Kirchen

Zentralrat der Juden und Kirchen besorgt über AfD-Wahlerfolg




Stimmabgabe in einem Wahllokal in Magdeburg
epd-bild/Paul-Philipp Braun
Der Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt löst in der jüdischen Gemeinschaft einen Schock aus. Er sei "persönlich entsetzt", sagt Zentralratspräsident Schuster. Der evangelische Landesbischof Kramer sieht einen Riss durch die Gesellschaft.

Berlin (epd). Vertreter der jüdischen Gemeinschaft haben mit Entsetzen auf den Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt reagiert. Eine als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Partei sei in einem deutschen Bundesland nur knapp von der Alleinregierung entfernt, sagte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, am Abend des 6. September als Reaktion auf die ersten Hochrechnungen dem Evangelischen Pressedienst (epd). Er sei „persönlich entsetzt“.

Die ehemalige Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch erklärte: „Dass Rechtsextreme in Deutschland in dieser Art wieder Wahlen gewinnen, das hätte ich mir in meinen schlimmsten Albträumen nicht vorstellen können.“ Das Wahlergebnis sei ein Zeichen, „dass die Statik der Demokratie in unserem Land nicht mehr funktioniert - und ich sage ganz offen: Das macht mir Angst“, sagte die 93 Jahre alte Holocaust-Überlebende am 6. September in München.

Auschwitz-Komitee: „Dieses Wahlergebnis macht uns Angst“

Von Angst sprach auch die Präsidentin des Internationalen Auschwitz Komitees, Eva Umlauf. In München erklärte die 83 Jahre alte Auschwitz-Überlebende, dass noch einmal in einem deutschen Landesparlament eine rechtsextreme Partei als stärkste Fraktion Platz nehmen wird, „hätten wir als Überlebende des Holocaust nie für möglich gehalten“. „Dieses Wahlergebnis macht uns Angst“, sagte Umlauf und zog Parallelen zum Aufstieg der NSDAP in den frühen 1930er Jahren in Deutschland.

Dem vorläufigen Ergebnis zufolge erreichte die AfD bei der Wahl am 6. September 43,8 Prozent der Stimmen. Außerdem sind die CDU, die SPD, die Grünen, die Linke und das BSW im künftigen Landtag vertreten. Die Mehrheit der Sitze im Parlament erreichte die AfD nicht.

Eine Regierungsbildung in Sachsen-Anhalt ist schwierig, denn vor der Wahl hatten alle anderen Parteien eine Koalition mit der AfD ausgeschlossen. Das BSW äußerte sich offen für Gespräche. Um eine AfD-geführte Regierung zu verhindern, müssten sich alle fünf anderen im neuen Landesparlament vertretenen Parteien auf eine Zusammenarbeit verständigen. Das gilt als politisch unwahrscheinlich.

Landesbischof: Zusammenkommen „wird schwierig“

Der Bischof der mitteldeutschen Landeskirche, Friedrich Kramer, erkennt im Ausgang der Wahl eine Spaltung des Landes. Das Ergebnis zeige sehr klar, „dass ein Riss tief durch die Gesellschaft geht“, sagte der evangelische Theologe im ARD-„Brennpunkt“. Für alle, die Regierungsverantwortung übernehmen, werde es schwer, eine Regierung zu bilden, „die alle Menschen mitnimmt“, sagte Kramer. Es gehe jetzt darum zu schauen, wie man wieder zusammenkommen könne, sagte er, räumte dabei aber ein: „Das wird schwierig.“ Es gehe „vielleicht auch leichter“, wenn die Erregung ein bisschen herunterkomme.

Der katholische Bischof von Magdeburg, Gerhard Feige, warnte bei einer Bistumswallfahrt auf dem Gelände des Klosters Huysburg bei Halberstadt am Wahltag vor der Zunahme von Vorurteilen, Abgrenzungen und Eigeninteressen. „Gegenwärtig heißt das wohl in besonderer Weise, dem nationalistischen und fremdenfeindlichen Ungeist zu widerstehen“, sagte er. Einige Kirchengemeinden in Sachsen-Anhalt hatten angekündigt, am Sonntag oder in den kommenden Tagen ihre Türen für Gebet und Einkehr zu öffnen.

Von Corinna Buschow und Karsten Frerichs (epd)


Landesbischof Meister: AfD-Positionen am Evangelium messen




Ralf Meister
epd-bild/Heike Lyding
Eine "Remigration" von Menschen mit Migrationshintergrund oder Einschränkungen bei der Inklusion von Menschen mit Behinderung: Bischof Meister blickt mit Sorge auf zentrale politische Absichten der AfD. Für ihn sei die Partei nicht wählbar, sagt er.

Hannover (epd). Der Leitende Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Ralf Meister, hat sich ablehnend zu zentralen politischen Positionen der AfD geäußert. „Jeder Christ, jede Christin sollte die AfD an der Botschaft des Evangeliums messen“, sagte der hannoversche Landesbischof am 4. September dem Evangelischen Pressedienst (epd) mit Blick auf die bevorstehenden Landtagswahlen. Für seine eigene Person betonte er: „Ich kann zentrale Positionen der AfD nicht mit meinen christlichen Werten in Einklang bringen. Insofern ist sie für mich nicht wählbar.“

Als mit dem christlichen Glauben unvereinbar bezeichnete er insbesondere Positionen der Partei zu einer möglichen „Remigration“ von Menschen mit Migrationshintergrund, zu queeren Menschen und zur Inklusion von Menschen mit Behinderung. „Jede Person verfügt nach christlichem Menschenbild ebenso wie nach unserem Grundgesetz über den gleichen Wert und eine unverlierbare Würde“, betonte der Theologe. „Deshalb halte ich manche Vorschläge der AfD für gefährlich.“

Warnung vor antidemokratischen Tendenzen

Der Bischof verwies zugleich auf eine gemeinsame Erklärung der evangelischen Bischöfe und leitenden kirchlichen Repräsentanten in Niedersachsen und Bremen zu Menschenwürde und Demokratie. In der Stellungnahme vom 5. Mai warnen die Autorinnen und Autoren explizit vor „antidemokratischen Tendenzen“ und benennen dabei auch ausdrücklich die AfD.

Politischen Streit um den richtigen Weg und kontroverse Auseinandersetzungen hält der Landesbischof durchaus für angebracht. „Eine lebendige Demokratie hält es aus, dass verschiedene, auch sehr kritische Stimmen, zu Wort kommen“, sagte er mit Blick auf die AfD.

Im Gespräch bleiben

Allerdings dürfe dabei der politische Rahmen nicht zerstört werden: „Die Grenze ist erreicht, wenn sich die Freiheit der politischen Meinungsäußerung gegen die demokratische Grundordnung selbst richtet und etwa die Unabhängigkeit der Verfassungsorgane oder tragender Institutionen systematisch beschädigt werden.“

Meister warb dafür, im Gespräch mit Anhängern und Sympathisanten der AfD zu bleiben. „Demokratie lebt davon, dass Menschen im Gespräch sind und um Kompromisse ringen“, sagte er. „Mit Menschen, die abweichende Meinungen vertreten, sollte das Gespräch immer möglich bleiben.“ Allerdings sieht der Landesbischof dabei auch rote Linien: „Es gibt Haltungen, die sich durch diskriminierende Wortwahl und erniedrigende oder verletzende Positionen selbst disqualifizieren.“

epd-Gespräch: Michael Grau


Wegen AfD-Wahlkampf: Kirche bittet Frau, Ehrenämter abzugeben



Eine evangelische Kirchengemeinde hat eine Ehrenamtliche aufgefordert, ihre Ämter aufzugeben, weil sie den AfD-Wahlkampf ihres Lebensgefährten unterstützt hat. Sie wolle sich nicht von "menschenverachtenden Positionen" der Partei distanzieren.

Oldenburg (epd). Die evangelische Kirchengemeinde Wardenburg bei Oldenburg hat eine ehrenamtliche Mitarbeiterin aufgefordert, ihre kirchlichen Ämter niederzulegen, weil sie den Wahlkampf ihres Lebensgefährten für die AfD unterstützt. Kirchensprecher Dirk-Michael Grötzsch bestätigte am 3. September dem Evangelischen Pressedienst (epd) den Vorgang. Zuerst hatte die Oldenburger „Nordwest-Zeitung“ berichtet.

Ausschlaggebend seien „die anhaltende proaktive und öffentliche Unterstützung des AfD-Wahlkampfs sowie die Weigerung, sich von menschenfeindlichen und menschenverachtenden Äußerungen der AfD zu distanzieren“, sagte Grötzsch. Das stehe im krassen Widerspruch zu den Grundüberzeugungen der Kirchengemeinde.

Ausgebildete Prädikantin

Bis zum Juli war die Frau laut Grötzsch ehrenamtlich im Förderverein der Gemeinde und bei der Aktion „Anderer Advent“ aktiv. Außerdem war die ausgebildete Prädikantin lange Zeit ehrenamtliche Predigerin in der Gemeinde. Aus dieser Tätigkeit wurde sie jedoch bereits vor einigen Jahren offiziell in der Kirchengemeinde verabschiedet. Laut der „Nordwest-Zeitung“ ist die Frau nach der Aufforderung, ihre Ehrenämter zu beenden, aus der Kirche ausgetreten.

Leitende der Kirchengemeinde Wardenburg hätten mit der Frau mehrfach das Gespräch gesucht, sagte Grötzsch. Dabei sei „deutlich geworden, dass sich die Frau in keinerlei Weise von den menschenverachtenden Aussagen der AfD distanzieren möchte und sie den Wahlkampf ihres Lebensgefährten für die AfD weiterhin aktiv und öffentlich sichtbar unterstützen wird“.



Bischof Stäblein in Haltung zum Ukraine-Krieg gespalten




Christian Stäblein
epd-bild/Paul-Philipp Braun
Der Ukrainekrieg bringt manche Christen in einen Gewissenskonflikt. Der Berliner Bischof Stäblein äußert seine eigene Gespaltenheit in Bezug auf Pazifismus und das Recht auf Verteidigung.

Berlin (epd). Der evangelische Berliner Bischof Christian Stäblein hat anlässlich des Antikriegstags seinen Gewissenskonflikt in Bezug auf den Ukrainekrieg zum Ausdruck gebracht. „Es zerreißt mich und ich glaube, es zerreißt sehr viele Menschen“, sagte der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz am 1. September im RBB-Inforadio. Der Antikriegstag erinnert an den Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen, mit dem am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg begann.

Stäblein sagte, es sei einerseits „das klare Gebot Gottes, Frieden zu wahren, Frieden zu suchen und von Waffen abzulassen“. Die große Verheißung der Bibel sei, dass aus Schwertern Pflugscharen werden. Auf der anderen Seite würden aber Menschen in dieser Welt angegriffen. Seit Jahren tobe nun Russlands völkerrechtswidriger Angriffskrieg gegen die Ukraine. Er könne Gewalt nie gutheißen, betonte er. Es gebe jedoch Momente, in denen sogenannte „rechtserhaltende Gewalt“ zulässig sei.

Um Frieden beten

„Der Pazifismus als Tradition gehört in jedem Fall zu uns, gehört auch zum biblischen Zeugnis“, sagte Stäblein. Er finde sich auch in der Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) von 2025, in der Gegengewalt zur Abwehr eines Aggressors unter Umständen als legitim eingeordnet wird. Zugleich betonte der Bischof, dass es die erste Aufgabe eines Christenmenschen bleibe, um Frieden zu beten. Es müsse jedoch ein gerechter Frieden sein, „der seinen Namen auch verdient.“



Kirche schickt Schaumherzen für Auszubildende in den Himmel




Anna-Nicole Heinrich (links) und Dorothee Wüst auf dem Römerberg in Frankfurt am Main
epd-bild/Peter Jülich
Herzen aus weißem Schaum steigen in den Himmel über Frankfurt, begleitet von guten Wünschen. Die evangelische Kirche hatte jungen Menschen zum Ausbildungsstart ein Herz und einen Segenszuspruch angeboten.

Frankfurt a.M. (epd). Die vielen weißen Herzen über dem Frankfurter Römerberg steigen am 1. September nicht für Brautpaare auf, die sich dort auf dem Standesamt das Ja-Wort geben. Die Herzen aus Schaum schweben vor der Alten Nikolaikirche in den blauen Himmel als Teil einer Segensaktion der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und beteiligter Landeskirchen: Es geht um junge Menschen, die am 1. September ihre Berufsausbildung begonnen haben. Mehr als tausend Herzen sollen an diesem Tag auffliegen.

Mit der Aktion „Herzen hoch für dich!“ wolle die Kirche junge Menschen am Anfang ihres Berufslebens begleiten, sagt die Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche der Pfalz, Dorothee Wüst, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Ein Start sei mit Wünschen und Hoffnungen sowie auch mit Unsicherheit und Ängsten verbunden. Mit der Aktion wolle die Kirche „die jungen Menschen mit diesen Gefühlen auffangen“.

Da sein, wo die jungen Menschen sind

Auf einem Social-Media-Kanal bei WhatsApp hatte die Kirche für diese Aktion geworben. Mit der Resonanz sei sie sehr zufrieden, betont Wüst. Es sei gelungen, junge Menschen in deren Lebenswelt und in ihren Gefühlslagen zu erreichen: „Wir sind da, wo die jungen Leute sind.“

Die in den Himmel entlassenen Schaumherzen werden begleitet von den persönlichen Wünschen, die Berufsanfänger oder ganze Berufsschulklassen auf Social Media geäußert hatten, und von Segensworten der Kirchenpräsidentin und weiteren Vertreterinnen und Vertretern der EKD und der Landeskirchen. Die kurzen individuellen Ansprachen werden gefilmt, die Videos bekommen die jungen Menschen zugeschickt.

Nette Kollegen erwünscht

Die hessen-nassauische Pfarrerin Anja Harzke steht vor einer der aufgebauten Kameras und wünscht zu dem hinter ihr aufsteigendem Herz für Rune, dass sich dessen Ausbildung als gutes Fundament für sein Berufsleben erweise. Zum Beginn des neuen Lebensabschnitts wünschten sich viele junge Leute „nette Kollegen oder dass sie die Ausbildung durchhalten“, sagt die Pfarrerin. Auch die Hoffnung, mit der Berufswahl die richtige Entscheidung getroffen zu haben, sei vielfach geäußert worden. Bei den Wünschen werde der Respekt deutlich, den die Auszubildenden der Situation entgegenbringen.

Entstanden ist „Herzen hoch für dich!“ nach einer Aktion der Evangelischen Kirche der Pfalz und des katholischen Bistums Speyer im Frühjahr. „Wir haben am Morgen der Abschlussprüfungen für Abiturienten eine Kerze angezündet“, erzählt Felix Kirschbacher, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Pfälzer Landeskirche. Auch dazu gab es einen Videobeweis. 2027 werde man die Aktion voraussichtlich auf alle Schulformen ausweiten, mehr als zehn Landeskirchen hätten bereits ihre Beteiligung zugesagt.

Video für das Ende des ersten Arbeitstages

EKD-Synodenpräses Anna-Nicole Heinrich liest vor der Kamera Dianas Wunsch vor, dass ihre Ausbildung gut verläuft und sie und ihre Familie gesund bleiben. Gott werde sie begleiten, sagt Heinrich. Nachdem der kurze Videodreh beendet ist, kommentiert Heinrich, dass sie die ganze Aktion „sehr cool“ findet. „Am Schönsten stelle ich es mir vor, wenn die Berufsanfänger am Abend ihres ersten Arbeitstages ins Handy schauen und ihr Video finden. Mit ihrem Herz, mit ihrem Wunsch und mit einem ganz persönlichen Segen“, sagt Heinrich und strahlt.

Von Renate Haller (epd)


Sächsisches Bistum nach Timmerevers-Rücktritt vorerst ohne Bischof




Bischof Heinrich Timmerevers
epd-bild/Heike Lyding
In der Regel scheiden katholische Bischöfe mit 75 Jahren aus dem Amt. Heinrich Timmerevers tritt nun früher auf die Bremse. Eine Nachfolge wird laut Bistum etwa ein Jahr dauern.

Dresden (epd). Der Dresdner katholische Bischof Heinrich Timmerevers ist vorzeitig zurückgetreten. Der 74-Jährige legte sein Bischofsamt am 2. September offiziell nieder. Papst Leo XIV. habe den Amtsverzicht angenommen, teilte das Bistum Dresden-Meißen in Dresden mit. Damit trete die sogenannte „Sedisvakanz“ ein, während der der Bischofsstuhl der Dresdner Kathedrale im wörtlichen Sinn unbesetzt sei.

Als einen Grund für seinen Rücktritt führte Timmerevers sein Alter an. „Die Zeiten der Erholung werden größer“, sagte der emeritierte Bischof. In einem solchen Amt sei „nicht verantwortbar, dass man es laufen lässt“. Zugleich betonte Timmerevers: „Niemand und nichts hat mich zu meiner Entscheidung gedrängt.“ Es gebe „keinen äußeren Anlass oder akute gesundheitliche Gründe“.

Kritik an Amtsführung

Zur Kritik an seiner Amtsführung beim Thema Aufarbeitung sexualisierter Gewalt sagte Timmerevers: „Wir sehen, wie schwierig das Thema ist.“ Auch in der Aufarbeitungskommission voranzukommen, sei nicht leicht gewesen. „Dies war aber für mich nicht der Grund zu sagen, ich werfe jetzt das Handtuch.“

In einer Mitteilung hieß es zuvor, Timmerevers habe beschlossen, die Leitung des Bistums Dresden-Meißen „in jüngere Hände zu übergeben“. Bereits im Februar hat er nach eigenen Angaben in Rom um Entpflichtung gebeten und „dieses Ersuchen dem Heiligen Vater auch im persönlichen Gespräch bei einer Audienz erläutert“.

Nachfolgersuche kann ein Jahr dauern

Timmerevers war zehn Jahre lang Bischof des sächsisch-ostthüringischen Bistums Dresden-Meißen mit knapp 125.000 Kirchenmitgliedern. Die Leitung der Diözese geht nun vorläufig auf das Domkapitel St. Petri in Dresden über. Es werde ein Diözesanadministrator eingesetzt, hieß es. Die Suche nach einem geeigneten Nachfolger dauert dem Bistum zufolge bis zu einem Jahr.

Katholische Bischöfe bieten dem Papst üblicherweise mit 75 Jahren ihren Rücktritt an. Timmerevers war in der Vergangenheit wegen seiner Amtsführung immer wieder in die Kritik geraten. Neben der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt betraf diese etwa die Schließung kirchlicher Einrichtungen und Strukturreformen innerhalb der Diözese. Auch die Kosten von rund 48 Millionen Euro für den Neubau des Bischofssitzes in Dresden sorgten für Ärger.

Kretschmer würdigt „fruchtbare Zusammenarbeit“

Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sagte, die Begegnungen mit Timmerevers seien „von Respekt und gegenseitigem Vertrauen geprägt“ gewesen. „Es gab eine gute und fruchtbare Zusammenarbeit mit der Staatsregierung.“

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Heiner Wilmer, bedauerte den Rücktritt. Timmerevers habe Kirche als soziale Gestalt sowie als lebendigen Ort des Glaubens erfahrbar gemacht.

Ökumene intensiv gepflegt

Sachsens evangelischer Landesbischof Tobias Bilz lobte „die gute ökumenische Zusammenarbeit, die von großem Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung geprägt war“.

Der katholische Geistliche hatte 1980 die Priesterweihe. Am 5. September wollte er in Dresden seine 25-jährige Bischofsweihe feiern, nun wird es eine Abschiedsfeier in den Ruhestand. Timmerevers war 2001 von Papst Johannes Paul II. (1920-2005) in Münster zum Weihbischof ernannt worden.

Von Katharina Rögner (epd)


EKD-Ratsvorsitzende Fehrs: "Kirche darf nicht müde werden"




EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs
epd-bild/Christian Ditsch
Die Kirche muss nach Ansicht der Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Kirsten Fehrs, besonders in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung Flagge zeigen. Dazu gehöre auch das Gespräch mit den frustrierten Menschen.

Hamburg (epd). Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Kirsten Fehrs, nimmt die Kirche in die Pflicht, den Zusammenhalt in der derzeit polarisierten Gesellschaft zu stärken. „Als Kirche haben wir einen gesellschaftlichen Auftrag, der in diesen Zeiten nötiger ist, denn je“, sagte die Hamburger Bischöfin im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) anlässlich ihres 65. Geburtstags am 12. September.

Dazu gehöre neben dem interreligiösen Dialog auch die Intensivierung der Beziehungen von Kirche zu Wirtschaft und Verbänden. Kirche und Gesellschaft befänden sich derzeit in „riesigen Transformationsprozessen“. Es brauche eine gewisse Unerschrockenheit, um diese Veränderungen anzugehen. Angesichts der zunehmenden rechtsextremen Kräfte in Deutschland müsse Kirche Haltung bewahren und die gesellschaftlichen Grundwerte vertreten. „Wir dürfen nicht müde werden, in den Dialog mit Menschen zu treten, die eine hohe Unzufriedenheit spüren.“

„Leid ist nicht die ganze Wahrheit“

Kirche sei verantwortlich für ein Gemeinwesen, in dem nie nur der Blick auf sich selbst zähle, sondern auch auf den Nächsten. „Deshalb stehen wir, wie so viele andere Institutionen, unter enormem Druck. Weil wir uns solidarisch mit den Schwächsten unserer Gesellschaft zeigen, werden wir als naiv beschimpft, wenn nicht sogar schlimmer“, sagte Fehrs. Es sei Aufgabe von Kirchengemeinden, Diakonie und auch ihr als Bischöfin, dennoch nicht nachzulassen.

Um hoffnungsvoll zu bleiben, rät sie dazu, den Unzufriedenen nicht ständig eine Bühne zu geben. Stattdessen solle man auch mal „eine andere Brille“ aufsetzen und sich auf das fokussieren, was dank vieler engagierter Menschen im Land gut gelinge. „Das heißt nicht, dass wir das Leid etwa durch Kriege und Krisen ausblenden. Aber dieses Leid ist eben nicht die ganze Wahrheit“, findet die Bischöfin.

epd-Gespräch: Nadine Heggen


Patriarch Bartholomäus mahnt: Ökologische Krise stoppen



Zum Weltgebetstag für die Bewahrung der Schöpfung am 1. September hat Patriarch Bartholomäus vor den Folgen einer weiteren Ausbeutung der Natur gewarnt. Ökologische Verantwortung müsse zum Maßstab persönlichen Handelns und globaler Politik werden.

Genf (epd). Der Ökumenische Patriarch Bartholomäus hat zum Weltgebetstag für die Bewahrung der Schöpfung am 1. September vor einer Ausweitung der ökologischen Krise gewarnt. Die Menschheit müsse aufhören zu glauben, die Erde könne die Folgen menschlichen Handelns dauerhaft verkraften und die Natur „werde sich von selbst erholen“, heißt es in einer am 1. September vom Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf verbreiteten Botschaft des Ehrenoberhauptes der Weltorthodoxie. Danach forderte Bartholomäus, ökologische Verantwortung als „kategorischen Imperativ“ zu verstehen - im persönlichen Handeln ebenso wie auf globaler Ebene.

Patriarch Bartholomäus verglich das vorherrschende Modell menschlichen Verhaltens mit dem „törichten reichen Mann“ aus dem Lukas-Evangelium. Auch der heutige Mensch missachte die Grenzen der Natur im Namen wirtschaftlicher Interessen, des Konsumdenkens und der Befriedigung „unersättlicher Bedürfnisse“. Die weltweite Neigung, die Natur zu manipulieren, für eigene Zwecke zu nutzen und auszubeuten, werde für das Leben auf der Erde tragische Folgen haben, erklärte der Patriarch weiter.

Ökumenischer Kontext

Das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel mit Sitz im heutigen Istanbul führte den Gedenktag zur Bewahrung der Schöpfung 1989 ein. Papst Franziskus rief 2015 den 1. September als Weltgebetstag für die katholische Kirche aus. Damit griff er die orthodoxe Tradition auf und stellte so den Weltgebetstag in einen ökumenischen Kontext. Jahr für Jahr rufen Kirchen unterschiedlicher Konfessionen - auch in Deutschland - zudem gemeinsam vom 1. September bis 4. Oktober zur Schöpfungszeit zum Schutz der Umwelt auf.

Dem Ökumenischen Rat der Kirchen gehören mehr als 350 Kirchen, Denominationen und kirchliche Gemeinschaften in mehr als 120 Ländern weltweit an, die wiederum über 580 Millionen Christinnen und Christen vertreten. Die römisch-katholische Kirche ist kein Mitglied.




Gesellschaft

Wetterdienst: Nur der Sommer 2003 war heißer




Niedrigwasser an der Elbe in Magdeburg im Juli
epd-bild/Thomas Nawrath
Heiß, trocken und niedrige Pegelstände in den Flüssen: Der Deutsche Wetterdienst legt für diesen Sommer Rekordwerte vor.

Offenbach a.M. (epd). Einer der wärmsten Sommer seit 1881 mit neuen Hitzerekorden, Trockenheit und viel Sonne geht mit dem Beginn des meteorologischen Herbstes am 1. September zu Ende. Der fehlende Regen habe sich in historisch niedrigen Flusspegeln sowie teils großflächigen Wald- und Vegetationsbränden gezeigt, teilte der Deutsche Wetterdienst (DWD) am 31. August in Offenbach am Main mit. Lokale Unwetter und Tornados hätten zum verbreiteten Niederschlagsmangel allerdings „scharfe Kontraste“ gesetzt. Dies zeigten die vorläufigen Auswertungen der Ergebnisse der rund 2.000 Messstationen des DWD.

Mit einem voraussichtlichen Temperaturmittel von 19,6 Grad werde der Sommer 2026 nur vom Sommer 2003 mit seinem Mittel von 19,7 Grad übertroffen.

„Beispiellos“ war 2026 nach Angaben des DWD die Zahl der Hitzetage: „Im Deutschlandmittel wurden rund 22 heiße Tage mit mindestens 30 Grad und etwa fünf sehr heiße Tage mit mindestens 35 Grad ermittelt.“ Den vorläufigen bundesweiten Höchstwert und neuen Deutschlandrekord meldete demnach Möckern-Drewitz in Sachsen-Anhalt am 27. Juni mit 41,8 Grad. Die Nacht vom 27. zum 28. Juni war ebenfalls extrem: Im sächsischen Kubschütz sank die Temperatur nicht unter 29,4 Grad - „das höchste jemals in Deutschland gemessene nächtliche Minimum“.

Deutlich weniger Regen

Mit rund 171 Liter Regen auf den Quadratmeter erreichte der Sommer knapp 72 Prozent seines Klimasolls von 239 Litern pro Quadratmeter, das entspricht nahezu dem Niederschlag in der Vergleichsperiode 1991-2020 (241 Liter). „Prägend für die großräumige Sommerbilanz waren demnach ausgetrocknete Böden, teils rekordniedrige Wasserstände an vielen Flüssen sowie zahlreiche Wald- und Vegetationsbrände“, teilte der DWD mit.

Mit rund 779 Stunden Sonnenschein dürfte der vergangene Sommer zu den fünf sonnigsten seit 1951 zählen, vermutet der DWD. Damit würde das Klimasoll der Periode 1961-1990 (614 Stunden) um etwa 27 Prozent übertroffen, die Vergleichsperiode 1991-2020 (654 Stunden) um rund 19 Prozent.



RKI-Bericht: Zahl der Hitzetoten steigt auf 16.300




Krankenwagen mit Blaulicht (Symbolbild)
epd-bild/Guido Schiefer
Die Zahl der Hitzetoten steigt weiter in ungekannte Höhen: Mehr als 16.000 Menschen sind laut RKI-Schätzungen in diesem Jahr gestorben - bereits 1,8 Mal so viel wie im bisherigen Negativrekordjahr 2018.

Berlin (epd). Infolge der Rekordtemperaturen im Sommer 2026 steigt die Zahl der hitzebedingten Todesfälle in Deutschland weiter: Seit Jahresbeginn sind nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) mindestens 16.300 Menschen infolge hoher Temperaturen gestorben. Wie das RKI am 3. September in seinem wöchentlichen Hitzemortalitätsbericht mit Stichtag 23. August bekannt gab, starben mit 9.600 besonders viele Menschen in der sehr heißen Woche Ende Juli, während rund 4.500 Todesfälle auf Hitzeperioden Ende Juli bis Mitte August zurückgehen.

Der Klimawandel war im diesjährigen Sommer mit mehreren Temperaturrekorden auch in Deutschland spürbar: Der Juni 2026 war nach Daten des EU-Klimadienstes Copernicus der heißeste Juni, der jemals in Westeuropa gemessen wurde. Nach Angaben des Deutschen Wetterdiensts (DWD) war die Zahl der diesjährigen Hitzetage beispiellos: Rund 22 heiße Tage mit mindestens 30 Grad und fünf sehr heißen Tagen über 35 Grad seien im bundesweiten Mittel erfasst worden. Mit einer voraussichtlichen Durchschnittstemperatur von 19,6 Grad sei der Sommer 2026 nur vom Sommer 2003 mit 19,7 Grad übertroffen.

Mehr Ältere und Frauen unter den Todesfällen

Hohe Temperaturen sind vor allem für ältere Menschen gefährlich: Ab einem Alter von 75 steigt die Übersterblichkeit durch Hitze laut den RKI-Zahlen stark an. 12.240 der Hitzetoten in diesem Jahr waren älter als 75. Insgesamt sind den Zahlen zufolge mit 8.300 mehr Frauen als Männer (8.000) im Zusammenhang mit Hitze verstorben. Laut RKI lässt sich das auf den prozentual höheren Frauenanteil in den älteren Altersgruppen zurückführen.

Hitzeperioden in Deutschland führen laut RKI regelmäßig zu einem Anstieg der Todeszahlen. Hitze ist dabei selten die alleinige Todesursache. Meist führt eine Kombination aus hohen Temperaturen und Vorerkrankungen zum Tod. Da Hitze auf Totenscheinen normalerweise nicht als Todesursache angegeben wird, schätzt das RKI die Zahl der Hitzetoten mithilfe statistischer Verfahren.



25 Jahre nach dem 11. September: Rosen gegen Vergessen am Ground Zero




Das National September 11 Memorial and Museum in New York
epd-bild/Mirjam Rüscher
Ort der Stille: Die nationale Gedenkstätte zum 11. September 2001 in New York erinnert an die Terroranschläge vor 25 Jahren. Hier werden die Opfer geehrt, und eine Ausstellung führt durch das Grauen der damaligen Ereignisse.

New York (epd). Eine weiße Rose steckt neben einem der Namen, die in die bronzenen Ränder eingelassen sind. Jeden Morgen markiere ein Mitarbeiter der Gedenkstätte mit einer Rose die Namen jener Menschen, die an diesem Tag Geburtstag haben, erklärt eine der Freiwilligen, die an der nationalen Gedenkstätte zum 11. September in New York im Einsatz sind. Sie trägt wie ihre Kollegen eine blaue Weste. Ein Foto von der Rose neben dem Namen werde an die Angehörigen geschickt. „Gerade für diejenigen, die weit weg sind, ist es zumindest ein kleiner Trost, wenn sie nicht hier sein können“, sagt sie.

2.977 Männer, Frauen und Kinder starben bei den Terroranschlägen auf die USA am 11. September 2001: beim Einsturz der Hochhaustürme in New York, beim Angriff auf das Pentagon und beim Absturz des United-Airlines-Flugs 93 in Pennsylvania. Ihre Namen sind auf den Rändern der Gedenkstätte in Manhattan zu lesen.

Zwei Reflexionsbecken sind an exakt der Stelle in den Boden eingelassen, wo die Zwillingstürme gestanden haben. Wasser fließt an allen vier Seiten in dunkle Schächte im Boden. Man kann die Dimensionen der Ereignisse kaum fassen, wenn man hier steht. Und doch werden sie durch die vielen Namen deutlich.

Dialog der Ereignisse

Die Freiwilligen am 9/11-Memorial heißen die Besucher der Gedenkstätte willkommen. Sie erklären Details, führen Gespräche und halten die Erinnerung lebendig. „Wissen Sie noch, wo Sie am 11. September gewesen sind?“, fragt die schmale Frau mit den kurzen Haaren. Sie nimmt sich Zeit, hört zu, sie erzählt selbst. Sie hält aus, wenn ihr Gesprächspartner mit den Tränen kämpft.

Sie und ihre Kollegen wollen den Dialog über die Ereignisse in Gang halten. „Jeder Besucher geht anders damit um. Aber es sind wirklich sehr viele betroffen. Auch von den jungen Menschen, von denen viele die Anschläge gar nicht erlebt haben“, erklärt die Freiwillige. Denn während für die einen der 11. September mit eigenen Erinnerungen verbunden ist, ist er für andere nur noch Geschichte. Nach Angaben des Museums sind 100 Millionen Amerikaner heute zu jung, um sich zu erinnern.

Die freiwillige Helferin erklärt auch, dass die Namen von weiteren Opfern in die Gedenkstätte eingelassen sind. Es sind die sechs Menschen, die bei dem Anschlag auf das World Trade Center am 26. Februar 1993 gestorben sind. Die Gedenkstätte für die Opfer des Anschlags wurde am 11. September zerstört, ihre Namen wurden deshalb in das heutige Memorial aufgenommen.

Zeitleiste der Erinnerung

Von den Namen der Toten oben am Becken geht es im Museum hinab zur Geschichte des Geschehens. Auch hier weisen die blauen Westen der Freiwilligen den Weg. Die Ausstellungsräume erstrecken sich tief in das Fundament des ehemaligen World Trade Centers. Teile der Ausstellung befinden sich zwischen den früheren Grundmauern.

Es ist bedrückend dort unten. Ein Stimmengewirr empfängt die Besucher. Aufnahmen von Menschen, die versuchen zu beschreiben, was sie sehen. Fotos von geschockten Gesichtern. Schlagzeilen aus den Nachrichten. Eine Wand mit Fotos und Steckbriefen aller Opfer. Eine Zeitleiste zeichnet das Geschehen nach, vom ersten Flugzeug, das in einen der Türme flog, bis zu ihrem Zusammenbruch. Als Betrachter wird man in den Ablauf des Tages zurückversetzt.

Doch es sind nicht nur die Daten und Abläufe, die die Ausstellung prägen. Es sind die Dinge, die von diesem Tag übrig geblieben sind: verbranntes Papier, verbogenes Metall, Glasssplitter, ein verbogener Feuerwehrwagen, Fotos, Briefe, Andenken, Helme. Dazu kommen Sirenengeheul, Stimmen von Nachrichtensprechern, Aufnahmen von Telefonaten und Funksprüche. „Schickt alles, was ihr habt, zum World Trade Center. Jetzt“, ist die Stimme eines Polizisten zu hören.

Symbol für das Überleben

Die Anschläge, auch der von 1993, werden in politische Ereignisse und zeitliche Abläufe eingebunden. Eine zentrale Rolle spielt dabei die mediale Übertragung. Der 11. September entfaltete sich in Echtzeit vor den Augen der Welt. Nach Angaben des Museums hat fast ein Drittel der Weltbevölkerung live verfolgt, was passiert ist. Die Bilder der brennenden Türme und ihres Einsturzes sind tief im kollektiven Gedächtnis verankert.

Millionen von Menschen aus aller Welt besuchen jedes Jahr das Museum und den Gedenkplatz. Die etwa 400 Sumpf-Weißeichen, die rund um die Becken stehen, lassen den Ort mitten in der Großstadt beinahe friedlich wirken.

Zwischen all den Eichen steht ein Callery Pear Tree, eine chinesische Wild-Birne, die unter dem Namen „Survivor Tree“ bekannt ist. Der Baum überstand den Einsturz der Türme schwer beschädigt. Er wurde gesund gepflegt und kehrte 2010 an den Ort des Geschehens zurück.

Er ist Teil der Erinnerung an diesen Tag, ein Symbol für das Überleben. So wie die weißen Rosen, die Tag für Tag neben Namen abgelegt werden und dafür sorgen, dass die Opfer und ihre Geburtstage auch 25 Jahre später nicht vergessen sind.

Von Mirjam Rüscher (epd)


Gedenkort für CSD-Opfer in Berlin erneut beschädigt



Nach dem Anschlag auf den Berliner CSD wurde eine Regenbogenbank am Tatort aufgestellt und ein Baum gepflanzt. Nach wenigen Wochen wurde die Bank von Unbekannten zerstört. Jetzt ist auch der Gedenkbaum herausgerissen worden.

Berlin (epd). Der Gedenkort zum Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day (CSD) im Tiergarten ist erneut erheblich beschädigt worden. Unbekannte rissen in der Nacht zum 6. September einen neu eingepflanzten Baum samt Schutzgitter aus der Erde, wie die Polizei in Berlin mitteilte. Weitere im Umfeld liegende Gegenstände in Erinnerung an den Anschlag seien ebenfalls beschädigt oder teilweise zerstört worden.

Polizisten hatten am frühen Sonntagmorgen die Verwüstung festgestellt. Der Staatsschutz hat die Ermittlungen wegen gemeinschaftlicher Sachbeschädigung übernommen. Der französische Ahorn war als Ersatz für den Baum gepflanzt worden, mit dem der Wagen des Attentäters vom 25. Juli kollidierte.

Regenbogenbank zerstört

Bereits Anfang der Woche war eine Regenbogenbank am Trauerort des Anschlags von Unbekannten zerstört worden. Die in Regenbogenfarben gestrichene Sitzbank war erst am 6. August aufgestellt worden. Sie sollte zum Verweilen und zur stillen Anteilnahme einladen und Solidarität mit der queeren Community zum Ausdruck bringen.

Bei dem Anschlag auf den CSD in Berlin war ein Kastenwagen in eine Menschenmenge gefahren. Eine 65-jährige Polin wurde getötet, 31 Menschen wurden teils schwer verletzt. Ein 21-Jähriger hatte den Wagen gesteuert und war anschließend mit einer Stichwaffe auf weitere Passanten losgegangen. Die Sicherheitsbehörden gehen von einem islamistischen Motiv aus. Der Mann wurde am Tag nach dem Anschlag bei einem Polizeieinsatz erschossen.




Soziales

Schuch: Wir sind parteiisch für diejenigen, die sich uns anvertrauen




Rüdiger Schuch (Archivbild)
epd-bild/Hans Scherhaufer
Der Präsident der Diakonie, Rüdiger Schuch, warnt vor den Verführungen des Rechtsextremismus. Auf die Reformprojekte der Regierung hat er einen differenzierten Blick.

Berlin (epd). Rüdiger Schuch ist seit 2024 Präsident der Diakonie Deutschland. Mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) sprach der Pfarrer über die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, die Gefahren des Rechtsextremismus und seine Wünsche an die Regierung bei den anstehenden Sozialreformen.

epd: Die Diakonie ist Teil des Bündnisses „Zusammen für Demokratie“, das gerade einen Solidaritätspakt gegen rechte Angriffe vereinbart hat. Warum ist das nötig?

Schuch: Die Bedrohungslage für viele Träger, die sich zivilgesellschaftlich engagieren, und auch für private Initiativen ist in den letzten Monaten immer größer geworden. Deswegen ist die Idee entstanden, die Angegriffenen gemeinsam zu unterstützen. Wir wollen deutlich machen, dass sehr unterschiedliche Organisationen füreinander einstehen und sich zusammen für die Demokratie stark machen.

epd: Sie sprechen von einer Bedrohungslage. Was erleben Ihre Mitarbeitenden?

Schuch: Einrichtungen der Diakonie sind immer wieder im Fokus von Rechtsextremisten. Das betrifft zum Beispiel die Arbeit mit Migranten oder Menschen mit Behinderung. Hier erleben Mitarbeitende psychische Gewalt, insbesondere Hetzkampagnen. Sie werden in den sozialen Medien angegangen und bedroht. Nicht wenige haben Angst und überlegen, ob sie durchhalten und ihren Familien das weiter zumuten sollen.

„Populisten verschleiern ihre Vorhaben“

epd: Es ist viel von einem angeblichen Rechtsruck in der Gesellschaft die Rede. Was halten Sie von dieser Analyse?

Schuch: Wir erleben bei vielen Menschen eine starke Verunsicherung angesichts der multiplen Krisen und Herausforderungen. Rechtsextreme Populisten verschleiern gezielt ihre radikalen Vorhaben und bieten einfache Scheinlösungen an. Zum Beispiel die an den Haaren herbeigezogene Sündenbock-Erzählung, dass Menschen mit Migrationshintergrund in diesem Land an allem schuld seien.

epd: In Sachsen-Anhalt liegt die AfD in den Umfragen klar vorn. Wie blicken Sie auf die Landtagswahl?

Schuch: Ob die AfD sachlich überzeugende Antworten auf die großen Fragen hat, vor denen Sachsen-Anhalt und Deutschland stehen, muss jede Wählerin und jeder Wähler selbst entscheiden. Ich hoffe, dass sie sich genau überlegen, ob sie populistische Versprechen für vertrauenswürdig halten oder an Sachlösungen interessiert sind. Als Diakonie sind wir parteipolitisch neutral und geben auch keine Wahlempfehlungen ab. Aber wir sind parteiisch für die Menschen, die sich uns anvertrauen, und stehen zu unserem diakonischen Auftrag und unseren christlichen Werten. Da gibt es viele, die sich wegen einer möglichen Regierungsübernahme der AfD in Sachsen-Anhalt Sorgen machen. Viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte würden Sachsen-Anhalt verlassen müssen oder wollen. Das wäre nicht nur für sie persönlich eine Katastrophe, sondern auch für den Wirtschaftsstandort. Man denke dabei nur an die Arbeit in den Kliniken und Pflegeeinrichtungen in dem Bundesland.

epd: Inwiefern bereiten Sie sich als Organisation auf die Möglichkeit vor, dass die AfD die Landesregierung übernimmt?

Schuch: Die Kolleginnen und Kollegen der Diakonie Mitteldeutschland können die Situation vor Ort am besten einschätzen und uns sagen, was sie vom Bundesverband und von der Gemeinschaft der Landesverbände an solidarischer Unterstützung brauchen. Wir haben viele Gespräche geführt, gemeinsam beraten und auch Veranstaltungen zusammen durchgeführt. Das wird nach der Wahl in Sachsen-Anhalt weitergehen, übrigens auch in Mecklenburg-Vorpommern. Dort, wo Unterstützung angefordert wird, werden wir sie geben.

Gegen Kürzungen bei „Demokratie leben“

epd: Wie blicken Sie in der aktuellen Situation auf den Umbau des Bundesprogramms „Demokratie leben!“?

Schuch: 2025 stand das Programm auf der Kippe und es ist auch Bundesfamilienministerin Karin Prien zu verdanken, dass es nicht eingestampft wurde. Ich halte es aber für eine falsche Entscheidung, hier zu kürzen. Denn wir leben in einer Zeit, in der die Gesellschaft polarisiert ist. Demokratisches Denken und Handeln muss mehr denn je im Miteinander eingeübt und gelebt werden. Dafür sind Demokratieförderprogramme unverzichtbar. Ich hoffe sehr, dass die Bundesregierung das im Blick behält.

epd: Die Regierung hat auch umfangreiche Sozialreformen angestoßen. Setzt sie die richtigen Prioritäten?

Schuch: Ich bin dankbar, dass die Regierung große Reformvorhaben anpackt. Ob diese zukunftsfähig sind, wird sich erweisen. Bei der Pflege etwa wirken die Pläne auf mich bisher wie ein reines Sparprogramm und nicht wie ein Reformvorhaben. Dass der neue Gesundheitsminister Carsten Linnemann der zunächst geplanten Schlechterstellung pflegender Angehöriger bei der Rente eine Absage erteilt, ist ein sehr positives Signal. Aber es gibt weitere problematische Punkte. Das betrifft die ambulante Pflege, deren Stabilität aufs Spiel gesetzt wird, aber auch den stationären Bereich. Ich kann nur hoffen, dass Herr Linnemann den Mut hat, diese Pflegereform nochmal deutlich anders auszurichten. Ansonsten wird der Pflegenotstand in diesem Land nur größer - und damit die Unzufriedenheit mit der Politik. Jede Familie in diesem Land spürt es irgendwann, wenn die Pflege nicht funktioniert.

Wohngeldkürzung „völlig falsches Signal“

epd: Gibt es auch Vorhaben, die Sie positiv sehen?

Schuch: Die Sozialstaatskommission hat vorgeschlagen, Anträge und Verfahren deutlich zu vereinfachen. Das fordern wir als Diakonie seit Jahren. Es ist wahnsinnig kompliziert, Wohngeld, Kinderzuschlag und weitere existenzsichernde Leistungen zu beantragen. Viele Antragsberechtigte, die ohnehin in schwierigen Situationen stecken, verlieren da den Überblick. Wenn es gelänge, dass nur noch ein einziger Antrag bei einer einzigen Stelle eingereicht werden müsste, wäre das ein ungeheurer Schritt nach vorne.

epd: Beim Wohngeld soll jetzt allerdings erstmal drastisch gekürzt werden.

Schuch: Das ist ein völlig falsches Signal. Die Mieten sind hoch, der Wohnraum ist knapp, gerade in den Städten. Kürzungen beim Wohngeld bedeuten eine enorme Belastung für Menschen mit geringen Einkommen, insbesondere für Familien. Wir bekommen jetzt schon die Rückmeldung, dass in den Sozial- und Schuldnerberatungsstellen immer mehr Menschen von Problemen berichten, wegen der hohen Mieten mit ihrem Geld zurechtzukommen. Am Ende kann das auch zu Wohnungslosigkeit führen.

Insgesamt fällt beim Blick auf die Reformvorhaben auf, dass diejenigen, die ohnehin schon zu kämpfen haben, besonders betroffen sind: Familien mit geringen Einkommen, Alleinerziehende, Menschen mit kleinen Renten, Pflegebedürftige und ihre Angehörigen. Da droht eine soziale Schieflage. Und bei vielen Menschen wächst bis in die Mittelschicht hinein die Angst, in den nächsten Jahren nicht mehr hinzukommen mit dem Geld, das man hat.

Kritik an Bürgergeld-Debatte

epd: Wie beurteilen Sie die politische Kommunikation rund um die Reformen?

Schuch: Denken Sie zurück an die Diskussionen über das Bürgergeld. Da wurde ein Narrativ aufgebaut, dass viele Menschen diese Leistung zu Unrecht bekämen. Dabei weiß man in der Politik sehr wohl, dass das auf die allerwenigsten Menschen zutrifft. Diese Debatte hat dem gesellschaftlichen Klima geschadet und zugleich die Diskussionen über Sozialreformen insgesamt geprägt. Dabei leben wir alle in diesem Sozialstaat und profitieren auch alle von ihm. Es wäre wichtig, in der Kommunikation deutlich zu machen, was für eine Riesenchance dieses Land durch einen gut funktionierenden Sozialstaat hat.

epd: Wie gut fühlen Sie sich als Organisation einbezogen in den Reformprozess?

Schuch: Wir werden punktuell angehört, so war es etwa bei der Sozialstaatskommission. Aber wir sind nicht Teil dieser Gremien. Das bedauern wir sehr, weil damit die Menschen, die es unmittelbar angeht, gar keine Stimme in den Reformprozessen haben. Ich halte das auch für einen politischen Fehler. Wenn mehr Akteure wie die freie Wohlfahrt einbezogen würden, dann würden diese Vorhaben auf viel größeres Verständnis stoßen. Die Bundesregierung müsste sehr viel stärker auf Dialog setzen, als sich abzuschotten.

epd-Gespräch: Christina Neuhaus


Studie: Ausländische Fachkräfte für Ostdeutschland "unverzichtbar"




Bäcker bei der Arbeit (Archiv-Bild)
epd-bild/Yvonne Seidel
Fast jeder vierte Lkw-Fahrer in Ostdeutschland hat keinen deutschen Pass. Auch in Kliniken sehe es ohne ausländische Ärzte "düster" aus, zeigt eine IW-Studie. Die Autoren fordern bessere Bedingungen für Zuwanderung und ein offenes politisches Klima.

Köln (epd). Wegen des demografischen Wandels gewinnt in Ostdeutschland die Zuwanderung zunehmend an Bedeutung, um Personallücken in der Wirtschaft und im Gesundheitsbereich zu schließen. Schon jetzt arbeiteten in den ostdeutschen Flächenländern knapp 160.000 ausländische Fachkräfte in sogenannten Engpassberufen, heißt es in einer am 4. September in Köln veröffentlichten Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Dabei handele es sich um Berufe wie Ärzte, Pflegepersonal, Lkw-Fahrer oder Köche.

Für den ostdeutschen Arbeitsmarkt seien ausländische Fachkräfte „unverzichtbar“, erklärte das IW. Seit 2019 hätten mehr deutsche Staatsbürger den Arbeitsmarkt verlassen als nachfolgen. Ohne ausländische Fachkräfte sehe die Beschäftigungslage in vielen Bereichen deshalb „düster“ aus.

Ohne Zuwanderung stocken Logistik, Medizin und Gastronomie

So könnte etwa die ostdeutsche Logistik ins Stocken geraten: Fast jeder vierte Lkw-Fahrer - mehr als 21.000 Menschen - hat den Angaben zufolge keinen deutschen Pass. Knapp 10.000 arbeiten in der Lagerwirtschaft, rund 6.700 in der Kfz-Technik. Auch die medizinische Versorgung wäre gefährdet. Über 5.000 Ärzte und rund 4.500 Pflegekräfte in Ostdeutschland haben laut dem IW keinen deutschen Pass.

In der Fleischverarbeitung ist laut der Studie jeder zweite Beschäftigte Ausländer, das sind rund 4.700 Menschen. Unter den Köchen ist es mit rund 6.700 Personen gut jeder Fünfte. Im Gastronomieservice arbeiten fast 6.500 Ausländer. Das ist etwa jeder Vierte. Der tatsächliche Beitrag von Fachkräften mit ausländischen Wurzeln dürfte laut den Studienautoren sogar noch größer sein, denn eingebürgerte Staatsangehörige tauchen in der Statistik nicht als Ausländer auf. So wurden allein im vergangenen Jahr bundesweit 332.500 Menschen eingebürgert.

Zuwanderung von EU-Bürgern geht zurück

Die Zuwanderung aus der EU hat laut dem IW den demografischen Wandel am deutschen Arbeitsmarkt lange gedämpft. Diese Quelle versiege aber mittlerweile, warnte das Institut. Seit 2024 haben demnach mehr EU-Bürger Deutschland verlassen als zuziehen. Durch den Renteneintritt der Babyboomer dürfte sich der Personalmangel weiter zuspitzen. „Wenn es in Ostdeutschland nicht gelingt, Arbeitskräfte aus Drittstaaten zu gewinnen und zu halten, bleiben Waren liegen, Patienten unbehandelt und Restaurants geschlossen“, sagte IW-Experte Gero Kunath, Mitautor der Studie.

Staat und Gesellschaft müssten die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass ausländische Fachkräfte nach Ostdeutschland zum Arbeiten kommen und dort auch bleiben. Die Studienautoren verweisen dabei auf Spielräume insbesondere bei Bürokratieabbau, am Wohnungsmarkt sowie bei der Bekämpfung von Diskriminierung und einem offeneren politischem Klima.

Hinsichtlich Weltoffenheit und politischem Klima stünden insbesondere für Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern mit den anstehenden Landtagswahlen im September „zentrale Weichenstellungen“ an, heißt es in der Studie. Sie dürften über die künftige Zuwanderung und die Nutzung „entsprechender Potenziale“ für den Arbeitsmarkt in Ostdeutschland mitentscheiden.

Von Michael Bosse (epd)


Mietenreport: Sparen bei der Altersvorsorge für die Wohnung




Wohnblock in Ludwigshafen
epd-bild/Thomas Lohnes
Mieterinnen und Mieter sparen teils an existenziellen Stellen, um die Wohnung bezahlen zu können. Jeder Dritte hat die Sorge, sich die Miete künftig nicht mehr leisten zu können. Der Deutsche Mieterbund, DGB und Linke fordern Maßnahmen.

Berlin (epd). Sorge vor Wohnungsverlust und Einschränkungen an anderer Stelle: Die Kosten für die Miete stellen viele Menschen vor existenzielle Herausforderungen. Wie aus dem am 1. September in Berlin vorgestellten Mietenreport des Deutschen Mieterbundes hervorgeht, hat fast ein Drittel (29 Prozent) der Mieterinnen und Mieter Angst, die Kosten für die Wohnung zukünftig nicht mehr tragen zu können. 58 Prozent berichteten, ihre Wohnkosten seien im vergangenen Jahr gestiegen. Rund die Hälfte der Mieterinnen und Mieter gab in der für den Report beauftragten Umfrage an, wegen der Miete auf Investitionen in die Altersvorsorge verzichtet oder sich bei Urlaub und notwendigen Anschaffungen beschränkt zu haben.

„Die Wohnungskrise wird zur Sozialstaatskrise“, sagte die Präsidentin des Mieterbundes, Melanie Weber-Moritz, bei der Vorstellung des Reports. Sie hob hervor, dass ein Viertel der Mieterinnen und Mieter in der Umfrage angab, sogar an gesunden Lebensmitteln zu sparen, um sich die Wohnung leisten zu können. Für die repräsentative Umfrage wurden den Angaben zufolge Ende Juni und Anfang Juli 1.021 Mieterinnen und Mieter vom Meinungsforschungsinstitut forsa befragt.

Mieterbund kritisiert Kürzungspläne beim Wohngeld

Für den Report wurden Weber-Moritz zufolge zudem Statistiken und Studien ausgewertet. Sie zeigten, dass Deutschland nach wie vor ein Land der Mieterinnen und Mieter sei. Gut die Hälfte der Bevölkerung (52,8 Prozent) wohnt demnach zur Miete. Europaweit sei das der erste Platz.

Die Präsidentin des Mieterbundes kritisierte in scharfer Form die Pläne der Koalition von Union und SPD, beim Wohngeld zu sparen. „Leistungskürzungen senken keine Mieten“, sagte Weber-Moritz. Es drohe vielmehr, dass die von Kürzungen betroffenen Haushalte dann in andere, häufig teurere Sicherungssysteme wechseln müssten. Der Mieterbund forderte stattdessen Maßnahmen, die den Mietenanstieg stoppen, bezahlbare Wohnungen schaffen und Mieterrechte stärken.

Sozialbindung soll nicht auslaufen

„Einmal Sozialwohnung, immer Sozialwohnung“, nannte Weber-Moritz als eine mögliche konkrete Maßnahme. Es solle verhindert werden, dass Wohnungen, die als Sozialwohnungen gebaut wurden, nach 15 bis 30 Jahren nicht mehr als solche vermietet werden. Laut Weber-Moritz liefen 2025 mehr als doppelt so viele Sozialbindungen aus, als neue Sozialwohnungen geschaffen wurden.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) forderte die Bundesregierung zum Handeln auf. Der stellvertretende Vorsitzende des DGB, Stefan Körzell, sagte, es brauche einen starken Mieterschutz und konsequentes Vorgehen gegen Mietwucher. Der Markt würde die Krise nicht lösen. Stattdessen solle der Staat in gemeinnützigen und sozialen Wohnungsbau investieren.

Linke fordert Mietendeckel

Caren Lay, die wohnungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, sagte: „Die stetig steigenden Wohnkosten und die Angst, die eigene Mietwohnung zu verlieren oder gar nicht erst eine zu finden, belasten breite Kreise der Bevölkerung finanziell und psychisch immer mehr.“ Damit Wohnen bezahlbar werde, brauche es einen bundesweiten Mietendeckel und ein öffentliches Investitionsprogramm für die massive Schaffung gemeinnütziger und genossenschaftlicher Wohnungen.

Von Verena Mauss und Corinna Buschow (epd)


Seelsorger: Rüstungsbranche wird für VW-Beschäftigte zur Job-Option




Volkswagenwerk Osnabrück
epd-bild/Detlef Heese
Hauskredite, Abfindungen und neue Jobs: Die VW-Krise verändert den Blick vieler Beschäftigter auf ihre Zukunft. In Wolfsburg wird dabei auch über Arbeit in der Rüstungsindustrie diskutiert.

Wolfsburg (epd). Angesichts der bundesweiten Sparpläne von Volkswagen sieht der evangelische Pastor für Industrieseelsorge, Stephan Eimterbäumer, die Stimmung am Stammsitz des Automobilbauers belastet. „Viele Beschäftigte sehen die aktuelle VW-Krise für das Unternehmen als ernster an, als die vielen anderen Krisen, die man in den Jahrzehnten schon gemeistert hat“, sagte der Beauftragte für Arbeit und Wirtschaft des Wolfsburger Kirchenkreises dem Evangelischen Pressedienst (epd). Entsprechend werde die Rüstungsindustrie von vielen im Raum Wolfsburg als ein Teil der Lösung des aktuellen Stellenabbaus gesehen.

Für manche Mitarbeiter sei der Einstieg in die Rüstungsproduktion auch eine Frage des Gewissens, ob sie ihre praktische und geistige Arbeit einem Rüstungsgut widmen wollten, sagte der Theologe. „Dabei habe ich die Überlegung gehört, dass die Fertigung militärischer Transportfahrzeuge als ethisch besser und weniger problematisch bewertet wird, als die Produktion von Waffen.“ Einige Mitarbeiter hätten bereits Stellen beim Rüstungskonzern Rheinmetall in Unterlüß angenommen, was sie als Pendler gut erreichen könnten.

Immobilien-Kredite verursachen Sorgen

Derzeit sei nicht festzustellen, dass es wegen der aktuellen Krise verstärkt Seelsorge-Anfragen von Berufstätigen gebe, sagte Eimterbäumer, der die Beauftragung im Sommer dieses Jahres übernommen hatte. Die Beschäftigten reagierten je nach Alter, Arbeitsbereich und Persönlichkeit sehr unterschiedlich auf die Pläne des Konzerns. „Manche aus dem mittleren Alter haben Angst, weil sie einen hohen Hauskredit aufgenommen haben.“

Jüngere suchten nach neuen Stellen, andere verdrängten das Problem. Viele Ältere fühlten sich nicht betroffen, weil der Ruhestand in Reichweite sei, manche hätten eine Abfindung angenommen und Stellen andernorts gesucht. „Die Beschäftigten von Zulieferern und Ingenieurdienstleistern hat die Krise schon früher und stärker betroffen.“

Frage der Innovationskraft

Für die Menschen in der Region wünsche er sich möglichst neue Perspektiven, unterstrich Eimterbäumer. „Wenn Volkswagen kleiner wird, braucht es neue Industriearbeitsplätze in Niedersachsen.“ Das werde in anderen Branchen wie der Medizintechnik sein, in denen das vorhandene technische Können gefragt sei: „Dazu ist Innovation nötig.“

epd-Gespräch: Charlotte Morgenthal (epd)


Weltmeister mit Conterganschädigung: Begabungen sehen statt Grenzen




Matthias Berg
epd-bild/Judith Kubitscheck
Matthias Berg hat 26 Medaillen bei Paralympics und Weltmeisterschaften geholt, als Solo-Hornist spielte er auf internationalen Bühnen. Heute ermutigt er andere, sich auf die eigenen Stärken zu konzentrieren.

Esslingen (epd). Als Matthias Berg im Oktober 1961 geboren war, trauten sich die Ärzte zunächst nicht, ihn seiner Mutter zu zeigen, so schrieb es seine Mutter in ihr Tagebuch. Denn der kerngesunde kleine Junge war mit zwei verkürzten Armen zur Welt gekommen, an jeder Hand hat er nur drei Finger.

Der Grund waren wenige Tabletten des Schlaf- und Schmerzmittels „Contergan“, die seine Mutter in der Schwangerschaft eingenommen hatte. Tausende Kinder wurden Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre wie er mit fehlenden oder fehlgebildeten Gliedmaßen geboren, nachdem den Schwangeren das Medikament empfohlen oder verschrieben worden war.

Die Mutter setzte sich dafür ein, dass er in einer Regelschule eingeschult wurde, auch wenn dies nicht alle Eltern der Grundschulklasse gut fanden, wie er sagt. Ebenso wie seine beiden Geschwister lernte er ein Instrument. Dass er begann, das Horn zu spielen, war eine pragmatische Entscheidung. „Da hat der liebe Gott sauber durchgezählt: Drei Ventile, drei Finger, das passt“, sagt der 64-Jährige mit einem Grinsen. Er gewann als Hornist Bundespreise bei „Jugend musiziert“ und begann eine Karriere als Solist.

Zwei Nationalmannschaften, drei Weltrekorde

Gleichzeitig war er sportlich erfolgreich: 14 Jahre war er im Ski-Alpin-Nationalteam für Menschen mit Behinderung, und zwölf Jahre in der Nationalmannschaft der Para Leichtathletik, wo er als Sprinter und Springer startete und im Weitsprung und Hochsprung bis heute in seiner Klasse den Weltrekord hält. Insgesamt 26 Medaillen bekam er. Nach dem Abitur absolvierte er ein Vollstudium Musik und eines in Jura und war gleichzeitig noch in zwei Nationalmannschaften unterwegs.

Ein Lächeln gegen Unsicherheiten

Nicht leicht war es für den damals zehnjährigen Matthias, als die Familie aus dem nordrhein-westfälischen Detmold in die baden-württembergische Kleinstadt Trossingen zog, daran erinnert er sich. „Krüppel“ und „Kurzärmle“ sei er genannt worden, oder „Kupferdächle“ wegen seiner roten Haare. Regelmäßig wurde er von einem Mitschüler gemobbt, der ihn von hinten packte und auf den Boden warf, so erzählt er. Das sind Verletzungen, die bleiben, die ihn aber nicht fesseln sollen, wie er viele Jahre später dann beschlossen hat.

Wenn er als Teenager im Zug unterwegs zum Hornunterricht an die Musikhochschule in Freiburg gewesen sei, hätte ihn viele Menschen angestarrt, was ihm sehr unangenehm gewesen sei, erzählt er. Bis er gemerkt habe, dass es hilft, wenn er aktiv wird, das Gegenüber anlächelt und anspricht, damit die Unsicherheit im Umgang mit ihm verschwindet. „Es ist nun mal so, dass ich anders aussehe. Dann schicke ich ein Lächeln rüber und im besten Fall kommt das zurück und dann geht es uns beiden gut. Keiner hat etwas falsch gemacht.“ Auch beim Begrüßen geht er aktiv auf die Leute zu und streckt die Hand aus. „Und dann weiß der andere, ich darf da hingreifen und die Hand drücken.“

Sportkommentator und stellvertretender Landrat

Wie Matthias Berg später erfuhr, hatte seine vor zwei Jahren verstorbene Mutter das ganze Leben über ein Schuldgefühl, dass ihr Kind wegen ihrer Einnahme von Contergan mit einer Behinderung leben musste. „Daran konnte ich trotz vielem Zureden nichts ändern“, sagt er. „Ich habe mich deshalb entschieden, meine Talente, die ich geschenkt bekommen habe, in ein erfülltes und möglichst 'normales' Leben zu investieren und meiner Mutter damit zu zeigen, dass sie alles richtig gemacht hat in ihrem Leben.“

„Normal“ ist sein Leben bis heute nicht, sondern äußerst erfolgreich: 24 Jahre kommentierte er die Paralympics als Co-Moderator und Experte in Sportsendungen im ZDF, mehr als ein Jahrzehnt lang war er stellvertretender Landrat von Esslingen und hatte die Personalverantwortung für mehrere hundert Menschen.

Es kommt darauf an, was du mit dem Leben machst

Doch vor elf Jahren musste der vierfache Vater abrupt mit seiner Arbeit als stellvertretender Landrat aufhören - ebenso mit seiner Karriere als Hornsolist. Er bekam Probleme mit seinen Augen, mehrere Netzhautablösungen und Augenoperationen sorgten dafür, dass er seither nicht mehr als eine halbe Stunde am Stück konzentriert lesen kann.

Berg ist gläubiger Christ. Halb sarkastisch und halb als Hilferuf habe er in dieser Zeit dann zum Himmel geschaut und gesagt: „Lieber Gott - kurze Arme reichen dir wohl nicht?“ Und gleichzeitig habe er dennoch das Gefühl gehabt, dass er auch in dieser Situation auf Gott vertrauen könne: „Ich bin ja nicht alleine unterwegs.“ So beschloss er, seine Referententätigkeit auszubauen und ist als Redner, Coach und Seminar-Trainer gefragt.

Seit Kurzem ist Matthias Berg Mitglied der Landessynode, dem Kirchenparlament der württembergischen Landeskirche, und möchte dort seine juristische Expertise einbringen. Kirchengemeinden, findet er, sollten mehr Freiheit erhalten, sich stärker ehrenamtlich ausrichten und ihre Bedürfnisse vor Ort verantwortlich regeln.

Als Redner gibt er seinem Publikum vor allem eines mit, eine Botschaft, die er selbst verkörpert: „Es kommt nicht darauf an, wo das Schicksal dich hinstellt, sondern was du daraus machst.“

Von Judith Kubitscheck (epd)


Der Retter der Blinden




Ernst Jakob Christoffel unterrichtet drei blinde Frauen in Täbris/Persien um 1925
epd-bild/Christoffel Blindenmission
Er reiste in den Orient, sah blinde und verlassene Kinder und fand seine Lebensaufgabe: Pastor Ernst Jakob Christoffel machte sie von verachteten zu respektierten Menschen. Der Gründer der Blindenmission wurde am 4. September vor 150 Jahren geboren.

Bensheim (epd). Dreimal wurde er infolge der beiden Weltkriege aus der Türkei und dem Iran ausgewiesen, jedes Mal fing er unverdrossen wieder an, dort Heime und Bildungsstätten für blinde und behinderte Kinder aufzubauen. Pastor Ernst Jakob Christoffel (1876-1955) war überzeugt: „Die Tat der Liebe ist die Predigt, die jeder versteht.“ Aus seiner Gründung der Christlichen Blindenmission ist ein weltweit arbeitendes Hilfswerk erwachsen, das bislang mehr als 15 Millionen Menschen das Augenlicht wieder geschenkt hat.

„Er ist ein echtes Stehaufmännchen gewesen“, sagt das Vorstandsmitglied der heutigen Christoffel-Blindenmission (CBM) mit Sitz im südhessischen Bensheim, Rainer Brockhaus. „Er hat so viele Rückschläge erlebt, doch hat er immer weiter gemacht.“ In Mönchengladbach-Rheydt in eine Handwerkerfamilie geboren, sei Christoffel christlich geprägt worden in dem Sinn: „Die Liebe Gottes soll an Menschen weitergegeben werden, die von Menschen nicht geliebt werden.“

In Anatolien Mission seines Lebens gefunden

Gepackt von den Nachrichten über Massaker an den christlichen Armeniern im Osmanischen Reich, reist der Theologie-Absolvent der Predigerschule Basel im Auftrag des Schweizerischen Hilfskomitees für Armenien 1905 in die Türkei. Im anatolischen Sivas leitet Christoffel gemeinsam mit seiner Schwester Hedwig zwei Heime für armenische Waisenkinder, deren Eltern bei den Pogromen ums Leben kamen. Dort erkennt er: Häufig ist Blindheit die Ursache von Armut. Christoffel hat die Mission seines Lebens gefunden.

Nach dem Einsatz sammelt er einen Freundeskreis zu seiner Finanzierung und bricht 1908 erneut auf. Mit seiner Schwester reist er in das südosttürkische Malatya, wo sie das Heim Bethesda für behinderte und verlassene Kinder gründen. Ein bettelnder blinder Waisenjunge erzählt ihm, dass die anderen Kinder oft Steine nach ihm werfen: „Zu mir sagt man: Du Hund, du blinder Hund, du Sohn eines Hundes.“ Für Christoffel war der Junge ein von Gott geliebter Mensch mit dem Recht auf ein Leben in Würde. Den Weg dorthin bereitet er durch Erziehung und Bildung.

Christoffel lernt Türkisch und Armenisch, übersetzt Lehrbücher in Blindenschrift und unterrichtet. Kinder, die zuvor verachtet worden seien, würden in Bethesda für ihr dort gelerntes Können bewundert, berichtet er. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs muss Christoffel das Land verlassen, kann aber 1916/17 nach Malatya zurückkehren. Inzwischen haben türkische Soldaten einen Völkermord an den Armeniern begangen. Die Hälfte der Heimfamilie lebt nicht mehr.

Zufluchtsstätte für Verfolgte in Südost-Türkei

Bethesda ist zu einem Lazarett für türkische Soldaten geworden. Gleichzeitig macht es Christoffel zu einer Zufluchtsstätte für Verfolgte. 1918 müssen die Deutschen auf Verlangen der Alliierten aus dem Osmanischen Reich ausreisen. Als Christoffel zurückkehren kann, verweigert die türkische Regierung ihm die Arbeitserlaubnis.

Auf beschwerlichen Umwegen reist er in den Iran. In Täbris gründet der Pastor 1925 erneut ein Heim. Christoffel lernt Persisch, Aserbaidschanisch und den armenischen Ararat-Dialekt. Er entwickelt Lehrbücher in diesen Sprachen und übersetzt sie - auch Literatur und Bibelstellen - in die Blindenschrift. Der Unterricht für die ehemaligen Straßenkinder, Blinden und Behinderten ist vielfältig: Lesen und Schreiben, Handwerken und Sport, Botanik und Zoologie. 1929 zieht Christoffel weiter nach Osten nach Isfahan und gründet dort ein weiteres Heim. 1943 nehmen die Engländer ihn gefangen.

Rückkehr nach Isfahan mit 75 Jahren

1946 aus Kriegsgefangenschaft in Deutschland entlassen, gründet der Pastor 1950 ein Heim für Kriegsblinde und Kriegswaisen im Bergischen Land in Nümbrecht, heute das Ernst-Christoffel-Haus der Diakonie. 1951 darf Christoffel wieder in den Iran reisen, mit 75 Jahren macht er sich sofort auf nach Isfahan.

Er findet sein Heim in Trümmern vor, die meisten ehemaligen Bewohner sind verschollen. Unverdrossen baut Christoffel ein neues Heim auf. 1955 stirbt er dort. Auf seinem Grabstein steht in Farsi und Deutsch: „Hier ruht in Frieden Gottes Pastor Ernst Jakob Christoffel, der Vater der Niemandskinder, Krüppel und Taubstummen“.

Würde von Menschen mit Behinderung anerkannt

„Christoffel war in vielerlei Hinsicht seiner Zeit voraus“, sagt CBM-Vorstand Brockhaus: in der Anerkennung der Würde von Behinderten, im Verständnis von Mission als „Tat der Liebe“ und in der Anpassung an die Menschen vor Ort. Christoffels letzte Gründung, das Heim in Isfahan, sei nach der Revolution 1979 und der Machtübernahme von Ayatollah Khomeini geschlossen worden.

Doch die von Christoffel begründete Arbeit für Blinde und Behinderte hat reiche Frucht getragen: Die Christoffel-Blindenmission (CBM) unterstützt inzwischen weltweit knapp 400 Projekte zur Inklusion von Behinderten in 35 Ländern, wie Brockhaus erklärt. Im vergangenen Jahr seien damit rund zehn Millionen Menschen mit Behinderungen erreicht worden und weitere 60 Millionen Menschen mit Medikamenten vor Behinderungen bewahrt worden.

Nach der ersten Operation des Grauen Stars durch die CBM 1966 in Afghanistan hat die Blindenmission im Jahr 2020 die Marke von 15 Millionen Augenoperationen weltweit überschritten. Diese Menschen hätten wieder ihr Augenlicht erhalten. Brockhaus: „Wir wollen in der Nachfolge Christoffels lebensverändernd wirken.“

Von Jens Bayer-Gimm (epd)


Druck von 1594 im Sozialkaufhaus aufgetaucht




Druck von 1594
epd-bild/SBB PK/Friederike Willasch
80 Jahre lang galt er als verschollen, nun ist ein Druck eines spätantiken Rechtsbuchs wieder aufgetaucht. Nach kurzer Zeit ist er auch wieder bei seinem rechtmäßigen Besitzer gelandet.

Flörsheim (epd). Nach einem überraschenden Fund in Flörsheim bei Frankfurt am Main ist ein historischer Druck von 1594 nach mehr als 80 Jahren zurück in die Staatsbibliothek zu Berlin gebracht worden. Florian Barthel vom Sozialkaufhaus „Tisch und Teller“ in Flörsheim habe den Band „Pauli Sententiae“ zwischen anderen Büchern einer Spende entdeckt, sagte Betriebsleiterin Heike Rosa am 3. September dem Evangelischen Pressedienst (epd). Der wertvolle Druck eines spätantiken Rechtsbuchs habe seit dem Zweiten Weltkrieg als verschollen gegolten und sei nach intensiver Recherche innerhalb von zwei Wochen wieder an seinem rechtmäßigen Platz angekommen.

Das Buch sei in einem bemerkenswerten Zustand, sagte der Sozialarbeiter Barthel, der am Fundtag Anfang August die Bücherspende durchgeschaut hatte. Das Kaufhaus der Regionalen Diakonie Main- und Hochtaunus bekomme häufig historische Bücher geschenkt. Bei diesem allerdings „war ich unsicher, ob es wirklich von 1594 stammt, weil es für dieses Alter viel zu gut ausgesehen hat“, erinnert er sich. In einem Auktionshaus bekam er den Tipp, bei der Königlichen Bibliothek zu Erfurt anzurufen, deren Stempel sich im Buch befindet.

Spätantikes Rechtsbuch

Von dort erhielt er die Auskunft, dass das Buch 1908 zusammen mit anderen Werken nach Berlin verkauft worden war. Während des Zweiten Weltkriegs sei es wahrscheinlich nach Hessen in das Kalibergwerk Hattorf ausgelagert worden, wo es dann abhandenkam, teilte die Regionale Diakonie mit.

Der Band war demnach 1594 in Nürnberg gedruckt und von dem niederländischen Humanisten, Juristen und Hochschullehrer Conradus Rittershusius (1560-1613) herausgegeben worden. Bei der in Latein veröffentlichten Schrift handele es sich um ein Rechtsbuch, das dem römischen Juristen Julius Paulus zugeschrieben wird, der im frühen 3. Jahrhundert gelebt habe. Die Rekonstruktion des Textes von Paulus gehe auf den französischen Juristen Jacques de Cujas (1522-1590) zurück.




Medien & Kultur

"Die Zeit": Sonderseiten "Christ und Welt" werden eingestellt




"Die Zeit" in Hamburg
epd-bild/Paul-Philipp Braun
Seit 16 Jahren gibt es "Christ und Welt" in der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit". Damit ist bald Schluss.

Hamburg (epd). Die christlichen Sonderseiten in der Wochenzeitung „Die Zeit“ werden eingestellt. Mit der „Zeit“-Ausgabe vom 22. Oktober wird die letzte Ausgabe von „Christ und Welt“ erscheinen, wie eine Verlagssprecherin am 6. September dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Hamburg bestätigte. Über die Gründe machte sie keine Angaben. Die drei Redakteurinnen von „Christ und Welt“ würden in andere Ressorts der Hamburger Wochenzeitung wechseln. Zuerst hatte das Internetportal „katholisch.de“ über die Einstellung berichtet.

Die Berichterstattung über religiöse und christliche Themen solle auf den Seiten „Glauben und Zweifeln“ sowie im Digitalen fortgeführt werden, teilte die Sprecherin mit. In Zukunft würden die Seiten „Glauben und Zweifeln“ häufiger mit erweitertem Umfang im Blatt zu finden sein.

Sonderseiten statt Beilage

Zuletzt wurde zum 25. Juli 2024 das Format geändert: Seitdem erschien „Christ und Welt“ nicht mehr als sechsseitige Beilage, sondern auf drei eigens zu abonnierenden Sonderseiten hinter dem „Dossier“ der Wochenzeitung. Die Beilage trat im Dezember 2010 an die Stelle der katholischen Wochenzeitung „Rheinischer Merkur“, die aus finanziellen Gründen eingestellt worden war.



Empörung über "logo!"-Interview mit AfD-Spitzenkandidat Siegmund



Nach einem "logo!"-Interview mit dem AfD-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, hagelt es Kritik. Das ZDF verteidigt die Sendung.

Mainz (epd). Ein Interview in den „logo!“-Kindernachrichten des Kinderkanals von ARD und ZDF (KiKa) mit dem AfD-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, hat für Empörung gesorgt. Neben Kritik in sozialen Netzwerken verurteilte auch das Internationale Auschwitz Komitee den Auftritt des Politikers. Das ZDF verteidigte die Sendung. „Am Ende orientieren wir uns nicht an der Frage, welcher Shitstorm droht, sondern an unserem Auftrag: Kinder brauchen verlässliche Informationen, um sich eine eigene Meinung bilden zu können. Auch dann, wenn es unbequem wird“, schrieb Constanze Knöchel, Leiterin der „logo!“-Nachrichten sowie der Non-Fiction Hauptredaktion Kinder und Jugend beim ZDF, am 3. September bereits vor der Ausstrahlung in einem Post im Karrierenetzwerk LinkedIn.

In der „logo!“-Sendung des Kinderkanals von ARD und ZDF (KiKa) vom 3. September hatte die ehemalige Landesschülersprecherin in Sachsen-Anhalt, Lucienne Balke, neben Siegmund auch den amtierenden Ministerpräsidenten Sven Schulze (CDU) interviewt. In sozialen Netzwerken wurde die Entscheidung, Siegmund als Vertreter einer Partei, die vom Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem eingestuft wird, in einer Kindersendung zu interviewen, teils scharf kritisiert. Zu dem Thema erreichten das ZDF zudem Zuschriften von Zuschauern, wie der Sender dem Evangelischen Pressedienst (epd) auf Anfrage mitteilte.

Lehrermangel, Homeschooling und Extra-Klassen für Geflüchtete

Die Antworten der beiden Politiker auf weitgehend gleichlautende Fragen hatte die Redaktion in einem Beitrag gegeneinander geschnitten. Neben Themen wie schulische Lieblingsfächer und die Meinung der Interviewpartner zu Jugendwörtern ging es dabei auch um politische Themen wie Lehrermangel, Homeschooling und Extra-Klassen für Geflüchtete.

In der Abmoderation des Beitrags verwies „logo!“-Moderator Sherif Rizkallah unter anderem darauf, dass die AfD „sehr umstritten“ sei und erwähnte auch die Einstufung des Landesverbandes durch den Verfassungsschutz als rechtsextrem. Die Entscheidung der Redaktion für ein Interview mit Siegmund begründete er damit, dass die AfD in den Umfragen in Sachsen-Anhalt seit einiger Zeit deutlich vorn liege. Zudem würden „viele Menschen in Sachsen-Anhalt die Partei unterstützen“ und die AfD dort in der Politik „eine große Rolle“ spielen. Für weitere Informationen nannte Rizkallah das Online-Angebot von „logo!“.

Im Internet veröffentlichte „Logo!“ auch das gesamte, etwas halbstündige Interview mit Siegmund. Darin sagte dieser unter anderem: „Wir können uns nicht immer nur irgendwie für unsere Geschichte schämen oder sowas. Wir haben auch keine Schuld daran.“ Das Internationale Auschwitz Komitee reagierte auf diese Aussage mit deutlicher Kritik. Der AfD-Politiker dürfe „nun auch im öffentlich-rechtlichen Kinderkanal von ARD und ZDF die dreisten und hetzerischen Angriffe seiner Partei gegen die Erinnerungskultur in Deutschland fortsetzen“.

„Leichtfertigkeit der Verantwortlichen“

Der Exekutiv-Vizepräsident des Komitees, Christoph Heubner, erklärte, kein Überlebender des Holocaust habe jemals bei Zeitzeugengesprächen in deutschen Schulen von Schülerinnen und Schülern gefordert, sich zu „schämen“ oder sie als Schuldige bezeichnet. „Die Überlebenden des Holocaust sind über die manipulativen Behauptungen Siegmunds ebenso entsetzt wie über die Leichtfertigkeit der Verantwortlichen beim Kinderkanal, einem ausgewiesenen Rechtsextremen dieses Forum zu bieten.“

Das ZDF teilte dem epd mit, es gehöre zum öffentlich-rechtlichen Auftrag von „logo!“, Kindern Orientierung in gesellschaftlich aktuellen und relevanten Themen zu geben. Als Nachrichtensendung bilde „logo!“ die politische Realität ab und spreche auch mit Spitzenkandidatinnen und -kandidaten, die bei Wahlen antreten und damit politisch relevante Akteure seien. „Begleitet werden die Gespräche von weiterer Berichterstattung, die Hintergründe erklärt und politische Aussagen einordnet.“ Auf diese Analysen und die Einstufung der AfD Sachsen-Anhalt durch den dortigen Verfassungsschutz habe die Abmoderation nach den Interviews mit Siegmund und Schulze hingewiesen.



Lobin: AfD nutzt Sprachpolitik als "trojanisches Pferd"




Henning Lobin
epd-bild/T.W. Klein/Leibniz-Institut fuer Deutsche Sprache
Soziales Verhalten wird in der öffentlichen Kommunikation zunehmend durch psychologische Kategorien beschrieben, beobachtet der Sprachforscher Henning Lobin. Er hat sich mit der Sprachpolitik der AfD befasst.

Mannheim (epd). Die AfD verwendet nach Ansicht des Sprachforschers Henning Lobin Sprachpolitik als „trojanisches Pferd“. Sie nutze dies als Vehikel, um Themen leichter in der politischen Debatte zu positionieren, erläutert der Direktor des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). So verbinde sie ihre Kritik am Gendern mit der gesellschaftspolitischen Ablehnung der „Ehe für alle“.

epd: Herr Professor Lobin, die deutsche Sprache spielt im AfD-Parteiprogramm eine große Rolle. Welche Gründe sehen Sie als Sprachforscher?

Lobin: Die AfD nutzt die deutsche Sprache als einen Identitätsanker für das Deutschtum schlechthin. Man kann ein solches Anliegen, nämlich die deutsche Identität zu adressieren, nur sehr schwer direkt zum Ausdruck bringen. Man benötigt dafür eine Art Medium.

Das vielleicht zugänglichste Medium, um deutsche Identität in diesem politischen Sinne zu transportieren, ist für die AfD die deutsche Sprache. Das verfolgt sie seit 2016, als ihr Grundsatzprogramm veröffentlicht wurde. Und dies wird auch in den aktuellen Landeswahlprogrammen aufgegriffen.

Sprachpolitik als Thema

epd: Sie sagen, dass die AfD die Sprache als „trojanisches Pferd“ benutzt. Inwiefern?

Lobin: Das bezieht sich auf den Umgang mit Sprachpolitik. Sie hat in Deutschland nach 1945 bis zum Aufkommen der AfD nur eine ganz geringe Rolle gespielt. Die AfD hat Sprachpolitik als Thema „entdeckt“ und bewirtschaftet es sehr intensiv. Sprache und sprachbezogene Themen sind nämlich vielen Menschen sehr wichtig. Wir haben alle ein Verhältnis und eine Meinung zur Sprache, zu bestimmten Wörtern, zur Sprachverwendung.

Greift eine Partei also Sprache als Thema auf, kann man für viele Menschen anschlussfähig werden. Sieht man sich nun beispielsweise an, wie die Ablehnung des Genderns bei der AfD mit der gesellschaftspolitischen Ablehnung der „Ehe für alle“ und geschlechtlicher Diversität in Verbindung gebracht wird, kann man erkennen, wie diese Strategie funktioniert.

Wenn man ein sprachpolitisches Thema also in dieser Weise mit einem anderen politischen Thema verknüpft, benutzt man Sprachpolitik wie ein Trojanisches Pferd als Vehikel und kann dadurch andere Themen leichter in der politischen Debatte positionieren.

Kritik an gendergerechter Sprache

epd: Die Forderung der AfD für ein aus ihrer Sicht „vernünftiges Deutsch“ richtet sich vor allem gegen die sogenannte Gendersprache. Verändert dies auch die Sprache in der Politik?

Lobin: Kritik an der gendergerechten Sprache ist zu einem sehr aufgeladenen politischen Thema geworden - und die AfD ist auf Kritik geradezu programmiert, wenn jemand mit derartigen Sprachformen öffentlich in Erscheinung tritt. Das hat Folgen. Wenn man vermeiden will, damit in den Fokus zu geraten, formuliert man anders, um die eigentliche Aussage nicht schon auf dieser Ebene angreifbar zu machen.

Im Wahlprogramm zur Wahl in Sachsen-Anhalt gibt es ein eigenes Unterkapitel mit dem Titel „Vernünftiges Deutsch durchsetzen“. Da steht auf einer ganzen Seite nicht nur, dass Gender-Sonderzeichen verboten werden sollen, sondern auch Partizipialformen wie Studierende statt Studenten oder Paarformen wie Schülerinnen und Schüler. Es stellt sich die Frage, ob es rechtlich überhaupt möglich ist, in dieser Weise in den persönlichen Sprachgebrauch von Schreibenden einzugreifen.

Dies steht nämlich im Gegensatz zu dem, was im Grundgesetz zur diskriminierungsfreien Sprachverwendung gesagt wird - und im Gegensatz zum AfD-Grundsatzprogramm von 2016, wo gerade eine „Sprachpolizei“ abgelehnt wird. In dieser Hinsicht ist die Haltung der AfD nicht konsequent, wenn sie einerseits Liberalität der Sprachverwendung und andererseits Verbote fordert.

Pathologisierung politischer Gegner

epd: Andersdenkende werden von AfD-Politikern als „Seelenverwundete“ bezeichnet oder mit Begriffen wie Identitätsstörung und Schuldkomplex charakterisiert. Welche Rolle spielt die Pathologisierung des politischen Gegners?

Lobin: Eine solche Pathologisierung ist in zweierlei Hinsicht problematisch. Zum einen, weil sie wirkliche Erkrankungen verharmlost oder verächtlich macht. Und zum anderen, weil damit eine metaphorische Verschiebung der politischen Auseinandersetzung vorgenommen wird. Dadurch wird alles, was man mit Krankheiten verbindet, in die politische Sphäre übertragen. Und natürlich verbindet man mit Krankheiten etwas Schlechtes, das über einen kommt und von dem man wieder geheilt werden will.

Es ist ein Trend, den wir Sprachwissenschaftler in der öffentlichen Kommunikation seit einigen Jahren beobachten - unser soziales Verhalten wird zunehmend durch psychologische Kategorien beschrieben. Wir drücken unserem Gegenüber einen psychologischen Stempel auf, wenn wir beispielsweise von toxischem oder narzisstischem Verhalten sprechen.

In einer politischen Auseinandersetzung gehört es jedoch zum demokratischen Umgang, dass man die Meinung des anderen zunächst zur Kenntnis nimmt und dann versucht, diese zu widerlegen, wenn man sie nicht teilt, anstatt sie zu pathologisieren. Wenn man den Eindruck erweckt, was der andere sagt, ist gar keine Meinung, sondern eine Krankheit, dann legt man die Axt an die demokratische Diskussionskultur. Das muss man verurteilen.

Deutsch als Staatssprache

epd: Im Grundgesetz ist das Recht auf freien Gebrauch der Sprache verankert. Wenn es nach dem Willen der AfD geht, soll in der Verfassung Deutsch zudem als Staatssprache festgeschrieben werden. Eine gute Idee?

Lobin: Im Vergleich zu den anderen deutschsprachigen Ländern wie Österreich und der Schweiz ist das deutsche Grundgesetz hier sehr unbestimmt. Das Wort Sprache kommt nur ein einziges Mal im gesamten Text vor. In Artikel 3 Absatz 3 steht: Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat, Herkunft und seines Glaubens benachteiligt oder bevorzugt werden. Hier geht es allerdings nicht um die deutsche Sprache, sondern um Sprache überhaupt, um Verschiedenartigkeit und sogar Mehrsprachigkeit.

Nicht geregelt ist das Deutsche als Staatssprache. Es gab immer wieder Versuche, dies ins Grundgesetz aufzunehmen. Bereits kurz nach der erstmaligen Wahl der AfD in den Deutschen Bundestag hat die Fraktion im Februar 2018 einen Antrag auf Änderung des Grundgesetzes gestellt, um dort Deutsch als Staatssprache aufzunehmen.

Das wurde abgelehnt, obwohl die CDU wenige Jahre zuvor einen ähnlichen Beschluss gefasst hatte. Insofern ist das Anliegen nicht per se verwerflich. Es könnte durchaus sinnvoll sein, eine solche Regelung in Artikel 5 aufzunehmen, wo es um Meinungs- und Pressefreiheit geht und um die Freiheit von Forschung und Lehre. Dies setzt auch ein Bekenntnis zu einer gemeinsamen Sprache und deren Förderung voraus.

epd-Gespräch: Christine Süß-Demuth


Zahlreiche Angriffe auf Journalisten bei Wahlkampf in Sachsen-Anhalt



Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am Sonntag sind etliche Übergriffe und Einschüchterungsversuche gegen Medienschaffende registriert worden. Die Gewerkschaft dju in ver.di schlägt Alarm.

Leipzig (epd). Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) innerhalb der Gewerkschaft ver.di hat einen massiven Anstieg von Angriffen auf Journalistinnen und Journalisten registriert. Im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt seien seit Mai mehr als 30 Vorfälle im Zusammenhang mit AfD-Veranstaltungen gezählt worden, teilte die Gewerkschaft am 3. September in Leipzig mit. Mindestens 47 Journalistinnen und Journalisten, TV-Teams und politische Influencer seien betroffen. Am 6. September fand die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt statt. Zuerst hatte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ darüber berichtet.

25 der Vorfälle ereigneten sich laut dju allein in den vergangenen drei Wochen. In fünf Fällen kam es den Angaben zufolge zu körperlichen Angriffen. Ansonsten reicht das Spektrum von verbaler Diffamierung und gezielter Arbeitsbehinderung über Nachstellungen bis hin zum Veröffentlichen von privaten Daten im Internet (Doxing). Teilweise sind Medienschaffende bei ihrer Arbeit massiv behindert, bedrängt und diffamiert worden. Die AfD in Sachsen-Anhalt wird vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft.

Am Arm gepackt

Aktuell betroffen seien Journalistinnen und Journalisten unter anderem der Sender CBC News, ProSieben, RBB, WDR und MDR sowie des Online-Portals „Politico“. Erfasst habe die dju auch ein heftiges Beiseiterempeln von einem rechtsextremen Streamer gegen einen „Spiegel“-Reporter bei einer AfD-Veranstaltung in Merseburg (Saalekreis). Die Eskalationen seien im Wesentlichen von rechten bis rechtsextremen Streamern und Medienaktivisten ausgegangen.

Zudem habe es in Lützen (Burgenlandkreis) einen Übergriff auf eine britische Korrespondentin gegeben. Ein Sicherheitsmitarbeiter habe die Journalistin bei einer AfD-Wahlkampfveranstaltung am Arm gepackt und gegen eine Bordsteinkante gestoßen. Die Polizeibeamten hätten den Angreifer nicht zur Verantwortung gezogen, stattdessen sei die Journalistin kontrolliert worden.

„Passive und oft überforderte Polizei“

Der stellvertretende ver.di-Landesbezirksfachbereichsleiter in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, Lucas Munzke, erklärte: Die Lage sei „so brisant wie im gesamten vergangenen Jahr nicht“. Und weiter: „Das bereitet uns ernst zu nehmende Sorgen.“ Man erlebe vielfach eine „passive und oft überforderte Polizei in Sachsen-Anhalt“. Nur vereinzelt werde ein vorbildliches Verhalten der Beamten registriert.

Ver.di kritisierte die AfD außerdem als medienfeindliche Partei. Sie unterbinde und behindere die unabhängige Berichterstattung auf Parteitagen, bei Demonstrationen und im Wahlkampf. Auch Funktionäre der AfD versuchten die freie Berichterstattung zu beschneiden. Der stellvertretende AfD-Landesvorsitzende in Sachsen-Anhalt, Hans-Thomas Tillschneider, habe versucht, bei kritischen Nachfragen die Veröffentlichung von Bild- und Tonmaterial juristisch zu verbieten.

Ver.di fordert eine lückenlose Aufarbeitung der Vorfälle und konsequente Strafverfolgung. Zudem müsse die Polizei ihrer Schutzpflicht für Medienschaffende bei Parteiveranstaltungen nachkommen.

Von Katharina Rögner (epd)


Wikimedia-Chefin: Wikipedia ist kein Auslaufmodell




Franziska Heine
epd-bild/Jason Krüger/Wikimedia Deutschland
In politisch angespannten Zeiten sind verlässliche Informationen besonders wichtig. Die offene Online-Wissensdatenbank Wikipedia sieht sich gegen Fake News gut gerüstet.

Berlin (epd). Die deutsche Ausgabe der Online-Enzyklopädie Wikipedia ist nach Ansicht des Unterstützervereins Wikimedia Deutschland vor Propaganda und Falschinformation geschützt. Gerade vor Wahlen habe die Community funktionierende Mechanismen, um damit umzugehen, sagte Wikimedia-Vorständin Franziska Heine in Berlin dem Evangelischen Pressedienst (epd).

So gebe es User, die bestimmte Wikipedia-Seiten abonniert haben und Änderungen in einem Eintrag mitbekommen. Bei Wahlen werde das noch sensibler gehandhabt. „Wenn es Falschinformation gibt, wird diese in kürzester Zeit wieder gelöscht, beziehungsweise der vorherige Eintrag wird wieder hergestellt“, sagte Heine wenige Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am Sonntag

Wikipedia seit 25 Jahren online

Einzelne Ehrenamtliche könnten „sensible Seiten“ für das Editieren, also für Änderungen, auch sperren. „Rückblickend sind wir damit eigentlich immer sehr gut durch solche heißen Phasen hindurchgekommen. Das ist auch meine Erwartung für die anstehenden Wahlen“, sagte die Wikimedia-Chefin.

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia gibt es seit 25 Jahren. Sie versteht sich als freie Wissensdatenbank. Die deutschsprachige Version ist mit aktuell mehr als 3,1 Millionen Artikeln nach der englischen die größte der insgesamt rund 350 Sprachversionen. Der Verein Wikimedia Deutschland unterstützt im Hintergrund die Menschen, die ehrenamtlich zur Wikipedia beitragen.

Weniger Suchanfragen durch KI

Als Herausforderung nannte Heine unter anderem das veränderte Suchverhalten im Internet: „Viele nutzen für Suchanfragen nur noch generative KI wie ChatGPT, Perplexity und andere.“ Damit landeten weniger Suchanfragen über die klassischen Suchmaschinen direkt auf den Wikipedia-Seiten. Zudem leide die Server-Infrastruktur mittlerweile unter dem Ansturm von Anfragen durch große KI-Firmen. Alle paar Minuten würden die Inhalte der Wikipedia-Seiten von diesen komplett kopiert.

Diese Entwicklung beobachteten die vielen ehrenamtlichen Wikipedianer mit Sorge. Das gelte auch für die Zunahme KI-generierter Texte, die aber in der offenen Wissensdatenbank nichts verloren hätten. Die Regeln der deutschsprachigen Wikipedia verbieten KI-generierte Inhalte. „Das heißt, es gibt immer mehr Arbeit für die Freiwilligen, KI-erzeugte Texte zu erkennen, Änderungen rückgängig zu machen, Quellenangaben zu checken etc.“, erläuterte Heine.

Dennoch sei Wikipedia kein Auslaufmodell, sagte sie: „Diese Large-Language-Models auf denen die KI basiert, sind auf unsere Inhalte angewiesen.“ Eine KI könne das originäre Erschaffen von Information nicht ersetzen.

epd-Gespräch: Lukas Philippi


Residenzschloss Weimar: Die Baustelle geht auf die Zielgerade




Restauriertes Treppenhaus im Ostflügel des Weimarer Stadtschlosses
epd-bild/Paul-Philipp Braun
Eine neue Galerie, restaurierte Repräsentationsräume und das Gentzsche Treppenhaus prägen den sanierten Ostflügel des Weimarer Schlosses. Noch wird mit Hochdruck daran gearbeitet, das Datum der Publikumseröffnung am 2. Oktober einzuhalten.

Weimar (epd). Das Baulager im Nordflügel hat sich geleert. Einige grau lackierte Türen lehnen in ihren hölzernen Gestellen. Ein Dutzend Dielenbretter stapeln sich unter den Fenstern. Ein paar alte Fensterrahmen lehnen noch an der Wand. Gut einen Monat vor der Teileröffnung ist der Großteil der vor Jahren gesicherten Originalausstattung des Weimarer Residenzschlosses aufgearbeitet und an ihren angestammten Platz zurückgekehrt. In nahezu allen künftig öffentlich zugänglichen Räumen des Ostflügels wird gestrichen, montiert und aufgebaut. Vieles - wie der Kassenbereich - ist bereits an Ort und Stelle und wird unter Malervlies vor Staub geschützt. Zum Schutz der wertvollen Böden wird über Stege aus Pressspanplatten gelaufen.

„Derzeit arbeiten 50 Gewerke hier“, sagt Projektleiterin Anne Tunkel. Sie steht in der langen Galerie des Erdgeschosses. Die sogenannte Passage ist ein imposanter Raum, den es so zuvor im Schloss nicht gab. Zwischendecken und Mauern seien dafür herausgebrochen worden. Zu Zeiten der Weimarer Herzöge und Großherzöge seien hier in zahlreichen Kammern und Zimmern Gegenstände des täglichen Schlossbedarfs gelagert worden. Nun bildet der kreuzrippengewölbte Gang über zwei Stockwerke das zentrale Entree des Museums.

Eine Galerie, die es so zuvor nicht gab

Gegenwärtig passiert noch sehr viel auf der Baustelle. „Aber die Hauptarbeiten sind inzwischen abgeschlossen und wir arbeiten mit Hochdruck auf die Eröffnung am ersten Oktoberwochenende hin.“ Tunkel ist seit vier Jahren für die Gesamtmaßnahme und die 2018 begonnene Sanierung des Ostflügels verantwortlich. Lange habe die Baustelle hinter jedem Zeitplan gelegen. Corona und massiver Schwammbefall an der gesamten Wandseite zum Schlosshof hätten alle Zeitpläne zunichtegemacht.

Die Gründe für die Bauschäden reichen weit zurück. Nach dem verheerenden Schlossbrand von 1774 hatte das Weimarer Residenzschloss jahrelang in Trümmern gelegen. „Die Außenmauern aus Stein blieben stehen. Das Schloss ist von innen ausgebrannt“, sagt Sebastian Dohe, Abteilungsleiter Residenzschloss der Stiftung. So sei es Wind und Wetter ausgesetzt gewesen. Erst 1789 rief Herzog Carl August (1757-1828) eine Baukommission unter der Leitung Johann Wolfgang von Goethes (1749-1832) ins Leben. Nach Plänen von Heinrich Gentz (1766-1811) entstand ab 1796 ein repräsentativer klassizistischer Neubau. Hinter den durchfeuchteten Außenmauern ließ der Architekt jedoch eine Innenkonstruktion aus Fachwerk errichten. So fand der Hausschwamm im Schloss beste Bedingungen vor. Entdeckt wurden die Schäden in diesem massiven Umfang allerdings erst mehr als 200 Jahre später.

Ein Treppenhaus als Inszenierung

Die Schäden sind behoben. Der Festsaal, die herzoglichen Repräsentationsräume im ersten Stock und vor allem das Gentzsche Treppenhaus erstrahlen in altem Glanz. Erbaut zwischen 1789 und 1804, gilt es als Hauptwerk des deutschen Frühklassizismus. Erstmals können Gäste den bewusst inszenierten Aufstieg im Rahmen eines Museumsbesuchs erleben. Vom dunkel gehaltenen Erdgeschoss gelangen die Besucher in das lichtdurchflutete Obergeschoss. Eine strahlende Deckenkuppel in Goldtönen fungiert als Sonnensymbol und flutet den Raum mit farbigem Tageslicht. „Früher konnten unsere Gäste nur von oben einen kurzen Blick in das Treppenhaus werfen“, sagt Tunkel. „Künftig ist das der zentrale Zugang zum Museumsgeschoss.“

Vom Treppenhaus führt der Weg in den ebenfalls kernsanierten Festsaal. Bis zu den Fenstersimsen habe der Schwamm in der Fachwerkkonstruktion im Marmorimitat gesteckt, sagt Tunkel. Hier werde am 2. Oktober die Teilöffnung des Schlosses gefeiert. Erst im Frühjahr kommenden Jahres öffne dann auch der Sonderausstellungsbereich im zweiten Obergeschoss.

Bis voraussichtlich 2032 folgt dann die Sanierung der anderen drei Flügel. Insgesamt stehen für das Schloss 140 Millionen Euro zur Verfügung. Für Projektleiterin Tunkel ist es gewissermaßen die Baustelle ihres Lebens. „Denn wann wird in Deutschland schon einmal ein gesamtes Residenzschloss komplett saniert?“

Von Matthias Thüsing (epd)


Kaiser Otto der Große im Magdeburger Dom neu beigesetzt




Gottesdienst zur Wiederbeisetzung von Otto dem Großen
epd-bild/Jens Schlüter
Kaiser Otto galt bereits zu Lebzeiten als "der Große". Er war ostfränkischer König und erneuerte das römische Kaisertum, pflegte internationale Kontakte und gründete das Erzbistum Magdeburg. Seine Wiederbeisetzung im Dom wurde am Dienstag gefeiert.

Magdeburg (epd). Mit einem Festgottesdienst im Magdeburger Dom haben Vertreter von Kirchen, Politik und Gesellschaft die Wiederbeisetzung von Kaiser Otto I. (912-973) begangen. Seine sterblichen Überreste ruhen nun in einem neuen Sarg aus Titan, Silber, Gold und Blattgold, der von der Hallenser Schmuckkünstlerin Silke Trekel stammt. Die Gebeine wurden am 1. September im originalen Steinsarkophag des 10. Jahrhunderts im Hohen Chor des Doms beigesetzt.

Der Bischof des katholischen Bistums Magdeburg, Gerhard Feige, betonte in seiner Predigt, die erneute Bestattung der sterblichen Überreste sollte inspirieren, „vergangenen Zeiten nicht nostalgisch nachzutrauern“, sondern dem christlichen Auftrag folgend die Gegenwart zuversichtlich und tatkräftig mitzugestalten. An dem Gottesdienst nahmen rund tausend Menschen teil, darunter der evangelische mitteldeutsche Landesbischof Friedrich Kramer, der sachsen-anhaltische Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos).

Kaisergrab drohte einzustürzen

Am historischen Kalksteinsarkophag waren die teilweise nur zehn Millimeter dünnen Wände durch das Gewicht einer 300 Kilogramm schweren antiken Marmordeckplatte so stark geschädigt, dass vor zwei Jahren ein Einsturz des Grabes drohte. Auch der darin befindliche mittelalterliche Holzsarg sie irreparabel beschädigt gewesen, hieß es. DNA-Untersuchungen an den „fantastisch erhaltenen Gebeinen“ bestätigten, dass im Sarg wirklich Kaiser Otto liege, sagte Sachsen-Anhalts Landesarchäologe Harald Meller. Die Forschungen an den Grabbeigaben wie mittelalterlichen Textilien und dem Holzsarg seien noch nicht abgeschlossen.

Der Generaldirektor der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Christian Philipsen, verwies darauf, dass Otto der Große nicht nur eine der prägendsten Personen auf dem historischen Gebiet des heutigen Bundeslandes Sachsen-Anhalt gewesen sei, sondern auch eine Person der europäischen Geschichte. Auch Landesarchäologe Meller wies auf diesen europäischen Aspekt in Ottos Herrschaft hin und widersprach nationalistischen Ansichten. Otto sei „weder deutscher Kaiser noch Begründer der deutschen Nation“ gewesen, sondern vielmehr ostfränkischer König und der Wiederbegründer des römischen Kaiserreichs.

Landesausstellung zu Otto im Jahr 2029

Kulturstaatsminister Weimer sagte, Otto der Große habe in seinem Reich unterschiedliche Völker friedlich geeint und „in unseren Nachbarn Freunde“ gesehen, Verbündete gesucht und den Blick auf das gerichtet, „was uns miteinander verbindet“. Als gläubiger Christ habe der Kaiser das Land zudem einem bis heute gültigen Wertekanon unterstellt. In diesem Sinne sei Otto I. ein großer Europäer und ein Förderer von Bildung und Kultur gewesen.

Ministerpräsident Schulze kündigte an, dass es 2029 eine Landesausstellung zu Kaiser Otto und der ottonischen Geschichte geben soll. Neben bestehenden Bauten des 10. Jahrhunderts wie der Stiftskirche Gernrode und der Klosterkirche Walbeck sollten vor allem die reichen Funde der Archäologen gezeigt werden, sagte er: „Otto der Große gehört zu unserer Heimat und macht Sachsen-Anhalt bis heute weit über seine Grenzen hinaus bekannt.“

Von Thomas Nawrath (epd)


Schauspieler Michael Mendl ist tot



Berlin (epd). Der Schauspieler Michael Mendl ist tot. „Michael Mendl zu verlieren, bedeutet für mich weit mehr als den Abschied von einem der bedeutendsten Schauspieler seiner Generation. Über Jahrzehnte durfte ich ihn als Agentin begleiten - beruflich, aber auch menschlich“, teilte seine Agentin, Angelika Reuter, am 5. September auf Instagram mit. „Er konnte einen Raum füllen, ohne laut zu sein, und einer Figur eine Wahrhaftigkeit geben, die lange nachwirkte.“

Mendl prägte mit seinen Rollen das deutsche Fernsehen, unter anderem als Schauspieler im „Tatort“ oder in „Die Rosenheim-Cops“. Zudem war er auch am Theater tätig. Für seine Rolle als Willy Brandt in „Im Schatten der Macht“ wurde er mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet.

Geheimnisvolle Charaktere

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) würdigte Mendl in Berlin als „eines der prägendsten Gesichter der deutschen Filmlandschaft. In den vielen Jahren seines schauspielerischen Wirkens hat er sein Publikum mit unzähligen geheimnisvollen Charakteren in den Bann gezogen.“ Unvergessen blieben seine eindrucksvollen Rollen in „Der Untergang“ oder als Bundeskanzler Willy Brandt im TV-Film „Im Schatten der Macht“, hieß es.



Bahn beendet Streit mit ZDF um Hayali-Dokumentation



Trotz Nachbesserungen hatte der Streit zwischen der Deutschen Bahn und dem ZDF wegen einer kritischen Dokumentation mit Dunja Hayali angedauert. Nun ist er beigelegt.

Berlin/Mainz (epd). Die Deutsche Bahn verzichtet auf weitere juristische Schritte gegen die kritische ZDF-Dokumentation „Unsere Bahn: geliebt, verflucht - gefährlich?“ mit Dunja Hayali. Das Unternehmen verwies auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) am 3. September in Berlin auf die von dem Mainzer Sender bereits kurz nach der Ausstrahlung abgegebene Unterlassungserklärung wegen unwahrer Tatsachenbehauptungen sowie die Korrektur falsch dargestellter Fakten. „Weitere rechtliche Schritte verfolgen wir aktuell nicht“, sagte ein Bahn-Sprecher.

Das ZDF hatte die Doku von Dunja Hayali und Sebastian Bellwinkel aus der Reihe „Am Puls“ am 21. Juli ausgestrahlt. Zudem ist der Film in der ZDF-Mediathek abrufbar.

Bahn monierte unzulässiges „Zerrbild“

Nach öffentlicher Kritik der Bahn im Newsblog des Unternehmens und einer juristischen Abmahnung am Tag der Ausstrahlung reagierte das ZDF zeitnah und korrigierte eine Zahlenangabe zu digitalen Stellwerken in der Mediatheken-Fassung von „0“ auf „3“. Hierzu unterzeichnete der Sender zudem eine Unterlassungserklärung. Im Titel einer Grafik zur Bahnpünktlichkeit in Belgien änderte er außerdem die Überschrift und passte sie an die Aussage des Sprecher-Texts an.

Die Bahn warf den Machern der Dokumentation danach immer noch vor, „entscheidende Fakten“ bewusst auszuklammern und ein unzulässiges „Zerrbild“ zu zeichnen. Das Unternehmen drohte daher Ende Juli mit weiteren juristischen Schritten. Das ZDF wies die weitere Kritik der Deutschen Bahn an der Berichterstattung ebenso zurück, wie eine damit einhergehende Forderung zur Löschung aus der Mediathek.



Expertin: Berichterstattung über Islam findet ohne Muslime statt



Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA etablierte sich in deutschen Medien ein Feindbild des Islam. Die Religion sei als monokausale Ursache für den Terror dargestellt worden, analysiert die Kommunikationsforscherin Richter.

Berlin (epd). In der deutschsprachigen Berichterstattung über den Islam hat sich nach Ansicht von Experten seit den islamistischen Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA wenig verändert. „Nach wie vor wird die Themenagenda stark von der Verbindung des Islam mit Terrorismus, Krisen, gegebenenfalls auch Unruhen und Protesten oder mit den immer wieder konfliktbeladenen Migrationsdebatten dominiert“, sagte die Berliner Kommunikationswissenschaftlerin Carola Richter dem Evangelischen Pressedienst (epd). Themen, die im Zusammenhang mit Kultur oder religiösem Leben stünden, machten laut einer Studie einen unteren einstelligen Prozentbereich der Berichterstattung aus.

Die Islamberichterstattung komme weitgehend ohne Muslime und Musliminnen aus. „Sie werden nicht gehört, man berichtet über sie“, sagte Richter weiter, die zusammen mit anderen Forschern 2022 eine repräsentative Studie zur deutschen Medienlandschaft gemacht hat. „Ich war tatsächlich sehr überrascht, wie wenig sich im Vergleich zu der Zeit um das Jahr 2001 und 9/11 verändert hat.“

Rückgriff auf bereits bestehende Muster

Nach dem 11. September habe es in der Berichterstattung einen Rückgriff auf bereits bestehende, latente Muster gegeben. Diese seien durch das Attentat noch einmal massiv verstärkt worden. „Seit der sogenannten Islamischen Revolution 1979 im Iran gibt es eine Rahmung des Islam als Problem und als potenzielle Gefahr für den Westen. So hat sich bereits im Vorfeld von 9/11 das Bild eines gewaltvollen und politisch-ideologischen Islam verfestigt“, sagte Richter.

In Deutschland sei es bereits in den 90er Jahren zu einer sehr starken Fokussierung auf das Feindbild „Ausländer“ gekommen, führte Richter weiter aus. Dazu sei dann nach 2001 als zweites Bild der Islam als bedrohliche Religion hinzugekommen. „Beides konnte einfach miteinander verwoben werden.“

Die Medien sieht Richter dabei in der Verantwortung. „Die klassischen Massenmedien sind nach wie vor ein wesentlicher Treiber dafür, welche Bilder in der öffentlichen Meinung reüssieren können.“ In den vergangenen Jahren sähen sich viele Medien allerdings eher als Getriebene mit Blick auf Meinungsbildung in den sogenannten sozialen Medien.

epd-Gespräch: Franziska Hein


Filme der Woche



Finding Emily

Der 23-jährige Owen (Spike Fearn) lebt nach dem Tod der Mutter gemeinsam mit seinem Bruder im Elternhaus und jobbt mangels Geld fürs Studium an der Uni. Dort trifft er bei einer Party seine Traumfrau. Die Funken fliegen, doch die Angebetete muss überstürzt weiter, und Owen bleibt zurück mit nichts als einem Namen. Fortan versucht der Romantiker, besagte Emily zu finden. Dabei macht er zuerst Bekanntschaft mit ihrer Namensvetterin. Diese andere Emily (Angourie Rice) ist Psychologie-Studentin aus den USA, forscht zum Thema „romantische Bindung als Form selbstzerstörerischen Wahnsinns“ und muss dringend eine Arbeit vorlegen, um eine weitere Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Sie beschließt, Owen bei der Suche zu helfen und macht ihn ohne sein Wissen zum Studienobjekt. Wer hier am Ende zueinander findet, ist da bereits klar. Aber diese Vorhersehbarkeit ist kein Manko des Genres, sondern macht dessen Charme aus, weil Umsetzung, Humor und die Chemie der Schauspieler so stimmig sind.

Finding Emily (Großbritannien 2026). Regie: Alicia MacDonald. Buch: Rachel Hirons. Mit Angourie Rice, Spike Fearn, Ella Maisy Purvis, Minnie Driver, Julia Rogers. Länge: 111 Min.

Frühstück bei Audrey

Auf Rémi, den Kunstrasen-Vertreter, wartet zu Hause eine blonde, in ein Negligé gekleidete Puppe. Sie dient, vom Gegenüber beim Abendessen bis zum gemeinsamen Fernsehen und Im-Bett-Liegen, therapeutischen Zwecken. Denn Rémi kommt nicht über die Trennung von seiner Jugendliebe hinweg. In der Firma schwärmt er seinen Kollegen von seiner Verlobten Audrey vor, doch tatsächlich schwebt er am Rande des Nervenzusammenbruchs. Die Ankunft der neuen Kollegin Patricia findet Eingang in seinen abendlichen Monolog vor der Fake-Gefährtin, worauf diese plötzlich menschliche Regungen zeigt. Der Charme dieses burlesken Märchens erinnert an „Lars und die Frauen“ oder zuletzt „Barbie“, nur dass sich hier die Sexpuppe von der anspruchslosen und anhänglichen Ideal- zur launischen Allerweltsfrau entwickelt. Regisseurin Sophie Beaulieu adoptiert in ihrem Debüt meist die feministische Insider-Perspektive samt Seitenhieben aufs eigene Geschlecht, kommt aber in Bezug auf Machogehabe etwas zahnlos daher.

Frühstück bei Audrey (Frankreich 2025). Regie und Buch: Sophie Beaulieu. Mit Vincent Macaigne, Cécile de France, Zoé Marchal, Adèle Journeaux, Gilbert Melki. Länge: 80 Min.

The Uprising

Als Ploughman, „Pflüger“, stellt sich der gramgebeugte Bauer (Andrew Garfield) vor. Wie alle englischen Bauern im 14. Jahrhundert wird er von der englischen Krone aufs Unmenschlichste ausgebeutet. Soldaten fungieren als örtliche Geldeintreiber und zeigen keine Gnade. Bei einem besonders brutalen Zusammentreffen platzt dem wortkargen Ploughman der Kragen, er verjagt die Halsabscheider mithilfe anderer Dorfbewohner. Die Kunde dieser Revolte macht die Runde und spitzt sich zum englischen Bauernaufstand von 1381 zu. Die Ausgangssituation einer schwer gebeutelten Bevölkerung entwirft der Actionfilm nur in kurzen Sequenzen, der historische Kontext wird durch Anführer wie Priester John Ball (Jamie Bell) und Ex-Soldat Wat Tyler (Cosmo Jarvis) kaum erhellt. Die Geschichte entpuppt sich als notdürftig mit Fakten ausgekleidete Gewaltorgie auf Ackern und in den Gassen des spätmittelalterlichen Londons, bei der die interessanten Hintergründe von der Leinwand verdrängt werden.

The Uprising (Großbritannien/Deutschland/USA 2026). Regie und Buch: Paul Greengrass. Mit Andrew Garfield, Jamie Bell, Stephen Dillane, Cosmo Jarvis. Länge: 127 Min.

Albrecht Weinberg - Es ist immer in meinem Kopf

Albrecht Weinberg wurde 1925 als Sohn jüdischer Eltern in Ostfriesland geboren. Fast seine ganze Familie wurde im Holocaust ermordet. Gemeinsam mit seiner Schwester überlebte er, beide emigrierten 1947 nach New York und lebten 60 Jahre lang gemeinsam in den USA. Erst 2012 kehrten sie aufgrund gesundheitlicher Probleme zurück. Im zurückhaltend inszenierten Dokumentarfilm geht es vor allem um diese letzten Lebensjahre, die Weinberg nach dem Tod der Schwester in Deutschland verbrachte. Um seine Auftritte als Zeitzeuge, Reisen zu Gedenkstätten und die Wohngemeinschaft mit Gerda Dänekas, die von der Altenpflegerin zu seiner engsten Vertrauten und Mitbewohnerin wurde. Die Sensation aber ist Albrecht Weinberg selbst. Wie gelingt es einem Menschen, dem Unaussprechliches angetan wurde, sich eine solche Offenheit und Humor zu bewahren? Ein Glück für die Gesellschaft, dass er bis zu seinem Tod mit 101 Jahren körperlich und geistig in der Lage war öffentlich aufzutreten und seine Geschichte zu erzählen.

Albrecht Weinberg - Es ist immer in meinem Kopf (Deutschland 2026). Regie und Buch: Güner Yasemin Balci, Jesco Denzel. Länge: 90 Min.

www.epd-film.de




Entwicklung

UN-Wetterorganisation warnt vor zunehmenden Gefahren durch El Niño




Ausgetrockente Erde auf einem Feld
epd-bild/Paul-Philipp Braun
Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen: Das weltweite Wetter dürfte laut Prognosen der UN noch unangenehmer werden. Ursache ist das Phänomen El Niño.

Genf (epd). Das Wetterphänomen El Niño wird sich laut den Vereinten Nationen in den kommenden Monaten erheblich verstärken. Damit drohten zusätzliche Gefahren, warnte die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) am 3. September in Genf. Zu erwarten seien weitere Überschwemmungen, Dürren und extreme Hitze. Auch der Klimaforscher Anders Levermann bestätigte, bezeichnet das aktuelle El-Niño-Phänomen als „sehr, sehr stark“.

WMO-Generalsekretärin Celeste Saulo sagte: „Wir erleben bereits jetzt die verheerenden Auswirkungen von Dürren und Überschwemmungen und gehen davon aus, dass diese Folgen mit dem El-Niño-Phänomen noch stärker werden.“ Prognosen der WMO deuten demnach auf eine „außergewöhnlich hohe Wahrscheinlichkeit von nahezu 100 Prozent“ hin, dass El Niño bis Februar 2027 anhalten werde. Angetrieben werde das Phänomen durch außergewöhnlich warme Meeresbedingungen im tropischen Pazifik.

Dauer „bis weit ins Jahr 2027“ hinein

Die WMO erwartet nach eigenem Bekunden, dass sich El Niño in den kommenden Monaten sehr verstärken wird, bevor er gegen Ende dieses Jahres seinen Höhepunkt erreicht. Die klimatischen Auswirkungen werden demnach bis weit ins Jahr 2027 hineinreichen.

„El Niño nimmt vor unseren Augen immer größere Ausmaße an“, erklärte UN-Generalsekretär António Guterres. Die Wissenschaft lasse keinen Zweifel zu. Die Welt befinde sich in der Gefahrenzone extremer Wetterereignisse. Er verlangte Schutzmaßnahmen für die Menschen.

El Niño ist ein Wetterphänomen, das auf eine Erwärmung des Ozeans im Süden und Osten des Pazifiks zurückgeht. Dadurch verändern sich Wasser- und Luftströmungen, was in vielen Teilen der Welt Auswirkungen auf Wetter und Klima hat. Sowohl Temperaturen als auch Niederschlagsmuster ändern sich, es kommt etwa zu mehr Extremwettern wie Dürre oder starken Regenfällen.

Forscher: El Niño verstärkt Schwankungen

Der Klimaforscher Anders Levermann erklärte am 3. September im ZDF-„Morgenmagazin“, El Niño verstärke Schwankungen: Es könne kalt, heiß, trocken oder sehr nass werden, und das alles „plötzlich“. Zwischen starkem Niederschlag und Dürre liege „manches Mal nur ein ganz schmaler Grat“, sagte der Professor für die Dynamik des Klimasystems am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK).

El Niño sei zwar ein natürliches Wetterphänomen, komme aber „obendrauf“ und werde durch die Erderwärmung heftiger, weil mehr Energie ins System gelange. Mit der globalen Erwärmung pumpe die Menschheit „wahnsinnig viel“ Energie in die Ozeane, auch in tiefe Schichten: Bei El Niño komme diese Energie „wieder hoch und dadurch wird es nochmal extra schlimm“, erklärte Levermann.

„Unbedingt CO2 reduzieren“, lautete sein Rat an Politik und Gesellschaft. Der Wissenschaftler plädierte dafür, die Energiewende zu schaffen und sich an das heißere Klima anzupassen. Konkret empfahl er, Lieferketten zu diversifizieren, Wohnhäuser zu dämmen und sogenannte Schwammstädte zu bauen, die in Zeiten reichlichen Niederschlags Wasser für Dürrezeiten speicherten.

Von Jan Dirk Herbermann und Susanne Rochholz (epd)


El Niño trocknet Zentralamerika aus



Dürre-Alarm in Honduras, weniger Schiffe im Panamakanal - in Mittelamerika führen die Auswirkungen des Wetterphänomens El Niño schon jetzt zu starker Trockenheit. In den kommenden Monaten droht eine Zuspitzung der Krise.

Berlin, Tegucigalpa (epd). Nur noch jeden neunten Tag kommt Wasser aus der Leitung. Bald könnte es nur noch einmal alle zwölf Tage sein, erklärt Joan Humberto Suazo in Tegucigalpa, der Hauptstadt von Honduras. Wegen extremer Trockenheit in dem mittelamerikanischen Land sei die Wasserversorgung für viele Haushalte rationiert, sagt der Einwohner der Millionenstadt. Und selbst wenn das Wasser fließt, sei dies auch lediglich für ein paar Stunden, oftmals nur am frühen Morgen.

Die ganze Region leidet aktuell unter Trockenheit, mit verursacht von der Klimakrise und angetrieben von El Niño. Typischerweise bringt das alle paar Jahre auftretende Wetterphänomen mehr Regen im Süden von Lateinamerika und verstärkt Dürre und Trockenheit im Norden. Zudem werden starke Hurrikane in Zentralamerika und Mexiko wahrscheinlicher. Schon jetzt sind die Folgen massiv spürbar, doch für die kommenden Monate wird mit einer weiteren Verschärfung gerechnet.

Panamakanal schränkt Schifffahrt ein

„Die Krise wird bis März oder April des nächsten Jahres dauern“, warnt der honduranische Präsident Nasry Asfura. Er hat inzwischen einen „Dürre-Alarm“ ausgerufen. In großen Teilen des zentralamerikanischen Landes regnet es seit Monaten kaum und die Pegelstände in den Wasserspeichern sind niedrig. Insbesondere die Hauptstadt Tegucigalpa ist von der Trockenheit betroffen. Dort seien immer mehr Menschen darauf angewiesen, Wasser in großen Plastikkanistern zu kaufen, sagt Suazo. Außerdem hätten sich die Preise für Wasser verdoppelt. Während reichere Haushalte oft zusätzlich auf private Zisternen zurückgreifen, leiden vor allem die Menschen in den Armenvierteln der Stadt stark unter der Rationierung.

Weiter südlich trifft die Dürre-Krise den Panamakanal. Wegen des niedrigen Wasserstands wird die Anzahl der Schiffe, die täglich die wichtige Verbindungsstraße zwischen Atlantik und Pazifik passieren können, nach Angaben der Betreiberfirma ab September gesenkt. Die maximale Ladung für die Schiffe wurde bereits reduziert - und das in einer Zeit, in der der Transport auf dem Wasser wegen des Iran-Kriegs und der Blockade der Meerenge von Hormus ohnehin unter enormem Druck steht.

Ernteausfälle und Viehsterben befürchtet

Ohne längere Regenfälle wird sich die Situation in den kommenden Monaten voraussichtlich noch zuspitzen - und zwar im gesamten sogenannten Dürrekorridor, der sich über Honduras, Guatemala, El Salvador und Nicaragua erstreckt. Ernteausfälle und Viehsterben werden befürchtet. Da in Honduras sowieso schon mehr als 60 Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze leben, gefährdet das direkt die Ernährungssicherheit. Die Regierung plant Notfallmaßnahmen wie das Bohren neuer Brunnen und Lebensmittellieferungen in besonders betroffene Gebiete.

El Niño geht auf eine Erwärmung des Ozeans im Süden und Osten des Pazifiks zurück, die weitreichende Auswirkungen für Wetter und Klima hat. Typischerweise dauert das Wetterphänomen zwischen neun und zwölf Monaten und tritt alle zwei bis sieben Jahre auf. Es beeinflusst Temperaturen und Niederschlagsmuster auf der ganzen Welt. Das letzte El-Niño-Phänomen gab es 2023/24. Studien zeigen, dass El-Niño-Ereignisse weltweit ökonomische Schäden von mehreren Billionen Euro verursachen.

Mittelamerika anfällig für Extremwetter

Experten gehen davon aus, dass El Niño diesmal sogar stärker wird als alle bisher gemessenen. Dürren können zudem noch durch die Klimakrise verursachte Hitzewellen verstärkt werden. Damit werden auch Waldbrände wahrscheinlicher, häufiger und stärker.

In Zentralamerika treffen die Extremwetterereignisse zudem auf sehr anfällige Staaten: So werden manche ohnehin immer wieder von Wirbelstürmen verwüstet. Hinzu kommt aber auch, dass instabile politische Situationen sowie Armut weite Teile der Region schwächen: Sie können sich schwer gegen Extremwetter wappnen oder die Folgen abfedern.

Von Lisa Kuner (epd)


Gambias Ringen mit dem langen Schatten der Diktatur




Memory House in Gambias Hauptstadt Banjul mit persönlichen Gegenständen
epd-bild/Helena Kreiensiek
Im Dezember wird in Gambia ein neuer Präsident gewählt. Dauerthema ist die Aufarbeitung des 22-jährigen Jammeh-Regimes. Auch zehn Jahre nach der Flucht des Präsidenten Yahya Jammeh warten Opfer noch immer auf Gerechtigkeit.

Banjul (epd). Ein Taekwondo-Gürtel, ein Ausweis, ein Hut: sicher verschlossen und säuberlich aufgereiht liegen persönliche Gegenstände in einem Ausstellungskasten des Memory House in Gambias Hauptstadt Banjul. Es sind die Besitztümer von Menschen, die umgebracht wurden.

22 Jahre, von 1994 bis 2016, regierte Yahya Jammeh das westafrikanische Land. Zunächst durch einen Militärcoup an die Macht gelangt, wurde Jammeh zwei Jahre später im Amt vereidigt. Es war eine Schreckensherrschaft: Journalistinnen und Journalisten, Migranten, politische Aktivistinnen und Aktivisten oder Demonstrierende, selbst Passanten, die zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort waren, wurden willkürlich inhaftiert, getötet oder verschwanden spurlos.

Jammeh-Abwahl vor zehn Jahren

An manche dieser Geschichten wird im Memory House erinnert - doch die Ausstellung zeige nur einen Bruchteil dessen, was sich während der Jammeh-Ära ereignet habe, sagt Sirra Ndow. Die Direktorin des Afrikanischen Netzwerks gegen außergerichtliche Tötungen und erzwungene Verschleppungen (ANEKED), das das Museum betreibt, und zugleich dessen Leiterin, sagt: „Die Liste an Verbrechen ist lang“.

Zehn Jahre ist es mittlerweile her, dass Jammeh nach seiner Wahlniederlage Ende 2016 ins Exil nach Äquatorialguinea floh. Seither hat Gambia einen umfassenden Übergangsjustizprozess eingeleitet, doch die Spuren seiner Herrschaft sind bis heute spürbar. Eine Galerie im Inneren des Museums zeigt Fotos von Vermissten und Hinterbliebenen mit deren persönlichen Geschichten.

Trotz allem hat Jammeh Unterstützer

Einer von ihnen ist Ndows Onkel: „Er ist 2013 von Jammehs Schergen entführt und getötet worden“, sagt sie. Ihre Familie habe der Verlust des Onkels bis ins Mark erschüttert. „Vermutlich gibt es keine einzige Familie in Gambia, die nicht in irgendeiner Art und Weise von den unter Jammeh verübten Verbrechen betroffen ist.“ Immer wieder entdeckten Besucher des Museums Verwandte in der Ausstellung.

Zugleich gebe es bis heute Menschen, die die Gräueltaten leugnen und Jammeh unterstützen. Das liegt laut Ndow vor allem an den Privilegien, die Teilen der Bevölkerung damals zuteil wurden. „Während seiner Herrschaft hat Jammeh die Region rund um seinen Geburtsort stark gefördert.“ Die Straßen in dem südwestlichen Teil des von Senegal umschlossenen Landes seien besser und die Wasser- und Stromversorgung zuverlässiger gewesen. „Oft hören wir auch, dass die Sicherheit unter ihm besser war.“ Aber das sei nur eine Seite. „Es gab unzählige Verhaftungen, Inhaftierungen ohne ein ordnungsgemäßes Verfahren und sehr viel Willkür.“

Jammeh-Erbe vor Wahlen im Dezember brisant

Dem Memory House gehe es vor allem um Aufklärung und darum, die Gespräche, die von der Wahrheitskommission angefangen wurden, weiterzuführen, erläutert die Leiterin. Gut fünf Jahre lang, von 2017 bis 2021, arbeitete die Kommission für Wahrheit, Versöhnung und Wiedergutmachung (TRRC) die Verbrechen der Jammeh-Ära auf. Doch bis heute ist der Diktator nicht vor Gericht gestellt worden.

Eine der größten Schwierigkeiten dabei ist, dass die autoritäre Regierung Äquatorialguineas sich weigert Jammeh auszuliefern. Zwar ist mit der Ernennung des britischen Anwalts Martin Hackett zum Sonderstaatsanwalt für Gambias Sondertribunal im Mai eine wichtige Entscheidung gefallen. Doch insgesamt schreitet die Aufarbeitung nur langsam voran, während die Geduld der betroffenen Familien schwindet.

Gerade mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen im Dezember ist Jammehs Erbe brisant - und das nicht nur, weil Jammehs Partei, die APCR, noch immer politisch mitmischt, wenn auch nur als „Randerscheinung“, wie Analyst Sait Matty Jaw sagt. Spannend werde sein, welche Richtung Präsident Adama Barrow einschlage. Denn Barrows mittlerweile dritte Kandidatur für das Amt an der Staatsspitze hat für Aufruhr gesorgt. Der Politiker war eigentlich 2016 mit dem Versprechen angetreten, nur einmal zu kandidieren und eine Amtszeitbegrenzung einzuführen, als Lehre aus der Jammeh-Herrschaft. Ein leeres Versprechen.

Von Helena Kreiensiek (epd)


Wieczorek-Zeul kritisiert Kürzungen bei Entwicklungszusammenarbeit




Heidemarie Wieczorek-Zeul
epd-bild/Heike Lyding
Der Bundestag nimmt die Beratungen zum Haushalt 2027 auf. Die frühere Entwicklungsministerin Wieczorek-Zeul kritisiert die Einschnitte für ihr ehemaliges Ressort - und vermisst Rückhalt "von der Spitze der Bundesregierung".

Wiesbaden (epd). Die ehemalige Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) beklagt den Kürzungstrend bei der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe. „Das ist eine völlige Fehlentwicklung, die zum Teil auf Druck von rechts zurückzuführen ist“, sagte Wieczorek-Zeul dem Evangelischen Pressedienst (epd).

„Europa sollte durchaus in die Verteidigungsfähigkeit investieren“, sagte die 83-Jährige mit Blick auf zugleich wachsende Ausgaben für das Militär. „Aber Sicherheit werden wir auch bei uns nur auf Dauer haben, wenn es weltweit menschliche Sicherheit gibt. Das ist mittlerweile leider bei manchen vergessen.“

„Ethische Verpflichtung, für globale Gerechtigkeit zu sorgen“

Der Bundestag beginnt am Dienstag mit seinen Beratungen zum Bundeshaushalt 2027. Der Etat für das Entwicklungsministerium soll laut Haushaltsentwurf der Bundesregierung erneut gekürzt werden, auf dann rund 9,47 Milliarden Euro. In diesem Jahr stehen dem Ministerium noch rund 10,06 Milliarden Euro zu Verfügung. 2022 waren es noch 12,35 Milliarden Euro. Auch bei der humanitären Hilfe, die im Auswärtigen Amt angesiedelt ist, gab es in den vergangenen Jahren Einschnitte.

Sie werbe bei der Diskussion des SPD-Grundsatzprogramms dafür, dass ihre Partei sich dafür einsetze, die Mittel für die UN-Nachhaltigkeitsziele auszuweiten, sagte Wieczorek-Zeul. Das sei Sicherheitspolitik im klassischen Sinn. „Und es ist eine ethische Verpflichtung, für globale Gerechtigkeit zu sorgen“, unterstrich die frühere Ministerin: „Auch das sollten wir klarmachen.“

Erfolge sichtbar machen

Die Bundesregierung rief sie dazu auf, deutlicher zu machen, was die Entwicklungszusammenarbeit bewirkt. Zum Beispiel seien seit 2002 durch den Globalen Fonds gegen Aids, Tuberkulose und Malaria 70 Millionen Menschenleben gerettet worden, sagte Wieczorek-Zeul. Solche Erfolge tauchten ihr in der öffentlichen Debatte zu selten auf. „Da fehlt manchmal auch ein bisschen der Rückhalt von der Spitze der Bundesregierung“, sagte sie.

epd-Gespräch: Moritz Elliesen und Franziska Hein


UN-Vollversammlung stimmt für Reform der Weltkarte



Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat sich für einen Vorschlag für eine neue Weltkarte ausgesprochen.

New York (epd). Die Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) hat mit großer Mehrheit für eine Reform einer neuen Weltkarte gestimmt. 164 Länder sprachen sich für eine Karte mit dem Typ „Equal Earth“ aus, die USA stimmten dagegen, sechs Länder enthielten sich, wie die UN am 4. September in New York mitteilten. „Equal Earth“ ist eine 2018 entwickelte Projektion, die die relativen Größenverhältnisse präziser darstellt. Mit der Resolution wollen die UN Regierungen, Schulen und Technologieunternehmen weltweit dazu ermutigen, keine Weltkarten mehr zu verwenden, auf denen Afrika weitaus kleiner dargestellt wird, als es tatsächlich ist, wie es hieß.

Hintergrund ist eine Initiative von Togo und der Afrikanischen Union gegen die aus dem 16. Jahrhundert stammende Mercator-Projektion, die nach wie vor die weltweit am häufigsten verwendete Kartenprojektion ist. Darauf könne Grönland zum Beispiel in seiner Größe in etwa mit Afrika vergleichbar erscheinen, obwohl Afrika rund 14-mal größer sei, hieß es. Der Außenminister Togos, Robert Dussey, sagte laut den UN vor der Abstimmung: „Karten prägen unser Verständnis der Welt.“ Sie beeinflussten zudem die kollektive Wahrnehmung.




Termine

8.9. Evangelische Akademie Frankfurt

Mit Livestream Historisch? Die Bedeutung der Wahl in Sachsen-Anhalt für die deutsche Demokratie Keine andere Landtagswahl steht 2026 so sehr im Fokus der gesamtdeutschen Aufmerksamkeit wie die in Sachsen-Anhalt. Dass die AfD, die in diesem Bundesland als gesichert rechtsextremistisch eingestuft ist, allen Umfragen zufolge stärkste Kraft werden könnte, lässt das Wahlergebnis schon vorab als drastischen Einschnitt in der deutschen Politik erscheinen. Mit Vertr.-Prof. Dr. Benjamin Höhne (Politikwissenschaftler) und Ruth Hoffmann (Historikerin, Autorin und Journalistin).

27.-28.10. Evangelische Akademie Loccum

Sorgenkind Innenstadt Leerstände, Rückgang der Besuchsfrequenz und zunehmende Nutzungskonflikte setzen viele Innenstädte unter Druck. Wo Handel an Bedeutung verliert und öffentliche Räume an Qualität einbüßen, steht mehr auf dem Spiel als das Stadtbild: Es geht um Zusammenhalt und Identifikation. Die Tagung versammelt Akteurinnen und Akteure aus Stadt- und Kulturpolitik, Verwaltung, Verbänden und Institutionen, um Perspektiven für zukunftsfähige Zentren zu entwickeln.

30.10.-1.11. Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt

Ob Kriegsleute in seligem Stand sein können - Vom gerechten Krieg zum gerechten Frieden (Lutherstudientage) Vor 500 Jahren schrieb Martin Luther seine Schrift über Kriegsleute, ihr Verhältnis zu Krieg, Gewalt und zu Gott und Seligkeit. Nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts wurde ein kritischer Blick auf Luthers Schrift und ihre Wirkungsgeschichte notwendig. Die gegenwärtigen Ereignisse nötigen aber dazu, Antworten zu suchen auf die Frage nach einem gerechten Krieg oder einem gerechten Frieden - und nach den Konsequenzen, die sich daraus ergeben.