Einen heiteren Melancholiker hat er sich einmal selbst genannt. Günter Kunert ist aber auch vital, außerordentlich produktiv - und hilfsbereit. So erlebt ihn sein Freund, der Autor Kurt Drawert. "Er war der Erste, der sich telefonisch bei mir erkundigte, wie es mir geht und ob er helfen kann, als ich Anfang der 90er Jahre von Leipzig nach Niedersachsen zog. So etwas vergisst man nicht", sagt Drawert über den Dichter, der am 6. März 90 Jahre alt wird.

Kunert wusste, wie es ist, von Ost nach West zu wechseln: Als er 1979 mit seiner Frau von Ostberlin nach Schleswig-Holstein übersiedelte, war er schon 50 Jahre alt. Der Katzenliebhaber ließ sich im kleinen Dorf Kaisborstel nahe Itzehoe nieder und handelte sich mit seinen skeptischen bis pessimistischen Versen und Aphorismen bei seinen Rezensenten bald den Spitznamen einer "Kassandra von Kaisborstel" ein.

Auf seine norddeutschen Nachbarn ließ er nie etwas kommen: "Sie sind freundlich und hilfsbereit und haben mich schnell akzeptiert", erinnerte er sich in einem Interview im Norddeutschen Rundfunk anlässlich seines 85. Geburtstags.

Multitalent

Der gebürtige Berliner ist ein vielseitiger Künstler. Obwohl er die Lyrik noch immer als Kern seines Schaffens empfindet, schreibt er auch Erzählungen, Essays, Reiseberichte, Schauspiele und Kinderbücher. Einen Roman hat er unter dem Titel "Im Namen der Hüte" 1967 in der Bundesrepublik publiziert.

Kunert malt und zeichnet außerdem. Nach dem Krieg hatte er ein Grafik-Studium begonnen, das er aber schon nach zwei Jahren abbrach. Noch im selben Jahr, 1947, veröffentlichte er sein erstes Gedicht unter dem Titel "Ein Zug rollt vorüber" in einer Berliner Tageszeitung.

Zu seinem 90. Geburtstag widmet ihm das Wilhelm Busch Museum in Hannover eine Ausstellung. 2013 hatte Kunert dem Haus rund 700 Arbeiten übergeben, darunter Zeichnungen, Aquarelle, Fotografien und Ölbilder.

Gern wäre er Archäologe geworden, doch als Sohn einer jüdischen Mutter durfte er in der NS-Zeit keine höhere Schule besuchen. Als "wehrunwürdig" ausgemustert, überstand Kunert den Krieg und trat 1949 in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) der neu gegründeten DDR ein.

Im Jahr darauf wurden die Schriftsteller Johannes R. Becher und Bertolt Brecht auf ihn aufmerksam und begannen, ihn zu fördern. 1962 erhielt er den Heinrich-Mann-Preis. 1963 erschien sein erster Gedichtband ("Erinnerung an einen Planeten") im westdeutschen Carl Hanser Verlag. Dann begannen die Konflikte mit dem SED-Regime. Denn Kunert schrieb keine Hymnen, sondern satirische Gedankenlyrik. 1976 gehörte er zu den Erstunterzeichnern der Petition gegen die Ausbürgerung seines Freundes Wolf Biermann.

"Begabung zur Freundschaft"

Drei Jahre später reiste er selbst mit seiner Frau aus. "Fremd daheim" heißt einer seiner Gedichtbände, die seitdem im Hanser Verlag erschienen. Darin setzt er sich lyrisch mit dem Mauerfall 1989 und seinen Folgen auseinander.

"Ich schätze an seinem Werk den unbestechlichen, klaren, desillusionierten Blick, an seiner Person die Begabung zur Freundschaft", sagt Drawert. Auch mit dem früheren Hanser-Verlagschef Michael Krüger verbindet Kunert eine langjährige Freundschaft.

Für den Wallstein Verlag arbeitet der Autor seit 40 Jahren an seinem "Big Book", einem Konglomerat aus lyrischen Skizzen, Traumnotaten, Erinnerungssplittern und Tagesnotizen in mehreren Bänden. 2001 erschien "Nachrichten aus Ambivalencia", 2011 "Die Geburt der Sprichwörter", 2013 "Tröstliche Katastrophen".

Im vergangen Jahr kam "Ohne Umkehr" heraus: ein illusions-, wenn nicht hoffnungsloser Blick in den Abgrund der Weltpolitik. "Während ich schlief/ging die Welt unter", heißt es auch in seinem jüngsten Lyrikband "Aus meinem Schattenreich" (Hanser 2018).

Bei Wallstein ist gerade sein zweiter Roman unter dem Titel "Die zweite Frau" erschienen. Das verschollene Manuskript von 1974/75, ob seiner Frechheit undruckbar in der DDR, hatte der Verfasser nach mehr als 40 Jahren in einer Truhe wiedergefunden: Der männliche Protagonist irrt durch das Ostberlin der 70er Jahre, um ein passendes Geschenk zum 40. Geburtstag seiner Frau zu finden - vergebens. Also versucht er es im Intershop, wo man nur mit Westgeld bezahlen kann. Als er unbedachte Bemerkungen macht, entwickelt sich aus Missverständnissen eine Tragikomödie um Stasi-Tumbheit.

Kunert selbst liest - nach eigenem Bekunden - kaum noch Belletristik. Sachbücher und Biografien interessierten ihn mehr, sagte er schon vor Jahren dem Magazin "Cicero". Die meisten seiner Bücher habe er verschenkt, viele gingen an die Bibliothek einer Münsteraner Haftanstalt.