Kirchen

Katholikentag zwischen Reformdruck und Glaubensfragen




Abendsegen auf dem Residenzplatz beim Katholikentag in Würzburg
epd-bild/Daniel Peter
In Würzburg ist der 104. Deutsche Katholikentag zu Ende gegangen. Themen wie Missbrauch, Synodaler Weg, der Umgang mit der AfD und die politische Rolle der Kirchen prägten die Debatten auf dem Laientreffen mit mehr als 30.000 Teilnehmenden.

Würzburg (epd). Politische Verantwortung, gesellschaftlicher Zusammenhalt und die Zukunft der Kirche standen im Mittelpunkt des am 17. Mai zu Ende gegangenen Katholikentags in Würzburg. Das Treffen in der unterfränkischen Barockstadt machte die Spannungen und Hoffnungen der katholischen Kirche gleichermaßen sichtbar.

Für Aufmerksamkeit sorgten die traditionellen Besuche von Bundespräsident und Bundeskanzler. Der evangelische Christ Frank-Walter Steinmeier nahm dabei Abschied: „Wenn ich mir bei meiner letzten Rede als Bundespräsident auf dem Katholikentag etwas wünschen dürfte, dann bitte das: Mehr Ökumene wagen!“

Selbstkritischer Kanzler

Der katholische Christ Friedrich Merz (CDU) - als Bundeskanzler zum ersten Mal auf dem Laientreffen - zeigte sich selbstkritisch. Er müsse seine Kommunikation verbessern. Er wolle der Bevölkerung, gerade den Jungen, die Zukunftsangst nehmen - Buh-Rufe von Demonstranten kamen dennoch.

Die Debatte um die politische Rolle der Kirchen wurde fortgesetzt: Während Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) den Kirchen erneut zu viel politische Einmischung vorhält, pocht der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, auf das Recht und die Aufgabe der Kirchen, sich politisch einzumischen.

Kunstaktion „Schmerzpunkt“ zum Thema Missbrauch

Dass sich der Katholikentag politisch positioniert, zeigte sich auch bei der Teilnehmerfrage: Die Leitung hatte früh entschieden, Gruppen, Organisationen und Parteien, die menschenfeindliche, demokratiefeindliche oder rassistische Positionen vertreten, nicht zuzulassen. „Auf dieser Grundlage wurden unter anderem Mandatsträger der AfD nicht eingeladen“, so ein ZdK-Vertreter.

Den Katholikentag von Anfang an begleitet hat erneut das Thema Missbrauch. In Podiumsgesprächen und bei Kunstaktionen wurden immer wieder die Wunden deutlich, die der kirchliche Missbrauch bei einzelnen Menschen, aber auch innerkirchlich gerissen hat.

Sichtbar machen sollte dies die Kunstaktion „Schmerzpunkt“ der Münchner Künstlerin Susanne Wagner. An 15 Kirchen und zentralen Orten des Katholikentags wurden Glasplatten mit aufgesprühten roten Punkten angebracht, in ihrem Zentrum jeweils die Darstellung eines Kreuzes an einer Kette. Diese Schmerzpunkte sollen der Beschreibung zufolge „das unbegreiflich Schreckliche des Missbrauchs“ sichtbar machen und „die institutionelle Verantwortung markieren“.

„Nachholende Gerechtigkeit“

Kerstin Claus, die unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, machte bei einem Podiumsgespräch deutlich, dass es bei der Aufarbeitung noch viel zu tun gebe. „Wenn wir über Aufarbeitung sprechen, geht es auch um Rechenschaftspflicht und Verantwortung“, sagte sie. Betroffene hofften auf eine Art „nachholende Gerechtigkeit“.

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, bezeichnete das Ausmaß des Missbrauchsskandals als kaum beschreibbar. Es gehe dabei nicht nur um einen „furchtbaren Skandal“ und massive Vertuschung, sondern um nichts weniger als „Verbrechen“, sagte der Hildesheimer Bischof am Samstag. Vor 16 Jahren hatte der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in Deutschland seinen Anfang genommen. Aktuelle Recherchen gehen von mehr als 2.800 Beschuldigten seit 1945 aus.

Synodaler Weg: Sorge vor „Stoppschild“ des Vatikans

Die Antwort der katholischen Kirche in Deutschland auf den Missbrauchsskandal war der Synodale Weg. Der Reformdialog war 2019 zur Überwindung des Vertrauensverlusts zwischen der Deutschen Bischofskonferenz und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken als Laienorganisation vereinbart worden. Die Synodalkonferenz, in der Bischöfe und Laien erstmals gemeinsam beraten und Beschlüsse fassen sollen, bedarf noch der Zustimmung aus Rom.

ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp warnte in Würzburg vor einem Abbruch des Reformprozesses. Sie könne nur hoffen, dass die deutschen Bischöfe aus Rom diesmal kein „Stoppschild“ erhalten wie bei der Schwangerenkonfliktberatung. 1999 zog sich die katholische Kirche in Deutschland auf Druck aus Rom aus der staatlich anerkannten Konfliktberatung zurück. Für den nächsten Schritt im Synodalen Weg sei sie jedoch zuversichtlich, bald eine positive Antwort aus Rom zu bekommen.

Der Katholikentag 2024 fand im eher säkular geprägten Erfurt statt, 2028 wird das sehr katholisch geprägte Paderborn an der Reihe sein. Der Deutsche Evangelische Kirchentag ist vom 5. bis 9. Mai 2027 in Düsseldorf zu Gast. Viele Christen warten auf den nächsten Ökumenischen Kirchentag wie 2003 in Berlin, 2010 in München und 2021 in Frankfurt am Main. Doch bislang gab es dazu noch keine Signale.

Von Julia Riese und Stephan Cezanne (epd)


Zwischen Kanzel und Politik - Streit über Rolle der Kirchen




Bundeskanzler Merz am 15. Mai beim Katholikentag in Würzburg
epd-bild/Daniel Peter
Wie politisch darf die Kirche sein? Diese Frage polarisierte auf Katholikentag in Würzburg. Bundestagspräsidentin Klöckner forderte mehr Zurückhaltung. Dem widersprach der Theologe Bedford-Strohm vom Weltkirchenrat.

Würzburg (epd). Der Streit um die politische Rolle der Kirchen ist auf dem Katholikentag fortgesetzt worden: Während Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) den Kirchen erneut zu viel politische Einmischung vorhält, pocht der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, auf das Recht und die Aufgabe der Kirchen, sich politisch einzumischen.

„Die Kirchen werden sich auch heute von niemandem den Mund verbieten lassen, wenn es darum geht, öffentlich für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung einzutreten“, sagte der Vorsitzende des Weltkirchenrates und frühere bayerische Landesbischof am 16. Mai auf dem Katholikentag in Würzburg dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Klöckner hatte den Kirchen zuvor erneut vorgeworfen, sich zu stark in die Tagespolitik einzumischen. „Wenn ich eine Stellungnahme zu einem Tempolimit von 120 von der Kirche bekomme, dann kann sie das natürlich tun“, sagte Klöckner am Rande des Katholikentages in Würzburg im Fernsehsender „phoenix“: „Aber das wird die Menschen nicht in die Kirche bringen.“ Sie sprach sich dafür aus, dass sich die Kirche stärker auf die Vermittlung des Glaubens konzentrieren sollte.

Gott in den Medien

Bedford-Strohm sagte dazu dem epd: „Dass sie den Kirchen, in denen jeden Tag von Gott geredet wird, gebetet und die Bibel gelesen wird, diesen Ratschlag geben zu müssen meint, ist schon einigermaßen kühn.“ Er frage sich, in welche Gottesdienste Frau Klöckner gehe. Dass Aussagen zu Gott in den Medien eher selten zitiert werden, habe mit der modernen Mediendynamik zu tun, „nicht mit der fehlenden Priorisierung seitens der Kirchen“.

„Wer Einmischung in die Politik nur dann wertschätzt, wenn sie die eigenen politischen Ziele stärkt, der hat etwas Grundlegendes am Christentum missverstanden“, fügte Bedford-Strohm hinzu: „Ich habe es immer als Stärke unserer politischen Kultur in Deutschland empfunden, dass man die Wortmeldungen der Kirchen in politischen Debatten ausdrücklich begrüßt hat, auch dann, wenn sie Anlass für die eigene kritische Selbstreflexion gaben.“

„Wem gehört die Welt“

Weiteres Thema am 16. Mai war die internationale Zusammenarbeit. Grundlage für erfolgreiche Projekte ist in den Augen von Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) vor allem Vertrauen. Deutschland habe seit 60 Jahren ein Image als international verlässlicher Partner. „Wirtschaftliche Zusammenarbeit muss immer im Sinne der nachhaltigen Entwicklung vor Ort stattfinden“, sagte die Ministerin beim Podium „Wem gehört die Welt“.

Dazu zählten gute Jobs, berufliche Bildung für junge Menschen, Perspektiven, eine grüne Transformation und globale Gesundheit. Alabali Radovan betonte, dass viele Länder des Globalen Südens reich an Rohstoffen seien und selbst am wenigsten davon hätten: „Das ist die Folge einer ungerechten Weltwirtschaftsordnung.“

Von Stephan Cezanne (epd)


Berliner Erzbischof warnt: AfD will einen anderen Staat



Für den Berliner Erzbischof Heiner Koch ist die politische Agenda der AfD mit dem christlichen Glauben unvereinbar. Wer Menschen ausschließen will, könne sich nicht mehr auf die christliche Botschaft berufen.

Berlin (epd). Der Berliner Erzbischof Heiner Koch warnt vor einem Wahlsieg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern im September. „Mein Problem ist das grundsätzliche Menschenbild dieser Partei“, sagte Koch, dessen Bistum neben Berlin und Brandenburg auch Vorpommern und ein Gebiet in Sachsen-Anhalt umfasst, dem „Tagesspiegel“ (15. Mai).

Fremdenfeindliche und menschenverachtende Positionen seien mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar. „Die AfD will einen anderen Staat, viele ihrer Mitglieder orientieren sich an Orban, an Putin, an Trump - und das gleichzeitig. Das bringe ich nicht zusammen“, so der Erzbischof.

Niemandem den Glauben absprechen

„Für uns ist die wichtigste Botschaft das Evangelium, die Liebe Gottes zu jedem einzelnen Menschen“, betonte Koch. Damit seien völkischer Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus, Demokratiefeindlichkeit oder gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nicht vereinbar.

AfD-Politikerinnen und -Politikern wie Beatrix von Storch oder der Brandenburger AfD-Fraktionsvorsitzenden Hans-Christoph Berndt, die sich selbst als Christen bezeichnen, spreche er nicht den Glauben ab, sagte Koch. Aber er könne eine ganze Reihe von Äußerungen und Verhaltensweisen nicht mit seinem Glauben in Einklang bringen.

„Mir ist etwa nicht klar, wie man Nächstenliebe nur für eine bestimmte Gruppe von Menschen aufbringen kann“, sagte der Berliner Erzbischof. Wer hier Menschen bevorzuge und sage, für andere Menschen gelte die Nächstenliebe nicht mehr, könne sich nicht mehr auf die christliche Botschaft berufen.



Wilmer und Fehrs: Kirchen wollen Orte der Begegnung sein



Würzburg (epd). Die katholische und die evangelische Kirche in Deutschland wollen angesichts der gesellschaftlichen Spannungen Orte des Dialogs sein. „Kirchen tragen Verantwortung dafür, Begegnung zu ermöglichen - in Gemeinden, Schulen, sozialen Einrichtungen und im öffentlichen Gespräch“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung des Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, und der Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Kirsten Fehrs. Beide Kirchenleitenden trafen sich zu Beginn des Katholikentags am 13. Mai in Würzburg. Es war das erste Treffen seit Wilmers Amtsantritt im Februar.

Viele Menschen erlebten derzeit, wie hart gesellschaftliche Debatten geworden seien, hieß es weiter. Misstrauen wachse, Positionen verhärteten sich, und es werde übereinander statt miteinander gesprochen. „Als Kirchen wollen wir dem etwas entgegensetzen: Orte, an denen Menschen einander zuhören, Unterschiede aushalten und gemeinsam nach Lösungen suchen.“ Frieden entstehe dort, wo Menschen und Nationen einander nicht abschrieben, sondern Verständigung suchten.



Missbrauchsstudie: Neue Sicht auf Pfarrer und Sexualberater Wiedemann



Sexuelle Übergriffe und spiritueller Missbrauch: Eine Studie zeigt, wie der evangelische Theologe und Sexualberater Wiedemann seine Machtposition ausnutzte. Die Kirche sieht eigenes Versagen und will aus den Erkenntnissen für die Zukunft lernen.

Düsseldorf (epd). Ein Pfarrer der evangelischen Markusgemeinde in Düsseldorf hat einer wissenschaftlichen Untersuchung zufolge über Jahre hinweg Männer sexuell und spirituell missbraucht. In der am 12. Mai in Düsseldorf vorgestellten Studie berichten fünf erwachsene Männer von verschiedenen Arten sexueller Übergriffe und sexualisierter Gewalt durch den Pfarrer Hans Georg Wiedemann (1936-2015), teils über Jahre hinweg. Wiedemann war von 1973 bis 2001 Pfarrer in der Markusgemeinde. Er galt bundesweit als progressive Stimme für die Anerkennung homosexueller Menschen in der Kirche.

Der auch als Sexualberater und Autor tätige Theologe habe seine Autorität missbraucht, „um mithilfe seiner ideologischen Vorstellungen einer 'befreiten Sexualität' sexualisierte Grenzüberschreitungen und Gewalt zu normalisieren“, heißt es in der Studie. Die Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Antje Menn, räumte ein „schwerwiegendes institutionelles Versagen“ der Kirche ein, daraus müsse gelernt werden.

Machtmissbrauch und langjährige sexualisierte Gewalt

Die Betroffenen schildern laut Studie verschiedene sexuelle Handlungen gegen ihren Willen, sie reichten von „Küssen bis hin zu dem Versuch, Geschlechtsverkehr herbeizuführen und zu Masturbation in Anwesenheit der Betroffenen“. Es habe sowohl einmalige als auch länger andauernde Fälle gegeben. Ein Betroffener erlebte nach eigenen Angaben sexualisierte Gewalt über einen Zeitraum von fünf Jahren. Neben den fünf erwachsenen Betroffenen berichtet auch eine Person, als Jugendlicher im Kontext der Markusgemeinde sexualisierte Gewalt erlebt zu haben, die von anderen Tätern ausgegangen sei. Neben Interviews mit den Betroffenen wurden in der Studie auch Gespräche mit Angehörigen und Zeitzeugen sowie Akten ausgewertet.

„In allen geschilderten Situationen agierte Wiedemann in seiner Rolle als Pfarrer oder Sexualberater und nutzte seinen Handlungsspielraum machtmissbräuchlich aus“, schreiben die Studienautoren Johanna Sigl und Sebastian Hempel von der Hochschule RheinMain. Sie untersuchten Fälle von Anfang der 1980er bis Ende der 1990er Jahre, gehen aber von weiteren Betroffenen aus. Die Studie zeige auch, dass sexualisierte Gewalt nicht nur „als isoliertes Fehlverhalten einzelner Personen verstanden werden kann, sondern in spezifische kirchliche, gesellschaftliche und sexualpolitische Kontexte eingebettet ist“, sagte Sigl.

Nähe zu Helmut Kentler

Die Untersuchung konstatiert auch eine Nähe Wiedemanns zu dem 2008 gestorbenen Reformpädagogen Helmut Kentler, der pädosexuelle Positionen vertrat. Laut einer Studie der Universität Hildesheim war Kentler Zentrum eines Netzwerks, das sexuelle Gewalt in der Kinder- und Jugendhilfe deckte. Die öffentliche Erinnerung an Wiedemann sei „bis heute überaus positiv besetzt“, sagte Sigl. Diesem Bild wolle die Studie nun eine weitere Facette hinzufügen.

Eine juristische Auseinandersetzung mit den durch die Betroffenen genannten Taten sei wegen Wiedemanns Tod 2015 nicht mehr möglich. Eine erste Meldung mit Vorwürfen gegen ihn habe es bereits 2011 gegeben. Sie sei aber von der Kirche zunächst nicht weiterverfolgt worden, was die Wissenschaftler als „Hinweis auf die teils lückenhafte institutionelle Aufarbeitung“ werten.

Kirche hat Taten nicht verhindert

„Als Kirche tragen wir Verantwortung dafür, dass solche Taten durch unsere Strukturen nicht nur nicht verhindert, sondern begünstigt wurden“, sagte die rheinische Vizepräses Menn. Viel zu oft seien Betroffene nicht gehört worden und stattdessen „auf Wegsehen, Nichtglauben und Schweigen“ gestoßen. Die Kirche rief weitere Betroffene auf, sich zu melden.

Von Nora Frerichmann (epd)


Kirchlicher Ethik-Experte: Polarisierung der Gesellschaft überwinden




Ralph Charbonnier
epd-bild/Heike Lyding
Am 23. Mai wird das deutsche Grundgesetz 77 Jahre alt. Doch Extremismus und wachsende Polarisierungen in der Gesellschaft lassen die Basis der Demokratie erodieren. Der Theologe Ralph Charbonnier sieht die Christen in der Pflicht zum Gegensteuern.

Hannover (epd). Angesichts wachsender gesellschaftlicher Polarisierungen hält es der evangelische Theologe und Ethik-Experte Ralph Charbonnier für dringend geboten, dass Christen das Verbindende suchen und für den Erhalt der Demokratie eintreten. „Christinnen und Christen sollten aus ihrem Glauben heraus die Bedeutung der Grundrechte und des Grundgesetzes hervorheben“, sagte Charbonnier dem Evangelischen Pressedienst (epd) mit Blick auf den 77. Geburtstag des Grundgesetzes am 23. Mai.

Es gehe darum, Vertrauen in demokratische und rechtsstaatliche Verfahren zu stärken, Räume für faire und empathische Diskussionen zu schaffen und so Verständigung über Gräben hinweg zu ermöglichen. Charbonnier ist Theologischer Vizepräsident des evangelischen Landeskirchenamtes in Hannover und Mitverfasser eines Grundlagenpapiers der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) zur Demokratie.

Demokratie scheint bedroht

„Wir erleben die Demokratie als bedroht“, sagte der Ethik-Experte. „Gleichzeitig sehen wir in ihr eine Staatsform, die zentralen ethischen Zielen des christlichen Glaubens entspricht.“ Als Beispiel nannte der Theologe die Menschenwürde. „Das Grundgesetz schützt die Würde aller Menschen - unabhängig von Herkunft, religiöser und politischer Anschauungen oder sexueller Orientierung. Das entspricht unserem christlichen Verständnis der Achtung eines jeden Menschen als Ebenbild Gottes.“

Wer sich islamfeindlich, rassistisch, homophob, antisemitisch oder auf andere Weise menschenverachtend äußere, könne daher kein Leitungsamt in der evangelischen Kirche ausüben, betonte Charbonnier. „Das gilt für Ehrenamtliche wie für beruflich Mitarbeitende.“

Relativierung der Macht

Aus Sicht der Kirchen sei die Demokratie die „beste Staatsform für unsere Zeit“, betonte Charbonnier. Sie ermögliche es besonders gut, zentrale Werte für das Zusammenleben zu sichern. Keine Person und keine Partei besitze die absolute Wahrheit. Wer dies behaupte und andere Positionen verächtlich mache, verschärfe die Polarisierung.

Um Polarisierungen abzubauen, brauche es Verfahren wie parlamentarische Debatten, faire Rede und Gegenrede sowie freie Wahlen. „Wer politische Macht erhalten will oder anstrebt, muss dies mit dem besseren Argument begründen. Dieses Relativieren von Macht ist eine fundamentale Stärke der Demokratie - und aus christlicher Sicht unterstützenswert.“

Kirchliche Lerngeschichte

Die evangelischen Kirchen hätten in diesem Punkt eine „Lerngeschichte“ durchlaufen, sagte der Theologe: Die Geschichte der Reformation und Gegenreformation, der Konfessionskriege und des jahrhundertelangen Bündnisses von Thron und Altar habe gezeigt, dass Staat und Kirche getrennt werden müssten. „Wo sich der Staat religiös legitimiert und die Kirche mit staatlicher Macht verbunden ist, werden beide ihren Aufgaben nicht gerecht.“

epd-Gespräch: Michael Grau


"Open Doors": Christenverfolgung stärker politisch thematisieren



Millionen Christen weltweit leiden wegen ihres Glaubens unter Druck und Gewalt. "Open Doors"-Leiter Markus Rode fordert mehr Aufmerksamkeit - in Öffentlichkeit und Politik.

Karlsruhe/Kelkheim (epd). Der Leiter des Hilfswerks „Open Doors“, Markus Rode, hat eine zu geringe Wahrnehmung des Themas Christenverfolgung in Deutschland und Europa beklagt. Es fehle häufig an Wissen über das Ausmaß der Verfolgung, sagte Rode dem Evangelischen Pressedienst (epd). Zudem sei Religionsfreiheit hierzulande so selbstverständlich, dass sich viele Menschen die Realität von Gefängnis, Vertreibung oder Gewalt aus Glaubensgründen kaum vorstellen könnten.

„Open Doors“ veranstaltete in Karlsruhe einen Kongress zum Thema Christenverfolgung, bei dem auch Betroffene aus verschiedenen Ländern berichten werden. Nach Einschätzung des missionarisch ausgerichteten Hilfswerks sind weltweit mehr als 388 Millionen Christen wegen ihres Glaubens intensiver Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt. Die Daten liefern den Angaben zufolge kirchliche Netzwerke, regionale Menschenrechtsanwälte, Analysten sowie Experten von „Open Doors International“.

Appell: Diplomatische Möglichkeiten nutzen

Christen würden in vielen Ländern aus unterschiedlichen Gründen bedrängt, etwa durch autoritäre Regierungen, religiösen Extremismus oder gesellschaftlichen Druck, so Rode. Besonders betroffen seien Konvertiten, die sich bewusst für den christlichen Glauben entscheiden und oft aus dem engsten familiären Umfeld heraus verfolgt würden. Besorgniserregend sei zudem die Lage in Teilen Subsahara-Afrikas, wo Christen zunehmend Opfer islamistischer Gewalt würden.

Rode forderte, Religionsfreiheit stärker in der deutschen Außen-, Entwicklungs- und Menschenrechtspolitik zu verankern. Deutschland habe diplomatische und wirtschaftliche Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen und das Thema klar anzusprechen. Zugleich müsse der Schutz Betroffener gewährleistet bleiben. Verfolgte Christen seien nicht nur Opfer, betonte Rode, sondern engagierten sich vielfach selbst in Bildung, Gesundheitsversorgung sowie für Versöhnung und Frieden.

epd-Gespräch: Matthias Pankau (epd)



Gesellschaft

Steter Mahner und gefragter Zeitzeuge - Albrecht Weinberg ist tot




Albrecht Weinberg
epd-bild/Karen Miether
Noch mit über 100 Jahren war er ein gefragter Zeitzeuge. Albrecht Weinberg zählte zu den wenigen, die noch berichten konnten, wie die Verfolgung von Juden in Deutschland ihren Anfang nahm. Jetzt ist er im ostfriesischen Leer gestorben.

Leer (epd). Wenn er mit Schülerinnen und Schülern sprach, war Albrecht Weinberg in seinem Element. „Ich bin ja mehr oder weniger der Einzige, der ihnen noch ein Bild geben kann“, so hat er es dem Evangelischen Pressedienst (epd) beschrieben. Mit jungen Menschen über seine Erfahrungen zu sprechen, machte ihm Mut. „Da bleibt etwas hängen“, das war die Hoffnung des Holocaustüberlebenden, der als einer von wenigen noch von den Anfängen des Judenhasses in Deutschland berichten konnte. Einmal mehr wird künftig mit ihm ein wichtiger Zeitzeuge fehlen: Am 12. Mai ist Albrecht Weinberg im ostfriesischen Leer zu Hause friedlich eingeschlafen, wie seine Mitbewohnerin Gerda Dänekas dem epd bestätigte.

Albrecht Weinberg wurde 101 Jahre alt. Er hat in jungen Jahren die Lager von Auschwitz, Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen überlebt - und drei Todesmärsche. „Das ist seit 80 Jahren in meinem Kopf. Ich brauche mich nur zu waschen, dann sehe ich meine Häftlingsnummer“, so hat er es kurz vor seinem 100. Geburtstag bei einer Begegnung bei Ostfriesentee in Leer erzählt. Dort lebte er die letzten Jahre gemeinsam mit seiner früheren Pflegerin Gerda Dänekas in einer Art WG.

Der Beginn der Ausgrenzung

Sie waren Ostfriesen, die Weinbergs aus Rhauderfehn. Albrechts Vater hatte für Deutschland im Ersten Weltkrieg gekämpft. Und doch wurde dieser nie zuerst mit seinem Vornamen Alfred angesprochen. Immer schickten sie zuerst „de Jööd“ voran, plattdeutsch für „der Jude“. „Ich war elf, da haben sie mich von der Schule geworfen“, erinnerte sich Weinberg. Freunden wurde verboten, mit ihm zu spielen. So begann für ihn die Ausgrenzung der Juden in Deutschland, an deren Ende die Ermordung von Millionen von Menschen stand.

Albrecht Weinbergs Eltern wurden 1945 in Auschwitz ermordet. Dorthin verschleppten sie auch ihn. Dass diejenigen, die bei der Ankunft in eine andere Richtung gehen mussten als er selbst, in den Tod in den Gaskammern geschickt wurden, war ihm damals noch nicht bewusst. Als er am Ende seines Leidensweges im April 1945, nach drei Todesmärschen, aus dem niedersächsischen Konzentrationslager Bergen-Belsen bei Celle befreit wurde, sei er ein Knochengerippe gewesen, so berichtete er viele Male vor Schulklassen oder bei Lesungen. „Mit Haut überzogen, zwischen den Gerippen von Bergen von Leichen.“

Auswanderung in die USA

Nach der Befreiung fand er seine Schwester Friedel wieder, die als eine der wenigen der Familie überlebt hatte. Gemeinsam wanderten sie nach Amerika aus. Dass er im Alter wieder in Deutschland leben würde, hätte er sich damals nicht vorstellen können. Friedel und er blieben zusammen. Er eröffnete mit einem Freund in New York eine Fleischerei, die den Lebensunterhalt sicherte. 2012 verschlug es die Geschwister dann doch nach Leer, ganz in die Nähe ihres Geburtsortes. Nachdem Friedel einen Schlaganfall erlitten hatte, zogen sie dorthin in ein Altenheim.

Die Pflegerin Gerda Dänekas bekam den Auftrag, sich um sie zu kümmern. Nach Friedels Tod wurde sie zur wichtigsten Begleiterin in Albrecht Weinbergs Leben. Sie nahm gemeinsam mit ihm eine Wohnung und sie ermunterte ihn, über die Vergangenheit zu sprechen. Das erste Mal überhaupt erzählte er 2013 einer Historikerin der Gedenkstätte Bergen-Belsen seine Lebensgeschichte. Fortan wurde er zu einem ebenso umtriebigen wie geschätzten Zeitzeugen. Gemeinsam mit Gerda Dänekas war er unzählige Male in Schulen, bei Vorträgen und Lesungen unterwegs. Später kam der Journalist Nicolas Büchse dazu, der zusammen mit Weinberg dessen Biografie geschrieben hat.

Als Zeitzeuge vielfach geehrt

Als Zeitzeuge ist Weinberg vielfach geehrt worden. Er ist Ehrenbürger von Nordhausen bei Mittelbau-Dora, von Leer und Rhauderfehn. In seinem Geburtsort ist eine Schule nach ihm benannt worden. Das Bundesverdienstkreuz jedoch gab er kurz vor seinem 100. Geburtstag zurück. Er protestierte damit dagegen, dass vor dem Regierungswechsel in Berlin die Unionsparteien im Bundestag mit den Stimmen der AfD einen Antrag zur Verschärfung der Migrationspolitik durchgebracht hatten. Für Weinberg war das ein weiteres Zeichen für einen gesellschaftlichen Rechtsruck, der auf ihm lastete. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier konnte ihn im persönlichen Gespräch nicht umstimmen.

Noch mit über 100 Jahren besuchte Albrecht Weinberg 2025 die Gedenkveranstaltungen 80 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen - eine Verpflichtung, so sah er es. Im April wollte er eigentlich erneut an dem Gedenken in Mittelbau-Dora in Thüringen teilnehmen, musste aber aufgrund von gesundheitlichen Problemen absagen.

epd video: Holocaust-Überlebender Albrecht Weinberg gestorben

Von Karen Miether (epd)


Mehr Straftaten gegen Gedenkstätten im vergangenen Jahr




KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen
epd-bild/Jens Schulze
Sachbeschädigung, Volksverhetzung, Diebstahl, Hausfriedensbruch: Die Zahl der Straftaten in und gegen Gedenkstätten ist im vergangenen Jahr gestiegen.

Berlin (epd). Die Zahl der gegen deutsche Gedenkstätten gerichteten Straftaten hat im vergangenen Jahr zugenommen. Insgesamt wurden 425 Delikte registriert, 2024 waren es 385, wie aus der Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Linken hervorgeht, die am 11. Mai vom Bundestag veröffentlicht wurde. Den größten Anteil an der Gesamtzahl haben Sachbeschädigungen: 224 wurden 2025 gezählt, im Jahr davor waren es 195.

Auch die Zahl von Volksverhetzungen und Propagandadelikten in Gedenkstätten hat der Statistik zufolge im vergangenen Jahr zugenommen. Zu weiteren Straftaten zählen Hausfriedensbruch, Diebstahl, Störung der Totenruhe sowie Nötigung und Bedrohung.

Keine Antwort auf Fragen zu Angriffen auf Kulturszene

Die meisten Straftaten wurden in den einwohnerstarken Bundesländern Nordrhein-Westfalen (69) und Bayern (49) gemeldet. Verhältnismäßig viele Straftaten meldeten zudem Berlin (39), Brandenburg (38) und Thüringen (33), wo sich bundesweit bedeutsame Gedenkstätten befinden, die über die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten informieren.

Der Linken-Abgeordnete David Schliesing sagte dem Evangelischen Pressedienst (epd), die Zahl der Angriffe auf Orte des Erinnerns habe einen neuen Höhepunkt erreicht. Das sei „extrem besorgniserregend“. Schliesing, der Obmann im Kulturausschuss ist, wollte über die Anfrage auch erfahren, wie viele solcher Straftaten es gegen die Kunst- und Kulturszene gibt, hatte darauf aber keine Antwort erhalten.

„Sollten diese nicht gesondert erfasst werden, müsste diese Leerstelle schnellstmöglich behoben werden“, forderte er. Er erwarte, dass Bundes- und Landesregierungen „endlich deutlich mehr unternehmen, um die Kunst- und Kulturszene sowie historische Gedenkstätten vor rechten Angriffen zu schützen“, sagte Schliesing.



"Sea-Watch 5": Ermittlungen gegen Kapitän in Italien




Taufe der "Sea-Watch 5" im November 2022 in Hamburg
epd-bild/Stephan Wallocha
Erst wurde das Schiff von einer libyschen Patrouille beschossen, nach dem Einlaufen in den Hafen von Brindisi ermittelt nun die italienische Justiz gegen den Kapitän der "Sea-Watch 5". Die Rettungsorganisation erklärt: "Wir sind fassungslos."

Berlin/Brindisi (epd). Die italienische Justiz ermittelt nach Angaben von Sea Watch gegen den Kapitän des Rettungsschiffs „Sea-Watch 5“. Ihm werde „Beihilfe zur unerlaubten Einreise“ vorgeworfen, erklärte die Hilfsorganisation am 16. Mai. Zuletzt sei vor sechs Jahren in Italien ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren gegen ein ziviles Rettungsschiff eingeleitet worden.

Die „Sea-Watch 5“ war der Hilfsorganisation zufolge am Montag im Mittelmeer in internationalen Gewässern von einer libyschen Patrouille bedroht und beschossen worden, nachdem es 90 Menschen aus Seenot gerettet hatte. Demnach feuerte die Küstenwache zahlreiche Schüsse ab und drohte damit, das Schiff zu entern und nach Libyen zurückzubringen.

Dokumente beschlagnahmt

Am Freitagvormittag lief es mit 166 geretteten Personen im Hafen von Brindisi ein. Kurz darauf gingen laut Sea Watch Beamte der Küstenwache sowie Polizei an Bord. „Sie blieben dort bis weit nach Mitternacht, beschlagnahmten Dokumente sowie Equipment und brachten zwei Crewmitglieder zur polizeilichen Vernehmung auf die Wache“, teilte die Organisation weiter mit. Die Staatsanwaltschaft in Brindisi war am Samstag zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Sea Watch sprach von einer „absurden Eskalation“. „Wir sind fassungslos. Nachdem wir Anfang der Woche auf hoher See von Italiens libyschen Partnern fast entführt wurden, folgt nun der nächste Angriff durch den italienischen Staat in Form strafrechtlicher Ermittlungen“, erklärte Sprecherin Giulia Messmer.

Ermittlungen gegen Rackete und „Iuventa“-Crew eingestellt

Die italienische Justiz hatte 2019 Ermittlungen wegen Begünstigung illegaler Einwanderung gegen die damalige Kapitänin der „Sea-Watch 3“, Carola Rackete, eingeleitet. Das Verfahren wurde 2021 eingestellt. Auch gegen Crewmitglieder des Schiffs „Iuventa“ wurde dieser Vorwurf erhoben, das Verfahren wurde nach sieben Jahren 2024 niedergeschlagen.

Das Mittelmeer zählt zu den gefährlichsten Fluchtrouten weltweit. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind seit Jahresbeginn mehr als 1.200 Menschen auf der Route nach Europa gestorben oder sie werden vermisst.



Studie: 82,2 Millionen Menschen 2025 auf der Flucht im eigenen Land



Niemals zuvor wurden in einem Jahr so viele neue Vertreibungen aufgrund von Gewalt und Konflikten registriert wie 2025. Fast die Hälfte aller Binnenvertriebenen aufgrund von Konflikten lebte in nur fünf Ländern, die meisten davon im Sudan.

Genf (epd). Die Zahl der Binnenflüchtlinge aufgrund von Konflikten und Naturkatastrophen hat sich laut einer Studie im vergangenen Jahrzehnt verdoppelt. Rund 82,2 Millionen Menschen seien 2025 innerhalb ihres eigenen Landes wie im Sudan oder der Ukraine auf der Flucht gewesen, teilte das Beobachtungszentrum für interne Vertreibungen (IDMC) am 12. Mai in Genf mit.

Im Jahr 2016 seien es noch 38,9 Millionen Binnenflüchtlinge gewesen, heißt es in dem „Globalen Bericht“ des Zentrums. Konflikte und Gewalt führten den Angaben zufolge im vergangenen Jahr zu 32,3 Millionen neuen Vertreibungen. Die Verschärfung von Konflikten wie im Gaza-Streifen führte laut der Studie dazu, dass 2025 etliche Menschen mehrfach vertrieben wurden.

Hälfte der Binnenvertriebenen lebt in nur fünf Ländern

Niemals zuvor seien in einem Jahr so viele neue Vertreibungen aufgrund von Gewalt und Konflikten registriert worden. Fast die Hälfte aller Binnenvertriebenen aufgrund von Konflikten lebte in nur fünf Ländern. Im Sudan irrten zum dritten Mal in Folge mit 9,1 Millionen die meisten Binnenflüchtlinge umher, gefolgt von Kolumbien (7,2 Millionen), Syrien (sechs Millionen), dem Jemen (4,8 Millionen) und Afghanistan (4,4 Millionen).

Hinzu seien 2025 rund 29,9 Millionen Vertreibungen aufgrund von Naturkatastrophen gekommen. Viele davon seien durch den Klimawandel bedingt gewesen, wie Dürren, Stürme und Überschwemmungen.

Das Völkerrecht unterscheidet zwischen Binnenflüchtlingen einerseits und Flüchtlingen andererseits. Binnenflüchtlinge fliehen vor Unterdrückung, Gewalt und Naturkatastrophen innerhalb ihres eigenen Landes. Flüchtlinge hingegen suchen Schutz in einem anderen Staat. Das Beobachtungszentrum für interne Vertreibung mit Sitz in Genf gehört zum Norwegischen Flüchtlingsrat. Das Zentrum arbeitet eng mit den Vereinten Nationen zusammen.



Vergewaltigung nach K.o.-Tropfen soll härter bestraft werden



Das Verabreichen von K.o.-Tropfen bei Sexualverbrechen wird bislang anders bewertet als der Einsatz einer Waffe. Das soll sich ändern. Immerhin sei die Betäubung "besonders hinterhältig und gefährlich", sagt Justizministerin Hubig.

Berlin (epd). Eine Vergewaltigung unter Einsatz von K.o.-Tropfen soll künftig mit einer Mindeststrafe von fünf Jahren Gefängnis geahndet werden. Das Bundeskabinett brachte am 13. Mai eine von Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) vorbereitete Strafrechtsverschärfung auf den Weg. Betäubende Mittel werden bei einer Vergewaltigung aktuell rechtlich anders bewertet als etwa der Einsatz einer Waffe, womit maximal drei Jahre Haft drohen.

„Vergewaltigungen unter Einsatz von K.-o.-Tropfen sind besonders hinterhältig und gefährlich“, erklärte Hubig. Das Strafrecht müsse darauf „eine harte Antwort geben“, sagte sie. Das Gesetzesvorhaben sei Teil einer Gesamtstrategie zum besseren Schutz vor Gewalt. Der Bundestag muss darüber noch beraten.

Zahl der Vergewaltigung 2025 gestiegen

Bereits entschieden hat der Bundestag über den Einsatz von Fußfesseln für Männer nach häuslicher Gewalt gegen Frauen. Vorgelegt hat Hubig zudem Pläne gegen sexualisierte Gewalt an Frauen im Netz und Änderungen im Kindschaftsrecht, um Männern den Umgang mit Kindern untersagen zu können, wenn sie der Mutter gegenüber gewalttätig geworden sind.

Gegen einen insgesamt rückläufigen Trend bei der Kriminalität in Deutschland ist die Zahl der Vergewaltigungen im vergangenen Jahr stark gestiegen. Fast 14.500 Fälle von Vergewaltigung, sexueller Nötigung und sexuellen Übergriffen im besonders schweren Fall hat es 2025 laut Statistik des Bundeskriminalamts gegeben. Das waren 8,5 Prozent mehr als im Vorjahr.



Amnesty: Wenige Länder treiben Zahl der Hinrichtungen in die Höhe




Sitz von Amnesty International Deutschland in Berlin
epd-bild/Christian Ditsch
Für 2025 verzeichnet Amnesty International weltweit einen extremen Anstieg bei der Vollstreckung der Todesstrafe. Fast die Hälfte der dokumentierten Hinrichtungen erfolge völkerrechtswidrig im Zusammenhang mit Drogendelikten.

Berlin (epd). Mehr als 2.700 dokumentierte Hinrichtungen und vermutlich Tausende nicht erfasste Fälle: Im vergangenen Jahr wurde laut Amnesty International die Todesstrafe weltweit so oft vollstreckt wie seit 1981 nicht mehr. Allein im Vergleich zum Vorjahr habe sich die Zahl der dokumentierten Exekutionen fast verdoppelt, erklärte die Menschenrechtsorganisation in ihrem am 18. Mai vorgestellten Todesstrafenbericht 2025.

Der hohe Anstieg gehe vor allem auf wenige Staaten zurück, die die Todesstrafe gezielt als Instrument der Einschüchterung einsetzten, erklärte Amnesty. Allen voran seien dies China, der Iran und Saudi-Arabien. Die im Bericht dokumentierten 2.707 Hinrichtungen bildeten dabei nur einen Teil des tatsächlichen Ausmaßes ab. Nicht erfasst seien Zahlen aus China, wo Daten zu Exekutionen als Staatsgeheimnis gälten. Jährlich würden dort Schätzungen zufolge Tausende Personen hingerichtet - und damit die meisten Menschen weltweit. Auch Hinrichtungen in Vietnam und Nordkorea seien in der Gesamtzahl nicht erfasst.

Starker Anstieg im Iran

Im Iran werde die Todesstrafe verstärkt als Instrument der Unterdrückung und zur Verbreitung von Angst eingesetzt, heißt es in dem Bericht weiter. Dort seien im vergangenen Jahr mindestens 2.159 Menschen hingerichtet worden, mehr als doppelt so viele wie 2024. In Saudi-Arabien habe es mindestens 356 Exekutionen gegeben. Anstiege bei der Vollstreckung der Todesstrafe verzeichnete Amnesty auch in den USA (von 35 auf 47), in Singapur (von 9 auf 17), Ägypten (von 13 auf 23) und Kuwait (von 6 auf 17). Hinrichtungen gab es 2025 zudem noch in zehn anderen Ländern: in Afghanistan, Irak, Japan, Jemen, Nordkorea, Somalia, Südsudan, Taiwan, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Vietnam.

„Die Todesstrafe ist die extremste Form staatlicher Gewalt: Sie ist unmenschlich, endgültig und lässt keinen Raum für Fehler oder Gerechtigkeit“, erklärte Julia Duchrow, Generalsekretärin von Amnesty International Deutschland. Mit Blick auf die Todesstrafe als Instrument der Unterdrückung verwies sie auf das Beispiel Iran. Dort „können wir aktuell auf bedrückendste Weise mitverfolgen, wie Staaten die Todesstrafe systematisch einsetzen, um Menschen zum Schweigen zu bringen, benachteiligte Gruppen zu unterdrücken und Angst zu verbreiten.“

Todesstrafe in Großteil der Länder abgeschafft

Insgesamt erfolgte fast die Hälfte aller dokumentierten Hinrichtungen 2025 dem Bericht zufolge im Zusammenhang mit Drogendelikten. Auch im Iran sei dies bei 998 Exekutionen der Fall gewesen. Nach internationalen Menschenrechtsstandards dürfe die Todesstrafe jedoch ausschließlich bei „schwersten Verbrechen“ verhängt werden. Menschen für Straftaten wie Drogendelikte hinzurichten, sei zusätzlich ein klarer Bruch des Völkerrechts.

Als positive Entwicklung führt Amnesty an, dass inzwischen mehr als zwei Drittel aller Länder weltweit die Todesstrafe gesetzlich oder in der Praxis abgeschafft haben. In Europa und Zentralasien seien 2025 keine Todesurteile verhängt und keine Hinrichtungen vollstreckt worden, auf dem amerikanischen Kontinent habe es einzig in den USA Exekutionen gegeben, in Afrika hätten 3 von 54 Staaten Menschen hingerichtet.

Von Silvia Vogt (epd)


Trauernde treffen sich zum Spaziergang oder Kochkurs




Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Trauerspaziergangs bei Groß-Umstadt
epd-bild/Teresa Kammerlander
In Ludwigshafen bringt ein Verein trauernde Männer zum Kochen und Essen zusammen. Es geht darum, wieder Kontakte zu knüpfen. Gemeinschaft mit Gleichgesinnten ist auch für die Menschen im Odenwald wichtig, die sich zum Trauerspaziergang treffen.

Ludwigshafen, Groß-Umstadt (epd). Ein sonniger Frühlingstag, eine Gruppe von mehr als 20 Erwachsenen jeden Alters ist zu einem Spaziergang zwischen blühenden Wiesen und Obstbäumen rund um Groß-Umstadt im hessischen Odenwald unterwegs. Die Frauen und Männer unterhalten sich, die Stimmung ist gut, auch wenn der Anlass des Treffens ein trauriger ist: Die Spaziergänger sind einer Einladung des Ökumenischen Hospizvereins Vorderer Odenwald gefolgt, der seit drei Jahren zu Trauerspaziergängen einlädt.

Es habe sie große Überwindung gekostet, sich den Spaziergängern anzuschließen, räumt eine Frau ein, deren 16-jährige Tochter vor knapp einem Jahr bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Sie habe im Vorfeld gewusst, dass sie eine der wenigen sein wird, die das eigene Kind verloren haben. Dennoch tue die Gemeinschaft gut und das Gefühl „du bist nicht allein“. Auch für ein Lachen werde niemand verurteilt, fügt sie hinzu.

In der Bewegung sind offenere Gespräche möglich

Der Kontakt zu anderen Betroffenen und das Gespräch tue Trauernden gut, sagt die ehrenamtliche Trauerbegleiterin Heidi Naumann. Bei den Spaziergängen seien sie draußen in der Natur und in Bewegung, dabei könnten sie offener sprechen. „Das mildert das Leid ab“, schildert ein älterer Herr die emotionalen Folgen.

Eine Frau trauert um ihren Verlobten, den Vater ihrer Tochter. Er ist 2021 gestorben. Ihre Stimme wackelt ein wenig, als sie das erzählt. Der Austausch mit anderen allerdings hilft ihr: „Wir sind verbunden in der Zeit, in der wir laufen. Das macht mich glücklich“, betont sie und lächelt zaghaft.

Gemeinsames Kochen kann seelisch aufbauen

Gemeinschaft spielt auch eine große Rolle beim „Kochtreff für trauernde Männer“ des Fördervereins Hospiz und Palliativ in Ludwigshafen. Einmal im Monat kommen Männer im Alter zwischen 50 und 85 Jahren in der Lehrküche des Zentrums für ambulante Rehabilitation am St. Marienkrankenhaus zusammen. Das gemeinsame Kochen und Essen könne die Männer seelisch aufbauen und ihnen Kraft geben, erläutert Dietmar Breininger.

Der Trauerbegleiter leitet den Treff gemeinsam mit seiner Kollegin Renate Ladwig. Wenn die Ehefrau tot sei, verlören viele Männer alle sozialen Kontakte, berichtet die Ernährungsberaterin. Ihr sind der gesundheitliche und der soziale Aspekt wichtig: Wenn die trauernden Männer auf dem Markt einkauften, fänden sie wieder Kontakt zu anderen Menschen und gutes Essen diene ihrer Gesundheit und fördere die Lebensqualität.

In der Gemeinschaftsküche stehen an diesem Abend Gemüse-Kartoffelpuffer auf dem Speiseplan. Friedrich rührt den Quark mit Milch an, gibt etwas Kresse hinein. „Wie viele Löffel Quark soll ich nehmen, drei oder vier?“, fragt er. Ladwig schaut ihm über die Schulter: „Ist egal, es kann nichts passieren, es muss einfach schmecken“, sagt sie. Klaus reibt währenddessen Kartoffeln, Karotten und Pastinaken klein und gibt die grün-gelbliche Masse in die Pfanne. Das Öl zischt, schnell verbreitet sich ein leckerer Duft.

Klassische Rollenverteilung war oft selbstverständlich

Die Männer eint die Trauer um ihre verstorbenen Partnerinnen oder Partner - und der Wunsch, wieder unter Menschen zu kommen. Der 84-jährige Friedrich verlor vor zwei Jahren seine Frau. In der Familie habe die klassische Rollenverteilung seiner Generation geherrscht, sagt der Senior: Der Mann ging zur Arbeit, die Frau war für Haushalt und Familie zuständig.

„Ich habe nichts gemacht, ich war zu bequem“, gesteht Friedrich, der sich nach dem Tod seiner Frau mit Tiefkühlkost oder einem schnellen Imbiss behalf. „Ich hätte mehr Anerkennung zeigen sollen“, sagt er nachdenklich, „alles war selbstverständlich.“

Viele hinterbliebene Männer gerade im höheren Lebensalter seien im Alltag überfordert, auch weil ihre verstorbenen Frauen ihnen vieles abgenommen hätten, sagt Breininger. „Viele scheitern an den einfachsten Dingen: Wäsche waschen, Haushalt machen und Kochen.“

Rausgehen und neue Leute kennenlernen

Die Frau von Klaus starb vor zweieinhalb Jahren an Weihnachten. „Ein schlimmer Tag“, sagt der 71-jährige Pfälzer bitter. Das Kochen mit den anderen Männern, denen es wie ihm gehe, tue ihm gut: „Ich wollte raus, neue Leute kennenlernen.“

Schließlich sitzen alle am Tisch, lassen sich die Puffer mit Quark und Feldsalat schmecken. Irgendwann will er seine Familie zum Essen einladen, sagt Friedrich: „Das Leben schmeckt wieder.“

epd video: Wege aus der Trauer

Von Renate Haller und Alexander Lang (epd)


Nachbarschaftsprojekte: Teilen, Tauschen, Teilhaben




Udo Fischer und Esther Adam in der Fahrrad-Selbsthilfewerkstatt des Nachbarschaftsprojektes "Stadt.Teil.Raum" im Bremer Stadtteil Walle
epd-bild/Dieter Sell
Der "Tag der Nachbarschaft" Ende Mai macht sichtbar, was oft kaum beachtet wird: Gute Nachbarschaft ist eine wichtige Stütze der Gesellschaft. Gerade in Krisenzeiten. In Bremen trifft man sich zum Beispiel in einer Holzwerkstatt.

Bremen, Münster (epd). Es ist fast so etwas wie die Ruhe vor dem Sturm, akustisch jedenfalls. In der Holzwerkstatt des Bremer Nachbarschaftsprojektes „Stadt.Teil.Raum“ stecken an diesem Montagnachmittag Magdalena Riecken und Udo Fischer die Köpfe zusammen und überlegen, wie sie am besten anfangen. Riecken wohnt gleich um die Ecke und hat ein paar Bretter mitgebracht, aus denen sie in der Selbsthilfewerkstatt ein Regal bauen will. „Ein Geschenk für eine Freundin“, sagt sie.

Udo Fischer engagiert sich als einer von 60 Ehrenamtlichen im Projekt. Der 66-Jährige ist Tischler und Berufsschullehrer in Rente und berät Leute wie Magdalena Riecken, die ihm jetzt ihre Bauzeichnung zeigt.

Zuerst sollen die Bretter zugeschnitten werden. Also an der großen Tischkreissäge das richtige Maß einstellen, den Anschlag justieren, Ohrenschützer aufsetzen. Dann geht es los, Magdalena Riecken startet die Maschine: Ein schriller Ton füllt den Raum, langsam schiebt sie das erste Brett in das rotierende Sägeblatt. Udo Fischer hält und stabilisiert das Holz auf der anderen Seite.

„Der Ort hier“, findet Riecken, „ist richtig cool. Diese Kultur, Dinge zu teilen, sich gegenseitig zu helfen, das weiß ich sehr zu schätzen.“

Hilfe und soziale Kontakte

„Stadt.Teil.Raum“ wurde von fünf gemeinschaftlichen Wohnprojekten als Raum für soziale Kontakte und einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen im Bremer Stadtteil Walle geschaffen. Seit Sommer 2023 öffnet der selbstorganisierte Treffpunkt seine Türen für Veranstaltungen, Workshops und praktische Nachbarschaftshilfe. „Es gibt eine Holz- und eine Fahrradwerkstatt, ein wöchentliches Reparatur-Café für Textilien und Elektrogeräte, einen Lastenradverleih, eine Zeichengruppe und offene Verschenkeregale“, zählt Koordinatorin Esther Adam auf.

Was hier passiert, ist typisch für Nachbarschaftsprojekte, die auf Initiative der gemeinnützigen Stiftung nebenan.de seit 2018 bundesweit immer am letzten Freitag im Mai mit dem „Tag der Nachbarschaft“ gefeiert werden. Die Vielfalt reicht vom Teilen und Tauschen über gemeinsames Gärtnern in Hochbeeten bis zur Gruppe, die ein großes Straßenfest vorbereitet - Aktionen, die Studien zufolge auch gegen die fortschreitende Einsamkeit in der Gesellschaft helfen können.

Säule für Zusammenhalt

„Gerade in Krisenzeiten sind nachbarschaftliche Netzwerke eine wichtige Säule für den gesellschaftlichen Zusammenhalt“, betont Sebastian Kurtenbach, Soziologe aus Münster. „In der Nachbarschaft wird Demokratie im Alltag erprobt, das klappt ziemlich gut.“ Das bestätigt auch das „Nachbarschaftsbarometer“ aus dem vergangenen Jahr. Die laut Initiatoren repräsentative Online-Studie hat ergeben, dass 69 Prozent der Befragten das Zusammenleben in der Nachbarschaft als gut oder sehr gut erleben.

Dabei spielen digitale Nachbarschaftsportale wie nebenan.de - die nach eigenen Angaben mit mehr als 4,3 Millionen Nutzerinnen und Nutzern größte Nachbarschaftsplattform in Deutschland - mittlerweile eine wichtige Rolle. „Wenn Menschen sich kennenlernen und miteinander vernetzt sind, können sie sich schneller informieren, gegenseitig unterstützen und gemeinsam Lösungen finden“, sagt Philipp Witzmann, Geschäftsführer von nebenan.de. Das sei ein wichtiger Beitrag zur gesellschaftlichen Resilienz, auch in schwierigen Zeiten.

Bei Magdalena Riecken lief es erst mal ganz analog. Sie ist vor sechs Monaten nach Walle gezogen und hat bald Stadt.Teil.Raum entdeckt. Der Ort wurde 2025 als Bremer Landesprojekt mit dem Deutschen Nachbarschaftspreis ausgezeichnet und wurde allein im vergangenen Jahr von rund 1.000 Besucherinnen und Besuchern genutzt. Finanziell getragen wird er durch Spenden, zwei Teilzeitstellen sind öffentlich gefördert. „Ich habe hier schon einige Leute kennengelernt“, erzählt die 38-jährige Riecken. Sie findet es wichtig, dass sie kommen kann, ohne etwas kaufen zu müssen: ein Treffpunkt ohne Konsumzwang.

Treffpunkte gefährdet

Häuser wie diese seien wichtig für die Nachbarschaft, litten aber vielfach an mangelnden finanziellen Ressourcen und der Kommerzialisierung öffentlicher Flächen, warnt der Sozialwissenschaftler Sebastian Kurtenbach. „Das sehe ich mit Sorge, da riskieren wir Zusammenhalt.“

Der entsteht in den Waller Werkstätten fast nebenbei, gelegentlich auch bei einem ersten Kontakt zwischen Tür und Angel, wenn mal eben schnell eine Schraube gekürzt werden muss. „Gemeinsam etwas Praktisches machen, das verbindet“, so erlebt es Udo Fischer. „Und ein Gespräch entwickelt sich dann ganz von selbst.“

Manchmal kann auch noch mehr daraus werden, vielleicht sogar die große Liebe. Die dann hoffentlich nicht so unerfüllt bleibt wie in dem Hit, den 1976 Chris Norman von der Band „Smokie“ sang, als er in „Living Next Door to Alice“ dem Mädchen seiner Träume hinterher schmachtete. Der Frau, die gleich nebenan wohnte und die wegzog, bevor er ihr seine Liebe gestand.

Von Dieter Sell (epd)



Soziales

"Inklusion schmeckt": Diakonie-Betrieb in der Bundestags-Gastronomie




Servicekraft Benjamin bedient einen Gast
epd-bild/Matthias Kindler
Blick auf Reichstag und Spree, Gäste aus Politik und auf Berlinbesuch, Personal mit Handicap: Die Diakonie betreibt mitten im Berliner Regierungsviertel in einem Bundestagsgebäude ein Bistro. Und bietet dort Jobs für Menschen mit Behinderungen.

Berlin (epd). Die Sonne kommt langsam hinter den Wolken hervor und die ersten Touristen finden am späten Vormittag den Weg ins Bistro „Marie“. Kaffee wird bestellt, ein Blick in die Speisekarte geworfen, auf ein Angebot von Currywurst bis Topinambur-Krapfen. Im vergangenen Herbst hat die evangelische Johannesstift-Diakonie das Bistro im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, einem der Bundestagsgebäude, nach ein paar Wochen Probebetrieb eröffnet, um „gelebte Inklusion im Herzen Berlins sichtbar“ zu machen.

Alle Angestellten arbeiten sozialversicherungspflichtig und werden nach Tarif bezahlt. Mehrere Mitarbeitende hätten so den Schritt aus Werkstattstrukturen in den allgemeinen Arbeitsmarkt geschafft, erzählt eine Sprecherin des Sozialträgers: „Die Tätigkeit im Bistro ist reguläre Erwerbsarbeit unter realen Marktbedingungen, mit Qualitätsanspruch, Verantwortung und direktem Kundenkontakt.“

Begegnungsort im Bundestagsumfeld

Ugur Koca koordiniert an dem Tag die Arbeit in dem Lokal mit rund 200 Plätzen auf zwei Etagen. „Unser Ziel war es von Anfang an, einen offenen Begegnungsort im Umfeld des Bundestags zu schaffen, der Gastronomie mit gesellschaftlichem Engagement verbindet“, sagt der 38-Jährige. Den Menschen mit Handicap tue das gut, betont er: „Sie haben so ihre versteckten Schwächen, aber hier blühen sie dann auch ganz gut auf.“

13 Menschen arbeiten dort derzeit, einige von ihnen ohne, einige mit Behinderung, mit seelischen oder anderen Problemen. Benjamin, 40 Jahre alt, Familienvater, ist einer von ihnen. Ein Motorradunfall hat ihn vor ein paar Jahren aus seinem bisherigen Leben katapultiert. Seinen Nachnamen möchte er nicht nennen.

„Ich war Berufskraftfahrer bei der Stadtreinigung und unterwegs zu einer Weiterbildung“, erzählt er. An den Unfall mitten in Berlin erinnert er sich nicht. Er habe ein schweres Schädel-Hirn-Trauma davongetragen, habe Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis, könne nicht mehr in seinem alten Job arbeiten und sei inzwischen Frührentner, sagt der Vater von zwei Kindern. Ein paar Stunden in der Woche arbeitet er nun im Bistro „Marie“ im Service.

„Ich kann immer den Reichstag sehen“

„Inklusion schmeckt“, steht auf dem schwarzen T-Shirt, das Benjamin an dem Tag bei der Arbeit trägt. Manchmal vergisst er, was er gerade tun sollte. Dann geht er zurück und fragt noch einmal nach. Die Arbeit gefalle ihm, sagt er mit trockenem Humor: „Das ist schön, ich kann immer den Reichstag sehen.“

Besonders gut seien die Sitzungswochen im Parlament, erzählt er: „Dann kommen auch Mitarbeiter aus dem Bundestag.“ Beschäftigte der Fraktionen von CDU/CSU, SPD und Grünen seien an den Tagen regelmäßig zu Gast. Für welche Partei sie arbeiten, sei meist an den an Bändern hängenden Bundestagsausweisen zu erkennen.

Auch Prominente aus der Politik haben sich schon blicken lassen, darunter Altbundeskanzler Olaf Scholz (SPD). Bundesbildungsministerin Karin Prien von der CDU, die frühere Kulturstaatsministerin Claudia Roth von den Grünen, der Linken-Politiker und frühere Ministerpräsident von Thüringen, Bodo Ramelow, seien dagewesen, zählt eine Mitarbeiterin auf: „Und Leute von der 'heute-Show', die im Regierungsviertel unterwegs waren.“

Noch mehr inklusive Arbeitsplätze sollen entstehen

Das Bistro lädt außerdem zu Kulturveranstaltungen wie Lesungen und Filmabenden ein. Perspektivisch sei geplant, dies weiter auszubauen und auch noch mehr inklusive Arbeitsplätze zu schaffen, sagt Ugur Koca.

Benjamin räumt einen Tisch ab und erzählt von seinen Plänen: Er will wieder Motorrad fahren. „Ich hätte gern Angst davor, hab ich aber nicht“, sagt er: „Ich will es halt einfach.“ Er wolle auch wieder als Berufskraftfahrer arbeiten, erzählt er. Ein paar Hürden habe er schon geschafft. Nun hoffe er, auch die Erlaubnis für seine alten Lkw-Fahrklassen wiederzubekommen. Am Nachmittag taucht die Sonne die Terrasse vor dem Bistro „Marie“ in ihr Licht. Und die Tische sind alle besetzt.

epd video: Inklusion schmeckt - Das Bistro Marie am Bundestag

Von Yvonne Jennerjahn (epd)


Studie beleuchtet Schwierigkeiten für Zugewanderte im Wohnungsmarkt




Eingang zu Mehrfamilienhaus in Berlin
epd-bild/Rolf Zöllner
In vielen Gegenden ist die Suche nach einer bezahlbaren Wohnung ein Problem. Für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte sind die Herausforderungen besonders groß, wie das Jahresgutachten des Sachverständigenrats für Migration zeigt.

Berlin (epd). Menschen mit Migrationsgeschichte haben es auf dem ohnehin angespannten Wohnungsmarkt einer Untersuchung zufolge besonders schwer. Die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage wirke sich speziell auf diese Menschen stark aus, „weil sie über weniger finanzielle Mittel verfügen oder als Neuzugewanderte neu in den Markt eintreten“, sagte der Vorsitzende des Sachverständigenrats für Integration und Migration, Winfried Kluth, am 12. Mai in Berlin. Das Jahresgutachten des Rats gibt auch Hinweise, wie sich die Situation verbessern ließe.

„Zugewanderte haben im Durchschnitt weniger Wohnfläche pro Person zur Verfügung und leben häufiger in überbelegten Wohnungen“, heißt es in dem fast 200 Seiten langen Bericht. Sie lebten auch seltener im Eigentum, müssten einen höheren Anteil ihres Einkommens für Wohnkosten ausgeben und seien überproportional von Wohnungslosigkeit betroffen.

„Arm und Reich leben tendenziell unter sich“

Das Gutachten verweist auf einen Zusammenhang zwischen Migrationshintergrund und finanzieller Situation. „Familien und einkommensschwache Personen haben es häufig besonders schwer, bezahlbaren Wohnraum zu finden - und dazu zählen überdurchschnittlich oft Menschen mit Zuwanderungsgeschichte“, erläutern die Forscherinnen und Forscher. Zudem lebten sie häufig in Städten, wo der Wohnungsmarkt häufig sehr angespannt sei.

Dort gebe es zwar im internationalen Vergleich nur in geringem Maße eine ethnische Segregation, bei der in einzelnen Vierteln jeweils viele Menschen mit der gleichen Migrationsgeschichte wohnen. Die soziale Segregation habe in deutschen Städten zuletzt aber zugenommen, sagte der Jurist Kluth von der Universität Halle-Wittenberg. „Arm und Reich leben tendenziell unter sich.“

Kitas und Schulen in schwierigen Stadtteilen stärken

Um die Situation zu verbessern, empfiehlt der Sachverständigenrat unter anderem mehr Aufmerksamkeit für Stadtteile, in denen „Zuwanderung und Armut sich verschränken“. Hier solle gezielt etwa in Kitas, Schulen, Gesundheitseinrichtungen und Begegnungsmöglichkeiten investiert werden. Außerdem sei ein besserer Schutz vor Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt nötig.

Bei der Verteilung von Geflüchteten auf Länder und Kommunen müssten „integrationsrelevante Aspekte“, etwa freie Stellen und Kinderbetreuungsplätze, einbezogen werden, heißt es in dem Gutachten weiter. Der Hildesheimer Politikwissenschaftler Hannes Schammann wies in Berlin darauf hin, dass sich für eine Reform der Verteilung aktuell ein „gutes Fenster“ biete: Durch niedrigere Geflüchtetenzahlen sei der „Druck auf dem System“ vergleichsweise gering. Außerdem erfordere die Umsetzung des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) ohnehin Änderungen.

Experte: Bessere Startchancen senken Folgekosten

Schammann betonte zudem, dass es sich für den Staat lohne, sich von Anfang an um eine möglichst gute Unterbringungssituation zu kümmern: Dadurch verbesserten sich die Startchancen der Neuankömmlinge, was die Folgekosten senke.

Dem unabhängigen Sachverständigenrat gehören neun Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen an. Das Gremium soll mit Daten und Fachexpertise die Politik beraten und die Öffentlichkeit informieren.

Von Christina Neuhaus (epd)


Nach Kabinettsbeschluss: Kritik an neuen Regeln für Heizungen




Es dürfen weiter neue Gasheizungen eingebaut werden.
epd-bild/Friedrich Stark
Mit den neuen Heizungsplänen setzt die Bundesregierung auf einen Kurswechsel, der auf heftige Kritik stößt. Verbände warnen vor steigenden Kosten, Bürokratie und einer verlängerten Abhängigkeit von Öl und Gas.

Berlin (epd). Begleitet von Protesten hat das Bundeskabinett am 13. Mai die künftigen Regeln für Heizungen abgesegnet. Mit dem Entwurf für das Gebäudemodernisierungsgesetz soll die Vorgabe abgeschafft werden, neue Geräte mit mindestens 65 Prozent erneuerbaren Energien zu betreiben. Stattdessen sollen bei neuen Öl- und Gasheizungen nach und nach mehr klimafreundlichere Kraftstoffe beigemischt werden. Die Regierungspläne stoßen bei Umwelt- und Sozialverbänden auf scharfe Kritik.

Laut dem Gesetzentwurf der Ministerien für Energie und Wohnen können weiterhin Öl- und Gasheizungen eingebaut werden. Sie müssen aber einen wachsenden Anteil an klimafreundlicheren Treibstoffen wie Biogas verbrennen. Los geht es 2029 mit zehn Prozent, dann steigt der Anteil bis 2040 schrittweise auf 60 Prozent. Offen bleibt, wie damit die Klimaziele im Gebäudesektor erreicht werden sollen. Deutschland hat sich verpflichtet, spätestens im Jahr 2045 klimaneutral zu sein.

Überprüfung in vier Jahren

Deswegen sieht das bisherige Gebäudeenergiegesetz, besser bekannt als Heizungsgesetz, auch vor, dass ab 2045 keine Heizkessel mehr mit fossilen Brennstoffen betrieben werden dürfen. Mit dem neuen Gesetz soll dieser Passus wegfallen. Ein Sprecher des für Klimaschutz zuständigen Umweltministeriums sagte in Berlin, der Entwurf nehme Bezug auf das Klimaschutzgesetz. Das mache deutlich, dass die Klimaschutzvorgaben „auch für alle Heizungssysteme“ gelten. Das Gebäudemodernisierungsgesetz soll 2030 klimapolitisch evaluiert werden.

Die Pläne können zu zusätzlichen Kosten für Bewohner von Mietwohnungen führen. Der Entwurf sieht vor, dass Vermieter und Mieter jeweils die Hälfte des CO2-Preises auf Öl und Gas, der Kosten für die Biokraftstoffe und der Gas-Netzentgelte bezahlen. Dies soll über die jährliche Heizkostenabrechnung geregelt werden.

Scharfe Kritik vom Normenkontrollrat

Der Nationale Normenkontrollrat kritisierte den Entwurf für das Gebäudemodernisierungsgesetz mit scharfen Worten. „Dieser Gesetzentwurf gehört zu den handwerklich schwächsten und praxisfernsten Vorhaben, die dem Nationalen Normenkontrollrat in den vergangenen Jahren vorgelegt wurden,“ sagte der Vorsitzende des Normenkontrollrates, Lutz Goebel, der „Bild“-Zeitung.

Das Gesetz sei ein „Paradebeispiel dafür, warum viele Menschen staatliche Regeln nicht mehr verstehen“, so Goebel. Es verursache nach Einschätzung des Nationalen Normenkontrollrates zusätzliche Bürokratie- und Beratungskosten. Im parlamentarischen Verfahren sollten die Vorschläge der Verbände „nochmal umfassend geprüft“ und der Entwurf überarbeitet werden.

Protest vor dem Kanzleramt

Zur Kabinettsitzung demonstrierte die Klimabewegung „Fridays for Future“ mit weiteren Organisationen unter dem Motto „Eure Politik verheizt unsere Zukunft“ vor dem Kanzleramt gegen die Pläne. Der Dachverband Klima-Allianz nannte den Gesetzentwurf einen „Rückschritt für die Menschen im Land, für das Klima und für die Versorgungssicherheit“.

Der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Olaf Bandt, forderte den Bundestag auf, den „fossilen Rollback“ zu stoppen. Der Entwurf sei ein „Tiefpunkt der bundesdeutschen Klimapolitik“ und setze Mieterinnen und Mieter „massiven Kostenrisiken“ aus. Auch die Greenpeace-Energieexpertin Mira Jäger warnte, vielen Haushalten drohe eine „Kostenfalle“. Außerdem verlängere die Regierung die Abhängigkeit Deutschlands von Öl- und Gasimporten.

Regierung setzt auf schnelle Verabschiedung

Die Präsidentin des Sozialverbands VdK, Verena Bentele, wies darauf hin, dass viele Haushalte bereits mit hohen Lebenshaltungs- und Energiekosten kämpften. „Statt den Umstieg auf bezahlbare und klimafreundliche Wärme konsequent voranzutreiben, hält die Bundesregierung an Technologien fest, die langfristig immer teurer werden.“

Das Gebäudemodernisierungsgesetz soll nach dem Willen der Regierung noch vor der Sommerpause verabschiedet werden, die im Juli beginnt. Als Nächstes befassen sich Bundestag und Bundesrat mit dem Entwurf.

Von Christina Neuhaus und Ellen Nebel (epd)


Zwischen Alkohol und Autonomie: Sucht im Pflegeheim ist tabuisiert




Ältere Frau trinkt Wein (Archivbild)
epd-bild/Andrea Enderlein
Wenn Bewohnerinnen und Bewohner von Seniorenheimen trinken, steht das Personal vor einem Dilemma. Einerseits hat es eine Fürsorgepflicht. Andererseits gibt es auch für Senioren ein Recht auf Selbstbestimmung.

Würzburg, Bremen (epd). Manchmal weint die alte Dame. „Richtig bitterlich“, sagt Michaela Rzegotta. Sie weint, berichtet die Pflegedienstleiterin eines Würzburger Pflegeheims der Arbeiterwohlfahrt (AWO), weil sie es wieder nicht geschafft hat. Eigentlich möchte sie nicht mehr trinken. Sie ist doch jetzt schon so alt. Und im Heim. Dann packt es sie doch wieder, dann besorgt sie sich wieder Wein, trinkt zwei Schoppen. Oder drei.

Sucht im Pflegeheim ist ein Tabuthema. Dabei kommt es gar nicht selten vor. „Statistiken kenne ich nicht, aber aus meiner 25-jährigen Berufserfahrung heraus schätze ich, dass bis zu zehn Prozent der Heimbewohner betroffen sind“, sagt Rzegotta.

Selbstbestimmung ist wichtig

Denkt man an die vielen Heimbewohnerinnen und -bewohner, die Medikamente schlucken, könnte man zu dem Schluss kommen: besser keinen Tropfen Alkohol. „Aber auch Selbstbestimmung ist wichtig“, gibt Rzegotta zu bedenken. Sie erinnert sich an einen Bewohner, der mit Leberzirrhose kam. Aufhören zu trinken wollte er nicht. Man ließ ihn drei Wochen lang gewähren, dann starb er.

Schwieriger war es bei einem Bewohner, der so viel trank, dass er öfter stürzte. Oder er konnte alkoholisiert den Urin nicht mehr halten. Beides setzte einen Teufelskreis in Gang. Weil sich der Mann schämte, ging er nicht zum gemeinsamen Essen. Er zog sich in sein Zimmer zurück und trank aus Frust.

Rzegotta wäge von Fall zu Fall ab, wie sie vorgehe, erklärt sie: „Das müssen wir aufgrund unserer Fachlichkeit einschätzen können.“ Wen soll man gewähren lassen, weil die betreffende Person unter noch mehr Entzug von Autonomie leiden würde? Wem muss man unbedingt Hilfe anbieten? Stets handele sie individuell, eingedenk dessen, dass es schwierig sei, sein Leben aufgeben zu müssen, in ein Heim zu ziehen und dort zu erleben, wie es körperlich immer weiter abwärtsgehe.

Frage nach Vorteilen

Im Heim gibt es oft wenig Besuch oder Zuwendung, kaum noch Aufgaben, womöglich kommen verdrängte Erinnerungen an traumatische Erlebnisse hoch. Petra Müller, Suchttherapeutin bei der Würzburger Caritas, sagt, es sei nachvollziehbar, dass alte Menschen in dieser Situation tränken. Das Thema selbst ist auch ihrer Aussage zufolge hoch tabuisiert.

Sucht hat meist etwas mit der Psyche zu tun. „Ich beginne immer mit der Frage, welchen Vorteil der Suchtmittelkonsum bringt“, berichtet Müller von Fällen, wenn jemand mit Suchtproblem zu ihr kommt. Schnell kämen die Klienten darauf: „Dadurch kann ich ein Stück Freiheit ausleben.“ Dieser Faktor spielt laut der Suchtexpertin bei Pflegebedürftigen eine große Rolle. Vor allem Senioren, die noch mobil sind und selbst einkaufen können, seien verleitet, zu Bier oder Wein zu greifen: „Um sich mal ein bisschen wegzubeamen.“

Wird der Konsum offenbar, wagt es den Erfahrungen Müllers zufolge kaum jemand in der Einrichtung, den Bewohner direkt anzusprechen. In Fortbildungen erklärt sie, wie wichtig dies wäre. „Dabei sollte man Fürsorge ausdrücken“, sagt sie. Außerdem finde sie es sinnvoll, Selbsthilfegruppen aus dem Suchtbereich anzubieten, sich in Räumen des Pflegeheims zu treffen.

Bewohnern Normalität zugestehen

Trotz allem: Alkoholkonsum gehört zur Normalität. Diese Normalität solle man auch Pflegeheimbewohnern zugestehen, appelliert Christian Morgner. Der gelernte Suchtberater aus Bremen ist seit 2012 rechtlicher Betreuer und aktuell stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbands für Berufsbetreuer.

Er habe schon mehrere betagte Klienten mit Suchtproblematik gehabt, die ins Heim umziehen mussten, erzählt Morgner. In einigen Fällen sei es schwierig gewesen, sie unterzubringen. Zwar wird ein Neuankömmling in den meisten Fällen vor dem Einzug nicht gefragt, ob er trinkt. Doch kommt dies direkt oder indirekt heraus, könne die Aufnahme abgelehnt werden. „Viele Einrichtungen leiden ja ohnehin unter Personalmangel, mit suchtkranken Bewohnern sind sie vollends überfordert“, erklärt Morgner.

Morgner hatte schon Klienten, die bis zum Umzug nicht tranken: „Im Heim fingen sie plötzlich an, weil sie sich auf dem Abstellgleis fühlten“, berichtet er. Unvergessen bleibe ihm ein Senior, der nach drei Wochen aus dem Heim stürzte und sich betrank. Hinterher habe er zu Morgner gesagt: „Mir ist hier einfach alles zu eng.“

Von Pat Christ (epd)



Medien und Kultur

Georg Baselitz: Ein Weltkünstler in einer Dorfkirche




Georg Baselitz: "Mein Vater sieht einen Engel" (1996)
epd-bild/Förderverein Seemannskirche Prerow
Der kürzlich verstorbene Maler Georg Baselitz wird seit Jahren als einer der weltweit wichtigsten Künstler gefeiert. An Pfingsten ist eines seiner Bilder für 72 Stunden nonstop im Ostseebad Prerow auf dem Darß zu sehen.

Prerow (epd). Was nur wenige wissen: Georg Baselitz hieß eigentlich Hans-Georg Kern, der weltbekannte, kürzlich verstorbene Maler stammte aus Deutschbaselitz in der Oberlausitz. Er verbrachte als Kind und Jugendlicher regelmäßig die Sommerferien mit der Familie auf dem Zeltplatz im Ostseebad Prerow. Vater Johannes Kern, lebensbeeinträchtigend kriegsverwundet, genoss diese Auszeit sehr und organisierte sie regelmäßig. „Für die Familie Kern bedeuteten diese Urlaube Glückseligkeit“, sagt Susan Knoll vom Förderverein der Prerower Kirche.

Es sei bekannt gewesen, dass Georg Baselitz 1996 ein drei mal vier Meter großes Gemälde mit dem Titel „Mein Vater sieht einen Engel“ gemalt habe. Es ist angelehnt an ein Foto, das seinen Vater gen Himmel blickend am Strand von Prerow zeigt. „Ein Bild voller Frieden und Harmonie. Eben das, was die Kerns hier in Prerow suchten und fanden und was sie nur schwerlich in ihr Leben zu Hause mitnehmen konnten“, sagt Knoll.

Glückliche Erinnerungen an Prerow

Es entstand die Idee, zum 300-jährigen Bestehen der Seemannskirche das Gemälde nach Prerow auf dem Darß zu holen. Susan Knoll habe sich „dann einfach getraut“ und Kontakt mit Georg Baselitz aufgenommen, der schon einen Tag nach Erhalt der Anfrage per Mail antwortete: „Ich habe sehr glückliche Erinnerungen an die Zeit. Im Ort gab es damals eine Eisdiele, man bekam dort Eis mit alkoholischen Essenzen und es gab keine gepflasterten Straßen, wunderbar. Ich war auch in der Kirche; es gab damals einen Beschließer, den man nicht verstand, aber ich fand das Ganze - weil es so unsächsisch und heidnisch war - sehr schön!“ - Baselitz gab sofort die Zusage, das Gemälde „Mein Vater sieht einen Engel“ in der Prerower Kirche ausstellen zu dürfen.

Schnell sei jedoch klar geworden, für alles würden Spezialisten benötigt - ein Restaurator, eine Wachfirma, eine Versicherung, ein Transportunternehmen. Aufgrund der hohen Kosten wäre es daher nicht möglich gewesen, das Bild für zwei, drei Wochen in der Urlaubszeit zu präsentieren. „Ein Wunschtraum“, sagt Knoll, „aber allein die Bewachungskosten für das Werk, das einen siebenstelligen Wert hat, wären für einen kleinen, ehrenamtlich tätigen Verein nicht zu stemmen.“

Baselitz rund um die Uhr

Als Ausweg ergab sich die zeitliche Verknappung, also das Gemälde „kurz, aber heftig“ auszustellen. So wird es jetzt sein: Drei Tage rund um die Uhr, 72 Stunden, von Freitag, 22. Mai, bis Pfingstmontag, 25. Mai, wird Baselitz' Werk zu sehen sein. „Baselitz nicht nur von 9 bis 17 Uhr, sondern auch nachts um 3 Uhr genießen - das ist doch was“, sagt Susan Knoll. Im Förderverein war die Begeisterung für die Idee groß, schnell seien viele bereit gewesen, auch nachts Wein und morgens um 6 Uhr Kaffee auszuschenken. „Ein Weltkünstler in einer Dorfkirche - wenn das keine Geschichte ist!“, freut sich die Initiatorin.

Schnell sei man sich einig gewesen, keinen Eintritt zu erheben, sondern stattdessen auf die Generosität der Besuchenden zu setzen und um Spenden zu bitten. Schließlich finde am Pfingstsonntag noch das Benefizkonzert „Cello-Zauber“ statt. „Wenn wir unter dem Strich mit einer schwarzen Null aus dem Event herauskommen, dann sind wir sehr zufrieden.“ Entscheidend sei, „dass wir ein Bild quasi zu seinem Nachhause, seinem Ursprungsort, gebracht haben, Weltkunst in unsere ländliche Region gebracht haben, zudem die Region in den Fokus gerückt und viel für das Image des Darß, unserer wunderschönen kleinen Kirche und unseres Vereins getan haben. Kommt alle nach Prerow!“, fasst Susan Knoll das Anliegen zusammen.

Hochwertige Kunstdrucke handsigniert

Der Tod von Georg Baselitz mache alle in der Vorbereitungsgruppe sehr betroffen, wobei er aus gesundheitlichen Gründen von vornherein seine Anwesenheit vor Ort abgesagt hatte. „Aber er hat uns noch kürzlich 25 hochwertige Kunstdrucke des Gemäldes 'Mein Vater sieht einen Engel' von Hand signiert, die vom Förderverein nun zum Wohle der Seemannskirche verkauft werden können. Damit hat er uns sehr großzügig unterstützt.“

Mit seinem Tod habe das Projekt noch einmal eine ganz andere Bedeutung bekommen. Man werde „Georg Baselitz 72 Stunden nonstop in der Seemannskirche“ jetzt mit besonderer Sorgfalt und Respekt vor dem Weltkünstler umsetzen. So werde unter anderem ein Kondolenzbuch in der Kirche ausgelegt, in das sich die Verehrer seiner Kunst eintragen können.

Von Nicole Kiesewetter


Mutter des zeitgenössischen afrikanischen Tanzes




Germaine Acogny
epd-bild/Thomas Dorn/ecole des sables
Die Tanz-Ikone Germaine Acogny zählt zu den großen künstlerischen Stimmen Afrikas. Jetzt wird sie 82 und an ihrem Geburtstag, dem 28. Mai, kommt der Dokumentarfilm "Germaine Acogny: Die Essenz des Tanzes" in die deutschen Kinos.

Dakar (epd). Sie ist zur Legende geworden, weil sie den zeitgenössischen Tanz revolutioniert hat: Mit ihrer „Methode Acogny“ integriert Germaine Acogny im Senegal afrikanische Tänze und Bewegungen in moderne Choreografien. „Das Ziel meiner Technik ist es, dass die Tänzer zu Natur werden, der Körper wird zum Spiegel der Natur, zum Archiv der Bewegungen“, sagt sie im epd-Gespräch. Die Natur inspiriere sie: „Die Bewegungen der Bäume, der Seerosen, des Perlhuhns.“ In ihrer Tanzschule am Meer gibt sie ihr Können weiter. Im Jahr 2021 wurde sie für ihr Lebenswerk auf der Tanzbiennale Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

Der Film „Germaine Acogny: Die Essenz des Tanzes“ von Greta-Maria Becker dokumentiert das Leben und die Arbeit der französisch-senegalesischen Tänzerin und Choreografin. Am 28. Mai, ihrem 82. Geburtstag, kommt er auch in deutsche Kinos.

Afrikanische Traditionen, klassischer Tanz

Acogny kommt 1944 im westafrikanischen Benin zur Welt. Die Großmutter beeinflusst sie mit Gesten aus der Voodoo-Tradition. Acogny lernt afrikanische Traditionen sowie klassischen und modernen westlichen Tanz in Paris. Mit 24 gründet sie ihr erstes Tanzstudio in der senegalesischen Hauptstadt Dakar. Mit Entschlossenheit und Talent entwickelt sie ihren eigenen Tanzstil, den sie mit einem Beispiel aus der Kochkunst erklärt: „Ich kann chinesisch, deutsch oder afrikanisch essen, aber ich bleibe Germaine Acogny“, betont die Künstlerin, die auch mit fast 82 eine trainierte Frau ist. „Ich werde nicht Chinesin oder Deutsche, sondern bleibe, wer ich bin, und verarbeite die Nahrung oder die Philosophie anderer Kontinente.“

Gemeinsam mit ihrem deutschen Ehemann Helmut Vogt eröffnet sie ihre eigenen Tanzschulen in Frankreich und im Senegal. 2004 gründet das Paar die „Schule des Sandes“ („Ecoles des Sables“) in Toubab Dialao an der senegalesischen Küste. Hier leben Germaine und Helmut in ihrem Haus am Meer - wenn sie nicht auf internationalen Tourneen unterwegs sind. Ihr gefallen die Hügel, das viele Grün und der Meerblick mit einer Lagune, auf der „wundervolle“ Vögel leben, wie sie sagt.

Senegalesischer Sabar-Tanz

Die Schule „Ecole des Sables“ erstreckt sich über vier Hektar, mit drei Dörfern für die Tänzer. Hier ist Platz für 72 Personen, die in drei offenen Tanzstudios Kurse machen. Im großen Studio werden derzeit Profitänzer aus aller Welt in der „Methode Acogny“ ausgebildet. Nach zwei Jahren sollen sie diese selbst lehren, die Weitergabe ihrer Technik ist das erklärte Ziel.

Gastprofessorin Yama Wade erklärt den Schülern an diesem Tag den typisch senegalesischen Tanz „Sabar“, der für Germaine Acogny eine große Rolle spielt. Ganz in Rosa gekleidet tanzt die Lehrerin vor, erklärt, wie wichtig die Atmung ist, wie sich der Körper bequem bewegt. Rechtshänder fangen anders an als Linkshänder. Sie zupft ihren Rock mit der rechten Hand nach oben, während der linke Arm eine weit ausladende Bewegung Richtung Himmel macht. Vom Meer weht eine sanfte Brise, die Schülerinnen und Schüler tanzen nach. „Ihr braucht euren Kopf nicht, der ist schwer“, korrigiert die Lehrerin unter dem Gelächter der Schüler: „Wenn ihr den mit in die Bewegung nehmt, wird er noch schwerer und ihr kriegt einen steifen Nacken.“

Tanz, Musik, Rhythmus

Die Perkussionisten kommen hinzu, darunter Maman Doufalbé. „Tanz, Musik und Rhythmus sind sehr strukturiert“, sagt er über die Technik von Germaine Acogny. Mit ihren traditionellen Instrumenten spielen die Musiker vielerlei Rhythmen mit Profis aus aller Welt.

Am Ende des nachmittäglichen Unterrichts tanzen die afrikanischen, europäischen und asiatischen Choreografinnen und Choreografen den Sabar-Rhythmus, als ob sie damit geboren wären. „Das hilft mir beruflich, das hilft meinem Körper und meiner Art, Afrikaner zu sein“, sagt der 33-jährige Ali Traore aus Burkina Faso begeistert: „Ich habe viel gelernt und fühle mich wie neugeboren in meinem Beruf als Tänzer. Tanz und Körper werden eins.“

Blick auf schwarze Körper ändern

Germaine Acogny geht es beim Tanz auch um eine Dekolonisierung des schwarzen Körpers. „Wir müssen den Blick der anderen auf schwarze Körper ändern“, sagt sie bestimmt. Oft werde der Körper von Schwarzen sexualisiert oder man empfinde ihn als schön, weil er gut tanze: „Aber man sieht nicht die Essenz der Bewegung“, bedauert Acogny.

Der Film „Die Essenz des Tanzes“ zeigt, wie sie auf entschlossene Art als Lehrerin motiviert und antreibt - bis heute unterrichtet sie Amateure und Profis. Besonders gerne gebe sie Kurse für Frauen über 50, von denen manche noch nie getanzt hätten: „Der Körper heilt, während man tanzt“, behauptet sie. Freilich könne einem danach alles wehtun: „Man hat das Alter, das man hat“, sagt sie lächelnd.

Film zeigt ihre Seele

Der Film zeige aber auch ihre Seele, betont Germaine Acogny und beendet das Gespräch mit einem Lob für Regisseurin Greta-Marie Becker und die Kamerafrau Sophie Maintigneux: „Diesen Film hätte ich tanzen können“, sagt Acogny: „Regisseurin und Kamerafrau hatten eine große Sensibilität, sie haben gespürt, wer ich bin, wie schwarze Körper sind und was ich zeigen wollte.“

Von Martina Zimmermann (epd)


Rockstar ist der "geilste Beruf" - Udo Lindenberg wird 80




Udo Lindenberg (2022)
epd-bild/Philipp Reiss
Er hat gezeigt, dass Musik mit deutschen Texten cool sein kann: Zu seinem 80. Geburtstag wird Udo Lindenberg mit einer Ausstellung und einem Tribute-Album gefeiert.

Gronau, Münster (epd). Ohne ihn ist die deutsche Rock- und Pop-Musik nicht denkbar. Mit „Alles klar auf der Andrea Doria“ oder dem „Sonderzug nach Pankow“ hat Udo Lindenberg den Beweis angetreten, dass Rockmusik mit deutschen Texten nicht nur cool, sondern auch erfolgreich sein kann. Mit seiner unverwechselbaren Sprache mischt Udo seit Jahrzehnten mit, engagiert sich für Frieden, Toleranz, Zusammenhalt oder das Zusammenwachsen von Ost- und Westdeutschland. Am 17. Mai ist er 80 Jahre alt geworden.

Ende April wurde in Hamburg die Ausstellung „Udoversum“ eröffnet, sie würdigt den selbsternannten Panikrocker mit persönlichen Notizen, Bühnenoutfits, Instrumenten und bislang unveröffentlichten Fundstücken. Dass seine Songs auch heute noch aktuell sind, beweist das Tribute-Album „We Love Udo“, auf dem 24 Künstler Lindenberg-Stücke interpretieren, von Tokio Hotel über Jan Delay und The Boss Hoss bis Johannes Oerding.

„Ich bereue keine Sekunde“

Rockstar zu sein, sei der „geilste Beruf, den es gibt“, sagt der Musiker in der aktuellen ARD-Doku „Rebell, Rockstar, Ikone“. „Wenn man jetzt mal bedenkt, 50, 60 Jahre Karriere - ich bereue keine Sekunde.“ Und Lindenberg lässt keinen Zweifel daran, dass er es auch mit 80 Jahren nicht ruhiger angehen lassen wird. Eine nächste Tournee sei schon in Planung, sagte er in einem Interview zur Udo-Ausstellung: „Wir sind ja Rampensäue, sind ja Bühnenvögel.“ Und die Begierde sei „richtig groß“.

„Lindenberg schafft es seit mehr als fünf Jahrzehnten, der deutschen Rockmusik und Popkultur eine frische Perspektive zu geben“, sagt der Münsteraner Musikwissenschaftler Michael Custodis. Bekanntzuwerden und sich eine Karriere aufzubauen, sei bereits beeindruckend. „Eine solche Karriere aber über viele Jahrzehnte am Laufen zu halten - mit allen Aufs und Abs - ist äußerst selten.“

Song „Komet“ erste Nummer-eins-Hitsingle

Lindenberg hat in seiner Laufbahn jede Menge Höhen, aber auch Abstürze überlebt. Inzwischen hat er seine Alkoholexzesse hinter sich gelassen und ist seit Jahren wieder ganz oben: Sein Comeback-Album „Stark wie zwei“ (2008) und der Nachfolger „Stärker als die Zeit“ (2016) landeten ebenso an der Spitze der Albumcharts wie seine beiden in Hamburg aufgenommenen „MTV Unplugged“-Livealben von 2011 und 2018. Der Song „Komet“ mit dem deutschen Rapper Apache 207 von 2023 wurde die erste Nummer-eins-Hitsingle in seiner Karriere.

Anfang der 70er Jahre habe es an deutschsprachiger Musik „fast nur so Schlagermist“ gegeben, erinnert sich Lindenberg: „Dem musste man was entgegensetzen.“ Seine Redewendungen in „Udo-Deutsch“ gehören schon zum Alltagsdeutsch: „keine Panik auf der Titanic“, „alles unter Kontrolle“, „mit dem Sakko nach Monaco“. Für seine Verdienste um die deutsche Sprache erhielt er im Jahr 2010 den Jacob-Grimm-Preis.

Wohnsitz Hotel Atlantic Hamburg

Seit Jahren residiert Udo Lindenberg überwiegend im Hamburger Hotel Atlantic. Er selbst strickte in seinem ersten großen Hit Anfang der 70er Jahre „Hoch im Norden“ noch die Legende, dass er hoch im Norden, hinter den Deichen, geboren sei und nicht in Gronau in Westfalen.

Udo Gerhard Lindenberg kam 1946 zur Welt und wuchs mit drei Geschwistern in bescheidenen Verhältnissen auf. Schon als Kind begann er, auf Fässern Rhythmen zu schlagen. Der damals bereits berühmte Jazz-Saxofonist Klaus Doldinger engagierte ihn als Schlagzeuger für seine Formation „Passport“. Der Durchbruch gelang ihm dann 1973 mit der Platte „Alles klar auf der Andrea Doria“.

Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen gehört das Bundesverdienstkreuz, das er 1989 für Verdienste um die Verständigung zwischen Ost und West erhielt. Seine Heimatstadt Gronau ernannte ihn zum Ehrenbürger, Fans ließen ihm dort ein Udo-Denkmal errichten. Lindenberg, der seit einiger Zeit auch zeichnet, stieß außerdem die Gründung des Gronauer „Rock’n’Popmuseums“ an.

Früh die deutsch-deutsche Teilung thematisiert

Mit Songs wie „Wir wollen doch einfach nur zusammen sein (Mädchen aus Ost-Berlin)“ von 1973 oder „Sonderzug nach Pankow“ von 1983 hat er früh die deutsch-deutsche Teilung thematisiert. Hinter den Kulissen habe er zudem wie ein geschickter Diplomat Kontakte zu hochrangigen Politikern in Ost und West genutzt, erklärt Custodis. Lindenberg habe mit seiner Prominenz viel dazu beigetragen, Spaltungen zu überwinden und Menschen näher zusammenzubringen. 1983 trat er erstmals in Ost-Berlin auf, fand sich allerdings vor einem ausgewählten Publikum der DDR-Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend (FDJ). Konzerte für seine Fans im Osten durfte er dann erst in den letzten Monaten der DDR geben.

„Lindenberg bietet uns einen außergewöhnlichen roten Faden durch die deutsch-deutsche Geschichte“, erklärt Custodis, der an einem Buch zum Thema Lindenberg und die DDR arbeitet, das Ende des Jahres erscheinen soll. Der Musiker habe Menschen miteinander in Beziehung gebracht. Lindenberg selbst sagte bei der Eröffnung der Hamburger Ausstellung: „Du gehst an meinen Bildern vorbei oder checkst meine Songs durch, dann hast du ein ganz gutes Bild von der Bunten Republik Deutschland.“ Bei diesem Anlass lud er auch schon mal zu einer Tournee zu seinem 100. Geburtstag ein - für das Jahr 2046.

Von Holger Spierig (epd)


Ulf Poschardt gibt Herausgeber-Position bei "Welt" auf




Ulf Poschardt (2018)
epd-bild/Jürgen Blume
Vom Herausgeber zum Autor: Der Journalist Ulf Poschardt wechselt seine Position beim Medien-Unternehmen Axel Springer.

Berlin (epd). Der Journalist Ulf Poschardt gibt die Position des Herausgebers bei „Welt“, „Politico Deutschland“ und „Business Insider Deutschland“ zum 1. Juli ab. Dies erfolge auf eigenen Wunsch, teilte das Medien-Unternehmen Axel Springer SE am 13. Mai in Berlin mit. In seiner neuen Rolle werde Poschardt Autor und Podcaster für die Premium-Gruppe des Verlags, zu der die Produkte „Welt“, „Politico Deutschland“ und „Business Insider Deutschland“ gehören. Darüber hinaus werde er auch für alle deutschen und internationalen Medienmarken des Hauses, wie „Bild“, arbeiten.

Zu den Formaten gehörten beispielsweise tägliche „Drei-Fragen-Drei-Antworten-Clips“ für alle Social-Media-Plattformen oder eine „Eins zu eins-Talkshow“ für Welt TV. Bei „Bild“ werde Poschardt mit mehreren Formaten, darunter eine wöchentliche Kolumne und ein Videoformat, sichtbar sein.

Leidenschaftlich diskutiert

Poschardt kam 2008 als stellvertretender Chefredakteur der „Welt am Sonntag“ zu Axel Springer, wurde 2016 Chefredakteur der Welt-Gruppe und im vergangenen Jahr Herausgeber von „Welt“, „Politico Deutschland“ und „Business Insider Deutschland“.

Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer, sagte: „Es gibt wenige Autoren, deren Beiträge so leidenschaftlich diskutiert werden wie die von Ulf Poschardt. Quer über alle Plattformen, vom Leitartikel in der 'Welt' bis zum Posting auf Social Media, erreicht er ein Millionenpublikum.“ Für diese Tätigkeit wolle man ihm den Raum geben, den er brauche, um seine Reichweite auszubauen.



Filme der Woche



Vivaldi und ich

Das Ospedale della Pietà im Venedig des 18. Jahrhunderts - Musikschule und Waisenhaus in einem - ist der Ausgangspunkt des Spielfilmdebüts von Opernregisseur Damiano Michieletto. Diese Verwahranstalt war auch ein Heiratsmarkt für Männer aus der höheren Gesellschaft und dieses Schicksal droht im Film auch Violinistin Cecilia (Tecla Insolia), die einem Offizier versprochen ist. Der nach beruflichen Rückschlägen in die Musikschule zurückkehrende Maestro Vivaldi (Michele Riondino) erkennt jedoch Cecilias Begabung und Ernsthaftigkeit und ernennt sie zur ersten Geige. Anders als in Tiziano Scarpas Romanvorlage „Stabat Mater“ steht in der Verfilmung die Beziehung zwischen Lehrer und Schülerin im Zentrum, der Konflikt spitzt sich erst zu, als der heiratswillige Offizier heimkehrt. Michieletto malt den Prunk des Barocks und die Schrecknisse der Lagunenstadt lyrisch aus, die wilden Tempi-Umschwünge Vivaldis (sowie des Filmkomponisten Fabio Massimo Capogrosso) geben den atemlosen Rhythmus vor.

Vivaldi und ich (Italien/Frankreich 2025). Regie: Damiano Michieletto. Buch: Ludovica Rampoldi, Damiano Michieletto. Mit: Tecla Insolia, Michele Riondino, Fabrizia Sacchi. Länge: 110 Min.

Eagles of the Republic

Der letzte Teil der Kairo-Trilogie von Tarik Saleh beginnt als Komödie über das Filmbusiness. George Fahmy (Fares Fares) ist ein abgehobener Filmstar, der kaum etwas von der Militärdiktatur mitbekommt, die das restliche Land unterjocht. In sein ausschweifendes Privatleben mischen sich die Machthaber nicht ein. Trotz islamischer Vorschriften kann der Megastar getrennt von seiner Frau (Donia Massoud) mit seiner jungen Geliebten (Lyna Khoudri) leben. Als sich das Gerücht verbreitet, George sei ein Gegner des Präsidenten, wandelt sich der Film zu einem düsteren Politthriller im Stil von Costa-Gavras. Um die Wogen zu glätten, übernimmt George die Hauptrolle in einem Propagandafilm, in dem er den gegenwärtigen Staatschef Abd al-Fattah as-Sisi - der sich 2013 an die Macht putschte - in ein positives Licht rücken soll und dringt immer tiefer in den Zirkel der Macht ein. „Eagles oft he Republic“ endet als grotesk überzeichnetes, aber auch komplexes Sittenbild der ägyptischen Gesellschaft.

Eagles of the Republic (Dänemark/Finnland/Schweden/Frankreich 2025). Regie und Buch: Tarik Saleh. Mit: Fares Fares, Lyna Khoudri, Zineb Triki, Sherwan Haji, Amr Waked, Donia Massoud. Länge: 129 Min.

The North

In der Hoffnung, ihre alte Freundschaft nach zehn Jahren wieder aufleben zu lassen, begeben sich die ehemalige WG-Genossen Chris und Lluis auf eine 600 Kilometer lange Wanderung durch die schottischen Highlands. Als vorläufiger Höhepunkt eines Roadmovie-Subgenres (von „Der große Trip - Wild“ über „Ich bin dann mal weg“ bis zu „Der Salzpfad“) unterscheidet sich „The North“ von anderen Filmen zum Thema durch seine dramaturgische Radikalität. Der schlichte Akt des Wanderns steht hier im Mittelpunkt. Die Protagonisten sind dabei nicht nur äußerlich gegensätzliche Typen. Es kristallisiert sich heraus, wie unterschiedlich die Lebenswege der Mittdreißiger verlaufen sind. Der Film deutet das alles nur an, verzichtet fast völlig auf Drama oder Konflikte und stellt dabei die imposante Landschaft der Highlands eindrucksvoll, aber nie plakativ oder pittoresk aus. Die wochenlange Wanderung der Männer wird mit unaufgeregtem Realismus eingefangen und entfaltet in rund zwei Stunden eine beinahe meditative Sogwirkung.

The North (Großbritannien/Niederlande 2025). Regie und Buch: Bart Schrijver. Mit: Carles Pulido, Bart Harder, Matthijs van de Sande Bakhuyzen, Olly Bassi, Sharon Verdegem. Länge: 130 Min.

Home Entertainment

Was tun, wenn die eingeladenen Gäste für den Abend ausbleiben? Florian (Joseph Konrad Bundschuh) und Marie (Nadine Dubois) wählen den gemütlichen Abend vor der Glotze. Aber bis entschieden ist, was man wo mit welchem Lieferdienst bestellt und welcher Film auf welcher Streaming-Plattform geschaut wird, ist der halbe Abend rum und der Verdruss groß. Dass der Sex als Alternative auch nicht funktioniert, ist fast vorprogrammiert. Als dann die verschollenen Gäste doch noch spontan auftauchen, ist das Chaos perfekt. Dietrich Brüggemann hat mit einem Mikrobudget, ohne jede Förderung, mit einem Team von nur zwei Leuten und einem kleinen Freundeskreis vor der Kamera ein bedeutsames und nahe gehendes Kammerspiel inszeniert. „Home Entertainment“ seziert den Mikrokosmos eines Paares und zeigt, wie die Kulturindustrie ihre Kinder frisst. Aber auch, wie man sich gegen die vielen digitalen Fallen wehren kann, die unser aller Alltag eigentlich erleichtern sollen, aber im Grunde genau das Gegenteil bewirken.

Home Entertainment (Deutschland 2025). Regie und Buch: Dietrich Brüggemann. Mit: Nadine Dubois, Joseph Bundschuh, Karoline Teska, Anna Brüggemann, Folke Renken. Länge: 85 Min.

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Entwicklung

Kein Geld mehr für Somalia: UN-Kürzungen könnten zu Hungersnot führen




Sharifo Aden Nur mit zwei ihrer Kinder in einem Vertriebenenlager in Mogadischu
epd-bild/Bettina Rühl
Somalia steuert auf eine neue Hungerkatastrophe zu: Millionen Menschen sind bedroht, Hunderttausende Kinder mangelernährt - und ausgerechnet jetzt könnte selbst die stark gekürzte Nothilfe bald ganz enden.

Mogadischu (epd). Sharifo Aden Nur musste mit ihren sieben Kindern fliehen. Der Regen in ihrer Heimat im Süden Somalias blieb über Monate aus; nun sitzt sie vor ihrer Wellblechhütte in einem Flüchtlingslager am Rande der Hauptstadt Mogadischu, wo sie vor gut vier Monaten Zuflucht fand.

Früher sei sie glücklich gewesen, sagt Sharifo Aden. „Was auf unserem Feld wuchs, reichte, um uns zu ernähren.“ Doch dann vertrocknete die Ernte und die Tiere gaben keine Milch mehr - sofern sie überhaupt überlebten. Jetzt bestehe ihr Leben nur noch aus der Suche nach Arbeit und dem Gedanken an Essen.

Dürre, Terror und stark gestiegene Preise

In Somalia sind drei Regenzeiten in Folge ausgefallen. Nach Angaben des UN-Welternährungsprogramms WFP sind mittlerweile sechs Millionen Menschen von Hunger bedroht, also fast ein Drittel der Bevölkerung. Davon befinden sich bereits zwei Millionen in einer Notsituation, auf der internationalen Skala zur Ernährungssicherheit (IPC) nur einen Schritt von einer Hungersnot entfernt. Rund 1,9 Millionen Kinder sind akut unterernährt, und Hunderttausenden von ihnen droht die schwerste Form der Unterernährung.

Grund dafür ist neben der schweren Dürre auch der anhaltende Terror der islamistischen Al-Shabaab-Miliz. Aufgrund der Gewalt können viele Menschen ihre Felder nicht bestellen und müssen fliehen. Meist suchen sie in Mogadischu Schutz.

Hinzu kommt nun auch noch die Preisentwicklung infolge der Krise in Nahost: Laut WFP sind die Lebensmittelpreise in einigen Gebieten Somalias um 70 Prozent gestiegen, die Kraftstoffpreise um 150 Prozent. Die Versorgungswege seien unterbrochen, was die Lieferung von Hilfsgütern innerhalb des Landes erschwere und verteuere, bedauerte der stellvertretende Exekutivdirektor des WFP, Matthew Hollingworth bei einer Pressekonferenz in Genf.

80 Prozent weniger Hilfe

Die Hungernden setzen ihre Hoffnung auf internationale Hilfsorganisationen und die UN - von der somalischen Regierung haben sie nicht viel zu erwarten: Nach dem Zusammenbruch aller staatlichen Strukturen in den 1990er Jahren ist sie bis heute personell schwach, organisatorisch überlastet und chronisch unterfinanziert.

Aber auch die Vereinten Nationen haben kaum noch etwas zu verteilen. Die USA und viele weitere Geberländer haben ihre Zuwendungen drastisch gekürzt. In Somalia kann das Welternährungsprogramm laut der stellvertretenden Programmleiterin Michèle Kiermeier im Mai nur noch 300.000 Menschen mit Nothilfe unterstützen - ein Rückgang um 80 Prozent, verglichen mit 2024. Im Juni wird die Zahl auf 200.000 weiter sinken.

Weil das Geld immer knapper wurde, musste das WFP schon in den vergangenen Jahren regelmäßig „re-priorisieren“. Im Klartext: Nach immer härteren Kriterien entscheiden, wer von den Hilfsbedürftigen auch tatsächlich Hilfe bekommt. Das sind laut Kiermeier gegenwärtig nur noch fünf Prozent. Oder anders gesagt: 95 Prozent von denen, die dringend Hilfe bräuchten, gehen leer aus, darunter auch Hunderttausende kleine Kinder - ganz einfach, weil das WFP mehr Geld nicht hat.

Nicht helfen zu können, schwer zu ertragen

Der Ernährungsspezialist der Organisation, Faisal Ali Abdi, weiß, was es bedeutet, wenn kleine Kinder dauerhaft unterernährt sind: „Die Entwicklung des Gehirns ist beeinträchtigt, mit Folgen für die kognitive Entwicklung und die spätere schulische Leistung der Kinder.“ Gleichzeitig erhöhe akute Mangelernährung auch das Risiko für Krankheit und Tod, weil das Immunsystem in diesem Zustand stark geschwächt sei.

Faisal Ali ist selbst Vater. Für ihn ist es schwer zu ertragen, wenn er Kindern aufgrund der Finanzierungskrise nicht helfen kann. „Man stellt sich unwillkürlich vor, was man empfinden würde, wenn das eigene Kind in einer solchen Lage wäre. Mich berührt das jedes Mal sehr.“

Ab Juli geht das Geld aus

Wegen der knappen Finanzen musste das WFP auch die Lebensmittelhilfen für schwangere und stillende Mütter einstellen, es sei denn, sie brauchen wegen akuter Unterernährung medizinische Behandlung. „Das wird sich auf das Wachstum des Ungeborenen auswirken, und Komplikationen bei der Geburt werden wahrscheinlicher“, warnt Faisal Ali.

Und die Aussichten sind noch schlechter. „Aktuell sieht es so aus, dass wir ab Juli keine weiteren Gelder zur Verfügung haben, um die bereits sehr, sehr reduzierte Anzahl an Menschen weiter zu unterstützen“, sagt Kiermeier. Was auch bedeutet: Den fast zwei Millionen Menschen, die schon jetzt am Rande einer Hungersnot stehen, ist dann nicht mehr zu helfen, jedenfalls nicht von den Vereinten Nationen.

Von Bettina Rühl (epd)


Vereinte Nationen erweitern Standort in Kenia - einziger im Süden




Flagge der Vereinten Nationen
epd-bild/Meike Böschemeyer
Die Vereinten Nationen setzen stärker auf ihren afrikanischen Standort. Das hat auch mit der Trump-Politik zu tun.

Nairobi (epd). Die Vereinten Nationen erweitern ihren Standort in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Der Standort sei als einziger Sitz in Afrika und im globalen Süden eine tragende Säule, sagte UN-Generalsekretär António Guterres am 11. Mai bei der Zeremonie zum ersten Spatenstich für den Ausbau, den er zusammen mit dem kenianischen Präsidenten William Ruto setzte. 340 Millionen US-Dollar (knapp 290 Millionen Euro) sollen in die Erweiterung fließen.

Der Ausbau sei eine Bekräftigung der zentralen Rolle, die Afrika - und Kenia - für das Leben und die Zukunft der Vereinten Nationen spielen, betonte Guterres. Das Potenzial des Kontinents werde allerdings durch systematische Ungerechtigkeiten ausgebremst. Im Sinne echter Solidarität müsse sich die wichtige Rolle Afrikas auch in den Institutionen der Vereinten Nationen widerspiegeln, zum Beispiel mit einem permanenten Sitz im Sicherheitsrat, erklärte der Generalsekretär. „Die Reformen können nicht länger warten und sind nötig, um die Sicherheit zu wahren.“

Standort New York politisch und finanziell schwierig

"Nirgends ist Partnerschaft dringlicher als im Streben nach Frieden, zum Beispiel im Sudan”, sagte Guterres. Er verurteilte die Einmischung von externen Akteuren, die Finanzierung von Waffen verhindere Schritte zum Frieden. Besonders kritisierte er den seit Monaten zunehmenden Einsatz von Drohnen, mit denen gezielt Zivilistinnen und Zivilisten angriffen würden. Er appellierte an Kriegsparteien weltweit, sich an Abkommen zu halten und Frieden zu einer Realität zu machen.

Der Fokus der Vereinten Nationen auf Nairobi spiegelt auch wider, dass der UN-Standort in New York sowohl kostentechnisch als auch politisch immer weniger haltbar ist. US-Präsident Donald Trump hat die Mitgliedschaft in mehreren UN-Organisationen gekündigt. Gerade angesichts der Kürzungen der finanziellen Mittel sagte Guterres: "Investitionen in Nairobi sind ein guter Deal für die UN.”

In Nairobi können nach der Erweiterung Versammlungen mit bis zu 9.000 Delegierten stattfinden und wird damit nach New York und Genf zum größten Standort. Mehr als 6.000 Beschäftigte arbeiten in Nairobi für die Vereinten Nationen, von wo aus über 80 UN-Programme und Agenturen gemanagt werden.



Ebola im Kongo: WHO ruft internationalen Gesundheitsnotstand aus




Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor WHO (Archivbild)
epd-bild/John Zarocostas
Die hochansteckende und oft tödliche verlaufende Infektionskrankheit Ebola breitet sich im Kongo und in Uganda aus. "Ärzte ohne Grenzen" mahnt, die Zahl der Fälle in so kurzer Zeit sei besorgniserregend.

Genf/Berlin (epd). Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat den Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo und Uganda als internationalen Gesundheitsnotstand eingestuft. Alles deute darauf hin, dass es sich um einen potenziell weitaus größeren Ausbruch der hochansteckenden und oft tödlich verlaufenden Infektionskrankheit handele als derzeit bekannt, erklärte die WHO am 17. Mai in Genf. Es handele sich jedoch nicht um eine Pandemie, betonte Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus.

Die WHO sprach von einem erheblichen lokalen und regionalen Ausbreitungsrisiko. Der Ebola-Ausbruch in den beiden afrikanischen Ländern wird auf die sogenannte Bundibugyo-Variante des Virus zurückgeführt. „Der Bundibugyo-Stamm unterscheidet sich vom häufiger vorkommenden Zaire-Stamm dadurch, dass es weder einen zugelassenen Impfstoff noch eine zugelassene Behandlung gibt“, erklärte „Ärzte ohne Grenzen“ in Berlin.

Mehr als 80 Todesfälle

Bis zum 17. Mai wurden laut WHO in der kongolesischen Provinz Ituri acht laborbestätigte Krankheitsverläufe und 246 Verdachtsfälle gemeldet. Die WHO nannte 80 mutmaßliche Todesfälle. Am Samstag sei zudem ein laborbestätigter Fall in der Hauptstadt Kinshasa gemeldet worden.

Ferner wurden den Angaben nach in Ugandas Hauptstadt Kampala innerhalb von 24 Stunden zwei laborbestätigte Fälle bei zwei Reisenden aus dem Kongo erfasst. In einem Fall sei der Tod eingetreten.

„Äußerst besorgniserregend“

Die Leiterin des Nothilfeprogramme von „Ärzte ohne Grenzen“, Trish Newport, mahnte am Samstag: „Die Zahl der Fälle und Todesfälle, die wir in so kurzer Zeit beobachten, ist äußerst besorgniserregend. Dazu kommt die Ausbreitung über mehrere Gesundheitszonen hinweg und nun auch über die Grenze hinweg in Uganda.“ Die Hilfsorganisation bereitet sich nach eigenen Angaben auf einen Großeinsatz vor.

Derzeit bestehen laut WHO „erhebliche Unsicherheiten hinsichtlich der tatsächlichen Zahl der Infizierten und der geografischen Ausbreitung“. Auch sei der epidemiologische Zusammenhang mit bekannten oder vermuteten Fällen nur begrenzt bekannt.

Hohe Sterblichkeit

Die WHO will Hilfe mobilisieren und gab eine Reihe von Empfehlungen. So sollten die betroffenen Länder ihre nationalen Katastrophenmechanismen aktivieren und eine Notfallzentrale einrichten. Das Geschehen erfordere internationale Zusammenarbeit, um das Ausmaß zu erfassen, die Überwachungs-, Präventions- und Bekämpfungsmaßnahmen zu koordinieren, die Einsätze auszuweiten sowie Kontrollen sicherzustellen. Die WHO will einen Notfallausschuss einberufen.

Der Notstand wurde gemäß den internationalen Gesundheitsvorschriften ausgerufen. Laut „Ärzte ohne Grenzen“ ist Ebola eine Infektionskrankheit, an der 30 bis 90 Prozent der Erkrankten sterben.

Von Jan Dirk Herbermann und Uwe Gepp (epd)


Drahtseilakt mit Trump - Lateinamerikas linke Regierungen




Donald Trump und Lula da Silva am 7. Mai vor dem Weißen Haus in Washington
epd-bild/Ricardo Stuckert
Mit Diplomatie und deutlichen Worten bemühen sich Lateinamerikas progressive Staatschefs um eine gedeihliche Koexistenz mit dem US-Präsidenten.

Frankfurt a. M. (epd). Luiz Inácio Lula da Silva war hochzufrieden: „Äußerst produktiv“ sei sein mehrstündiges Treffen mit Donald Trump gewesen, sagte Brasiliens Präsident in der vorvergangenen Woche in Washington. Lula sei „sehr dynamisch“, schrieb der US-Staatschef seinerseits, „das Treffen verlief sehr gut“.

Solche Worte zwischen den mächtigsten Gegenspielern auf dem amerikanischen Kontinent sind alles andere als selbstverständlich. Manche Beobachter hatten im Vorhinein gar befürchtet, Trump wolle Lula öffentlich vorführen, wie er es mit anderen Staatschefs mehrfach getan hat. Doch die brasilianische Diplomatie überließ nichts dem Zufall - der gemeinsame Pressetermin der Präsidenten im Weißen Haus wurde kurzerhand abgesagt.

Ähnlich vorsichtig agierte Kolumbien beim Besuch von Präsident Gustavo Petro in Washington im Februar, den der Südamerikaner ebenfalls als Erfolg verbuchen konnte. Einen noch schwierigeren Drahtseilakt vollzieht Mexikos Staatschefin Claudia Sheinbaum, die allein schon wegen der Geografie noch mehr von den USA abhängt, und dennoch ihre eigene Linie fährt.

Zollstreit mit Brasilien

Bei Lulas Besuch vergangene Woche waren die großen Themen die US-Zollpolitik und der gemeinsame Kampf gegen die organisierte Kriminalität. Im August hatte Trump Brasilien mit 50-prozentigen Strafzöllen belegt. Er störte sich am rechtsstaatlichen Verfahren gegen den ultrarechten Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, der wenig später wegen eines Putschversuchs im Januar 2023 zu 27 Jahren Haft verurteilt wurde.

Lula wies jene Einmischung in die brasilianische Politik empört zurück. In den folgenden Monaten hoben die USA die Strafzölle bei Orangensaft oder Kaffee sowie die Sanktionen gegen hohe brasilianische Funktionsträger teilweise wieder auf.

US-Kampf gegen Drogen in Südamerika gescheitert

Der Kampf gegen die Drogenmafia, ein erklärtes Ziel der US-Regierung, war das wohl heikelste Thema. Seit Beginn seiner zweiten Amtszeit Anfang 2025 lässt Trump die militärische Präsenz der USA in Lateinamerika ausbauen, etwa in Panama oder in Ecuador. Die offizielle Bestätigung kam mit seiner außenpolitischen „Donroe-Doktrin“, mit der Ende 2025 der gesamte Subkontinent zum Hinterhof der USA erklärt wurde.

Trumps meistgenanntes Argument, etwa auch nach der Entführung von Venezuelas Präsident Nicolás Maduro Anfang 2026, ist der „Krieg gegen die Drogen“. Dabei diktieren die USA der Region dieses Rezept seit Jahrzehnten in verschiedenen Ausprägungen, und nach fast einhelliger Expertenmeinung ist es längst gescheitert.

In Kolumbien etwa wird mehr Kokain hergestellt als je zuvor, Schätzungen gehen von 3.000 Tonnen im Jahr aus. Der Export hingegen erfolgt inzwischen meist über Häfen im benachbarten Ecuador. Der ungebremste Drogenhandel zeige „die Grenzen eines in erster Linie militärischen Ansatzes“, meint Adam Isacson vom Forschungsinstitut „Washington Office on Latin America“.

Kolumbiens Präsident als erster linker Latino im Weißen Haus

Nun schlug Lula seinem US-Amtskollegen Zusammenarbeit beim Vorgehen gegen Waffenhandel und Geldwäsche vor. Eine Einstufung brasilianischer Verbrecherkartelle als „terroristische Organisationen“ durch Washington lehnt der Sozialdemokrat hingegen ab, denn eine solche könnte leicht als Vorwand für US-Militäraktionen auf Brasiliens Hoheitsgebiet dienen.

Kolumbiens linker Staatschef Gustavo Petro, den Trump mehrfach als Drogenboss beschimpft hatte, vollführt einen ähnlichen Balanceakt wie Lula - mit dem Unterschied, dass sein Land von den USA um ein Vielfaches abhängiger ist als die Regionalmacht Brasilien. Die Dritte im Bunde progressiver lateinamerikanischer Staatsoberhäupter ist Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum. Sie bietet Trump ebenfalls mit klaren Ansagen und viel Diplomatie die Stirn. Als Nachbarland der USA ist Mexiko in besonderem Maße Opfer der gewalttätigen Drogenkartelle, nur in Ecuador ist die Mordrate noch höher.

Im Gegensatz zu Petro, dessen Regierungszeit im August endet, und Lula, der eine Wiederwahl im Herbst anstrebt, wird Sheinbaum dem US-Präsidenten als Gegenspielerin mit Sicherheit erhalten bleiben. Und Trump lässt nicht locker: In Wirklichkeit werde Mexiko von den Drogenkartellen regiert, sagte er am Freitag und droht wieder einmal, die USA könnten militärisch eingreifen. Und abermals verwehrte sich Mexikos Präsidentin gegen das, was sie wiederholt als „Verletzung unserer Souveränität“ bezeichnet hat.

Von Gerhard Dilger (epd)


Bolivien: Prozess gegen Ex-Präsident wegen Sex mit Minderjähriger



Boliviens Ex-Präsident Morales steht vor Gericht. Ihm wird eine sexuelle Beziehung mit einer Minderjährigen vorgeworfen.

Berlin/Tarija (epd). Wegen mutmaßlichen Geschlechtsverkehrs mit einer Minderjährigen hat in Bolivien der Prozess gegen Ex-Präsident Evo Morales begonnen. Zum Auftakt erklärte die Staatsanwaltschaft am 11. Mai, genügend Beweise zu haben, um Morales wegen einer Sexualbeziehung mit einer 15-Jährigen während seiner Amtszeit anzuklagen, wie die Zeitung „La Razón“ berichtete.

Morales hat laut Anklage ab 2015 über mehrere Monate mit der Minderjährigen zusammen gelebt und mit ihr ein Kind gezeugt. Aufgrund fehlender Gesetze zum Schutz von Minderjährigen wird dies als Menschenhandel geahndet. Morales regierte das südamerikanische Land als erster indigener Präsident von 2006 bis 2019.

Morales-Anwalt: „juristischer Krieg“ gegen Ex-Präsidenten

Der Ex-Präsident blieb dem Prozessauftakt laut Medienberichten fern und wurde vom Gericht als flüchtig erklärt. Davor hatte sein Anwalt Nelson Cox dem Radiosender Fides gesagt, Morales werde nicht erscheinen, da er nicht rechtmäßig zum Verfahrensbeginn zitiert worden sei. Bei den Anschuldigungen handle es sich um einen „juristischen Krieg“ gegen seinen Mandanten. Das Verfahren widerspreche internationalen Standards, sagte Cox.

Der aktuelle Mitte-Rechts-Präsident Rodrigo Paz erklärte vor Prozessbeginn, „Bolivien wird nie wieder Hassreden, Spaltung und Verachtung gegenüber Frauen dulden“. Ohne seinen Amtsvorgänger zu nennen, zitierte er Morales und schrieb auf der Plattform ‚X‘: „Das Land braucht keine weiteren Caudillos und keine 'falschen Machos' mehr“.

Morales verlor das Präsidentenamt, als ihn das Militär nach der Präsidentschaftswahl von 2019 zum Rücktritt zwang. Zuvor waren schwere Wahlbetrugsvorwürfe gegen ihn vorgebracht worden. Seit 2024 verschanzt er sich in der Tropenregion von Cochabamba im Zentrum des Landes. Ein Haftbefehl gegen ihn wurde aus Angst vor möglichen Konflikten mit seinen Anhängern bislang nicht vollstreckt.



Vorwürfe gegen deutschen Zementkonzern wegen Projekts in Indonesien



Anwohner und Organisationen legen Beschwerde gegen ein Bauvorhaben von Heidelberg Materials in Indonesien ein. Sie sehen einen Verstoß gegen das Lieferkettengesetz. Laut dem Konzern wurde über die Umsetzung des Projekts noch nicht entschieden.

Köln (epd). Der Zementkonzern Heidelberg Materials sieht sich mit Vorwürfen wegen eines geplanten Projekts in Indonesien konfrontiert. Bei der Planung einer Kalksteinmine und eines Zementwerks missachte das Unternehmen Menschenrechte und verstoße gegen das Lieferkettengesetz, erklärten die Entwicklungsorganisation Fian und das katholische Hilfswerk Misereor am 12. Mai. Gemeinsam mit zehn Betroffenen sowie den Organisationen Watch Indonesia und Inclusive Development International reichten sie Beschwerde beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) ein.

Heidelberg Materials teilte auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) mit, das Projekt des indonesischen Tochterunternehmens PT Indocement befinde sich seit langer Zeit in einem ruhenden Zustand. „Eine Entscheidung über die Umsetzung des Projektes wurde seitens des Unternehmens nicht getroffen.“

Konzern spricht von gesetzlich vorgeschriebenem Verfahren

Den Angaben der Beschwerdeführer zufolge geht es um ein Bauvorhaben im Kendeng-Gebirge in Zentraljava. „Falls das Projekt umgesetzt wird, drohen uns eine ökologische Katastrophe, Verarmung und die Verletzung unserer Menschenrechte“, erklärte Bambang Sutikyo, einer der Antragsteller, der in der Region lebt.

Laut Heidelberg Materials befolgt das Tochterunternehmen die gesetzlich vorgeschriebenen Verfahren, um die notwendigen Genehmigungen für seine Projekte zu erhalten. Dabei seien die Ergebnisse aus Dialogformaten mit den betroffenen Gemeinden in die Planung eingeflossen und hätten zu Änderungen geführt. „Besonders wichtig war PT Indocement dabei, das lokale Ökosystem zu schützen und sicherzustellen, dass bei einem potenziellen Abbau die Lebensgrundlage der Bevölkerung nicht beeinträchtigt wird“, erklärte der Konzern. Demnach wurde das Verfahren vom Obersten Gerichtshof Indonesiens überprüft und bestätigt.

Beschwerdeführer fordern Projektstopp

Mehrere wissenschaftliche Untersuchungen und eine durch das indonesische Präsidialamt beauftragte Studie aus dem Jahr 2017 weisen nach Angaben der Beschwerdeführer auf die erheblichen Risiken des Abbaus in der Region hin. So würde die Umsetzung der Pläne die Wasserverfügbarkeit und die Bodenqualität beeinträchtigen. „Das Lieferkettengesetz verpflichtet Heidelberg Materials, die Risiken umfassend zu untersuchen und negative Auswirkungen zu verhindern. Dies ist nur durch einen Projektstopp möglich“, betonte Insa Heinke von Fian. Man erwarte vom Bundesamt, dass es „entsprechende Maßnahmen anordnet und zur Durchsetzung notfalls Bußgelder verhängt“.

Gleichzeitig warnten Fian und Misereor vor Einschränkungen beim Bafa-Beschwerdeverfahren angesichts eines entsprechenden Vorschlags der Bundesregierung, der derzeit dem Bundestag vorliegt. „Die Novelle würde die Präventivwirkung des Lieferkettengesetzes aushöhlen und das Schutzniveau auch für die Menschen in Kendeng massiv absenken“, mahnte Armin Paasch von Misereor. Notwendig sei vielmehr, die EU-Lieferkettenrichtlinie bis Mitte 2028 in deutsches Recht zu überführen, um Betroffene wirksam vor Menschenrechtsverletzungen zu schützen. Das EU-Lieferkettengesetz soll dazu dienen, dass Konzerne mehr auf die Einhaltung von Menschenrechten und Umweltschutz bei Zulieferern im Ausland achten.

Von Michael Bosse und Natalia Matter (epd)



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11.-13.6. Evangelische Akademie Bad Boll

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