New York (epd). Eine weiße Rose steckt neben einem der Namen, die in die bronzenen Ränder eingelassen sind. Jeden Morgen markiere ein Mitarbeiter der Gedenkstätte mit einer Rose die Namen jener Menschen, die an diesem Tag Geburtstag haben, erklärt eine der Freiwilligen, die an der nationalen Gedenkstätte zum 11. September in New York im Einsatz sind. Sie trägt wie ihre Kollegen eine blaue Weste. Ein Foto von der Rose neben dem Namen werde an die Angehörigen geschickt. „Gerade für diejenigen, die weit weg sind, ist es zumindest ein kleiner Trost, wenn sie nicht hier sein können“, sagt sie.

2.977 Männer, Frauen und Kinder starben bei den Terroranschlägen auf die USA am 11. September 2001: beim Einsturz der Hochhaustürme in New York, beim Angriff auf das Pentagon und beim Absturz des United-Airlines-Flugs 93 in Pennsylvania. Ihre Namen sind auf den Rändern der Gedenkstätte in Manhattan zu lesen.

Zwei Reflexionsbecken sind an exakt der Stelle in den Boden eingelassen, wo die Zwillingstürme gestanden haben. Wasser fließt an allen vier Seiten in dunkle Schächte im Boden. Man kann die Dimensionen der Ereignisse kaum fassen, wenn man hier steht. Und doch werden sie durch die vielen Namen deutlich.

Dialog der Ereignisse

Die Freiwilligen am 9/11-Memorial heißen die Besucher der Gedenkstätte willkommen. Sie erklären Details, führen Gespräche und halten die Erinnerung lebendig. „Wissen Sie noch, wo Sie am 11. September gewesen sind?“, fragt die schmale Frau mit den kurzen Haaren. Sie nimmt sich Zeit, hört zu, sie erzählt selbst. Sie hält aus, wenn ihr Gesprächspartner mit den Tränen kämpft.

Sie und ihre Kollegen wollen den Dialog über die Ereignisse in Gang halten. „Jeder Besucher geht anders damit um. Aber es sind wirklich sehr viele betroffen. Auch von den jungen Menschen, von denen viele die Anschläge gar nicht erlebt haben“, erklärt die Freiwillige. Denn während für die einen der 11. September mit eigenen Erinnerungen verbunden ist, ist er für andere nur noch Geschichte. Nach Angaben des Museums sind 100 Millionen Amerikaner heute zu jung, um sich zu erinnern.

Die freiwillige Helferin erklärt auch, dass die Namen von weiteren Opfern in die Gedenkstätte eingelassen sind. Es sind die sechs Menschen, die bei dem Anschlag auf das World Trade Center am 26. Februar 1993 gestorben sind. Die Gedenkstätte für die Opfer des Anschlags wurde am 11. September zerstört, ihre Namen wurden deshalb in das heutige Memorial aufgenommen.

Zeitleiste der Erinnerung

Von den Namen der Toten oben am Becken geht es im Museum hinab zur Geschichte des Geschehens. Auch hier weisen die blauen Westen der Freiwilligen den Weg. Die Ausstellungsräume erstrecken sich tief in das Fundament des ehemaligen World Trade Centers. Teile der Ausstellung befinden sich zwischen den früheren Grundmauern.

Es ist bedrückend dort unten. Ein Stimmengewirr empfängt die Besucher. Aufnahmen von Menschen, die versuchen zu beschreiben, was sie sehen. Fotos von geschockten Gesichtern. Schlagzeilen aus den Nachrichten. Eine Wand mit Fotos und Steckbriefen aller Opfer. Eine Zeitleiste zeichnet das Geschehen nach, vom ersten Flugzeug, das in einen der Türme flog, bis zu ihrem Zusammenbruch. Als Betrachter wird man in den Ablauf des Tages zurückversetzt.

Doch es sind nicht nur die Daten und Abläufe, die die Ausstellung prägen. Es sind die Dinge, die von diesem Tag übrig geblieben sind: verbranntes Papier, verbogenes Metall, Glasssplitter, ein verbogener Feuerwehrwagen, Fotos, Briefe, Andenken, Helme. Dazu kommen Sirenengeheul, Stimmen von Nachrichtensprechern, Aufnahmen von Telefonaten und Funksprüche. „Schickt alles, was ihr habt, zum World Trade Center. Jetzt“, ist die Stimme eines Polizisten zu hören.

Symbol für das Überleben

Die Anschläge, auch der von 1993, werden in politische Ereignisse und zeitliche Abläufe eingebunden. Eine zentrale Rolle spielt dabei die mediale Übertragung. Der 11. September entfaltete sich in Echtzeit vor den Augen der Welt. Nach Angaben des Museums hat fast ein Drittel der Weltbevölkerung live verfolgt, was passiert ist. Die Bilder der brennenden Türme und ihres Einsturzes sind tief im kollektiven Gedächtnis verankert.

Millionen von Menschen aus aller Welt besuchen jedes Jahr das Museum und den Gedenkplatz. Die etwa 400 Sumpf-Weißeichen, die rund um die Becken stehen, lassen den Ort mitten in der Großstadt beinahe friedlich wirken.

Zwischen all den Eichen steht ein Callery Pear Tree, eine chinesische Wild-Birne, die unter dem Namen „Survivor Tree“ bekannt ist. Der Baum überstand den Einsturz der Türme schwer beschädigt. Er wurde gesund gepflegt und kehrte 2010 an den Ort des Geschehens zurück.

Er ist Teil der Erinnerung an diesen Tag, ein Symbol für das Überleben. So wie die weißen Rosen, die Tag für Tag neben Namen abgelegt werden und dafür sorgen, dass die Opfer und ihre Geburtstage auch 25 Jahre später nicht vergessen sind.