"Ich bin fremd gewesen, und ihr habt mich aufgenommen" - unter dieser Überschrift haben die Gemeinden, Kirchenkreise und Einrichtungen der Evangelischen Kirche von Westfalen ein Jahr lang über den Umgang mit Zuwanderern und Flüchtlingen diskutiert. Die interaktive Hauptvorlage, im Internet unter www.kircheundmigration.ekvw.de publiziert, sollte dazu anregen, die verschiedenen Aspekte des Themas kontrovers zu beleuchten. Sie bezieht aber auch klare Positionen. Auf der bis 20. November in Bielefeld tagenden Landessynode soll eine Bilanz gezogen werden.

Die Vorlage beschreibt biblische Positionen zu Flucht und Migration, benennt die Herausforderungen einer Migrationsgesellschaft und präsentiert Integrationsbeispiele aus Kirchengemeinden der 2,2 Millionen Mitglieder zählenden Landeskirche. Gerade für alteingesessene Kirchen Europas biete sich die Chance, wieder neu zu entdecken, dass die Bibel ein Buch der Erfahrungen, Erinnerungen und Hoffnungen von Migration sei.

Präses-Appell

In dem rund 60-seitigen Papier werden auch die Probleme der Integration angesprochen. Dass Menschen mit einer anderen Kultur, Religion und Sprache nach Deutschland kommen, löse manche Sorge und Befremdung aus, die nicht kleingeredet werden dürfe, schreibt Präses Annette Kurschus im Vorwort. Fremdheit dürfe nicht von vornherein als Bedrohung abgewehrt und Migration nicht ausschließlich als Problem verstanden werden.

Mit Blick auf fremdenfeindliche Angriffe wird in der Vorlage dazu aufgerufen, sich schützend vor Betroffene zu stellen. Kirchengemeinden könnten Räume für eine offene Diskussion mit Migranten zur Verfügung stellen. Christen, die aus anderen Ländern stammen, sollten in das kirchliche Leben vor Ort eingebunden werden.

Migrationsgesellschaften müssten die Bedingungen gestalten, unter denen Integration gelingen könne, heißt es in dem Text. Das sei in Deutschland lange Zeit ignoriert worden. Gefordert wird ein Einwanderungsgesetz, das ein humanes Flüchtlingsrecht ausdrücklich einschließt. Integrationsmaßnahmen müssten Flüchtlingen und Zugewanderten offen stehen.

Kritik an Abschottung der EU

Innerhalb der EU werden einheitliche Standards der Asylverfahren und soziale Teilhabe für Flüchtlinge angemahnt. Auch Deutschland trage eine Politik der Abschottung Europas im Grundsatz mit, kritisieren die Autoren der Vorlage. Sie kritisieren die Möglichkeit, Asylantragsteller bis zu 24 Monate oder auch ohne zeitliche Begrenzung in der Erstaufnahme festzuhalten. In dieser Zeit gebe es für diese Menschen keine Integrationskurse, keine Schulpflicht für Kinder und keine Arbeitserlaubnis.

Besonders schutzbedürftigen Flüchtlingen soll dem Papier zufolge eine sichere Passage nach Deutschland ermöglicht werden. Als Beispiel wird das Programm "Humanitäre Korridore" in Italien genannt, das vom Bund der Evangelischen Kirchen in Italien (FCEI) und von der katholischen Gemeinschaft Sant' Egidio getragen und von der westfälischen Landeskirche maßgeblich unterstützt wird. Verteidigt wird das Kirchenasyl. Die Kirche setze sich dabei nicht über Recht hinweg, sondern setze sich in besonderen Fällen für eine erneute Prüfung ein.

Rückmeldungen liegen unter anderem von Kirchenkreisen, Gemeinden und Einrichtungen der Landeskirche vor. Vorgeschlagen werden beispielsweise mehr Dialogveranstaltungen in den Kirchengemeinden, eine stärkere Einbindung von zugewanderten Menschen in die Gemeinden, Seelsorge in zentralen Unterbringungseinrichtungen und ein umfassendes Einwanderungsgesetz.