Hamburg (epd). Am 16. Juni 1976 sitzt die Nachricht des Tages hinter dem „Tagesschau“-Pult: Mit Dagmar Berghoff präsentiert um 16 Uhr erstmals eine Frau die ARD-Nachrichtensendung. Der damalige Chefsprecher Karl-Heinz Köpcke steht daneben, „weil er Sorge hatte, dass ich als Frau zusammenbrechen könnte“, wie Berghoff Jahrzehnte später in ihrem Buch „Guten Abend, meine Damen und Herren“ verrät. Die noch größere Revolution folgt zwei Tage darauf: Die damals 33-jährige Berghoff spricht die 20-Uhr-Ausgabe, das Flaggschiff der „Tagesschau“.

Im ZDF gibt es seit 1971 die Journalistin Wibke Bruhns als Nachrichtensprecherin. Die ARD will mit ihrer Männerbastion „Tagesschau“ gleichziehen. Köpcke bekommt Druck von oben, muss Frauen casten. Das damalige männliche Vorurteil lautet: Frauen können keine Nachrichten sprechen - weil sie nichts von Politik verstehen und weil sie zu emotional sind. „Ich war eine Quotenfrau, ohne es zu wollen“, erinnert sich Berghoff in ihrem gemeinsam mit dem späteren „Tagesschau“-Sprecher Constantin Schreiber geschriebenen Buch.

Berufswunsch Schauspielerin

Ihr Berufswunsch seit Kindheitstagen lautet Schauspielerin. In den 1960er Jahren absolviert die 1943 in Berlin geborene Berghoff deshalb eine Ausbildung an der Hamburger Hochschule für Musik und darstellende Kunst. Kleinere Rollen auf der Bühne und im Film folgen. Beim damaligen Südwestfunk in Baden-Baden wird Berghoff Ansagerin, Sprecherin und Moderatorin.

1975 kommt Dagmar Berghoff zurück nach Hamburg und arbeitet für den NDR-Hörfunk. Im Jahr darauf startet sie beim NDR ihre „Tagesschau“-Karriere und bereichert das bisherige Team um Werner Veigel, Wilhelm Wieben, Jo Brauner und Karl-Heinz Köpcke.

Vom ersten Moment an zeigt sie dabei, dass die Vorurteile der damaligen Zeit jeglicher Grundlage entbehren: Berghoff habe gezeigt, „dass Frauen die gleiche Kompetenz in der Informationsvermittlung besitzen wie Männer“, sagt Joan Kristin Bleicher, Medienforscherin an der Universität Hamburg. Sie bescheinigt Berghoff „Durchsetzungskraft in der Männerdomäne der Redaktion“.

Berghoff wird Chefsprecherin

1995 wird sie Chefsprecherin. In dieser Funktion habe sie mehrere Jahre lang an der Schnittstelle zu Chefredakteuren und Redakteuren anderer ARD-Anstalten gestanden, sagt Bleicher. Dabei habe Berghoff dann „auch eine stärkere Rolle innerhalb der männlich dominierten Senderhierarchie der ARD gespielt“.

Im Radiosender Bayern 2 sagt Dagmar Berghoff 40 Jahre nach ihrer „Tagesschau“-Premiere, dass sie sich Fehler zu Beginn ihrer Laufzeit nur schwer verzeihen konnte. „Jeder kleinste Hakler war eine Katastrophe für mich, und ich habe Stunden gebraucht, um damit fertig zu werden.“

Ein paar Mal sorgt Dagmar Berghoff für Aufsehen. Einmal, sagt sie 1999 in einem „Spiegel“-Interview, tut sie es beim Publikum „mit einer Löwenkopffrisur“. Drei andere Male vergisst sie ihren Dienst. Am 2. April 1988 der legendäre Versprecher: Bei einer Meldung über Tennisstar Boris Becker macht Berghoff aus dem WTC- ein WC-Turnier - und kann anschließend die Lottozahlen nur lachend vortragen.

Zufrieden mit dem Leben

Heute ist Dagmar Berghoff 83 Jahre alt. Sie lebt allein in Hamburg, ihr Mann starb 2001. In ihrem Buch lässt sie Zufriedenheit mit ihrem Leben anklingen, sie sagt: „Ich habe auf niemanden gehört, sondern einfach gemacht, wofür ich brannte. Und das war genau das Richtige.“

„Dagmar Berghoff wuchs über Jahre und Jahrzehnte zu einer Instanz im deutschen Fernsehen, wurde zum Vorbild vieler junger Frauen auch jenseits des Journalismus und ist längst eine Legende“, würdigt Schreiber an gleicher Stelle.

„Miss Tagesschau“

Joan Kristin Bleicher meint, für viele Zuschauende sei Berghoff zur „Miss Tagesschau“ geworden. Die Medienforscherin bedauert zugleich, dass noch heute das weitverbreitete Motto „Männer erklären uns die Welt“ gelte. Männer würden als Experten angesehen, Frauen würden „nach ihrer Attraktivität bewertet und häufig nach Erreichen einer bestimmten Altersgrenze von den Programmverantwortlichen aussortiert“.

Dagmar Berghoff hat niemand aussortiert. Als ihr Mann Peter Matthaes 1998 in Rente geht, sagt er seiner Frau kurz darauf, dass sie nie Zeit habe. Die Worte beschäftigen Berghoff so sehr, dass sie sich selbst dazu entscheidet, zum Milleniums-Wechsel mit der „Tagesschau“ aufzuhören, wie sie in ihrem Buch erzählt. Allen Bemühungen zum Trotz, sie zu halten, verabschiedet sie sich am 31. Dezember 1999 mit den Worten „Tja meine Damen und Herren, das war's für mich für's Erste.“

Rückblickend verrät sie Constantin Schreiber, dass das 20-Uhr-Gefühl bei ihr erst „sieben oder acht Jahre später“ nachließ. Und sie gesteht, dass sie vor der „Tagesschau“-Hauptausgabe „immer Lampenfieber“ gehabt habe.