
München (epd). Im Spagat zwischen Kirchenrecht, Denkmalschutz und gesellschaftlichem Wandel suchen die katholische und die evangelische Kirche nach neuen Nutzungskonzepten für ihre Sakralgebäude. Angesichts eines prognostizierten Mitgliederrückgangs von bis zu 50 Prozent bis 2060 stelle sich die Frage nach „Abwicklung oder Transformation“ von nicht mehr benötigten Gotteshäusern, sagte Jakob Johannes Koch, Kulturbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz, am 13. März bei der Fachtagung „Gotteshaus, Denkmal, Kostenfaktor“ in München. Sein Amtskollege Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), warnte vor der hoffnungsvollen „Beschwörung“ der gesellschaftlichen Relevanz von Sakralgebäuden: „Viele Menschen heute würden die Kirche in ihrem Stadtteil gar nicht vermissen.“
Claussen betonte, dass bei Plänen zur Nachnutzung von Kirchen „die Flexibilität der Gemeinden, des Gemeinwesens und der kirchlichen Hierarchien wichtiger sind als die Flexibilität des Kirchenraums“. Der Gottesdienstbesuch werde nicht automatisch besser, „nur weil wir die Kirchenbänke rausnehmen“. Entscheidend seien eine Idee und die Aktivierung der Gemeinden sowie interessierter Menschen vor Ort. Zugleich warnte Claussen davor, Modetrends wie Jugendkirchen oder Kletterkirchen zu kopieren, „wenn sie am eigenen Ort nicht dauerhaft funktionieren können“.
Während für Kirchen im städtischen Raum noch eher alternative Nutzungs- und Finanzierungskonzepte gefunden werden könnten, stelle sich die Situation auf dem Land oft schwieriger dar, erläuterten die beiden Kulturbeauftragten. Dennoch warnten sie vor einer „Ruinen-Romantik“, wie sie noch vor 20 Jahren propagiert worden sei. Kirchen, die mangels Nutzungskonzept und Finanzen stillgelegt würden, führten oft zum Verfall des angrenzenden städtischen Raums, sagte Claussen. Der katholische Beauftragte Koch verwies auf die dabei entstehenden Kosten: „Wenn man Vandalismus an leerstehenden Kirchen verhindern will, muss man Kosten für Wachpersonal einpreisen.“ Das belaufe sich schnell auf viele Tausend Euro pro Jahr.
Zudem könne man Gebäude nicht einfach sich selbst überlassen: „Sobald der erste Dachziegel herunterfällt, wird es gefährlich“, sagte Mathias Pfeil, Generalkonservator am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege.
Die drei Teilnehmer einer Podiumsdiskussion plädierten deshalb für neue Leitlinien und Interpretationshilfen sowohl beim Kirchenrecht als auch beim Denkmalschutz. Es gehe darum, mehr Freiraum für verschiedene Nutzungskonzepte von Kirchen zu bekommen. Denn auch für denkmalgeschützte Kirchen stehe eine „sinnvolle Nutzung, nicht der Erhalt der bloßen Gebäudehülle“ im Vordergrund, sagte der EKD-Beauftragte Claussen.
Nach Angaben der EKD gibt es bundesweit 20.361 evangelische Kirchen, 514 seien seit 1990 aufgegeben worden. Die Bischofskonferenz beziffert die Anzahl katholischer Gotteshäuser in Deutschland mit rund 24.000, bei 651 sei die liturgische Nutzung seit 1990 beendet worden. Dieser Prozess wird sich nach Aussagen mehrerer Referenten der Tagung in den folgenden Jahren noch verstärken. Beide Kirchen versuchen deshalb, oft im Zusammenspiel mit Partnern wie Ländern, Kommunen, Stiftungen und Wohlfahrtsunternehmen, neue Nutzungs- und Finanzierungskonzepte für ihre Kirchen zu finden.

München (epd). In ganz Deutschland stehen rund 44.300 Kirchen. Davon entfallen laut Statistik der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die sich auf Zahlen von 2022 stützt, exakt 20.361 Gotteshäuser auf protestantische Gemeinden. Die Deutsche Bischofskonferenz gibt auf Anfrage des Evangelischen Pressediensts (epd) die Zahl der katholischen Kirchen zu Ende 2025 mit knapp 24.000 an.
Von diesen Gotteshäusern sind auf evangelischer Seite 16.850 denkmalgeschützt, das entspricht einem Anteil von 82,8 Prozent. Bei den katholischen Geschwistern stehen sogar 95 Prozent, also 22.800 Kirchen, unter Denkmalschutz.
Die EKD listet außerdem 3.143 Gemeindezentren mit integriertem Sakralraum auf. Weil diese Gebäude zu drei Vierteln nach 1945 gebaut wurden, sind nur 402 (12,8 Prozent) davon denkmalgeschützt. Anders sieht es auf katholischer Seite aus: Insgesamt besitze man neben den Kirchen bundesweit weitere 37.200 denkmalgeschützte Immobilien, teilt die Bischofskonferenz mit. Das könnten Klosteranlagen, aber auch ältere Pfarrhäuser oder Bürogebäude sein. Hinzu kämen noch 887 denkmalgeschützte Friedhöfe.
Die Kosten für den Erhalt dieser Gebäude sind hoch und sie belasten die kirchlichen Haushalte zunehmend. Prognosen zufolge wird es deshalb in 30 Jahren aufgrund von Mitgliederrückgang und sinkenden Einnahmen deutlich weniger sakral genutzte Kirchen in Deutschland geben. Schon in den vergangenen Jahren wurden Gotteshäuser aufgegeben: Die EKD beziffert die Zahl auf 514 Kirchen seit 1990. Davon seien 386 verkauft und 128 abgerissen worden. Etwas höher liegen die Zahlen bei der katholischen Kirche: Bundesweit ist laut Bischofskonferenz bei 651 Sakralgebäuden die liturgische Nutzung beendet worden.
Die Evangelische Kirche in Deutschland besteht aus 20 selbstständigen Gliedkirchen, die katholische Kirche gliedert sich bundesweit in 27 eigenständige Bistümer.

Frankfurt a.M. (epd). Der Vorsitzende des Weltkirchenrats und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, hat eine klare Haltung zum Krieg gegen den Iran. „Man muss kein Pazifist sein, um die ethische Fragwürdigkeit dieses Krieges zu erkennen“, heißt es in einem am Dienstag veröffentlichten Gastbeitrag des früheren bayerischen Landesbischofs für das evangelische Magazin „chrismon“ (online). Selbst unter friedensethischen Kriterien, die militärische Gewalt nicht grundsätzlich ausschließen, sei dieser Krieg abzulehnen.
Mit Schmerz denke er an die mutigen Menschen im Iran, die für Freiheit und Menschenwürde kämpfen, schrieb Bedford-Strohm. Zugleich betonte er, dass ihr berechtigtes Ziel, ein Ende der Unterdrückung, auf einem anderen Weg erreicht werden müsse als durch Krieg. Daraus leitet der Theologe eine besondere Verantwortung gerade für die Gegner dieses Krieges ab, alle politischen Bemühungen zu unterstützen, die auf ein friedliches Zusammenleben in der Region zielen.
Bedford-Strohm warnte davor, den Krieg gegen den Iran mit Worten des NS‑Gegners und Pfarrers Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) zu rechtfertigen. Bonhoeffers Ethik, so der Weltkirchenrats‑Vorsitzende, ziehe enge Grenzen für jede Form militärischer Gewalt. Darin erkennt Bedford‑Strohm den Maßstab eines sogenannten Verantwortungspazifismus, der Gewalt immer als Schuld versteht und sie allenfalls in extremen Grenzfällen überhaupt zur Diskussion stellt.
Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) mit Sitz in Genf, auch als Weltkirchenrat bekannt, wurde 1948 gegründet. Er ist ein Zusammenschluss von mehr als 350 Mitgliedskirchen in mehr als 120 Ländern. Die katholische Kirche ist nicht Mitglied, arbeitet aber mit dem ÖRK zusammen. Der Zentralausschuss des Weltkirchenrates hatte Bedford-Strohm im September 2022 zum Vorsitzenden gewählt.

Hamburg, Stuttgart (epd). Vor einer Polarisierung in der Friedensdebatte hat die Synoden-Präses der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Anna-Nicole Heinrich, gewarnt. Oft werde die Diskussion in Schwarz und Weiß unterteilt, „in radikale Pazifisten und Mörder“, sagt Heinrich in der neuen Ausgabe des Magazins „Zeit Campus (12. März). Dabei könne “der Gang zur Bundeswehr wie auch ein Freiwilligendienst ein Friedensdienst sein„. Sich zu verteidigen, sei aus einer christlichen Grundhaltung heraus “nicht zu verteufeln".
Ebenfalls am Donnerstag hatte die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann in einem Gastbeitrag für das Mitgliedermagazin „Zivilcourage“ der Deutschen Friedensgesellschaft mit Sitz in Stuttgart die neue EKD-Friedensdenkschrift und deren Position zur Wehrpflicht kritisiert. Die Denkschrift habe die Chance verpasst, „deutlich zu machen, dass es nicht um Wehrpflicht geht, sondern um die Verpflichtung zum Kriegsdienst“, schrieb Käßmann. Die Verweigerung sei hier „in der Tat das deutlich christlichere Zeichen“.
Heinrich wurde 2021 mit 25 Jahren in eines der höchsten Ämter der EKD gewählt. „Von jungen Menschen in großen Institutionen wird erwartet, dass sie wilder sind und noch nicht so systemblind, dass sie sagen, was ihnen auffällt“, sagt die heute 29-Jährige im Interview mit „Zeit Campus“. Vor ihr hatten die Politikerinnen Irmgard Schwaetzer und Katrin Göring-Eckardt das Amt der EKD-Präses inne.

Stuttgart (epd). Die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, hat die neue Friedensdenkschrift ihrer Kirche kritisiert. Für sie sei damit „eine große Chance verpasst“ worden, „in Zeiten massiver Aufrüstung glasklar für Abrüstung zu plädieren“, schreibt Käßmann in einem am 11. März veröffentlichten Gastbeitrag des Mitgliedermagazins der „Deutschen Friedensgesellschaft“ mit Sitz in Stuttgart.
Die ehemalige hannoversche Bischöfin schreibt in dem Beitrag, sie sei „enttäuscht“ von dem Grundsatzpapier, das die EKD im November veröffentlicht hatte. Nach der kontroversen Debatte innerhalb der evangelischen Kirche über Waffenlieferungen an die von Russland angegriffene Ukraine wurde die alte Friedensdenkschrift der EKD überarbeitet. Das neue Papier rechtfertigt den Einsatz militärischer Gewalt, indem es dem Schutz vor Gewalt Priorität einräumt. Verständnis äußert das Papier auch für die aktuellen Aufrüstungsbemühungen, die Wehrpflicht und die Abschreckung mit Atomwaffen.
Käßmann, die sich bereits in der Vergangenheit kritisch über jegliche Form von Aufrüstung und Waffenlieferungen geäußert hatte, schreibt in ihrem Beitrag, als Ermutigung der Friedensbewegung lasse sich die Denkschrift „nicht wirklich lesen“. Sie bezeichnete dies als „traurig“. „Gerade in diesen Zeiten könnte die evangelische Kirche eine starke, klare Stimme für den Frieden und den Abbau von Feindbildern sein, wie sie es in den 80er-Jahren in Deutschland Ost und West war“, schreibt Käßmann, die bis 2010 Bischöfin in Hannover und EKD-Ratsvorsitzende war.
Konkret kritisierte sie in dem Beitrag unter anderem eine Passage, wonach aus ethischer wie völkerrechtlicher Perspektive sogar „eine präventive militärische Reaktion gerechtfertigt sein“ könne. „Das öffnet meines Erachtens Willkür Tür und Tor“, schreibt die Theologin.

Frankfurt a.M. (epd). Der Menschenrechtsexperte Martin Lessenthin blickt mit großer Sorge auf die Lage von Christinnen und Christen im Iran: Seit Beginn des Krieges mit den USA und Israel sei jeder Kontakt in die „freie Welt“ zur Lebensgefahr geworden, Untergrundgemeinden hätten ihre Treffen und digitale Gruppen eingestellt, sagte der frühere Sprecher der Menschenrechtsorganisation IGFM dem Evangelischen Pressedienst (epd). Der Historiker ist seit 2023 Mitherausgeber der Jahrbücher für Religionsfreiheit und Botschafter für Menschenrechte.
epd: Wie wirkt sich der aktuelle Konflikt mit den USA und Israel konkret auf den Alltag von Christinnen und Christen im Iran aus - etwa bei Überwachung, Verhaftungen oder Einschränkungen des Gemeindelebens?
Martin Lessenthin: Christen stehen - wie viele andere Iraner - an der Seite des Volkes und teilen dessen Leid und Hoffnung. Aktuell bedeutet jeder Kontakt in die freie Welt Lebensgefahr. Viele Christen haben sich an den Januar-Demonstrationen beteiligt. Unter ihnen hat es Verletzte und Tote gegeben. Etliche wurden verhaftet oder verschleppt. Das Gemeindeleben steht still.
epd: Inwiefern werden insbesondere Konvertiten und evangelikale Christen nach den jüngsten Militärschlägen noch stärker als „Sicherheitsrisiko“ oder gar als „Spione des Westens“ und „Zionisten“ stigmatisiert?
Lessenthin: Die christlichen Untergrundgemeinden sind in größter Gefahr. Sie stehen unter Generalverdacht, so wie auch die Mitglieder der Baha’i-Gemeinschaft, die wenigen Juden und Mandäer. Die gegen sie eingesetzte besondere Härte ist eine Machtdemonstration und ein Signal der islamistischen Führung an die Zivilgesellschaft.
epd: Wie erleben iranische Christinnen und Christen die aktuelle Situation: Überwiegen Angst und Rückzug, oder berichten Gemeindeleiter auch von neuer Hoffnung auf gesellschaftliche Veränderungen?
Lessenthin: Die Ernennung von Modschtaba Chamenei, des Sohns von Ali Chamenei, zum neuen obersten Führer ist ein fatales Zeichen für die religiösen Minderheiten. In den letzten Tagen sind fast alle Kontakte ausgesetzt. Untergrundgemeinden treffen sich nicht mehr. WhatsApp-Gruppen existieren nicht mehr, weil aus Angst vor den Revolutionsgarden alle Mitglieder ausgetreten sind. Die Gefahr ist zu groß.
epd: Was erwarten Menschenrechtsorganisationen jetzt konkret von westlichen Regierungen und auch von den Kirchen - etwa in Bezug auf Schutz von Konvertiten, Visaregelungen, diplomatischen Druck oder öffentliche Fürbitte- und Solidaritätsaktionen?
Lessenthin: In einen Iran der Mullahs darf es keine Abschiebungen mehr geben. Dieses System will ihr Land in den Krieg führen und die Rückkehr des „verlorenen Propheten Mehdi“ provozieren, der dann den weltweiten islamischen Gottesstaat errichten soll. Nach einem Fall des Regimes und einem kriegerischen Konflikt wird es viele Opfer zu beklagen geben. Praktische Hilfe durch Ärzte und Traumatherapeuten wird nötig sein. Auch Christen benötigen solche Unterstützung, denn viele waren im Gefängnis und sind durch Haft und Folter traumatisiert.

Paderborn (epd). Nach der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie für das Erzbistum Paderborn hat Erzbischof Udo Markus Bentz um Verzeihung gebeten und Konsequenzen angekündigt. „Es ist mir persönlich wichtig, um Verzeihung zu bitten - im Namen der Kirche von Paderborn“, sagte Bentz am 13. März. Er wisse jedoch, dass damit nicht ungeschehen gemacht werden könne, was geschehen sei. Die Betroffenenvertretung betonte, dass nun die Schlussfolgerungen aus der Studie umgesetzt werden müssten. Laut dem Interventionsbeauftragten hat das Erzbistum bislang Anerkennungsleistungen in Höhe von 4,5 Millionen Euro gezahlt.
Die erste Sichtung der über 700-seitigen Studie habe „die fatale, strukturelle Dimension des Versagens“ deutlich gemacht, sagte Bentz in Paderborn. Es lasse ihn nicht los, dass Priester und andere kirchliche Mitarbeitende ihnen anvertraute Menschen so hätten verletzen können. Schuldig geworden seien auch Verantwortliche im Erzbistum. Vorfälle seien verharmlost und bagatellisiert worden.
Am 12. März war die unabhängige Studie zu sexuellen Übergriffen im Erzbistum in der Zeit von 1941 bis 2002 veröffentlicht worden. Demnach ist das Ausmaß weit größer als bislang bekannt. Laut Studie gibt es für diesen Zeitraum Hinweise auf 210 Beschuldigte und 489 Betroffene. Die Wissenschaftlerinnen der Universität Paderborn waren seit 2020 mit der historischen Studie befasst. Sie beleuchtet die Amtszeiten der Erzbischöfe Lorenz Jaeger (1892-1975) und Johannes Joachim Degenhardt (1926-2002). Ein zweites Forschungsprojekt untersucht aktuell die Amtszeit von Erzbischof Hans-Josef Becker (2002 bis 2022).
Mit den Erkenntnissen der Studie solle der bisherige Weg der Aufarbeitung kritisch abgeglichen werden, kündigte Bentz an. So solle etwa die Priesterausbildung im Erzbistum auf den Prüfstand gestellt werden. Zudem sei eine vertiefte Bewertung der Studie gemeinsam mit der Unabhängigen Aufarbeitungskommission verabredet. Bentz verwies auch auf ein kürzlich gegründetes Therapie-Netzwerk des Erzbistums sowie auf seelsorgerliche Begleitung und Unterstützung bei der Anerkennung des Leids.
Der Sprecher des Vorstands der Betroffenenvertretung im Erzbistum Paderborn, Reinhold Harnisch, würdigte die Übernahme der Verantwortung durch das Erzbistum. Es bleibe jedoch noch viel zu tun. Bei der Zusammenarbeit mit dem Erzbistum wolle man „hart, aber fair“ bleiben. Das Paderborner Modell der Kooperation könne ein Leuchtturm werden, der eine neue Zeit einleite: „eine Zeit der Wahrheit, der Klarheit, der Verantwortung und des Miteinanders“.
Der Interventionsbeauftragte des Erzbistums, Thomas Wendland, sagte, Vorwürfe persönlicher Verstrickungen der früheren Erzbischöfe Lorenz Jaeger und Johannes Joachim Degenhardt seien bekannt, neuere Aussagen würden geprüft. „Wir nehmen alle Hinweise auf und gehen ihnen sorgfältig nach“, betonte auch Erzbischof Bentz. Sobald es weitere Entwicklungen gebe, „werden wir zeitnah und transparent über diese Sache informieren“.
Laut dem Interventionsbeauftragten wurden bislang rund 200 Anträge bei der Kommission für Anerkennungsleistungen eingereicht, davon wurden 163 entschieden. Das Erzbistum habe 4,5 Millionen Euro an Anerkennungsleistungen gezahlt.

Erfurt (epd). Der langjährige Erfurter Bischof Joachim Wanke ist tot. Wie das Bistum Erfurt mitteilte, starb der 84 Jahre alte Theologe am12. März im Katholischen Krankenhaus der Thüringer Landeshauptstadt. Dort war er seit dem 6. März palliativ behandelt worden.
Für das Bistum würdigte Erfurts Bischof Ulrich Neymeyr den Verstorbenen als einen bedeutenden Geistlichen und Theologen, von dem wegweisende und ermutigende Impulse nicht nur für das Leben der katholischen Kirche in der Diaspora Ostdeutschlands ausgegangen seien. Er habe auch das Leben der katholischen Kirche in Deutschland geprägt. Während der deutschen Teilung haben seine klare Haltung und seine stets wohl gewählten Worte laut Neymeyr vielen Christen in der DDR Mut und Zuversicht vermittelt.
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, bezeichnete Wanke als einen „beeindruckenden Seelsorger und theologischen Visionär“. Er habe nicht nur den theologischen Kurs in der ostdeutschen Diaspora entscheidend mitgeprägt. Auch im Zusammenwachsen der katholischen Kirche nach der deutschen Einheit habe er als Erfurter Bischof sichtbare Spuren hinterlassen. Er sei stets für eine Kirche eingetreten, die Unrecht benenne und zugleich Perspektiven für das Zusammenleben eröffne.
Für die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland hob Landesbischof Friedrich Kramer das Engagement Wankes für die Ökumene hervor. Der Verstorbene habe beharrlich das Verbindende zwischen den Konfessionen gesucht und den Austausch zwischen evangelischer und katholischer Kirche in der Region gestärkt. Sein Einsatz für ein geschwisterliches Miteinander der Kirchen wirke bis heute nach. Über Jahrzehnte hinweg habe er damit wichtige Impulse für das kirchliche Leben in Mitteldeutschland gesetzt.
Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) erinnerte an Wankes enge Verbundenheit mit der Region. Mit seinem Anspruch, „das Evangelium auf mitteldeutsch zu verkünden“, habe er seine Nähe zu den Menschen gezeigt. Nach der friedlichen Revolution habe er den „Weiterbau in Freiheit“ vorangetrieben. Die Bistumsgründung und der Erhalt beziehungsweise die Überführung der Katholisch-Theologischen Fakultät in die Universität Erfurt seien dabei große und gelungene Herausforderungen gewesen.
Wanke stand fast sechs Jahrzehnte im priesterlichen Dienst und mehr als vier Jahrzehnte im bischöflichen Amt. Der 1941 in Breslau geborene Geistliche war der erste Bischof des 1994 neu errichteten Bistums Erfurt. Nach der Vertreibung seiner Familie wuchs er in Ilmenau in Thüringen auf.
Zu den Höhepunkten seiner Amtszeit zählte der Besuch von Benedikt XVI. im Jahr 2011 in Erfurt. Seit seinem Rücktritt 2012 lebte er als emeritierter Bischof in Erfurt.
Das Bistum Erfurt hat Trauernden die Möglichkeit eröffnet, sich in ein digitales Kondolenzbuch einzutragen. Bereits in den ersten Stunden nach Bekanntwerden seines Todes hinterließen Dutzende Gläubige, Weggefährten, Freunde und Mitarbeiter Beileidsbekundungen und gemeinsame Erinnerungen an den Menschen Joachim Wanke.

Berlin (epd). Deutschland kommt beim Klimaschutz kaum voran. Die Kohlendioxid-Emissionen sanken im vergangenen Jahr um gerade einmal 0,1 Prozent, wie aus den am 14. März in Berlin veröffentlichten Daten des Umweltbundesamtes hervorgeht. Der zuvor über Jahre zu beobachtende Trend zu einem deutlichen Rückgang ist nahezu gestoppt. Die Lücke zum Erreichen des Klimaziels wird größer, und damit auch der Druck auf das erwartete Klimaschutzprogramm der Bundesregierung. „Diese Zahlen sind ein gellender Weckruf“, sagte Greenpeace-Sprecherin Marissa Reiserer.
Deutschland emittierte dem Umweltbundesamt zufolge im vergangenen Jahr 649 Millionen Tonnen CO2, eine knappe Million weniger als 2024. Im Industriesektor wurden den Daten zufolge die Emissionen gemindert. Ursache dafür waren laut Umweltbundesamtspräsident Dirk Messner vor allem Produktionsrückgänge aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Entwicklung. Anstiege klimaschädlicher Emissionen in den Bereichen Gebäude und Verkehr wogen diese Reduzierung fast komplett auf. In den Sektoren Energiewirtschaft und Landwirtschaft blieben die Emissionen 2025 auf dem Vorjahresniveau.
Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) sagte bei der Vorstellung der Daten, die Fortschritte seien „insgesamt zu klein“ gewesen. Er erklärte die Stagnation unter anderem mit dem relativ windarmen Jahr 2025, in dem Gaskraftwerke mehr für Strom sorgen mussten, und einem kälteren Winter, in dem mehr geheizt wurde.
Deutschland war bislang bei der Erreichung des Klimaziels gut vorangekommen. 2023 lag der Rückgang der Emissionen noch bei gut zehn Prozent, 2024 dann bei 3,4 Prozent. Deutschland will bis 2045 klimaneutral sein. Bis 2030 sollen die Treibhausgas-Emissionen um 65 Prozent im Vergleich zum Jahr 1990 gesenkt werden. 2025 waren dem Bericht zufolge 48 Prozent erreicht.
Damit liegt Deutschland zwar noch im durch das Klimaschutzprogramm festgelegten Plan. Die Lücke - und damit die Aufgabe für die Politik - zur Erreichung des Klimaziels wird aber größer: Ging der Bericht 2024 davon aus, dass mit den geltenden Maßnahmen die Emissionen bis 2030 bereits um 63,7 Prozent gesenkt werden können, sinkt die Prognose im aktuellen Bericht auf 62,6 Prozent.
Umweltbundesamtspräsident Messner sagte, es gehe jetzt beim Klimaschutzprogramm darum, diese Lücke zu schließen. „Die Herausforderungen werden größer, aber nicht unmöglich“, sagte er. Das Kabinett muss das Klimaschutzprogramm, das ausreichende Maßnahmen zur Erreichung des Klimaziels enthält, bis zum 25. März verabschieden.
Umweltminister Schneider müsse „alles daran setzen, die fossilen Ketten zu sprengen, die uns eine falsche Energie- und Verkehrspolitik angelegt haben und die Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) mit ihren Gas-Plänen gerade noch fester schraubt“, sagte Greenpeace-Sprecherin Reiserer. Für die Deutsche Umwelthilfe wiederholte deren Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch unter anderem die Forderung, ein Tempolimit auf deutschen Straßen in das Klimaschutzprogramm aufzunehmen.
Drastisch formulierte Sprecherin Carla Reemtsma für „Fridays for Future“: „Die Emissionsbilanz zeigt, was alle insgeheim wissen: Diese Regierung steuert uns mitten in die Klimakrise“, sagte sie den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Die Grünen-Fraktionsvize im Bundestag, Julia Verlinden, sagte dem „RedaktionsNetzwerk Deutschland“, die neuen Daten seien „ein letztes Warnsignal an die Bundesregierung, dass sie eine radikale Kehrtwende in der Klimaschutzpolitik vornehmen muss“.
Eine gute Nachricht enthält der Bericht des Umweltbundesamtes über den Wald in Deutschland. Während die Wälder wegen Dürre und Schäden durch Borkenkäfer in den Jahren 2018 bis 2024 selbst Emissionen verursachten, wurden sie 2025 wieder zu einer CO2-Senke. Sie entnahmen der Atmosphäre den Daten zufolge 19 Millionen Tonnen Kohlendioxid mehr, als sie selbst freisetzten.

Berlin (epd). Die Ankunft zahlreicher Geflüchteter aus dem Iran ist in Deutschland laut dem Osnabrücker Migrationsforscher Jochen Oltmer derzeit nicht zu erwarten. Aufnahme- und Transitländer wie die Türkei, Griechenland und Bulgarien hätten ihre Grenzen dichtgemacht, sodass „kaum ein Durchkommen“ sei, sagte der Historiker vom Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien dem Evangelischen Pressedienst (epd). Bundespolitiker aus Koalition und Opposition forderten dennoch, dass Deutschland und Europa sich auf verschiedene Szenarien vorbereiten.
Die einzig mögliche Fluchtroute aus dem Iran wäre laut Oltmer die über den Norden in Richtung Zentralasien. Angesprochen auf den Vergleich mit dem Jahr 2015, als viele Geflüchtete vor allem aus Syrien in Deutschland ankamen, sagte er, anders als damals Syrien sei der Iran heute nicht von einem blutigen Bürgerkrieg betroffen. Die USA und Israel konzentrierten sich bei ihren Angriffen gegen das Land auf militärische Interventionen aus der Luft. „Wir sehen keine bewaffneten Auseinandersetzungen im Land selbst“, sagte der Professor der Universität Osnabrück.
EU-Migrationskommissar Magnus Brunner hatte Anfang März erklärt, derzeit sei keine Fluchtbewegung aus dem Iran Richtung Europa zu beobachten. Er hoffe, dass Brunners Prognosen „verlässlich und belastbar“ seien, sagte der SPD-Innenpolitiker Sebastian Fiedler dem „Handelsblatt“ (12. März). Dennoch müsse Europa auf unterschiedliche Szenarien vorbereitet sein. „Entscheidend ist nicht Alarmismus, sondern Vorbereitung und europäische Handlungsfähigkeit“, sagte Fiedler.
Auch die parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen-Bundestagsfraktion, Irene Mihalic, sagte der Zeitung, es sei wichtig, Vorbereitungen zu treffen, um unübersichtliche Situationen zu vermeiden. Die Bundesregierung müsse sicherstellen, dass kein Chaos entstehe und humanitäre Standards eingehalten würden. Zugleich wies auch Mihalic Vergleiche mit der großen Fluchtbewegung des Jahres 2015 zurück.
Der CSU-Innenpolitiker Siegfried Walch drang auf einen strikten Schutz der deutschen Grenzen und lückenlose Kontrollen. „Die Sicherheit in Deutschland muss zu jeder Zeit oberste Priorität haben“, sagte er dem „Handelsblatt“. Er forderte die Abwicklung von Asylverfahren direkt an den EU-Außengrenzen, um zu verhindern, dass Unterstützer des iranischen Regimes einreisen.
Zuletzt hatte nur eine Minderheit iranischer Asylsuchender in Deutschland einen positiven Bescheid bekommen. Im Januar und Februar sei über 891 Asylverfahren iranischer Staatsangehöriger entschieden worden, sagte ein Sprecher des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge den Zeitungen des „RedaktionsNetzwerks Deutschland“. „Die Gesamtschutzquote betrug 27,6 Prozent.“ Im vergangenen Jahr seien 11.626 Entscheidungen über Asylanträge von Iranerinnen und Iranern gefällt worden, mit einer Schutzquote von 22,8 Prozent.

Berlin (epd). Medienberichten zufolge will die Bundesregierung ab 2027 kein Geld mehr zahlen, um Asylsuchenden in Deutschland eine Beratung unabhängig von Behörden zu ermöglichen. Die Anbieter dieser Beratungen, darunter große Wohlfahrtsverbände, seien entsprechend informiert worden, berichten das Recherchenetzwerk „Correctiv“ und das „RedaktionsNetzwerk Deutschland“ (14. März) übereinstimmend. Der AWO-Bundesverband und Pro Asyl äußerten scharfe Kritik an den Kürzungsplänen.
Das von Alexander Dobrindt (CSU) geführte Innenministerium bestätigte das geplante Finanzierungs-Aus dem „RedaktionsNetzwerk Deutschland“ nicht. „Entscheidungen über Mittelvergaben finden im Rahmen der Haushaltsverhandlungen statt“, sagte ein Sprecher dem Bericht zufolge. Die Haushaltsberatungen für das Jahr 2027 stünden erst noch bevor.
Leon Eckert (Grüne), Mitglied im Haushaltsausschuss des Bundestages, habe die Informationen bestätigt: Das Innenministerium berufe sich in seiner Entscheidung auf Sparzwänge. Dobrindt setze mit dem Schritt „seinen migrationspolitischen und humanitären Blindflug fort“, kritisierte Eckert. Laut „Correctiv“ sind für die Förderung der entsprechenden Träger im laufenden Jahr noch 25 Millionen Euro eingeplant.
Im schwarz-roten Koalitionsvertrag steht: „Die behördenunabhängige Asylverfahrensberatung werden wir ergebnisoffen evaluieren.“ Sie war von der Ampel-Koalition zum 1. Januar 2023 eingeführt worden. Den Medienberichten zufolge liegt die von der Forschungsstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge erstellte Überprüfung vor, wird vom Bundesinnenministerium aber nicht veröffentlicht.
Der Präsident des AWO-Bundesverbandes, Michael Groß, sagte dem „RedaktionsNetzwerk Deutschland“, das Streichen der unabhängigen Asylverfahrensberatung sei ein schwerer politischer Fehler. „Nach all den Angriffen auf das Recht auf Asyl wird nun auch noch aktiv die Zivilgesellschaft aus der Unterstützung Geflüchteter zurückgedrängt. Leidtragender ist neben den Betroffenen auch der Rechtsstaat“, sagte Groß.
Pro-Asyl-Geschäftsführer Karl Kopp sagte dem „RedaktionsNetzwerk Deutschland“, die unabhängige Asylverfahrensberatung sei kein Luxus, sondern eine zentrale rechtsstaatliche Absicherung im Asylverfahren. In einem hochkomplexen und für die Betroffenen existenziellen Verfahren bräuchten Schutzsuchende verlässliche Unterstützung. Diese müsse unabhängig von der Behörde gewährt werden, die über ihren Antrag entscheide.

Berlin (epd). Diskriminierung betrifft einer großen Umfrage zufolge zahlreiche Menschen in Deutschland und zieht sich durch alle Lebensbereiche. In der am 10. März veröffentlichten Erhebung gaben 13,1 Prozent der Befragten an, in den vorangegangenen zwölf Monaten entsprechend benachteiligt worden zu sein. „Diskriminierung ist in Deutschland kein Einzelfall, sondern ein Massenphänomen“, sagte die Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes, Ferda Ataman, bei der Vorstellung in Berlin. Der Anteil der Betroffenen in der Befragung entspreche rund neun Millionen Erwachsenen in ganz Deutschland. Ataman forderte die Bundesregierung als Konsequenz zu Gesetzesänderungen auf.
In der Befragung wurden große Unterschiede zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen deutlich. So berichteten Frauen mit einer Wahrscheinlichkeit von 16,1 Prozent über Diskriminierungserfahrungen, bei den Männern waren es nur 9,8 Prozent. Für Menschen mit Migrationshintergrund lag die Wahrscheinlichkeit, diskriminiert zu werden, bei 21 Prozent, bei Menschen muslimischen Glaubens waren es 28,6 Prozent. Für transgeschlechtliche, intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen wurde eine Wahrscheinlichkeit von 31,8 Prozent errechnet, für Menschen mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten waren es 17 Prozent.
Gefragt wurden die Betroffenen auch danach, in welchen Lebensbereichen sie Diskriminierungen erlebten. Dabei wurden vor allem alltägliche Situationen wie Begegnungen auf der Straße (41,5 Prozent), der Besuch von Läden oder andere Kontakte mit Gütern und Dienstleistungen (40,7 Prozent) sowie das Arbeitsleben (39,2 Prozent) genannt. 20,3 Prozent der Betroffenen berichteten von Diskriminierung im Bereich Gesundheit und Pflege, 19,5 Prozent der Betroffenen nannten Kontakte mit Ämtern, Behörden oder der Polizei.
„Diskriminierung findet nicht am Rand der Gesellschaft statt, sondern mittendrin“, sagte Ataman dazu. Sie betonte, dass dies auch „eine massive Belastung für unser politisches System“ sei: Die verbreitete Erfahrung von Diskriminierung lasse das Vertrauen in den Staat schwinden, warnte Ataman. Außerdem verschärfe sich der Fachkräftemangel, wenn sich Zugewanderte in Deutschland nicht wohlfühlten.
Ataman ermahnte die Bundesregierung, die im Koalitionsvertrag angekündigte Reform des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) zügig anzugehen. Dabei müssten weitere mögliche Diskriminierungsmerkmale aufgenommen werden, unter anderem die Staatsangehörigkeit und der sozioökonomische Status. Auch der Anwendungsbereich des AGG müsse ausgeweitet werden. Zudem müsse die Frist, um sich nach einer Diskriminierung rechtlich zur Wehr zu setzen, von aktuell zwei Monaten deutlich verlängert werden, fügte Ataman hinzu.
Für die Untersuchung im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes wurden Daten aus dem Sozio-ökonomischen Panel verwendet. Für diese Langzeitstudie werden jedes Jahr etwa 30.000 Menschen befragt. 2022 wurden dabei erstmals Fragen zur Diskriminierung gestellt. Die Auswertung übernahm das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM). Ko-Autorin Samera Bartsch sagte in Berlin, es handele sich um die bisher umfassendste Befragung zum Thema Diskriminierung. Sie wünsche sich künftig eine regelmäßige Wiederholung im Abstand von zwei Jahren, um Vergleichsdaten zu bekommen.

Stuttgart (epd). Die Grünen haben ihren knappen Wahlsieg in Baden-Württemberg wesentlich konfessionslosen und protestantischen Wählern zu verdanken. Während ihnen 37 Prozent der Konfessionslosen und 30 Prozent der Protestanten ihre Stimme gaben, waren es unter Katholiken 27 Prozent und unter Muslimen nur 16 Prozent, wie die Forschungsgruppe Wahlen in Mannheim dem Evangelischen Pressedienst (epd) am 9. März auf Anfrage mitteilte. Befragt wurden am Sonntag 20.784 Wähler, darunter 10.241 nach Konfession.
Anders das Ergebnis bei der CDU: Ihr gaben 38 Prozent der Katholiken ihre Stimme, aber nur 30 Prozent der Protestanten, 20 Prozent der Konfessionslosen und 16 Prozent der Muslime. Bei regelmäßigen Gottesdienstbesuchern, egal ob katholisch oder evangelisch, lag die CDU mit 40 Prozent deutlich vor den Grünen (25 Prozent).
Die AfD als drittstärkste Kraft punktete bei Konfessionslosen (20 Prozent), Protestanten (19 Prozent) und Katholiken (17 Prozent) nahezu gleichermaßen. Von den muslimischen Wählern gaben der Partei 8 Prozent ihre Stimme; sie wählten häufiger SPD (20 Prozent) und Linke (17 Prozent).
Bei der Landtagswahl am 8. März erzielten die Grünen nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis 30,2 Prozent der Stimmen, die Union 29,7 Prozent, die AfD 18,8 Prozent. Die SPD kam auf 5,5 Prozent, FDP und Linke jeweils auf 4,4 Prozent.

München, Bad Nenndorf (epd). In Deutschland sind im vergangenen Jahr nach Angaben der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) mindestens 393 Menschen in Gewässern ertrunken. Das sind 18 Todesfälle weniger als im Jahr 2024, wie Vertreter der DLRG am 10. März in München erläuterten. Dieser Rückgang sei jedoch „kein Grund, erleichtert zu sein“, sagte DLRG-Präsidentin Ute Vogt. Zu vermuten sei, dass das teils wenig sommerliche Wetter im Jahr 2025 dazu beigetragen habe, dass weniger Menschen ertrunken seien.
Die meisten Badeunfälle geschahen den Angaben zufolge im Juni. „Wäre es in der folgenden Hauptferienzeit weiterhin so sonnig und heiß geblieben, hätten wir wohl erneut einen Anstieg der Opferzahl vermelden müssen“, sagte Vogt. Mehr als die Hälfte (56 Prozent) der tödlichen Unfälle ereignete sich während der Badesaison von Anfang Mai bis Ende August. „Viele Fälle wären vermeidbar gewesen, wenn die Menschen ihre eigenen Fähigkeiten oder das Gewässer besser eingeschätzt hätten“, mahnte die DLRG-Präsidentin.
Die meisten Opfer im Jahr 2025 waren älter als 60 Jahre: 138 Personen wurden in dieser Altersgruppe statistisch erfasst. Das entspricht 42 Prozent aller Opfer, bei denen das Alter bekannt ist. Einen Anstieg um jeweils elf Todesfälle im Vergleich zu 2024 gab es bei den 11- bis 20-Jährigen (25 Tote) sowie bei den 21- bis 30-Jährigen (48 Tote). In der Altersgruppe der 31- bis 60-Jährigen zählte die in Bad Nenndorf bei Hannover ansässige DLRG insgesamt 108 Todesopfer.
Die DLRG-Präsidentin sprach von besorgniserregenden Zahlen, insbesondere bei den Jugendlichen. Unter den 73 Opfern bei den 11- bis 30-Jährigen sei nur eine Person weiblich gewesen. „Gerade unter männlichen Jugendlichen und jungen Männern sind Übermut und Selbstüberschätzung weit verbreitet und ebenso wie der Konsum von Alkohol mitursächlich für tragische Unfälle.“
Frank Villmow aus dem DLRG-Präsidium fügte an, Ertrinken sei generell ein „männliches Problem“. So seien unter allen Todesopfern im Jahr 2025 nur 68 Frauen erfasst worden. Bei 13 Opfern sei das Geschlecht nicht bekannt. „Dem gegenüber stehen 312 Opfer männlichen Geschlechts.“
Neun von zehn tödlichen Unfällen (88 Prozent) fanden in öffentlich zugänglichen Gewässern im Binnenland statt - die meisten in Seen und Teichen (158) sowie in Fließgewässern (153). DLRG-Präsidentin Vogt betonte, Flüsse, Seen und allgemein unbewachte Gewässer sollten möglichst gemieden werden. „Am sichersten ist das Baden und Schwimmen dort, wo Rettungsschwimmerinnen und Rettungsschwimmer im Notfall direkt vor Ort sind.“
Abzulesen sei dies auch daran, dass an Nord- und Ostsee insgesamt nur 22 Opfer zu beklagen waren. Während die DLRG für die Nordsee mit fünf Fällen zwei mehr als im Vorjahr erfasste, waren es für die Ostsee zehn tödliche Unfälle weniger (17). Die 27 Frauen und Männer, die 2024 in der Ostsee ertranken, waren nach Angaben der DLRG ein seltener Höchstwert.
Nach Bundesländern gegliedert ertranken im vergangenen Jahr die meisten Menschen in Bayern (84). Danach folgten Nordrhein-Westfalen (48), Niedersachsen (47) und Baden-Württemberg (43). In Mecklenburg-Vorpommern gab es 30 Opfer, gefolgt von Brandenburg (25), Schleswig-Holstein (21), Hessen (19), Berlin (16) sowie Hamburg und Rheinland-Pfalz (je 15). Die wenigsten Opfer beklagten Sachsen (10) Thüringen und Sachsen-Anhalt (je 7) sowie Bremen (4) und das Saarland (2).

Bremen (epd). Jetzt geht es los: Der Frühling lockt mit längerer Sonnenscheindauer und wärmeren Temperaturen in den Garten. Aber was ist da jetzt zu tun? Die Bremerin Anna Küster weiß es. Sie leitet in der Hansestadt den Lehr- und Erlebnisgarten des Landesverbandes der Gartenfreunde, steht den Parzellisten mit Rat und Tat zur Seite. Ihre Tipps für einen gelungenen Start in die Gartensaison:
Gehölzrückschnitte sind jetzt angesagt. „Gehölze, die am einjährigen Holz blühen, kann man jetzt beschneiden, weil man den Aufbau gut erkennen kann“, sagt Anna Küster. Das gelte auch für das Kern- und Beerenobst. Wer die Blütenstände der Stauden über den Winter stehen gelassen hat, was die Expertin als „vorbildlich“ lobt, kann auch hier kürzen. Außerdem: Beete vorbereiten für erste Aussaaten und Pflanzungen, Kompost auf die Flächen.
Viele Gartenfreunde denken möglicherweise schon daran, den Rasenmäher anzuwerfen und die Flächen zu vertikutieren. Doch über Wochen war es jetzt relativ trocken. Anna Küster rät deshalb zur Zurückhaltung: „Da verzichte ich erst mal auf das Mähen, denn je kürzer der Rasen ist, desto schneller trocknet er aus.“ Und was das Vertikutieren angeht: Da würde sie erst im April oder Mai aktiv werden, um direkt die Chance zu haben, dass der nachgesäte Rasen in den entstandenen Löchern gut keimt. „Dann auch gleich düngen und kalken.“ Dabei könnten Urgesteinsmehl und handelsübliche Dünger genutzt werden.
Küsters grobe Faustregel: Starkzehrer - also Gewächse mit hohem Nährstoffbedarf wie Kopfkohlsorten, Tomaten, Paprika und Auberginen - bekommen pro Pflanze eine kleine gefüllte Hand mit Hornspänen und zwei Schaufeln Kompost, die vor dem Pflanzen in den Boden eingearbeitet werden. Im nächsten Jahr folgen auf dem Beetstück die Mittelzehrer - Karotten, Zucchini, Kohlrabi oder Rote Beete. Im Jahr darauf kommen Schwachzehrer wie Erbsen, Salat oder Radieschen, bei denen nicht extra gedüngt werden muss, weil noch genügend Nährstoffe im Boden vorhanden sind. Die Expertin empfiehlt organischen Dünger, der nicht ganz so leicht ausgewaschen wird.
Auch Anna Küster registriert die wachsende Lust, Pflanzen auszusäen und selbst großzuziehen. „Ich verstehe das, weil die Arbeit etwas sehr Direktes hat, wo sich schnell und deutlich Erfolge und Misserfolge erkennen lassen“, sagt sie: „Diese Erfahrung fehlt in unserem Alltag häufig.“
Möhren sind Küster zufolge unter den ersten Samen, die ins Beet kommen. „Die sät man direkt dahin, wo man sie haben will, weil sie sich nicht verpflanzen lassen wie andere Gemüse. Das kann schon ab März passieren.“ Im März könne man auf der eigenen Fensterbank auch mit der Aussaat besonders wärmeliebender Pflanzen wie Paprika, Chili und Tomaten in nährstoffarmer Anzuchterde beginnen. „Die werden dann nach den Eisheiligen als kleine Jungpflanzen ins Beet gesetzt.“
Bei der Anzucht sollte auf optimale Lichtbedingungen geachtet werden, um das „Geilen“ der Pflanzen zu vermeiden. Darunter versteht man ein unnatürliches schnelles Längenwachstum mit blassen, dünnen und instabilen Trieben. „Dabei kann eine Pflanzenlampe helfen“, rät Küster. „Die ist aber nicht nötig, wenn ich die Pflanzen nach der Keimung nach und nach einfach der realen Sonne aussetze.“ Also einfach das Fenster öffnen, oder - wenn möglich - die Pflanzen auf einen Balkon stellen. „Zwischen 12 und 15 Grad Celsius halten die Pflanzen locker aus. Durch die Konfrontation mit Wind und Sonne werden sie auch deutlich robuster als mit einer künstlichen Beleuchtung.“
Wer sich mit Gemüse noch nicht so gut auskennt, ist nach Einschätzung der Gartenberaterin mit den diversen Kohlsorten am besten bedient. „Die keimen sehr zuverlässig, auch bei niedrigeren Temperaturen. Die frühen Sorten lassen sich schon im März ins Beet pflanzen.“
„Ich nutze selbst nur samenfestes Bio-Saatgut und empfehle dies auch gerne, weil ich wichtig finde, dass alte Sorten erhalten bleiben“, sagt Küster, die beispielsweise aus ihren Tomaten selbst Saatgut gewinnt. Das ist mit den Hybrid-Saaten aus dem konventionellen Handel, auf der Tüte oft mit F1 gekennzeichnet, nicht möglich, weil sie in der nächsten Pflanzengeneration ihre typischen Eigenschaften verlieren. Samenfeste Sorten dagegen liefern auch im nächsten Jahr Früchte, die genauso aussehen und auch so schmecken wie die Mutterpflanze. Samenfeste Sorten gibt es unter anderem in Bioläden, auf Tauschbörsen, in Saatgut-Bibliotheken sowie im Internet über Biosaatgut-Shops.

Flörsheim (epd). Secondhand liegt im Trend: Doch obwohl gebrauchte Möbel und Geschirr boomen, landen zugleich noch tonnenweise gut erhaltene Waren im Müll. Das Sozialkaufhaus „Tisch & Teller“ der Regionalen Diakonie Main-Taunus im hessischen Flörsheim am Main setzt hier an und sorgt dafür, dass beispielsweise mehr Haushaltswaren und Fahrräder neue Besitzer finden. Die Einrichtung nimmt Gebrauchtes entgegen, die Mitarbeitenden reparieren und arbeiten Möbel und Spielzeug auf, damit von Armut betroffene Menschen günstige Dinge kaufen können.
Seit 2009 bietet das Kaufhaus auf rund 800 Quadratmetern gebrauchte Möbel, Hausrat, Bücher, Fahrräder und Dekorationsartikel an. Die Mitarbeitenden prüfen alle gebrauchten Waren vor Ort, reparieren dort, wo es nötig ist, und verkaufen die Artikel anschließend zu fairen Preisen. Im Kaufhaus dürfen alle Menschen einkaufen. Wer ein geringes Einkommen hat, erhält zusätzliche Preisnachlässe.
„Hier werden nur gespendete Dinge angeboten“, sagt Betriebsleiterin Heike Rosa. „Das Kaufhaus verbindet Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung und Integration.“ Zwischen 80 und 100 Verkäufe verzeichne „Tisch & Teller“ pro Tag. Die finanzielle Lage sei jedoch schwierig, da das Kaufhaus durch hohe laufende Kosten und die günstigen Preise auf Förderungen, Fundraising und Spenden angewiesen sei, erläutert Rosa.
Rund zehn Beschäftigte arbeiten bei „Tisch & Teller“, viele von ihnen kamen über arbeitsmarktpolitische Maßnahmen der Diakonie zum Job im Sozialkaufhaus. So auch Wolfgang Schwarz, der seit fast zehn Jahren die Fahrradwerkstatt betreut. Dort schraubt er täglich an alten Rädern, wartet sie und macht sie wieder einsatzbereit. In der Werkstatt stehen viele Zweiräder und noch mehr Ersatzteile. Der ehemalige Kfz-Mechaniker fühlt sich wohl mit seiner Arbeit. Er konnte aus gesundheitlichen Gründen seinem alten Beruf nicht mehr nachgehen. „Ich habe die Fahrradwerkstatt aufgebaut - sie liegt mir am Herzen, ist sozusagen mein Baby“, erzählt er.
Sozialarbeiter Florian Barthel unterstützt die Menschen, die über die Arbeitsagentur ins Sozialkaufhaus gekommen sind. „Ich bin nicht nur für die Maßnahmenteilnehmer da, sondern für jeden, der gerade im Haus ist. Auch wenn Kunden Fragen oder soziale Probleme haben, stehe ich zur Verfügung.“ Für Barthel ist das Sozialkaufhaus ein Vorzeigeprojekt, das zudem zeige, dass Nachhaltigkeit funktioniere. Es helfe, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass der Kreislauf von Kaufen und Wegwerfen unterbrochen werden kann.
„Tisch & Teller“ bietet für die Kunden neben den günstigen Preisen auch menschliche Nähe. „Man kann hier einkaufen und wieder gehen, aber ebenso ins Gespräch kommen. Das Zwischenmenschliche spielt bei uns eine große Rolle“, betont Rosa.
Das Sozialkaufhaus ist auch einer der sogenannten „Verständigungsorte“ der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Die Initiative schafft Räume, in denen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Überzeugung miteinander ins Gespräch kommen. In Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung, so erklärt Initiativen-Koordinatorin Beatrix Pahl, brauche es solche Orte „für offenes Zuhören und Verständigung auf Augenhöhe“.
Für Heike Rosa ist die Arbeit im Sozialkaufhaus mehr als ein Beruf. „Das hier ist gelebte Nächstenliebe“, sagt sie. Bei „Tisch & Teller“ entstehen Begegnungen, Gespräche und Chancen - und aus einem Laden werde ein sozialer Raum mit spürbarer Wirkung für das Miteinander in Flörsheim und im Main-Taunus-Kreis.
epd video: Nachhaltiges Sozialkaufhaus der Diakonie
München, Münster (epd). Ehrenamtler zu finden, die verlässlich die eigene Arbeit unterstützen, ist ohnehin oft schwierig. Doch sind interessierte Unterstützer gefunden, fängt die Arbeit eigentlich erst an. Denn Ehrenamtler, ganz gleich, wo sie sich einbringen, brauchen Zeit, sich in die Abläufe der Einrichtung einzufinden. Den Profis, die sie dabei begleiten sollen, fehlt nicht selten die Zeit dazu.
Die nach eigenen Angaben erste bundesweite Freiwilligen-Agentur, die Ehrenamtler vermittelt, nennt sich „Tatendrang“ und sitzt in München. Hier kennt man die Probleme mangelnder hauptamtlicher Ressourcen bei der Integration von Ehrenamtlern. Leiterin Ute Bujara berichtet, dass ihr Team deshalb Freiwillige nur an gemeinnützige Organisationen vermittelt, die Ansprechpartner oder Freiwilligenkoordinatoren haben. Doch auch dort mangele es nicht selten an einer effektiven Unterstützung der Volunteers.
Freiwillige im sozialen Bereich werden oft branchenfremd eingesetzt. Gerade dann müssen sie gut eingearbeitet werden. Aufgrund des Fachkräftemangels und der Arbeitsverdichtung bleibt den Profis dazu aber wenig Zeit. Bei „Tatendrang“ heißt es, dass auch Freiwilligenkoordinatoren mitunter im operativen Geschäft mithelfen müssen, zum Beispiel in der Versorgung der Klienten.
Ute Bujara beobachtet außerdem eine hohe Fluktuation und dann lange Vakanzen auf den Stellen. Das sei heikel: Fehle die Betreuung, beendeten manche Ehrenamtliche ihren Einsatz. „Oder neue Interessenten kommen nicht wirklich an“, weil ihnen niemand zeige, was genau sie wann zu tun haben.
Die Ökumenische Wärmestube in Nürnberg geht einen anderen Weg. Seit 40 Jahren rekrutiert die Wärmestube Unterstützer ausschließlich aus den Reihen ihrer Besucher. „10 bis 15 Ehrenamtliche arbeiten regelmäßig mit“, berichtet Leiterin Manuela Bauer. Alle waren oder sind noch wohnungslos - und kennen somit die Situation der täglich rund 170 Besucher.
Mindestens zwei Pädagogen unterstützen die Ehrenamtler, die integraler Bestandteil des Wärmestuben-Konzepts seien. Über das Ehrenamt soll Besuchern die Chance eröffnet werden, ihrer prekären sozialen Situation zu entkommen. Während Wohnungslose Bauer zufolge dieser Tage meist „im System gefangen” blieben, schafften es viele ihrer Volunteers, dieser Falle zu entrinnen: “Das liegt nicht zuletzt daran, dass wir sie, während sie sich bei uns engagieren, besonders stark fördern."
Am Uniklinikum Münster kümmert sich Nadja Maier zusammen mit einer Kollegin als Freiwilligenkoordinatorin um rund 100 gelistete Ehrenamtliche, von denen 40 im Moment aktiv sind. Während der Corona-Krise wurde das zuvor lose organisierte Ehrenamt in der Uniklinik systematisch ausgebaut. Die Gelder für die Freiwilligenunterstützung stammen laut Maier aus dem Topf des Klinikums: „Eine Ehrenamtskoordination wird vom Vorstand ausdrücklich gewünscht.“
Freiwillige empfinden ihre Stellung als Ehrenamtliche innerhalb einer sozialen Organisation mitunter als problematisch: Sie haben das Gefühl, nicht auf Augenhöhe behandelt zu werden. Dem wolle man am Klinikium begegnen und lege deshalb großen Wert auf ein gutes Miteinander von Haupt- und Ehrenamtlichen.
In einer so großen Institution wie einem Uniklinikum gibt es viele Arbeitsfelder. Einige Volunteers kümmern sich um Frühchen, andere lesen Kindern vor, wieder andere unterstützen den Pfortendienst. Sehr wichtig sei auch der Besuchsdienst für jene Patienten, zu denen nie jemand kommt. Nach jedem Besuch schreiben die Ehrenamtlichen eine Mail an die Koordinatorinnen, in der sie kurz schildern, was sie erlebt haben. Fällt Nadja Maier oder ihrer Kollegin auf, dass etwas Belastendes vorgefallen ist, nehmen sie sofort Kontakt auf, um über das Geschehene zu sprechen.
Nicht immer arbeiten Ehren- und Hauptamtliche so einvernehmlich zusammen. Doch das wäre sehr wichtig, heißt es beim Deutschen Caritasverband in Berlin. Es brauche, sagte Pressesprecherin Elke Schänzler dem Evangelischen Pressedienst (epd), die Haltung: „Das schaffen wir gemeinsam.“ Doch dazu seien mehr zeitliche und finanzielle Ressourcen der Proifs nötig.
Warum das so wichtig ist, zeigte 2023 eine Studie des Verbandes. In der heißt es: „Freiwillig Engagierte benötigen mehr fachliche und materielle Unterstützung durch Hauptberufliche, nicht nur von spezialisierten Ehrenamtskoordinatoren, sondern von ihren beruflichen Ansprechpartnern generell“.
Berlin/Bonn (epd). Die Entscheidung des Auswärtigen Amts zur Einstellung des Freiwilligenprogramms „kulturweit“ stößt zunehmend auf Kritik. Dies sei „die falsche Entscheidung zur falschen Zeit“, sagte die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion im Bundestag, Wiebke Esdar, dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Wer an solchen Programmen spart, spart an der Zukunft unserer offenen Gesellschaft“, sagte sie.
Esdar argumentierte, man habe in den Haushaltsverhandlungen bewusst die Mittel für Freiwilligendienste gestärkt, „weil Engagement, Austausch und Bildung gerade in unsicheren Zeiten unverzichtbar sind“. Zudem spare es kaum Geld, ein Programm wie „kulturweit“ einzustellen.
Am 6. März hatten das Auswärtige Amt und die deutsche Unesco-Kommission mitgeteilt, dass die Förderung des Programms „aufgrund flächendeckender Einsparzwänge“ eingestellt werden soll. Demnach starten im September letztmalig 300 Freiwillige ihren sechsmonatigen Auslandsaufenthalt mit dem Programm. Das Außenministerium gibt bislang fünf Millionen Euro im Jahr für „kulturweit“ aus.
Die Einschnitte seien ein falsches Signal an junge Menschen, kritisierte am Dienstag in Bonn auch ein Bündnis aus Trägerorganisationen internationaler Freiwilligendienste die Kürzungen. Deutschland sei auf gute Beziehungen zu anderen Staaten und auch auf zivilgesellschaftliche Vernetzung angewiesen.
Laut Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung sollten Freiwilligendienste eigentlich gestärkt, ausgebaut und besser finanziert werden. „Bei den internationalen Freiwilligendiensten erleben wir nun das genaue Gegenteil“, erklärte Whitney Cecilia Akwouah, Geschäftsführerin des Verbandes Internationale Dienste - vidi. Dies schränke das wertvolle Angebot für junge Menschen erheblich ein und gefährde langjährige internationale Partnerschaften.
Deutschland brauche mehr und nicht weniger welterfahrene Nachwuchskräfte, die sich für eine gerechte, partnerschaftliche internationale Zusammenarbeit engagieren, erklärte Jan Gildemeister, Geschäftsführer der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF). Er nannte den Abbau internationaler Freiwilligendienste kurzsichtig angesichts zunehmender globaler Abschottung, Krisen und Konflikte.
Das Programm war 2009 gestartet. Junge Menschen zwischen 18 und 26 Jahren können darüber ein Freiwilliges Soziales Jahr im Ausland leisten, zum Beispiel in Kultur- und Bildungseinrichtungen oder Stätten des Weltnaturerbes. Möglich sind Aufenthalte für sechs oder zwölf Monate. Seit 2015 können sich auch junge Menschen aus dem Ausland bei Einrichtungen in Deutschland engagieren.

Frankfurt a.M. (epd). Im Jahr 1929, als Jürgen Habermas geboren wurde, erhielt Thomas Mann den Literaturnobelpreis, und in Berlin wurde der erste Tonfilm aufgeführt. Die Weimarer Republik schlitterte in ihre finale Krise. Von den Ereignissen in seinem Geburtsjahr hat Habermas nichts mitbekommen, aber von den Folgen. Sein Denken prägte viele Debatten in der Bundesrepublik. Am 14. März ist er mit 96 Jahren in Starnberg bei München gestorben.
Jürgen Habermas war zehn Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg begann. Seine Familie zählte er später zu den Mitläufern der NS-Diktatur, angepasst an „eine politische Umgebung, mit der man sich nicht voll identifizierte, die man aber auch nicht ernsthaft kritisierte“.
Als Sohn eines Angestellten bei der Industrie- und Handelskammer kam der einflussreichste deutsche Philosoph der Gegenwart am 18. Juni 1929 in Düsseldorf zur Welt. Er war 1944 Fronthelfer, studierte an den Universitäten Göttingen, Zürich und Bonn Philosophie, Geschichte, Psychologie, Deutsche Literatur und Ökonomie, stritt für eine lebendige Demokratie und gegen die nachwirkenden Reste der Naziherrschaft. Was das wissenschaftliche Leben des jungen Wissenschaftlers nachhaltig bestimmen sollte, war ein Stipendium, das ihn 1956 nach Frankfurt am Main brachte.
Habermas wurde Assistent bei Theodor W. Adorno am Institut für Sozialforschung, einer Forschungsstätte für die „Kritische Theorie“, die den Einfluss des Kapitalismus auf den Einzelnen analysierte. Institutsleiter Max Horkheimer allerdings erschien der junge Habermas politisch unzuverlässig, nicht auf Institutslinie. Habermas musste nach Marburg, später nach Heidelberg zu Hans-Georg Gadamer ausweichen und kehrte erst 1964 nach Frankfurt zurück, „ironischerweise als Nachfolger von Horkheimer als Ordinarius für Philosophie und Soziologie“, wie Stefan Müller-Dohm formulierte, Adorno- und Habermas-Biograf.
Was folgte, war ein einzigartiges, ungeheuer produktives Intellektuellenleben mit zahlreichen Preisen und Ehrungen, Habermas wurde in den Orden Pour la mérite aufgenommen, erhielt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und den Kyoto-Preis. Die Sekundärliteratur zu seinem Werk wird auf etwa 14.000 Arbeiten geschätzt. 1981 erschien Habermas' Hauptwerk, die „Theorie des kommunikativen Handelns“, mehr als 1.200 Seiten dick - ein „Monstrum“ (Habermas).
Habermas war nicht nur produktiv, er verstand es auch, seine Begriffe und Stichworte in der Öffentlichkeit zu platzieren: „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, „Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“, „Der philosophische Diskurs der Moderne“, „Die neue Unübersichtlichkeit“, „Die postnationale Konstellation“ bis zu „Auch eine Geschichte der Philosophie“ im Jahr 2009.
Als Person blieb er dabei beinahe unsichtbar, er hat die Bild- und Tonmedien stets gemieden. Er sei ein „bedauernswert seriöser“ Mensch, erklärte Hans Magnus Enzensberger einmal. Und der Kulturwissenschaftler Philipp Felsch sieht in „seiner unpersönlichen Diktion und seinem paraphrasierenden Schreibstil“ den postmodernen „Tod des Autors“ verwirklicht. Jürgen Habermas wäre wohl nicht der über alles nachdenkende Theoretiker gewesen, hätte er sich nicht auch dazu eine Antwort überlegt: „Der Denker als Lebensform, als Vision, als expressive Selbstdarstellung, das geht nicht mehr.“
So war es wenig Persönliches über ihn bekannt. Er war seit 1955 mit Ute Habermas verheiratet, die im Juni 2025 starb. Habermas hatte drei Kinder. Ausgedehnte Auslandsreisen, Lehrtätigkeiten in den USA, der Wechsel von Frankfurt nach Starnberg, wo er bis 1981 als Co-Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt wirkte, danach die Rückkehr nach Frankfurt bis zu seiner Emeritierung 1994: Anekdoten oder Skandale gab es bei keiner seiner Lebensstationen.
Dagegen reichlich vorhanden sind Bücher, Essays, politische Streitschriften. Er hat seit den späten 1950er Jahren kaum eine intellektuelle Debatte ausgelassen, sich zu vielen Themen zu Wort gemeldet, manche Diskussion wie den Historikerstreit über die Singularität des Holocaust in den 1980er Jahren selbst angezettelt. Seine Theorie hat sich über die Universitäten ihren Weg in die Öffentlichkeit gebahnt.
Der „herrschaftsfreie Diskurs“ und die „ideale Sprechsituation“ sind bis heute viel diskutierte Habermas-Stichworte. Die vernünftige Rede, die auf Wahrheit und Konsens gerichtete Kommunikation, müsse wenigstens „antizipiert“ werden, so Habermas, also eine Grunderwartung sein. Dazu gehört auch, dass alle Diskursteilnehmer sich wechselseitig ernst nehmen und sich auf den „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ einlassen.
Frankfurt a.M. (epd). Spitzenpolitiker und Vertreter aus Kirchen, Kultur und Wissenschaft trauern um Jürgen Habermas. Stimmen zu seinem Tod:
UN-Generalsekretär António Guterres würdigte Habermas als Giganten der Philosophie und wahren öffentlichen Intellektuellen.Kein Philosoph habe sein Denken in seinem politischen Leben so beeinflusst wie Habermas, erklärte Guterres in New York. Besonders beeindruckend seien Habermas' Ausführungen über das charakteristische Merkmal einer modernen Demokratie: den ständigen Austausch zwischen politischen Entscheidungsträgern und der Zivilgesellschaft. Heute brauche die Welt diesen Austausch zwischen Politik und Bürgern mehr denn je, um die Herausforderungen besser zu verstehen und Lösungen zu finden.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schrieb in einer Kondolenz an die Familie des Philosophen: „Mit Jürgen Habermas verlieren wir einen großen Aufklärer, der die Widersprüche der Moderne durchmessen hat.“ Er habe „maßgeblich dazu beigetragen, dass die intellektuelle Öffnung unseres Landes für die politische Kultur des Westens nach dem Zweiten Weltkrieg gelang“. Damit sei der Weg zu einer gefestigten Demokratie geglückt. „Leidenschaftlich hat er sich für die Überwindung von Nationalismus, für die europäische Einigung als Lehre aus Krieg, Völkermord und totalitärer Herrschaft eingesetzt“, schrieb Steinmeier.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erklärte, Habermas habe mit Weitblick und historischer Größe politische und gesellschaftliche Entwicklungen begleitet: „Seine analytische Schärfe prägte weit über die Grenzen unseres Landes hinaus den demokratischen Diskurs und wirkte wie ein Leuchtfeuer in tosender See.“ Für das Gemeinwesen seien seine intellektuelle Eindringlichkeit und seine Liberalität unersetzlich gewesen.
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) sagte, Habermas' Werk erinnere daran, dass Demokratie mehr sei als Mehrheiten. „Sie ist die gemeinsame Suche nach besseren Gründen“, sagte die CDU-Politikerin. Habermas sei über Jahrzehnte hinweg „Impulsgeber des fairen demokratischen Diskurses“ gewesen.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) sagte, Habermas habe als „Meisterdenker“ die geistigen Grundlagen der Demokratie in der Bundesrepublik geprägt und „ein Gehäuse für den offenen Meinungsstreit und Toleranz“ geschaffen. Zugleich sei er ein „engagierter Kämpfer für Demokratie, Vernunft, Meinungsfreiheit und das vereinigte Europa“ gewesen.
Der hessische Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) nannte Habermas „einen der größten Denker unserer Zeit“. Er habe „gezeigt, dass Demokratie vom Gespräch lebt - von der Bereitschaft zuzuhören, Argumente auszutauschen und gemeinsam nach Wahrheit zu suchen“.
Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) nannte Habermas einen „Freiheitsphilosophen“. „Durch ihn wissen wir, dass das Projekt der Aufklärung noch lange nicht abgeschlossen ist“, erklärte Wüst.
Der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda (SPD) schrieb im Netzwerk LinkedIn: „Keinem Menschen verdanke ich in meinem Denken mehr als dem großen Philosophen und Soziologen. Und vermutlich hat niemand die gesamte demokratische Kultur der Bundesrepublik seit den 1960er Jahren mehr geprägt als Habermas.“ Der große Philosoph sei tot, aber seine Ideen seien aktueller denn je. „Wir gedenken seiner am besten, indem wir auf der Möglichkeit universeller Vernunft beharren“, schrieb Brosda.
Der ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) sagte der „Rheinischen Post“: „Jürgen Habermas war nicht nur ein Jahrhundert-Philosoph, sondern ein herausragender Intellektueller, der Philosophie nicht als theoretische, sondern praktische Wissenschaft verstanden und vermittelt hat.“
Der Linken-Bundestagsabgeordnete Gregor Gysi erklärte: „Mit Jürgen Habermas geht der größte Philosoph Deutschlands in vielen Jahrzehnten. Er machte den Sinn und Zweck von Philosophie deutlich.“
Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, nannte Habermas einen Ausnahme-Philosophen: „Die Weite seines Denkens und die visionäre Kraft, Brücken zwischen der Philosophie und Religion zu bauen, werden bleiben.“
Der bayerische evangelische Landesbischof Christian Kopp schrieb im Netzwerk Instagram, Habermas habe die Kirchen ermutigt, „ihre Stimme verständlich und verantwortungsvoll in den öffentlichen Diskurs einzubringen“. Zugleich habe er alle Religionen daran erinnert, „ihre Hoffnung auf Erlösung und ihre Sprache der Transzendenz nicht aufzugeben“. Demokratie lebe davon, dass Menschen gemeinsam nach guten Gründen suchen, schrieb Kopp weiter: „Dafür stand Habermas wie kaum ein anderer.“
Enrico Schleiff, Präsident der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, erklärte, Habermas sei der einflussreichste öffentliche Intellektuelle der Bundesrepublik Deutschland gewesen, dessen Stimme auch im wiedervereinigten Deutschland nach 1990 und stets weit über Deutschland hinaus wahrgenommen worden sei. Seine Arbeit wirke über seinen Tod hinaus.
Jonathan Landgrebe, Chef des Suhrkamp Verlages, schrieb zur Todesnachricht, Habermas habe den Verlag über Jahrzehnte geprägt, „als Philosoph, als Autor, als öffentlicher Intellektueller, als Freund und Wegbegleiter“.
Der Historiker Norbert Frei sagte im Deutschlandfunk, der Philosoph und Soziologe habe seine eigene Theorie täglich im Gespräch umgesetzt: „Ich habe selten jemanden getroffen, mit dem ich so intensive Gespräche hatte.“ Mit Jürgen Habermas verbinde er Zugewandtheit und das Bemühen, im Dialog voranzukommen.

Köln (epd). Die Unendlichkeit besteht aus Punkten. Der Eindruck kann jedenfalls beim Besuch der großen Ausstellung der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama entstehen, die jetzt im Kölner Museum Ludwig zu sehen ist. Spätestens in der eigens für die Ausstellung konzipierten Rauminstallation „Infinity Mirror Room“ verschmelzen alle Dimensionen zu einem Polka-Dot-Wirbel, in dem sich Grenzen und Richtungen zu einem surrealen Raumerlebnis aufzulösen scheinen.
Etwa 300 Werke aus einer Schaffensphase von rund 70 Jahren sind in der Schau „Yayoi Kusama“ bis zum 2. August im Museum Ludwig zu sehen. Schon in Zeichnungen aus ihrer Kindheit im japanischen Matsumoto tauchen die Punkte auf. Die Arbeit der heute 96-jährigen Künstlerin ist unter anderem geprägt von Erlebnissen ihrer Kindheit, darunter Halluzinationen. Darin nahm Kusama den eigenen Körper und die Umgebung von Punkten, Blüten und anderen Mustern überwuchert wahr, wie sie es beschreibt. Repetitive Elemente, die an Pflanzen, Blumen, Netze oder eben Punkte denken lassen, ziehen sich durch ihr Werk. Langeweile oder Eintönigkeit kommen dabei aber keineswegs auf.
Das Werk der Künstlerin sei auch heute „unglaublich aktuell“, sagt der Direktor des Museums Ludwig, Yilmaz Dziewio. Dabei verweist er auf Themen wie Feminismus und Friedensaktivismus. So setzt sich Kusama in ihren Werken etwa mit patriarchalen Strukturen, Geschlechterungleichheit, Sexualität auseinander. Aber auch die Natur, Unendlichkeit und der Tod spielen eine Rolle, Grenzen werden infrage gestellt und mit Illusionen gespielt.
Kusama wurde am 22. März 1929 im japanischen Matsumoto geboren. Ihre Familie betrieb ein Saatgutunternehmen. Nach Kindheit und Jugend im ländlichen, patriarchal geprägten Japan der Nachkriegszeit ging sie in den späten 1950er Jahren nach New York und erlebte die „Flower Power“-Bewegung und den Vietnamkrieg.
Dort lebte sie teils sehr prekär, arbeitete intensiv an ihrer Kunst, aber hatte auch mit Halluzinationen und Panik zu kämpfen. Sie war eine der wenigen Frauen, die sich in der New Yorker Avantgarde dieser Zeit durchsetzen konnte. Ihre provokanten Happenings machten Schlagzeilen, sie arbeitete immer wieder mit Nacktheit sowie penisartigen Formen und stellte sich so ihrer Abneigung gegen Sex. 1973 kehrte die Künstlerin nach Japan zurück. Seit Jahrzehnten lebt sie dort freiwillig in einer psychiatrischen Klinik.
Die Schau arbeitet sich chronologisch wie auch thematisch durch das vielfältige Werk der selbsternannten „Königin der Liebe und Polka Dots“. Auf Kindheitszeichnungen und Jugendbilder folgen Kusamas „Infinity Net“-Gemälde - gleichförmige Netzstrukturen aus schier unendlich vielen kleinen gemalten Elementen. Neben einem Meer aus silbrigen Kugeln steht ein überdimensionaler Kürbis. Die Frucht hat sie wegen ihrer „humorvollen Ausstrahlung“ besonders ins Herz geschlossen. Phallusartige Stoffgebilde wachsen aus Sofas und Alltagsgegenständen. Nackte junge Menschen protestieren gegen den Vietnamkrieg und für sexuelle Befreiung. Auf großen Leinwänden begegnen florale und organische Elemente kraftvollen, bunten Farben.
Auch einige düstere Bilder tauchen hier und da auf. Neben all den Farben und Formen, den Themen Teilhabe und Verschmelzung mit einem großen Ganzen spielten auch „Fragilität und Auslöschung“ eine Rolle im Werk der Künstlerin, sagt Kurator Stephan Diederich. „Ihre Kunst ist für Kusama Lebensnotwendigkeit, jedes ihrer Werke auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst“, betont er. Und so verbinden sich in der Ausstellung scheinbare Gegensätze: Heiterkeit mit existenziellen Fragen, Dekorativität und Instagram-Ästhetik mit Natur und Ängste mit Selbstermächtigung.
Die Schau ist für das Museum Ludwig ein Prestige-Projekt. 300.000 Besucherinnen und Besucher werden erwartet. Drei Millionen Euro kostet die umfangreiche Ausstellung, die sich über den gesamten Bereich der Wechselausstellung und darüber hinaus erstreckt. Mit der Ausstellung feiert das Museum sein 50-jähriges Bestehen. Sie wird in Kooperation mit der Schweizer Fondation Beyeler und dem Stedelijk Museum Amsterdam gezeigt.
Kusama arbeite auch mit 96 Jahren noch weiter, sagte Takako Fujibayashi, die Direktorin des Yayoi Kusama Studios. „Es gibt keine Zeit zu verschwenden“, lasse sie ausrichten.

Frankfurt a.M. (epd). Das wandgroße Foto zeigt unverkennbar die Berliner Siegessäule mit der vergoldeten Viktoria-Figur, doch ein Detail lässt stutzen: Auf der Schulter der 67 Meter hohen Engelsfigur steht ein Mann. „Er musste fünf Stunden lang dort oben stehen, damit wir ihn eine halbe Stunde lang vom Hubschrauber aus filmen konnten“, berichtet Wim Wenders über die Szene aus seinem preisgekrönten Film „Der Himmel über Berlin“ von 1987. „W.I.M. Im Lauf der Zeit. Eine Wim Wenders Ausstellung“ im Deutschen Filminstitut & Filmmuseum (DFF) in Frankfurt am Main gibt bis zum 18. Oktober einen Überblick über das filmische Schaffen des Regisseurs.
Gezeigt werden etwa zu „Der Himmel über Berlin“ der Brustpanzer des Engels Damiel (Bruno Ganz), der aus Liebe seinem Engeldasein entsagt und Mensch wird. Auch das Kostüm seiner angebeteten Trapezkünstlerin Marion (Solveig Dommartin) ist zu sehen. Auch Requisiten wie Porträtzeichnungen des beteiligten Schauspielers Peter Falk, das handschriftliche Manuskript von Peter Handke für den Filmtext „Als das Kind Kind war“ oder das Notizbuch von Wenders sind Teil der Schau.
Die Ausstellung präsentiert 350 Exponate, die meisten von der Stiftung Wim Wenders, ergänzt von der Sammlung des Museums. Themen sind die Kindheit Wenders, seine Liebe zur Rockmusik, Roadmovies, seine bevorzugten Länder USA und Japan, Dokumentarfilme und 3D-Filme. So begrüßen am Eingang Zeichnungen und Aquarelle des jungen Wim, dessen Leben eine Wendung nahm, als er mit zwölf Jahren in Oberhausen von seinem Vater eine Filmkamera geschenkt bekam. Szenen seines ersten mit Schulfreunden in Schwarz-Weiß gedrehten Gangsterfilms „Killer and Companie“ werden auf einer Wand gezeigt.
„Die Schau ist eine Einladung, sich auf eine Reise durch die Filme und Gedankenräume eines Künstlers zu begeben, der unsere Vorstellung vom Film geprägt hat“, sagt Kurator Hans-Peter Reichmann. „Wenders hat den Autorenfilm in der Bundesrepublik maßgeblich mitgeprägt und dem deutschen Kino international Gehör verschafft.“ Besondere Faszination übten die USA auf ihn aus.
Zu dem 1984 in Cannes preisgekrönten Film „Paris, Texas“, in dem ein Mann im US-amerikanischen Westen seine Familie sucht, sind Fotos von den Dreharbeiten zu sehen, darunter Nastassja Kinski als Jane im pinken Pullover. Er sei mit ihrem ursprünglich blauen Pullover nicht zufrieden gewesen, erzählt Wenders. Die Ausstatterin habe deshalb in dem verlassenen Ort über Nacht einen gebrauchten Pulli von der Heilsarmee für einen Dollar aufgetrieben. „Ich bin überzeugt, der Erfolg des Films hing an Kinskis pinkem Pullover“, sagt Wenders schmunzelnd.
Der Musik widmet die Ausstellung ein eigenes Kapitel. „Rock 'n' Roll hat mein Leben verändert, sonst wäre ich Arzt oder Architekt geworden“, erzählt Wenders. Besonders die gleichaltrigen The Kinks und Van Morrison hätten ihn beeindruckt und ihm Mut zum Absprung von einem bürgerlichen Leben gemacht. In der Ausstellung steht ein Musikapparat „Stereophonic Music“. „Das war meine Jukebox zehn Jahre lang“, sagt Wenders.
Auch ein weiteres geliebtes Gerät des Filmemachers ist zu sehen, ein Flipper. „Ich war einfach gut, ich habe in einer Kneipe ein Bier nie mit eigenem Geld bezahlt“, erinnert sich Wenders. Aber auch die Besucherinnen und Besucher sollen Hand anlegen können, nämlich an einer „Film-Jukebox“. Dort lassen sich Wenders-Filme für eine Leinwand auswählen und auf einer Weltkarte die Drehorte dazu anzeigen. Der Filmemacher hat selbst einen Teil für die Schau entworfen: „Ein Kino, wie es noch nie eines gegeben hat.“
In einem sechseckigen Raum laufen auf fünf Wänden verschiedene Szenen von mehreren seiner Filme nebeneinander, dazu Rockmusik. „Es ist eher ein kubistisches Gemälde als ein Film“, urteilt Wenders. Nicht nur durch dieses spezielle Kino, auch sonst unterscheidet sich die Schau von der Jubiläumsausstellung zu Wenders 80. Geburtstag im vergangenen Jahr in der Bonner Bundeskunsthalle.
Während diese den Künstler in seinem Schaffen in vielen Sparten zeigte, konzentriert sich die Schau in Frankfurt auf das filmische Werk Wim Wenders. Auf einem Viertel der Fläche von der Bonner Ausstellung zeigt das DFF genauso viele Exponate.

Berlin, Göttingen (epd). Die drei vom Deutschen Buchhandlungspreis ausgeschlossenen linken Buchhandlungen in Berlin, Bremen und Göttingen werfen Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) vor, sie „aktiv getäuscht“ zu haben. Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) habe in Absage-E-Mails gegenüber den Läden wahrheitswidrig behauptet, dass „Sie von der unabhängigen Jury nicht für eine Auszeichnung ausgewählt wurden“, heißt es in einer am 11. März in Göttingen veröffentlichten Mitteilung der Anwälte der Buchläden. Der Anwalt der „Roten Straße“ in Göttingen sprach von einer „Lüge“. Die Jury hatte die Nominierung der Buchläden am 9. März öffentlich verteidigt.
Vize-Regierungssprecher Steffen Meyer sagte in Berlin, bei den Absage-Schreiben handele es sich, „wie auch bei den vorherigen Preisvergaben, um eine standardisierte Absage“. Alle Buchhandlungen, die nicht ausgezeichnet werden sollten, hätten diese E-Mail bekommen, auch die drei Läden, die nach Angaben des BKM aufgrund „verfassungschutzrelevanter Erkenntnisse“ ausgeschlossen wurden. „Aus Gründen des Geheimschutzes gab es bei den betreffenden drei Sonderfällen keine andere Handhabe“, erläuterte er.
Weimer hatte auf dem Wege des sogenannten Haber-Verfahrens beim Bundesinnenministerium angefragt, ob Erkenntnisse zu den Nominierten vorliegen, und daraufhin drei Buchläden von der Juryliste gestrichen. Vize-Regierungssprecher Meyer sprach von einem Austausch „auf Arbeitsebene“ und sagte, „Details des Austausches zwischen Ressorts, Behörden oder innerhalb von Behörden“ könne er nicht kommentieren. Rücktrittsforderungen gegenüber Weimer weise er „selbstverständlich“ zurück: „Herr Weimer nimmt seine Aufgabe mit der vollen Unterstützung der Bundesregierung wahr.“
Zuvor hatte der medienpolitische Sprecher der Linken im Bundestag, David Schliesing, Weimers Rücktritt gefordert. „Wer sich jeglicher Verantwortung, öffentlichen Debatten und gerichtlicher Kontrolle durch Lügen zu entziehen versucht, ist ungeeignet für das Amt eines Staatsministers.“
Scharfe Kritik kam auch vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Mit den Streichungen von der Juryliste habe sich Weimer selbst beschädigt, sagte Börsenvereins-Vorsteher Sebastian Guggolz dem „RedaktionsNetzwerk Deutschland“. Die Entscheidung über die Preisträger sollte „allein bei der fachkundigen Jury liegen“. Weimers Eingreifen sei „intransparent“. „Preisträgerinnen und Preisträger links und rechts der Mitte sollten hierbei selbstverständlich sein. Mit Extremismus hat das nichts zu tun.“
Angesichts des vielfältigen Protests hatte der Kulturstaatsminister die Verleihung des Deutschen Buchhandlungspreises auf der Leipziger Buchmesse am Dienstag abgesagt. Am Mittwoch verteidigte er die Entscheidung erneut: „Wenn sich eine Institution weithin sichtbar hinter die Losung 'Deutschland verrecke' stellt, stellen sich zur Preiswürdigkeit Fragen“, sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe. „Und wenn der Verfassungsschutz dann Hinweise zu einem potenziellen Preisträger hat, kann er aus meiner Sicht nicht preiswürdig sein.“ Der Minister bezog sich auf ein Zitat an der Fassade des Bremer Buchladens „The Golden Shop“.
Die Buchläden „The Golden Shop“, „Rote Straße“ und „Zur schwankenden Weltkugel“ (Berlin) waren nach eigenen Angaben am 10. Februar darüber informiert worden, dass die Jury sie nicht ausgewählt habe. Am Montag hatten sich die Juroren von Weimers Entscheidung distanziert: „Die nachträgliche Entscheidung, drei Buchhandlungen von der Prämierung auszuschließen, wurde von dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) getroffen und lag außerhalb unseres Einflussbereichs.“
Die Anwälte der Buchhandlungen kündigten an, eine mögliche Dienstaufsichtsbeschwerde an das Bundeskanzleramt zu prüfen. Außerdem hätten sie Klagen gegen Weimer und das Bundesamt für Verfassungsschutz vor den Verwaltungsgerichten Berlin und Köln eingereicht. Die Gerichte sollten prüfen, ob die Datenübermittlungen zwischen dem Bundesbeauftragten für Kultur und Medien und dem Bundesamt für Verfassungsschutz rechtswidrig waren.

Marl (epd). Der erste Grimme-Preis für RTLzwei in der Kategorie Information, eine erneute Auszeichnung für Comedy-Autorin Marie Lina Smyrek („smypathisch“), und ein „Tatort“ ist auch dabei - die Gewinner der Grimme-Preise 2026 stehen fest. Insgesamt werden 16 Grimme-Preise und drei weitere Auszeichnungen vergeben, wie das Grimme-Institut am 12. März im Marl bekannt gab. Sie werden am 24. April im Marler Theater verliehen. Der 1964 erstmals vergebene undotierte Grimme-Preis gilt als wichtigster deutscher Fernsehpreis.
Die ausgewählten Produktionen zeigten, „wie vielfältig im deutschen Fernsehen aktuelle Themen der Zeitgeschichte wie Rassismus, Rechtsradikalismus und die prekäre Lage des Gesundheitssystems, aber auch neuere deutsche Geschichte erzählt werden“, erklärte die Direktorin des Grimme-Instituts, Çigdem Uzunoglu. Bei genauerer Betrachtung fielen aber auch thematische Lücken auf: „Die Kriege in Europa und im Nahen Osten kommen nicht vor, ebenso die Klimakrise. Fehlt es hier an Mut?“
In der Kategorie Information & Kultur werden fünf Grimme-Preise vergeben. Der Preis für die „Besondere Journalistische Leistung“ in dieser Kategorie geht an die Leiterin des ZDF-Auslandsstudios Kairo, Golineh Atai - für ihre „ruhig erzählten und analytisch herausragenden Berichte aus der arabischen Welt“.
Mit dem Zweiteiler „Hass Hetze Hoffnung“ über den Mord an einer chinesischen Studentin in Ostdeutschland ist erstmals der Privatsender RTLzwei dabei. Weitere Auszeichnungen gehen an die Dokumentationen „Das leere Grab“ (ZDF), „Petra Kelly - Act Now!“ (ARD/Arte) und „Sudan: Ein Krankenhaus im Schatten des Krieges“ (ZDF/DW/Arte).
Auch in der Kategorie Fiktion gibt es fünf Preisträger. Die Jury entschied sich für den Fernsehfilm „Die Nichte des Polizisten“ (ARD/SWR/NDR), die „Tatort“-Folge „Dunkelheit“ (ARD/HR) sowie die Serien „Die Affäre Cum-Ex“ und „Tschappel“ (beide ZDF). Den Spezial-Preis in der Fiktion erhält der Film „Unterwegs im Namen der Kaiserin“ (ZDF) für die „zeitgemäße Dekonstruktion des Sisi-Hypes“.
Grimme-Preise in der Kategorie Unterhaltung gehen an die ZDF-Wissenschaftssendung „Maithink X - Die Show (2025)“ mit Mai Thi Nguyen-Kim und die Prime-Video-Serie „Gerry Star“. Für „smypathisch - die show“ (ZDF/funk) erhält zudem Webvideo-Produzentin Marie Lina Smyrek nach 2023 bereits den zweiten Grimme-Preis für „eine besonders gelungene und wegweisende Verbindung aus Fernsehhandwerk und Internetkultur“.
In der Kategorie Kinder & Jugend wählte die Jury die Spielfilme „Grüße vom Mars“ (NDR/HR/Kika/MDR) und „Ellbogen“ (ZDF). Einen Spezial-Preis in dieser Kategorie gibt es für die Protagonisten und die Idee der Dokumentation „Der talentierte Mr. F“ (ARD/MDR/BR/RBB/HR).
Die Studierendenjury entschied sich für die Medical-Drama-Serie „Krank Berlin“ (ZDFneo/Apple TV+), der Publikumspreis der Marler Gruppe geht an die Animations-Serie „Lenas Hof“ (ZDF). Der Deutsche Volkshochschul-Verband würdigt mit seiner Besonderen Ehrung in diesem Jahr den ehemaligen Moderator und Showmaster Frank Elstner als „kreativen Pionier, als respektvollen und einfühlsamen Gesprächspartner und als jemanden, der gezeigt hat, dass Unterhaltung, Bildung und gesellschaftliche Verantwortung im Fernsehen keine Widersprüche sind“.
Stifter des Grimme-Preises ist der Deutsche Volkshochschul-Verband, weitere Partner sind das Land Nordrhein-Westfalen, das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF), der Westdeutsche Rundfunk (WDR), 3sat und die Stadt Marl.

Mainz (epd). Mit großer Mehrheit hat der ZDF-Fernsehrat am 13. März Intendant Norbert Himmler für eine weitere fünfjährige Amtszeit gewählt. Der 55-Jährige erhielt bei einer Sitzung im Mainzer Sendezentrum 48 von 53 abgegebenen Stimmen. Er war der einzige Kandidat. Eine ebenfalls zur Wahl zugelassene Herausforderin hatte ihre Kandidatur in der vergangenen Woche wieder zurückgezogen. Himmlers zweite Amtszeit beginnt im März 2027.
In seiner Präsentation für die Fernsehratsmitglieder hatte Himmler vor der Abstimmung von einer „medialen Zeitenwende“ gesprochen, in der sich die Bundesrepublik befinde: „Es wird immer schwieriger, Quellen zu finden, denen man noch vertrauen kann“, sagte er. Als seine Hauptaufgabe sehe er, die Akzeptanz für den gebührenfinanzierten Sender zu bewahren. Dazu soll es beispielsweise künftig mehr Sendungen und Veranstaltungen geben, die „außerhalb der großen Medienstandorte“ entstehen. Es werde zudem noch mehr Angebote für Kinder und junge Erwachsene geben.
Vor der Intendantenwahl hatten die Gremienmitglieder zum Auftakt der Fernsehratssitzung über die Affäre um ein KI-generiertes Fake-Video im ZDF-„Heute Journal“ diskutiert. Intendant Himmler verteidigte dabei die Abberufung der New Yorker Studioleiterin Nicola Albrecht. Dies sei „ein harter, aber meiner Meinung nach an dieser Stelle sehr notwendiger Schritt“ gewesen. Weitere arbeitsrechtliche Konsequenzen würden geprüft.
Himmler räumte bei der Fernsehratssitzung in Mainz auch Fehler beim anfänglichen Umgang mit der Kritik an dem Beitrag ein. Die Tragweite des Geschehens sei nicht schnell genug erkannt worden, sagte er: „Das war eine Missachtung unserer Regeln und unserer Standards.“
Chefredakteurin Bettina Schausten stellte bei der Sitzung einen Maßnahmenkatalog vor, mit dem der Sender auf den Fall reagieren will. Das ZDF werde sich noch stärker auf die Nutzung von Eigenmaterial konzentrieren und die Herkunft aller Videosequenzen klar dokumentieren. Abnahmeprozesse sollen überprüft werden. Um gefälschte Videos besser zu erkennen, seien verpflichtende „Intensivschulungen“ vorgesehen, sagte Schausten.
Anlass der Debatte war ein Bericht über die US-Einwanderungsbehörde ICE, der grobe Mängel aufwies. In dem Beitrag waren KI-generierte Aufnahmen von einer Festnahme verwendet worden. Außerdem wurde älteres Archivmaterial verwendet, das in keinem Zusammenhang mit den ICE-Einsätzen stand.
Im Fernsehrat wurde am Freitag teils Kritik an einer „Wagenburgmentalität“ des Senders laut. Zudem dürfe nicht der Eindruck entstehen, beim ZDF sei „Qualität nicht so wichtig, wenn die Botschaft stimmt“, warnte der Chef der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei, Nathanael Liminski (CDU).
Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV), Mika Beuster, rief nach der Wiederwahl Himmlers zu einer stärkeren Zusammenarbeit der öffentlich-rechtlichen Sender auf. Die teils drastischen Reaktionen auf inhaltliche Fehler bei ZDF und ARD machten deutlich, dass die Sender „im Feuer von rechtsaußen“ stünden. Dagegen helfe nur Transparenz bei der Fehleranalyse und „Zusammenhalt gegen die Gegner des unabhängigen Journalismus“.

Mannheim (epd). Nach Ansicht des Mannheimer Sprachforschers Henning Lobin haben die USA eine lange Tradition, militärisches Handeln auch sprachlich zu prägen. Wenn sie den Krieg gegen den Iran als Operation „Epic Fury“ (Epische Wut) bezeichneten, solle dies Entschlossenheit signalisieren und auf den Gegner einschüchternd wirken, sagte der Direktor des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim dem Evangelischen Pressedienst (epd). Zudem solle dies auch die Wahrnehmung durch die eigene Bevölkerung positiv beeinflussen.
Bemerkenswert sei, dass im politischen Raum sonst keinesfalls von Wut, Kampf oder Gewalt geredet werde, sagte Lobin. Vielmehr würden Begriffe wie Operation, Maßnahme, Aktion, Sicherung, Initiative oder Befreiung verwendet. Diese sollen das Geschehen „fast schon verharmlosen und kriegerische Handlungen wie einen Verwaltungsvorgang erscheinen lassen“.
Die Sprache beeinflusse die Wahrnehmung, auch im Krieg. In der Sprachwissenschaft werde dies als „Framing“ bezeichnet. „Den Mechanismus des Framings setzen wir immer dann ein, wenn wir in sehr knapper Form bestimmte Aussagen, Positionen oder Haltungen transportieren wollen“, sagte Lobin. Ein Beispiel dafür sei das Wort Wut. Der Begriff sei mit einem bestimmten hochemotionalen Verhalten verbunden, vielleicht sogar mit Unkontrolliertheit, das aber auch ein Ende habe und dann zu einer neuen Situation führe.
Obwohl Israel im Krieg gegen den Iran von der Operation „Roaring Lion“ (Brüllender Löwe) spricht und sich damit auf die Tora bezieht, die wichtigste Schrift des Judentums, sieht Lobin darin keine religiöse Rechtfertigung des Kriegs. Jedes Land habe seine eigene kulturhistorische Prägung durch Geschichte, Kunstwerke und auch durch Religion. In Israel sei dies durch den Bezug zur Tora gegeben. Die darin vorkommenden Geschichten und Figuren bildeten die kulturelle Basis für solche Anspielungen, die deshalb leicht zugeordnet und mit Sinn aufgeladen werden könnten.

Berlin (epd). Es ist ein imposanter Bau im Herzen der Berliner Museumsinsel: Die Alte Nationalgalerie ist von Säulen umgeben und grenzt direkt an die Spree. Auf hohem Sockel und mit einer monumentalen Freitreppe wirkt sie wie ein dem Alltag entrückter Tempel. In ihr findet sich eine der wichtigsten Sammlungen von Malerei und Skulptur des 19. Jahrhunderts, mit Werken von Monet, Renoir, Degas, Cézanne und Rodin, von Max Liebermann, Adolph Menzel und Caspar David Friedrich.
Wegen seiner Meisterwerke der deutschen Romantik und des französischen Impressionismus zählt das Haus heute zu den Publikumsrennern unter den Berliner Kunstmuseen, 2025 kamen gut 400.000 Besucher. Vor 150 Jahren, am 22. März 1876, wurde es im Beisein von Kaiser Wilhelm I. eröffnet.
Der Geburtstag der Alten Nationalgalerie, die zu den Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz gehört, wird mit einem großen Fest gefeiert. „Wir arbeiten hier mit und in einem Baukunstwerk höchsten Ranges. Das wollen wir im Rahmen des Jubiläumsfestes deutlich machen“, sagt Annette Hüsch, seit 2025 Direktorin der Alten Nationalgalerie. Geplant sind Führungen zum Bauwerk, aber auch eine Kabinettsausstellung zu der Malerin Hermione von Preuschen (1854-1918) und ihrem skandalumwobenen Werk, das in Vergessenheit geraten ist. Ihr Gemälde „Mors Imperator“ mit einem Skelett als Herrscherfigur wurde 1887 vom Vorstand der Berliner Kunstausstellung wegen Majestätsbeleidigung zurückgewiesen.
Der Bau der Alten Nationalgalerie spiegelt deutsche Geschichte: „Der deutschen Kunst“ lautet die Inschrift im Giebel und die Jahreszahl 1871 bezieht sich auf das Gründungsdatum des Deutschen Kaiserreichs, das mit einer Nationalgalerie die Einheit der Nation mit der Kunst beschwören wollte. Ihren jetzigen Namen trägt sie erst seit wenigen Jahrzehnten: Da im Westteil Berlins 1968 der moderne Bau der „Neuen Nationalgalerie“ errichtet worden war, erhielt der Kunsttempel in Berlins Mitte mit der Wiedervereinigung der Museen nach 1990 den Namen „Alte Nationalgalerie“.
Das Reiterstandbild auf dem Podest der Freitreppe feiert den Ideengeber für den Bau, König Friedrich Wilhelm IV., den kunstsinnigen „Romantiker“ auf dem Thron. Er hatte erste Skizzen für die Vision der Museumsinsel als „Freistätte für Kunst und Wissenschaft“ entworfen, in dessen Zentrum ein griechischer Tempel stehen sollte. 1841 legte Schinkel-Schüler und Hofarchitekt Friedrich August Stüler erste Pläne für einen „Bildungstempel“ als Stadtkrone der Museumsinsel vor.
Den Anlass für den Bau gab schließlich eine Schenkung: 1861 hatte der Berliner Bankier Johann Heinrich Wagner seine Kunstsammlung dem preußischen König und späteren Kaiser Wilhelm I. vermacht - mit der Auflage, sie in einem eigenen Gebäude unterzubringen. Stüler erhielt den Auftrag für die Errichtung einer Nationalgalerie. De Ausführung übernahm nach seinem Tod 1865 Hofarchitekt Johann Heinrich Strack.
Der Zugang erfolgt heute unterhalb der Freitreppe über die einstige Kutschendurchfahrt. Im Sockel mit der Eingangshalle befindet sich auch das erste Ausstellungsgeschoss mit der Skulpturenhalle, wo die Prinzessinnengruppe von Johann Gottfried Schadow die Besucher begrüßt.
Die monumentale Treppenhalle gibt dann die damalige nationale Orientierung vor: Der umlaufende Skulpturenfries schlägt als Heldenepos den Bogen von der Schlacht im Teutoburger Wald bis zur Kaiserkrönung Wilhelms I.. Im Hauptausstellungsgeschoss gehört der farblich ausgemalte Kuppelsaal mit seinen Öffnungen und halbrunden Nischen zu den Höhepunkten. Im Obergeschoss fasziniert heute die Raumfolge mit Oberlichtern, in denen die Meisterwerke von Caspar David Friedrich und Karl Friedrich Schinkel präsentiert werden.
Die Alte Nationalgalerie war nach Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg das erste Haus auf der Museumsinsel, das nach 1945 wiederaufgebaut wurde. Nach der Wiedervereinigung erhielt das Museum eine Generalsanierung. Als erstes Museum auf der Insel - die seit 1999 Weltkulturerbe ist - wurde es zu seinem 125-jährigen Bestehen wiedereröffnet.
Die Architektur macht es heutigen Ausstellungsmachern nicht leicht, die Räume in einen Rundgang zu integrieren, insbesondere durch die Abfolge kleinerer Kabinette. „Das ist eine Herausforderung, die man sehr positiv nehmen kann“, urteilt Direktorin Annette Hüsch. Die Kunsthistorikerin begreift das Haus selbst als Denkmal und Teil der Sammlung des 19. Jahrhunderts. Die Alte Nationalgalerie: ein Monument deutscher Geschichte und Schrein der Kunst.
Berlin, Dresden (epd). Drei Wochen nach ihrem Start hat der Chefredakteur der „Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung (OAZ)“, Dorian Baganz, das Blatt verlassen. Der 1993 in Duisburg geborene Journalist sei zum 12. März auf eigenen Wunsch aus dem Amt ausgeschieden, berichtet die „Berliner Zeitung“ (13. März). Die „Ostdeutsche Allgemeine Zeitung“ wird wie die „Berliner Zeitung“ von Verleger Holger Friedrich herausgegeben.
In der Vorwoche habe bereits der bisherige Chefredakteur der „Berliner Zeitung“, Philippe Debionne, den Vorsitz der Chefredaktionen der Ostdeutschen Medienholding (OMH) übernommen, zu der beide Blätter gehören. Verleger Holger Friedrich erklärte laut „Berliner Zeitung“, Baganz habe maßgeblich dazu beigetragen, die „Ostdeutsche Allgemeine Zeitung“ auf den Weg zu bringen: „Für die nächste Entwicklungsphase werden wir unsere redaktionellen Strukturen weiter stärken und die vielen Rückmeldungen unserer Leserinnen und Leser aufmerksam in unsere Arbeit einbeziehen.“
Der Geschäftsführer des Ostdeutschen Verlags, Dirk Jehmlich, wird mit den Worten zitiert, in vielen Gesprächen und Zuschriften der Leserinnen und Leser sei deutlich geworden, dass sich eine große Mehrheit eine Chefredakteurin oder einen Chefredakteur mit ostdeutscher Biografie wünsche: „Dieses Feedback nehmen wir sehr ernst.“
Die OAZ gibt es seit dem 20. Februar, sie soll nach Verlagsangaben eine publizistische Lücke in Ostdeutschland schließen. Unter der Woche erscheint sie als E-Paper, am Wochenende als Printausgabe. Der bisherige Chefredakteur Dorian Braganz war zuvor beim „Freitag“.
Der Astronaut - Project Hail Mary
Phil Lord und Christopher Miller („Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen“, „Spiderman: Into the Spiderverse“, „21 Jump Street“) erzählen nach einer Vorlage von Andy Weir („Der Marsianer“) den Weltuntergang mal nicht als Katastrophe, sondern als Chance für intergalaktische Zusammenarbeit: Rylance Grace (Ryan Gosling) erwacht in einem Raumschiff aus dem künstlichen Koma. Nur leider ist er kein Astronaut, sondern Naturwissenschaftslehrer an einer Mittelschule und der Rest der Crew ist tot. Er muss alleine einen Weg finden, das allmähliche Erlöschen der Sonne und damit das Aussterben der Menschheit aufzuhalten. Wenig später steht er plötzlich einem Alien gegenüber. Auf den Schreck folgt die Annäherung und es ist rührend zu sehen, wie die beiden durch Imitation und Ausprobieren Wege finden zu kommunizieren. Wie Kinder auf dem Spielplatz, die verschiedene Sprachen sprechen. Und während im All ein Planetenrettungs-Jointventure entsteht, wird in Rückblenden die irdische Vorgeschichte aufgeschlüsselt, in der Sandra Hüller in einer feinen Rolle den Weltuntergang managt.
Der Astronaut - Project Hail Mary (USA 2026). Regie: Phil Lord, Christopher Miller. Buch: Drew Goddard. Mit: Ryan Gosling, Sandra Hüller, Milana Vayntrub, Liz Kingsman, James Ortiz. Länge: 156 Min.
La Grazia
Toni Servillo hat für Paolo Sorrentino bereits Giulio Andreotti und Silvio Berlusconi verkörpert. Nun spielt er ein fiktives Staatsoberhaupt, das der Gegenwartspolitik sanft entrückt ist. Dabei müsste dieser Mariano De Santis als ehemaliger Richter geübt sein, Entscheidungen zu fällen. In seinem Amt als Präsident der Republik jedoch schiebt er sie auf. Ein Gesetzesentwurf wartet auf seinem Schreibtisch darauf, unterzeichnet zu werden. Seine Tochter Dorotea (Anna Ferzetti), eine exzellente Juristin, verliert die Geduld ob seines Zögerns, hat sie doch maßgeblich an dem Gesetzestext mitgewirkt, der Sterbehilfe unter Straffreiheit stellt. De Santis' Auftritte auf der politischen Bühne muten zusehends entrückt an, bis die zweite Bedeutung des Filmtitels ins Spiel kommt: Der Präsident handelt in einem Zustand der Gnade. Er wird sich schließlich seinen Aufgaben stellen - mit besonnener Tatkraft und in dem ihm eigenen Tempo.
La Grazia (Italien 2025). Regie und Buch: Paolo Sorrentino. Mit: Toni Servillo, Anna Ferzetti, Orlando Cinque, Massimo Venturiello, Milvia Marigliano. Länge: 133 Min.
Is This Thing On?
Die Beziehung von Alex (Will Arnett) und Tess (Laura Dern) ist am Ende. In langen Jahren zusammen und trotz zweier Söhne scheint ihnen das Miteinander abhandengekommen, ohne großes Drama. Statt Wut oder Frust dominieren eher Ratlosigkeit und Trauer die Gefühlswelt der beiden. Als Alex zufällig eines Abends auf der Open-Mic-Bühne eines Comedyclubs landet, findet er einen unverhofften Weg, die neue Lebenssituation zu verarbeiten. Ohne dass irgendwer in seinem Umfeld etwas davon mitbekommt, blüht Alex in der New Yorker Stand-up-Szene auf und fängt an, den eigenen Gefühlshaushalt zu sortieren. Bradley Coopers dritte Regiearbeit pendelt zwischen Beziehungsgeschichte und Midlife-Crisis-Drama. Statt auf Oscars zu schielen, setzt er auf eine Ehegeschichte mit reichlich komödiantischem Drall, lose basierend auf dem Leben des britischen Komikers John Bishop. Die Reife mit der hier tragikomisch von der Beziehung zweier vernünftiger Erwachsener erzählt wird, ist sympathisch und ungekünstelt.
Is This Thing On? (USA 2025). Regie und Buch: Bradley Cooper. Mit: Will Arnett, Laura Dern, Andra Day, Bradley Cooper, Blake Kane, Calvin Knegten. Länge: 124 Min.
Hola Frida
So leuchtend und originell wie dieser Animationsfilm ist auch die Kunst der mexikanischen Malerin Frida Kahlo, deren Kindheit hier geschildert wird. Zu Beginn blättert die erwachsene Frida in ihren alten Heften und erinnert sich an die sorglose Zeit in Coyoacán, Mexiko. Dramatisch ist ihre Erkrankung an Kinderlähmung mit sechs Jahren. Aber Frida kämpft sich zurück. Schon als Mädchen hatte sie einen starken Willen, verstand nicht, wieso sie keinen Hosenanzug tragen durfte. Als eine von ganz wenigen Frauen wird sie später zum Studium der Medizin zugelassen, als 1925 ein schwerer Busunfall sie erneut ans Krankenbett fesselt. Hier endet die Geschichte des Films, denn dem Regieduo Karine Vézina und André Kadi geht es vor allem darum zu erzählen, wie Fridas Familie, die sie stets unterstützte, und ihre Rückbesinnung auf ihre mexikanischen Vorfahren sie so stark und resilient werden ließen und wie ihr die Fantasie half, Probleme zu bewältigen.
Hola Frida (Frankreich/Kanada 2024). Regie: André Kadi, Karine Vézina. Buch: Anne Bryan, Sophie Faucher, André Kadi. Stimmen in der Originalversion: Olivia Ruiz, Emma Rodriguez, Rebeca Gonzales, Léo Côté, Sophie Faucher. Länge: 82 Min.
Maysoon
Es beginnt idyllisch: Eine Familie tobt am Badesee, isst Pommes und Eiscreme, wirkt wild und ausgelassen. Doch schon am Abend kommen Störgefühle auf: Tobi (Florian Stetter) musste noch weg, kommt müde nach Hause, strahlt Unbehagen aus. Maysoon (Sabrina Amali) bohrt nach und er gesteht ihr eine Affäre mit seiner Chefin. Parallel läuft ihr Pass aus, nachdem die Ägyptologin seit zehn Jahren solide in Berlin gelebt hat. Und dann verliert sie auch noch ihren Job als Museumsführerin, weil sie den verdeckten Rassismus nicht mehr aushält. Maysoon rastet aus. Die griechischdeutsche Regisseurin Nancy Biniadaki hat ein eindringliches Drama über eine Frau gedreht, die einen existenziellen Kampf führen muss - als Mutter, als Freundin und als Ägypterin in Deutschland. Ganz sanft, aber mit kraftvollen Momenten, entblättert sich Maysoons Leben und zeigt, wie politische Gegebenheiten das Private beeinflussen, sogar zerstören können. Ein mutiger Film, der mit seiner Zartheit und Radikalität lange nachhallt.
Maysoon (Deutschland/Griechenland 2025). Regie und Buch: Nancy Biniadaki. Mit: Sabrina Amali, Elias Sououd, Zoe Valks, Mehdi Meskar, Heike Hanold-Lynch, Bianca Nawrath. Länge: 125 Min.

Frankfurt a.M., Kabul (epd). 58 Seiten, 119 Artikel und 10 Kapitel lang ist die neue „Strafprozessordnung für Gerichte“, die Anfang Januar vom Obersten Emir Haibatullah Achundsada unterzeichnet und an die Gerichte des Landes verteilt wurde. Es sind die Handlungsanweisungen, nach denen Richter und islamische Gelehrte in Afghanistan zukünftig Urteile fällen sollen.
Afghanische Menschenrechtsorganisationen wie Rawadari verurteilten die neuen Dekrete aufs Schärfste. Sie stünden in klarem Gegensatz zu internationalen Menschenrechtsstandards und fundamentalen Prinzipien fairer Gerichtsverfahren, erklärte die Organisation. Es werde weder das Recht auf juristische Verteidigung anerkannt, noch würden Mindest- oder Höchststrafen festgesetzt. Stattdessen werde vor allem auf Geständnisse und Zeugenaussagen als Beweisführung gesetzt, was das Risiko für Folter und Misshandlungen erhöhe.
Auch der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, forderte die Taliban-Regierung auf, die Dekrete in Einklang mit internationalen Verpflichtungen zu bringen. Denn sie legitimierten körperliche Züchtigung für zahlreiche Vergehen sowie häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder.
Laut einer Analyse des „Afghan Analyst Network“ fällt etwa die Strafe für die Misshandlung von Frauen durch ihre Ehemänner mit 15 Tagen Haft im Vergleich zu anderen Körperverletzungen besonders mild aus. Die Dekrete schränkten zudem die Bewegungsfreiheit massiv ein, so gilt bereit das Verlassen des Hauses, selbst um die eigene Familie zu besuchen, als Straftat.
Aufsehen erregte, dass die Beurteilung von Straftaten zukünftig auch nach sozialer Klasse erfolgen solle, in welche die Strafprozessordnung die afghanische Gesellschaft einteilt. So würden Strafen und Urteile etwa bei Religionsgelehrten und Eliten sowie Adeligen milder ausfallen als bei der Mittel- oder der Unterschicht. Laut dem „Afghan Analyst Network“ erwähnt die neue Prozessordnung zudem an zwei Stellen den Begriff des „Sklaven“. Laut Rawadari wird damit faktisch die Sklaverei anerkannt.
Zwar verstießen die neuen Gesetze fundamental gegen Menschenrechte und jegliche Werte von Gleichheit oder persönlicher Freiheit, sagt auch Haroun Rahimi, der an der University of Washington zu islamischem Recht forscht. Dabei handele es sich jedoch weniger um neue Konzepte der Taliban, als um eine bloße Reproduktion bestehender traditioneller Interpretationen der Hanafi-Rechtsprechung, die aus dem 8. Jahrhundert stammt. „Vieles davon ist klassisches Recht aus frühislamischer Zeit und kaum mit heutigen Werten oder Normen vereinbar“, sagt der Experte. Während andere muslimische Länder wie Saudi-Arabien oder der Iran die klassische Rechtsprechung weiterentwickelt und modernisiert hätten, beharrten die Taliban jedoch bis heute unverändert auf den klassischen Originaltexten.
Rahimi hält es dennoch für unwahrscheinlich, dass die Taliban nun Konzepte wie die Sklaverei oder das Klassensystem aus frühislamischer Zeit tatsächlich wieder einführen. Sie hätten längst erkannt, dass diese selbst unter der eigenen Herrschaft nur schwer ohne gesellschaftliche Gegenreaktion praktikabel seien. Stattdessen ließen die Taliban diese vor allem bestehen, um die eigene Legitimität nicht hinterfragen zu müssen, die sich auf die Jahrhunderte alten Texte berufe. „Ansonsten müssten sie auch in anderen Bereichen, wie bei der Behandlung von Frauen, Debatten zulassen“, sagt Rahimi.
Die neue Strafprozessordnung veranschauliche damit einen wesentlichen Konflikt der Regierung: Während sie einerseits die Notwendigkeit einer modernen Staatsführung in Teilen anerkannt habe, beharre sie gleichzeitig auf eine Rechtsprechung, die großteils irrelevant für das heutige Afghanistan sei. Zwar bewiesen die Taliban in vielen Bereichen der alltäglichen Rechtsordnung, beispielsweise im Wirtschaftsrecht, durchaus Handlungsspielraum, jedoch ohne diesen jemals öffentlich anzuerkennen. „Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem, was geschrieben steht, und dem, was die Gerichte letztlich anordnen“, sagt Rahimi.
Dakar (epd). Das Parlament im Senegal hat eine Verdoppelung der Haftstrafen für Homosexuelle angenommen. Die Reform von Artikel 319 des Strafgesetzbuches über „widernatürliche Handlungen“ sieht nun eine Strafe von bis zu zehn Jahren Gefängnis vor, wie die Nachrichtenseite „Seneweb“ berichtete. Die Abgeordneten stimmten dem Gesetzentwurf am 11. März mit 135 Stimmen zu. Drei Parlamentarier enthielten sich, Gegenstimmen gab es keine. Um in Kraft zu treten, muss das Gesetz noch von Präsident Bassirou Diomaye Faye unterschrieben werden.
Bislang lag die Höchststrafe für sexuelle Handlungen zwischen Menschen des gleichen Geschlechts bei fünf Jahren Haft. Im Gesetz werden neben Homosexuellen auch sexuelle Handlungen mit Toten und Tieren kriminalisiert. Ebenfalls strafbar soll künftig die „Verherrlichung und die Finanzierung von Homosexualität“ sein, was mit drei bis sieben Jahren Gefängnis geahndet werden soll.
Bereits jetzt häufen sich Verhaftungen von mutmaßlichen Homosexuellen im westafrikanischen Land. Auch mehrere senegalesische Prominente wurden inhaftiert, weil ihnen Homosexualität vorgeworfen wird. Menschenrechtsorganisationen sprechen von einer deutlichen Zunahme der Feindlichkeit gegenüber Homosexuellen.
17.3. Evangelische Akademie Frankfurt
Mit Livestream Wer bezahlt für den Frieden? Verteilungsfragen in unsicheren Zeiten Das Geld, das für die Friedenssicherung (oder Verteidigungsfähigkeit) in Europa aufgebracht werden muss, wird den öffentlichen Haushalten fehlen. Bis zu 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts jährlich werden benötigt, um die erhöhten Ausgaben für Bundeswehr, Auslandseinsätze, Rüstungsgüter, Zivilschutz und Katastrophenschutz zu decken. Dafür werden Haushaltsentscheidungen getroffen, die viele noch vor wenigen Jahren nicht befürwortet hätten. Wer muss die Rechnung zahlen?
18.3. Evangelische Akademie im Rheinland
Online Vielleicht wird es doch nicht so schlimm? - Zukunft zwischen Fortschrittshoffnung und Abstiegsangst Die Zukunft scheint zunehmend unsicher, manchmal gar beängstigend, auf jeden Fall nicht besonders rosig. Sichtbar und spürbar ist das nicht zuletzt auf lokaler Ebene, in den Städten und Gemeinden, die gefordert sind, auf die vielfältigen Herausforderungen Antworten zu finden und sie auch umzusetzen. Mit Anja Bierwirth, Architektin und Umweltwissenschafterin.
22.-24.4. Evangelische Akademie Loccum
Damit Rechtsextremismus nicht normal wird: Demokratie stärken im ländlichen Raum Welche aktuellen Trends und Entwicklungen sind in Niedersachsen und Deutschland in der Entwicklung des Rechtsextremismus zu beobachten? Neben einer aktuellen Analyse dient diese Tagung der Vernetzung der vielfältigen Akteursszene in der Bekämpfung des Rechtsextremismus. Wo besteht Qualifikations- und Unterstützungsbedarf, besonders - aber nicht nur - bei lokalen und kirchlichen Demokratie-Initiativen und -projekten?