Marty Supreme

Marty (Timothée Chalamet) arbeitet im New York der 1950er Jahre als Schuhverkäufer für seinen Onkel und träumt von einer Karriere als Tischtennisspieler. Sein Talent hat er längst bewiesen, nun will er die British Open gewinnen, um seinen Sport in den USA populär zu machen. Das Geld für die Reise klaut er seinem Onkel, in London quartiert er sich in einem unbezahlbaren Luxushotel ein. Am Ende verliert er im Finale gegen den Japaner Endo - und nimmt direkt die Revanche bei der WM in Tokio in den Blick. „Marty Supreme“ besticht durch die Energie und Wahrhaftigkeit, die der mit viel Humor überhöhten Geschichte innewohnen. Man staunt über Dreistigkeit und Selbstbewusstsein, die diesen schmalen jungen Kerl aus einfachen, jüdischen Nachkriegsverhältnissen (lose auf dem realen Tischtennisspieler Marty Reisman basierend) so weit bringen. Das Highlight aber ist Chalamet selbst, der Marty mit so viel Hingabe und Charisma verkörpert, dass es der bislang stärkste Auftritt seiner Karriere ist.

Marty Supreme (USA 2025). Regie: Josh Safdie. Buch: Ronald Bronstein, Josh Safdie. Mit: Timothée Chalamet, Gwyneth Paltrow, Fran Drescher, Tyler Okonma, Abel Ferrara, Odessa A’zion. Länge: 149 Min.

Father Mother Sister Brother

Nach dem Zombiefilm „The Dead Don’t Die“ hat Jim Jarmusch jetzt einen betont leisen, intimen Film gedreht, der feines Gespür für familiäre Dynamiken beweist. „Father Mother Sister Brother“ besteht aus drei Episoden: Die Geschwister (Adam Driver und Mayim Bialik) besuchen ihren Vater (Tom Waits) im ländlichen New Jersey; in Dublin absolvieren zwei ungleiche Schwestern (Cate Blanchett und Vicky Krieps) den jährlichen Pflichtbesuch bei ihrer Mutter (Charlotte Rampling). In Paris muss ein Zwillingspaar aus den USA (Indya Moore und Luka Sabbat) das Pariser Apartment der Eltern räumen, nachdem diese bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sind. In seiner ereignislosen Langsamkeit ist es vielleicht Jarmuschs radikalster Film. Dieser Verzicht auf vordergründige Dramatik verleiht den Begegnungen eine emotionale Tiefe, die sich erst allmählich erschließt. Es geht um Kommunikation und darum, was sie über Beziehungen sagt, um elterliche Prägungen und Nähe, die zu eigentümlicher Fremdheit wird.

Father Mother Sister Brother (USA/Italien/Frankreich/Irland 2025). Regie und Buch: Jim Jarmusch. Mit: Tom Waits, Adam Driver, Mayim Bialik, Charlotte Rampling, Cate Blanchett, Vicky Krieps. Länge: 110 Min.

Friedas Fall

Als Vorlage dient ein Kriminalfall aus einer für Frauen düsteren Epoche der Schweizer Geschichte: Frieda Keller tötete 1904 in St. Gallen ihren fünfjährigen Sohn, nachdem dieser von der Anstalt vor die Tür gesetzt wurde, wo er seit seiner Geburt gelebt hatte. Keller war arm und ledige Mutterschaft eine soziale Schande für die Frau, auch wenn sie wie hier aus Vergewaltigung resultierte, die für den Täter nicht einmal strafbar war. Für ihr Langfilmdebüt adaptiert die Regisseurin den Roman „Die Verlorene“ von Michèle Minellis und rekonstruiert den Tathergang in subjektiven Traumerinnerungen und Rückblenden. Dabei geht es neben der Schuldfrage im juristischen und moralischen Sinn auch um die seelische Verfasstheit der verstörten jungen Frau, die Julia Buchmann eindringlich darstellt. Anders als der Roman gerät der Film aber zum konventionellen Historiendrama mit emotionalisierender Musik und ärgerlicher Psychologisierung, die strukturelle Machtverhältnisse überdecken.

Friedas Fall (Schweiz 2024). Regie: Maria Brendle. Buch: Michèle Minelli, Robert Buchschwenter, Maria Brendle. Mit: Julia Buchmann, Rachel Braunschweig, Stefan Merki, Max Simonischek, Marlene Tanczik, Lilane Amuet. Länge: 107 Min.

Night Stage

Fabió hat es geschafft: Die Zusage auf die Hauptrolle in einer TV-Serie verspricht Ruhm und eine weit höhere Gage, als er bei seiner renommierten Theatertruppe verdient. Sein Mitbewohner Matias, ebenfalls Mitglied des Ensembles, war der Casting-Agentin ebenfalls ins Auge gefallen, schied aber aus und will sich damit auf keinen Fall abfinden. Die Freunde werden zu erbitterten Rivalen, nicht nur in ihren Bühnenrollen. Parallel entwickelt sich zwischen Mathias und Geschäftsmann Rafael nach anonymem Sex eine engere Beziehung. Aber da Rafael für das Amt des Bürgermeisters kandidieren will, muss die Affäre geheim bleiben. Vordergründig inszeniert das Regieduo diese brisante Personenkonstellation als queeren Neo-Noir-Film und versammelt dafür solide Genreelemente wie Ehrgeiz, Erpressung, Überwachung und Voyeurismus. Zugleich spielt der Film smart mit der Ambivalenz von Rollentext und echtem Bekenntnis, von Privatsphäre und Öffentlichkeit, so dass jeder der Protagonisten eine doppelte Identität hat.

Night Stage (Brasilien 2025). Regie und Buch: Filipe Matzembacher, Marcio Reolon. Mit: Gabriel Faryas, Cirillo Luna, Henrique Barreira, Ivo Müller. Länge: 119 Min.

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