Ausgabe 17/2016 - 29.04.2016
Bonn (epd). "Ihr Kind ist dumm", bekam Monika Lehmann wenige Wochen nach der Einschulung ihres Sohnes Leon (Namen geändert) zu hören. "Wir lernen das A wie Apfel und er erzählt etwas von Atomkraft", klagte die Lehrerin. Also ließ die Mutter ihren Sohn von einem Schulpsychologen testen. Das Ergebnis: Leon ist alles andere als dumm. Er ist hochbegabt.
"Wir machen die Erfahrung, dass viele hochbegabte Kinder in der Schule durchs Raster fallen", sagt die Sprecherin des Hochbegabten-Vereins Mensa, Eva Kalbheim. Und nicht nur das: Eine neue Studie der Universität Duisburg-Essen zeigt, dass Hochbegabte auch als Erwachsene oftmals auf Vorbehalte stoßen. Mensa will deshalb für die positive Rolle von Hochbegabten in der Gesellschaft werben.
Etwa zwei Prozent der Deutschen haben einen Intelligenzquotienten über 130 und gelten damit als hochbegabt. Diese weit überdurchschnittlich intelligenten Menschen würden häufig belächelt oder wegen ihrer besonderen Fähigkeiten und Interessen als arrogant abgestempelt, erklärt Kalbheim. Zwei Drittel der normal begabten Bevölkerung unterstellen Hochbegabten außerdem emotionale und soziale Defizite. Das ergab eine Ende März veröffentlichte repräsentative Studie der Universität Duisburg-Essen.
Dabei zeigten wissenschaftliche Untersuchungen, dass hochbegabte Menschen in sozialer und emotionaler Hinsicht nicht signifikant auffälliger seien als durchschnittlich Intelligente, betont Studienleiterin Tanja Gabriele Baudson. In den Detailbereichen, in denen es Unterschiede gebe, fielen diese sogar eher zugunsten der Hochbegabten aus.
Dennoch gebe es in der Gesellschaft Klischees von Hochbegabten, die einfach nicht auszurotten seien, stellt Baudson fest. Es herrsche das Bild vom genial verschrobenen Eigenbrötler vor. Der weitaus größte Teil der Hochbegabten sei aber ganz normal sozial integriert und verlebe auch eine reibungslose Schulzeit.
Allerdings liegt das nach Ansicht der Psychologin in der Regel nicht an guter Förderung in der Schule. Die erfolgreichen Hochbegabten schafften es einfach, außerhalb des Unterrichts genügend Anregung und Beschäftigung zu finden, um die Unterforderung in der Schule zu kompensieren, sagt die Expertin für Hochbegabtenforschung. So konnte auch Leon mit Hilfe seiner Eltern doch noch in eine erfolgreiche Schullaufbahn starten. Er wechselte noch im ersten Schuljahr auf eine Montessorischule, wo seine besondere Begabung anerkannt und gefördert wurde.
Bei zwölf bis 15 Prozent der Hochbegabten gelinge das allerdings nicht, sagt Baudson. Sie scheiterten daran, dass ihre besonderen Fähigkeiten nicht erkannt und dementsprechend auch nicht unterstützt würden. Manche dieser intelligenten Kinder endeten dann sogar als Schulversager.
Nach Baudsons Ansicht brauchen hochbegabte Kinder in der Schule ebenso besondere Förderung wie Kinder mit Handicap: "Es ist nicht zu verstehen, warum Hochbegabte aus der Inklusionsdebatte herausgehalten werden." Auch Mensa-Sprecherin Kalbheim fordert: "Die Erkennung und Förderung von Hochbegabten müsste in der Lehrerausbildung ebenso ein Baustein sein wie die Förderung von Lernschwachen."
Dass Hochbegabte in der Inklusionsdebatte in Deutschland kaum eine Rolle spielen, liegt möglicherweise auch an ihrem schlechten Image. "Der Elite-Begriff hat in Deutschland historisch bedingt durch die Nazi-Zeit ein Geschmäckle," vermutet Kalbheim. In den USA gelte es dagegen gesellschaftlich als Auszeichnung, dem internationalen Hochbegabten-Verein Mensa anzugehören.
Die rund 12.500 Mitglieder der deutschen Sektion haben sich auf die Fahnen geschrieben, auch hierzulande das Image von Hochbegabten zu verbessern und deren positive Rolle in der Gesellschaft hervorzuheben. Deshalb unterstützt der Verein unter anderem Schulen mit Materialien zur Hochbegabtenförderung und vergibt jährlich Ehren-Preise an Persönlichkeiten und Initiativen, die Intelligenz zum Wohle der Allgemeinheit nutzen. In diesem Jahr werden die Initiative foodsharing.de sowie der Verein Arbeiter-Kind bedacht, der Kinder aus Nicht-Akademiker-Familien beim Studium unterstützt. Außerdem wird der Schweizer Historiker und Friedensforscher Daniele Ganser gewürdigt.