Den Schlüssel zur Lösung des Rätsels brachten letztlich wohl einige dunkle Wollreste, auf denen sich kreuzförmige Verzierungen abzeichneten. Fünf Monate nach der medienwirksam inszenierten Sarkophag-Öffnung in der evangelischen Mainzer Johanniskirche steht jetzt fest: In dem Grab befand sich tatsächlich der 1021 verstorbene Mainzer Erzbischof Erkanbald. "Er ist es, um es kurz zusammenzufassen", leitet der evangelische Mainzer Dekan Andreas Klodt die Vorstellung des Forschungsberichts ein. Damit kann auch aus wissenschaftlicher Sicht als erwiesen gelten, dass St. Johannis bis ins 11. Jahrhundert hinein die Kathedrale der damals mächtigen Stadt Mainz war.

Der Sarkophag war bereits 2017 im Zuge archäologischer Grabungen mitten im Kirchenschiff entdeckt worden. Die verantwortlichen Wissenschaftler wollten unbedingt klären, wer darin bestattet wurde. Von Anfang an vertraten sie die These, es könnte sich um Erkanbald gehandelt haben. Doch die Sargöffnung im Juni brachte zunächst keine Klärung. In dem Grab waren, anders als erhofft, weder ein Bischofsring noch eine Inschriftentafel gefunden worden, die den Namen des Toten hätten preisgeben können. Und die aufgefundenen Überreste waren durch Ätzkalk fast vollständig zersetzt - eine Boulevardzeitung schrieb in dem Zusammenhang bereits vom Mainzer "Bröselbischof".

"Indizienprozess"

"Wir sind mitten in einem Indizienprozess, wo kleine Mosaiksteinchen das Ganze bilden", erklärt Forschungsleiter Guido Faccani. Der Schweizer Archäologe betont, dass noch immer nicht alle Untersuchungen abgeschlossen seien. Dennoch ließen die Funde keine andere Erklärung zu, als dass es sich tatsächlich um den Erzbischof aus dem 11. Jahrhundert handelt. So konnte die Konstanzer Anthropologin Carola Berszin einige Knochenreste genauer untersuchen. Ihren Erkenntnissen zufolge starb der in dem Sarkophag bestattete Mann im Alter zwischen 40 und 60 Jahren. Zuletzt habe er an Wohlstandskrankheiten wie Fußgicht gelitten.

Entscheidend für die Lösung des archäologischen Rätsels waren jedoch Analysen der Textilreste. Neben recht gut erhaltenen feinen Ziegenlederschuhen, wie sie auch andere Bischöfe im Mittelalter trugen, stießen die Forscher auf Reste eines sogenannten Palliums - eines vom Papst verliehenen Stoffbandes, das Erzbischöfe über ihren Gewändern trugen. Bereits am Tag der Sarkophag-Öffnung seien die Forscher darauf aufmerksam geworden, räumte Faccani ein. Sie hätten ihre Vermutung aber zunächst nicht öffentlich gemacht. "Eine erste Beobachtung muss bestätigt und abgesichert werden", sagte der Forscher. "Das ist nicht Bosheit, sondern wissenschaftlich korrekt."

Königskrönung 1002 in Johanniskirche

Weil die Bestattungsorte der Vorgänger und Nachfolger Erkanbalds bekannt sind, gibt es aus jener Epoche keinen anderen Würdenträger, der für eine Bestattung im damaligen Dom infrage kommt. Von Erkanbald wird zudem berichtet, dass er in seiner eigenen Bischofskirche bestattet wurde. Für die Stadt Mainz bringt der Forschungsbericht die Gewissheit, dass viele historische Ereignisse wie die Königskrönung von Heinrich II. im Jahr 1002 sich in der heute evangelischen Johanniskirche abspielten. Auch zu Zeiten des legendären Mainzer Bischofs Bonifatius, bekannt als "Apostel der Deutschen", war die heutige Johanniskirche im 8. Jahrhundert wohl schon Zentrum des Mainzer Bistums.

Die evangelische Kirche überlegt nach wie vor, wie sie die wohl älteste Bischofskirche nördlich der Alpen künftig nutzen will, die bislang stets im Schatten des nahe gelegenen Mainzer Martinsdoms stand. "Das ist ein Ort, der Geschichte atmet, und das soll er auch weiterhin tun", stellt Dekan Klodt klar. Überlegt werde, St. Johannis als übergemeindlichen Veranstaltungsort aufzuwerten. In jedem Fall sei die Situation der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt ganz und gar ungewöhnlich: "Zwei Dome in direkter Nachbarschaft - das soll den Mainzern erst einmal einer nachmachen."