Frankfurt a.M., Kabul (epd). Als die Taliban vor fünf Jahren die Macht in Afghanistan übernahmen, war Schuldirektor Mohammed Osman klar, dass sich vieles verändern würde: Die Stundenpläne wurden angepasst, die Lehrer müssen nun Bärte tragen und die Bildungschancen für Mädchen sind geschwunden. Erst schlossen die radikalislamischen neuen Machthaber die weiterführenden Schulen für Mädchen und dann ein knappes Jahr später auch die Universitäten. Dass auch die Bildung der Jungen massiv leiden würde, war weniger absehbar. Doch auch die sei immer härter von Einschnitten betroffen, sagt Osman.

Völlig unterfinanziert sei das Bildungswesen, sagt der Schulleiter, der eigentlich anders heißt, aber seinen echten Namen nicht genannt haben will. Seit 22 Jahren ist er Direktor an einer Provinzschule im Norden Afghanistans und kennt die Entwicklungen aus der Zeit vor der neuerlichen Taliban-Herrschaft seit August 2021.

Kein Geld für Lehrer

Während die Vorgängerregierung früher neben dem regulären Unterricht zahlreiche zusätzliche Bildungsprogramme für Lehrkräfte und Schüler organisiert habe, fehle es heute an allen Ecken und Enden. Zwar seien die Taliban einerseits massiv gegen Korruption im Bildungssektor vorgegangen, doch es fehle an finanziellen Mitteln, etwa um neues Lehrpersonal einzustellen, erklärt Osman. Durchschnittlich rund 100 Euro im Monat verdiene ein Lehrer, das reiche kaum zum Leben für eine Familie. In der Folge stünden den 2.800 Schülern an seiner Schule gerade einmal 100 Lehrer gegenüber.

Ein Trend, der sich auch landesweit fortsetzt: Laut dem UN-Kinderhilfswerk Unicef ist der Schulbesuch von Jungen in weiterführenden Schulen in den Klassen sieben bis neun seit 2021 von 70 auf rund 68 Prozent gesunken. Grund dafür sind auch die wirtschaftliche Krise des Landes und die immer weiter sinkenden internationalen humanitären Hilfsgelder.

Viel zu große Klassen

Zwar fließen laut Unicef bereits jetzt mehr als 90 Prozent der finanziellen Mittel des afghanischen Bildungsministeriums in die Gehälter von Lehrkräften, doch in der Folge gibt es kaum noch Mittel für neue Investitionen oder Instandhaltungsmaßnahmen. Fast die Hälfte aller Schulen ist chronisch unterfinanziert, es fehlt an sauberem Wasser, sanitären Einrichtungen, aber auch Laboren, Büchereien und Technik.

Vor allem der Lehrermangel wirke sich zunehmend auch auf den Lernerfolg seiner Schüler aus, beklagt Osman. „Früher haben wir Klassen mit rund 30 Personen unterrichtet, heute sind es beinahe doppelt so viele“, sagt er. Dazu gebe es kaum ausreichend große Klassenräume, viele der Schüler müssten auf dem Boden sitzen. Von den rund 60 Schülern in einer Klasse, so schätzt er, habe lediglich eine Handvoll einen wirklichen Lernerfolg.

Keine Chancen für Mädchen

Mit fatalen Folgen: Laut einer Studie der Weltbank lag die Zahl der afghanischen Kinder im Alter von zehn Jahren, die bereits 2021 nicht in der Lage waren, einen einfachen Text zu lesen, bei rund 93 Prozent, schon damals eine der höchsten weltweit Quoten. Die anhaltenden Wirtschaftsprobleme und Restriktionen für Frauen und Mädchen dürften die Bildungskrise noch einmal deutlich verschärft haben.

Während laut Unicef-Zahlen der Grundschulbesuch von Mädchen von rund 78 auf 87 Prozent gestiegen ist, sind in den weiterführenden Schulen aufgrund der Verbote rund 2,2 Millionen Mädchen vom Schulbesuch ausgeschlossen. Mehrmals hätten er und seine Kollegen deswegen mit den regionalen Behörden das Gespräch gesucht, um sich über die Bildungsverbote für Mädchen zu beschweren, sagt Direktor Osman. Viele der lokalen Talibanführer stimmten ihnen auch indirekt zu, aber die Anweisungen kämen eben von ganz oben.

Doch es brauche schnellstens eine Lösung - auch, um wieder mehr Unterstützung aus der internationalen Gemeinschaft zu erhalten und die Bildung insgesamt zu fördern. „Wir können eine Bartpflicht und geringe Gehälter akzeptieren“, erklärt Osman, „nicht aber, dass wir irgendwann keine Ärztinnen, Krankenschwestern oder Hebammen mehr haben.“