Würzburg (epd). „Ich bin ein Kassettenkind“, sagt Thomas Gawlas. Dutzende alte Musikkassetten habe er aufgehoben, „ich hab' sie nie gezählt“, sagt der Musiker. Zweimal in der Woche hilft er im Würzburger Plattenladen „H2O“ aus. Da gibt es eigentlich nur Platten und CDs. Aber in letzter Zeit tauchten immer mal wieder Musikkassetten auf: „Die waren ruckzuck weg.“ Und zwar erstaunlicherweise durch junge Käufer, sagt Gawlas.
Musikkassetten, so sein Gefühl, kommen allmählich wieder in Mode. Was nicht nur er so wahrnimmt. Stars wie Taylor Swift („The Life of a showgirl“) oder Harry Styles („Kiss all the time. Disco, Occasionally“) haben ihre Alben jüngst auch auf Kassette herausgebracht.
Stundenlanges Aufnehmen: Hoffentlich quatscht keiner rein
„Habt ihr auch ein paar Musikkassetten da?“ Diese Nachfrage komme in letzter Zeit häufiger, sagt Gawlas. Und garantiert sei dann irgendwer im Laden, der sofort einsteige. Musikkassetten, was für eine andere Welt das doch war: Zu den Erinnerungen vieler gehört der Walkman der 80er Jahre - und natürlich Bandsalat. Mit dem Kuli versuchte man dann, das Band wieder einzudrehen und die Musik zu retten. Erstmals vorgestellt wurde die Kassette 1963 auf der Berliner Funkausstellung.
Thomas Gawlas erinnert sich auch an das Bespielen von Leerkassetten und stundenlange Aufnahmeprozeduren. Da bettelte man sich bei den älteren Brüdern Platten zusammen, wie er erzählt: „Doors“. Und nahm 90 Minuten Musik auf. Für den besten Freund. Die beste Freundin. Das Cover wurde liebevoll gestaltet: bemalt, verziert, jeder Songtitel handschriftlich festgehalten. Einen halben Tag nahm das mindestens in Anspruch.
Und dann die Erinnerung daran, dass auf Radio Luxemburg - oder war es doch ein anderer Sender? - immer am Montag, spätabends, so gegen 23 Uhr, die neuesten Platten vorgestellt wurden. Er habe dann versucht, die besten Titel auf Kassette aufzunehmen. „Und hoffentlich quatschte niemand am Ende rein“, lacht Thomas Gawlas. Eine Kundin, die im H2O gerade ein paar CDs zusammengesucht hat, lacht mit: „Genauso ging es mir auch, ich glaube, die haben das extra gemacht, die wussten doch, dass wir aufnehmen.“
Experte: Musikkassetten kommen wieder in Mode
„Musikkassetten kommen wieder in Mode“, bestätigt Holger Lund, Professor für Mediendesign an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Ravensburg. Die Kassette stehe nicht etwa vor einem Revival: „Das hat begonnen und nimmt zu.“ Unter anderem sei das daran zu erkennen, dass sich der Markt belebte: „Zunächst in den USA.“ Dort hätten sich die Zahlen für verkaufte Einheiten in den vergangenen Jahren - ähnlich dem Schallplatten-Revival, lediglich verzögert - stark nach oben bewegt: von rund 75.000 im Jahr 2015 auf rund 440.000 Einheiten 2022.
Lund hat eine weitere Beobachtung gemacht: „Migrantische und post-migrantische Menschen wenden sich vermehrt ihrem musikalischen Erbe auf Kassette zu.“ Das betreffe vor allem den Nahen und Mittleren Osten, Maghreb, Afrika, aber auch Teile von Asien. In Deutschland wurde türkische Musik zwischen 1970 und 2000 in Millionenauflage auf Kassette produziert, wie er berichtet. Kurdische und alevitische Musik, aber auch linke Protestmusik habe auf anderen Medien keinen Platz bekommen.
Digitalisierung alter Tapes
Auch wenn das Interesse an der Kassette wächst: Viele Menschen besitzen kein funktionierendes Abspielgerät mehr. In Berlin ist Michael Noack Fachanleiter „Medien“ der Organisation „Spektrum Netzwerk“, einer Werkstatt für behinderte Menschen, die Musikkassetten digitalisiert: „Im letzten Jahr kam im Schnitt alle zwei Monate ein kleiner Auftrag rein.“ Die Kunden hätten alte Kassetten im Schrank gefunden, die sich nicht mehr abspielen konnten. „Oft bekommen wir Mixtapes, Zusammenstellungen vom damaligen Musikgeschmack, oder Live-Mitschnitte, das gibt es so nicht zu kaufen.“
Gut aufgenommenes Mixtape ist ein kleines Kunstwerk
Die Blütezeit der Musikkassette in den 1970er und 1980er Jahren war auch für Michael Noack eine besondere Phase: „Ein gut aufgenommenes Mixtape ist aus heutiger Sicht ein kleines Kunstwerk.“ Wer sein eigenes Musikprogramm zusammenstelle und auf Band überspiele, besitze am Ende ein Unikat: „Das Ergebnis ist durch den schwierigen Prozess viel emotionaler, als wenn man ein paar Dateien zusammenklickt.“ Und er weiß: Es gebe bis heute Musikfans, die Musik gerne noch „in der Hand halten“ möchten: „Diese Erfahrung können einem Dateien in der Cloud nicht bieten.“

