Stuttgart/Leipzig (epd). „Schmeckt?“ Der Gast nickt. „Dann lassen Sie ihn jetzt mal abkühlen.“ Stefan Dachale gibt in seinem Stuttgarter Spezialitätencafé einen Rat, mit dem kaum jemand rechnet. Die meisten Menschen trinken Kaffee möglichst heiß, möglichst schnell und möglichst stark. Dachale dagegen gehört zu den Menschen, die in einer Tasse weit mehr entdecken als einen Wachmacher.

„Ein wirklich guter Kaffee schmeckt auch kalt“, sagt er. „Keine metallischen Töne, keine unangenehme Säure.“ Dann folgt ein Satz, der viele überraschen dürfte: „Guter Kaffee schmeckt schwarz. Man sollte ihn nicht erst mit Zucker und Milch trinkbar machen müssen.“ Seit mehr als zehn Jahren beschäftigt er sich professionell mit Spezialitätenkaffee. Wer ihm zuhört, merkt schnell: Kaffee ist für ihn kein Alltagsprodukt, sondern ein Genussmittel.

Die halbe Welt umrundet

Für viele Deutsche dagegen ist Kaffee vor allem eines: Treibstoff. Mit durchschnittlich 163 Litern pro Kopf im Jahr ist Kaffee hierzulande das meistkonsumierte Getränk. Hauptsache wach. „Das ist eigentlich erstaunlich“, sagt Dachale. „Kaffee hat deutlich mehr Aromen als Wein.“ Tatsächlich kennen Fachleute mehrere Hundert Aromanuancen - von Schokolade und Jasmin bis zu tropischen Früchten.

Bevor Kaffee in deutschen Tassen landet, hat er meist eine halbe Welt umrundet. Rund 38 Prozent des Kaffees stammen aus Brasilien, weitere 21 Prozent aus Vietnam, neun Prozent aus Honduras. Mehr als 100 Millionen Menschen leben weltweit direkt oder indirekt vom Kaffeeanbau. Jede Tasse verbindet damit den Frühstückstisch in Deutschland mit Farmen auf mehreren Kontinenten.

Wo Bach musizierte und die deutsche Einheit verhandelt wurde

Doch bevor Kaffee zum Lieblingsgetränk der Deutschen wurde, musste er selbst erst eine weite Reise antreten. Seine Geschichte beginnt im äthiopischen Hochland. Im Jemen wurde Kaffee erstmals kultiviert. Von dort gelangte er über die Handelswege der islamischen Welt nach Mekka und weiter bis nach Europa.

In Mekka entstanden die ersten Kaffeehäuser. Sie waren weit mehr als Gaststätten. Hier wurden Nachrichten ausgetauscht, Geschäfte abgeschlossen und politische Debatten geführt. Kaffee wurde zum Getränk der Öffentlichkeit.

Als die Bohnen Europa eroberten, entstanden auch hier Orte, die Geschichte schrieben. Einer dieser Orte steht bis heute in Leipzig. Im traditionsreichen „Zum Arabischen Coffe Baum“ wird seit 1720 Kaffee ausgeschenkt. Über dem Eingang reicht ein steinerner Türke unter einem blühenden Kaffeebaum einem Putto eine Schale Kaffee.

Goethe und Robert Schumann gehörten zu den berühmten Gästen. Auch Helmut Kohl und Lothar de Maizière trafen sich hier 1990 zu Gesprächen über die deutsche Wiedervereinigung.

Kaffeehäuser waren Wohnzimmer, Schreibstuben und Handelsplätze

Leipzig schrieb noch eine zweite Kaffeegeschichte - eine musikalische. Johann Sebastian Bach musizierte zweimal wöchentlich im Zimmermannschen Kaffeehaus. Dort entstand seine berühmte Kaffeekantate. „Ei, wie schmeckt der Coffee süße“, singt darin das kaffeebegeisterte Lieschen. Charmanter ist für Kaffee wohl nie geworben worden.

Aus den Kaffeehäusern wurden bald weit mehr als Orte, an denen Kaffee ausgeschenkt wurde. Sie wurden Wohnzimmer, Schreibstuben, Handelsplätze und Bühnen des öffentlichen Lebens. Bis heute lässt sich das kaum irgendwo besser erleben als in Wien. Wer hier ein Kaffeehaus betritt, bestellt nicht einfach Kaffee. Man bestellt eine Melange, einen Kleinen Braunen oder einen Einspänner - und vor allem Zeit.

Der Schriftsteller Alfred Polgar brachte dieses Lebensgefühl auf den Punkt: Das Wiener Kaffeehaus sei ein Ort, „in dem die Zeit und der Raum konsumiert werden, aber nur der Kaffee auf der Rechnung steht“.

Weit mehr als ein Getränk

Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis des Kaffees. Seit Jahrhunderten bringt er Menschen zusammen. Zum Arbeiten und Diskutieren, zum Musizieren und Nachdenken, zum Innehalten und Genießen. Er ist weit mehr als ein Getränk.

Auch Stefan Dachale spricht über Kaffee kaum zuerst als Getränk. „Für mich ist Kaffee ganz klar ein Genussmittel“, sagt er. „Aber auch ein sehr liebgewonnenes Ritual.“ Während des Gesprächs ist der Kaffee längst abgekühlt. Für viele wäre das der Moment, die Tasse stehenzulassen. Für Dachale beginnt jetzt der interessanteste Teil. Er nimmt einen Schluck. Er lächelt. „Jetzt schmeckt er erst richtig.“