Mit leiser Stimme
Beim Landeanflug auf Tunis strahlt die Sonne, doch die Stimmung der beiden Frauen im Mietwagen nach Sousse könnte unterschiedlicher nicht sein. Die Französin Alice genießt den mediterranen Charme, während Lilia in ein Land zurückkehrt, in dem sie ihre Lebenspartnerin vor der Familie verbergen muss. Anlass der Reise ist der plötzliche Tod ihres Onkels Daly. Während der Trauerfeierlichkeiten stößt Lilia auf ein offenes Geheimnis, über das selbst ihre emanzipierte Mutter und ihre Tanten schweigen. Regisseurin Leyla Bouzid zeichnet mit feinem Strich eine von traditionellen Zwängen und unausgesprochenen Sehnsüchten geprägte arabische Welt. Culture-Clash- oder Coming-out-Dramatik vermeidet sie bewusst. Stattdessen erzählt sie von Lilias Zerrissenheit zwischen Geborgenheit und Entfremdung. Erst außerhalb des familiären Kokons tritt die staatliche Repression offen zutage. Ein eleganter, vieldeutiger Film, der nicht auf Rebellion setzt, sondern auf die behutsame Erweiterung des persönlichen Spielraums.
Mit leiser Stimme (Frankreich/Tunesien 2026). Regie, Buch: Leyla Bouzid. Mit Eya Bouteraa, Hiam Abbass, Marion Barbeau. Länge: 113 Min.
Etwas ganz Besonderes
Die 16-jährige Lea (Frida Hornemann) hat die Vorrunde einer Castingshow erreicht. Singen kann sie, doch als man sie fragt, was das Besondere an ihr sei, fällt ihr keine Antwort ein. Ihre Tante Kati (Eva Löbau) rät: „Denk dir einfach etwas aus. Die wollen nur ’ne gute Geschichte.“ Dabei gäbe es in Leas Familie genug zu erzählen: Die Eltern haben sich getrennt, die Mutter erwartet ein Kind von einem anderen Mann, Lea lebt mit ihrem Vater im Waldhotel der Großmutter. Mit „Etwas ganz Besonderes“ erzählt Eva Trobisch („Ivo“) jedoch weniger eine Coming-of-Age-Geschichte als ein Familienporträt. Vor der Kulisse der thüringischen Kreisstadt Greiz entfaltet sie feinfühlig die Dynamik dreier Generationen und macht zugleich ostdeutsche Erfahrungen sichtbar - vom Strukturbruch nach der Wende bis zu unterschiedlichen Vorstellungen von Geschichte und Gemeinschaft. Atmosphärisch dicht, präzise beobachtet und hervorragend gespielt entsteht ein ebenso lokales wie universelles Familienporträt.
Etwas ganz Besonderes (Deutschland 2026). Regie, Buch: Eva Trobisch. Mit Frida Hornemann, Max Riemelt, Eva Löbau, Rahel Ohm, Gina Henkel, Florian Lukas. Länge: 116 Min.
Virginia Woolf’s Night & Day
Die mathematisch begabte Katharine (Haley Bennett), Tochter einer wohlhabenden Familie im England des frühen 20. Jahrhunderts, träumt von einem Studium der Astronomie. Doch Frauen bleiben die Universitäten verschlossen. Um sich den gesellschaftlichen Zwängen zu entziehen, nimmt sie den Heiratsantrag ihres Kindheitsfreundes William (Jack Whitehall) an. Als sie den aus einfachen Verhältnissen stammenden Autor Ralph Denham (Elyas M'Barek) und die Frauenrechtlerin Mary Datchet kennenlernt, gerät ihr Leben jedoch aus der Bahn. Tina Gharavi inszeniert Virginia Woolfs „Nacht und Tag“ als elegante Emanzipationsgeschichte mit Witz, Romantik und historischem Flair. Haley Bennett überzeugt als eigenwillige Heldin, unterstützt von einem spielfreudigen Ensemble. Eine kluge, charmante Literaturverfilmung, die zeigt, wie aktuell Woolfs Themen bis heute geblieben sind.
Virginia Woolf’s Night & Day (Großbritannien/Deutschland 2025). Regie: Tina Gharavi. Buch: Justine Waddell. Mit Haley Bennett, Elyas M'Barek, Lily Allen, Jack Whitehall, Jennifer Saunders, Tomothy Spall. Länge: 95 Min.
Wise Women - Fünf Hebammen, fünf Kulturen
Die Dokumentation begleitet Hebammen in Nepal, Äthiopien, Marokko, Brasilien und Österreich. Kanchan Mala Shrestha klärt Jugendliche über Verhütung auf und versorgt Schwangere in einem nepalesischen Dorf, während ihre Kolleginnen Geburten in Geburtshäusern oder im häuslichen Umfeld begleiten. Die Kamera zeigt die Entbindungen nie direkt, sondern über Blicke, Berührungen und zugewandte Gesten - ebenso wie die Momente, in denen ein Neugeborenes nicht gerettet werden kann. Im Mittelpunkt stehen Hingabe und Verantwortung der Protagonistinnen, die Mütter und Kinder in existenziellen Situationen begleiten. Unterschiede der Gesundheitssysteme und kulturelle Besonderheiten bleiben dagegen weitgehend ausgeblendet. So wird der Film vor allem zu einer einfühlsamen Hommage an einen Berufsstand, der Frauen weltweit eine verantwortungsvolle und unverzichtbare Rolle ermöglicht.
Wise Women - Fünf Hebammen, fünf Kulturen (Österreich 2025). Regie, Buch: Nicole Scherg. Mit Genet Gebru, Aïcha El Fathi, Kanchan Mala Shrestha, Gunda Gutscher, Sheila Santos. Länge: 88 Min.
