Kirchen

EKD-Sportbeauftragter Latzel: WM nicht überhöhen




Die Sportbischöfe Latzel (l., ev.) und Oster (r., kath.) (Archivbild)
epd-bild/Theo Klein
Zwischen schönen Gemeinschaftserfahrungen und unsäglicher Kommerzialisierung: Die WM kann laut dem evangelischen Sportbeauftragten Latzel Menschen zusammenbringen. Er kritisiert aber auch die Fifa und warnt davor, das Turnier zu überhöhen.

Düsseldorf (epd). Der Sportbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Thorsten Latzel, blickt mit gemischten Gefühlen auf die Fußball-Weltmeisterschaft. Bei dem Turnier in Mexiko, Kanada und den USA gehe es um Fairness, Respekt und Solidarität. Doch er befürchte, dass „die kommerzielle Ausnutzung und die politische Inszenierung die Schönheit des Sports korrumpieren“, sagt er im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) und fordert, sich dafür einzusetzen, „dass Fußball wieder Fußball sein kann“.

epd: Welche Bedeutung kann die WM in der aktuell angespannten politischen Lage für die Gesellschaft in Deutschland haben?

Thorsten Latzel: Eine Fußball-WM kann eine wunderschöne Gemeinschaftserfahrung im Sommer sein. Man darf sie aber auch nicht überhöhen. Wir beobachten weltweit wie bei uns in Deutschland viele politische und soziale Spannungen. Kriege, Umbrüche in der Wirtschaft, Umweltprobleme, Demokratien unter Druck. Eine WM löst das nicht einfach. Aber wir können vom Fußball viel mitnehmen. Beim Spiel fiebern, hoffen, feiern und trauern Millionen gemeinsam. Es geht um Fairness, Respekt, Verantwortung oder Solidarität über Grenzen hinweg. Das sind wichtige ethische Impulse, die Sport und Glaube gemeinsam in einer polarisierten Gesellschaft vermitteln. Egal, wer du bist, woher du stammst, welche Sprache du sprichst, wir kicken zusammen. Das entspricht dem christlichen Gedanken einer versöhnten Gemeinschaft.

epd: Was mögen Sie als EKD-Sportbeauftragter an solchen Großereignissen und was sehen Sie kritisch?

Latzel: Ich liebe ein faires, respektvolles Miteinander, den sportlichen Wettkampf, die Leichtigkeit des Spiels - etwa wenn man nach einem Public Viewing mit den Fans aus anderen Ländern zusammen feiert. Ich befürchte jedoch, dass bei diesen Spielen die kommerzielle Ausnutzung und die politische Inszenierung die Schönheit des Sports korrumpieren. Wir erleben, wie die Fußball-WM von der FIFA in unsäglicher Weise kommerzialisiert wird und die Trump-Regierung mit ihrer anti-demokratischen Politik diese Werte gerade verletzt.

epd: Können Sie das erläutern?

Latzel: Das Vorgehen der US-Ausländerbehörde ICE gegen Migrantinnen und Migranten ist menschenverachtend, die Verleihung eines konstruierten FIFA-Friedenspreises an Trump war eine peinliche Farce. Die US-Regierung zerstört gezielt demokratische Rechte und sät Hass und Spaltung statt Versöhnung. Die Ticket-Preise grenzen viele Fans aus und die Ausweitung des Turniers auf drei Länder und mehr Mannschaften ist ökologisch problematisch und belastet die Spieler. Wir sollten uns dafür einsetzen, dass Fußball wieder Fußball sein kann und nicht politisch oder ökonomisch missbraucht wird.

epd: Was tippen Sie, wer wird Weltmeister und warum?

Latzel: Ich hoffe natürlich auf Deutschland, keine Frage, auch wenn wir in diesem Jahr nicht zum Favoritenkreis gehören. Wir haben tolle Spieler, einen ambitionierten Trainer und zuletzt einen guten Lauf als Team. Spanien, Frankreich, England werden hoch gehandelt, auch Brasilien oder Argentinien gelten als Titelkandidaten. Ich bin bei solchen Prognosen aber immer zurückhaltend. Ein Turnier läuft nach eigenen Regeln. Und die Zukunft liegt immer in Gottes Hand - und das ist auch gut so. Auf meinen Social-Media-Kanälen werde ich gemeinsam mit dem Sportbeauftragten der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Stefan Oster, eine Tipp-Wette laufen haben. Mal schauen, wer am Ende gewinnt. Der Gewinn ist auf jeden Fall für eine gute Sache.

epd-Gespräch: Nora Frerichmann


Sportbischof Oster: Fußball verbindet



Bonn (epd). Der Sportbeauftragte der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Stefan Oster, betrachtet die Fußball-Weltmeisterschaft als weltweit verbindendes Ereignis. „Gerade in einer Zeit, die von Kriegen, gesellschaftlichen Spannungen und wachsender Polarisierung geprägt ist, kann der Sport Räume der Begegnung öffnen und Brücken über Grenzen, Sprachen und Kulturen hinweg bauen“, sagte Oster zum Auftakt der WM am 11. Juni.

Dass die Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada ausgetragen wird, mache sichtbar, wie sehr der Fußball Menschen unterschiedlicher Herkunft, Prägung und Lebenswirklichkeit zusammenführen könne, fügte Oster hinzu. Das Turnier in den drei Ländern biete die Chance, die Vielfalt Nordamerikas zu sehen.

Teilhabe aller Menschen gefordert

Gleichzeitig werfe ein solches Massensportevent Fragen zu sozialer Gerechtigkeit, Teilhabe und dem Umgang mit Ressourcen auf, erklärte der Passauer Bischof. Der Fußball dürfe nicht auf wirtschaftliche Interessen reduziert werden: „Die glaubwürdige Kraft des Sports zeigt sich dort, wo der Mensch im Mittelpunkt steht: die Sportler, die Fans, die vielen Helferinnen und Helfer - vor allem auch jene, die am Rand stehen oder wenig Teilhabe erfahren.“ Die WM dauert bis zum 19. Juli.



Löhrmann: Kirchen haben wichtige Rolle im Kampf gegen Antisemitismus



Die christlichen Kirchen waren lange durch eine antijüdische Haltung geprägt. Das sei weitgehend Geschichte, sagt die NRW-Antisemitismusbeauftragte Löhrmann. Die Kirchen seien wichtig für die Bekämpfung von Judenhass.

Düsseldorf (epd). Die christlichen Kirchen können nach Einschätzung der nordrhein-westfälischen Antisemitismusbeauftragten Sylvia Löhrmann im Kampf gegen Antisemitismus eine maßgebliche Rolle spielen. Sie hätten sich ihrer unrühmlichen Vergangenheit einer antijüdischer Haltung gestellt und diese Haltung weitgehend verändert, sagte Löhrmann dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Kirchen könnten zeigen, „dass Veränderung möglich ist und Tradition nicht Stillstand bedeutet“.

Die 69-jährige Grünen-Politikerin hob die Verdienste der Gesellschaft für Christlich-jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) in Düsseldorf hervor, die am Sonntag ihr 75-jähriges Bestehen feiert. Der Dialog der Religionen, in dem jahrhundertealte Muster gegenseitiger Verachtung aufgearbeitet würden, sei eine Inspiration für die ganze Gesellschaft im Umgang mit Vorurteilen, betonte die Beauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen für die Bekämpfung des Antisemitismus sowie für jüdisches Leben und Erinnerungskultur.

Jüdisches Leben Teil der Gegenwart

Die Christlich-Jüdische Gesellschaft habe Begegnungen zwischen jüdischen und christlichen Bürgerinnen und Bürgern nach dem Holocaust ermöglicht, sagte Löhrmann. „Im Mittelpunkt steht dabei die Erfahrung, dass jüdisches Leben nicht abstrakt oder ausschließlich als historische Erinnerung wahrgenommen wird, sondern selbstverständlicher, sichtbarer, lebendiger Teil unserer Gegenwart ist.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten Rückkehrer und Überlebende des Holocaust mit Düsseldorfer Bürgern 1951 die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit gegründet. Der Vorstand setzte sich aus je drei jüdischen, katholischen und evangelischen Mitgliedern zusammen, die in der NS-Zeit verfolgt wurden oder mit dem Regime in Konflikt gerieten. 1970 übernahm die Gesellschaft im Auftrag der Staatsanwaltschaft die Betreuung ausländischer Zeugen in drei großen NS-Prozessen, etwa im Rahmen des Majdanek-Prozesses. Später verlagerte sich die Arbeit auf Vorträge, Seminare und Studienfahrten.

epd-Gespräch: Irene Dänzer-Vanotti (epd)


Kreuz aus Rettungswesten am Berliner Dom




Kreuz aus Rettungswesten am Berliner Dom
epd-bild/Christian Ditsch
Alljährlich wird auf Initiative der Vereinten Nationen am 20. Juni auf die Lage von Flüchtlingen weltweit aufmerksam gemacht. Der Berliner Dom nimmt den Tag zum Anlass für eine besondere Installation.

Berlin (epd). Ein Kreuz aus 30 Rettungswesten macht am Berliner Dom auf die Lage von Flüchtlingen weltweit aufmerksam. Anlass ist der von den Vereinten Nationen proklamierte Weltflüchtlingstag am 20. Juni, wie die Initiatoren am 8. Juni mitteilten. Das Kreuz über dem zentralen Eingangsportal des Berliner Domes hat eine Größe von knapp sechs mal vier Metern.

Zur Verfügung gestellt wurden die ausgemusterten Rettungswesten von der Seenotrettungsorganisation Sea-Watch. Die Westen waren zuvor bei zahlreichen Rettungsaktionen von Sea-Watch im Mittelmeer zum Einsatz.

Wie es weiter hieß, soll das Kreuz über dem Eingangsportal als Symbol der Hoffnung am Abend leuchten, „wie auch die Rettungswesten auf dem dunklen weiten Meer“. Das Kreuz stehe für Nächstenliebe, Menschlichkeit und den Mut, sich für die Schwächsten einzusetzen.

72.000 Tote seit 1993

Außerdem sollen nach Angaben der Initiatoren in den kommenden Tagen bis zum Weltflüchtlingstag am 20. Juni die Namen von auf der Flucht Verstorbenen, das Datum ihres Todes und die Umstände ihrer Flucht auf schmale Stoffbänder geschrieben werden. Diese würden anschließend an den Außengittern der Arkaden des Berliner Doms befestigt. Die Bänder sollen so mitten im Herzen der Stadt ein sichtbares Zeichen weithin verdrängten Leids bilden, hieß es.

Seit 1993 seien mehr als 72.000 Menschen auf der Flucht nach Europa ums Leben gekommen. Dies dürfe nicht schweigend in Kauf genommen werden. Die Aktion zum Weltflüchtlingstag steht daher unter dem Titel „Beim Namen nennen“.



Der Schneider der Päpste




Filippo Sorcinelli in seinem Atelier
epd-bild/Almut Siefert
Schon als Kind war Filippo Sorcinelli von Orgelklang, Weihrauch und liturgischen Gewändern der katholischen Kirche fasziniert. Heute schneidert er solche Gewänder, in die sich Geistliche auf der ganzen Welt kleiden - auch Päpste.

Santarcangelo di Romagna (epd). Am Ende des Treppenaufgangs strahlt ein grünes Gewand. Die gesichtslose Puppe, die es trägt, streckt die Hände einladend auf Taillenhöhe vor den Körper. Auf dem Kopf der Puppe sitzt eine weiße Mitra, eine Bischofsmütze, mit goldenen Ornamenten. „Es handelt sich um die Gewänder, die Papst Benedikt XVI. während seines Besuchs in Prag getragen hat“, erklärt Filippo Sorcinelli.

Ende August 2009 war der damalige Papst in die Tschechische Republik gereist. Mit im Gepäck: die Werke aus dem Atelier Sorcinellis. Das liegt mitten in der Altstadt von Santarcangelo di Romagna, einer Kleinstadt unweit der Adriaküste. Von außen wirkt das Gebäude unscheinbar. Drinnen entstehen Gewänder für Kardinäle, Bischöfe - und eben auch für Päpste.

Berufsziel Priester

Benedikt XVI., Franziskus und der aktuelle Papst, Leo XIV., sie alle trugen und tragen, was Sorcinelli schneidert. Die weiße Mitra, die Papst Franziskus bei seiner Beisetzung trug, stammte zum Beispiel ebenfalls aus Sorcinellis Atelier.

Eigentlich, erzählt der 50-Jährige, habe er Priester werden wollen. Sorcinelli stammt aus Mondolfo in den Marken. Seine Mutter engagierte sich in der Kirche, er selbst war schon als Kind fasziniert von liturgischen Räumen, vom Klang der Orgeln, vom Weihrauch und den Farben der Messgewänder. Er studierte Kunst und Kirchenmusik, arbeitete als Organist und beschäftigte sich intensiv mit sakraler Ästhetik.

Am Ende wurde die Schneiderei zu seiner Form des Diensts, sagt Sorcinelli. Als 2001 ein Freund ihn bat, ein Gewand für dessen Priesterweihe zu entwerfen, entstand die Idee für das Atelier LAVS - „Laboratorio Atelier Vesti Sacre“. Liest man den Firmennamen als lateinische Großbuchstaben, steht „laus“ für „Lob“.

Hunderte Gewänder pro Jahr

Aus dem kleinen Projekt wurde innerhalb weniger Jahre eine international bekannte Werkstatt für liturgische Kleidung. Nicht nur Päpste, auch Geistliche weltweit bestellen bei Sorcinelli ihre Gewänder. Hunderte seien es pro Jahr, eine genaue Zahl kann der Schneider nicht nennen.

An schlichten Kleiderstangen hängen im Atelier in Santarcangelo Kaseln, also liturgische Obergewänder, die Priester und Bischöfe während der Feier der heiligen Messe tragen, in Weiß, Purpur, Grün und Gold. Manche sind streng geometrisch gearbeitet, andere zieren aufwendige Ornamente. An einem Tisch mit Garnrollen, Scheren und Perlen sitzen vier Mitarbeiterinnen und nähen Verzierungen an einzelne Stücke.

„Die Liturgie besteht aus Symbolen, die sofort erkennbar sein müssen“, sagt Sorcinelli. Er zieht einen Vergleich zur Krone des britischen Königshauses und dem, was der Anblick in vielen Engländern auslöst. „Das ist schwer zu erklären“, sagt er. „Alles, jedes Ereignis, jeder Vertreter bestimmter Institutionen hat eine Form, muss ein Hauptmerkmal haben, denn er muss in erster Linie an der Rolle, die er innehat, erkennbar sein.“ Das sei das Wichtigste, ob nun beim Papst oder beim General einer Armee. Diese Gewänder, „das ist die Uniform der katholischen Kirche“.

Leo XIV. trägt wieder Wappen

Daher, sagt Sorcinelli, könne man auch nicht vom Geschmack eines bestimmten Papstes sprechen: „Es ist der Strom der Tradition, der die Geschichte der Kirche prägt, es gibt keinen bestimmten Kleidungsstil eines Papstes.“ Zum aktuellen Papst Leo XIV., der seit dem 8. Mai vergangenen Jahres im Amt ist, kann der Schneider dann aber doch etwas sagen, was den gebürtigen US-Amerikaner ausmacht.

Um die Weihnachtszeit herum sei sein Atelier beauftragt worden, die päpstliche Schärpe für das Alltagsgewand anzufertigen, die bei Papst Leo nun wieder, anders als bei Papst Franziskus, ganz besonders verziert ist. „Nach 13 Jahren - endlich, wage ich zu sagen - hat der Papst wieder begonnen, sein persönliches Wappen auf der Schärpe zu tragen.“ Das sei aber keine „persönliche Marotte“ von Robert Francis Prevost, sondern schlicht Tradition.

Keine Frage des persönlichen Geschmacks

Bei einer Schärpe dürfte es bei der Passform einfach sein, aber wie kreiert man ein Gewand für den Papst? Die Kommunikation läuft über das Amt für liturgische Feiern des Papstes im Vatikan. „Dem Heiligen Vater werden also keine Maße abgenommen, sondern das Büro gibt uns Anweisungen, auch auf der Grundlage dessen, was er zuvor getragen hat, und damit arbeiten wir“, erläutert der Schneider.

Sorcinelli ist es wichtig, etwas immer wieder klarzustellen: „Die Kirche besteht aus Traditionen, sie würde ohne ihre Wurzeln nicht existieren.“ Bei den Gewändern, die er herstelle, handele es sich nicht um Dinge des Papstes, sondern um Dinge für den Papst. Das sei ein großer Unterschied. „Der Papst muss sich wie ein Papst kleiden.“ Das sei keine Frage des persönlichen Geschmacks.

Von Almut Siefert (epd)



Gesellschaft

EU-Asylpakt im Praxistest: Was sich mit Geas ändert




Grenzzaun im Bialowieza Wald an der polnisch-belarussischen Grenze
epd-bild/Moritz Elliesen
Am 12. Juni ist das Gemeinsame Europäische Asylsystem (Geas) in Kraft getreten. Die EU will Asylverfahren stärker vereinheitlichen, die Kontrolle der Außengrenzen verschärfen und Migration besser steuern. Die wichtigsten Änderungen im Überblick.

Brüssel (epd). Mit dem reformierten Gemeinsamen Europäischen Asylsystem (Geas) ist am 12. Juni die umfassendste Änderung des EU-Asylrechts seit Jahren in Kraft getreten. Das Paket umfasst neun Verordnungen und eine Richtlinie. Die wichtigsten Neuerungen im Überblick:

Screening

Das sogenannte Screening ist die erste Station für Schutzsuchende. An den EU-Außengrenzen sowie an Flug- und Seehäfen werden Menschen ohne gültige Einreisepapiere registriert. Dies umfasst die Identifizierung von Personen, Gesundheits- und Sicherheitskontrollen, die Abnahme von biometrischen Daten und die Registrierung in der bereits bestehenden Eurodac-Datenbank. Diese soll zu einer umfassenden Migrationsdatenbank ausgebaut werden. Ziel ist es, Personen rasch den zuständigen Verfahren zuzuordnen und irreguläre Einreisen besser zu kontrollieren.

Asylverfahren an den EU-Außengrenzen

Grenzverfahren sind ein Kernstück der Reform. Dabei handelt es sich um beschleunigte Asylverfahren an den EU-Außengrenzen. Innerhalb von maximal zwölf Wochen wird über einen Antrag entschieden. Bei einer Ablehnung schließt sich unmittelbar ein Rückführungsverfahren an. Die Betroffenen, darunter auch Familien mit Kindern, müssen währenddessen in speziellen Einrichtungen bleiben. Kritiker sprechen von haftähnlichen Bedingungen und befürchten Einschränkungen beim Zugang zu Rechtsberatung.

Nach Einschätzung von Migrationsexperten werden sie jedoch nur einen Teil aller Asylverfahren erfassen. „In der politischen Kommunikation wurde der Eindruck erweckt, man würde Asylverfahren künftig an die Außengrenzen verlagern“, sagt Constantin Hruschka, Professor für Sozialrecht an der Evangelischen Hochschule Freiburg. Tatsächlich seien die Kapazitäten begrenzt: Im ersten Jahr sind maximal 60.000 Grenzverfahren vorgesehen, ab Juni 2028 höchstens 120.000 pro Jahr.

Mehr beschleunigte Verfahren

Neben den Grenzverfahren sieht Geas weitere beschleunigte Asylverfahren vor. Sie betreffen insbesondere Menschen aus Herkunftsländern mit einer EU-weiten Schutzquote von unter 20 Prozent sowie aus sogenannten sicheren Herkunftsstaaten. Kritiker bemängeln einen eingeschränkten Rechtsschutz. Wird ein Antrag im beschleunigten Verfahren abgelehnt, hat eine Klage zum Beispiel häufig keine aufschiebende Wirkung.

Dublin-Verfahren

Stellt ein Schutzsuchender in Europa einen Asylantrag, wird zunächst geprüft, welcher Staat für das Verfahren zuständig ist (Dublin-Verfahren). Die Regeln dafür bleiben grundsätzlich gleich: Wenn der Flüchtling Angehörige in einem EU-Staat hat, ist dieser Staat für das Asylverfahren zuständig. Dasselbe gilt, wenn ein Staat dem Flüchtling bereits einen Aufenthaltstitel oder ein Visum erteilt hat. Neu ist, dass auch Bildungsabschlüsse oder andere Qualifikationen in einem Mitgliedstaat bei der Zuständigkeitsprüfung berücksichtigt werden können. Wenn die asylsuchende Person keine familiären oder anderweitigen Bindungen zu einem Dublin-Staat hat, gilt, dass der Staat zuständig ist, in den die Person zuerst eingereist ist. Überstellungen in andere EU-Staaten sollen mit Geas besser klappen. Außerdem gibt es härtere Sanktionsmöglichkeiten gegen Asylsuchende.

Abschiebezentren in Drittstaaten

Die EU-Rückführungsverordnung soll Abschiebungen erleichtern. Sie sieht eine Ausweitung der Abschiebehaft vor: Inhaftierungen sollen unter erleichterten Bedingungen und für längere Zeit möglich sein. Zudem ermöglicht die Verordnung sogenannte „Return-Hubs“ in Drittstaaten, in denen abgelehnte Asylsuchende untergebracht werden können - entweder als Zwischenstation vor der Rückführung ins Herkunftsland oder als Alternative zur direkten Abschiebung dorthin.

Grenzkontrollen im Schengen-Raum

Die EU-Kommission und viele EU-Staaten verbanden mit der Reform die Hoffnung, dass Binnengrenzkontrollen langfristig entfallen könnten. Ob dieses Ziel erreicht wird, ist jedoch fraglich. Die Bundesregierung hat bereits angekündigt, die Kontrollen an den deutschen Grenzen vorerst fortzuführen.

Von Marlene Brey (epd)


EU-Asylregeln: Dobrindt zufrieden, Kritik aus evangelischer Kirche




"Brot für die Welt"-Präsidentin Dagmar Pruin
epd-bild/Hans Scherhaufer
Seit Mitternacht gelten für die EU schärfere Asylregeln. Bundesinnenminister Dobrindt spricht von einem "großen Meilenstein", die Präsidentin des evangelischen Hilfswerks "Brot für die Welt" von einem Pakt gegen Geflüchtete.

Frankfurt a.M. (epd). Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) erwartet eine zügige Wirkung des seit dem 12. Juni geltenden Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (Geas) und stellt in Aussicht, dass die Grenzkontrollen bei Einreisen nach Deutschland zurückgefahren werden. Wenn das Geas anlaufe und an den europäischen Außengrenzen „der Schutz funktioniert“, dann sei auch sukzessive ein Wegfall der Binnengrenzkontrollen möglich, sagte Dobrindt. „Aber da sind wir heute noch nicht“, fügte der CSU-Politiker hinzu.

Scharfe Kritik an den neuen Regeln kam aus der evangelischen Kirche. Primäres Ziel sei es nicht, Menschen Schutz in der EU zu gewähren, sondern möglichst vielen diesen Schutz zu verwehren, sagte die Präsidentin des evangelischen Entwicklungswerks „Brot für die Welt“, Dagmar Pruin.

Das 2024 beschlossene Geas ist um Mitternacht in Kraft getreten. Mit dem unter anderem von Menschenrechtsorganisationen und den Kirchen kritisierten Asylpakt will die Europäische Union Asylverfahren stärker vereinheitlichen, die Kontrolle der Außengrenzen verschärfen und die Verteilung von Schutzsuchenden innerhalb der EU neu regeln. Damit wird die umfassendste Änderung des EU-Asylrechts seit Jahren wirksam. Für die Umsetzung der neuen Vorschriften hatten die Mitgliedstaaten zwei Jahre Zeit. Laut EU-Kommission ist sie aber noch nicht abgeschlossen.

Beschleunigte Verfahren an den Grenzen

Dobrindt sprach am Freitag im ZDF-„Morgenmagazin“ von einem „großen Meilenstein“. Der Schutz an den Außengrenzen werde „jetzt deutlich gehärtet“, dazu gehörten schnelle Verfahren, die dort etabliert würden. Die Betroffenen, darunter auch Familien mit Kindern, werden in speziellen Einrichtungen untergebracht. Ergänzend ermöglicht eine neue Rückführungsverordnung sogenannte Return Hubs in Staaten außerhalb der EU, in denen abgelehnte Asylsuchende untergebracht werden können. Kritiker sehen die Gefahr von Menschenrechtsverletzungen, etwa durch mehr und längere Inhaftierungen an den Außengrenzen, eingeschränkte Rechtsschutzmöglichkeiten und die Einführung der Return Hubs.

Dobrindt wies die Bedenken gegen die beschleunigten Asylverfahren an den Grenzen zurück. Dabei müsse man nicht immer gleich an Familien mit Kindern denken. „Was wir erleben, sind alleinreisende männliche Personen in einer ganz hohen Zahl“, sagte er.

„Brot für die Welt“ spricht von „Abschottung“

„Brot für die Welt“-Präsidentin Pruin indes sagte: „Der neue EU-Asyl- und Migrationspakt ist ein Pakt gegen Geflüchtete.“ Die Pläne zu den Return Hubs seien „menschenverachtend, extrem teuer, ineffektiv und riskant“. „In Anbetracht der globalen Herausforderungen braucht es mehr effektiven Flüchtlingsschutz statt Abschottung“, forderte sie.

Katrin Hatzinger, Leiterin des Brüsseler Büros der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), sagte dem Evangelischen Pressedienst (epd), die Reform werde sich letztlich daran messen lassen müssen, ob sie den Anspruch einlösen kann, Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten, effektive Verfahren und den Schutz von Grund- und Menschenrechten in ein tragfähiges Gleichgewicht zu bringen. Allerdings sprächen viele Anzeichen dafür, dass die Mitgliedstaaten einen Schwerpunkt auf die repressiven Elemente setzen wollen, teils auch über die EU-Vorgaben hinaus.

Von Marlene Brey und Karsten Frerichs (epd)


UNHCR: 118 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg und Gewalt




Zeltartige Behausungen des UNHCR im Flüchtlingslager von Makpandu im Südsudan
epd-bild/Paul-Philipp Braun
Erstmals seit einem Jahrzehnt ist 2025 die Zahl der Menschen auf der Flucht zurückgegangen. Doch sie liegt immer noch bei fast 118 Millionen. Bundesentwicklungsministerin Radovan (SPD) ruft dazu auf, die Ursachen der Flucht zu bekämpfen.

Genf (epd). Zum ersten Mal seit zehn Jahren ist die Zahl der Geflüchteten laut UN-Flüchtlingshilfswerk gesunken. Ende 2025 habe es weltweit 117,8 Millionen Geflüchtete und Vertriebene gegeben, erklärte das UNHCR am 11. Juni in Genf. Im Vergleich zum Vorjahr seien das 5,4 Millionen Männer, Frauen und Kinder oder vier Prozent weniger.

In seinem Weltflüchtlingsbericht erklärt das UNHCR den Rückgang in erster Linie mit der Heimkehr von 14,7 Millionen Menschen, darunter seien 4,4 Millionen Flüchtlinge und 10,3 Millionen Binnenvertriebene.

Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) mahnte angesichts der weiterhin hohen Zahlen, nicht nur auf die Folgen von Flucht zu reagieren. Die Welt müsse bei den Ursachen ansetzen. Denn dort, wo Menschen Perspektiven auf eine Zukunft hätten, müsse niemand fliehen.

Rückkehr und neue Flucht

Laut UNHCR kehrten Menschen vor allem nach Afghanistan, in die Demokratische Republik Kongo, in den Sudan und nach Syrien zurück. Allerdings täten dies etliche Menschen nicht freiwillig, betonte das UNCHR: Auf sie warteten schwere und unsichere Bedingungen. Den Angaben zufolge mussten 2025 rund 5,4 Millionen Menschen neu vor Gewalt und Verfolgung in andere Länder flüchten.

Insgesamt leben laut UNHCR 70 Prozent aller Flüchtlinge weltweit seit Jahren im Exil und viele unterhalb der Armutsgrenze. Deshalb rief der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Barham Salih, die internationale Gemeinschaft zur Unterstützung einer neuen Initiative auf. „Für Flüchtlinge geht es zunächst ums Überleben, aber die Flucht bestimmt zu oft dauerhaft ihre Lebensrealität“, sagte Salih.

Dauervertriebene im Blick

Er kündigte als Ziel an, die Zahl der Flüchtlinge, die schon lange vertrieben und auf humanitäre Hilfe angewiesen sind, im nächsten Jahrzehnt um mehr als die Hälfte zu senken. Der Fokus liegt laut UNHCR auf Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, die weltweit die meisten Flüchtlinge aufnehmen. Erreicht werden soll das Ziel durch freiwillige Rückkehr, Aufnahmeprogramme, humanitäre Visa sowie durch den Übergang von reiner Nothilfe zu wirtschaftlicher Eigenständigkeit.

Lena Görgen von der Hilfsorganisation IRC Deutschland betonte, dass die Verantwortung für den Schutz der Menschen auf der Flucht nicht gerecht verteilt sei. Sie kritisierte die Bundesregierung. Diese habe die humanitäre Hilfe innerhalb von zwei Jahren um die Hälfte gekürzt und streiche Mittel für Integrationskurse und Rechtsberatung.

Von Jan Dirk Herbermann (epd)


Schweizer lehnen Begrenzung der Bevölkerung auf zehn Millionen ab




Schweizer Flagge
epd-bild / Thomas Hodel
In einer Volksabstimmung haben die Schweizerinnen und Schweizer einen radikalen Bevölkerungsplan abgelehnt. Sie sagten Nein zu der "Keine-10-Millionen-Initiative" der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei.

Genf (epd). Die Schweizerinnen und Schweizer haben in einer Volksabstimmung Nein zu einer strikten Begrenzung der Bevölkerung auf zehn Millionen gesagt. Am 14. Juni stimmten laut Hochrechnungen, die der Sender SRF in Bern veröffentlichte, rund 55 Prozent gegen eine entsprechende Initiative der rechtsnationalen Schweizerischen Volkspartei (SVP). Rund 45 Prozent votierten demnach dafür.

Die SVP reagierte enttäuscht. Der SVP-Abgeordnete Thomas Matter, der als „Vater“ der Initiative galt, erklärte: „Die Gegner hatten keine Fakten-Argumente, es war eine reine Angstmacherei-Kampagne.“ Das Nein-Lager gab sich hingegen zufrieden. Die Sozialdemokraten (SP) sprachen von einem „historischen Sieg für eine soziale und offene Schweiz“. Die SVP wolle zurück in dunkle Zeiten, kritisierte der SP-Co-Präsident Cédric Wermuth. „Zeiten, in denen Menschen ohne Perspektive und ohne Rechte in die Schweiz kamen und hier als billige Arbeitskräfte ausgebeutet wurden.“

Die Regierung und das Parlament hatten der Bevölkerung empfohlen, mit Nein zu stimmen. Der SVP-Plan bringe Unsicherheit und gefährde die Stabilität der Schweiz. Er schade der Wirtschaft, bedrohe den Wohlstand und führe zu erheblichen Kosten für Bund und Kantone. Zudem bedrohe die Initiative die Beziehungen zur EU und stelle die humanitäre Tradition infrage.

Verschärfung bei Asyl und Familiennachzug

Laut der SVP-Initiative sollte die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz die zehn Millionen bis 2050 nicht überschreiten. Ansonsten hätte die Regierung die „bevölkerungstreibenden internationalen“ Verträge wie das Freizügigkeitsabkommen mit der EU kündigen müssen. Schon bei einer Bevölkerung von 9,5 Millionen wäre die Politik laut der SVP-Initiative verpflichtet gewesen, insbesondere im Asylbereich und beim Familiennachzug die Regeln zu verschärfen.

Ende 2025 lebten laut Regierung rund 9,1 Millionen Personen in der Schweiz. Seit Einführung der Personenfreizügigkeit mit der EU im Jahr 2002 ist die Bevölkerung den Angaben nach um rund 1,7 Millionen Personen gewachsen. Das ist hauptsächlich auf die Zuwanderung zurückzuführen.



Debatte um KI in Reden und Texten von Politikern




Die Frankfurter Allgemeine hat einen Beitrag von Mario Voigt depubliziert (Bild: F.A.Z.-Tower in Frankfurt am Main)
epd-bild/Tim Wegner
Künstliche Intelligenz (KI) verbreitet sich rasend schnell. Wie viel KI steckt in Äußerungen von Politikerinnen und Politikern? Das ist kaum zu ermitteln.

Frankfurt a.M. (epd). Wie halten es Spitzenpolitiker und deren Redenschreiber mit dem Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI)? Sehr unterschiedlich, so wird es in der Debatte rund um einen Text des thüringischen Ministerpräsidenten Mario Voigt (CDU) deutlich, der als Gastbeitrag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (F.A.Z.) erschienen war und in seiner Staatskanzlei mutmaßlich mittels KI generiert wurde. Während Voigt sich nicht eindeutig erklärte, stellte Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) am 11. Juni heraus: Es gebe eine Verantwortung, wenn man KI nutzt. „Und zum anderen ist es gut, wenn man das kenntlich macht, was KI-generiert ist“, fügte sie hinzu.

Für Reden des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) betonte dessen Staatskanzlei in München, dieser halte er grundsätzlich frei. Bei Recherchen oder der Aufbereitung von Informationen könnten allerdings KI-gestützte Anwendungen unterstützen. Die Berliner Senatskanzlei setzt KI nach eigenen Angaben ebenfalls „punktuell als modernes Arbeitsinstrument ein“. Insbesondere würden KI-Anwendungen „zur sprachlichen Optimierung von Texten“ genutzt. Aus beiden Landesregierungen hieß es, dass Fakten generell von Menschen überprüft würden.

F.A.Z. hat Gastbeitrag gelöscht

Anlass für die Debatte war die Entscheidung der F.A.Z., den Gastbeitrag Voigts aus dem digitalen Angebot zu nehmen und im Archiv zu sperren, nachdem eine entsprechende Software Hinweis auf einen starken KI-Einsatz geliefert hatte. Eine Einlassung der Staatskanzlei in der Sache genüge nicht, um sicherzustellen, dass der Beitrag aus dem vergangenen August zum Umgang von Kindern und Jugendlichen mit Smartphones und Social-Media-Angeboten menschengemacht war und indirekte und direkte Zitate stimmen. Das müsse jedoch für alle in der Zeitung erscheinenden Texte gelten, begründete die Redaktion die Löschung.

Inwieweit KI bei dem Beitrag zum Einsatz kam, klärte die thüringische Staatskanzlei zunächst nicht auf. Dem Berliner „Tagesspiegel“ sagte Voigt zum generellen Verdacht, er habe sich Reden und Texte in der Vergangenheit von KI-Anwendungen schreiben lassen, KI sei längst Teil moderner Kommunikation. „Wenn es wirklich einzelne Passagen gab, die auch mithilfe von KI erstellt worden sind, dann werde ich dafür keinem den Kopf abreißen“, sagte der CDU-Politiker zur Arbeit in seiner Staatskanzlei.

Bundestagspräsidentin Klöckner sagte am Donnerstag vor Journalistinnen und Journalisten in Berlin, die Nutzung von KI sei nicht die Frage des Ob, sondern des Wie. Sie sehe gar keine Alternative darin, Kompetenz darin zu haben. Das Thema beschäftige auch die Bundestagsverwaltung, wo KI auf Grundlage von Leitlinien genutzt werde. Bei Texten, die oft produziert und immer inhaltsgenau schnell gemacht werden müssten, und wenn „die Leute nicht so gerne schreiben“, würden entsprechende Tools zunehmend verwendet, sagte sie. Da könne man KI zur Hilfe nehmen, „aber dass zumindest jemand nochmal überlegt hat, was da drin stehen soll, fände ich schon ganz toll“, sagte Klöckner.

Woidke spricht KI-frei

Reden und Texte des brandenburgischen Ministerpräsidenten Dietmar Woidke (SPD) indes entstünden ohne KI-Einsatz, sagte ein Sprecher der Staatskanzlei in Potsdam dem Evangelischen Pressedienst (epd). Anders verhält es sich in der niedersächsischen Staatskanzlei, wo zum Beispiel mittels KI Redebeiträge strukturiert würden. Der ganz entscheidende Punkt bleibe aber, „dass immer der Mensch die letzte kontrollierende Instanz bleibt und die Richtigkeit der Informationen sicherstellen muss“, stellte der Sprecher der Landesregierung, Christian Budde, in seiner Antwort auf eine epd-Anfrage heraus, die er mit dem Hinweis schließt: „Diese Antwort ist explizit nicht mit KI verfasst.“

Von Karsten Frerichs (epd)


Antiziganistische Vorfälle haben erneut zugenommen




Leiter der Meldestelle Antiziganismus, Guillermo Ruiz (Archiv)
epd-bild/Christian Ditsch
2025 hat es mehr als 2.000 Übergriffe auf Sinti, Roma und Jenische gegeben. Besonders beim Behördenkontakt zeigten sich häufig Diskriminierungen. Der Antiziganismusbeauftragte der Bundesregierung warnt vor der Hetze nationalistischer Kräfte.

Berlin (epd). Die Melde- und Informationsstelle Antiziganismus (MIA) hat für das Jahr 2025 mit 2.076 Vorfällen einen erneuten Höchststand dokumentiert. Im Vergleich zum Vorjahr handele es sich um einen Anstieg um rund 24 Prozent (2024: 1.678 Fälle), sagte MIA-Geschäftsführer Guillermo Ruiz bei der Vorstellung des vierten Jahresberichts am 9. Juni in Berlin. Die Organisation geht zudem von einem großen Dunkelfeld von Vorfällen zulasten der betroffenen Bevölkerungsgruppen aus, darunter Sinti und Roma.

Besonders stark wuchsen Stereotypisierungen und Herabwürdigungen, konkret um rund 40 Prozent auf 1.193 Fälle. Diese Vorfallart kam am häufigsten vor. Zudem sei es zu 55 körperlichen Angriffen, 41 Sachbeschädigungen und 8 Fällen extremer Gewalt gekommen.

Viele Vorfälle mit staatlichen Behörden

Antiziganismus trat in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen auf. Besonders häufig seien solche Vorfälle beim Kontakt mit staatlichen Behörden (428 Fälle) gewesen. Besonders die Polizeibehörden stachen dem Bericht zufolge dabei heraus, bei 29 Prozent der Fälle seien Polizistinnen und Polizisten in die Vorfälle involviert gewesen. An zweiter Stelle bei den Lebensbereichen folgte die Bildung (364 Fälle). Auch beim Wohnen (279 Fälle) sei es häufig zu Antiziganismus gekommen.

Am häufigsten erscheine Antiziganismus in seiner „bürgerlichen“ Form (953 Vorfälle), hieß es. Laut MIA werden Sinti und Roma dabei als vermeintlich abweichend von gesellschaftlichen Normen dargestellt oder es werde ihnen eine Neigung zu Kriminalität und Sozialleistungsmissbrauch unterstellt.

Meldestelle: AfD-Politiker betreiben Hetze

MIA-Geschäftsführer Ruiz nannte als Gründe für den Anstieg den „Rechtsruck in Teilen der Gesellschaft“. Er beklagte etwa einen gestiegenen Antiziganismus in der Politik. Vor allem AfD-Politiker trügen zu antiziganistischer Hetze bei.

Diese Einschätzung teilte der Antiziganismusbeauftragte der Bundesregierung, Michael Brand (CDU). Sinti und Roma würden „von nationalistischen Kräften“ immer mehr ins Visier genommen, sagte er. „Antisemitismus, Antiziganismus und jeder andere Extremismus haben in Deutschland keinen Platz und werden bekämpft“, versicherte Brand. Gleichzeitig gebe es in der Gesellschaft viel Unwissenheit über Sinti und Roma, stellte der CDU-Politiker fest. Etwa wüssten viele Menschen nicht, dass es den NS-Völkermord an der Minderheit gegeben hat.

Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, mahnte: „Wir müssen die Demokratie heute verteidigen.“ Zu einer Demokratie gehörten die Minderheiten, erklärte er. „Wenn wir die Demokratie verlieren, verlieren wir alle.“

Maßnahmen im Bereich Wohnen gefordert

MIA forderte unter anderem eine solide Finanzierung der Meldestelle. Über 2026 hinaus sei die Finanzierung nicht gesichert. Weitere Maßnahmen für den Abbau antiziganistischer Vorurteile wurden insbesondere für den Bereich Wohnen verlangt.

Die Zahlen stammen aus der bundesweiten Arbeit der MIA-Bundesgeschäftsstelle sowie der Meldestellen in sechs Bundesländern. Antiziganismus beschreibt laut MIA die gesellschaftlich tradierte Wahrnehmung von und den Umgang mit Menschen oder sozialen Gruppen, die als „Zigeuner“ konstruiert, stigmatisiert und verfolgt werden. Die Diskriminierung richte sich unter anderem gegen Sinti und Roma, Jenische oder auch Reisende.

Von Jonas Grimm (epd)


Dieter Nuhr mit Leo-Baeck-Preis ausgezeichnet




Dieter Nuhr und Josef Schuster
epd-bild/Rolf Zöllner
Er ist als Kabarettist umstritten, sein Engagement gegen Judenhass und für den Staat Israel überzeugt den Zentralrat der Juden: Dieter Nuhr hat dessen höchsten Preis erhalten. Zentralratspräsident Schuster kritisiert bei der Verleihung die Medien.

Berlin (epd). Der Kabarettist Dieter Nuhr ist mit dem höchsten Preis des Zentralrats der Juden ausgezeichnet worden. Der Leo-Baeck-Preis, der in der Vergangenheit schon an mehrere Bundespräsidenten und Altkanzlerin Angela Merkel (CDU) ging, wurde am 10. Juni in Berlin feierlich übergeben. Nuhr erhält die Auszeichnung laut Begründung des Zentralrats für sein Eintreten gegen Antisemitismus und für den Staat Israel. Nuhr decke Doppelstandards auf, „denen die deutsche Medienlandschaft bei diesen Themen oftmals unterliegt“, sagte Zentralratspräsident Josef Schuster bei der Festveranstaltung.

„Sie treffen damit auch Ihre Kollegen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk“, ergänzte Schuster, der seine Eröffnungsrede für grundsätzliche Medienkritik nutzte. Er verwies auf Berichte, in denen vermutet wurde, dass Deutschlands Haltung zu Israel ein Grund für das Scheitern bei der Wahl für den UN-Sicherheitsrat in der vergangenen Woche gewesen sein könnte.

Schuster: „Obsession mit dem jüdischen Staat“ in Medien

Österreich, das nun den Platz einnehme, falle seit Langem mit seiner entschlossenen Haltung für Israel auf, „entschlossener als Deutschland selbst“, sagte Schuster. Die Erklärung in diesen Berichten offenbare damit „nur eines“, sagte Schuster: „Die Obsession mit dem jüdischen Staat, die in unseren Medien so weit verbreitet ist.“

Nuhr, der mit seinen satirischen Beiträgen in der Vergangenheit für teils heftige Kontroversen sorgte, sei als Kabarettist streitbar, sagte Schuster. Er bekomme den Preis aber nicht für seinen Humor oder die Zusammenstellung seiner Programme. Er sei standhaft bei seiner Haltung zu Antisemitismus und Israel und halte damit den Kolleginnen und Kollegen einen Spiegel vor, sagte Schuster.

Nuhr „stolz“

Der Psychologe und Autor Ahmad Mansour sagte, Nuhr nenne Antisemitismus auch so. Dass er ausgezeichnet werde, zeige, dass „das Selbstverständliche außergewöhnlich geworden ist“. Das sei „bitter“, sagte Mansour in seiner Laudatio. Er würdigte Nuhr als Kabarettisten, der den Mut habe, „Themen zu denken, die kaum noch jemand anzusprechen wagt“. Als Beispiele nannte er Klima-Aktivismus, Cancel Calture und den Krieg im Nahen Osten. Bei vielen dieser Themen war Nuhr in der Vergangenheit angeeckt.

Nuhr selbst sagte, der Preis mache ihn stolz. Es sei zugleich etwas „gruselig“, dass man einen Preis dafür bekomme, „kein Antisemit zu sein“, sagte er und beklagte Antisemitismus in der Kulturszene. In Berlin gelte in dem Bereich Antisemitismus „als folkloristische Eigenschaft“, sagte Nuhr.

Mit dem Leo-Baeck-Preis werden seit 1957 Persönlichkeiten geehrt, die sich nach Ansicht des Zentralrats in herausragender Weise um die jüdische Gemeinschaft verdient gemacht haben. Zu den Preisträgern gehören unter anderem die früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker (1994), Roman Herzog (1998) und Christian Wulff (2011). Zuletzt ging die Auszeichnung vor zwei Jahren an den damaligen Geschäftsführer und heutigen Präsidenten von Borussia Dortmund, Hans-Joachim Watzke. Der Preis erinnert an den Rabbiner Leo Baeck (1873-1956).

Von Corinna Buschow (epd)


Fußball auf dem Appellplatz von Buchenwald




Fritz Förderer (schwarzer Anzug) trainierte zeitweise die SS-Wachmannschaft von Buchenwald. Die Aufnahme zeigt ihn nach 1945 mit Spielern der SG Weimar-Ost.
epd-bild/Ernst Schäfer, Sammlung Gedenkstätte Buchenwald
Seit der Europameisterschaft 2024 erinnert die Gedenkstätte Buchenwald im Internet an Fußballer, Funktionäre und Spiele im ehemaligen Konzentrationslager. Der Appellplatz war Spielstätte.

Weimar (epd). Der Jubel war echt. Als die jüdische Mannschaft am Ostersonntag 1939 in Buchenwald gegen die arische Häftlingsmannschaft in Führung ging, skandierten die rund 2.000 zuschauenden Buchenwald-Häftlinge spöttisch jenen Satz, der auf den Straßen des nationalsozialistischen Deutschlands allgegenwärtig war: „Die Juden sind unser Unglück.“

Was wie eine bizarre Episode klingt, gehört zur Geschichte des Konzentrationslagers Buchenwald, überliefert in den Erinnerungen des jüdischen Arztes und Häftlings Edgar Rhoden aus Wien. Wenige Wochen zuvor hatte die SS die Baracken des sogenannten Pogromsonderlagers auf dem Appellplatz abreißen lassen. Dort hatten nach dem 9. November 1938 Tausende jüdische Männer gelitten, rund 250 waren gestorben. Ausgerechnet an diesem Ort entstand nun ein improvisierter Fußballplatz. Die jüdischen Spieler gewannen das Spiel mit 3:1.

Erinnerung an Spieler und Spiele

Die SS-Lagerführung ließ das Spiel organisieren. Ein Schiedsrichter wurde bestimmt, ein Sprecher kommentierte die Partie über Lautsprecher für die Häftlinge in den Baracken. Für die SS waren solche Veranstaltungen Teil einer Inszenierung. Fußball sollte Normalität vortäuschen und den verbrecherischen Charakter des Lagers verdecken. Nicht zufällig gehörte der Sportplatz später zu den Orten, die Besuchern vorgeführt wurden. Bis 1942 sollen Funktionshäftlinge im Lager gespielt haben. „Zu Hochzeiten existierten bis zu zwölf Häftlings-Fußballmannschaften“, sagte eine Sprecherin der Gedenkstätte dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Seit der Europameisterschaft 2024 erinnert die Gedenkstätte Buchenwald mit einer Internet-Ausstellung an Fußballer, Funktionäre und Spiele in dem ehemaligen Konzentrationslager. Zu den porträtierten Häftlingen gehört etwa der Italiener Icilio Zuliani. Der Stürmer hatte Ende der 1920er Jahre in der höchsten italienischen Liga für die US Fiumana gespielt. Nach der deutschen Besatzung Italiens unterstützte er Partisanen. Die Gestapo verhaftete ihn 1944 und deportierte ihn über Dachau nach Buchenwald.

„Jule war ein dufter Typ“

„Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 und der sogenannte Anschluss Österreichs 1938 bedeuteten vor allem für jüdische Fußballer und Vereinsfunktionäre das Ende ihrer Karrieren und den Beginn der Verfolgung“, sagte die Sprecherin. Später seien Fußballer und Fußballenthusiasten aus ganz Europa nach Buchenwald gekommen, etwa weil sie im deutsch besetzten Europa Widerstand gegen die Nationalsozialisten leisteten. Oder weil sie, wie der ehemalige französische Nationalspieler Eugène Maës, einen Witz über deutsche Besatzungssoldaten gemacht hatten.

Eines der Häftlingsschicksale steht für die Verfolgung deutscher Juden. Julius Lehmann spielte als Verteidiger für die zweite und dritte Mannschaft von Eintracht Frankfurt. Der im Frühjahr 2013 verstorbene Karl „Micki“ Kraus erinnerte sich noch an den Verteidiger, den alle nur Jule nannten: „Jule war ein dufter Typ.“ Bis Juni 1937 spielte er in der Eintracht, seine Mannschaftskameraden sollen ihm geholfen haben, wo sie nur konnten. Nach den Novemberpogromen wurde er mit seinem Bruder Max nach Buchenwald deportiert und nach drei Monaten zunächst entlassen.

Mit der „SS-Sportgemeinschaft Buchenwald“ in Ligabetrieb

Während Häftlinge um ihr Überleben kämpften, spielte die SS selbst Fußball. Mit der „SS-Sportgemeinschaft Buchenwald“ nahm sie ab 1939 am regulären Spielbetrieb in Thüringen teil. Zeitweise wurde die Elf vom früheren Nationalspieler Fritz Förderer trainiert. Der deutsche Meister von 1910 arbeitete seit 1939 als Sportlehrer in Weimar. Für die SS waren die Fußballspiele Teil des Selbstbildes der SS als angebliche Eliteorganisation.

Zuliani kam von Weimar in das Außenlager Ohrdruf. Im Frühjahr 1945 wurde er krank nach Bergen-Belsen gebracht. Dort verliert sich seine Spur. Er wurde nur 35 Jahre alt. Maës starb vermutlich im März 1945. Lehmann blieb nach seiner Haftentlassung bei seiner kranken Mutter in Frankfurt. 1942 wurde er in den Osten deportiert, wo sich auch seine Spur verliert. Seit 2012 erinnert „seine“ Eintracht mit einem Stolperstein vor dem Vereinsleistungszentrum Riederwald an den ehemaligen Spieler.

SS-Trainer Fritz Förderer dagegen konnte nach dem Krieg problemlos in seinen Beruf zurückkehren. Bis zu seinem Tod 1952 blieb er städtischer Angestellter und trainierte die SG Weimar-Ost.

Von Matthias Thüsing (epd)


Mixtape und Bandsalat: Die Musikkassette erlebt ein kleines Comeback




Thomas Gawlas sammelt Musikkassetten
epd-bild/Pat Christ
Musikkassetten kommen wieder in Mode, sagt Experte Holger Lund. Selbst Taylor Swift vermarktet ihre Songs auch auf Kassette. Bei Thomas Gawlas aus Würzburg war das Tape nie out.

Würzburg (epd). „Ich bin ein Kassettenkind“, sagt Thomas Gawlas. Dutzende alte Musikkassetten habe er aufgehoben, „ich hab' sie nie gezählt“, sagt der Musiker. Zweimal in der Woche hilft er im Würzburger Plattenladen „H2O“ aus. Da gibt es eigentlich nur Platten und CDs. Aber in letzter Zeit tauchten immer mal wieder Musikkassetten auf: „Die waren ruckzuck weg.“ Und zwar erstaunlicherweise durch junge Käufer, sagt Gawlas.

Musikkassetten, so sein Gefühl, kommen allmählich wieder in Mode. Was nicht nur er so wahrnimmt. Stars wie Taylor Swift („The Life of a showgirl“) oder Harry Styles („Kiss all the time. Disco, Occasionally“) haben ihre Alben jüngst auch auf Kassette herausgebracht.

Stundenlanges Aufnehmen: Hoffentlich quatscht keiner rein

„Habt ihr auch ein paar Musikkassetten da?“ Diese Nachfrage komme in letzter Zeit häufiger, sagt Gawlas. Und garantiert sei dann irgendwer im Laden, der sofort einsteige. Musikkassetten, was für eine andere Welt das doch war: Zu den Erinnerungen vieler gehört der Walkman der 80er Jahre - und natürlich Bandsalat. Mit dem Kuli versuchte man dann, das Band wieder einzudrehen und die Musik zu retten. Erstmals vorgestellt wurde die Kassette 1963 auf der Berliner Funkausstellung.

Thomas Gawlas erinnert sich auch an das Bespielen von Leerkassetten und stundenlange Aufnahmeprozeduren. Da bettelte man sich bei den älteren Brüdern Platten zusammen, wie er erzählt: „Doors“. Und nahm 90 Minuten Musik auf. Für den besten Freund. Die beste Freundin. Das Cover wurde liebevoll gestaltet: bemalt, verziert, jeder Songtitel handschriftlich festgehalten. Einen halben Tag nahm das mindestens in Anspruch.

Und dann die Erinnerung daran, dass auf Radio Luxemburg - oder war es doch ein anderer Sender? - immer am Montag, spätabends, so gegen 23 Uhr, die neuesten Platten vorgestellt wurden. Er habe dann versucht, die besten Titel auf Kassette aufzunehmen. „Und hoffentlich quatschte niemand am Ende rein“, lacht Thomas Gawlas. Eine Kundin, die im H2O gerade ein paar CDs zusammengesucht hat, lacht mit: „Genauso ging es mir auch, ich glaube, die haben das extra gemacht, die wussten doch, dass wir aufnehmen.“

Experte: Musikkassetten kommen wieder in Mode

„Musikkassetten kommen wieder in Mode“, bestätigt Holger Lund, Professor für Mediendesign an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Ravensburg. Die Kassette stehe nicht etwa vor einem Revival: „Das hat begonnen und nimmt zu.“ Unter anderem sei das daran zu erkennen, dass sich der Markt belebte: „Zunächst in den USA.“ Dort hätten sich die Zahlen für verkaufte Einheiten in den vergangenen Jahren - ähnlich dem Schallplatten-Revival, lediglich verzögert - stark nach oben bewegt: von rund 75.000 im Jahr 2015 auf rund 440.000 Einheiten 2022.

Lund hat eine weitere Beobachtung gemacht: „Migrantische und post-migrantische Menschen wenden sich vermehrt ihrem musikalischen Erbe auf Kassette zu.“ Das betreffe vor allem den Nahen und Mittleren Osten, Maghreb, Afrika, aber auch Teile von Asien. In Deutschland wurde türkische Musik zwischen 1970 und 2000 in Millionenauflage auf Kassette produziert, wie er berichtet. Kurdische und alevitische Musik, aber auch linke Protestmusik habe auf anderen Medien keinen Platz bekommen.

Digitalisierung alter Tapes

Auch wenn das Interesse an der Kassette wächst: Viele Menschen besitzen kein funktionierendes Abspielgerät mehr. In Berlin ist Michael Noack Fachanleiter „Medien“ der Organisation „Spektrum Netzwerk“, einer Werkstatt für behinderte Menschen, die Musikkassetten digitalisiert: „Im letzten Jahr kam im Schnitt alle zwei Monate ein kleiner Auftrag rein.“ Die Kunden hätten alte Kassetten im Schrank gefunden, die sich nicht mehr abspielen konnten. „Oft bekommen wir Mixtapes, Zusammenstellungen vom damaligen Musikgeschmack, oder Live-Mitschnitte, das gibt es so nicht zu kaufen.“

Gut aufgenommenes Mixtape ist ein kleines Kunstwerk

Die Blütezeit der Musikkassette in den 1970er und 1980er Jahren war auch für Michael Noack eine besondere Phase: „Ein gut aufgenommenes Mixtape ist aus heutiger Sicht ein kleines Kunstwerk.“ Wer sein eigenes Musikprogramm zusammenstelle und auf Band überspiele, besitze am Ende ein Unikat: „Das Ergebnis ist durch den schwierigen Prozess viel emotionaler, als wenn man ein paar Dateien zusammenklickt.“ Und er weiß: Es gebe bis heute Musikfans, die Musik gerne noch „in der Hand halten“ möchten: „Diese Erfahrung können einem Dateien in der Cloud nicht bieten.“

Von Pat Christ (epd)


Gesundheitsrisiko Hitze: Fünf Tipps für extrem heiße Tage




Hitze in der Großstadt
epd-bild/Tim Wegner
Hitze ist laut der Bundesärztekammer das größte klimawandelbedingte Gesundheitsrisiko in Deutschland. Rund 2.500 Hitzetote schätzt das Robert Koch-Institut für das Jahr 2025. Die gute Nachricht: Man kann sich schützen.

Berlin (epd). Gerade Städte mit ihren verdichteten Flächen und weniger verschatteten Orten heizen sich stärker auf und kühlen nachts weniger ab. Folgende Tipps können vor den Hitzerisiken schützen:

Deutscher Wetterdienst

Zunächst ist es wichtig zu wissen, wann es heiß wird. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) veröffentlicht Hitzewarnungen für den aktuellen und den folgenden Tag jeweils morgens. Zudem bietet er auf seiner Internetseite mehrere Services an, etwa einen Hitzetrend über mehrere Tage hinweg. Der DWD bietet außerdem einen kostenlosen Warn-Newsletter für jeden Landkreis an.

Wohnung hitzefest machen

Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit empfiehlt, an heißen Tagen die Fenster tagsüber geschlossen zu halten und mit Rollos und Jalousien zu verdecken. Ist die Temperatur im Freien höher als in der Wohnung, ist Lüften zwecklos. Ventilatoren können bei einer Temperatur bis etwa 35 Grad helfen. Bei höheren Temperaturen sollten sie nicht eingesetzt werden, da sie dann Überhitzung fördern können. Generell sollte die Raumtemperatur tagsüber unter 32 Grad und nachts unter 24 Grad liegen. Schlafen sollte man im kühlsten Raum der Wohnung.

Richtige Kleidung

Das Bundesinstitut rät zudem, leichte, luftige und atmungsaktive Kleidung zu tragen. Geeignete Stoffe sind Viskose, dünne Baumwolle, Leinen und Seide. Auch die Farbe sollte bei der Wahl des Outfits im Sommer bedacht werden. Helle Töne sind besser, da sie das Sonnenlicht reflektieren. Der Kopf sollte bei Hitze bedeckt werden, am besten mit Hüten oder Kappen mit Nackenschutz.

Essen und Trinken

An heißen Tagen sollte ausreichend Flüssigkeit zugeführt werden, ungefähr zwei bis drei Liter. Das Bundesinstitut empfiehlt Wasser, gekühlte Tees ohne Zuckerzusatz und Saftschorlen. Zuckerhaltige Getränke entziehen dem Körper Flüssigkeit, auch auf sehr kalte Getränke sollte verzichtet werden. Drei großen Mahlzeiten sollten mehrere kleine vorgezogen werden. Am besten sind leichte, frische und kühle Nahrungsmittel, wie Obst, Gemüse, Salat oder fettarme Suppen.

Schutzräume

Grün und Wasser in der Stadt schaffen kühle Orte. Städte nutzen teilweise interaktive Karten, um solche Orte auszuweisen. Kühle Orte können verschattete Parks, Gewässer, Einkaufszentren oder Museen sein. Auch Kirchen können ein Zufluchtsort sein. Vielerorts öffnen sie in den Sommermonaten ihre Räume, um Schutz vor extremer Hitze zu bieten. Oftmals ist das der Fall, wenn der DWD eine Warnung vor einer "starken Wärmebelastung” herausgegeben hat.

Von Jonas Grimm (epd)


"Blume des Jahres": Der Feldrittersporn ist selten geworden




Feldrittersporn ist Blume des Jahres 2026
epd-Bild/Nabu Miriam Willmot
Die blau-violetten Blüten des Feldrittersporns locken Insekten an. Um an den Nektar zu gelangen, brauchen sie aber einen langen Rüssel. Die "Blume des Jahres" 2026 war früher auf Getreideäckern zu finden. Heute steht sie auf der Roten Liste.

Karlsruhe (epd). Zierde der Getreideäcker: Früher blühte der Feldrittersporn zwischen Getreidehalmen und zog mit seinen blau-violetten Blüten Wildbienen und Schmetterlinge an. Heute macht sich die Pflanze jedoch rar. Grund dafür ist die intensive Bearbeitung von Ackerflächen, die kaum Raum für Wildpflanzen lässt. In Deutschland steht der Feldrittersporn mittlerweile auf der Roten Liste.

Die „Consolida regalis“, so der lateinische Name, wurde von der Loki Schmidt Stiftung (Hamburg) zur „Blume des Jahres“ gewählt. Damit will die Stiftung auf den dramatischen Artenschwund in Agrarlandschaften aufmerksam machen und sich für den Schutz der Artenvielfalt einsetzen.

Wildpflanzen machen Landschaften bunt und lebendig

Äcker gehören neben den Wäldern zu den flächenmäßig größten Ökosystemen Deutschlands. Mehr als 350 Pflanzenarten, etwa zehn Prozent der mitteleuropäischen Gefäßpflanzen, sowie zahlreiche Säugetiere, Insekten, Vögel und Amphibien waren in diesen Lebensräumen einst heimisch. Durch die intensive Landwirtschaft verschwinden viele Wildpflanzenarten.

Für Maßnahmen gegen das Artensterben durch landwirtschaftliche Monokulturen spricht sich der Geschäftsführer der Loki Schmidt Stiftung, Axel Jahn, aus. Um sie zu retten, sollte jeder und jede etwas zur Artenvielfalt beitrag, fordert er.

Mehr Wildpflanzen durch lichtere Getreidefelder

Dieses Ziel hat auch der Landwirt Jürgen Schell aus Reilingen (Rhein-Neckar-Kreis) von der Marktgemeinschaft Kraichgau Korn. Auf 6,5 Hektar hat er sogenannte Lichtäcker angelegt, auf denen die Getreidehalme weniger dicht stehen. So fällt mehr Licht auf den Boden, was gut für Ackerwildkräuter und Insekten ist. „Im Dunkeln können Blütenpflanzen wie der Feldrittersporn nicht gedeihen“, erklärt Schell. In diesem Jahr hat er mit seinen Maßnahmen einen außergewöhnlichen Gast angelockt, die vom Aussterben bedrohte Haubenlerche.

Zwar falle der Ertrag geringer aus, doch die Betriebe profitierten auch von der Pflanzengemeinschaft, erläutert der Nabu Baden-Württemberg. Weil Wildkräuter den Boden in unterschiedlicher Tiefe durchwurzeln, sei er weniger anfällig für Erosion und nehme Wasser besser auf. Zusammen mit dem Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel setzt dies laut Nabu-Agrarexpertin Miriam Willmott eine „Erfolgsgeschichte des Artenschutzes“ in Gang.

Nur Insekten mit langem Saugrüssel erreichen Nektar

Die Pflanze, die auch Ackerrittersporn genannt wird, hat einen schlanken, fein behaarten Stängel und stark zerteilte, fadenförmige Blätter, die Wasserverluste an trockenen Standorten minimieren. Besonders wohl fühlt sie sich auf einem kalkhaltigen, humosen Lehmboden.

Im oberen Bereich entwickelt die Pflanze auffällige Einzelblüten. Sie sind meist kräftig blau-violett gefärbt und besitzen einen langen, schmalen Sporn, der sich aus dem obersten Kelchblatt bildet. Darin liegt der Nektar. Nur Insekten mit einem mindestens 15 Millimeter langen Saugrüssel wie Gartenhummeln und Taubenschwänzchen gelingt es, an den versteckten süßen Schatz zu gelangen.

Feldrittersporn wurde medizinisch genutzt

Früher wurde die Pflanze auch in der Heilkunde eingesetzt, etwa gegen Augenkrankheiten. Auch eine harn- und wurmtreibende Wirkung wurde ihr zugeschrieben. Der Wormser Botaniker und Heilkundler Jacob Theodor, genannt Tabernaemontanus, nutzte Rittersporn im 16. Jahrhundert zudem gegen Schmerzen, Verstopfung und zur Reinigung von Nieren und Blase.

Doch die ganze Pflanze, die zur Familie der Hahnenfußgewächse gehört, gilt als leicht giftig. Am höchsten ist die Konzentration der Giftstoffe in den kleinen schwarzen Samen, die nach der Blüte in den länglichen, unbehaarten Fruchtkapseln gebildet werden.

Von Christine Süß-Demuth (epd)



Soziales

Kirchenbanken warnen vor Risiken für Pflege und Krankenhäuser




Zentrale der KD-Bank in Dortmund
epd-bild/Heike Lyding
Nach neuen Regelungen für die Finanzwirtschaft sollen Kredite an Nachhaltigkeitskriterien der Kunden ausgerichtet werden. Banken sehen dadurch aber auch Krankenhäuser und den Pflegebereich massiv gefährdet.

Essen (epd). Banken im Bereich der Kirchen warnen vor Verschlechterungen bei der Finanzierung der Pflege und Krankenhäuser durch Änderungen im Kreditwesengesetz. Die neuen Vorgaben zu Umwelt-, Sozial- und Unternehmensführungsrisiken (ESG) erhöhten den Druck auf soziale und gesundheitliche Einrichtungen, erklärte die Bank für Kirche und Diakonie (KD-Bank) mit weiteren fünf Banken am 10. Juni in Essen. Das könne zu weniger Pflegeplätzen und einem Investitionsstau in Kliniken und Pflegeheimen führen.

Nach der ESG-Richtlinine seien Banken verpflichtet, Nachhaltigkeitsrisiken systematisch zu erfassen und offenzulegen. Dazu gehöre auch die Bewertung der ökologischen Nachhaltigkeit ihrer Kunden. Soziale und gesundheitliche Einrichtungen müssten für den Erhalt ihrer Kapitaldienstfähigkeit ihre ökologische Leistungsfähigkeit nachweisen und Emissionen senken.

Existenz von Einrichtungen ohne größere Rücklagen gefährdet

Entsprechende Investitionen könnten bislang jedoch nicht ausreichend refinanziert werden. Für Einrichtungen, die weder über große Rücklagen noch über alternative Finanzierungsmöglichkeiten verfügten, seien dann in ihrer Existenz gefährdet, erklärten die Banken. Ohne Kredite gebe es für sie keine Modernisierung und ohne Modernisierung keine Zukunftsfähigkeit. Die Leistungsfähigkeit dieser systemrelevanten Branche könne sinken, wenn sie bei der nachhaltigen Transformation nicht mehr öffentliche Unterstützung erhielten.

Viele Einrichtungen, insbesondere Krankenhäuser, seien strukturell energieintensiv und könnten ihren Verbrauch nur begrenzt reduzieren, hieß es in der Erklärung der Banken. Zugleich fehlten aufgrund bestehender Kostenträgerstrukturen häufig die finanziellen Mittel für notwendige nachhaltige Investitionen.

Daher müsse die soziale Bedeutung der jeweiligen Branche stärker berücksichtigt werden. Ökologische Ziele müssten zudem gleichrangig mit sozialen Anforderungen in Leistungs- und Vergütungssysteme integriert werden. Unterzeichnet ist die Erklärung von der Bank für Kirche und Diakonie (KD-Bank), der GLS Gemeinschaftsbank, der Pax Bank für Kirche und Caritas, SozialBank, der Evangelischen Bank sowie der Bank im Bistum Essen.



KD-Bank präsentiert solide Zahlen und will Sozialwirtschaft stärken




KD-Bank-Chef Ekkehard Thiesler (2025)
epd / Stefan Arend
Die KD-Bank sieht sich in ihrer ethischen Grundhaltung durch gute Geschäftszahlen bestätigt. Für die soziale Infrastruktur reklamiert sie Geld aus dem Sondervermögen des Bundes, Investitionen in Rüstung lehnt sie ab.

Dortmund (epd). Die Bank für Kirche und Diakonie (KD-Bank) sieht sich durch eine stabile wirtschaftliche Entwicklung und eine klare Werteorientierung für die Zukunft gut aufgestellt. Mit Wachstum in allen Sparten sei 2025, im Jahr des 100. Jubiläums der Bank, „ein sehr solides und insgesamt sehr erfreuliches Ergebnis“ erzielt worden, sagte der Vorstandsvorsitzende Ekkehard Thiesler am 10. Juni bei der Generalversammlung in Dortmund. „Wir wollen auch im zweiten Jahrhundert unseres Bestehens eine starke Partnerin an der Seite von Kirche, Diakonie und Sozialwirtschaft sein - mit einem Geschäftsmodell, das solide, nachhaltig und werteorientiert ist.“

Als wichtiges Zukunftsthema für nachhaltige Banken und die Sozialwirtschaft nannte Thiesler Anpassungen an den Klimawandel und klare ethische Maßstäbe im Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI). Die Mitglieder der genossenschaftlich organisierten KD-Bank müssten wegen zunehmender Berichtspflichten „Nachhaltigkeitsstrategien entwickeln, die aufzeigen, wie die Gebäude, der Fuhrpark, die Energieversorgung, die Beschaffung und Investitionen Schritt für Schritt verändert werden müssen“.

Keine Investition in Rüstung und ethische Maßstäbe für KI

Klimaschutz gehöre zur Betriebsfähigkeit sozialer Einrichtungen, betonte Thiesler. Das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität der Bundesregierung mit einem Gesamtvolumen von 500 Milliarden Euro müsse daher auch soziale Infrastruktur ausreichend berücksichtigen, forderte der Bankchef. Infrastruktur seien nicht nur Straßen, Brücken und Schienen, sondern auch Pflegeheime, Kitas und Krankenhäuser.

In seinem Vorstandsbericht bekräftigte Thiesler die Ablehnung von Investitionen in Rüstungsunternehmen, mit denen auf kriegerische Auseinandersetzungen spekuliert werde. Waffen und Rüstungsgüter seien weder ethisch noch nachhaltig. Im Umgang mit KI, die das Bankgeschäft verändern werde, müsse es klare ethische Maßstäbe geben. KI müsse dem Menschen und dem Gemeinwohl dienen und dürfe nicht zur Konzentration von Macht führen oder menschliche Verantwortung ersetzen.

Neue Kredite im Volumen von 350 Millionen Euro

Nach dem bereits am 21. Mai veröffentlichten Geschäftsbericht stieg das Volumen der Kundeneinlagen und Wertpapieranlagen der KD-Bank im vergangenen Jahr um 5,7 Prozent auf einen Spitzenwert von 10,5 Milliarden Euro. Die Bilanzsumme wuchs um 2,2 Prozent auf 6,6 Milliarden Euro, das Kreditgeschäft legte um 4,8 Prozent auf 3,3 Milliarden Euro zu.

Neue Kredite sagte die Kirchenbank im Volumen von rund 350 Millionen Euro zu. Sie fließen nach Thieslers Worten in Projekte mit gesellschaftlicher und ethisch-nachhaltiger Wirkung. Finanzierungsschwerpunkte seien bezahlbarer Wohnraum, Lebensqualität im Alter, Bildung, Gesundheit, Kinder- und Jugendhilfe sowie lebendiges Gemeindeleben. „Wir finanzieren, was sozialen Nutzen stiftet“, sagte der Ökonom.

Bessere Ertragslage und vier Prozent Dividende

Auch die Ertragslage verbesserte sich laut Thiesler dank eines normalisierten Zinsüberschusses. Am Jahresüberschuss von gut 13,4 Millionen Euro werden die Mitglieder mit vier Prozent Dividende beteiligt.

Die 1925 von der evangelischen Kirche gegründete KD-Bank mit Hauptsitz in Dortmund gehört zu den größten deutschen Genossenschaftsbanken. Mitglieder sind knapp 3.500 kirchliche und diakonische Institutionen. Die Bank betreut etwa 7.000 Einrichtungen in Kirche und Diakonie sowie rund 27.000 Privatkunden.

Von Ingo Lehnick (epd)


Soziologe: Armutsbericht erzeugt falsches Bild




Vor der Elisabeth-Straßenambulanz der Caritas Frankfurt für Wohnungslose
epd-bild/Tim Wegner
Der Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands verzerrt nach den Worten des Frankfurter Soziologen Markus Gangl das Bild von der sozialen Lage in Deutschland. Die Katastrophenstimmung sei nicht angebracht.

Frankfurt a.M. (epd). Der Frankfurter Soziologe Markus Gangl hat die Aufbereitung der Fakten im Armutsbericht des Paritätischen kritisiert. Die Darstellung, die Armutsquote habe im vergangenen Jahr einen Höchststand seit 2020 erreicht, und in keinem der vergangenen Jahre seien so viele Menschen von Armut betroffen gewesen, sei tendenziös, sagte der Spezialist für Sozialstruktur und Sozialpolitik an der Goethe-Universität dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Armutsgefährdungsquote habe nach derselben Datenquelle auch 2020 schon 16,1 Prozent der Bevölkerung erfasst, ebenso in mehreren Jahren des vergangenen Jahrzehnts. „Die Katastrophenstimmung im Bericht des Paritätischen ist völlig unangebracht.“

Zudem sei die Gleichsetzung der Armutsgefährdungsquote mit Armut problematisch, erklärte Gangl. Die Quote erfasse alle Einkommen mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens und damit ganz unterschiedliche Personengruppen und Lebenslagen. So schließe sie sehr viele Studierende ein, die nicht pauschal als arm bezeichnet werden könnten. Zudem berücksichtige die Quote nur das aktuelle Einkommen, nicht aber andere Faktoren wie Wohneigentum oder den Zugang zu Dienstleistungen. Schließlich sei die Quote ein relativer Wert, der auf einem bestimmten Verhältnis zum mittleren Einkommen beruhe. Wenn es der breiten Mitte der Gesellschaft besser gehe, steige diese Einkommensschwelle automatisch an und damit auch die Quote.

Während Pandemie ging es der Mitte der Gesellschaft schlechter

In den Corona-Jahren sei die Armutsgefährdungsquote auf bis zu 14,4 Prozent der Bevölkerung gesunken - aber nicht, weil es weniger Arme gegeben hätte, sondern weil es der Mitte der Gesellschaft schlechter gegangen sei, erklärte der Soziologe. Der Anstieg der Quote auf 16,1 Prozent im vergangenen Jahr auf dasselbe Niveau wie vor der Pandemie 2020 sei kein Ausdruck einer zunehmenden Verarmung, sondern einer Verbesserung der gesellschaftlichen Mitte aufgrund der gestiegenen Löhne. „Die Verkürzung des Paritätischen ist politisch schädlich, weil sie der Öffentlichkeit falsche Ursachenzuschreibungen suggeriert und den falschen Eindruck erweckt, die Politik sei untätig.“

Tatsächlich hätten Maßnahmen wie der Kinderzuschlag für Familien mit geringem Einkommen, die Einführung des Mindestlohns oder der Wegfall der Unterhaltspflicht der meisten Kinder für pflegebedürftige Eltern die Einkommenssituation verbessert. Die Armutsgefährdungsquote von Erwerbstätigen sei zwischen 2020 und 2025 nach den Zahlen des Paritätischen Armutsberichts von 8,6 Prozent auf 6,8 Prozent gesunken - diese Zahlen führe der Paritätische aber nicht aus. „Erwerbstätigkeit ist der beste Schutz vor Armut“, sagte Gangl.

Armut in reicher Gesellschaft „eine Schande“

Die Armutsgefährdungsquote sei ein sinnvolles Signal, um auf das Problem niedriger Einkommenslagen aufmerksam zu machen, resümierte der Soziologe. „Armut in einer reichen Gesellschaft ist eine Schande.“ Aber die betroffenen Menschen dürften nicht einfach mit Armen gleichgesetzt werden. Das Niveau der Grundsicherung liege darunter bei ungefähr 50 Prozent des mittleren Einkommens und damit unter der Schwelle der Armutsgefährdung. „Es gibt keine wissenschaftlich eindeutige Definition von Armut. Es ist eine politische Entscheidung der Gesellschaft, wie hoch das Grundeinkommen sein soll.“

epd-Gespräch: Jens Bayer-Gimm


Kita-Verband: Kürzungen widersprechen wachsendem Unterstützungsbedarf




Carsten Schlepper (65)
epd-bild/Dieter Sell
Eine Arbeitsgruppe von Bund, Ländern und Kommunen schlägt vor, durch mehr Selbstverantwortung der Familien in den Kitas Kosten einzusparen. Kein guter Plan, meint der scheidende Chef des diakonischen Fachverbandes in Deutschland, Carsten Schlepper.

Bremen, Berlin (epd). Der Bremer Kita-Experte Carsten Schlepper hat vor Kürzungen in den Kindertagesstätten bei der Unterstützung von Familien gewarnt. „Das ist aus meiner Sicht ein Rückschritt und kein Schritt zu mehr Selbstverantwortung, weil es insbesondere Familien in prekären Lebenslagen das wegnimmt, was sie besonders benötigen“, sagte der scheidende Vorsitzende der Bundesvereinigung Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder am 10. Juni dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Laut einem Arbeitspapier von Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden soll in der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Eingliederungshilfe massiv gekürzt werden. Mit Blick auf den Kita-Bereich wird unter anderem vorgeschlagen, Standards bezogen auf Betreuungsumfang und Personalschlüssel in den Kitas zu prüfen.

Alleinerziehende besonders betroffen

Wörtlich ist die Rede von einem „Schritt zu mehr Selbstverantwortung in den Familien“. Schlepper sagte dazu dem epd am Rande der Frühjahrs-Mitgliederversammlung der Bundesvereinigung in Bremen, das würde unter anderem Alleinerziehende treffen, die auf die Unterstützung der Kitas angewiesen seien, um ihren Alltag zu bewältigen.

„Wenn sich die Kinder gut qualifizieren sollen durch Schule und später durch Berufsausbildung, dann brauchen sie von klein auf einen guten Start“, führte Schlepper aus, der auch den Landesverband Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder in Bremen leitet. „Das muss nicht unbedingt das achtstündige Angebot am Tag sein. Da reichen auch vier oder fünf Stunden. Aber die müssen es auf jeden Fall sein. Mindestens ab dem dritten Lebensjahr sollte jedes Kind diese Gelegenheit haben.“

Unterstützungsbedarf gewachsen

Der Unterstützungsbedarf der Familien ist Schlepper zufolge in den zurückliegenden Jahren massiv gewachsen. So seien die Kinder in ihrer Herkunft und in dem, was sie mitbringen, vielfältiger als früher. „Das hat eine Menge mit kultureller Unterschiedlichkeit zu tun. Das ist bereichernd, bringt aber auch Probleme.“

Schlepper nannte zwei Beispiele: „So schaffen es viele Kinder nicht, wenn sie neu in unseren Einrichtungen sind, im Stuhlkreis zusammenzukommen und dort mal zehn Minuten zu sitzen, zuzuhören oder etwas gemeinsam zu machen. Auch das gemeinsame Essen am Tisch kennen viele Kinder nicht. Das haben sie in ihrem Alltag zu Hause einfach noch nicht erlebt.“

Die Bundesvereinigung Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder zählt mit 9.100 Einrichtungen, mehr als 115.000 Mitarbeitenden und etwa 585.000 Plätzen für Kinder zwischen 0 und 12 Jahren zu den größten Kita-Trägern in Deutschland. Schlepper hatte seit 2017 den Vorsitz inne, kandidierte für dieses Amt in Bremen aber nicht mehr, weil er Ende des Jahres in den Ruhestand geht. Im November will der diakonische Fachverband den Angaben zufolge eine Nachfolge wählen.

epd-Gespräch: Dieter Sell



Medien & Kultur

Ethikrat gegen Altersgrenzen für Social-Media-Plattformen




Stellungnahme des Ethikrates
epd-bild/Christian Ditsch
Gewalt, Pornografie und dazu ein hohes Suchtpotenzial: Für Minderjährige sind Gefahren im Netz groß. Eine Altersgrenze für TikTok und Co. hält der Ethikrat aber nicht für geeignet, um sie besser zu schützen. Das würde sie auch um Teilhabe bringen.

Berlin (epd). Der Deutsche Ethikrat ist gegen eine Altersgrenze für Social-Media-Plattformen, um damit Kinder und Jugendliche im Netz zu schützen. Es sei zwar unumstritten, dass Minderjährige in vielen Bereichen des Internets „gravierenden Risiken“ ausgesetzt seien, sagte der Vorsitzende des Ethikrats, Helmut Frister, am 11. Juni in Berlin. Man dürfe aber nicht außer Acht lassen, dass digitale Räume auch gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen und Minderjährige digitale Kompetenz erwerben müssten.

Der Jurist Frister und die Philosophin Judith Simon stellten die von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) erbetene Stellungnahme des Ethikrats zu „Schutz, Teilhabe und Befähigung von Kindern und Jugendlichen in der digitalen Welt“ vor. Sie wägt die Schutzinteressen von Minderjährigen und deren Recht auf Teilhabe ab und kommt im Ergebnis zu dem Schluss, dass eine Altersgrenze „gleichzeitig zu kurz und zu weit“ greife, wie es Simon formuliert: „Es ist, als würde man mit einem Rasenmäher über das Gemüsebeet fahren, statt mit einem Unkrautstecher gezielt den Löwenzahn zu entfernen.“

Primat der Eltern betont

In dem 42-seitigen Papier argumentiert der Ethikrat, dass Kinder und Jugendliche bei einer Social-Media-Altersgrenze auf Online- und Streamingdienste sowie KI-Chatbots ausweichen könnten. Die hätten „nicht minder gewichtige Risiken“ und seien „noch unzureichender reguliert“, sagte Simon. Der Ethikrat findet auch, dass ein Mindestalter auf unverhältnismäßige Art und Weise in das Recht der Eltern eingreifen würde, die Schutz- und Teilhabebedürfnisse ihres Kindes selbst auszubalancieren. Sie hätten das Recht, den Zugang ihrer Kinder zu digitalen Angeboten individuell zu gestalten, sagte Frister.

Wegen kinder- und jugendgefährdender Inhalte im Netz sowie des Suchtpotenzials sozialer Netzwerke wird über ein Social-Media-Verbot für unter 14- oder 16-Jährige diskutiert. Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) hatte eine Fachkommission eingesetzt, die in zwei Wochen Empfehlungen für einen besseren Schutz von Minderjährigen im Internet vorlegen will.

Ethikrat für Schutz nach Stufenmodell

Über die pauschale Altersgrenze hinaus sieht der Ethikrat aber durchaus weiteren Schutz- und Regulierungsbedarf bei Angeboten im Netz. Angebote, die Kindern zugänglich sind, sollten auf schädliche Funktionen und Mechanismen „konsequent verzichten“, sagte Simon. Sie sprach sich für ein allgemeines Verbot süchtig machender Funktionen aus. Angebote für Kinder sollten zudem auf Profiling und Tracking verzichten und Kontaktaufnahmen durch Fremde verhindern, sagte sie.

Weil Alterskontrollen auch nach Ansicht des Ethikrats nicht ganz verzichtbar, bei pornografischen Inhalten etwa auch zwingend sind, schlägt der Ethikrat ein Stufenmodell vor, bei dem in der ersten sanftesten Stufe die Eltern auf dem Endgerät einstellen, welche Angebote für ihr Kind erlaubt oder blockiert sind. In Stufe zwei könnten bei sensiblen Inhalten Alterskontrolltechnologien zum Einsatz kommen. Stufe drei, die schärfste für jugendgefährdende Inhalte, würde eine Altersverifikation etwa per digitaler Brieftasche erfordern.

Klöckner: Junge Menschen brauchen Medienkompetenz

Klöckner positionierte sich bei der Frage nach einer Altersgrenze nicht. Sie wolle der Debatte im Bundestag nicht vorgreifen, sagte sie, ließ aber erkennen, dass ihr die Diskussion nur um die Altersgrenze zu kurz greift. Junge Menschen nutzten Plattformen. Damit gehe es auch um die Frage, wie sie darauf vorbereitet würden, Manipulation zu erkennen, Quellen zu prüfen und Künstliche Intelligenz (KI) verantwortungsvoll einzusetzen. Das alles sei die „Schlüsselqualifikation des 21. Jahrhunderts“, sagte Klöckner: „Medienkompetenz in der heutigen Zeit ist immer auch Demokratiekompetenz.“

Von Corinna Buschow (epd)


Vor 50 Jahren: Mit Dagmar Berghoff wird die "Tagesschau" weiblich




Dagmar Berghoff (1992)
epd-bild/NDR/Gita Mundry
Dagmar Berghoff hat Fernsehgeschichte geschrieben: Vor 50 Jahren war sie die erste Frau vor der "Tagesschau"-Kamera. Nachrichten waren damals eine Männerdomäne.

Hamburg (epd). Am 16. Juni 1976 sitzt die Nachricht des Tages hinter dem „Tagesschau“-Pult: Mit Dagmar Berghoff präsentiert um 16 Uhr erstmals eine Frau die ARD-Nachrichtensendung. Der damalige Chefsprecher Karl-Heinz Köpcke steht daneben, „weil er Sorge hatte, dass ich als Frau zusammenbrechen könnte“, wie Berghoff Jahrzehnte später in ihrem Buch „Guten Abend, meine Damen und Herren“ verrät. Die noch größere Revolution folgt zwei Tage darauf: Die damals 33-jährige Berghoff spricht die 20-Uhr-Ausgabe, das Flaggschiff der „Tagesschau“.

Im ZDF gibt es seit 1971 die Journalistin Wibke Bruhns als Nachrichtensprecherin. Die ARD will mit ihrer Männerbastion „Tagesschau“ gleichziehen. Köpcke bekommt Druck von oben, muss Frauen casten. Das damalige männliche Vorurteil lautet: Frauen können keine Nachrichten sprechen - weil sie nichts von Politik verstehen und weil sie zu emotional sind. „Ich war eine Quotenfrau, ohne es zu wollen“, erinnert sich Berghoff in ihrem gemeinsam mit dem späteren „Tagesschau“-Sprecher Constantin Schreiber geschriebenen Buch.

Berufswunsch Schauspielerin

Ihr Berufswunsch seit Kindheitstagen lautet Schauspielerin. In den 1960er Jahren absolviert die 1943 in Berlin geborene Berghoff deshalb eine Ausbildung an der Hamburger Hochschule für Musik und darstellende Kunst. Kleinere Rollen auf der Bühne und im Film folgen. Beim damaligen Südwestfunk in Baden-Baden wird Berghoff Ansagerin, Sprecherin und Moderatorin.

1975 kommt Dagmar Berghoff zurück nach Hamburg und arbeitet für den NDR-Hörfunk. Im Jahr darauf startet sie beim NDR ihre „Tagesschau“-Karriere und bereichert das bisherige Team um Werner Veigel, Wilhelm Wieben, Jo Brauner und Karl-Heinz Köpcke.

Vom ersten Moment an zeigt sie dabei, dass die Vorurteile der damaligen Zeit jeglicher Grundlage entbehren: Berghoff habe gezeigt, „dass Frauen die gleiche Kompetenz in der Informationsvermittlung besitzen wie Männer“, sagt Joan Kristin Bleicher, Medienforscherin an der Universität Hamburg. Sie bescheinigt Berghoff „Durchsetzungskraft in der Männerdomäne der Redaktion“.

Berghoff wird Chefsprecherin

1995 wird sie Chefsprecherin. In dieser Funktion habe sie mehrere Jahre lang an der Schnittstelle zu Chefredakteuren und Redakteuren anderer ARD-Anstalten gestanden, sagt Bleicher. Dabei habe Berghoff dann „auch eine stärkere Rolle innerhalb der männlich dominierten Senderhierarchie der ARD gespielt“.

Im Radiosender Bayern 2 sagt Dagmar Berghoff 40 Jahre nach ihrer „Tagesschau“-Premiere, dass sie sich Fehler zu Beginn ihrer Laufzeit nur schwer verzeihen konnte. „Jeder kleinste Hakler war eine Katastrophe für mich, und ich habe Stunden gebraucht, um damit fertig zu werden.“

Ein paar Mal sorgt Dagmar Berghoff für Aufsehen. Einmal, sagt sie 1999 in einem „Spiegel“-Interview, tut sie es beim Publikum „mit einer Löwenkopffrisur“. Drei andere Male vergisst sie ihren Dienst. Am 2. April 1988 der legendäre Versprecher: Bei einer Meldung über Tennisstar Boris Becker macht Berghoff aus dem WTC- ein WC-Turnier - und kann anschließend die Lottozahlen nur lachend vortragen.

Zufrieden mit dem Leben

Heute ist Dagmar Berghoff 83 Jahre alt. Sie lebt allein in Hamburg, ihr Mann starb 2001. In ihrem Buch lässt sie Zufriedenheit mit ihrem Leben anklingen, sie sagt: „Ich habe auf niemanden gehört, sondern einfach gemacht, wofür ich brannte. Und das war genau das Richtige.“

„Dagmar Berghoff wuchs über Jahre und Jahrzehnte zu einer Instanz im deutschen Fernsehen, wurde zum Vorbild vieler junger Frauen auch jenseits des Journalismus und ist längst eine Legende“, würdigt Schreiber an gleicher Stelle.

„Miss Tagesschau“

Joan Kristin Bleicher meint, für viele Zuschauende sei Berghoff zur „Miss Tagesschau“ geworden. Die Medienforscherin bedauert zugleich, dass noch heute das weitverbreitete Motto „Männer erklären uns die Welt“ gelte. Männer würden als Experten angesehen, Frauen würden „nach ihrer Attraktivität bewertet und häufig nach Erreichen einer bestimmten Altersgrenze von den Programmverantwortlichen aussortiert“.

Dagmar Berghoff hat niemand aussortiert. Als ihr Mann Peter Matthaes 1998 in Rente geht, sagt er seiner Frau kurz darauf, dass sie nie Zeit habe. Die Worte beschäftigen Berghoff so sehr, dass sie sich selbst dazu entscheidet, zum Milleniums-Wechsel mit der „Tagesschau“ aufzuhören, wie sie in ihrem Buch erzählt. Allen Bemühungen zum Trotz, sie zu halten, verabschiedet sie sich am 31. Dezember 1999 mit den Worten „Tja meine Damen und Herren, das war's für mich für's Erste.“

Rückblickend verrät sie Constantin Schreiber, dass das 20-Uhr-Gefühl bei ihr erst „sieben oder acht Jahre später“ nachließ. Und sie gesteht, dass sie vor der „Tagesschau“-Hauptausgabe „immer Lampenfieber“ gehabt habe.

Von Marcel Maack (epd)


KI-Nutzung: Herausgeber des "Tagesspiegel" lässt Aufgaben ruhen



Stephan-Andreas Casdorff muss seine Tätigkeiten vorerst ruhen lassen. Er hat zugegeben, für Meinungsbeiträge im "Tagesspiegel" KI genutzt zu haben.

Berlin (epd). Der Editor-at-Large beim Berliner „Tagesspiegel“, Stephan-Andreas Casdorff, muss seine Tätigkeiten für die Zeitung wegen publizistischer Verfehlungen ruhen lassen. Der ehemalige Herausgeber und Chefredakteur habe Meinungsartikel mit Künstlicher Intelligenz (KI) verfasst, teilte die Zeitung am 12. Juni in eigener Sache mit. Casdorff habe damit gegen redaktionelle Richtlinien verstoßen. Es gehe um den „Kern der journalistischen Glaubwürdigkeit“.

Casdorff gestand die Vorwürfe laut der Mitteilung: „Für die Texte habe ich KI genutzt.“ Er habe „einen Riesenfehler gemacht“, habe dem Haus geschadet und sich selbst. „Dafür bitte ich von ganzem Herzen um Entschuldigung“, schrieb Casdorff.

Texte vorerst depubliziert

KI sei „für unsere Redaktion ein Werkzeug“, könne aber „nicht die Aufgabe übernehmen, ganze Texte zu verfassen“, hieß es von der Zeitung. „Deshalb lässt der Fall keinen anderen Schritt zu“, der allerdings „sehr“ bedauert werde. Casdorff habe über viele Jahre „wertvolle Arbeit für den 'Tagesspiegel' geleistet“. Die entsprechenden Texte werden den Angaben zufolge bis zum Abschluss der genauen Prüfung vorerst offline genommen.

Im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz gab es in den vergangenen Tagen eine Debatte um einen Gastbeitrag des Thüringer Ministerpräsidenten Mario Voigt (CDU) in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Auch dort wurde der Artikel depubliziert, nach Hinweisen durch das Rechercheportal „Frag den Staat“.



Filme der Woche



The Death of Robin Hood

Ein gealterter Robin Hood (Hugh Jackman), stets auf der Hut vor Feinden, die alte Blutschulden einfordern, bringt sein Exil in einer kargen Berglandschaft zu. Entgegen der Folklore war er kein Gesetzloser, der im Namen der Gerechtigkeit raubte, sondern ein blutdürstiger Mörder. Diese Vergangenheit holt ihn in Gestalt von Little John (Bill Skarsgård) wieder ein, der ihn um Hilfe bittet. Bei dem Versuch, dessen Hof zurückzuerobern, bricht ein Gemetzel los. Der erste Teil des Films erzählt diesen mittelalterlichen Überlebenskampf als Naturgeschichte voller Niedertracht. Der dabei schwer verletzte Robin erwacht später in einer helleren Welt, in die ihn Little John gerettet hat. Auf einer magischen Insel pflegt ihn die Oberin eines Klosters (Jodie Comer) hingebungsvoll und repariert Körper und Seele. Robin knüpft friedliche Beziehungen und übernimmt die Fürsorge für Little Johns traumatisierte Tochter, bis sein alter Erzfeind auftaucht und ihn seine Altlasten erneut einholen.

The Death of Robin Hood (USA 2026). Regie und Buch: Michael Sarnoski. Mit: Hugh Jackman, Jodie Comer, Bill Skarsgård, Murray Bartlett, Noah Jupe. Länge: 123 Min.

Guru

Jede professionelle Selbstoptimierungsmasche hat ihre Slogans. Der von Coach Matt in „Guru“ lautet: „Die Welt ist eure Welt“. Matt wird wie ein Popstar gefeiert, sein Geschäftsmodell mit Hightechausstattung, Selbstvermarktungsartikeln und obligatorischen Verschwiegenheitserklärungen der Kunden finanziert ihm ein luxuriöses Zuhause, inklusive Chauffeur und Range Rover. Nicht schlecht für einen Schulabbrecher. Aber irgendwann wird Matt zum Getriebenen, der in Konflikt mit seinem Bruder und seiner Partnerin gerät, von einem Stalker und dem Staat verfolgt wird. Mit bohrendem Blick und investigativem Interesse untersucht der Film die Welt hinter der Hochglanzfassade der Selbsthilfeindustrie. Yann Gozlan wagt einen ehrgeizigen Genremix, vereint Aufklärung, Beziehungsdrama, Psychothriller und Krimi und verlässt sich maßgeblich auf seinen Hauptdarsteller Pierre Niney, der das Psychogramm eines wendigen, aber zerrissenen Aufsteigers zeichnet, der süchtig danach ist, Gott zu spielen.

Guru (Frankreich/Belgien 2025). Regie: Yann Gozlan. Buch: Jean-Baptiste Delafon, Yann Gozlan. Mit: Pierre Niney, Marion Barbeau, Anthony Bajon, Christophe Montenéz, Holt McCallany. Länge: 126 Min.

Sechswochenamt

Es beginnt mit einem letzten Atemzug. Die 25-jährige Lore hat das Sterben ihrer Mutter an Krebs im Hospiz begleitet, jetzt haben sie es beide überstanden. Aber vor der Tochter liegt nun die Abwicklung eines Lebens gemäß den bürokratischen Vorgaben eines Landes, in dem immer alles mit Recht und Ordnung zugehen soll. Hinzu kommt der Beginn der Covid-Pandemie, was die Erfüllung letzter Wünsche zusätzlich erschwert. Das komplett unabhängig produzierte Spielfilmdebüt von Jacqueline Jansen erfasst mit beeindruckender Genauigkeit die Gefühlslagen eines Trauerprozesses, auch vor dem Hintergrund eines pandemiebedingt im Hochgeschwindigkeitsverfall begriffenen Gemeinwesens. Tapfer navigiert Magdalena Laubisch als zunehmend erschöpfte Lore durch das auch von familiären Konfliktlinien durchzogene Terrain. Am Ende kann die mühevoll in Eigenregie organisierte Abschiedsfeier stattfinden - im Sinne der katholischen Tradition, der der Film seinen Titel verdankt - und Lore darf sich endlich ausruhen.

Sechswochenamt (Deutschland 2025). Regie und Buch: Jacqueline Jansen. Mit: Magdalena Laubisch, Gerta Gormanns, Lola Klamroth, Olga Prokot, Suzanne Ziellenbach, Marc Fischer, Markus Forg-Thelen, Patrick Joswig, Julia Schmitt, Wolfgang Klein, Ulrike Marx, Bettina Kaminski, Nicole Marischka, Petra Welteroth, Petra Zembka. Länge: 98 Min.

Lol 2.0.

Fast vier Millionen Zuschauer allein in Frankreich, eine César-Nominierung und ein US-Remake mit Miley Cyrus und Demi Moore - vor 17 Jahren entpuppte sich die Komödie „LOL“ von Lisa Azuelos als Überraschungserfolg. Die damals 16-jährige Protagonistin Lola ist nun erwachsen und taucht in „LOL 2.0“ gar nicht mehr auf. Mutter Anne (Sophie Marceau) ist dabei, es sich in ihrem neuen Alltag ohne Kinder im Haus gemütlich zu machen. Doch während sie selbst sowohl beruflich als auch in der Liebe neue Optionen auslotet, steht die jüngste Tochter Louise (Thaïs Alessandrin) vor der Tür und zieht mit 23 Jahren nach einer Trennung samt Jobverlust plötzlich wieder zu Hause ein. Das Sequel wirkt wie eine organische Fortführung des Originals, die dem Geist und den Figuren von damals treu bleibt. Eine leichtfüßige Komödie, die von Neuanfängen und vom Älterwerden erzählt und von Sophie Marceau, die bis heute nichts von der Natürlichkeit und Ausstrahlung eingebüßt hat, charmant getragen wird.

Lol 2.0. (Frankreich 2026). Regie: Lisa Azuelos. Buch: Lisa Azuelos, Frédéric Da, Thaïs Alessandrin. Mit: Sophie Marceau, Thaïs Alessandrin, Vincent Elbaz, Francoise Fabian, Victor Belmondo und Sylvie Testud. Länge: 100 Min.

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Entwicklung

Die andere Seite der WM - In Mexiko werden 133.000 Menschen vermisst




Stadion in Mexiko-Stadt
epd-bild/Anne Demmer
Mexiko ist im Fußball-Fieber. Zusammen mit den USA und Kanada richtet das Land vom 11. Juni bis 19. Juli die Weltmeisterschaft aus. Doch manchen ist nicht zum Feiern zumute - so wie Genoveva Domínguez, deren Tochter verschwunden ist.

Mexiko-Stadt (epd). „La pelota vuelve a casa“ - der Ball kehrt nach Hause zurück. So lautet das Motto der Fußball-Weltmeisterschaft 2026, die Mexiko zum dritten Mal als Gastgeber erlebt - zum ersten Mal zusammen mit den USA und Kanada. Der Slogan ist in Mexiko-Stadt allgegenwärtig: auf U-Bahn-Zügen, Werbetafeln und Mauern.

Doch auf dem Asphalt rund um die „Glorieta de los Desaparecidos“ - dem Platz der Verschwundenen im Herzen der Hauptstadt - stand noch vor einigen Wochen ein anderer Satz: „La pelota vuelve a casa, y ellos? Cuándo?“ Der Ball kehrt zurück - und sie? Wann? Die Schrift wurde längst entfernt. Die Frage bleibt.

Behörden entfernen Fotos von Verschwundenen

Rund um den Platz hängen Hunderte Fotos von Vermissten. Hier hat sich Genoveva Domínguez mit weiteren Angehörigen getroffen. Sie trägt ein grünes Nationaltrikot, wie sie in diesen Tagen überall zu sehen sind. Auf ihrem Rücken steht allerdings kein Spielername, sondern eine Zahl: 133.000. So viele Menschen gelten in Mexiko offiziell als vermisst. Die meisten von ihnen sind mutmaßlich Opfer des organisierten Verbrechens.

Domínguez engagiert sich in einem von über 200 Suchkollektiven. „Sie sind keine Zahlen, keine Akten“, sagt die Mutter. „Unsere Kinder dürfen nicht in Vergessenheit geraten.“ Seit einem Jahr sucht sie ihre Tochter. Die Angehörigen der Vermissten wollen die Weltmeisterschaft nutzen, um internationale Aufmerksamkeit zu erhalten. An Laternen rund um das Aztekenstadion klebten zeitweise Fotos von Verschwundenen. Viele wurden kurz darauf wieder entfernt.

Lehrer drohen mit Protesten

Die Suchkollektive gehören zu den Gruppen, die die Weltmeisterschaft nicht nur als Sportereignis sehen. Mit den Kamerateams, Touristen und Journalisten aus aller Welt wird das Turnier für viele auch zu einer seltenen Gelegenheit, auf Probleme aufmerksam zu machen, die im Alltag oft wenig Beachtung finden.

So verschärfte auch die Gewerkschaft der Lehrerinnen und Lehrer zuletzt ihre Proteste für höhere Löhne und gegen eine umstrittene Rentenreform. Demonstranten beschädigten WM-Figuren auf der Prachtstraße Reforma und rammten das Eingangsportal des Bildungsministeriums. Die Polizei setzte Tränengas ein. Die Gewerkschaft droht mit weiteren Protesten während des Turniers.

Weniger Wasser für Anwohner

Das Eröffnungsspiel zwischen Mexiko und Südafrika findet am 11. Juni im Aztekenstadion statt. Für das Turnier wurde es modernisiert und die Umgebung aufgewertet. Zwar freuen sich viele über sanierte Straßen und neu angelegte Grünflächen. Doch die Anwohner fragen sich, wer von den Investitionen profitiert. So äußern Anwohner laut der Nachbarschaftsorganisation „Acción Comunitaria Pedregales“ Sorge um die Wasserversorgung. Es werde Wasser für das Stadion umgeleitet, und die Versorgung im Viertel leide.

Auch müssen die Geschäfte unmittelbar am Stadion während des Turniers schließen - nach Angaben der Betreiber ohne Entschädigung. Manche haben sich zwar Strategien überlegt, um das Verbot zu umgehen. So glaubt der Betreiber von „Tortas Estadio“, einem kleinen Sandwich-Laden, dennoch, dass er Wege finden wird, weiterzuverkaufen. Er habe einen Plan A, B und C, sagt er grinsend. Näheres verraten möchte er allerdings nicht.

Eintrittskarten zu teuer für viele

Die Weltmeisterschaft soll Mexiko als modernes Gastgeberland präsentieren. Doch je näher der Anpfiff rückt, desto sichtbarer werden auch die Konflikte, die das Land seit Jahren begleiten.

Von einem Stadionbesuch sind zugleich Millionen von Mexikanerinnen und Mexikanern ausgeschlossen. Bei einem gesetzlichen Mindestlohn von umgerechnet rund 470 Euro im Monat bleiben selbst die günstigsten Eintrittskarten für viele unerreichbar. Für das Eröffnungsspiel kosten Tickets mehrere Hundert bis über 2.000 Euro.

Genoveva Domínguez wird sich das Spiel nicht im Stadion anschauen. Stattdessen wird sie davor mit vielen weiteren Familienangehörigen protestieren und die Frage stellen: Dónde están, wo sind sie?

Von Anne Demmer (epd)


US-Gesundheitsdeals mit Nebenwirkungen für Afrika




HIV-Medikamente im Tabitha Medical Center in einem Armenviertel der kenianischen Hauptstadt Nairobi (Archivbild)
epd-bild/Birte Mensing
Nach drastischen Kürzungen sämtlicher Entwicklungshilfegelder im vergangenen Jahr fährt die Trump-Regierung einen neuen Kurs: Afrikanische Staaten sollen Gesundheitsdaten liefern, im Gegenzug erhalten sie finanzielle Hilfe.

Dakar (epd). Der Deal wirkt wie die Rettung für chronisch unterfinanzierte Gesundheitssysteme in Afrika. Entsprechend zufrieden blickte Kenias Außenminister Musalia Mudavadi in die Kamera, als er Ende vergangenen Jahres zusammen mit US-Außenminister Marco Rubio das Gesundheitsabkommen unterzeichnete. Bis zu 1,6 Milliarden US-Dollar unter anderem für den Kampf gegen Malaria, Tuberkulose und HIV versprechen die USA, nachdem sie ihre Hilfskürzungen 2025 fast komplett eingestellt hatten. Inzwischen haben mehr als 30 Länder ein solches „Rahmenabkommen zur Gesundheitszusammenarbeit“ mit den USA geschlossen, zwei Drittel davon liegen in Afrika.

Dabei sind die Gesundheitsdeals nichts anders als die Übertragung der „America First“-Devise auf die globale Gesundheitspolitik. Das Geld ist an weitreichende Bedingungen geknüpft. Zudem ist den neuen Abkommen die Zerschlagung der US-Entwicklungshilfeagentur USAID durch die Regierung von Donald Trump vorausgegangen, der weltweit größten Organisation für humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit. Gepaart mit zeitgleichen Kürzungen bei deutschen, französischen und britischen Hilfsgeldern ist eine riesige Finanzierungslücke im Gesundheitssektor Afrikas entstanden, mit massiven Auswirkungen.

„Regierungen in der Falle“

„Die afrikanischen Regierungen stehen unter Druck“, sagt der Koordinator der kenianischen Organisation People's Health Movement, Dan Owalla. „Es gibt keine anderen Gelder als diese. Man kann sagen, dass sich die Regierungen in der Falle befinden.“ Owalla hat zusammen mit Vertreterinnen und Vertretern von über 50 weiteren Organisationen der afrikanischen Zivilgesellschaft einen offenen Brief an Afrikas Staatschefs geschrieben und ist in Kenia vor Gericht gegen den Deal gezogen.

Denn während die finanzielle Unterstützung aus Washington maximal fünf Jahre laufen soll, verpflichten sich die Empfängerländer dazu, ihre Gesundheitsdaten bis zu 25 Jahre lang mit den USA zu teilen. Dazu kommen länderspezifische Bedingungen. So berichtete die „New York Times“, dass die USA Gelder für Sambia an den Zugang zu Rohstoffen knüpfen wollten.

HIV-Hilfe gegen kritische Mineralien

In einem geleakten Entwurf für ein Memorandum, vorbereitet von Mitarbeitern des Afrika-Referats von Außenminister Rubio, schlägt dieses als Verhandlungstaktik vor, lebensrettende Hilfe für HIV-Infizierte in Sambia zurückzuhalten, um die Regierung dazu zu zwingen, den USA mehr Zugang zu kritischen Mineralien zu gewähren. Ein Abkommen, gegen das Sambia sich bislang wehrt. Auch in Nigeria sind die Gelder an Bedingungen geknüpft und sollen hauptsächlich an christlich geprägte Gesundheitseinrichtungen fließen, obwohl etwa die Hälfte des Landes muslimisch ist.

Das zeigt, was auch Dan Owalla befürchtet: „Schon jetzt werden wir dazu gezwungen, unser Gesundheitswesen nach dem auszurichten, was die USA politisch unterstützen“, kritisiert der kenianische Aktivist. „Das nimmt uns unsere souveräne Entscheidungsgewalt.“ Außerdem könne es dazu führen, dass die Hilfen als Druckmittel verwendet werden.

Einige Regierungen weigern sich

Auch Felix Litschauer, Gesundheitsexperte der Hilfsorganisation medico international, sieht die Abkommen kritisch. „Gesundheitsdaten sind die seltenen Erden des Datenmarktes.“ Wer zuerst Zugang habe, verschaffe sich einen entscheidenden Vorsprung bei der Entwicklung von Medikamenten. So habe Südafrika während der Corona-Pandemie die Omikron-Variante als erstes sequenziert und die Daten mit der Welt geteilt. Doch der Impfstoff sei dort lange nicht erhältlich gewesen. Auch deshalb reagierten viele afrikanische Staaten heute besonders sensibel auf den Umgang mit Gesundheitsdaten. Neben Sambia leisten auch andere Länder Widerstand. So haben Simbabwe und Ghana bisher ihre Unterschrift verweigert.

In Kenia hat das Berufungsgericht der Regierung im Mai erlaubt, das Programm vorläufig fortzusetzen. Eine ausführliche Begründung werde zusammen mit dem vollständigen Urteil am 30. Oktober verkündet, erklärten die Richter. Für Dan Owalla ist das ein unzufriedenstellendes Ergebnis, doch aufgrund der kostspieligen Prozesskosten ist fraglich, ob die Organisationen weiter dagegen vorgehen werden.

Von Helena Kreiensiek (epd)


Jean Ziegler: Von Beruf Provokateur




Jean Ziegler (Archiv)
epd-bild/Heike Lyding
Jean Ziegler kämpfte für hungernde Kinder und gegen den Kapitalismus. Die Anhänger des Soziologen liebten seine harten Urteile, Kritiker warfen ihm Schnellschüsse vor. Der Schweizer starb nun im Alter von 92 Jahren.

Genf (epd). Bis zuletzt war Jean Ziegler davon überzeugt, Ziel eines Mordanschlags gewesen zu sein. 2001 hörte der Schweizer Soziologe auf der Fahrt in seine Heimatstadt Genf merkwürdige Geräusche seines Autos. Mechaniker fanden heraus: Der Motor war manipuliert worden. Wäre Ziegler weitergefahren, hätte er die Kontrolle über das Fahrzeug verloren. „Das war versuchter Mord. Sehr, sehr beunruhigend“, bemerkte Ziegler.

Jean Ziegler war wohl einer der bekanntesten Schweizer - seine Enthüllungsbücher werden in Deutschland, den USA und selbst in Korea verkauft. Am 10. Juni starb der Genfer Soziologe, Bestsellerautor, Globalisierungskritiker und frühere UN-Funktionär im Alter von 92 Jahren, wie Schweizer Medien unter Berufung auf die Familie meldeten.

Höfliche Umgangsformen und elegante Kleidung

In den vergangenen Jahren war es stiller um den Wissenschaftler geworden, der immer höfliche Umgangsformen pflegte und elegante Kleidung liebte. Doch zu den großen Krisen der Gegenwart nahm er weiter Stellung. So forderte er einen sofortigen Waffenstillstand im Nahost-Krieg, um den hungernden Palästinensern zu helfen. Israel warf er „Staatsterror“ vor, er verurteilte aber auch scharf den Angriff der Hamas auf den jüdischen Staat. Bereits 2005 sorgte der frühere UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung für erbostes Kopfschütteln in Israel. Damals hatte Ziegler die israelische Besatzung des Gaza-Streifens mit einem „Konzentrationslager“ verglichen.

Seinen ersten großen Coup landete der frühere sozialdemokratische Abgeordnete 1976 mit seinem Buch „Eine Schweiz, über jeden Verdacht erhaben“. Ziegler sezierte, wie Helvetiens Konzerne sich auf Kosten der Ärmsten im Globalen Süden bereicherten. Viele seiner Landsleute reagierten empört - nicht über die Firmen, sondern über den Autor.

Ruf als Nestbeschmutzer

1990 legte er nach. In „Die Schweiz wäscht weißer“ geißelte er die eidgenössischen Banken als „Finanzdrehscheibe des internationalen Verbrechens“. 1997 veröffentlichte Ziegler das Werk „Die Schweiz, das Gold und die Toten“. Sätze wie „Hitler war ein Traumkunde für unsere Banken“ brachten ihm endgültig den Ruf des Nestbeschmutzers ein. Als einer der Ersten räumte er mit der Legende von der unschuldigen Schweiz auf.

Neben seinem Heimatland widmete sich der Globalisierungskritiker immer wieder internationalen Konflikten und Machenschaften multinationaler Konzerne. Finanzmanager wollte der frühere Berater des UN-Menschenrechtsrates wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ vor Gericht sehen: „Ein Nürnberger Tribunal soll die Gauner verurteilen.“

„Historische Halbwahrheiten“

Ziegler wusste: Solche Forderungen kommen nicht durch. Aber die Medien greifen sie auf. So eilte er noch im Rentenalter von Interview zu Interview, schrieb Bücher im Abstand von zwei bis drei Jahren. Eines seiner letzten Werke trug den aufrüttelnden Titel: „Wir lassen sie verhungern“. Darin schilderte er seinen Kampf gegen die Lebensmittelnot in den Ländern des Südens. „Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind. Das ist Massenmord.“

Das Schweizer Establishment aber sparte nicht mit Kritik. „Mit seinen Nachlässigkeiten macht Ziegler es seinen Gegnern fast schon zu einfach“, lästerte die „Neue Zürcher Zeitung“. Andere beschuldigten ihn, er schiele vor allem auf die Auflage, rühre historische Halbwahrheiten und die Auswüchse seiner Fantasie gewieft zusammen.

Der Sohn eines Richters und Armeeoberst wurde 1934 in Thun, Kanton Bern, geboren und nach seinem Vater auf den Namen Hans getauft. Nach dem Abitur kehrte er dem bürgerlich-protestantischen Elternhaus den Rücken und ging nach Paris. Inspiriert von nächtelangen Diskussionen in kommunistischen Zirkeln und Begegnungen mit dem Philosophen Jean-Paul Sartre änderte Ziegler sein Leben und wurde zum Provokateur aus Leidenschaft.

Jan Dirk Herbermann (epd)



Termine

24.6. Evangelische Akademie Frankfurt

Mit Livestream Mehr Sozialstaat, weniger Rechtsextremismus? „Antifaschistische Wirtschaftspolitik“ als Zukunftsmodell oder Irrweg Was hat der Vormarsch der Rechten mit Armut und Reichtumsverteilung zu tun? Kann er gestoppt werden, wenn die Menschen vor Mieterhöhungen und anderen Bedrohungen besser geschützt werden? Oder wächst die Zustimmung zur AfD gerade deshalb, weil die Politik zu wenig für Unternehmen tut? Bedienen Forderungen nach einer Umverteilung von Reichtum nur von Linken geschürte Neiddebatten?

26.-28.6. Evangelische Akademie Loccum

Radioaktive Abfälle in Deutschland. Kraftwerke-Rückbau, Zwischen- und Endlagerung, Beteiligung Loccumer Atommülllager-Tagung: Mit dem Ausstieg aus der Kernenergie sind wir nicht aus allen Herausforderungen „ausgestiegen“. Der radioaktive Müll wird an verschiedenen Orten gelagert. Die Verschiebung der Fertigstellung der Endlager für hoch-, mittel- und schwachradioaktive Abfälle verzögert sich und schafft Probleme für die im Land verteilten Zwischenlagerstandorte. Wie ist die Situation an den Standorten der abgeschalteten AKW, insbesondere der Rückbauszenarien, in den Zwischenlagern und in den Landessammelstellen?

26.-28.6. Evangelische Akademie Tutzing

Gott und Mensch im Kosmos der KI Künstliche Intelligenz durchwebt unser Leben. Das verändert unsere Sicht auf uns selbst, die Welt und Gott. Wenn die Maschine denkt, was macht dann den Menschen aus? Und wenn Technologie allmächtig wird, bleibt dann Gott noch Gott?