Vivaldi und ich
Das Ospedale della Pietà im Venedig des 18. Jahrhunderts - Musikschule und Waisenhaus in einem - ist der Ausgangspunkt des Spielfilmdebüts von Opernregisseur Damiano Michieletto. Diese Verwahranstalt war auch ein Heiratsmarkt für Männer aus der höheren Gesellschaft und dieses Schicksal droht im Film auch Violinistin Cecilia (Tecla Insolia), die einem Offizier versprochen ist. Der nach beruflichen Rückschlägen in die Musikschule zurückkehrende Maestro Vivaldi (Michele Riondino) erkennt jedoch Cecilias Begabung und Ernsthaftigkeit und ernennt sie zur ersten Geige. Anders als in Tiziano Scarpas Romanvorlage „Stabat Mater“ steht in der Verfilmung die Beziehung zwischen Lehrer und Schülerin im Zentrum, der Konflikt spitzt sich erst zu, als der heiratswillige Offizier heimkehrt. Michieletto malt den Prunk des Barocks und die Schrecknisse der Lagunenstadt lyrisch aus, die wilden Tempi-Umschwünge Vivaldis (sowie des Filmkomponisten Fabio Massimo Capogrosso) geben den atemlosen Rhythmus vor.
Vivaldi und ich (Italien/Frankreich 2025). Regie: Damiano Michieletto. Buch: Ludovica Rampoldi, Damiano Michieletto. Mit: Tecla Insolia, Michele Riondino, Fabrizia Sacchi. Länge: 110 Min.
Eagles of the Republic
Der letzte Teil der Kairo-Trilogie von Tarik Saleh beginnt als Komödie über das Filmbusiness. George Fahmy (Fares Fares) ist ein abgehobener Filmstar, der kaum etwas von der Militärdiktatur mitbekommt, die das restliche Land unterjocht. In sein ausschweifendes Privatleben mischen sich die Machthaber nicht ein. Trotz islamischer Vorschriften kann der Megastar getrennt von seiner Frau (Donia Massoud) mit seiner jungen Geliebten (Lyna Khoudri) leben. Als sich das Gerücht verbreitet, George sei ein Gegner des Präsidenten, wandelt sich der Film zu einem düsteren Politthriller im Stil von Costa-Gavras. Um die Wogen zu glätten, übernimmt George die Hauptrolle in einem Propagandafilm, in dem er den gegenwärtigen Staatschef Abd al-Fattah as-Sisi - der sich 2013 an die Macht putschte - in ein positives Licht rücken soll und dringt immer tiefer in den Zirkel der Macht ein. „Eagles oft he Republic“ endet als grotesk überzeichnetes, aber auch komplexes Sittenbild der ägyptischen Gesellschaft.
Eagles of the Republic (Dänemark/Finnland/Schweden/Frankreich 2025). Regie und Buch: Tarik Saleh. Mit: Fares Fares, Lyna Khoudri, Zineb Triki, Sherwan Haji, Amr Waked, Donia Massoud. Länge: 129 Min.
The North
In der Hoffnung, ihre alte Freundschaft nach zehn Jahren wieder aufleben zu lassen, begeben sich die ehemalige WG-Genossen Chris und Lluis auf eine 600 Kilometer lange Wanderung durch die schottischen Highlands. Als vorläufiger Höhepunkt eines Roadmovie-Subgenres (von „Der große Trip - Wild“ über „Ich bin dann mal weg“ bis zu „Der Salzpfad“) unterscheidet sich „The North“ von anderen Filmen zum Thema durch seine dramaturgische Radikalität. Der schlichte Akt des Wanderns steht hier im Mittelpunkt. Die Protagonisten sind dabei nicht nur äußerlich gegensätzliche Typen. Es kristallisiert sich heraus, wie unterschiedlich die Lebenswege der Mittdreißiger verlaufen sind. Der Film deutet das alles nur an, verzichtet fast völlig auf Drama oder Konflikte und stellt dabei die imposante Landschaft der Highlands eindrucksvoll, aber nie plakativ oder pittoresk aus. Die wochenlange Wanderung der Männer wird mit unaufgeregtem Realismus eingefangen und entfaltet in rund zwei Stunden eine beinahe meditative Sogwirkung.
The North (Großbritannien/Niederlande 2025). Regie und Buch: Bart Schrijver. Mit: Carles Pulido, Bart Harder, Matthijs van de Sande Bakhuyzen, Olly Bassi, Sharon Verdegem. Länge: 130 Min.
Home Entertainment
Was tun, wenn die eingeladenen Gäste für den Abend ausbleiben? Florian (Joseph Konrad Bundschuh) und Marie (Nadine Dubois) wählen den gemütlichen Abend vor der Glotze. Aber bis entschieden ist, was man wo mit welchem Lieferdienst bestellt und welcher Film auf welcher Streaming-Plattform geschaut wird, ist der halbe Abend rum und der Verdruss groß. Dass der Sex als Alternative auch nicht funktioniert, ist fast vorprogrammiert. Als dann die verschollenen Gäste doch noch spontan auftauchen, ist das Chaos perfekt. Dietrich Brüggemann hat mit einem Mikrobudget, ohne jede Förderung, mit einem Team von nur zwei Leuten und einem kleinen Freundeskreis vor der Kamera ein bedeutsames und nahe gehendes Kammerspiel inszeniert. „Home Entertainment“ seziert den Mikrokosmos eines Paares und zeigt, wie die Kulturindustrie ihre Kinder frisst. Aber auch, wie man sich gegen die vielen digitalen Fallen wehren kann, die unser aller Alltag eigentlich erleichtern sollen, aber im Grunde genau das Gegenteil bewirken.
Home Entertainment (Deutschland 2025). Regie und Buch: Dietrich Brüggemann. Mit: Nadine Dubois, Joseph Bundschuh, Karoline Teska, Anna Brüggemann, Folke Renken. Länge: 85 Min.
