Berlin (epd). Gleich am Beginn der Ausstellung ziehen zwei Bilder den Betrachter in den Bann, deren Ähnlichkeit nicht nur wegen des Themas verblüfft: die "Darbringung Christi im Tempel". 1454 malte der junge Andrea Mantegna (um 1431-1506) die Szene aus extremer Nahsicht: Maria hält das in Bänder gewickelte Kind dem weisen Simeon entgegen, beobachtet von Josef im Hintergrund sowie zwei weiteren Personen am Rand, vermutlich Mantegna selbst und seine frisch angetraute Frau, Nicolosia Bellini.
Sein Schwager und Malerkollege Giovanni Bellini (um1435-1516) war davon offenbar so stark beeindruckt, dass er Mantegnas Gemälde 20 Jahre später abpauste und mit neuen Figuren im Hintergrund ins Bild setzte. "Bellini hat sich davon inspirieren lassen, aber es ist keine direkte Kopie", urteilt Kurator Neville Rowley von der Berliner Gemäldegalerie, "der Grund dafür bleibt rätselhaft."
Enge Verbundenheit beider Maler
Das Bilderpaar belegt die Nähe zwischen den beiden bedeutenden Malern der Renaissance, die sich gegenseitig inspirierten und austauschten. Mantegna und Bellini standen lebenslang in regem Kontakt und vermittelten der Malerei wichtige neue Impulse: Mantegna in seiner Neuinterpretation der Antike, Bellini in der Wiedergabe von Landschaft, Licht und Farbe.
Die Ausstellung "Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance" am Kulturforum in Berlin lädt mit knapp 100 Werken zu einem Gipfeltreffen. Sie zeigt mit knapp 100 Werken die enge Verbundenheit beider Maler. Erstmals werden dazu Skizzen und Studien direkt neben den Gemälden, auf Augenhöhe, präsentiert und ermöglichen so den direkten Vergleich. Entstanden ist die Schau in Kooperation zwischen der National Gallery in London und der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen Berlin, die beide über Bestände aus allen Schaffensphasen der Künstler verfügen, ergänzt durch herausragende Leihgaben unter anderem aus Venedig, Washington und Paris.
Kirchliche, private und öffentliche Auftraggeber
Der aus Padua stammende Mantegna hatte 1452/53 die Halbschwester Giovanni Bellinis geheiratet. Seine Bildfindungen und sein Interesse an der Antike stießen auf großes Interesse bei seinem Schwager und Malerkollegen, während Mantegna seinerseits von Bellinis Darstellung von Landschaft beeindruckt war. Das wird etwa bei dem Bilderpaar "Christus am Ölberg" deutlich: 1455 malt Mantegna Jesus vor den Toren Jerusalems in einer Felskulisse, oben türmt sich die antike Stadt - das erste Einzelgemälde zu diesem Thema. Bellini greift die Szene 1458 auf und fasst sie in weicher Morgenstimmung neu.
1460, als Mantegna nach Mantua zog, um dort als Hofmaler zu arbeiten, trennten sich ihre Wege. Bellini war weiterhin in Venedig für kirchliche, private und öffentliche Auftraggeber tätig. Doch das gegenseitige Interesse blieb. Das belegt ein spätes Bilderpaar: 1514 malte Bellini "Fest der Götter" vor lebhaft gestalteter Landschaft eindeutig inspiriert durch Mantegnas detailreiches Gemälde "Minerva vertreibt die Laster aus dem Garten der Tugend" von 1500. "Diese beiden Gemälde einmal nebeneinander sehen zu können, ist ein Jahrhundertereignis", freut sich Kuratorin Dagmar Korbacher, Direktorin des Kupferstichkabinetts.
Zu den Höhepunkten der Schau gehört auch die Gegenüberstellung des Porträts des Kardinals Trevisan von Mantegna aus der Gemäldegalerie mit dem Bildnis des Dogen Loredan von Bellini, das erstmals überhaupt von der National Gallery in London ausgeliehen wurde. Darüber hinaus reisten drei großformatige Gemälde Mantegnas aus dem Zyklus "Der Triumphzug des Cäsar" nach Berlin, die aus dem Besitz der englischen Königin stammen. Die Ausstellung gibt mit diesen Meisterwerken Einblick in die künstlerischen Beziehungen zweier Malerfürsten der Renaissance.

