Banjul (epd). Ein Taekwondo-Gürtel, ein Ausweis, ein Hut: sicher verschlossen und säuberlich aufgereiht liegen persönliche Gegenstände in einem Ausstellungskasten des Memory House in Gambias Hauptstadt Banjul. Es sind die Besitztümer von Menschen, die umgebracht wurden.

22 Jahre, von 1994 bis 2016, regierte Yahya Jammeh das westafrikanische Land. Zunächst durch einen Militärcoup an die Macht gelangt, wurde Jammeh zwei Jahre später im Amt vereidigt. Es war eine Schreckensherrschaft: Journalistinnen und Journalisten, Migranten, politische Aktivistinnen und Aktivisten oder Demonstrierende, selbst Passanten, die zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort waren, wurden willkürlich inhaftiert, getötet oder verschwanden spurlos.

Jammeh-Abwahl vor zehn Jahren

An manche dieser Geschichten wird im Memory House erinnert - doch die Ausstellung zeige nur einen Bruchteil dessen, was sich während der Jammeh-Ära ereignet habe, sagt Sirra Ndow. Die Direktorin des Afrikanischen Netzwerks gegen außergerichtliche Tötungen und erzwungene Verschleppungen (ANEKED), das das Museum betreibt, und zugleich dessen Leiterin, sagt: „Die Liste an Verbrechen ist lang“.

Zehn Jahre ist es mittlerweile her, dass Jammeh nach seiner Wahlniederlage Ende 2016 ins Exil nach Äquatorialguinea floh. Seither hat Gambia einen umfassenden Übergangsjustizprozess eingeleitet, doch die Spuren seiner Herrschaft sind bis heute spürbar. Eine Galerie im Inneren des Museums zeigt Fotos von Vermissten und Hinterbliebenen mit deren persönlichen Geschichten.

Trotz allem hat Jammeh Unterstützer

Einer von ihnen ist Ndows Onkel: „Er ist 2013 von Jammehs Schergen entführt und getötet worden“, sagt sie. Ihre Familie habe der Verlust des Onkels bis ins Mark erschüttert. „Vermutlich gibt es keine einzige Familie in Gambia, die nicht in irgendeiner Art und Weise von den unter Jammeh verübten Verbrechen betroffen ist.“ Immer wieder entdeckten Besucher des Museums Verwandte in der Ausstellung.

Zugleich gebe es bis heute Menschen, die die Gräueltaten leugnen und Jammeh unterstützen. Das liegt laut Ndow vor allem an den Privilegien, die Teilen der Bevölkerung damals zuteil wurden. „Während seiner Herrschaft hat Jammeh die Region rund um seinen Geburtsort stark gefördert.“ Die Straßen in dem südwestlichen Teil des von Senegal umschlossenen Landes seien besser und die Wasser- und Stromversorgung zuverlässiger gewesen. „Oft hören wir auch, dass die Sicherheit unter ihm besser war.“ Aber das sei nur eine Seite. „Es gab unzählige Verhaftungen, Inhaftierungen ohne ein ordnungsgemäßes Verfahren und sehr viel Willkür.“

Jammeh-Erbe vor Wahlen im Dezember brisant

Dem Memory House gehe es vor allem um Aufklärung und darum, die Gespräche, die von der Wahrheitskommission angefangen wurden, weiterzuführen, erläutert die Leiterin. Gut fünf Jahre lang, von 2017 bis 2021, arbeitete die Kommission für Wahrheit, Versöhnung und Wiedergutmachung (TRRC) die Verbrechen der Jammeh-Ära auf. Doch bis heute ist der Diktator nicht vor Gericht gestellt worden.

Eine der größten Schwierigkeiten dabei ist, dass die autoritäre Regierung Äquatorialguineas sich weigert Jammeh auszuliefern. Zwar ist mit der Ernennung des britischen Anwalts Martin Hackett zum Sonderstaatsanwalt für Gambias Sondertribunal im Mai eine wichtige Entscheidung gefallen. Doch insgesamt schreitet die Aufarbeitung nur langsam voran, während die Geduld der betroffenen Familien schwindet.

Gerade mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen im Dezember ist Jammehs Erbe brisant - und das nicht nur, weil Jammehs Partei, die APCR, noch immer politisch mitmischt, wenn auch nur als „Randerscheinung“, wie Analyst Sait Matty Jaw sagt. Spannend werde sein, welche Richtung Präsident Adama Barrow einschlage. Denn Barrows mittlerweile dritte Kandidatur für das Amt an der Staatsspitze hat für Aufruhr gesorgt. Der Politiker war eigentlich 2016 mit dem Versprechen angetreten, nur einmal zu kandidieren und eine Amtszeitbegrenzung einzuführen, als Lehre aus der Jammeh-Herrschaft. Ein leeres Versprechen.