Ausgabe 15/2018 - 13.04.2018
Berlin (epd). Psychisch kranke Menschen müssen in Deutschland immer noch lange auf einen Therapieplatz warten. Laut Bundespsychotherapeutenkammer vergehen im Durchschnitt 20 Wochen von der ersten Anfrage beim Therapeuten bis zum Beginn der Behandlung. Das geht aus der Studie "Wartezeiten 2018" hervor, die die Kammer am 11. April in Berlin vorstellte.
Die Psychotherapeuten forderten 7.000 zusätzliche Praxissitze insbesondere auf dem Land, wo die Wartezeiten noch länger sind als in den Städten. Die Grünen werfen der Bundesregierung Tatenlosigkeit vor.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) forderte den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) zu raschen Reformen bei der Bedarfsplanung für Psychotherapie gedrängt auf, damit Patienten schneller behandelt werden. "Wir haben den G-BA damit beauftragt, bei der Bedarfsplanung notwendige Anpassungen für eine bedarfsgerechte Versorgung im Sinne der betroffenen Patientinnen und Patienten zu treffen", sagte Spahn am 12. April den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Ich erwarte, dass der G-BA hier jetzt zügig vorankommt."
Der Ausschuss ist das oberste Beschlussgremium der Selbstverwaltung von Ärzten, Zahnärzten, Psychotherapeuten, Krankenhäusern und Krankenkassen.
Spahn sagte weiter, durch die Anpassung der Planung sollten der Bedarf besser abgebildet und eine flächendeckende, wohnortnahe Versorgung erreicht werden. Der Gesundheitsminister verwies zudem darauf, dass die Terminservicestellen seit einem Jahr auch dringende Termine bei Psychotherapeuten innerhalb von vier Wochen vermitteln. "Das ist ein erster Schritt", sagte Spahn. "Wenn es da bei den Terminvergaben und den Wartezeiten - auch in der Psychotherapie - hakt, müssen wir das rasch ändern."
Die Psychotherapeutenkammer zog eine erste Bilanz der Reform der Psychotherapie-Richtlinie vor einem Jahr, mit der auch die Hoffnung auf schnellere Behandlungen verbunden war. Seitdem müssen Therapeuten Sprechstunden und - gegenüber den üblichen Therapien verkürzte - Akutbehandlungen anbieten. Patienten wiederum sind verpflichtet, eine Sprechstunde aufzusuchen, wenn sie sich in Therapie begeben wollen.
Die Hilfen für Menschen in akuten Krisensituationen haben sich der Studie zufolge durch die Reform verbessert. Im Durchschnitt erhalten sie drei Wochen nach der Diagnose einen ersten Termin für die Akuttherapie, in zwei Dritteln der Fälle schon nach zwei Wochen. Durch die Sprechstunden seien die psychotherapeutischen Praxen zu Anlaufstellen für psychisch kranke Menschen geworden, sagte der Präsident der Psychotherapeutenkammer, Dietrich Munz. Die Wartezeiten für ein erstes Gespräch hätten sich von 12,5 auf 5,7 Wochen verkürzt.
Rund 70 Prozent der Psychotherapeuten führen der Studie zufolge innerhalb von vier Wochen nach dem ersten Kontakt ein Gespräch mit ihren Patienten. Danach jedoch müssen sie die Kranken erneut in die Warteschleife schicken, sofern keine Akuttherapie angezeigt ist. In dieser Zeit könnten sich psychische Erkrankungen verschlimmern, sagte Munz: "Eine Wartezeit von 20 Wochen ist inakzeptabel." Gegenüber der letzten Erhebung der Psychotherapeutenkammer im Jahr 2011 hat sich die Wartezeit auf eine Therapie trotz Reform nur um 3,4 Wochen verkürzt.
Die Psychotherapeuten machen dafür die Verschleppung der Bedarfsplanung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss im Gesundheitswesen verantwortlich. Sie hätte bereits Anfang 2017 vorliegen und auf neue Grundlagen gestellt werden sollen, verzögert sich aber weiter. Darunter leiden insbesondere Patienten auf dem Land und im Ruhrgebiet, wo die Wartezeiten besonders lang sind. In Berlin sind sie mit durchschnittlich 13,4 Wochen am kürzesten.
Untersuchungen zufolge seien psychische Erkrankungen auf dem Land und in den Städten etwa gleich häufig, sagte Munz. Die deutsche Bedarfsplanung gehe aber immer noch davon aus, dass in ländlichen Regionen weniger Psychotherapeuten gebraucht werden. Auch die Annahme, dass Großstädte ihr Umland mitversorgen, habe sich als falsch erwiesen.
Die Grünen warfen der Bundesregierung vor, sie schaue tatenlos zu, wie die Selbstverwaltung im Gesundheitswesen den gesetzlichen Auftrag zur Beseitigung der Defizite weiter verschleppe. Die gesundheitspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion, Maria Klein-Schmeink, forderte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf, aktiv zu werden. Der Minister habe erklärt, den Erfolg seiner Amtszeit an den Wartezeiten messen zu lassen.