Lübeck (epd). Ein 800 Seiten starker Schmöker feiert 125. Geburtstag: Die „Buddenbrooks“ von Thomas Mann (1875-1955) wurden am 13. Oktober 1901 veröffentlicht und haben sich seitdem weltweit rund zehn Millionen Mal verkauft. Mann stammte aus Lübeck und war erst 26 Jahre alt, als sein Debütroman erschien. Für die Geschichte vom Niedergang einer Lübecker Kaufmannsfamilie im 19. Jahrhundert bekam er 1929 den Literaturnobelpreis. Bis in die Gegenwart prägen die „Buddenbrooks“ die Erwartungen von Literaturkritikern, fast jeder neue Familienroman muss sich an ihm messen lassen.

Auch heute sei der Wälzer noch sehr aktuell, sagt Caren Heuer, die Leiterin des Buddenbrookhauses in Lübeck. „Die Frage, wie wir mit unserer Familie klarkommen, ist zeitlos. Zudem ist der Roman sprachlich absolut herausragend, unterhaltsam und witzig.“

Lehre der Buddenbrooks: Die eigenen Begabungen zu unterdrücken, macht unglücklich

Die Lübecker waren anfangs nicht begeistert. Die „Buddenbrooks“ sind zwar eine fiktive Familie. Als Inspiration für die insgesamt 420 Personen, die im Roman auftauchen, nutzte Mann aber seine Verwandtschaft und Bewohner der Hansestadt. Als das Buch erschien, löste es deshalb einen Skandal aus. Viele Menschen empfanden ihre detailreiche und oft ironische Darstellung im Roman als Beleidigung. Erst Jahrzehnte später schloss die Stadt ihren Frieden mit ihrem berühmten Autor. 1955 ernannte sie Mann zum Ehrenbürger.

Die Buddenbrooks zeigten, dass Menschen sich ein Leben lang an ihrer Familie abarbeiten, sagt Heuer. Am Ende des Romans überleben hauptsächlich die Frauen. Die Männer sterben an den ihnen auferlegten Rollen. Der Kaufmann Thomas Buddenbrook leidet unter der Verantwortung, den wirtschaftlichen Erfolg der Familie weiterführen zu müssen. Er wird depressiv, sehnt sich nach dem Tod und stirbt schließlich an einem Herzinfarkt. Heuer zufolge ist das die große Lehre der Buddenbrooks: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Die eigenen Bedürfnisse und Begabungen zu unterdrücken, macht unglücklich.“

Darüber hinaus habe der Roman einen allgemeingültigen Anspruch. Die Kaufmannsfamilie, die das Bürgertum verkörpert, fühlt sich von der aufstrebenden Arbeiterklasse bedroht. „Die Buddenbrooks haben das diffuse Gefühl, dass sie mit den Veränderungen ihrer Zeit nicht Schritt halten können. Das Gefühl haben gerade viele Menschen in unserer Gesellschaft auch“, findet Heuer.

Geburtstagsschau „Family Affairs“

Aber wie macht man die Lektüre eines so alten Schinkens auch jungen Leuten noch schmackhaft? „Wir müssen neue Vermittlungswege finden und Thomas Mann von dem Nimbus des Erzählonkels aus dem 19. Jahrhundert befreien“, das ist Heuer bewusst.

Dazu soll die Geburtstagsausstellung „Family Affairs“ beitragen, die am 30. Oktober im St. Annen-Museum in Lübeck eröffnet. Dort werden auch Plastiken von Schülerinnen und Schülern gezeigt, die mit Museumspädagogen des Buddenbrookhauses im Kunstunterricht zu dem Roman entstanden sind. Vor der Lektüre haben die Pädagogen die Jugendlichen an die zentralen Figuren herangeführt. „Es hat mich überrascht, wie stark die Schüler sich etwa mit der unglücklich verheirateten Tony identifizieren konnten“, erinnert sich die Museumsleiterin.

Buddenbrookhaus immer noch geschlossen

Eigentlich sollte die Schau im „Buddenbrookhaus“ zu sehen sein, einem zentralen Handlungsort des Romans. Die weiße Stadtvilla mit der spätbarocken Fassade in der Mengstraße 4 gehörte im 19. Jahrhundert der Schriftstellerfamilie Mann, bevor die Lübecker Museen sie in den 1990er Jahren kauften.

Vor knapp sechs Jahren schloss das Museum wegen eines Umbaus, der ursprünglich drei Jahre dauern sollte. Das „Buddenbrookhaus“ wird modernisiert und mit dem Nachbarhaus zu einer 2.500 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche verschmolzen. Wegen Querelen in der Lübecker Bürgerschaft um den Durchbruch eines historischen Gewölbekellers verzögerte sich der Umbau aber immer wieder. Die Neueröffnung wurde inzwischen auf 2031 verschoben.

„Es ist sehr schade, dass wir unsere Ausstellung nicht im 'Buddenbrookhaus' zeigen können“, sagt Heuer. Den zentralen Figuren des Romans werden in der Ausstellung jeweils ein eigener Raum und ein Thema gewidmet. Heuer: „Die Besucherinnen und Besuchern sollen sich in den Figuren und Situationen wiedererkennen.“

Der Raum von Thomas Buddenbrook etwa wird sich um Arbeit und Geld drehen. Ein überdimensionaler Schreibtisch spiegelt den Arbeitsdruck wider, der auf dem Kaufmann lastet. Von der Tapete schauen viele Augenpaare auf ihn herab und beäugen alles, was er tut. Die Besucher sind eingeladen, sich an den Schreibtisch zu setzen und zu fühlen, was diese literarische Figur im Roman durchmacht. Heuer: „Vielleicht ist das für den einen oder anderen Besucher, der seinen Job hasst, ja auch ein Warnschuss.“