Hannover (epd). Corona? Brigitte von Cube zieht ihre Augenbrauen hoch. „Wenn Sie mich fragen, wird da zu viel Gewese drum gemacht“, sagt die 96-Jährige. Ihre Tochter Ada Schröter lacht. „So ist meine Mutter“, sagt sie. „Sie hadert nicht mit Corona. Sie hat die neue Situation auch mit den nötigen Einschränkungen gut angenommen.“

Von Cubes Einstellung teilen viele Bewohnerinnen und Bewohner und Pflegekräfte im Brigittenstift in Barsinghausen (Region Hannover). „Ich würde zwar noch nicht sagen, dass Corona zum Alltag geworden ist“, sagt Heimleiter Dirk Hartfield. „Doch wir sind auf dem Weg zur Normalität.“

Vier Stunden Besuchszeit

Zu dieser Normalität gehören etliche neue Regeln und Abläufe. Besucher dürfen Ihre Angehörigen in dem Heim des Evangelischen Hilfsvereins nur noch allein und nach vorheriger Anmeldung besuchen. Die Besuchszeiten sind auf vier Stunden am Nachmittag beschränkt. Personal und Besucher tragen Maske, es wird auf Abstand geachtet, der Veranstaltungssaal ist jetzt ein zweites Speisezimmer, damit alle weiter zusammen essen können, sich aber nicht zu nah kommen.

Die Bewohner werden einmal wöchentlich getestet, das nicht geimpfte Personal täglich und die geimpften Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zwei- bis dreimal wöchentlich. „Wir sind Weltmeister im Testen“, sagt Hartfield. Er schätzt, dass im Brigittenstift bisher rund 30.000 Tests zum Einsatz gekommen sind, und auch über die Impfquote freut er sich. Bei den Bewohnern liege sie bei 96 Prozent, bei den 70 Mitarbeiterinnen bei etwa 85 Prozent. „Während die Bewohner pragmatisch die Ärmel hochgekrempelt haben, war beim Personal vor allem anfangs leider Zurückhaltung zu spüren“, sagt der Heimleiter.

81 vollstationäre Plätze sowie 24 Apartments für betreutes Wohnen bietet das 1952 gegründete Brigittenstift. Bisher gab es keinen einzigen Corona-Fall, kein Bewohner musste isoliert werden. „Das ist natürlich auch ein Quäntchen Glück “, sagt Hartfield, „aber wir haben auch vieles richtig gemacht.“

Am Anfang der Pandemie „alleingelassen“

Einfach sei das nicht gewesen - vor allem nicht am Anfang der Pandemie. „Das Ministerium hat uns da ganz schön allein gelassen“, sagt Hartfield. Zum Teil seien am späten Freitagabend Erlasse gekommen, die am Montag umgesetzt sein sollten. „Man wusste kaum selbst, was zu tun ist - und schon fragten Angehörige, wie es denn nun weitergehe“, berichtet Pflegedienstleiterin Sarina Behling.

Dass die Heime eigene Corona- Vorsichtsmaßnahmen ausarbeiten sollten und die genauen Regelungen im Ermessen der Heime liege, habe zwar Freiheit für kreative Lösungen eröffnet. „Und davon brauchten wir eine Menge“, sagt Hartfield. Es habe aber auch zu kritischem Hinterfragen und Zweifeln bei Angehörigen geführt. „Da wäre ein handfester Erlass aus dem Ministerium, auf den ich hätte verweisen könne, besser gewesen.“

Der Anteil der Angehörigen, die die Corona-Regeln im Brigittenstift kritisieren, sei jedoch gering, betont Hartfield. „Die meisten lassen sich überzeugen, wenn man es ihnen erklärt“, ergänzt Behling. Insgesamt hätten die vergangenen anderthalb Jahre Bewohner und Pfleger gestärkt. „Wir haben viel zusammen geschafft, das schweißt zusammen“, ist Hartfield überzeugt.

„Wollte nicht aus der Reihe tanzen“

Das empfindet auch Antje Bartels so. Die 61-Jährige arbeitet seit 2007 im Brigittenstift. Sie ist froh, „dass wir bisher so gut durch diese schwierige Zeit gekommen sind.“ Ihr Ehrgeiz und auch der ihrer Kollegen sei es nun, an einem Strang zu ziehen und „auf keinen Fall das Virus doch noch einzuschleppen.“ Die Vorstellung, dass man selbst der- oder diejenige sein könnte, der dafür verantwortlich ist, sei der „größte Horror“, sagt Bartels.

Sich unterzuordnen, Solidarität mit anderen üben - das ist auch Jürgen Reinecke ein Anliegen. Der 85-Jährige lebt seit sechs Jahren im Brigittenstift. Er engagiert sich im Heimbeirat, liest viel und liebt es, sich im Garten des Stifts um die Hochbeete und Rosen zu kümmern. Angst, sich mit Corona anzustecken, hat er nicht. „In meinem Alter verliert das an Schrecken“, sagt er. Eigentlich habe er sich deshalb auch nicht impfen lassen wollen. „Aber ich wollte auch nicht aus der Reihe tanzen. Es muss ja sein“, sagt er.