
Frankfurt a.M. (epd). Die Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Anna-Nicole Heinrich, will das Amt im nächsten Jahr aufgeben. „Sechs Jahre sind gerade in meinem Lebensabschnitt eine lange Zeit. Da darf es am Ende dieser Amtszeit für mich auch gut sein“, sagte die 30-Jährige dem Magazin „Die Eule“ (online, 1. Oktober). Der „Frankfurter Allgemeinen“ sagte sie: „Ich habe mein Amt als verlässliches Engagement für eine begrenzte Zeit verstanden.“
Heinrich war 2021 im Alter von 25 Jahren zur bislang jüngsten EKD-Synodenpräses gewählt worden. „Wir haben als Synode mit meiner Wahl zur Präses konsequent unseren Weg fortgesetzt, junge Menschen in Verantwortung zu bringen“, sagte sie der „Eule“: „Auf allen Ebenen unserer evangelischen Kirche sind wir damit in den letzten Jahren weit vorangekommen.“
Die Synode der EKD konstituiert sich im nächsten Jahr neu und wählt dann eine oder einen neuen Präses. Die Person leitet die Tagungen des Kirchenparlaments, vertritt diese in der Öffentlichkeit und ist Mitglied im Rat der EKD. Die Synode repräsentiert die evangelischen Christen in Deutschland und besteht aus 128 Mitgliedern. Von ihnen werden für eine Amtszeit von sechs Jahren 100 durch die Synoden der 20 Landeskirchen gewählt, 28 Synodale beruft der Rat, zumeist Personen des öffentlichen Lebens und kirchlicher Werke.

Dresden (epd). Nach mehrfacher Verzögerung hat die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens die Umsetzung sogenannter Anerkennungsleistungen für Betroffene sexualisierter Gewalt auf den Weg gebracht. Die Kirchenleitung habe entsprechende Ausführungsbestimmungen verabschiedet, teilte die Landeskirche am 30. September in Dresden mit. Zunächst hatte sie ein im März von der Landessynode beschlossenes Gesetz blockiert, das einer bundesweit einheitlichen Richtlinie folgt.
Ende Mai unterzeichnete Sachsens evangelischer Landesbischof Tobias Bilz kraft seines Amtes und ohne Beschluss der Kirchenleitung zwar dieses Gesetz. Es fehlten jedoch noch die Ausführungsbestimmungen. Die nun beschlossene sächsische Verordnung regelt den Angaben zufolge die Zusammensetzung der Anerkennungskommission und die Auszahlung von Anerkennungsleistungen gemäß der 2025 von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) erarbeiteten Vorgaben.
Dies sehen individuelle Zahlungen ohne Obergrenze und pauschale Leistungen in Höhe von 15.000 Euro vor, wenn die Missbrauchs-Tat nach heutigen Kriterien strafbar war. Die Richtlinie soll flächendeckend in 20 Landeskirchen und 17 Diakonieverbänden praktiziert werden.
Landesbischof Bilz zeigte sich erleichtert, dass der Weg für Betroffene nach den einheitlichen Vorgaben nun geklärt sei. Der nächste Schritt in Sachsen müsse „die zügige Bildung der neuen Anerkennungskommission sein“. Die bisherige Unabhängige Anerkennungskommission werde dann von der neuen Kommission abgelöst. Sachsen ist die letzte der 20 Landeskirchen, die die EKD-Richtlinie auf den Weg bringt.

Bremen (epd). Mit einem ökumenischen Festgottesdienst hat am 3. Oktober in Bremen die offizielle Feier zum Tag der Deutschen Einheit begonnen. Die leitenden Geistlichen der evangelischen und katholischen Kirche in Bremen riefen zu gesellschaftlichem Zusammenhalt und gegenseitiger Unterstützung auf. „Wahre Stärke gibt es, wo wir einander brauchen und uns gegenseitig etwas zutrauen“, sagte der Kirchenpräsident der Bremischen Evangelischen Kirche, Bernd Kuschnerus, laut Predigtmanuskript im St.-Petri-Dom.
In anstrengenden Zeiten dürfe sich die Gesellschaft die Zuversicht nicht nehmen lassen, sagte Kuschnerus. Stattdessen müssten Menschen füreinander einstehen und Benachteiligte stützen. Nächstenliebe bedeute, Lasten gemeinsam zu tragen und die Fähigkeiten jedes Einzelnen anzuerkennen, sagte der Theologe mit Blick auf die Fabel der Bremer Stadtmusikanten: „Einer trage des Anderen Last, damit beginnt die Nächstenliebe.“
Der Bischof des katholischen Bistums Osnabrück, Dominicus Meier, warnte vor einer Vereinsamung und Überforderung der Bürger in Zeiten des Umbruchs. „Dass Menschen wieder zur Stärke finden, darf nicht dem Zufall überlassen werden.“ Es dürfe keinesfalls die Haltung entstehen, dass jeder allein seines Glückes Schmied sei. Andernfalls entwickle sich das Zusammenleben zu einer Gesellschaft, in der nur noch das Recht des Stärkeren zähle.
Meier verwies auf die im Grundgesetz verankerte unantastbare Würde aller Menschen und die Botschaft des Evangeliums. Sie schützten die Gesellschaft „vor aller Ausgrenzung, Fremdenhass und Antisemitismus“. Einheit und Zusammenhalt trügen nur dort verlässlich, wo sich Menschen mit klarer Haltung gegen Spaltung und Polarisierung stellten.
An dem Gottesdienst unter dem Leitwort „Viele Gaben - ein Geist“ nehmen unter anderem die Spitzen der deutschen Verfassungsorgane, der Bundesländer und der Parlamente teil, darunter auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Im Anschluss war im benachbarten Konzerthaus „Die Glocke“ ein Festakt mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sowie dem amtierenden Bundesratspräsidenten und Bremer Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) vorgesehen.

Starnberg/Tutzing (epd). Die Kirchen sind nach Überzeugung des evangelischen Theologen und Publizisten Udo Hahn durch die Bibel dazu verpflichtet, sich politisch einzumischen. Gerechtigkeit, Frieden, Einsatz für die Armen und die Begrenzung der Macht durch das Recht seien kirchliche Anliegen, betonte der Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing im Rahmen der Langen Nacht der Demokratie am 3. Oktober in Starnberg. Der Anspruch, Gesellschaft mitzugestalten, sei mit dem Christentum von Anfang an verbunden gewesen.
Die biblische Botschaft sei seit jeher politisch, sagte Hahn. Gott habe den Menschen als sein Ebenbild geschaffen. Das widerspreche jeder Ideologie, dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer Religion weniger wert seien als andere. Rechtsextremes Gedankengut sei daher mit christlicher Theologie unvereinbar. Das gelte für alle menschenfeindlichen Einstellungen, etwa Rassismus, Sexismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und Homophobie. Christinnen und Christen hätten die Verpflichtung, gegen die Abwertung und Missachtung von Menschen einzutreten und deren Würde zu verteidigen.
Hahn warnte zugleich davor, dass rechtsextreme politische Kräfte christliche Traditionen und Werte für ihre Zwecke instrumentalisierten. Als Beispiel nannte er die Parole von der „Rettung des christlichen Abendlandes“. Wenn Rechtspopulisten die christliche Religion für sich beanspruchten, geht es ihnen nach Hahns Einschätzung um politische Ziele wie die Einheit der Nation, die Gemeinschaft des Volkes oder die Beschwörung der eigenen kulturellen Größe. Um Frömmigkeit und eine an der Bibel orientierte Verantwortung gehe es dabei hingegen nicht.

Aachen (epd). Vor den parlamentarischen Beratungen zum Erneuerbare-Energien-Gesetz ruft ein Bündnis kirchlicher Organisationen die Politik in die Verantwortung. In einem am 2. Oktober veröffentlichten „Ökumenischen Appell für eine gerechte Klima- und Energiepolitik“ äußern die Unterzeichnenden ihre Sorge über „politische Fehlentwicklungen“ und fordern eine sozial gerechte Energiewende.
Sie rufen Bundesregierung und Bundestag auf, den Ausbau von Wind- und Solarenergie konsequent voranzutreiben und den Ausstieg aus fossilen Energien verbindlich abzusichern. Statt neuer fossiler Abhängigkeiten brauche Deutschland verlässliche politische Rahmenbedingungen für Klimaschutz, Investitionen und Versorgungssicherheit, erklären die Unterstützerinnen und Unterstützer. Neben mehreren evangelischen Landeskirchen gehören unter anderem die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland (aej), der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und kirchliche Hilfswerke zu den Erstunterzeichnern.
„Wir blicken mit Sorge auf aktuelle politische Weichenstellungen“, heißt es in dem Appell. „Sie erschweren notwendige Schritte hin zu einem zukunftsfähigen Energiesystem.“ Angesichts aktueller und weiter drohender Rückschritte in der Klimapolitik „erheben wir unsere Stimmen, um auf die politischen Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen“.
Die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und das Netzausbaupaket müssten so gestaltet werden, dass sie den Übergang zu einem klimaneutralen Energiesystem beschleunigen und nicht ausbremsen, betont das Bündnis. Die aktuellen politischen Entscheidungen durchkreuzten hingegen das Ziel zur Klimaneutralität, zementierten Abhängigkeiten vom Energieimport und belasteten junge und zukünftige Generationen sowie besonders vulnerable Gemeinschaften in unverantwortlichem Maße.

Berlin (epd). Zu Erntedank startet auch in diesem Jahr wieder die Aktion „5.000 Brote - Konfis backen Brot für die Welt“. Bei der Kampagne, die am 4. Oktober begann, begleiten Konfirmandinnen und Konfirmanden in ganz Deutschland Bäckerinnen und Bäckern in die Backstuben, wie „Brot für die Welt“ mitteilte. Das von den Konfis gebackene Brot werde in den Gemeinden verteilt. Die Spenden kommen Bildungsprojekten von Partnerorganisationen des evangelischen Hilfswerks zugute.
Die Schirmherrschaft übernimmt in diesem Jahr die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Kirsten Fehrs. Gemeinsam mit Roland Ermer, dem Präsident des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks und langjährigem Schirmherr, begleite sie die Kampagne, hieß es. Ziel der Aktion sei, Geld für Bildung und Ausbildung junger Menschen weltweit zu sammeln, sagte Fehrs: „Denn die ist in vielen Ländern ja überhaupt nicht selbstverständlich.“
Den Angaben zufolge beschäftigen sich die Jugendlichen bei der Kampagne mit den Lebensrealitäten junger Menschen in anderen Teilen der Welt. 2026 stünden beispielhaft Projekte von „Brot für die Welt“-Partnern in Mosambik und Argentinien im Mittelpunkt. Gerade in Zeiten „voller Widersprüche, Zweifel und Herausforderungen“ sei es wichtig, dass sich junge Generationen miteinander austauschten, sich gegenseitig stützten und solidarisch zeigten, erklärte Dagmar Pruin, Präsidentin von „Brot für die Welt“.
Die Aktion wird gemeinsam von der EKD, dem Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks und „Brot für die Welt“ getragen. Seit dem Auftakt 2014 beteiligten sich mehr als 68.800 Konfirmandinnen und Konfirmanden und es wurden fast 253.000 Brote gebacken.

Düsseldorf, Fulda (epd). Am Donnerstag startet der Ticketverkauf für den 40. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Düsseldorf. Zu dem protestantischen Großevent unter der Losung „Du bist kostbar“ werden vom 5. bis 9. Mai 2027 rund 100.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erwartet, wie das Kirchentagsbüro am 30. September in Fulda und Düsseldorf erklärte.
Angeboten werden den Angaben zufolge Tickets für die kompletten fünf Veranstaltungstage sowie Tagestickets. Es gibt Ermäßigungen für Schüler, Auszubildende, Studierende, Menschen mit Behinderung, Rentner, Empfänger von Arbeitslosengeld oder Grundsicherung, Asylsuchende und Geflüchtete sowie ein Familienticket. Ein Frühbucherrabatt gilt bis zum 3. März 2027. Die Preise liegen zwischen 19 und 249 Euro. 5-Tage-Karten enthalten ein ÖPNV-Ticket für das Gebiet des Kirchentages.
Inhaltlich wird das Programm den Angaben zufolge einen Schwerpunkt auf nationale und globale Sicherheitspolitik sowie internationale Beziehungen legen. Alle zwei Jahre bringt der Kirchentag als Dialog- und Kulturevent Tausende Menschen in einer anderen deutschen Großstadt zusammen. Der Deutsche Evangelische Kirchentag wurde 1949 als christliche Laienbewegung gegründet.

Fulda (epd). Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, hat sich beunruhigt geäußert über den Zulauf der AfD bei den zurückliegenden Landtagswahlen. „Wir stehen vor einem Paradigmenwechsel, wenn die AfD Regierungsverantwortung übernimmt“, sagte Wilmer am 1. Oktober in Fulda zum Abschluss der Herbst-Vollversammlung. Die Partei widerspreche in wesentlichen Teilen ihrer Programmatik, Rhetorik und politischer Ausrichtung diametral dem christlichen Gottes- und Menschenbild.
„Die AfD stellt die Grundwerte unseres Zusammenlebens infrage. Sie will ein anderes Deutschland“, sagte der Bischof von Münster. Es sei daher erschreckend, wenn 30 Prozent der Katholikinnen und Katholiken im Osten die AfD wählen, die in Sachsen-Anhalt vom Landesverfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft werde.
Die AfD war bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt jeweils stärkste Kraft geworden. In Mecklenburg-Vorpommern erreichte die AfD 38,2 Prozent der Stimmen, in Sachsen-Anhalt erzielte sie mit 43,8 Prozent ihr bestes Ergebnis und könnte dort Regierungspartei werden. In Berlin gewann die Linke die Wahlen zum Abgeordnetenhaus mit 25,7 Prozent.
Die Antwort der Kirche auf den Rechtsruck sei der Verweis auf Menschenwürde, Nächstenliebe und demokratische Kultur. Die Würde des jedes Menschen bestehe unabhängig von Alter, Herkunft, sozialer Schicht und Geschlecht. Um die zentrifugalen Kräfte in der Gesellschaft zu stoppen, brauche es eine neue Dynamik für mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt. Man müsse gesellschaftlich nicht in der Mehrheit sein, um daran zu erinnern, was wichtig sei.
„Wir dürfen den spalterischen Parolen nicht nachlaufen“, sagte Wilmer. „Wir werden uns auch weiterhin zu Wort melden, gerade wenn Hass und Hetze zunehmen und das Narrativ einer defekten Demokratie weiter verbreitet wird.“ Politik dürfe sich nicht von extremen politischen Rändern bestimmen lassen. Dazu brauche es eine handlungsfähige demokratische politische Mitte. Die AfD ziele auf ein Zerreißen dieser politischen Mitte. Die Kirche wolle Menschen stärken, die die Gesellschaft stützen.
Wilmer erklärte, die Bischofskonferenz stelle sich solidarisch hinter das Bistum Magdeburg mit Bischof Gerhard Feige an der Spitze. Für den Fall einer Regierungsübernahme der AfD in Sachsen-Anhalt habe man bereits Pläne, um betroffene Bistümer finanziell zu stützen, wenn die Finanzierungsgrundlage bedroht sei. Die Generalsekretärin der Bischofskonferenz, Beate Gilles, verwies auf gefährdete Zuschüsse der Landesregierung in Bildungs- und Sozialeinrichtungen. Wenn Zuschüsse gestrichen würden, seien vulnerable Menschen direkt betroffen.
Auch mit Personalwahlen beschäftigten sich die Bischöfe auf ihrer Vollversammlung. Der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx wird Beauftragter für Kultur, der Kölner Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki wird Nahost-Beauftragter und der Trierer Bischof Stephan Ackermann soll neuer katholischer Flüchtlingsbischof werden.
Die Deutsche Bischofskonferenz ist der Zusammenschluss der 27 deutschen Diözesen. Zur Vollversammlung, dem obersten Gremium der Bischofskonferenz, treffen sich alle Orts- und Weihbischöfe in Deutschland zweimal im Jahr.

Fulda (epd). Der Augsburger Bischof Bertram Meier ist zum Vorsitzenden der neuen Kommission Ökumene und interreligiöser Dialog der Deutschen Bischofskonferenz gewählt worden. Die Ökumene und der interreligiöse Dialog seien für ihn „nicht weniger als eine Herzensangelegenheit“, sagte der 66 Jahre alte Meier am 29. September am Rande der Vollversammlung der Bischofskonferenz in Fulda. Er betrete mit seinem Amt zwar kein Neuland, „aber doch ein Terrain, das künftig an Bedeutung im gesellschaftlichen und weltpolitischen Kontext gewinnen wird“.
Die neue katholische Kommission setzt sich aus der bisherigen Ökumenekommission und der Unterkommission „Interreligiöser Dialog“ zusammen. Katholischer Ökumenebischof an der Spitze der Ökumenekommission war seit 2012 der Magdeburger Bischof Gerhard Feige, der am 19. November 75 Jahre alt wird und Papst Leo XIV. bereits seinen Amtsverzicht angeboten hat.

Bremen (epd). Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat am 3. Oktober beim zentralen Festakt zum Tag der Deutschen Einheit vor einer zunehmenden Bedrohung der Demokratie durch Extremismus gewarnt. „Die unerträgliche politische Demagogie extremistischer Kräfte, die eine Lust an der Zerstörung ausleben und andere Menschen verhöhnen und bedrohen, gefährdet heute nicht nur Freiheit und Demokratie. Sie gefährdet auch unsere innere Einheit“, sagte das Staatsoberhaupt in Bremen. Der amtierende Bundesratspräsident und Bremer Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) rief zu einer entschlossenen Verteidigung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung auf.
In einer rund 50-minütigen, kämpferischen Rede zog Steinmeier eine nüchterne Bilanz von 36 Jahren deutscher Einheit. Für den scheidenden Bundespräsidenten war es eine der letzten großen Reden vor seinem Abschied vom Amt. Die Amtszeit des 70-Jährigen endet im März kommenden Jahres. 2017 wurde er erstmals und 2022 erneut zum Bundespräsidenten gewählt. Am 30. Januar wird die Bundesversammlung in Berlin über seine Nachfolge entscheiden.
In seinem politischen Leben schließe sich ein Bogen, der 1989 seinen Anfang genommen habe, sagte Steinmeier. „Meine Erwartungen waren größer als das, was Realität geworden ist - Erwartungen vor allem an den Fortschritt der liberalen Demokratie und an die Geltung der unbestreitbaren Vernunft internationaler Zusammenarbeit.“ Er habe die Demokratie für gesichert gehalten und müsse nun erfahren, dass sie neu angefochten wird. „Ich habe gedacht, alle hätten die Lektion aus der Geschichte gelernt und muss sehen, wie Parteigänger des Rechtsextremismus heute das Andenken an die Opfer des Holocaust ausradieren wollen.“
Die Besiegelung der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 sei mutigen Menschen zu verdanken, die sich gegen die SED-Diktatur aufgelehnt haben, sagte Steinmeier. Sie hätten die erste friedliche Revolution in Deutschland für Freiheit und Demokratie ermöglicht. „Niemals dürfen die Herausforderungen der Gegenwart diesen Glücksmoment in der deutschen Geschichte verdrängen. Niemals dürfen wir diesen Moment in Vergessenheit geraten lassen. Vergessen wäre Verrat.“
Doch viele Menschen im Osten und Westen des Landes zeigten sich heute in ihren Erwartungen enttäuscht, hob Steinmeier hervor. Bald vier Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung und historisch beispiellosen Anstrengungen des Aufbauens und Erneuerns erklärten große Teile der Bürgerschaft ihr Misstrauen gegen die politische Ordnung der Bundesrepublik. Man dürfe sich nicht um die Tatsache herumdrücken, „dass ein Viertel und mehr mit ihrer Wahlentscheidung bekunden, dass sie sich von wichtigen Grundrechten unserer Republik abwenden“.
Steinmeier mahnte eine Rückkehr zu einer echten Streitkultur an, betonte aber, es dürfe keine Brücke geben „zwischen dem Recht und der Rechtsverachtung, zwischen dem Bemühen um Wahrheit und der Bereitschaft zur Lüge, zwischen Argument und Demagogie“. Es dürfe nicht zugelassen werden, dass in Deutschland erneut antijüdische Stimmungen um sich griffen und Jüdinnen und Juden um ihre Sicherheit fürchten müssten.
Der Bremer Regierungschef und amtierende Bundesratspräsident Bovenschulte rief bei dem Festakt ebenfalls zu einer entschlossenen Verteidigung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung auf. Kräfte, die diese Ordnung infrage stellen, hätten heute so viel Zuspruch wie noch nie seit Gründung der Bundesrepublik, warnte er: „Dagegen müssen wir uns wehren - und dagegen werden wir uns wehren.“
Bovenschulte betonte, die Einheit sei kein Geschenk des Westens gewesen, sondern eine gemeinsame Entscheidung der Menschen. Im Westen sei nach dem Mauerfall jedoch zu oft über den Osten gesprochen worden, statt zuzuhören. „Einheit braucht Anerkennung. Für unterschiedliche Lebenswege und für das, was Menschen geleistet haben“, unterstrich der SPD-Politiker.

Erfurt (epd). Der Entertainer Hape Kerkeling hat sich im Thüringer Landtag für die Einleitung eines Verfahrens zum Verbot der AfD ausgesprochen. Bei einer Anhörung des Justizausschusses sagte Kerkeling am 30. September in Erfurt, er spreche nicht als Verfassungsrechtler, sondern als Nachfahre eines Opfers des Nationalsozialismus. Die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte sei für die Frage eines möglichen AfD-Verbots von zentraler Bedeutung.
Kerkeling kritisierte eine aus seiner Sicht verharmlosende Haltung der AfD zur NS-Zeit. Eine Partei, die ihren politischen Erfolg aus Hass gegen Minderheiten schöpfe, habe in Deutschland „mit seiner grauenhaften Geschichte“ keinen Platz. Wer die Verbrechen von 1933 bis 1945 relativiere oder verharmlose, verlasse den Boden des Grundgesetzes.
Das Grundgesetz ist für den homosexuellen Schauspieler, Moderator und Autor Kerkeling nach eigenen Worten eine „zum Gesetz gereifte Erinnerung“ an die Verbrechen des Nationalsozialismus. Die Menschenwürde sei unantastbar. Wer Menschen wegen ihrer Behinderung, ihres Glaubens, ihrer Hautfarbe oder ihrer sexuellen Identität gezielt verängstige oder verletze, greife diese Grundlage an.
Kerkeling verband seine Argumentation mit der Geschichte seines Großvaters Hermann Anton Kerkeling. Der 1901 geborene Kommunist hatte wenige Wochen nach Adolf Hitlers Machtergreifung 1933 gemeinsam mit einem Genossen Flugblätter gegen das NS-Regime verteilt. Zwei Tage später wurde er wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ verhaftet und zu neun Jahren Zuchthaus verurteilt. 1942 wurde er als politischer Häftling in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Erst im April 1945 kam er frei.
Der heute 61-jährige Kerkeling wuchs nach dem Tod seiner Mutter ab seinem achten Lebensjahr bei seinen Großeltern auf. Die Geschichte seiner Familie beschreibt er unter anderem in seinen autobiografischen Büchern.
Kerkeling appellierte an die Abgeordneten des thüringischen Landtags, ihren Einfluss zu nutzen, um ein Verbotsverfahren anzustoßen. Die AfD-Mitglieder des Justizausschusses forderte er vergeblich auf, sich noch während der Anhörung von verfassungsfeindlichen Aussagen von Mitgliedern der Partei und Anhängern öffentlich zu distanzieren.

Münster (epd). Die Nato und die internationale Jugendbewegung socioMovens sind am 1. Oktober in Münster mit dem Internationalen Preis des Westfälischen Friedens 2026 ausgezeichnet worden. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) rief in seiner Laudatio eindringlich zur Unterstützung der Ukraine und zu Eintracht und Stärke in Deutschland und Europa auf. Nato-Generalsekretär Mark Rutte hob in seiner Dankesrede die Bedeutung des Bündnisses für Sicherheit und Zusammenhalt hervor. Die Festveranstaltung wurde von kleineren Demonstrationen gegen die Verleihung des Friedenspreises an das Militärbündnis begleitet.
Merz nannte die Nato „eine Allianz der Freiheit“, die seit drei Generationen für Sicherheit und Frieden im euro-atlantischen Raum bürge: „Sie schützt unsere Sicherheit und unseren Wohlstand. Sie dient dem Frieden.“ Mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine stehe auch die Sicherheit Europas auf dem Spiel, „es geht auch um uns“, sagte der Kanzler. Es sei daher richtig, die Ukraine mit aller Kraft zu unterstützen. Falls es nicht gelinge, „Moskau Einhalt zu gebieten“, werde sich „die russische Kriegsmaschinerie früher oder später gegen uns, gegen die Nato selbst richten“, warnte er.
„Wir wollen vor allem, dass Russland seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine beendet und zur europäischen Friedensordnung zurückkehrt“, sagte Merz. Dazu sei Russland heute nicht bereit. Daher dürften Deutschland und Europa nicht wanken, sondern müssten „fest bleiben“. Deutschland werde sich nicht spalten lassen - „nicht durch hybride Angriffe, nicht durch von Moskauer Bots gesteuerte Hetze in den sozialen Medien und auch nicht durch die Parolen der AfD und ihrer russischen Hintermänner“. Deutschland wolle in einem erneuerten Bündnis mehr Verantwortung tragen, das diene „unserer Freiheit, unserer Sicherheit und unserem Wohlstand“.
Auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) verteidigte in seiner Eröffnungsrede die umstrittene Vergabe des Friedenspreises an die Nato. Das westliche Bündnis beweise seit mehr als 75 Jahren, dass Stärke Frieden sichern könne, sagte er. Der Westfälische Friede von 1648, der den Dreißigjährigen Krieg beendete, habe die Grundlagen für eine internationale Ordnung gelegt, die bis heute Bestand habe, erklärte Wüst. Um Frieden zu schaffen und zu bewahren, brauche es Diplomatie und Vertrauen, aber auch militärische Stärke, die Krieg verhindern und Frieden bewahren könne.
Der russische Krieg gegen die Ukraine werde „vor unserer Haustür“ geführt, sagte Nato-Chef Rutte. Die Ukraine müsse weiter unterstützt werden. Russlands Präsident Wladimir Putin wolle „einschüchtern und herausfordern, aber es wird ihm nicht gelingen“.
Mit dem Jugendpreis wurde das Jugendnetzwerk „socioMovens - Giving Europe a Soul“ geehrt, das seit 2012 soziales Engagement, europäische Verständigung und eine werteorientierte Jugendkultur fördert. In internationalen Jugendcamps und Projekten wird der Geist eines solidarischen, friedlichen Europas vermittelt. Kardinal Michael Czerny, Migrationsbeauftragter des Heiligen Stuhls, würdigte in seiner Laudatio die Bedeutung von Begegnung, Bildung und sozialer Verantwortung für den Frieden. „Europa braucht moralische Orientierung“, sagte er. „Europa braucht seine Seele.“
Der Internationale Preis des Westfälischen Friedens ist mit insgesamt 100.000 Euro dotiert und geht je zur Hälfte an die beiden Preisträger. Die Wirtschaftliche Gesellschaft für Westfalen und Lippe vergibt ihn in der Regel alle zwei Jahre für Engagement zur Erhaltung des Friedens und der Eigenständigkeit Europas. Das Preisgeld der Nato kommt einer gemeinnützigen Organisation in der Ukraine zugute.

Berlin (epd). Die von Behörden unabhängige Asylverfahrensberatung soll es nach Plänen des Bundesinnenministeriums künftig nur noch für besonders schutzbedürftige Asylsuchende geben. Es sei vorgesehen, die Beratung „in ihrer bisherigen Form nicht fortzuführen und künftig auf die Personengruppe der Vulnerablen zu beschränken“, heißt es in einer von der Linken im Bundestag erbetenen Sachinformation des Ministeriums, die dem Evangelischen Pressedienst (epd) vorliegt. Verbände kritisieren die Kürzung und sehen vor allem praktische Probleme einer solchen Regelung. Auch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Natalie Pawlik (SPD), äußerte sich kritisch.
Das Ministerium erklärt mit der Beschränkung auf sogenannte Vulnerable die in dem Bereich geplante drastische Kürzung. Im Bundeshaushalt für das nächste Jahr, der noch im Bundestag beraten wird, sind dafür nur noch fünf Millionen Euro vorgesehen. In diesem Jahr stehen dafür 24,5 Millionen Euro zur Verfügung.
Das Innenministerium verweist darauf, dass die Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (Geas), die im Juni in Kraft getreten ist, einen Anspruch auf unentgeltliche Rechtsauskunft vorsieht. Das werde im Asylgesetz mit der kostenlosen Rechtsberatung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, der zuständigen Bundesbehörde, umgesetzt. Die behördenunabhängige Beratung soll es als „zusätzliche Beratungsleistung für Vulnerable“ weiter geben, wobei das Ministerium offen lässt, welche Personengruppen konkret darunter fallen.
Die Linken-Abgeordnete Clara Bünger bezeichnete die geplante Beschränkung des Beratungsangebots als „schlechte Nachricht“ für Asylsuchende. Angesichts der komplexen Geas-Reform seien sie „mehr denn je auf eine individuelle und unabhängige Beratung angewiesen“. Die behördenunabhängige Asylverfahrensberatung wird vom Bund seit 2023 unterstützt. Sie wurde unter der Ampel-Koalition im Asylgesetz festgeschrieben.
Verbände sehen vor allem praktische Schwierigkeiten. „Wer schutzbedürftig ist, zeigt sich oft erst im Gespräch“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtverbandes, Joachim Rock. Kerstin Becker, Leiterin der zuständigen Abteilung beim Paritätischen, erläuterte dem Evangelischen Pressedienst (epd), aktuell könne die Beratung in allen Erstaufnahmeeinrichtungen geleistet werden. „Mit nur noch fünf Millionen Euro wird das ein Ding der Unmöglichkeit“, sagte sie. Wie vulnerable Personen dann in die Beratung gelangen, sei unklar. „Das sieht man den Menschen ja nicht an“, sagte sie.
Der zuständige Referent der Diakonie, Sebastian Ludwig, geht davon aus, dass das für viele Menschen Konsequenzen hat. Studien zufolge hätte rund ein Drittel der Asylantragsteller Traumatisierungen oder andere Formen psychischer Erkrankungen. „Hinzu kommen kleinere vulnerable Gruppen wie unbegleitete Minderjährige oder Opfer von Menschenhandel“, sagte er.
Die Integrationsbeauftragte Pawlik äußerte sich mit Blick auf die insgesamt geplanten Kürzungen im Asyl- und Integrationsbereich kritisch. Derzeit werde „an allen Ecken der Rotstift angesetzt“, sagte sie. „Das ist fatal für die Menschen, die zu uns kommen, und es gefährdet zugleich den gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie die Zukunft Deutschlands als Wirtschaftsstandort“, sagte sie. Pawlik appellierte an die Bundestagsabgeordneten, die über den Bundeshaushalt noch abschließend beraten müssen. Es werde im parlamentarischen Verfahren „darauf ankommen, die Integrationsstrukturen, die sich über Jahre bewährt haben, zu erhalten“.

Bonn (epd). Hitze, Waldbrände und niedrige Wasserstände: Ganz Europa war in diesem Jahr laut dem EU-Dienst Copernicus von Klimaextremen betroffen. Westeuropa durchlebte demnach den heißesten jemals gemessenen Sommer. Die sommerliche Durchschnittstemperatur habe in der Region bei 21,7 Grad Celsius gelegen und damit 2,5 Grad über dem Vergleichswert der Jahre 1991 bis 2020, teilte Copernicus am 2. Oktober in Bonn mit. Der bisherige Rekord aus dem Sommer 2003 sei damit übertroffen worden.
Bezogen auf den ganzen Kontinent sei der Sommer 2026 der drittwärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gewesen. Der meteorologische Sommer umfasst die Monate Juni, Juli und August. Für Westeuropa hoben die Copernicus-Fachleute hervor, dass die außergewöhnliche Wärme weit über die Kernmonate des Sommers hinaus angehalten habe. Auch im Mai und September seien „rekordhohe Tagestemperaturen“ gemessen worden.
Vor allem Hitze machte laut Copernicus den Menschen in Europa zu schaffen. Etwas mehr als die Hälfte des Kontinents (52 Prozent) habe sehr starken Hitzestress erlebt, also eine gefühlte Temperatur von 38 Grad Celsius oder mehr. Für Westeuropa sei im Durchschnitt die Rekordzahl von 13 Tagen mit sehr starkem Hitzestress festgestellt worden, hieß es. An durchschnittlich 41 Tagen sei starker Hitzestress aufgetreten, was gefühlten Temperaturen von 32 bis 38 Grad entspricht - ebenfalls ein Rekord.
Samantha Burgess, Strategieleiterin für Klima beim Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage, sprach von einem „Sommer mit sich überschneidenden Klimaextremen“. Mit Blick auf die Folgen, etwa für die Verfügbarkeit von Wasser oder für die Gesundheit, mahnte Burgess an, „Widerstandsfähigkeit gegenüber zunehmend miteinander verknüpften Klimarisiken aufzubauen“.
Angesichts der Trockenheit wurden laut Copernicus auch die stärksten Niedrigwasserstände in Europa seit Beginn der Erfassung im Jahr 1992 festgestellt. Im Juli und August seien an vielen großen europäischen Flüssen gleichzeitig „Rekord- oder Beinahe-Rekordtiefstände“ aufgetreten, darunter im Rhein, der Donau und der Seine. Diese führten laut dem Bericht zu Lieferschwierigkeiten im Güterverkehr und wirkten sich zudem auf die Kühlung von Kernreaktoren aus. Auch die Wasserkraftgewinnung und die Verfügbarkeit von Süßwasser seien betroffen gewesen.
Die anhaltende Trockenheit und Hitzewellen trugen laut Copernicus auch zu starken Waldbränden bei. Die verbrannte Fläche in der EU sei bis zum 2. September fast doppelt so groß gewesen wie im Durchschnitt der Jahre 2006 bis 2025. Vor allem in Spanien und Frankreich seien die Brände verheerend gewesen. Durch die dadurch verursachten Emissionen seien Millionen von Menschen einer gesundheitsgefährdenden Luftverschmutzung ausgesetzt gewesen.
Die Copernicus-Fachleute äußerten sich ebenfalls besorgt über die hohen Meerestemperaturen. An der Atlantikküste sowie im westlichen und zentralen Mittelmeer seien Rekordwerte oder Beinahe-Rekordwerte bei den Meeresoberflächentemperaturen gemessen worden.
Europa erwärmt sich infolge des Klimawandels von allen Kontinenten am schnellsten. Infolge der Erderwärmung werden Wetterextreme wie Hitzewellen und Dürren wahrscheinlicher, und ihre Intensität nimmt zu. Auch in Deutschland war der Sommer von mehreren Hitzewellen geprägt. Laut Robert Koch-Institut starben schätzungsweise rund 16.000 Menschen im Zusammenhang mit der Hitze.

Köln, Leipzig (epd). Noch fehlt dem kleinen Löwenzahn der Kopf. Ob er kommt und wann er blüht, entscheidet sich in den nächsten Tagen. Nimmt er genügend Nährstoffe und Wasser auf? Gibt es eine Milbenseuche oder vermüllen Menschen die Umgebung? Wenn der Stresslevel zu groß wird, verliert er seine Blätter und stirbt. Wenn er aber auf die richtigen Fähigkeiten setzt, blüht er spätestens nach 50 Tagen.
Dieser Löwenzahn können Spielerinnen und Spieler im Videogame VIVID sein. Noch befindet es sich in der Entwicklung - eine Veröffentlichung ist für 2027 geplant. „Umweltschutz geht alle was an“, sagt Steven Listemann vom Entwicklerstudio Team Nava Games aus Leipzig. „Wir bräuchten 1,73 Erden, um wirklich nachhaltig weiterzuleben, was verrückt genug ist.“
Auch die Vereinten Nationen haben das Thema Videospiele und Klima für sich entdeckt: „Playing for the Planet“ („Spielen für den Planeten“) wurde 2019 beim UN Climate Action Summit in New York gegründet. Zu den Zielen gehört, die Videospielindustrie miteinander zu vernetzen, Nachhaltigkeit näherzubringen und zu zeigen, wie durch das Erzählen von Geschichten umweltbewusstes Handeln gefördert werden kann. Mittlerweile gehörten der Initiative 60 unterschiedliche Studios an, die rund 3,6 Milliarden Spielerinnen und Spieler erreichen, sagt Lisa Pak, Leiterin des operativen Geschäfts.
Sony Interactive entwickelte etwa das Gratis-Spiel „Climate Station“ für die virtuelle Realität. Anhand wissenschaftlicher Daten können von zu Hause aus die Folgen des Klimawandels erlebt und verstanden werden. Bei einem jährlichen „Green Game Jam“ der Initiative integrieren Spieleentwickler in bereits bestehende Games Umweltthemen über Ladebildschirme, Belohnungen oder Geschichten.
Auch in VIVID soll man nebenbei lernen. Bisher gibt es ein Biom, den Mischwald, und eine Pflanze, den Löwenzahn. Im fertigen Spiel sollen es laut Listemann drei Pflanzen sein, über die die Community noch abstimmt, und drei Biome: Mischwald, Bergregion und Großstadt. „In der Großstadt hast du viel mehr Bestäubung, weil wir es irgendwie geschafft haben, durch Landwirtschaft so viele Insekten im Wald zu killen, dass es für Pflanzen mittlerweile angenehmer in der Großstadt ist“, erklärt er. „Es geht darum, das herauszufinden, indem du spielst.“
Die Pflanze kann sich spezialisieren und anpassen. Dafür sammelt sie mit der Zeit „Metabolismuspunkte“, die in einen Fähigkeitenbaum sowie Ressourcenaufnahme und -produktion investiert werden können. Ereignisse wie eine Hitzephase brauchen die passende Reaktion, um zu überleben. Ein Vorteil gegenüber dem echten Leben: Die Zeit kann gestoppt oder verlangsamt werden. VIVID ist sozusagen ein Cozy-Survival-Game, ein gemütliches Überlebensspiel.
Basis für die Pflanzen und Biome sind Recherche und Faktencheck. Zwölf Monate dauerte die Entwicklung des Prototyps. Zwei Monate dienten dem Lesen wissenschaftlicher Texte. Dann hätten sie Kontakt zum Biologiedidaktik-Institut der Universität Leipzig aufgebaut, um die Inhalte des Spiels zu prüfen. Jedes Spiel solle Spaß machen, es müsse aber auch korrekt sein. Der Spaß stehe bei VIVID im Vordergrund. Serious Games seien dagegen „Spiele, die am ehesten darauf abzielen, dass du lernst, und der Spaß ist untergeordnet“, sagt Listemann.
Um kommerziell erfolgreiche Spiele zu Umwelt- und Klimathemen geht es seit 2023 auch in der Kursreihe „Zocken gegen die Klimakrise“ der Universität Witten/Herdecke. Jan P. Ehlers und Julia Nitsche bieten sie im Studium Fundamentale an. Wie Listemann findet auch Didaktiker Ehlers, dass Serious Games zu sehr den Bildungsaspekt fokussieren.
Team Nava Games sicherte sich für VIVID bisher Konzept- und Projektgelder über die Mitteldeutsche Medienförderung. Für die weitere Entwicklung wurde auf der weltgrößten Videospielemesse Gamescom unter anderem ein Publisher gesucht. Das fertige Spiel soll kontinuierlich wachsen: Neue Biome und Pflanzen sind als herunterladbare Inhalte geplant. Von Kakteen in der Wüste bis hin zu exotischen Pflanzen im Dschungel ist alles erlern- und vorstellbar.

Stuttgart/Leipzig (epd). „Schmeckt?“ Der Gast nickt. „Dann lassen Sie ihn jetzt mal abkühlen.“ Stefan Dachale gibt in seinem Stuttgarter Spezialitätencafé einen Rat, mit dem kaum jemand rechnet. Die meisten Menschen trinken Kaffee möglichst heiß, möglichst schnell und möglichst stark. Dachale dagegen gehört zu den Menschen, die in einer Tasse weit mehr entdecken als einen Wachmacher.
„Ein wirklich guter Kaffee schmeckt auch kalt“, sagt er. „Keine metallischen Töne, keine unangenehme Säure.“ Dann folgt ein Satz, der viele überraschen dürfte: „Guter Kaffee schmeckt schwarz. Man sollte ihn nicht erst mit Zucker und Milch trinkbar machen müssen.“ Seit mehr als zehn Jahren beschäftigt er sich professionell mit Spezialitätenkaffee. Wer ihm zuhört, merkt schnell: Kaffee ist für ihn kein Alltagsprodukt, sondern ein Genussmittel.
Für viele Deutsche dagegen ist Kaffee vor allem eines: Treibstoff. Mit durchschnittlich 163 Litern pro Kopf im Jahr ist Kaffee hierzulande das meistkonsumierte Getränk. Hauptsache wach. „Das ist eigentlich erstaunlich“, sagt Dachale. „Kaffee hat deutlich mehr Aromen als Wein.“ Tatsächlich kennen Fachleute mehrere Hundert Aromanuancen - von Schokolade und Jasmin bis zu tropischen Früchten.
Bevor Kaffee in deutschen Tassen landet, hat er meist eine halbe Welt umrundet. Rund 38 Prozent des Kaffees stammen aus Brasilien, weitere 21 Prozent aus Vietnam, neun Prozent aus Honduras. Mehr als 100 Millionen Menschen leben weltweit direkt oder indirekt vom Kaffeeanbau. Jede Tasse verbindet damit den Frühstückstisch in Deutschland mit Farmen auf mehreren Kontinenten.
Doch bevor Kaffee zum Lieblingsgetränk der Deutschen wurde, musste er selbst erst eine weite Reise antreten. Seine Geschichte beginnt im äthiopischen Hochland. Im Jemen wurde Kaffee erstmals kultiviert. Von dort gelangte er über die Handelswege der islamischen Welt nach Mekka und weiter bis nach Europa.
In Mekka entstanden die ersten Kaffeehäuser. Sie waren weit mehr als Gaststätten. Hier wurden Nachrichten ausgetauscht, Geschäfte abgeschlossen und politische Debatten geführt. Kaffee wurde zum Getränk der Öffentlichkeit.
Als die Bohnen Europa eroberten, entstanden auch hier Orte, die Geschichte schrieben. Einer dieser Orte steht bis heute in Leipzig. Im traditionsreichen „Zum Arabischen Coffe Baum“ wird seit 1720 Kaffee ausgeschenkt. Über dem Eingang reicht ein steinerner Türke unter einem blühenden Kaffeebaum einem Putto eine Schale Kaffee.
Goethe und Robert Schumann gehörten zu den berühmten Gästen. Auch Helmut Kohl und Lothar de Maizière trafen sich hier 1990 zu Gesprächen über die deutsche Wiedervereinigung.
Leipzig schrieb noch eine zweite Kaffeegeschichte - eine musikalische. Johann Sebastian Bach musizierte zweimal wöchentlich im Zimmermannschen Kaffeehaus. Dort entstand seine berühmte Kaffeekantate. „Ei, wie schmeckt der Coffee süße“, singt darin das kaffeebegeisterte Lieschen. Charmanter ist für Kaffee wohl nie geworben worden.
Aus den Kaffeehäusern wurden bald weit mehr als Orte, an denen Kaffee ausgeschenkt wurde. Sie wurden Wohnzimmer, Schreibstuben, Handelsplätze und Bühnen des öffentlichen Lebens. Bis heute lässt sich das kaum irgendwo besser erleben als in Wien. Wer hier ein Kaffeehaus betritt, bestellt nicht einfach Kaffee. Man bestellt eine Melange, einen Kleinen Braunen oder einen Einspänner - und vor allem Zeit.
Der Schriftsteller Alfred Polgar brachte dieses Lebensgefühl auf den Punkt: Das Wiener Kaffeehaus sei ein Ort, „in dem die Zeit und der Raum konsumiert werden, aber nur der Kaffee auf der Rechnung steht“.
Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis des Kaffees. Seit Jahrhunderten bringt er Menschen zusammen. Zum Arbeiten und Diskutieren, zum Musizieren und Nachdenken, zum Innehalten und Genießen. Er ist weit mehr als ein Getränk.
Auch Stefan Dachale spricht über Kaffee kaum zuerst als Getränk. „Für mich ist Kaffee ganz klar ein Genussmittel“, sagt er. „Aber auch ein sehr liebgewonnenes Ritual.“ Während des Gesprächs ist der Kaffee längst abgekühlt. Für viele wäre das der Moment, die Tasse stehenzulassen. Für Dachale beginnt jetzt der interessanteste Teil. Er nimmt einen Schluck. Er lächelt. „Jetzt schmeckt er erst richtig.“

Berlin (epd). Schon lange befindet sich die soziale Pflegeversicherung finanziell in einer Schieflage. Das „Gesetz zur Neuordnung der Pflegeversicherung“, dessen Entwurf am 30. September vom Kabinett gebilligt wurde, soll zumindest kurzfristig für eine Stabilisierung sorgen. Ein großer Teil geht auf Planungen aus der Amtszeit von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) zurück. Ihr Nachfolger Carsten Linnemann (CDU) ändert aber einige wichtige Punkte.
Die heutigen fünf Pflegegrade gibt es seit der Pflegereform 2017. Bei der Festlegung der Kriterien wurde allerdings von der wissenschaftlichen Empfehlung abgewichen, was nun korrigiert werden soll. Damit steigen die Hürden für die Einstufung in die Pflegegrade 1, 2 und 3. Wer vor Inkrafttreten des neuen Gesetzes in einen Pflegegrad eingeordnet wird, behält ihn.
Der Großteil der Pflegebedürftigen wird zu Hause versorgt. Die Pflegekassen zahlen ihnen unter anderem den sogenannten Entlastungsbetrag: 131 Euro im Monat können beispielsweise für Unterstützung im Haushalt ausgegeben werden. Für Pflegegrad 1 soll dieser Posten wegfallen. Ein Teil des Geldes soll für den Aufbau einer Pflegebegleitung verwendet werden, damit Betroffene und Angehörige frühzeitig Hilfe und Beratung von Fachleuten bekommen. Die Pflegebegleitung soll 2029 starten.
Geplant ist zudem ein Überbrückungsbudget, um „eine pflegerische Versorgung in Akut- und Überbrückungssituationen sicherzustellen“. Dabei können ambulante Pflegedienste einspringen, es ist aber -ab 2028 - auch ein kurzzeitiger Heimaufenthalt möglich. Generell sollen bei der häuslichen Pflege verschiedene Einzelleistungen zu Budgets zusammengefasst werden. Sowohl in der ambulanten als auch in der stationären Pflege sollen die Leistungsbeträge der Pflegekassen ab 2029 jedes Jahr erhöht werden, orientiert an der Inflation.
Die vollstationäre Pflege ist für Betroffene oft sehr teuer. Der Eigenanteil im ersten Jahr lag zuletzt im Bundesdurchschnitt bei mehr als 3.300 Euro im Monat. Er umfasst neben einem Teil der Pflegekosten auch Wohn-, Verpflegungs- und Investitionsausgaben. Für den pflegebedingten Eigenanteil zahlen die Pflegekassen Zuschüsse, die mit längerem Heimaufenthalt ansteigen: Im ersten Jahr sind es 15 Prozent, nach 12 Monaten 30 Prozent, nach 24 Monaten 50 Prozent und nach 36 Monaten 75 Prozent. Diese Fristen sollen nun, anders als im Warken-Entwurf, beibehalten und nicht verlängert werden.
Für Kinderlose ist die Pflegeversicherung teurer als für Eltern. Sie zahlen einen Aufschlag von 0,6 Prozentpunkten auf den allgemeinen Arbeitnehmer-Beitragssatz von 1,8 Prozent. Künftig sollen es 0,9 Prozentpunkte sein. Im Warken-Entwurf waren lediglich 0,7 Punkte vorgesehen.
Zudem wird die beitragsfreie Mitversicherung für Ehepartner ohne nennenswertes eigenes Einkommen eingeschränkt. Für diese Gruppe wird ein Beitrag von 0,52 Prozent auf beitragspflichtige Einnahmen des Partners fällig. Ausnahmen gibt es für Rentnerinnen und Rentner sowie Menschen, die Kinder unter sieben Jahren, behinderte Kinder oder pflegebedürftige Angehörige betreuen.
Die Beitragsbemessungsgrenze soll angehoben werden. Damit zahlen Gutverdiener, sofern sie nicht privat versichert sind, mehr für die Pflegeversicherung und ihre Arbeitgeber auch. Die Anhebung fällt aber geringer aus als von Warken vorgesehen.
Für Menschen, die einen Angehörigen pflegen und deshalb nicht oder nur eingeschränkt arbeiten können, zahlt die Pflegekasse unter bestimmten Voraussetzungen Rentenbeiträge. Dort wird anders als von Warken geplant nun doch nicht gekürzt.
Die Regierung will dafür sorgen, dass mehr Menschen eine Pflege-Zusatzversicherung abschließen. Entsprechende Versicherungsbeiträge sollen deshalb von der Steuer abgesetzt werden können. Das ist im Gesetzentwurf aber nur als Absicht formuliert.
Schon nächste Woche soll das Bundeskabinett eine Fachkommission einsetzen, die bis Ende Januar Vorschläge für tiefergehende Veränderungen im Pflegesystem machen soll. Laut Linnemann sollen die Empfehlungen möglichst vor Ostern im Kabinett beschlossen werden.

München, Berlin (epd). Ab dem 1. Januar 2027 kostet das Deutschlandticket 66,80 Euro und damit 3,80 Euro mehr als bislang. Das beschloss die Verkehrsministerkonferenz (VMK) am 30. September in Berlin. Aktuell kostet das bundesweit gültige Regional- und Nahverkehrsticket 63 Euro, prozentual verteuert sich das Ticket ab nächstem Jahr um gut sechs Prozent. Laut Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) ist das Deutschlandticket dennoch „weiterhin ein sehr attraktives Angebot“, das den Menschen in Deutschland „hochwertige und klimafreundliche Mobilität im öffentlichen Personenverkehr ermöglicht“.
Zum Jahreswechsel werden auch die Preise für das Deutschlandticket als Jobticket mit 63,46 Euro und als Semesterticket mit 40,08 Euro neu festgelegt. Die Preisanpassung entspreche dem im März von der VMK beschlossenen Preisindex, heißt es in einer Mitteilung des bayerischen Verkehrsministeriums von Minister Christian Bernreiter (CSU), das noch bis Ende des Jahres den Vorsitz der Konferenz innehat. Als Grundlage für den Index dienten die Kosten für Personal, Energie und allgemeine Ausgaben. Entwickelt wurde der Index den Angaben zufolge gemeinsam mit Verbänden der Verkehrsunternehmen und Aufgabenträger. Von nun an soll er jährlich zur Feststellung des Preises des Deutschlandtickets herangezogen werden, hieß es weiter.
Der nordrhein-westfälische Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) kritisierte in der „Rheinischen Post“, die Bundesregierung habe im Koalitionsvertrag Preisstabilität für das Deutschlandticket versprochen. Die Preiserhöhung sei „schade für den Erfolg dieses revolutionären Tickets und geht auf Kosten der Fahrgäste“. Um den Preis auf lange Sicht stabil zu halten, müsse die Anzahl an Nutzenden des Deutschlandtickets steigen.
Kritik an dem Beschluss kam auch von der Verbraucherzentrale. Die jährlichen Preissteigerungen dürften nicht dazu führen, dass immer mehr Menschen aus Kostengründen auf das Deutschlandticket verzichten müssten, sagte Bundesvorständin Ramona Pop. Sie forderte daher die Einführung eines bundesweit einheitlichen Nahverkehrstarifs, mit dem der ÖPNV auch für Menschen, die nur gelegentlich Bus und Bahn nutzen, einfacher und attraktiver würde. Der neue Preisindex beende zwar das wiederkehrende politische Ringen um den Preis des Deutschlandtickets. Es drohe jedoch eine „automatisierte Preisspirale, an deren Ende für viele das Deutschlandticket kein attraktives Angebot mehr darstellt“, bemängelte Pop.
Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) kritisierte, beim Deutschlandticket hätten Bund und Länder ihre Zuschüsse bis 2030 eingefroren, für die Subventionierung von Benzin und Diesel stünden hingegen „innerhalb kürzester Zeit Milliarden bereit“. Sie forderte in einer Mitteilung als kurzfristige Entlastung ein Deutschlandticket für 29 Euro für zwölf Monate und anschließend einen dauerhaft stabilen Preis von maximal 49 Euro. „Öffentlicher Nahverkehr ist gesellschaftliche Teilhabe, doch Bund und Länder machen ihn zum Verkehrsmittel zweiter Klasse“, sagte DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch. Millionen Menschen ohne Auto, die auf einen bezahlbaren und zuverlässigen öffentlichen Nahverkehr angewiesen seien, würden mit solchen Entscheidungen im Stich gelassen.
Auch die Umweltorganisation Greenpeace zeigte sich besorgt. Bei der Preiserhöhung handele es sich - mit einer Gesamt-Teuerung um 37 Prozent seit 2023 - um die höchste eines solchen Tickets in Europa. Kein anderes Land habe seine Bus- und Bahnabos in diesem Zeitraum so stark angehoben. Dies stoße knapp 15 Millionen Abonnentinnen und Abonnenten vor den Kopf. Außerdem sei es kurzsichtig, ein Ticket immer weiter zu verteuern, das den Verbrauch von Öl senke und damit Deutschlands Unabhängigkeit und den Klimaschutz stärke, hob der Umweltverband hervor.

Hamburg/Würzburg (epd). Lächelnd sitzt der Specht aus Holz an einem Baumstamm und zeigt mit seinem Schnabel auf zwei eingravierte rote Herzen. „Sei einfach du und die Welt wird bunt“, steht darunter. Wenn man nur auf die roten Herzen schaut, könnte die Skulptur in der Ecke des Wohnzimmers von Fabian und Julia Seith (Namen geändert) auch ein Hochzeitsgeschenk sein. Aber sie wird einmal auf Fabians Grab stehen, auf dem Ohlsdorfer Friedhof im Norden Hamburgs.
So hat der 56-Jährige es geplant. Er hat Darmkrebs im Endstadium. Der Tumor wurde 2022 bei einer Routine-Untersuchung entdeckt, aber er hatte schon gestreut, in die Leber, in die Lunge. Die Ärzte gaben ihm damals noch zwei Monate.
Im langen, heißen Sommer 2026 sitzen Fabian und seine Frau Julia im Wohnzimmer ihrer abgedunkelten Wohnung in der Hamburger Neustadt. Die Ärzte hatten glücklicherweise nicht recht, aber die Krankheit ist vorangeschritten. Fabian Seith hat inzwischen alles für seinen Tod vorbereitet und geplant. Und für die Zeit danach, für Julia.
„Aber so einfach ist das nicht: Wir schrauben hier einen Specht an die Wand, und alles ist gut“, sagt Julia Seith gleich zu Beginn und muss zum ersten Mal mit den Tränen kämpfen. „Das ist ein knallharter Weg, mit tiefsten Tiefen.“
Nach der Diagnose habe Fabian erst einmal sechs Wochen lang nicht mehr gesprochen. „Es war ein Schock der Seele“, sagt Julia. Er habe in der Zeit viel nachgedacht, erinnert sich Fabian, darüber, was nun zu tun sei, über Julia. „Und dann sind wir alles Schritt für Schritt durchgegangen.“
Er hat die Grabskulptur mit dem Specht entworfen und sich einen Platz auf dem Friedhof ausgesucht. Hat mit einem Filmemacher ein 90-minütiges Interview aufgezeichnet, in dem er von seinem Leben erzählt, und den Film gemeinsam mit Familie und Freunden in einem Hamburger Kino angeschaut. Ist mit Julia die Finanzen durchgegangen, hat geschaut, ob sie sich die Wohnung nach seinem Tod noch leisten kann. Hat Teams von Freunden gebildet, die Julia nach seinem Tod unterstützen können, zum Beispiel bei IT-Problemen. In drei Boxen sammelt er Zettel für seine Frau: zu Computerfragen, mit Kochrezepten und mit Lebensweisheiten.
„Der Umgang dieses Patienten mit seinem bevorstehenden Tod ist etwas ganz Besonderes“, sagt Elisabeth Jentschke, Psychologin, Psychotherapeutin und Psychoonkologin am Universitätsklinikum Würzburg. „Er setzt sich aktiv mit dem Tod auseinander, versucht aber auch, mit dem gegenwärtigen Leben verbunden zu bleiben.“ In der Fachsprache heiße diese Fähigkeit 'double awareness' - ein gleichzeitiges Bewusstsein für das Leben und für seine Endlichkeit. „Das sind keine Gegensätze.“
Sich bewusst zu überlegen, wie die verbleibende Zeit noch gestaltet werden könne, gebe einem todkranken Menschen Kontrolle und Selbstwirksamkeit, erläutert Jentschke. „Dadurch bleibt er Handelnder und wird nicht nur zum Sterbenden.“
„Akzeptanz ist der Schlüssel zu allem“, sagt Fabian Seith an seinem Wohnzimmertisch. Den nahenden Tod zu verdrängen, würde ihn eher Kraft kosten. Er akzeptiert, dass manche Dinge nicht mehr gehen, richtet aber gleichzeitig den Blick auf das, was noch möglich ist, wie er sagt. Keine Reisen mehr nach Grönland oder Nepal, stattdessen zunächst noch Ausflüge nach Helgoland oder in die Lüneburger Heide. Dann Spaziergänge um die Außenalster. Als auch bei kurzen Wegen zu Fuß die Atemnot immer stärker wurde, nutzte er einen Rollstuhl, um herauszukommen.
„Akzeptanz kann absolut entlastend sein“, bestätigt Jentschke. Sie betont aber auch: „Menschen dürfen sehr unterschiedlich sterben.“ Aus Untersuchungen wisse man, dass fast die Hälfte der Menschen mit einer schweren Erkrankung nicht umfassend verstanden habe, dass ihr Leben zu Ende gehe. „Vielleicht kognitiv, aber nicht emotional“, sagt die Psychoonkologin. Das mache auch die Beratung schwierig. „Der eine möchte alles wissen und vorbereiten. Ein anderer braucht mehr Hoffnung, vielleicht auch Ablenkung, manchmal sogar Vermeidung.“ Das könne sich phasenweise auch immer wieder abwechseln.
Fabian und Julia Seith erzählen, dass einige Freunde und Bekannte sich zurückgezogen hätten, weil sie mit der offenen Art, mit der die beiden über den Tod sprechen, nicht umgehen konnten. Andere seien dankbar, weil sie dadurch die Gelegenheit hätten, das eigene Leben zu reflektieren. „Wegen uns gab es in unserem Umfeld sowohl Hochzeiten als auch Scheidungen“, erzählt Julia Seith. Fabian sieht es in seiner verbleibenden Zeit als seine Aufgabe an, den Tod zu „entschrecken“, wie er es ausdrückt: „Mein Tod ist ein partyfähiges Thema geworden.“
Die meiste Kraft findet er bei seiner Frau. „Es funktioniert nur, diesen für beide individuell unterschiedlichen Weg gemeinsam zu gehen und zu gestalten“, schreibt er nach dem Besuch der Reporterin. „Ohne sie hätte ich das nicht geschafft und würde vermutlich nicht mehr den Lebenswillen und die Lebensfreude haben.“ Ende September meldet Julia sich noch einmal. Fabian geht es mittlerweile deutlich schlechter.
„Auch für mich ist es ein vorweggenommener Trauerprozess“, so hatte sie Fabians Vorbereitungen auf den Tod beim gemeinsamen Gespräch im Wohnzimmer formuliert. „Es sind tausend größere und kleinere Abschiede.“ Sie hoffe, dass sie es schaffe, Fabian loszulassen und die Dankbarkeit in den Vordergrund zu rücken, für das, was sie hatten. Nach seinem Tod will sie einen Trauerweg gehen, von München an den Bodensee. Was dann kommt, weiß sie noch nicht. „Man kann nicht alles planen.“

Darmstadt (epd). Der britische Schauspieler Benedict Cumberbatch kriecht und windet sich auf dem Boden. Auf dem Bildschirm ahmt die digitale Grafik eines Skeletts die Bewegungen nach, es wächst zu einem furchterregenden Wesen - dem Drachen Smaug. Ein Kurzfilm führt das Werden des Untiers in J.R.R. Tolkiens Romanverfilmung „Der Hobbit“ vor. Die Designer hätten sich als Vorbilder an Fledermäusen, Raub- und Flugsauriern orientiert, schildert die Ausstellung „Drachen - Mythos und Wirklichkeit“, die im Hessischen Landesmuseum Darmstadt bis zum 17. Januar 2027 zu sehen ist.
Drachen sind in Mode. In einem in der Schau angedeuteten Kinderzimmer stehen in einem Ikea-Regal Figuren, Bilderbücher, CD-ROMs, Bücher, Spiele - alles mit und über Drachen. Die Ausstellung beginnt in der Gegenwart und führt dann durch Jahrtausende menschlicher Vorstellungskraft in Europa und Ostasien bis zur Entzauberung der Drachen im 18. Jahrhundert und ihrer Wiedergeburt in der Fantasy-Kultur des 20. Jahrhunderts. 170 Kunstwerke von der Antike bis zur Gegenwart veranschaulichen diese Vorstellungen. Fossilien, Präparate und Modelle zeigen reale Tiere, die an Drachen erinnern können.
Eine rote Drachenfigur auf einem Felsen, das Maul aufgerissen und eine Pranke ausgestreckt, empfängt zu Beginn die Besucher. Florian Schäfer habe 2026 eine Federzeichnung von Ludwig Schongauer aus dem 15. Jahrhundert als Modell umgesetzt, erläutert Kurator Thomas Foerster. Die ungemütliche Figur verweist auf die Deutung von Drachen in Europa seit der Antike. Schon in den griechischen Sagen brauchte es einen Helden wie Herakles, um die drachenähnliche Hydra zu besiegen. Eine korinthische Schale aus dem 6. Jahrhundert vor Christus bildet in der Schau die Heldentat ab.
Die Römer machten sich das furchterregende Symbol zunutze: In der Ausstellung ist das einzige erhaltende Exemplar einer „Draco“-Reiterstandarte aus dem 3. Jahrhundert nach Christus zu sehen. Der bronzene Drachenkopf mit einem zähnefletschenden, wolfsähnlichen Maul wurde 1966 bei Neuwied gefunden. Im Mittelalter wandelte sich der Drache zum Symbol des Bösen schlechthin, wie Kuratorin Carina Koch erklärt. Biblischen Anhalt fand die Deutung in der Offenbarung des Johannes (12,9), in der „der große Drache, die alte Schlange“ Teufel und Satan genannt wird. Auf Gemälden und als Skulpturen ist zu sehen, wie der Erzengel Michael, der Heilige Georg, Martha oder die Heilige Margareta einen Drachen besiegen.
Die männlichen Recken gebrauchen erfolgreich eine Lanze, so wie Michael auf dem Niedererlenbacher Altar von 1497. Die tapfere Dame schafft es grazil mit einem Kreuzzeichen, so malt Jan Rombouts der Ältere im 16. Jahrhundert ein Altarbild. Handfeste Nahrung erhielt der Drachenglaube im österreichischen Klagenfurt: Dort wurde 1355 im Sumpf ein „Lindwurmschädel“ gefunden, der größer war als jeder bekannte Tierschädel und der in der Schau zu sehen ist. 505 Jahre später wurde der Lindwurm als Wollhaarnashorn identifiziert, das vor 300.000 bis 200.000 Jahren lebte. Doch noch zu Beginn der Neuzeit ging man in Europa von der Existenz von Drachen aus: Conrad Gessner versammelte 1589 in seinem in Frankfurt am Main erschienenen „Schlangenbuch“ umfassend die Berichte über die Monstergestalten seit der Bibel und der griechischen Antike.
Ganz anders hingegen war die Deutung von Drachen in China, Korea und Japan, wie die Kuratorin Carina Koch erläutert. Der Drache dort sei eine gute Macht, die die Natur im Gleichgewicht halte, er bringe Regen und Fruchtbarkeit. Seit dem 5. Jahrtausend vor Christus gebe es in chinesischen Gräbern Darstellungen eines geschuppten, krokodilähnlichen Wesens, ab dem 3. Jahrtausend mit Flügeln. Eine mehrere Meter lange Stellwand aus dem 17. Jahrhundert in Japan zeigt in Tusche auf Papier, wie ein Drache und ein sich duckender Tiger sich anblicken. Eine chinesische Seidenrobe aus dem frühen 20. Jahrhundert, Tracht von hohen Adeligen, ist auf dunkelrotem Grund mit Drachen als Glückssymbol bestickt.
Es ist erst Carl Linné, der mit seiner Systema Naturae von 1758 in Stockholm mit den Drachenwesen aufräumt und ihnen die Aufnahme in das Verzeichnis der gesicherten Lebewesen verweigert, wie Kurator Dominik Hennhöfer erklärt. Präparate und Modelle von Tieren wie dem Komodo-Waran oder der Königspython zeigen, was es wirklich an drachenähnlichen Tieren gibt. Das einzige existierende Tier, das das Wort Drache im Namen führt, ist in der Ausstellung als Präparat zu sehen: Der „draco volans“, ein „Flugdrache“ aus Indonesien, ist gerade einmal zehn Zentimeter lang, hat vier zierliche Gliedmaßen und schmetterlingsähnliche Flügel.

Hamburg (epd). Die ZDF-Journalistinnen Dunja Hayali und Sarah Tacke erhalten in diesem Jahr den renommierten Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für Fernsehjournalismus. Hayali frage kritisch „in alle Richtungen“, begründete die Jury am 1. Oktober in Hamburg die Entscheidung für die Moderatorin von „Morgenmagazin“ und „heute journal“. Tacke überzeuge mit Kompetenz und Objektivität sowie durch ihren „Beitrag zu Wahrheit und Klarheit im demokratischen Diskurs“, hieß es über die Leiterin der ZDF-Redaktion „Recht und Justiz“.
Den Hanns-Joachim-Friedrichs-Förderpreis erhält Manuel Biallas vom Norddeutschen Rundfunk (NDR), wie die Jury weiter mitteilte. Die Vier-Länder-Anstalt richtet im jährlichen Wechsel mit dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) die Preisverleihung aus und ist 2026 an der Reihe. Der NDR darf sich außerdem über einen Sonderpreis für die Redaktion der Sendung „ZAPP“ freuen, die laut Jury „die differenzierte, verständliche Einordnung zu kontroversen Medienthemen liefert und die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten erklärt und hinterfragt“.
Der freie Journalist Biallas beschäftige sich mit Themen wie Migration, sozialer Ungleichheit, Extremismus und Menschenrechten. „Seine Filme und Texte, Ergebnisse gründlicher Recherchen, bleiben nah an Protagonisten, sind gut verständlich und auf Augenhöhe erzählt“, hieß es.
Mit Blick auf die AfD erklärte die Jury: „Neu ist, dass gleich in zwei deutschen Bundesländern eine Partei in Reichweite der Macht ist, die die Kündigung des Medienstaatsvertrags zu einem zentralen Wahlversprechen gemacht hat.“ Was bisher offensichtlich und selbstverständlich gewesen sei - dass unabhängige, professionell gemachte Information eine unverzichtbare Säule der Demokratie sei -, werde nicht mehr von einer gesicherten Mehrheit geteilt.
Die Preisjury unter dem Vorsitz von Talkshow-Moderatorin Sandra Maischberger habe ihren Fokus in diesem Jahr daher auf besondere Leistungen gerichtet, „die der Meinungs- und Pressefreiheit unter diesen Bedingungen dienen“. Die Preisträgerin Hayali gehe zu auf Rechtsaußen-Demonstranten, Querdenker oder Salafisten, stelle Fragen und mache Aggressionen öffentlich, denen sie dabei ausgesetzt sei.
„Seit mehr als einem Jahrzehnt steht sie aufrecht in der nie endenden Serie von 'Shitstorms', die über sie hereinbrechen - voller Hass und Gewaltfantasien.“ Hayali liefere somit ein „mutiges, erfolgreiches Modell“, die Ergebnisse ihrer Arbeit an die Öffentlichkeit zu bringen.
Die promovierte Rechtswissenschaftlerin Tacke habe Jura studiert, um Journalistin zu werden. „Das erweist sich als segensreiche Kombination“, würdigte die Jury und erwähnte eine Dokumentation von der 44-Jährigen über den Missbrauch von Sozialleistungen, die ihr im Netz einen Shitstorm eingebracht habe. Das ZDF habe den Sachverhalt noch einmal untersucht „und steht zu dem Film und seiner Autorin“.
ZDF-Chefredakteurin Bettina Schausten sprach von einem starken Signal für einen unabhängigen Journalismus, der zunehmend unter Druck gerate. „Dunja Hayali überzeugt mit ihrer besonderen Stärke im Gespräch und in der Reportage, Sarah Tacke mit ihrer Fähigkeit, komplexe rechtliche und gesellschaftliche Fragen verständlich einzuordnen.“
Die Auszeichnungen werden am 5. November in Hamburg vergeben.

Lübeck (epd). Ein 800 Seiten starker Schmöker feiert 125. Geburtstag: Die „Buddenbrooks“ von Thomas Mann (1875-1955) wurden am 13. Oktober 1901 veröffentlicht und haben sich seitdem weltweit rund zehn Millionen Mal verkauft. Mann stammte aus Lübeck und war erst 26 Jahre alt, als sein Debütroman erschien. Für die Geschichte vom Niedergang einer Lübecker Kaufmannsfamilie im 19. Jahrhundert bekam er 1929 den Literaturnobelpreis. Bis in die Gegenwart prägen die „Buddenbrooks“ die Erwartungen von Literaturkritikern, fast jeder neue Familienroman muss sich an ihm messen lassen.
Auch heute sei der Wälzer noch sehr aktuell, sagt Caren Heuer, die Leiterin des Buddenbrookhauses in Lübeck. „Die Frage, wie wir mit unserer Familie klarkommen, ist zeitlos. Zudem ist der Roman sprachlich absolut herausragend, unterhaltsam und witzig.“
Die Lübecker waren anfangs nicht begeistert. Die „Buddenbrooks“ sind zwar eine fiktive Familie. Als Inspiration für die insgesamt 420 Personen, die im Roman auftauchen, nutzte Mann aber seine Verwandtschaft und Bewohner der Hansestadt. Als das Buch erschien, löste es deshalb einen Skandal aus. Viele Menschen empfanden ihre detailreiche und oft ironische Darstellung im Roman als Beleidigung. Erst Jahrzehnte später schloss die Stadt ihren Frieden mit ihrem berühmten Autor. 1955 ernannte sie Mann zum Ehrenbürger.
Die Buddenbrooks zeigten, dass Menschen sich ein Leben lang an ihrer Familie abarbeiten, sagt Heuer. Am Ende des Romans überleben hauptsächlich die Frauen. Die Männer sterben an den ihnen auferlegten Rollen. Der Kaufmann Thomas Buddenbrook leidet unter der Verantwortung, den wirtschaftlichen Erfolg der Familie weiterführen zu müssen. Er wird depressiv, sehnt sich nach dem Tod und stirbt schließlich an einem Herzinfarkt. Heuer zufolge ist das die große Lehre der Buddenbrooks: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Die eigenen Bedürfnisse und Begabungen zu unterdrücken, macht unglücklich.“
Darüber hinaus habe der Roman einen allgemeingültigen Anspruch. Die Kaufmannsfamilie, die das Bürgertum verkörpert, fühlt sich von der aufstrebenden Arbeiterklasse bedroht. „Die Buddenbrooks haben das diffuse Gefühl, dass sie mit den Veränderungen ihrer Zeit nicht Schritt halten können. Das Gefühl haben gerade viele Menschen in unserer Gesellschaft auch“, findet Heuer.
Aber wie macht man die Lektüre eines so alten Schinkens auch jungen Leuten noch schmackhaft? „Wir müssen neue Vermittlungswege finden und Thomas Mann von dem Nimbus des Erzählonkels aus dem 19. Jahrhundert befreien“, das ist Heuer bewusst.
Dazu soll die Geburtstagsausstellung „Family Affairs“ beitragen, die am 30. Oktober im St. Annen-Museum in Lübeck eröffnet. Dort werden auch Plastiken von Schülerinnen und Schülern gezeigt, die mit Museumspädagogen des Buddenbrookhauses im Kunstunterricht zu dem Roman entstanden sind. Vor der Lektüre haben die Pädagogen die Jugendlichen an die zentralen Figuren herangeführt. „Es hat mich überrascht, wie stark die Schüler sich etwa mit der unglücklich verheirateten Tony identifizieren konnten“, erinnert sich die Museumsleiterin.
Eigentlich sollte die Schau im „Buddenbrookhaus“ zu sehen sein, einem zentralen Handlungsort des Romans. Die weiße Stadtvilla mit der spätbarocken Fassade in der Mengstraße 4 gehörte im 19. Jahrhundert der Schriftstellerfamilie Mann, bevor die Lübecker Museen sie in den 1990er Jahren kauften.
Vor knapp sechs Jahren schloss das Museum wegen eines Umbaus, der ursprünglich drei Jahre dauern sollte. Das „Buddenbrookhaus“ wird modernisiert und mit dem Nachbarhaus zu einer 2.500 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche verschmolzen. Wegen Querelen in der Lübecker Bürgerschaft um den Durchbruch eines historischen Gewölbekellers verzögerte sich der Umbau aber immer wieder. Die Neueröffnung wurde inzwischen auf 2031 verschoben.
„Es ist sehr schade, dass wir unsere Ausstellung nicht im 'Buddenbrookhaus' zeigen können“, sagt Heuer. Den zentralen Figuren des Romans werden in der Ausstellung jeweils ein eigener Raum und ein Thema gewidmet. Heuer: „Die Besucherinnen und Besuchern sollen sich in den Figuren und Situationen wiedererkennen.“
Der Raum von Thomas Buddenbrook etwa wird sich um Arbeit und Geld drehen. Ein überdimensionaler Schreibtisch spiegelt den Arbeitsdruck wider, der auf dem Kaufmann lastet. Von der Tapete schauen viele Augenpaare auf ihn herab und beäugen alles, was er tut. Die Besucher sind eingeladen, sich an den Schreibtisch zu setzen und zu fühlen, was diese literarische Figur im Roman durchmacht. Heuer: „Vielleicht ist das für den einen oder anderen Besucher, der seinen Job hasst, ja auch ein Warnschuss.“
Frankfurt a.M. (epd). Thomas Kaspar wird zum 1. Februar 2027 Chefredakteur des Evangelischen Pressedienstes (epd). Mit ihm gewinne der epd einen profilierten Journalisten und erfahrenen Medienmanager, teilte das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) am 30. September in Frankfurt am Main mit. GEP-Direktorin Ariadne Klingbeil sagte: „Thomas Kaspar steht für unabhängigen, fundierten Journalismus und für die erfolgreiche Weiterentwicklung journalistischer Angebote im digitalen Wandel.“
Kaspar folgt auf Karsten Frerichs (54), der nach 18 Jahren beim epd zum Jahreswechsel in die Redaktion „FAZ.net“ wechselt. Er war seit 2017 Chefredakteur der epd-Zentralredaktion. Der epd-Chefredaktion gehören zudem der stellvertretende Chefredakteur und Chef vom Dienst, Uwe Gepp, sowie die Berliner Chefkorrespondentin Corinna Buschow an.
Den Angaben zufolge lernte Kaspar sein journalistisches Handwerk beim Bayerischen Rundfunk und bei der „Passauer Neuen Presse“. Nach der Position als Online-Chef des „Donaukuriers“ wechselte der Sozialwissenschaftler zu Hubert Burda Media. Dort übernahm er unter anderem Aufgaben als Textchef, bevor er sich zunehmend digitalen Medienangeboten widmete. Von März 2019 bis Februar 2024 war Kaspar Chefredakteur der „Frankfurter Rundschau“. Seit März 2024 ist er bei Ippen Digital als Director Audience tätig und verantwortet dort die Nutzungsforschung.
Kaspar sagte: „Der epd verfügt über eine besondere publizistische Tradition, hohe Glaubwürdigkeit und große fachliche Tiefe.“ Er freue sich darauf, diese Stärken gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen weiterzuentwickeln und „den epd gerade im Wandel durch Künstliche Intelligenz auch digital als unverzichtbare Stimme für Orientierung und Vertrauen zu stärken“.
Der epd ist eine unabhängig arbeitende Nachrichtenagentur, die von der evangelischen Kirche getragen wird. Die Agentur liefert Texte, Fotos und Videos aus Kirche und Religion, Ethik, Kultur, Medien und Bildung, Gesellschaft, Soziales und Entwicklung. Die wichtigsten Kunden sind die Redaktionen von Tageszeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online-Diensten. Die Zentralredaktion des epd ist Teil des GEP. Sie ist in einer Arbeitsgemeinschaft mit den sieben Landesdiensten der Nachrichtenagentur verbunden.
Alte Liebe
Nach 40 Ehejahren ist die Beziehung von Lore und Harry ein bisschen lasch geworden. Bewegung bringt die Einladung zur Hochzeit ihrer Tochter in die eingefahrenen Abläufe: Während Lore sich auf das Fest freut, will Harry gar nicht erst hingehen. Er hat sich in seinem Rentnerdasein mit Gartenarbeit und Biermolle eingerichtet, während die Bibliothekarin sich fragt, ob das nun schon alles war. Andreas Dresens „Alte Liebe“, nach dem Roman von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder, erzählt mit melancholischer Leichtigkeit und fein austarierter Beziehungsintimität von der ermüdenden Alltäglichkeit einer langjährigen Beziehung. Der große Coup ist die Besetzung mit Dagmar Manzel und Joachim Król: Jede kleine Regung zählt, all die Momente, in denen Vertrautheit in Überdruss umschlägt. Mit ruppigem Grant halten sie den Zuschauer zunächst auf Distanz, um ihn dann mit Wärme und liebenswürdigem Charme umso mehr zu verführen.
Alte Liebe (Deutschland 2026). Regie: Andreas Dresen. Buch: Laila Stieler, Andreas Dresen. Mit: Dagmar Manzel, Joachim Król. Länge: 111 Min.
Hope
Nahe der demilitarisierten Zone zu Nordkorea wütet eine monströse Kreatur in einem südkoreanischen Dorf. Polizeichef Bum-seok versucht mit Unterstützung der Nachwuchspolizistin Sung-ae, das Monster zu erlegen. Nach dem mysteriösen Beginn inszeniert Na Hong-jin in „Hope“ ein atemloses Actionspektakel mit rasanten Verfolgungsjagden und unheimlichen Versteckspielen. Das CGI wirkt allerdings wie aus einem alten Computerspiel. Der weitere Verlauf des 160 Minuten langen Films wirkt erzählerisch unausgegoren. Doch liegt auch ein gewisser Reiz darin, bis zum Schluss nicht zu wissen, wohin die Geschichte führt. Existenzielle Überlebenskämpfe werden von makabrem Humor durchbrochen. Zugleich stellt sich die Frage: Werden Menschen im Angesicht einer Bedrohung selbst zu Monstern? Viele Fragen bleiben unbeantwortet. Das lässt sich aber auch als bewusste Irritation eines eigenwilligen Genrefilms verstehen, der im positiven Sinne vor den Kopf stößt.
Hope (Südkorea 2026). Regie, Buch: Na Hong-jin. Mit: Hwang Jung-Min, Zo In-sung, Hoyeon. Länge: 160 Min.
Lügen über meine Mutter
Der Möchtegern-Aufsteiger Werner macht ausschließlich den Körper seiner Frau Cornelia verantwortlich für sein eigenes Scheitern. Die siebenjährige Ella beobachtet den Kampf ihrer Mutter gegen die Schikanen des Vaters. Aron Lehmanns „Lügen über meine Mutter“, nach dem Roman von Daniela Dröscher, schildert die Ereignisse aus ihrer Sicht. Ella wirkt zuweilen verwirrend verständig, Werner ist ein provinzieller Herrenwitz von einem Mann. Auch Bilder und Musik unterstreichen eine von Klischees gespeiste Altbackenheit. Dafür, dass es um Selbstermächtigung und Emanzipation geht, wirkt der Film formal recht brav. Dennoch ist man emotional nah bei Ella und der von Rosalie Thomass empathisch verkörperten Cornelia - vor allem, wenn die Geschichte ins Märchenhafte gleitet. Ein aufrührendes Beispiel dafür, auf wie vielen Ebenen die Abwertung eines Körpers einen Menschen, eine Familie und letztlich auch eine Gesellschaft zerstören kann.
Lügen über meine Mutter (Deutschland 2026). Regie: Aron Lehmann. Buch: Rosalie Thomass. Mit: Rosalie Thomass, Elise Lindner, Golo Euler, Johanna Gastdorf, Juliane Köhler. Länge: 106 Min.
Forgotten Island
Jo und Raissa, die Heldinnen dieses Animationsfilms, sind beste Freundinnen seit Kindheitstagen. Doch nach dem Schulabschluss wird Raissa die Philippinen verlassen, um in den USA zu studieren. Kurz vor ihrem letzten gemeinsamen Abend entdecken sie ein Portal. Am nächsten Morgen erwachen sie auf der sagenumwobenen Insel Nakali. Der Preis für die Rückkehr ist der Verlust ihrer Erinnerungen und damit ihrer Freundschaft. Dabei sind die beiden ziemlich stereotyp gezeichnet: Raissa diszipliniert und zielstrebig, Jo spontan, ihre überschäumende Energie verursacht regelmäßig Chaos. Komplexer sind einige andere Figuren, etwa der Werwolfhund Raww, der sich stark gibt, aber seine Einzelgängerrolle zugunsten einer Freundschaft aufgeben möchte. Der Dreamworks-Film macht philippinische Kultur sichtbar und greift auf eine Vielfalt von Animationstechniken zurück. Das häufig forcierte Tempo ist allerdings gewöhnungsbedürftig.
Forgotten Island (USA 2026). Regie, Buch: Joel Crawford, Januel Mercado. Stimmen (OV): H.E.R., Liza Soberano, Dave Franco. Stimmen (deutsche Synchronfassung): Magdalena Höfner, Gabrielle Pietermann, Tim Schwarzmaier. Länge: 109 Min.

Aachen (epd). Die Zahl der von Ernährungsarmut betroffenen Menschen auf der Welt bewegt sich trotz Verbesserungen in einigen Bereichen laut einer Studie weiterhin auf hohem Niveau. Wie das katholische Hilfswerk Misereor am 1. Oktober in Aachen bei der Vorstellung der Untersuchung zur „Armutslücke Welternährung 2026“ mitteilte, konnten sich im Jahr 2025 rund 2,79 Milliarden Menschen keine gesunde Ernährung leisten. Das sei zwar im Vergleich zum Jahr zuvor ein Rückgang um etwa drei Prozent, sagte Studienautor und Entwicklungsökonom Jonas Stehl von der Universität Göttingen. Zugleich bedeute die Zahl aber weiterhin, dass im Durchschnitt jeder dritte Mensch auf der Welt unter Ernährungsarmut leide.
Laut der Analyse entsprach die globale Armutslücke im vergangenen Jahr rund 2,79 Billionen US-Dollar, das waren 1,3 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung. Dieser Betrag fehle, um allen Menschen auf der Welt eine gesunde Ernährung zu ermöglichen, betonte Stehl. Die Studie wurde mit Blick auf das Erntedankfest an diesem Sonntag und den Welternährungstag am 16. Oktober präsentiert.
„Die Welt produziert faktisch genug Wohlstand, doch Milliarden bleiben davon ausgeschlossen“, erklärte der Misereor-Experte für Welternährung, Lutz Depenbusch. Die größte Verbesserung verzeichnete im vergangenen Jahr Südasien. Damit lasse die Region Rückschläge aus Zeiten der Corona-Krise hinter sich. Auch in Subsahara-Afrika sowie Nahost und Nordafrika sei die Ernährungsarmut nach mehrjährigen Verschlechterungen leicht zurückgegangen.
Sorgen bereiten den Experten die steigenden Preise für Lebensmittel. „Die Preise für eine gesunde Ernährung sind zwischen 2017 und 2025 um 46 Prozent angestiegen“, sagte Studienautor Stehl. In Deutschland seien die Lebensmittelpreise in dem Zeitraum um 44 Prozent gestiegen, in Pakistan etwa seien es 169 Prozent gewesen.
Besonders betroffen sei das ostafrikanische Mosambik, wo 92 Prozent der Menschen unter Ernährungsarmut litten, sagte der Wissenschaftler. Auch in Ländern wie Haiti oder Syrien gebe es viele Familien, die eine gesunde Ernährung nicht bezahlen könnten.
Laut Misereor-Experte Depenbusch kann trotz Verbesserungen bislang nicht von einer Trendwende gesprochen werden: „Die globale Ernährungssituation steht aktuell durch den Krieg am Persischen Golf und das sich anbahnende El-Niño Klimaphänomen unter enormem Druck.“ Partnerorganisationen von Misereor berichteten bereits von Ernteausfällen, weiter steigenden Lebensmittelpreisen und sinkenden Einkommen. Erschwerend komme hinzu, dass im vergangenen Jahr die Ausgaben für humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit weltweit um fast ein Viertel gekürzt worden seien.
Dabei sei es wichtig, „die Folgen steigender Preise für Menschen mit niedrigen Einkommen abzufedern“, erklärte Depenbusch. Für viele der am stärksten betroffenen Staaten sei dies aber kaum finanzierbar. Deshalb müssten die Kürzungen bei der humanitären Hilfe und der Entwicklungszusammenarbeit zurückgenommen werden. Auch eine „Reform der Steuer- und Schuldenarchitektur“ in den betroffenen Ländern sei notwendig, betonte der Misereor-Experte. Deutschland solle sich dafür einsetzen, dass die Länder ihre Überschuldung reduzieren könnten.
Stockholm (epd). Einsatz für gemeinwohlorientierte KI, Menschen- und Frauenrechte: 2026 werden vier Persönlichkeiten und Initiativen aus Afrika, Pakistan und Georgien mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet, wie die Right Livelihood Stiftung, die die Preise verleiht, am 30. September in Stockholm bekanntgab. Sie ehrt die pakistanische Menschenrechtsanwältin Jalila Haider, die Frauengruppe „Rural Women’s Assembly“ aus elf Staaten des südlichen Afrikas, die georgischen Vereinigung von Menschenrechtsanwälten „Young Lawyers’ Association“ sowie die äthiopisch-US-amerikanische Forscherin für künstliche Intelligenz (KI), Timnit Gebru.
Die 38-jährige Menschenrechtsanwältin Haider wird für ihre Arbeit zum Wohle von gefährdeten Frauen in Pakistan ausgezeichnet: Als Mitbegründerin der Organisation „Women's Democratic Front“ habe sie trotz Verhaftungen und Morddrohungen hunderte Frauen vor staatlicher Verfolgung geschützt, begründete das Komitee der Right Livelihood Stiftung die Entscheidung. Dabei habe ihre Organisation über 400 Witwen, die Opfer von Terrorismus wurden, geholfen, finanzielle Unabhängigkeit zu erlangen.
Aus dem südlichen Afrika erhält die länderübergreifende Frauenorganisation „Rural Women's Assembly“ den Preis für ihre Arbeit. Über 178.000 Bäuerinnen sind demnach Teil der Organisation, die Saatgut vervielfältigt und dieses vor der Kommerzialisierung schützt. Die Initiative setze sich für die körperliche Selbstbestimmung der Frauen und ihre Landrechte ein. In Sambia sei durch deren Einsatz etwa ein Gesetz zum gleichberechtigten Zugang zu Land verabschiedet worden.
Ausgezeichnet wird zudem die georgische Anwaltsvereinigung „Georgian Young Lawyers’ Association“, die Demokratie und Bürgerrechte im Kontext autokratischer Tendenzen verteidigt. Seit 1994 habe das Kollektiv mehr als 1,5 Millionen kostenlose Rechtsberatungen angeboten. Trotz des zunehmend repressiven politischen Klimas in Georgien sei der Verein im Land geblieben und unterstütze weiterhin Graswurzelbewegungen in Rechtsstreitigkeiten.
Die Technikforscherin Gebru wird für ihren Einsatz im Kampf gegen Machtkonzentrationen bei großen Techkonzernen der künstlichen Intelligenz (KI) geehrt. Die in Äthiopien geborene Wissenschaftlerin musste das Land aufgrund des Krieges mit Eritrea verlassen. In den USA war Gebru 2020 wegen ihrer öffentlichen Warnung vor Risiken von KI vom Google-Konzern entlassen worden und forscht seitdem zu Alternativen zu weitverbreiteten KI-Modellen. Als Gründerin des Instituts „Distributed Artificial Intelligence Research Institute“ (DAIR) setzt sie einen Schwerpunkt auf dezentrale und gemeinwohlorientierte Modelle.
Der Alternative Nobelpreis wird jährlich an mutige Persönlichkeiten und Initiativen der Zivilgesellschaft verliehen. Zur Höhe des Preisgeldes machte die Stiftung keine Angaben. Offiziell heißt die Auszeichnung „Right Livelihood Award“, übersetzt etwa „Preis für die richtige Lebensweise“. Der Preis wurde 1980 von dem deutsch-schwedischen Philatelisten und Publizisten Jakob von Uexküll ins Leben gerufen und wird durch Spenden finanziert.
Salvador da Bahia (epd). Rechtsruck in Brasilien: Der ultrarechte Kandidat Flávio Bolsonaro erreicht nach Auszählung fast aller Stimmen bei der Präsidentschaftswahl am 4. Oktober 47 Prozent. 45,2 Prozent stimmten nach Behördenangaben für den aktuellen Präsidenten Luis Inácio da Silva. Es kommt am 25. Oktober zu einer Stichwahl. 158 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer waren zur Wahl aufgerufen.
Der 80 Jahre alte Lula absolviert zurzeit seine dritte Amtszeit. Sein 45 Jahre alter Herausforderer Flávio Bolsonaro ist der älteste Sohn von Jair Bolsonaro. Der Ex-Präsident wurde als Drahtzieher des versuchten Putsches nach seiner Niederlage gegen Lula bei den Wahlen 2022 zu 27 Jahren Haft verurteilt.
Flávio Bolsonaro steht für die ultrarechte Linie seines Vaters und verspricht ein hartes Vorgehen gegen organisierte Kriminalität. Gegen ihn wird wegen Korruption und Geldwäsche ermittelt. Beliebt ist der Senator vor allem bei Polizisten sowie Angehörigen von Pfingstkirchen, einer wichtigen Wählergruppe in Brasilien.
Lula hatte mit seinem Kampf gegen soziale Ungleichheit und Armut für seine Wiederwahl geworben. Anhänger hat er vor allem unter Menschen mit geringem Einkommen.
Das Wahlergebnis vom Sonntag bedeutet eine Niederlage für die aktuelle Regierung der Arbeiterpartei PT. Präsident Lula liegt nicht nur hinter seinem Herausforderer, die Partido Liberal von Flávio Bolsonaro wurde außerdem im Senat und in den Bundesstaaten zur stärksten Kraft und kann in der Abgeordnetenkammer mehr neue Vertreter stellen als die Arbeiterpartei PT.
Mit 19 der insgesamt 54 neu gewählten Senatoren verbessert sich die Partido Liberal auf insgesamt 28 Sitze und stellt damit die Senatsmehrheit. Die Arbeiterpartei PT hingegen konnte zu ihren bisherigen neun Sitzen keinen weiteren hinzugewinnen.
Der Wahlkampf wurde überschattet von einer Justizkrise am Obersten Gerichtshof. Mehrere Richter stehen unter Korruptionsverdacht.
Die Abstimmung am Sonntag war von Politikmüdigkeit geprägt. 21 Prozent der Wahlberechtigten blieben zu Hause. Mehr als vier Prozent wählten ungültig oder enthielten sich.
Flávio Bolsonaro holte die meisten Stimmen im konservativen Süden des Landes und im Südwesten, wo die Agrarlobby zu Hause ist. Lula punktete vor allem im Norden und Nordosten, wo die meisten Sozialhilfe-Empfänger leben.
Nairobi (epd). Im Goethe-Institut in der Monrovia Street in Nairobi wimmelt es von jungen Kenianerinnen und Kenianern, die Deutsch lernen. Im Auditorium im Erdgeschoss schlendern sie durch eine Ausstellung, im Obergeschoss sitzen sie über Bücher gelehnt und grüßen freundlich - auf Deutsch natürlich.
„Seit 2024 sieht das hier so aus, seitdem Deutschland und Kenia das Abkommen über Migration und Mobilität abgeschlossen haben“, erklärt Susanne Jahn, Leiterin des Schulbereichs am Goethe-Institut Nairobi. Die Zahl der Deutschlernenden in den Kursen des Instituts wächst bereits seit fünf Jahren kontinuierlich: 2021 gab es rund 1.400 Kursteilnehmer, 2026 rechnet das Institut mit rund 3.400.
Besonders beliebt ist der Vorintegrationskurs „Mein Weg nach Deutschland“. Mehr als 5.000 Personen haben den Kurs und Vorgänger-Formate seit 2023 belegt - die meisten davon waren junge Frauen.
„Das Programm hat hier Leben verändert“, sagt Assumpta Manyaho, eine der Trainerinnen. Wer nach Deutschland auswandern will, bekommt Orientierung im Informationsdschungel: Stellenportal, Alltag und Arbeitskultur in Deutschland. „Mancher hat dabei auch herausgefunden, dass Deutschland doch nichts für ihn ist“, sagt Manyaho und lacht.
Damit ist jetzt Schluss. „Mein Weg nach Deutschland“ läuft zum 30. September 2026 planmäßig aus, in Kenia wie auch in anderen Projektländern. Die Bundesregierung hat die institutionelle Förderung des Goethe-Instituts in den vergangenen Jahren deutlich gekürzt. Man prüfe „aktuell alternative Finanzierungsmöglichkeiten und Teilfinanzierung einzelner Projektbestandteile, um Angebote an ausgewählten Standorten weiterzuführen“, heißt es vom Goethe-Institut. Das Ende des Projekts stehe „nicht im Zusammenhang mit der Förderung durch das Auswärtige Amt“.
Kenia gilt als strategischer Partner, um Fachkräfte zu gewinnen. Deutschland benötigt laut Schätzungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) jährlich eine Nettozuwanderung von rund 400.000 Personen, um das Erwerbspersonenpotenzial langfristig konstant zu halten und den demografischen Wandel abzufedern - besonders im Bereich Pflege. Und gerade der war beliebt bei den Kenianerinnen im Projekt.
Philly Vivian, 28, sitzt auf der Terrasse des Goethe-Instituts in Nairobi und würde gerne als Krankenschwester in Deutschland arbeiten. Derzeit macht sie eine Ausbildung zur Pflegeassistentin, wie sie auf Deutsch erklärt. „Ich war richtig traurig, als ich erfahren habe, dass 'Mein Weg nach Deutschland' eingestellt wird.“ Besonders das Sprachcafé werde ihr fehlen.
„Deutschkurse sind nicht günstig“, erklärt Susanne Jahn. Das Angebot von „Mein Weg nach Deutschland“ war gratis.
Manka Waridi, 26, lernt seit neun Monaten Deutsch. Am besten gefallen hat auch ihr das Sprachcafé. Dort hat sie eine Freundin aus der Demokratischen Republik Kongo gefunden, die kein Englisch spricht, also unterhalten sich die beiden Frauen inzwischen auf Deutsch. Waridi hat im Bachelor Psychologie studiert, findet aber keinen passenden Job. Nun würde sie gerne Fachkrankenpflegerin für Psychiatrie in Deutschland werden. Ihre Tante, die in Deutschland lebt, hat sie davon überzeugt, dass eine deutsche Ausbildung besser sein kann als ein Masterabschluss.
Ulf Terlinden von der Heinrich-Böll-Stiftung sieht grundsätzliche Probleme beim Anwerben von Fachkräften im Ausland. „Deutschland hat offenbar noch nicht verstanden, dass es einen globalen Wettbewerb um Fachkräfte gibt“, sagt Terlinden, der im Nairobi-Büro der Grünen-nahen Stiftung für Arbeitsmigration zuständig ist. Die demografische Krise treffe fast alle westlichen Gesellschaften. „So verlieren wir in diesem Wettbewerb.“
Die Zusammenarbeit mit Kenia hatte sich positiv entwickelt, wie es aus diplomatischen Kreisen hieß. Seit 2024 hat die deutsche Botschaft in Nairobi nach Angaben des Auswärtigen Amts mehr als 3.680 Visa zum Zweck der Erwerbstätigkeit abschließend bearbeitet. Hinzu kommen 360 Visa für die sogenannte Chancenkarte, darunter mehr als 100 für Fachkräfte.
Philly bleibt bei ihrem Plan, in Deutschland als Krankenschwester zu arbeiten. Nur herauszufinden, wie genau das geht, wird jetzt schwieriger. „Mein Weg nach Deutschland“ gab praktische Antworten auf genau diese Fragen. Dessen Aus überlässt das Feld auch Betrügern.
In Kenia gibt es viele falsche Recruiter, die mit den Träumen der jungen Kenianer spielen. Sie täuschen vor, ihnen für Geld Visa zu besorgen. „Für jemanden, der noch nie einen Pass oder gar ein Visum beantragt hat, erscheint der Prozess sehr kompliziert“, erklärt Damaris Bonareri, Programmkoordinatorin für Migration bei der Böll-Stiftung in Nairobi. Viele Menschen ließen sich auf die Betrüger ein, zahlten viel Geld, ohne je ein Visum dafür zu erhalten.
8.10. Evangelische Akademie Villigst
Online Für Freiheit kämpfen - Der Krieg der Ukraine Wenn Freiheit durch einen Invasionskrieg bedroht wird, ist das der Ernstfall für einen Staat und seine Bürgerinnen und Bürger. Die Ukraine wehrt sich seit inzwischen viereinhalb Jahren gegen den Angreifer Russland und dessen Ziel, auch in der Ukraine ein diktatorisches, zutiefst unfreies politisches System zu installieren. Freiheit ist ein kostbares Gut, für das Menschen auch heute mit ihrem Leben eintreten. Sie zeichnet die Würde des Menschen ganz wesentlich aus und darf deshalb nicht preisgegeben werden, wenn nicht die Humanität als solche preisgegeben werden soll. Mit dem ukrainischen Intellektuellen und Religionsphilosophen Constantin Sigov.
16.-17.10. Evangelische Akademie Bad Boll
100 Jahre Bund der Religiösen Sozialistinnen und Sozialisten Deutschlands 100 Jahre Einsatz für Glaube und soziale Gerechtigkeit: Der Bund der Religiösen Sozialistinnen und Sozialisten Deutschlands (BRSD) blickt auf ein Jahrhundert voller politischer Transformation zurück. Im Mittelpunkt stehen historische Kämpfe, aktuelle Herausforderungen - etwa die Spannung zwischen Rüstungsausgaben und Sozialstaat - sowie visionäre Perspektiven für eine solidarische Gesellschaft.
27.-28.10. Evangelische Akademie Loccum
Sorgenkind Innenstadt Leerstände, Rückgang der Besuchsfrequenz und zunehmende Nutzungskonflikte setzen viele Innenstädte unter Druck. Wo Handel an Bedeutung verliert und öffentliche Räume an Qualität einbüßen, steht mehr auf dem Spiel als das Stadtbild: Es geht um Zusammenhalt und Identifikation.