Nairobi (epd). Jared Jaroh trommelt seine Musikschülerinnen und -schüler zusammen. Jeden Nachmittag treffen sie sich zur Probe unter einem großen Mangobaum an der Ulawe Apate Grundschule im Westen von Kenia. Gelagert werden die Instrumente im Wohnzimmer von Lehrer Jaroh: Hinter der Tür stapeln sich Trommeln, daneben vier Orutus, die mit einem Bogen gespielt werden, und Marimbas, die Xylofonen ähneln. Auf einem extra angefertigten Gestell hängen sieben Nyatitis. Das sind die achtsaitigen Leiern der ethnischen Gruppe der Luo. Die Kinder reichen die Instrumente von Hand zu Hand weiter und bringen sie nach draußen.
Seit zehn Jahren unterrichtet Jared Jaroh hier in der Region Siaya. Die Grenze zu Uganda ist etwa 30 Kilometer Luftlinie entfernt, ebenso der Victoriasee. Auf den Feldern steht der Mais hoch, es ist Erntezeit. Eine seiner fleißigsten Schülerinnen heißt Viona Adhiambo, elf Jahre alt. Sie spielt die traditionelle Nyatiti. Die dazugehörigen Schellen bindet sie sich an den rechten Knöchel, dann setzt sie sich auf einen kleinen Hocker und beginnt die Saiten zu zupfen.
Traditionell haben nur Männer die Nyatiti gespielt
Die perkussive Untermalung dazu erzeugt Viona mit den Schellen und einem eisernen Ring am Zeh, der auf das Holz des Rahmens schlägt. Dazu singt sie improvisierte Lobeshymnen - wie in der Tradition der Luo üblich.
Erst im März hat sie angefangen, Nyatiti zu spielen, inspiriert von ihrer älteren Schwester. „Bei den Schulmusikwettbewerben bin ich erste geworden, vor allen Jungs“, erzählt das zierliche Mädchen, die Hände fest in den Saiten der Nyatiti verwoben, als gebe sie ihr Sicherheit. Traditionell haben das Instrument in der Kultur der ethnischen Gruppe der Luo nur Männer gespielt. Die Nyatiti gilt als Verbindung zwischen den Lebenden und den Vorfahren - durch Melodien, die über Generationen weitergegeben wurden.
Westliche Musik hat Traditionsinstrumente verdrängt
Der Instrumentenbauer Charles Obong’o, bei dem begabte Kinder in den Ferien quasi zum Trainingslager kommen dürfen, sagt über Viona und ihre Schwester: „Die haben den Geist der Musik im Blut.“ Es habe eine Zeit gegeben, in der westliche Musik und westliche Instrumente die traditionellen Instrumente verdrängt hätten. Keyboard und Gitarre statt Marimba und Nyatiti waren bei Hochzeiten und Beerdigungen angesagt. Doch der Enthusiasmus der Schülerinnen gibt ihm Hoffnung, dass die Nyatiti weiterleben wird.
Einer der letzten Nyatiti-Bauer
Obong’o ist bald 70 Jahre alt und einer der letzten seiner Art. Er hat als Jugendlicher selbst Nyatiti gespielt, dann aber seinen Fokus Anfang der 80er Jahre auf das Bauen der Instrumente verlegt. „Die Nyatitis haben die Schulgebühren meiner Kinder bezahlt, sie ermöglichen mir ein gutes Leben“, sagt Obong’o und lacht. Für das passende Holz sucht er die Gegend nach geeigneten Feigenbäumen ab, kauft sie dem Besitzer ab und macht sich an die Arbeit.
„Mein Grundstück ist meine Werkstatt“, sagt er im Schatten der hohen Eukalyptusbäume. Das Hämmern seiner Werkzeuge schallt über das Grundstück, auf dem er und mehrere seiner Söhne mit Familie leben. Schlag für Schlag formt er aus dem Holz die Resonanzkörper, über die später Kuhleder gespannt wird. Den Rest des Instruments schnitzt er aus Eukalyptusholz. Die Nylon-Saiten lässt er sich aus der Hauptstadt Nairobi bringen, früher wurden sie aus Kuhdarm gemacht. Umgerechnet bekommt er knapp 70 Euro für eine Nyatiti.
"Ohne Nyatiti stirbt die Luo-Kultur”
"Ohne Nyatiti stirbt die Luo-Kultur”, sagt Obong’o. In Workshops versucht er, sein Handwerk weiterzugeben. Mittlerweile sind die traditionellen Instrumente nicht nur eine Verbindung zur eigenen Kultur und Geschichte, sondern sorgen auch für Kontakt mit Musikerinnen und Musikern aus aller Welt. Die japanische Musikerin Eriko Nyamukoma beispielsweise, in Siaya vor allem unter ihrem Luo-Namen Anyango Nyar Siaya bekannt, versucht Welten zu verbinden.
Auch Viona träumt davon, eines Tages in unterschiedlichen Ländern aufzutreten und mit der Musik ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber erst mal übt sie weiter mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern unter dem großen Mangobaum auf dem Gelände der Ulawe Apate Grundschule.
epd-video „Kenianische Nyatiti: Ein Instrument, das Brücken baut“

