Einzelleistungen.

Der undotierte Grimme-Preis wird in diesem Jahr zum 55. Mal vergeben und gilt als wichtigster deutscher Fernsehpreis. Die Auszeichnungen werden am 5. April im Theater Marl überreicht.



Witbooi-Bibel an Namibia restituiert


Bibel von Hendrik Witbooi (1830-1905)
epd-bild/Gerhard Bäuerle

Die in der Kolonialzeit von den Deutschen erbeutete "Witbooi-Bibel" ist wieder in namibischen Händen. Die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) überreichte am 28. Februar Bibel und Peitsche des früheren Nama-Anführers Hendrik Witbooi dem namibischen Präsidenten Hage Geingob. Bei der feierlichen Zeremonie in Gibeon im Süden Namibias waren rund 3.000 Menschen zugegen, wie das Stuttgarter Ministerium mitteilte. Beide Objekte wurden seit über 100 Jahren im Stuttgarter Linden-Museum aufbewahrt. Baden-Württemberg restituierte damit erstmals koloniale Kulturgüter aus Afrika.

"Es ist ein bewegender und historischer Moment, dass wir die beiden Kulturgüter von nationaler Bedeutung an die Menschen in Namibia zurückgeben", sagte Bauer. Die Deutschen könnten die Geschichte nicht ungeschehen machen, aber sich ihrer Verantwortung stellen. "Die koloniale Vergangenheit verbindet unsere Nationen, für Namibia auf besonders schmerzhafte Weise", erklärte die Ministerin.

Nationalheld

Bei der Übergabe waren der Gründungspräsident der Republik, Sam Nujoma, der Parlamentspräsident Peter Katjavivi, die Premierministerin Saara Kuugongelwa-Amadhila sowie Vertreter der Familie Witbooi anwesend. Nach Namibia mitgereist war auch die Chefin des Linden-Museum, Inés de Castro.

Hendrik Witbooi (um 1830 - 1905) gilt heute in Namibia als Nationalheld. Er führte seinerzeit den Aufstand der Volksgruppe Nama gegen die deutschen Besatzer an. Die Familienbibel war sehr wahrscheinlich im Jahr 1893 bei einem Angriff auf den Hauptsitz Witboois von deutschen Kolonialtruppen erbeutet worden. Bei dem Angriff gingen die Kolonialtruppen mit größter Brutalität vor, auch viele Frauen und Kinder wurden getötet. Namibia war von 1884 bis 1915 die Kolonie Deutsch-Südwestafrika.

Ministerin Bauer dankte in Gibeon besonders der Familie Witbooi, die die baden-württembergische Delegation herzlich empfangen habe. Die Familie hatte der Rückgabe an die namibische Regierung zugestimmt. Die Vereinigung der Nama-Stammesältesten (NTLA) kritisiert indes die Restitution an die Regierung und beansprucht die Gegenstände für die Volksgruppe der Nama. Die Bibel soll vorerst ins Nationalarchiv, die Peitsche ins Nationalmuseum von Windhuk gebracht werden.



Ein heiterer Melancholiker


Günter Kunert
epd-bild/gezett
Er gilt als Meister der kurzen Form: Günter Kunert, der 1979 aus der DDR nach Schleswig-Holstein übersiedelte, ist vor allem ein Lyriker. Doch kurz vor seinem 90. Geburtstag ist jetzt ein Roman erschienen, den er vor 45 Jahren schrieb.

Einen heiteren Melancholiker hat er sich einmal selbst genannt. Günter Kunert ist aber auch vital, außerordentlich produktiv - und hilfsbereit. So erlebt ihn sein Freund, der Autor Kurt Drawert. "Er war der Erste, der sich telefonisch bei mir erkundigte, wie es mir geht und ob er helfen kann, als ich Anfang der 90er Jahre von Leipzig nach Niedersachsen zog. So etwas vergisst man nicht", sagt Drawert über den Dichter, der am 6. März 90 Jahre alt wird.

Kunert wusste, wie es ist, von Ost nach West zu wechseln: Als er 1979 mit seiner Frau von Ostberlin nach Schleswig-Holstein übersiedelte, war er schon 50 Jahre alt. Der Katzenliebhaber ließ sich im kleinen Dorf Kaisborstel nahe Itzehoe nieder und handelte sich mit seinen skeptischen bis pessimistischen Versen und Aphorismen bei seinen Rezensenten bald den Spitznamen einer "Kassandra von Kaisborstel" ein.

Auf seine norddeutschen Nachbarn ließ er nie etwas kommen: "Sie sind freundlich und hilfsbereit und haben mich schnell akzeptiert", erinnerte er sich in einem Interview im Norddeutschen Rundfunk anlässlich seines 85. Geburtstags.

Multitalent

Der gebürtige Berliner ist ein vielseitiger Künstler. Obwohl er die Lyrik noch immer als Kern seines Schaffens empfindet, schreibt er auch Erzählungen, Essays, Reiseberichte, Schauspiele und Kinderbücher. Einen Roman hat er unter dem Titel "Im Namen der Hüte" 1967 in der Bundesrepublik publiziert.

Kunert malt und zeichnet außerdem. Nach dem Krieg hatte er ein Grafik-Studium begonnen, das er aber schon nach zwei Jahren abbrach. Noch im selben Jahr, 1947, veröffentlichte er sein erstes Gedicht unter dem Titel "Ein Zug rollt vorüber" in einer Berliner Tageszeitung.

Zu seinem 90. Geburtstag widmet ihm das Wilhelm Busch Museum in Hannover eine Ausstellung. 2013 hatte Kunert dem Haus rund 700 Arbeiten übergeben, darunter Zeichnungen, Aquarelle, Fotografien und Ölbilder.

Gern wäre er Archäologe geworden, doch als Sohn einer jüdischen Mutter durfte er in der NS-Zeit keine höhere Schule besuchen. Als "wehrunwürdig" ausgemustert, überstand Kunert den Krieg und trat 1949 in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) der neu gegründeten DDR ein.

Im Jahr darauf wurden die Schriftsteller Johannes R. Becher und Bertolt Brecht auf ihn aufmerksam und begannen, ihn zu fördern. 1962 erhielt er den Heinrich-Mann-Preis. 1963 erschien sein erster Gedichtband ("Erinnerung an einen Planeten") im westdeutschen Carl Hanser Verlag. Dann begannen die Konflikte mit dem SED-Regime. Denn Kunert schrieb keine Hymnen, sondern satirische Gedankenlyrik. 1976 gehörte er zu den Erstunterzeichnern der Petition gegen die Ausbürgerung seines Freundes Wolf Biermann.

"Begabung zur Freundschaft"

Drei Jahre später reiste er selbst mit seiner Frau aus. "Fremd daheim" heißt einer seiner Gedichtbände, die seitdem im Hanser Verlag erschienen. Darin setzt er sich lyrisch mit dem Mauerfall 1989 und seinen Folgen auseinander.

"Ich schätze an seinem Werk den unbestechlichen, klaren, desillusionierten Blick, an seiner Person die Begabung zur Freundschaft", sagt Drawert. Auch mit dem früheren Hanser-Verlagschef Michael Krüger verbindet Kunert eine langjährige Freundschaft.

Für den Wallstein Verlag arbeitet der Autor seit 40 Jahren an seinem "Big Book", einem Konglomerat aus lyrischen Skizzen, Traumnotaten, Erinnerungssplittern und Tagesnotizen in mehreren Bänden. 2001 erschien "Nachrichten aus Ambivalencia", 2011 "Die Geburt der Sprichwörter", 2013 "Tröstliche Katastrophen".

Im vergangen Jahr kam "Ohne Umkehr" heraus: ein illusions-, wenn nicht hoffnungsloser Blick in den Abgrund der Weltpolitik. "Während ich schlief/ging die Welt unter", heißt es auch in seinem jüngsten Lyrikband "Aus meinem Schattenreich" (Hanser 2018).

Bei Wallstein ist gerade sein zweiter Roman unter dem Titel "Die zweite Frau" erschienen. Das verschollene Manuskript von 1974/75, ob seiner Frechheit undruckbar in der DDR, hatte der Verfasser nach mehr als 40 Jahren in einer Truhe wiedergefunden: Der männliche Protagonist irrt durch das Ostberlin der 70er Jahre, um ein passendes Geschenk zum 40. Geburtstag seiner Frau zu finden - vergebens. Also versucht er es im Intershop, wo man nur mit Westgeld bezahlen kann. Als er unbedachte Bemerkungen macht, entwickelt sich aus Missverständnissen eine Tragikomödie um Stasi-Tumbheit.

Kunert selbst liest - nach eigenem Bekunden - kaum noch Belletristik. Sachbücher und Biografien interessierten ihn mehr, sagte er schon vor Jahren dem Magazin "Cicero". Die meisten seiner Bücher habe er verschenkt, viele gingen an die Bibliothek einer Münsteraner Haftanstalt.

Von Claudia Schülke (epd)


Handelsabkommen Jefta zur "vergessenen Nachricht" des Jahres gewählt

Jefta - nie gehört? Kein Wunder: Das Freihandelsabkommen führt die diesjährige Top Ten der von den deutschen Medien vernachlässigten Themen an.

Die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) hat auch in diesem Jahr die Top Ten der vernachlässigten Themen in der deutschen Medienlandschaft gekürt. Auf Platz eins landete das Freihandelsabkommen Jefta, das seit dem 1. Februar 2019 zwischen der Europäischen Union und Japan besteht. Jefta sei gleichzeitig mit den viel diskutierten Verträgen TTIP und Ceta ausgehandelt worden, stehe aber im Vergleich zu diesen sehr im Hintergrund der öffentlichen Wahrnehmung, kritisierte INA-Geschäftsführer Hektor Haarkötter am 27. Februar in Köln.

"Wenn man bedenkt, dass es ein Freihandelsabkommen zwischen zwei der größten Wirtschaftsräume der Welt ist, kann man hier schon von journalistischem Systemversagen sprechen", sagte Haarkötter. Die Öffentlichkeit habe nahezu nichts von der Entstehung der gigantischen Freihandelszone mitbekommen. Die EU habe ihre Textvorschläge erst öffentlich gemacht, als das Abkommen bereits weitgehend ausgehandelt gewesen sei.

Auf Platz zwei landete das Sammeln von Fluggastdaten in der EU: Wer innerhalb Europas ein Flugzeug besteige, mache sich zum "gläsernen Passagier", so die Nachrichtenaufklärer. Denn seit 2018 sieht eine EU-Richtlinie vor, dass bei jedem Flug 20 persönliche Informationen an staatliche Behörden übermittelt werden und fünf Jahre lang gespeichert werden. Während über die Speicherung solcher Daten bei USA-Flügen sehr kontrovers diskutiert worden sei, habe es über die neue innereuropäische Regelung nur sehr wenig Berichterstattung gegeben, obwohl sie die meisten EU-Bürger deutlich stärker betreffe, bemängelte die INA.

Chemie im Trinkwasser

Auf dem dritten Platz landete die Anerkennung des selbst ernannten Übergangspräsidenten Venezuelas, Juan Guaidó, durch die Bundesregierung. Völkerrechtlich sei dies sehr umstritten, da es sich um die inneren Angelegenheiten eines Landes handele, sagte Haarkötter. Zudem sei es nicht üblich, einzelne Politiker anzuerkennen, sondern nur Staaten, etwa nach ihrer Unabhängigkeitserklärung.

Zu weiteren vernachlässigten Themen kürte die Jury etwa Chemikalien im deutschen Trinkwasser, das deutsche Stiftungswesen, Kinderarbeit in Indien, falsche Medikation bei Senioren und Internet-Kriminalität. Die Initiative Nachrichtenaufklärung ist eine Nicht-Regierungsorganisation, die auf von den Medien vernachlässigte Themen und Geschichten aufmerksam macht.

Interessierte können Themenvorschläge über die Internetseite "derblindefleck.de" einreichen, die dann von studentischen Rechercheteams an verschiedenen Hochschulen im ganzen Bundesgebiet recherchiert werden. Eine Jury aus Journalisten und Wissenschaftlern stimmt einmal jährlich über die Vorschläge ab und kürt die Top Ten der vergessenen Nachrichten.



DuMont Mediengruppe prüft Verkauf von Unternehmensteilen

Die Kölner DuMont Mediengruppe steht vor einer grundlegenden Neuausrichtung. Derzeit werde unter anderem eine "Veräußerung von Teilen des Portfolios" geprüft, sagte eine Sprecherin des Unternehmens am 26. Februar dem Evangelischen Pressedienst (epd). In der Diskussion seien aber verschiedene Handlungsoptionen, um eine zukunftsfähige Aufstellung sicherzustellen. Aktuell gebe es "weder konkrete Ergebnisse noch Entscheidungen". Der Konzern reagierte damit auf Medienberichte, wonach er sich von seinen Zeitungstiteln trennen will.

"Eine derartige Überprüfung der Strategie findet üblicherweise regelmäßig in einem Unternehmen statt, so auch bei DuMont", sagte die Sprecherin. Weitere Informationen zur geplanten strategischen Ausrichtung könnten derzeit nicht gegeben werden.

Der Branchendienst "Horizont" hatte zuvor gemeldet, dass sich DuMont von allen Regionalmedien trennen will. Betroffen sind demnach der "Kölner Stadt-Anzeiger" am Stammsitz in Köln wie auch die "Berliner Zeitung" und der "Berliner Kurier", die "Mitteldeutsche Zeitung" in Halle sowie die "Hamburger Morgenpost". Hinzu kommen dem Bericht zufolge alle Druckereien, zentralen Services und Anzeigenblätter.

"Offenbarungseid"

"Horizont" liegen nach eigenen Angaben Unterlagen vor, aus denen hervorgehen soll, dass DuMont die Münchner Unternehmensberatung Goetzpartners mit der Abwicklung eines Verkaufs der Regionalmedien beauftragt hat. In diesem Szenario würden lediglich die beiden Geschäftsfelder "Marketing Technology" mit diversen Online-Plattformen und Agenturen sowie "Business Information", darunter der Bundesanzeiger-Verlag, beim Konzern verbleiben.

Die DuMont Mediengruppe hatte im Geschäftsjahr 2017 ihren Umsatz auf 615 Millionen Euro gesteigert. Das war ein Plus von vier Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Konzernjahresergebnis lag mit 6,5 Millionen Euro mehr als doppelt so hoch wie im Vorjahr. Allerdings gehen die Zeitungsauflagen stark zurück: "Kölner Stadt-Anzeiger" und "Kölnische Rundschau" verkauften im vierten Quartal 2018 zusammen noch knapp 242.000 Exemplare, das waren 62.000 weniger als vor fünf Jahren.

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) bezeichnete den möglichen Verkauf der Regionalzeitungen als "verlegerischen Offenbarungseid". Die Pläne seien ein weiterer "Beleg für eklatantes Managementversagen in der Branche", erklärte der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall. Obwohl die Zeitungstitel nach wie vor Gewinne erwirtschafteten und die Notwendigkeit von Qualitätsjournalismus in Zeiten von Fake News täglich wachse, sei das verlegerische Verantwortungsgefühl völlig abhandengekommen.

Auch die Gewerkschaft ver.di übte scharfe Kritik. Der stellvertretende Vorsitzende Frank Werneke nannte es "unerträglich, mit welcher Gleichgültigkeit die Gesellschafter des Unternehmens mit den Existenzen Tausender Beschäftigter umgehen". Weder die Betriebsräte noch die Gewerkschaften seien über die Pläne informiert worden.



Filme der Woche

The Sisters Brothers

Die Scharfschützen Eli und Charlie Sisters arbeiten in Oregon für einen Geschäftemacher mit weitläufigen Beziehungen. Ihr neuer Job führt sie tausend Meilen weit nach Süden, auf den Spuren eines Goldsuchers und eines Detektivs. Für alle Männer wird die Reise zu einer Selbstbefragung: Was bringt eigentlich das Leben auf Messers Schneide? Die Romanadaption des französischen Autorenfilmers Jacques Audiard besticht durch charaktervolle Schauspieler, eindrucksvolle Bilder und ein westernuntypisches Maß an Nachdenklichkeit.

The Sisters Brothers (Frankreich/Spanien/Rumänien/USA/Belgien 2018). R: Jacques Audiard. B: Jacques Audiard, Thomas Bidegain (nach dem Roman von Patrick deWitt). Da: John C. Reilly, Joaquin Phoenix, Jake Gyllenhaal, Riz Ahmed, Rutger Hauer, Carol Kane. 121 Min.

Vom Lokführer, der die Liebe suchte

Der serbische Schauspieler Miki Manojlovic („Underground“) spielt den Lokführer Nurlan, dem einiges vor das Fenster seiner Lok weht – vom Betttuch bis zum Spitzen-BH. Dieses Textil verbindet der Lokführer mit einem intimen Blick in ein Haus, in dem sich eine Frau auszog. Und nach seiner Pensionierung macht er es sich zu seiner Lebensaufgabe, die Besitzerin des BHs zu finden. Der deutsche Regisseur Veit Helmer, der seinen neuesten Film wieder in Aserbeidschan angesiedelt hat (nach „Absurdistan“, 2018), ist bekannt für seine skurrilen und experimentierfreudigen Geschichten. Die vom Lokführer erzählt er ganz ohne Worte und Dialoge – die anrührende und zugleich komische Geschichte eines einsamen Mannes.

Vom Lokführer, der die Liebe suchte (Deutschland 2018). R: Veit Helmer. B: Leonie Geisinger, Veit Helmer. Da: Miki Manoilovic, Denis Lavant, Chulpan Khamatova, Ismael Quladze, Paz Vega. 90 Min.

Die Berufung – Ihr Kampf für Gerechtigkeit

Nach dem Dokumentarfilm „RBG“ kommt jetzt die Spielfilmversion über das Leben von Ruth Bader Ginsburg und ihre Karriere im männerdominierten amerikanischen Anwalts- und Richterwesen ins Kino. Heute ist Ruth Bader Ginsburg Richterin am höchsten amerikanischen Gericht, dem Supreme Court; sie hat sich speziell für Frauenrechte eingesetzt. Das Biopic „Die Berufung“ erzählt, wie Ginsburg nach verschiedenen Absagen von Anwaltskanzleien als Professorin nach Harvard berufen wird und in den 70er Jahren für die Gleichstellung der Geschlechter kämpft. Mimi Leder („Deep Impact“) inszenierte die Lebensgeschichte von „RBG“ ohne allzuviel Pathos.

Die Berufung – Ihr Kampf für Gerechtigkeit (USA 2018). R: Mimi Leder. B: Daniel Stiepleman. Da: Felicity Jones, Armie Hammer, Justin Theroux, Kathy Bates, Sam Waterston. 120 Min.

Beale Street

Der neue Film von Barry Jenkins („Moonlight“) erzählt eine berührende Liebesgeschichte aus dem Amerika der 1970er Jahre mit ihrem alltäglichen Rassismus. Die 19-jährige Tish und ihr Verlobter Fonny sind ein ärmeres Paar in Harlem. Fonny wird fälschlicherweise der Vergewaltigung an einer Puertorikanerin bezichtigt und kommt unschuldig ins Gefängnis. Und Tish bemüht sich, seine Unschuld zu beweisen. Aus ihrer Sicht schildert der Film die Ereignisse in einer Mischung aus Romantik und Zorn. Barry Jenkins hat den Roman von James Baldwin in ein Meisterwerk atmosphärischen Erzählens übertragen.

Beale Street (USA 2018). R u. B: Barry Jenkins (nach dem Roman von James Baldwin). Da: KiKI Layne, Stephan James, Regina King, Teyonah Parris, Colman Domingo, Dave Franco. 119 Min.

www.epd-film.de




Entwicklung

Machtkampf unter Terroristen


Fahrzeug der UN-Mission Minusma in Mali (Archivbild)
epd-bild/Bettina Rühl
In Afrika erlebt die Terrororganisation "Islamische Staat" seine Wiedergeburt, nachdem er in Syrien und dem Irak vor dem Aus steht. Für Zivilisten in Mali und für die dort stationierten Bundeswehrsoldaten bedeutet das erhebliche neue Gefahren.

Der Aufruf zum Kampf gegen die Terrormiliz IS kam von unerwarteter Seite. "Ein sogenannter Islamischer Staat ist in unserem Land aufgetaucht", erklärte Ali Rage, Sprecher von Al-Shabaab, der größten islamistischen Terrormiliz in Afrika. In der Aufzeichnung von Mitte Dezember fordert er, das "Krebsgeschwür auszumerzen". Es sind etwa 150 Bewaffnete, die im Nordosten Afrikas einen "Islamischen Staat in Somalia" gegründet haben. Al-Shabaab dagegen befehligt Schätzungen zufolge 4.500 Kämpfer. Doch die Angst vor dem IS ist groß. Denn die Terrorgruppe wächst - nicht nur in Somalia, sondern in ganz Afrika.

Auch im westafrikanischen Mali, das Außenminister Heiko Maas (SPD) am 27. und 28. Februar besuchte, kämpft eine Zelle des "Islamischen Staates". Ausgerufen hat sie im Mai 2015 Adnan Abu Walid Al-Sahrawi, die damalige Nummer 2 der Terrorgruppe Al-Murabitoun. Zwei Monate zuvor hatte Al-Murabitoun einen Anschlag auf ein Restaurant in der malischen Hauptstadt Bamako verübt, im November 2015 nahm sie im dortigen Radisson Blu Hotel 170 Geiseln. Im Januar 2017 reklamierte die Gruppe ein Attentat auf eine malische Militärbasis in Gao für sich, bei dem 77 Menschen getötet wurden. In Gao ist auch die Bundeswehr stationiert. Al-Murabitoun gehört zu ihren gefährlichsten Gegnern.

Establishment des Terrors

Zum IS gehört die Gruppe allerdings nicht. Denn kurz nach Al-Sahrawis Treueschwur widersprach der Gründer und Anführer von Al-Murabitoun, Mokhtar Belmokhtar, Al-Sahrawi. Es kam zur Spaltung. Für den "Islamischen Staat in der Großsahara" kämpfen seither über 400 Terroristen. Al-Murabitoun, seit März 2017 Teil des zu Al-Kaida gehörenden Terrorbündnisses Nusrat al-Islam oder GSIM, soll doppelt so stark sein. Trotzdem hat Al-Sahrawis IS-Zelle mit Attentaten von sich reden gemacht, etwa im September 2016 im Grenzgebiet zwischen Burkina Faso, Niger und Mali. Im Oktober 2017 töteten seine Kämpfer vier Soldaten einer US-Anti-Terroreinheit in Niger.

Nach Berechnungen der US-Militärakademie in West Point kämpfen in Afrika derzeit mehr als 6.000 Männer unter dem IS-Banner. Mehr als die Hälfte, 3.500, gehören zum "Islamischen Staat der Provinz Westafrika", kurz ISWAP, bekannt als Boko Haram. Seit August 2016 ist ISWAP gespalten, zwei Fraktionen kämpfen gegeneinander. Die jüngere der beiden, die offiziell vom IS anerkannt ist, wird für die erfolgreiche Offensive der vergangenen Monate verantwortlich gemacht, bei der Hunderte nigerianische Soldaten getötet wurden.

Die Gründe dafür, dass der IS sich als zweite Generation des globalen Dschihadismus in Afrika ausbreitet, sind hausgemacht. Die zu Al-Kaida gehörenden Gruppen wie Al-Shabaab oder GSIM zählen mittlerweile zum Establishment des Terrors in Afrika. Fast zwei Jahrzehnte nach dem 11. September 2001 sind die Machtstrukturen der einst als revolutionär auftretenden Gruppen verfestigt.

"Mr. Marlboro"

In Somalia teilt sich Al-Shabaab die Einnahmen aus illegalen Geschäften auch mit dem Staat und Einheiten der afrikanischen Amison-Truppen, die die Islamisten eigentlich bekämpfen sollen. Die Terrorgruppe ist etablierter Partner eines mafiösen Patronagesystems, das Erlöse aus Schmuggel und Schutzgelderpressung zwischen den Mächtigen aufteilt. Auch in Mali und im Rest der Sahara ist mit dem Schmuggel von Zigaretten, Drogen, Waffen und Flüchtlingen viel Geld zu verdienen. Dieses Geschäft kontrollieren etwa die Terrorgruppen wechselnden Namens um Mokhtar Belmokhtar, der als Schmuggelkönig nicht umsonst den Ehrentitel "Mr. Marlboro" trägt.

Und so war die Gründung von IS-Zellen durch Abdulqadir Mumin in Somalia und Adnan Abu Walid Al-Sahrawi in Mali auch ein Putsch gegen die bisherige Machtelite zu einem Zeitpunkt, als sich der IS mit der Eroberung von Palmyra in Syrien und Ramadi im Irak auf seinem Höhepunkt befand. Der Name aus den Schlagzeilen garantierte maximale Angst in der Bevölkerung und große Anziehungskraft für Mitstreiter.

Die wachsende Stärke des "Islamischen Staates" in Afrika droht, eine neue Eskalation der Gewalt zu befeuern. Die etablierten Islamisten werden, wie die Kriegserklärung von Al-Shabaab gegen den somalischen IS-Ableger zeigt, nicht kampflos aufgeben. Im Propagandakrieg werden sich zudem beide Lager bemühen, möglichst spektakuläre Anschläge zu verüben - auf Kosten der Zivilbevölkerung.

Von Marc Engelhardt (epd)


Rückgang der Gewalt in Asien und Europa

Die Kriege in der Ostukraine, in Myanmar und auf den Philippinen haben sich abgeschwächt, so das Heidelberger Konfliktbarometer 2018. Sorgen macht nach wie vor die Lage im Nahen Osten und Nordafrika. Dort sind mehrere Konflikte eskaliert.

Gute Nachrichten: Der einzige Krieg in Europa ist laut dem Heidelberger Konfliktbarometer 2018 deeskaliert. Der Konflikt in der Ostukraine sei erstmals in die Kategorie "begrenzter Krieg" herabgestuft worden, teilte das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung am 1. März mit. 2018 seien in der Donbas-Region 200 Menschen ums Leben gekommen. Das sei ein großer Rückgang im Vergleich zu den 13.000 Menschen, die seit Ausbruch der Gewalt 2014 starben.

Eine ähnliche Entwicklung sei in Asien zu beobachten. Die Gewalt in den 2017 beobachteten Kriegen in Myanmar und auf den Philippinen sei zurückgegangen. Jedoch seien einige gewaltsame Krisen auf dem asiatischen Kontinent 2018 noch brutaler geworden. Dazu gehöre der Konflikt zwischen der buddhistischen Mehrheit und der muslimischen Minderheit in Sri Lanka. Bei der schlimmsten Attacke im März griffen die Buddhisten den Angaben zufolge 450 muslimische Geschäfte sowie 24 muslimische Gebetsstätten an. China war in 14 aktive Konflikte involviert.

Brennpunkt Nordafrika

Am bedenklichsten ist den Forschern zufolge die Lage im Nahen Osten und in Nordafrika. Dort sind mehrere Konflikte zu Kriegen eskaliert. Das betreffe die syrische Region Afrin, Ägypten und die Türkei. In Afrika südlich der Sahara verringerte sich die Zahl der Kriege den Angaben zufolge von zehn auf vier, während keine neuen Kriege beobachtet wurden. Im Kongo und im Südsudan wurde eine Deeskalation der Kriege registriert.

In Nord- und Südamerika blieb der Drogenkonflikt zwischen mexikanischen Kartellen und der Regierung weiter der einzige als Krieg eingestufte Konflikt in der Region. In Kolumbien und El Salvador ging die Gewalt zurück. Im Konflikt zwischen Regierung und Opposition in Nicaragua gab es gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften.

Weniger Kriege

Insgesamt ging die Zahl der Kriege den Angaben zufolge 2018 von 20 auf 16 zurück. Die Zahl der weltweiten Konflikte bezifferten die Forscher auf 372. Davon seien 213 gewaltsam ausgetragen worden. Zum Vergleich: Für das Jahr 2013 hatte das Institut einen ersten Höchststand gemeldet und die Zahl der Kriege auf 20 und die der Konflikte auf 414 beziffert. Im Jahr 1998 nannten die Forscher neun Kriege und 119 Konflikte.

Das Konfliktbarometer erscheint seit 1991 jährlich. Darin analysieren die Forscher das weltweite Konfliktgeschehen. Dazu zählen gewaltlose und gewaltsame Krisen, Kriege, Staatsstreiche sowie Friedensverhandlungen. Zur Einordnung in die Kategorien gewichten sie verschiedene Faktoren, dazu zählen Waffeneinsatz, Flüchtlings- und Todeszahlen sowie Zerstörungen von Häusern, Feldern oder Fabriken.



Der Vater macht weiter: Zweite Amtszeit für Nigerias Präsident Buhari


Muhammadu Buhari (Archivbild)
epd-bild/Rolf Zöllner
In Nigeria ist Präsident Buhari zum Sieger der Wahl erklärt worden. Seine Anhänger erhoffen sich von dem 76-Jährigen vor allem Stabilität und ein Ende der Korruption im Land. Doch die Wahlbeteiligung zeigt: Der Rückhalt ist gering.

Sein augenzwinkernder Wahlslogan lautete "Baba, carry go" - "Papa, mach weiter". Jetzt kann Muhammadu Buhari, 76, Vater von zehn Kindern und seit 2015 Präsident Nigerias, tatsächlich weitermachen. Die Wahlkommission des westafrikanischen Landes erklärte ihn am 27. Februar mit 56 Prozent der Stimmen zum Sieger der Abstimmung vom 23. Februar. In seiner Wahlrede rief Buhari seine Anhänger auf, keine Überheblichkeit zur Schau zu stellen. Für diese Art von Nüchternheit genießt er über Parteigrenzen hinweg Respekt.

Für Buhari, der als 13. Kind seiner Mutter im nördlichen Bundesstaat Katsina zur Welt kam, ist die zweite Amtszeit seine wohl letzte Chance, Afrikas bevölkerungsreichsten Staat zu stabilisieren. 1983 putschte sich der damalige General an die Macht. Sein Versuch, das nahezu bankrotte Land mit drakonischen Sparmaßnahmen auf Vordermann zu bringen, endete in Volksaufständen und einem weiteren Putsch. Buhari, der sich stets zu seiner Verantwortung als Putschist bekannt hat, spricht von sich heute als "konvertierter Demokrat". Doch er weiß auch, wie schnell öffentlicher Druck zum Sturz führen kann.

Ehrlich und vertrauenswürdig

Als ehrlich und vertrauenswürdig lobten ihn seine Anhänger im Wahlkampf, der mit harten Bandagen geführt wurde. In Nigeria, einem der korruptesten Staaten Afrikas, gilt Buhari auch nach vier Jahren im Amt als durch und durch integer. Sein Versprechen, den Kampf gegen Korruption weiterzuführen, kam bei vielen Wählern an. Als Mittel gegen die Wirtschaftskrise, in der seit dem Einbruch der Ölpreise 2016 Millionen Nigerianer ihre Jobs verloren haben, baut Buhari auf staatliche Investitionen. Reformen erwartet von Buhari, der wegen seiner Langsamkeit "Baba Go-Slow" - Papa Stau - genannt wird, niemand. Sein Versprechen lautet Stabilität.

In einem Land, in dem es an allen Ecken brennt, ist das nicht viel. Trotz der bislang entschlossensten Offensive gegen die islamistische Terrorgruppe Boko Haram steht die Armee zunehmend unter Druck. Immer wieder weicht sie Angriffen der Terroristen. Im Zentrum des Landes ermorden schwer bewaffnete Nomaden sesshafte Bauern und brennen ganze Dörfer nieder. Dazu kommt eine wachsende Zahl von Entführungen. Weil der Staat die Sicherheit nicht garantieren kann, müssen sich die Bewohner auf Bürgerwehren mit Waffen Marke Eigenbau verlassen. Wie Buhari die Sicherheit im Land verbessern will, ließ er im Wahlkampf offen.

Niedrige Wahlbeteiligung

Ein weiteres Problem ist Buharis angeschlagene Gesundheit. Monatelang wurde der Präsident in britischen Krankenhäusern behandelt. Schließlich musste er sich sogar Gerüchten erwehren, er sei längst tot und werde durch ein Double ersetzt. Im Wahlkampf war ihm die lange Krankheit nicht anzumerken. Seine Reden waren auch früher schon hölzern und wenig mitreißend. Doch seit Präsident Umaru Yar'Adua 2010 im Amt verstarb und die Nation mit seinem umstrittenen Vize Goodluck Jonathan zurückließ, ist das Trauma groß, die Geschichte könnte sich wiederholen.

Bei seinem ersten Wahlsieg lobte Buhari den unterlegenen Jonathan dafür, seine Niederlage eingestanden zu haben. Diesmal muss er sich Vorwürfen der Wahlfälschung erwehren. Dass etwa im vom Anti-Terror-Krieg erschütterten Bundesstaat Borno fast so viele Stimmen abgegeben wurden wie in der friedlichen Metropole Lagos, erscheint nicht nur der Opposition um Atiku Abubakar rätselhaft. So oder so muss Buhari damit leben, dass die große Mehrheit ihn nicht gewählt hat. Von geschätzten 200 Millionen Nigerianern gaben ihm nur 15 Millionen ihre Stimme. Die Wahlbeteiligung war die niedrigste seit Ende der Diktatur vor 20 Jahren.

Von Marc Engelhardt (epd)



Termine

12.-13.3. Loccum

Von Maps und Games - Die Zukunft des Spendens. Was macht Zukunftsfähigkeit aus? Wie geschieht Veränderung? Welches Wissen und welche Techniken sind unabdingbar für gelingendes kirchliches Fundraising? Wie weit helfen Kenntnisse über limbische Profile? Ist Gaming im Non-Profit-Sektor eine Möglichkeit Spender zu erreichen? Diese Fragen werden gemeinsam mit Expertinnen und Experten auf der Fundraising-Tagung diskutiert. www.loccum.de

15.-17.3. Wittenberg

Nach dem Beruf die Berufung 60plus? Aktive Alterszeit als Chance für Kirche und Gesellschaft. Viele Menschen, die den Ruhestand erreichen, sind mobil, interessiert, engagiert und alles andere als in Ruhe. Ihre Zahl nimmt zu. Gleichzeitig fehlen an vielen Stellen Fachkräfte, und auch in Kommunalparlamenten bleibt mancher Stuhl leer. Können die aktiven Alten mit ihrer großen Lebens- und Berufserfahrung helfen, diese Lücken zu schließen? Was sagt die Altersforschung zu den Chancen der dritten Lebensphase? Welche Nachfrage und Angebote gibt es von Kirche und Gesellschaft für diese Gruppe – und welche passen? Neben wissenschaftlichen Debatten bietet ein Markt der Möglichkeiten die Gelegenheit, sich über die Formen und Chancen des Engagements im Alter zu informieren. www.ev-akademie-wittenberg.de

15.-17.3. Neudietendorf

Demokratie fragil. Klare Zustimmung zur freiheitlichen Demokratie, so heißt es in der EKD-Demokratiedenkschrift von 1985. Heute zeigt sich in Teilen von Gesellschaft und Kirche ein verändertes Stimmungsbild. Der demokratische Rechtsstaat, der 1989/90 auch in der DDR erkämpft wurde, ist fragwürdig geworden. Appelle pro Demokratie sind gut, politische Bildung ist besser. Aber ist es uns überhaupt noch klar, warum wir als Christen zur freiheitlichen Demokratie stehen? Die Tagung «Demokratie fragil» analysiert die aktuelle Lage wissenschaftlich und begibt sich in den Erfahrungsraum der Politik. www.ev-akademie-thueringen.de