
Bonn (epd). Die evangelische Militärseelsorge will bis 2025 ihren Pfarrdienst von derzeit 105 auf 147 Stellen ausbauen. Die 42 Stellen mehr seien notwendig, um die seelsorgerliche Begleitung in einer wachsenden Bundeswehr mit vielen neuen Herausforderungen von derzeit 180.000 auf dann rund 260.000 aktive Soldatinnen und Soldaten leisten zu können, erklärte Militärbischof Bernhard Felmberg am 4. Mai in Bonn zum Auftakt der jährlichen Gesamtkonferenz der Evangelischen Militärseelsorge.
Die Sorge, neue Pfarrstellen nicht besetzen zu können, habe er nicht, betonte er. Die Militärseelsorge sei trotz Rückgang der Pfarrerinnen und Pfarrer in der Kirche insgesamt derzeit sehr gefragt. „Wir haben keine Vakanzen und es gibt genug Bewerbungen auch für neue Stellen“, erklärte Felmberg.
Der Militärbischof verwies zugleich auf die hohe Akzeptanz der Arbeit der Militärseelsorge in der Bundeswehr. 84 Prozent aller Soldatinnen und Soldaten schätzten laut einer Studie der evangelischen Militärseelsorge vom Januar 2026 ausdrücklich die Seelsorgeangebote, 95 Prozent besonders die Verschwiegenheit im „geschützten Raum“ außerhalb der militärischen Hierarchie. An der Befragung „Was kann und was leistet Militärseelsorge? Seelsorge und Religion in den deutschen Streitkräften“ hatten sich rund 7.000 Soldatinnen und Soldaten beteiligt.
Die Rückmeldungen spiegeln für Militärgeneraldekan Thorsten Kirschner auch die „zunehmend großen Belastungen“ wider, unter den Soldatinnen und Soldaten und ihre Familie stünden, auch bei den zunehmenden Auslandseinsätzen. Noch dieses Jahr sollen daher eigens zwei neue Stellen für die deutschen Soldaten in Litauen eingerichtet werden.
„Die Zeit der Friedensdividende ist erst einmal vorbei“, betonte Bischof Felmberg. „So groß und verständlich die Sehnsucht nach Frieden ist, wir müssen uns den Realitäten stellen.“ Die Militärseelsorge auch mit ihrer sehr guten ökumenischen Zusammenarbeit wolle hier den Diskurs in der Kirche wie der Gesellschaft unterstützen.
Dazu gehört für Felmberg auch das Rahmenkonzept „Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall“. Das interne Arbeitspapier, das gerade in der evangelischen wie katholischen Kirche entwickelt und diskutiert wird, beschreibt die Rolle kirchlicher Seelsorgepraxis angesichts neuer militärischer Bedrohung, die auch Deutschland direkt treffen könnten, die Zivilbevölkerung wie Einsatzkräfte, Verwundete, Gefallene, Kriegsgefangene und Geflüchtete. „Gerade wir als Kirchen sind gut beraten, auch nach den schlechten Erfahrungen in Corona-Zeiten, nach vorne zu denken, um in Krisenfällen handlungsfähig zu bleiben und Menschen beistehen zu können“, betonte er.
Bei der Gesamtkonferenz der Evangelischen Militärseelsorge beraten bis Donnerstag rund 90 Militärgeistliche, Männer wie Frauen, aus ganz Deutschland über die Zukunft und Herausforderungen ihrer Arbeit. Sie steht unter dem biblischen Leitwort „Tröstet, tröstet mein Volk! (Jesaja 40,1) - Seelsorge und Begleitung in der Landes- und Bündnisverteidigung“.

Hannover/Bonn (epd). Die Kirchen in Deutschland rufen zur 51. Interkulturellen Woche auf. Die Initiative vom 27. September bis 4. Oktober soll ein klares Zeichen für Hoffnung, Zusammenhalt und Menschenwürde aussenden, wie die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die katholische Deutsche Bischofskonferenz am 6. Mai mitteilten. An der Aktion unter dem Motto „Dafür!“ beteiligt sich traditionell auch die Griechisch-Orthodoxe Metropolie.
„Mit Blick auf die prognostizierten Zustimmungswerte für völkisch-nationalistische Kräfte bei den diesjährigen Wahlen warnen die Kirchen vor einer Schwächung demokratischer Strukturen, dem Verlust von Solidarität und einer zunehmenden Ausgrenzung von Menschen“, erklärten EKD und Bischofskonferenz weiter. Gerade jetzt gelte es, klar Haltung zu zeigen, Menschenwürde zu schützen und sich nicht einschüchtern zu lassen.
„Christlicher Glaube heißt, an der Seite der Schwachen und Schutzsuchenden zu stehen - unabhängig davon, woher sie kommen oder warum sie fliehen mussten“, betonten der Vorsitzende der Bischofskonferenz Heiner Wilmer, die EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs sowie der Vorsitzende der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland, Metropolit Augoustinos.
Mit Gottesdiensten und Bildungsangeboten lade die Aktions-Woche dazu ein, Zusammenleben konkret zu erfahren. Zur europäischen Asylpolitik erklärten die Kirchen: Wer Schutz suche, brauche faire Verfahren, sichere Orte und menschenwürdige Aufnahmebedingungen.
Die bundesweite Interkulturelle Woche findet seit 1975 statt und wird von Kirchen, Kommunen, Wohlfahrtsverbänden, Gewerkschaften, Migrantenorganisationen sowie Religionsgemeinschaften unterstützt. Den Angaben zufolge gibt es in mehr als 760 Städten und Gemeinden rund 6.000 Veranstaltungen. Die Auftaktveranstaltung findet in diesem Jahr in Leipzig statt.

Hannover (epd). Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) trauert um den früheren Präsidenten des EKD-Kirchenamtes, Otto von Campenhausen. Von Campenhausen starb am 3. Mai im Alter von 94 Jahren, wie ein Sprecher der EKD am 8. Mai mitteilte.
Die EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs, die Präses der Synode, Anna-Nicole Heinrich, sowie der Präsident des Kirchenamtes der EKD, Hans Ulrich Anke, würdigten von Campenhausen in einem an seine Angehörigen gerichteten Kondolenzschreiben. „Als langjähriges und hochverdientes Mitglied der Synode, des Synodenpräsidiums und des Rates der EKD und mit seinen Erfahrungen als Richter hatte Otto von Campenhausen die Gabe, widerstreitende Positionen zu einem guten Ausgleich zu bringen“, hieß es darin.
Davon habe die evangelische Kirche ganz besonders in seiner Zeit als Kirchenamtspräsident profitiert, als es gegolten habe, nach der friedlichen Revolution die kirchliche Einheit wiederzugewinnen, hieß es weiter. „Sein Einsatz für Recht und Gerechtigkeit war getragen von seiner tiefen Frömmigkeit und Glaubensgewissheit.“
Otto von Campenhausen war den Angaben zufolge von 1973 bis 1979 Mitglied des Präsidiums der Synode der EKD und von1979 bis 1985 Mitglied des Rates der EKD. 1989 wurde er demnach vom Rat der EKD zum Präsidenten des Kirchenamtes berufen. Der als besonnen und geradlinig geltende Jurist leitete die EKD-Verwaltungszentrale in Hannover bis März 1997. Geprägt war die Amtszeit von der Vereinigung der evangelischen Landeskirchen in Ost- und Westdeutschland.
Der am 7. Februar 1932 auf Burg Schwarzenfels im hessischen Kreis Schlüchtern geborene von Campenhausen stammt aus einem baltischen Adelsgeschlecht. Neben seinen kirchlichen Ämtern engagierte sich der frühere Richter auch in der Straffälligenhilfe und war Vorsitzender einer bundesweiten Kommission zur Reform des Strafvollzugs.

Würzburg (epd). „Hab Mut, steh auf!“ Die biblische Erzählung von der Heilung des Bartimäus liefert das Leitwort für den 104. Deutschen Katholikentag vom 13. bis 17. Mai in Würzburg. Jesus lässt den blinden Bettler zu sich rufen und schenkt ihm das Augenlicht. Die Aufforderung aus dem Markusevangelium (Mk 10,49) versteht die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, ausdrücklich auch politisch: Der Katholikentag wolle Menschen Mut machen, ihrem Glauben zu folgen und die Menschenwürde zu verteidigen, sagte sie. Man stelle sich gegen Hass und Hetze, die das gesellschaftliche Klima vergifteten.
Eröffnet wird der Katholikentag am Mittwochabend in der Würzburger Innenstadt. Erwartet werden dort Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), Würzburgs Oberbürgermeister Martin Heilig (Grüne), der Würzburger Bischof Franz Jung und ZdK-Präsidentin Stetter-Karp. Am Freitag will sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) unter dem Titel „Gemeinsam Zukunft gestalten“ den Fragen junger Menschen stellen.
Insgesamt bietet der Katholikentag nach Angaben der Veranstalter rund 900 Veranstaltungen - vom großen Live-Konzert bis zum vertraulichen Gespräch in kleiner Runde. Das Christentreffen konzentriert sich vor allem in der Innenstadt auf die drei großen Säulen „Geistliches - Kulturelles - Politisches“. Der Katholikentag soll dazu ermutigen, nach Wegen für eine zukunftsfähige Gesellschaft und Kirche zu suchen, angesichts von Krieg, Klimawandel, sozialer Spaltung sowie Vertrauenskrisen in Politik und Kirche. Dazu werden bis zu 30.000 Teilnehmende erwartet.
Ein Schwerpunkt des Treffens liegt auf Demokratie und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Steinmeier spricht bei einem Podium unter dem Titel „Wir sind die Demokratie“ über die Rolle der Zivilgesellschaft und des Ehrenamts. Weitere Veranstaltungen befassen sich mit Fake News, politischer Angst und Demokratiebildung. Die Vereinnahmung christlicher Motive durch rechte Ideologien soll in einem Podium mit der Präses der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Anna-Nicole Heinrich, kritisch beleuchtet werden.
Zu den Gästen aus der Politik gehören neben Steinmeier, Merz und Söder unter anderem Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU), Entwicklungsministerin Reem Alabali-Radovan (SPD), Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU), Bodo Ramelow (Linke), Ricarda Lang (Grüne) sowie Manfred Weber (CSU). Erwartet wird auch die Klimaaktivistin Luisa Neubauer.
Kirchenpolitisch stehen Ökumene, Synodalität und Missbrauchsaufarbeitung im Mittelpunkt. Ökumenischer Gast ist die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs. Zum Synodalen Weg in der katholischen Kirche diskutieren Stetter-Karp und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Heiner Wilmer. Die Missbrauchskrise wird in mehreren Formaten aufgegriffen, darunter ein Podium zur Frage, ob Kirche Aufarbeitung leisten kann oder staatliche Intervention braucht.
Der Schlussgottesdienst findet am Sonntag auf dem Residenzplatz statt. Alle zwei Jahre veranstaltet das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) einen Katholikentag in einem anderen Bistum; traditionell wechselt man sich mit den evangelischen Kirchentagen ab. Der 103. Katholikentag fand 2024 in Erfurt statt, der nächste Katholikentag ist für 2028 in Paderborn geplant. Der Deutsche Evangelische Kirchentag ist vom 5. bis 9. Mai 2027 in Düsseldorf zu Gast.

Bruchsal, Würzburg (epd). Ein bisschen Bammel haben sie schon davor, wie ihr gebrülltes „Amen!“ zu brachialem Klanggewitter wohl bei den Gläubigen ankommen wird. Eine Stunde lang soll der Heavy-Metal-Gottesdienst am Freitag (15. Mai) auf dem Katholikentag in Würzburg dauern. „Wir haben keine Ahnung, was uns dort erwartet und ob es den Leuten gefällt“, sagt Simone Hingst, Sängerin des Bruchsaler Bandprojekts „Headbangers' Church“. Sie und ihre Bandkollegen aus Nordbaden und der Pfalz bereiten sich an diesem Tag in ihrem Proberaum auf den Auftritt beim Katholikentreffen vor: Es wird ein katholischer Gottesdienst mit Predigt, Gebeten, Fürbitten, Vaterunser, Segnung - und beinharter Livemusik.
Und es wird laut. Bei der Probe wirbelt das Schlagzeug die Luft durch den Raum, der Bass grummelt, die Gitarren schreien in die Ohren. „Metal Gods!“ stößt Sänger Bernd Mader ins Mikrofon: Nach dem Song der britischen Heavy-Metal-Legende „Judas Priest“ hat sich die zehnköpfige Gruppe „Metal GodZ powered by Gelbsucht and friends“ benannt. Sie kam vor zwei Jahren auf Initiative des katholischen Pastoralreferenten Mathias Fuchs zusammen. Die Vision des 48-jährigen Theologen, Heavy-Metal-Fans und Bandmitglieds: den Nachweis zu erbringen, dass harte Klänge und die christliche Botschaft der Liebe gut harmonieren.
Heavy Metal und die Kirche: Das schien lange Zeit etwa so gut zusammenzupassen wie der sprichwörtliche Teufel und das Weihwasser. Besonders konservative Christen haben Vorbehalte gegenüber dieser Musikform, lehnen sie als „satanistisch“, gewaltverherrlichend oder einfach nur „provokant“ ab. Die oft schwarze Kleidung und Tattoos tragende Metal-Community hält dagegen. Die selbst ernannten „Headbanger“ seien ganz gewöhnliche Menschen, friedfertig, solidarisch, hilfsbereit und oft auch offen für Spiritualität und Glaube, sagt Fuchs.
Mit dem Segen seines Ortspfarrers („Probiert es aus, es könnte gut werden“) und der finanziellen Unterstützung der katholischen Erzdiözese Freiburg hat Mathias Fuchs bisher dreimal zur „Headbangers' Church“ in eine Kirche im Bruchsaler Stadtteil Obergrombach eingeladen. Und die war jedes Mal proppenvoll. Jeweils rund 400 Besucherinnen und Besucher reisten zu dem bundesweit wohl einzigartigen Gottesdienst teilweise von weither an, erzählt Fuchs. „Es ist schon ein bissel eskaliert.“ Zudem organisierte er Gottesdienste für Motorradfahrer mit „Bike-Segnungen“ sowie in einer Kneipe eine Tätowier-Aktion mit Segnungen: Fuchs selbst ließ sich kurz zuvor als Motiv die „Pommesgabel“ der Metaller mit einem Kreuz in eine Wade stechen.
„Jeder ist willkommen zu den Gottesdiensten, und es werden immer mehr“, sagt Fuchs, der dafür sein schwarzes „Wacken“-T-Shirt gegen ein weißes Gewand, die „Albe“, eintauscht. Viele Fans von Heavy-Metal-Musik seien für den Glauben ansprechbar, doch wollten sie oft mit einer in ihren Ritualen erstarrten Kirche nichts zu tun haben. Metal-Gottesdienste könnten durch ihre Kraft und Lebendigkeit auch „befreiend“ für eine Kirche wirken, „in der manchmal das Menschliche zu verloren gehen droht“, so sieht Fuchs es. Gerne würde die „Headbangers' Church“ im Sommer auch in einer evangelischen Kirche beim weltgrößten Heavy-Metal-Festival in Wacken in Schleswig-Holstein gastieren. „Wenn das klappen würde, ginge ein großer Traum in Erfüllung“, sagt Fuchs.
Für die „Metal GodZ“, die sich mit Titeln von „AC/DC“ („Let There be Rock“) und „Kiss“ („God Gave Rock and Roll to You“) für ihren Auftritt auf dem Katholikentag fit machen, ist es klar, dass man seinen Glauben auch phonstark ausleben kann. „Wir brauchen Lautstärke“, sagt Gitarrist Harry Weber. Voll und ganz stehen die Musiker hinter der Pioniertat ihres Pastoralreferenten, den Heavy Metal kirchentauglich zu machen. „Es geht um Respekt füreinander und für die Freiheit, zu glauben, wie und was man möchte“, sagt Sänger Bernd Mader. „Und jetzt wollen wir in Würzburg abliefern.“

Köln (epd). Das Erzbistum Köln hat Vorwürfe gegen Erzbischof Rainer Maria Woelki im Zusammenhang mit der erneuten Prüfung eines alten Verdachtsfalls von sexuell grenzverletzendem Verhalten eines Klerikers zurückgewiesen. Das Erzbistum verwies auf eine erfolgte „interne Prüfung durch verschiedene Fachleute, darunter solche mit juristischer Expertise und ein Psychologe“. „Kardinal Woelki wurde von den Beratern damals kein weiteres Vorgehen empfohlen, da bei einer anonymen und inhaltlich völlig abstrakten Meldung nach damaliger Einschätzung kein Ermittlungs- und Aufklärungserfolg erreicht werden konnte“, teilte das Erzbistum dem Evangelischen Pressedienst (epd) mit.
Die Unabhängige Aufarbeitungskommission des Erzbistums hatte am 5. Mai ihren zweiten Zwischenbericht veröffentlicht und darin einen möglichen Verstoß gegen die Meldepflicht von mutmaßlichen Missbrauchstaten bemängelt. Inhaltliche Unterstützung erhielt die Kommission vom Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller.
Der Fall reicht noch in die Amtszeit von Woelkis Vorgänger Joachim Meisner zurück (1989-2014). Woelki war laut Zwischenbericht nach Amtsantritt im Jahr 2014 mit dem Fall erneut konfrontiert worden, weil neue teils anonyme, teils nicht anonyme Meldungen gegen den Mann vorgebracht worden sein sollen. Die Meldungen beziehen sich auf „Annäherungsversuche und Fehlverhalten bei der Einhaltung von Nähe und Distanz im Umgang mit minderjährigen Messdienern“, die der Priester laut Bericht bestritt. Der beschuldigte Kleriker wurde im Februar 2015 demnach von Woelki in ein Leitungsamt befördert. Dieses Amt hat er nach Erkenntnissen der Kommission nicht mehr inne.
Die erst 2015 gegründete Interventionsstelle des Bistums, die den Fall verspätet im Jahr 2018 prüfen konnte, soll einen „objektiven Verstoß gegen die Meldepflicht“ festgestellt haben. Diesem Urteil soll sich die Kommission ursprünglich auch in ihrem Zwischenbericht angeschlossen haben, wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ am Dienstag online berichtet hatte.
In dem auf der Internetseite des Erzbistums veröffentlichten Bericht fehlt dieses Zitat, wie die Zeitung berichtet. Diese Entscheidung geht laut Erzbistum auf eine datenschutzrechtliche Überprüfung des Berichtsentwurfs durch einen „neutralen Rechtsanwalt“ zurück, wie es in der Satzung der Unabhängigen Kommission festgelegt sei.
Die Kommission kommt in ihrem Bericht dennoch zu dem Schluss, dass der Verdachtsfall nach den 2014 geltenden Leitlinien sowohl der Staatsanwaltschaft als auch dem Vatikan hätte gemeldet werden müssen. Das Gremium, in dem auch eine ehemalige Generalstaatsanwältin sitzt, schreibt, die damals bekannten Vorwürfe hätten einen Anfangsverdacht im strafrechtlichen Sinne begründet.
Der Münsteraner Kirchenrechtler Schüller sagte dem epd, er schließe sich der Meinung der Kommission an. Die 2014 unterlassene Meldung des Verdachtsfalls an die Staatsanwaltschaft und nach Rom stelle ein dienstrechtliches Vergehen dar. Jedoch sei davon auszugehen, dass die Meldung im Vatikan keine Konsequenzen nach sich ziehe, sagte er.
Der Verdachtsfall sei zwischenzeitlich der Staatsanwaltschaft übergeben worden, bestätigte das Erzbistum und räumte ein: „Heute würde bei einer vergleichbaren Ausgangslage anders gehandelt.“
Der Fall ist bereits in dem juristischen Gutachten aus dem Jahr 2021 enthalten, das das Erzbistum in Auftrag gegeben hatte. Damals hatten die Juristen Woelki keinerlei Pflichtverletzungen im Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt nachgewiesen.
Rom (epd). Papst Leo XIV. hat US-Außenminister Marco Rubio in einer Privataudienz empfangen. Bei dem Treffen am 7. Mai habe man das „gemeinsame Engagement für die Pflege guter bilateraler Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und den Vereinigten Staaten von Amerika bekräftigt“, teilte der Vatikan später mit.
Das Treffen fand in einer diplomatisch hoch angespannten Lage zwischen dem Papst sowie US-Präsident Donald Trump statt. Vom Vatikan hieß es danach weiter, es habe einen Meinungsaustausch über die regionale und internationale Lage gegeben, „mit besonderem Augenmerk auf Länder, die von Krieg, politischen Spannungen und schwierigen humanitären Situationen geprägt sind“.
„Habe mich mit dem Papst getroffen, um unser gemeinsames Engagement für die Förderung von Frieden und Menschenwürde zu bekräftigen“, schrieb Rubio, der selbst katholisch ist, nach seinem Treffen im Vatikan auf dem Kurzmitteilungsdienst X. Es war das zweite Zusammentreffen von Rubio und Papst Leo seit dessen Wahl am 8. Mai 2025. Leo ist der erste gebürtige US-Amerikaner, der das Amt des Papstes bekleidet.
Nach der Audienz bei Papst Leo, die laut Vatikan rund 45 Minuten gedauert haben soll, traf Rubio auch Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin und den Außenminister des Heiligen Stuhls, Erzbischof Paul Richard Gallagher. Die Initiative für das Treffen war nach Parolins Darstellung von der US-Seite ausgegangen.
Neue Vorschläge des Heiligen Stuhls zur Lösung des Konflikts mit dem Iran werde es nicht geben, hatte Parolin bereits im Vorfeld des Treffens am Mittwochabend am Rande einer Veranstaltung in Rom gesagt. Man setze weiterhin auf Dialog. „Diese Konflikte können nicht mit Gewalt gelöst werden“, sagte der Kardinalstaatssekretär.
Zu den verbalen Angriffen von Trump auf den Papst von Anfang dieser Woche sagte Parolin am Mittwochabend weiter, es erscheine ihm „zumindest seltsam“, den Papst auf diese Weise anzugreifen oder ihm Vorwürfe zu machen. Trump hatte wiederholt behauptet, dass es für den Papst akzeptabel sei, dass der Iran über Atomwaffen verfüge. Bereits Mitte April hatte Trump den Papst wegen dessen Friedensbotschaft verbal attackiert.
Magdeburg (epd). Das Bistum Magdeburg hat die Initiative „Bewusst wählen!“ zur Stärkung christlicher Werte in gesellschaftlichen Debatten ins Leben gerufen. Mit Blick auf die Landtagswahl am 6. September appellieren das Bistum und weitere Partner an die Menschen in Sachsen-Anhalt, ihrem Gewissen nach zu entscheiden. „Wir glauben, dass die Situation jetzt eine besonders dramatische ist“, sagte der katholische Bischof Gerhard Feige am 6. Mai in Magdeburg.
Deshalb wolle das Bistum den Menschen Mut machen und sie dafür sensibilisieren, aus christlicher Verantwortung heraus zu handeln. Die Kirche nehme Anteil an der Not der Menschen, ergänzte Feige.
„Was Menschenwürde, Menschenrechte und Gerechtigkeit betrifft, da kann und darf Kirche nicht schweigen“, unterstrich der Bischof die Leitlinien der Initiative. Die Initiative wolle Orientierung geben - nicht parteipolitisch, sondern wertebasiert. Geplant seien sichtbare Zeichen, Dialogformate und Bildungsangebote, um Raum für Begegnungen und zum Nachdenken schaffen.
Damit solle das Bewusstsein geschärft werden, „nicht aus dem Bauch heraus irgendeiner Stimmung zu folgen und zu wählen, sondern sich gut zu informieren und bewusst zu entscheiden“, ergänzte Feige. Die Menschen sollten dabei bedenken: Was hat das für Auswirkungen auf mich und auch auf die Gesellschaft?
Umfragen zufolge könnte die AfD bei der Landtagswahl stärkste Kraft im Bundesland werden und in der Folge erstmals einen Ministerpräsidenten in Deutschland stellen. Die Initiative „Bewusst wählen!“ wird neben dem Bistum Magdeburg von der Caritas, der Edith-Stein-Schulstiftung, der Katholischen Akademie, der Katholischen Erwachsenenbildung Sachsen-Anhalt sowie weiteren katholischen Einrichtungen getragen. Man versteht sich als Teil des zivilgesellschaftlichen Bündnisses „Sachsen-Anhalt weltoffen“ und in enger Partnerschaft mit den evangelischen Kirchen im Land.
Heidelberg (epd). Etwa 1.200 Menschen haben am 10. Mai zwei Lady-Gaga-Gottesdienste in der Heidelberger Heiliggeistkirche besucht. Die italoamerikanische Pop-Ikone bekenne sich seit vielen Jahren öffentlich zum christlichen Glauben, sagte der evangelische Pfarrer Vincenzo Petracca laut Predigtmanuskript. Das Gespräch mit Gott sei der Sängerin, die streng katholisch aufwuchs, wichtig. Manchmal teile sie ihre Gebete in Social-Media-Postings.
Allerdings seien für Lady Gaga Religion und Kirche zwei völlig getrennte Dinge. Sie werfe der Institution Kirche vor, rassistisch, homophob oder intolerant gegenüber anderen Religionsgemeinschaften zu sein. Lady Gaga glaube an einen liebenden Gott, der von den Menschen einen friedfertigen Umgang untereinander erwartet.
Diese Ansicht teile er, sagte der evangelische Theologe. Die Kirche müsse für Gewaltfreiheit und Frieden, Liebe und Achtung einstehen sowie Vielfalt feiern. „Ich selbst träume von einer Kirche, die eine Gemeinschaft ist, in der alle willkommen und zur Partizipation eingeladen sind.“ In dem Gottesdienst spielte eine Band um die Sängerin Tine Wiechmann sieben Songs von Lady Gaga.
Seit 2015 gibt es die Pop-Gottesdienste in der Heiliggeistkirche. Sie sollen durch die Verbindung von Pop-Kultur und Liturgie neue Formen der spirituellen Erfahrung ermöglichen und besonders junge Menschen ansprechen. Ende Juni ist ein Rio-Reiser-Gottesdienst geplant und im Oktober ein Pop-Gottesdienst zu Ed Sheeran. Der Taylor-Swift-Gottesdienst im Mai 2024 fand ein internationales Echo.
Stuttgart (epd). Über 6,62 Milliarden Menschen weltweit können die Bibel in ihrer Muttersprache lesen. Im Jahr 2025 seien Übersetzungsprojekte in 100 Sprachen für 566 Millionen Menschen fertiggestellt worden, teilte die Deutsche Bibelgesellschaft am 4. Mai in Stuttgart auf Grundlage der Statistik für 2025 des Weltverbands der Bibelgesellschaften (United Bible Societies) mit.
Unter den 66 Sprachen mit einer Erstübersetzung wurden 50 biblische Einzelschriften, etwa einzelne Evangelien oder die Psalmen, drei Neue Testamente und 13 vollständige Bibelausgaben fertiggestellt. Das Projekt mit der größten Sprechergruppe war die Übersetzung in die äthiopische Sprache Ost-Oromo. Die erste vollständige Bibelübersetzung in dieser Sprache erreicht 10,8 Millionen Menschen. Andere Länder mit Erstübersetzungen großer Reichweite waren Israel mit einer Übersetzung in modernes Hebräisch (6,1 Millionen) und Muong in Vietnam (1,5 Millionen).
Die Statistik gibt auch Auskunft über Bibelübersetzungsprojekte in Sprachen, die als gefährdet eingestuft werden. Die Spanne reicht dabei von Sprachen mit über 100.000 Sprechern, wie Duri (Indonesien), bis zu Sprachen mit wenigen Tausend Sprechern wie Tokelauan (Neuseeland) und Pinuyumaayn (Taiwan). In 4.121 Sprachen gibt es nun mindestens ein Buch der Bibel, in 1.815 Sprachen das Neue Testament, in 795 Sprachen die komplette Bibel. Ausgehend von rund 7.393 Sprachen liegt in 3.272 Sprachen bisher keine Übersetzung eines biblischen Buches vor.

Berlin (epd). An der Grenze zurückweisen, Aufnahmeprogramme beenden, Familiennachzug aussetzen: Die Asyl- und Migrationspolitik war ein Schwerpunkt des Koalitionsvertrags der vor einem Jahr vereidigten schwarz-roten Bundesregierung. Zügig setzte Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) vereinbarte Punkte um. Die Bilanz nach einem Jahr in Entscheidungen und Zahlen:
Am 7. Mai 2025 - einen Tag nach Amtsübernahme im Bundesinnenministerium - entschied Dobrindt, dass ab sofort auch Menschen, die ein Asylgesuch äußern, an den deutschen Grenzen zurückgewiesen werden sollen. Es ist eine der umstrittensten asylpolitischen Maßnahmen, weil das Europarecht das nicht vorsieht. Verwaltungsgerichte verurteilten die Praxis, dennoch werden die Zurückweisungen bis heute praktiziert.
Die Zahl der Asylerstanträge ist seitdem weiter zurückgegangen: Im ersten Quartal 2026 waren es rund 22.500 und damit 38 Prozent weniger als im Jahr davor. Die umstrittenen Zurückweisungen haben daran aber nur einen kleinen Anteil: Rund 1.350 Menschen, die sich auf Asyl beriefen, wurden laut Bundespolizei seit Dobrindts Entscheidung bis Ende April an deutschen Grenzen zurückgewiesen. 289 Menschen, die vulnerablen Gruppen angehören, wurden ins Land gelassen. Insgesamt gab es in dem Zeitraum mehr als 34.000 Zurückweisungen von Ausländern, die kein Aufenthaltsrecht für Deutschland hatten. Diese Zurückweisungen waren aber schon seit September 2024 Praxis unter der damaligen Ampel-Regierung.
Im Juni brachte Dobrindt die von der Union in den Koalitionsverhandlungen durchgesetzte Aussetzung des Familiennachzugs für subsidiär geschützte Flüchtlinge durch den Bundestag. Betroffen sind davon vor allem Syrer, die keine Familienangehörigen mehr nachholen können. Für diese Gruppe gab es zuvor ein Kontingent mit 1.000 Plätzen pro Monat.
Gestoppt hat Dobrindt zudem schnell die humanitären Aufnahmeprogramme für gefährdete Afghaninnen und Afghanen. 2.300 Menschen mit Aufnahmezusage für Deutschland warteten bei Amtsantritt der schwarz-roten Regierung noch auf ein Visum für Deutschland. Viele erstritten sich dieses Visum letztlich vor Gericht, mehrere hundert Menschen bekamen letztlich aber eine Absage aus Deutschland.
Die Zahl der Abschiebungen stieg im vergangenen Jahr nach Angaben des Bundesinnenministeriums leicht auf 22.787 (2024: 20.084). Im ersten Quartal dieses Jahres gab es 4.800 Abschiebungen. Hochgerechnet würde das auf eine geringere Zahl in diesem Jahr hinauslaufen. Die Zahlen schwanken aber. Dobrindt forciert zudem Abschiebungen nach Afghanistan, zumindest von Straftätern. 138 Personen wurden nach Ministeriumsangaben bislang nach Afghanistan gebracht. Nach Syrien wurden insgesamt vier Personen abgeschoben.
Im Februar hat der Bundestag die deutsche Regelung für die Umsetzung des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (Geas) beschlossen, das ab Sommer alle EU-Mitgliedstaaten anwenden müssen. Im Kern geht es dabei um Asyl-Grenzverfahren für Menschen, die eher keinen Schutzanspruch geltend machen können. Für Deutschland spielen diese Verfahren kaum eine Rolle, weil nur wenige Flüchtlinge über eine Schengen-Außengrenze in die Bundesrepublik kommen. Dobrindt ging mit der Reform deswegen über die EU-Vorgaben hinaus. Sein Gesetz ermöglicht den Bundesländern ähnliche Verfahren und dazugehörige Aufnahmezentren mit begrenzter Bewegungsfreiheit auch für Flüchtlinge, die über eine Binnengrenze nach Deutschland kommen. Noch ist unklar, inwieweit die Länder das jeweils umsetzen. Der Effekt dieser Reform lässt sich damit noch schwer voraussagen.

Berlin (epd). Der Migrationsforscher Gerald Knaus hat die Zurückweisungen Asylsuchender an den deutschen Grenzen als „missglückte Symbolpolitik“ bezeichnet. Auf den Rückgang der Zahl von Asylbewerbern hätten sie „eine sehr geringe Auswirkung“, sagte Knaus dem Evangelischen Pressedienst (epd). Hinzu komme, dass die Zurückweisungen über kurz oder lang eingestellt werden müssten, „denn sie sind europarechtswidrig“. Diese Politik drohe zum „Bumerang“ zu werden, sagte er.
Wenn Zurückweisungen als wichtigstes Instrument bezeichnet würden und Gerichte ein Ende verlangten, „droht die Verquickung zwischen europäischem Recht und Migrationskontrolle, die sich alle Europafeinde gewünscht haben“, sagte der Gründer der Denkfabrik Europäische Stabilitätsinitiative. Für die sei Europa bereits jetzt das Problem.
Der Migrationsexperte empfahl der Bundesregierung ein Jahr nach deren Amtsantritt, im Bereich der Migration die in seinen Augen „Riesenchance“ zu nutzen, „die sich ab Sommer bietet, um einen echten nachhaltigen Durchbruch an den EU-Außengrenzen zu erzielen“. Mit dem Inkrafttreten des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (Geas) seien erstmals Abkommen mit Drittstaaten für die Abwicklung von Asylverfahren möglich, auch wenn sie keine Transitstaaten von Flüchtlingen sind.
„Wir brauchen Abkommen, die erreichen, dass schnell kaum noch Menschen irregulär über das Meer kommen“, sagte Knaus, der 2016 das Migrationsabkommen zwischen der EU und der Türkei mit erdacht hat. „Wenn ab einem Stichtag im Juni fast jeder, der über Libyen nach Griechenland kommt, für das Asylverfahren in ein ostafrikanisches Land gebracht würde, dann würde die Zahl der Überfahrten schnell einbrechen“, sagte Knaus.
„Wenn es auf diese Art gelingen würde, Kontrolle herzustellen, und dabei das Recht auf Asylverfahren zu bewahren und dazu das Sterben im Mittelmeer drastisch zu reduzieren, wäre das im Sinne der Menschenwürde“, sagte er mit Blick auf die Kritik an solchen Abkommen mit Drittstaaten. „Allein im zentralen Mittelmeer gab es in den vergangenen zehn Jahren über 20.000 tote Migranten. Es bleibt die gefährlichste Grenze der Welt“, sagte er. Als konkretes Land für Asylverfahren außerhalb Europas nannte Knaus Ruanda. „Natürlich sollte man dann auch mit anderen Ländern reden“, sagte er.
Nutze man diese Chance nicht, drohe im Herbst „eine böse Kombination“, sagte Knaus: „Gerichte stoppen die Binnen-Grenzkontrollen, Geas enttäuscht, Regierungen stehen ohne nachhaltige Strategie da“. „Dann hätten Europafeinde in ganz Europa ein weiteres Wahlkampfthema geschenkt“, sagte er.

Leipzig (epd). Das Absperrband flattert im leichten Luftzug, der durch die Grimmaische Straße zieht. Vor der benachbarten Universitätskirche liegen Blumen und Kerzen. Die Fassungslosigkeit ist mit Händen zu greifen. Leipzig sucht Halt, einen Tag nach der Amokfahrt mit zwei Todesopfern und etlichen Verletzten. Stille prägt die sonst so quirlige Fußgängerzone. Menschen suchen Umwege durch Passagen und kleine Gassen, um den an diesem Tag gesperrten Bereich umgehen zu können. Polizeiautos und Einsatzkräfte säumen die Absperrung.
Vom Augustusplatz aus war der Amokfahrer am 4. Mai mit einem Auto durch die belebte Fußgängerzone der Grimmaischen Straße gerast. Erst nach etwa 500 Metern kam er auf dem Marktplatz zum Stehen. Eine 63-jährige Frau und ein 77-jähriger Mann wurden getötet. Im Bereich des Thomaskirchhofs konnte der Fahrer festgenommen werden. Nach ersten Erkenntnissen gehen die Sicherheitsbehörden nicht von einem politischen oder religiösen Motiv aus.
In der Nikolaikirche am Marktplatz ist es am Vormittag des 5. Mai still. Ein paar Kerzen brennen, Besucherinnen und Besucher gehen vorsichtig ein und aus. Eine Frau in den leeren Reihen wischt sich Tränen aus den Augenwinkeln. „Die Stille in der Stadt ist kaum auszuhalten“, schreibt jemand ins Kondolenzbuch, das in der Kirche ausliegt. Trauer, Betroffenheit und Dankbarkeit für eine offene Kirche und einen Platz für das Unaussprechbare mischen sich in den Zeilen.
Die Stadt draußen ist still. Menschen laufen vorsichtig durch die Straßen, keiner hetzt, niemand unterhält sich lautstark. Als könnte ein falscher Ton die Fassungslosigkeit noch schlimmer machen.
Eine Frau steht mit ihrem Stand auf dem Leipziger Marktplatz und verkauft Brot. Wie sonst auch. Der Markt hat schon wieder geöffnet, während die Grimmaische Straße noch gesperrt ist. Die Brotverkäuferin blickt sich um: Es sei nicht weniger los als sonst. Das Brot verkaufe sich auch an diesem Dienstag. „Die Leute kommen, aber …“, die Frau bricht ab. „Es ist traurig“, beendet sie den Satz. Es sei ungewohnt, nicht so vertraut wie sonst, berichtet sie.
Die Blumenansammlung vor der Universitätskirche, direkt am Augustusplatz, wächst minütlich. „Das ist noch im Kommen“, sagt eine Frau der Krisenintervention, sowohl die Trauer als auch die Anteilnahme. Das Team sei da, um mit denen zu reden, die reden wollen, und mit denen zu schweigen, die lieber still sind. So wie die Stadt. Schon am Montag habe es eine Krisenbetreuung im Gewandhaus gegeben. „Aber manche sind vielleicht auch direkt nach Hause danach“, sagt die Frau. Deshalb sei es wichtig, auch am Dienstag vor Ort zu sein.
Der Campus der Leipziger Universität liegt direkt an der Grimmaischen Straße, „Bislang waren es nur Bilder anderer Orte“, sagt Universitätsprediger Andreas Schüle am Dienstagmittag bei einer spontanen Andacht. Und weiter: „Jetzt ist es hier geschehen.“
Uni-Rektorin Eva Ines Obergfell spricht von „tiefer Bestürzung und Trauer“. Die Erschütterung sitze tief, es sei ein „Moment, der uns innehalten lässt, der uns sprachlos macht“. Gleichzeitig sei sie von tiefem Respekt und Dankbarkeit geprägt. Viele Angehörige der Universität hätten sofort Erste Hilfe geleistet, getröstet und beigestanden.
Nicht alle, die die Andacht hören wollen, passen in die bis auf den letzten Platz gefüllte Universitätskirche. Viele Menschen stehen nach dem Ende noch draußen. Die Hoffnung auf Worte in der Fassungslosigkeit scheint groß zu sein.

Karlsruhe, Berlin (epd). Mit bundesweiten Razzien ist die Bundesanwaltschaft am 6. Mai gegen mutmaßliche Mitglieder von zwei rechtsextremistischen Vereinigungen vorgegangen. Mehr als 600 Polizeikräfte durchsuchten rund 50 Objekte in zwölf Bundesländern, wie der Generalbundesanwalt in Karlsruhe mitteilte. Es gebe insgesamt 36 Beschuldigte. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) erklärte: „Diese rechtsextremen Jugendgruppen rufen zu Gewalt auf und beteiligen sich an Gewaltaktionen gegenüber politischen Gegnern.“
Die Beschuldigten stünden im Verdacht, „herausgehobene Mitglieder der rechtsextremistischen Vereinigungen 'Jung & Stark' (JS) oder 'Deutsche Jugend Voran“ (DJV)' zu sein, teilte die Ermittlungsbehörde mit. Die Mitglieder dieser bundesweit organisierten Vereinigungen vernetzen sich demnach über soziale Medien und durch regelmäßige Treffen. „Dabei wird zu Gewalttaten gegen politische Gegner sowie gegen vermeintlich Pädophile aufgerufen“, erklärten die Ermittler.
Einige Beschuldigte sollen Angehörige der linken Szene oder Personen angegriffen haben, die sie für pädophil hielten. „Die Opfer wurden jeweils von mehreren Angreifern geschlagen und trugen nicht unerhebliche Verletzungen davon“, hieß es in der Mitteilung der Bundesanwaltschaft.
Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) erklärte: „Militante rechtsextreme Gruppen haben Zulauf - erschütternderweise gerade auch unter jungen Menschen.“ Sie verwies auf das Ausmaß der Durchsuchungen und betonte: „Rechtsextremismus ist die größte Gefahr, die Deutschland von innen droht.“ Innenminister Dobrindt bekräftigte: „Wir akzeptieren keine Gewaltaufrufe und gewalttätige Angriffe, sondern gehen entschieden dagegen vor.“
Den Beschuldigten wird nach Angaben der Bundesanwaltschaft die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen, gegen einige wird zudem wegen Rädelsführerschaft und gegen acht Beschuldigte auch wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Es gab keine Festnahmen. „Die heutigen Durchsuchungen dienen dazu, die bestehenden Verdachtsmomente aufzuklären“, teilte die Ermittlungsbehörde mit. Die Durchsuchungen erfolgten auf Grund von Beschlüssen des Ermittlungsrichters des Bundesgerichtshofs.

Frankfurt a.M. (epd). Ein Richter darf sich nach einer Entscheidung des Oberlandesgerichts (OLG) Frankfurt am Main auf das christliche Menschenbild berufen. Dies begründe keine Befangenheit, gab das OLG am 5. Mai bekannt (AZ: 2 U 174/24). In dem Streitfall um eine ausstehende Miete eines Verstorbenen hatte der Richter einen Vergleich zwischen dem Vermieter und beklagten Sohn des früheren Mieters angeregt. Der Anwalt des Klägers habe die Erwägung des Richters als „rührselig“ bezeichnet, woraufhin dieser erläuterte, er orientiere sich an dem „christlichen Menschenbild“. Der Kläger habe daraufhin den Richter wegen „Besorgnis der Befangenheit“ abgelehnt.
Das OLG Frankfurt wies den Antrag des Klägers zurück. Die Äußerung des Richters, dass er in seine rechtliche Wertung auch christliche Werte einfließen lasse, sei nicht zu beanstanden. „Das christliche Menschenbild bildet einen wichtigen geistesgeschichtlichen Hintergrund insbesondere des Grundgesetzes und ist prägend für das Verständnis der Menschenwürdegarantie und der Grundrechte“, begründete das OLG. Dies wiederum wirke sich anerkanntermaßen auf die Auslegung und Anwendung zivilrechtlicher Generalklauseln und unbestimmter Rechtsbegriffe aus.
Umgekehrt könne nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts ein Grundrechtsverstoß vorliegen, wenn ein Zivilgericht diesen grundrechtlichen Einfluss des christlichen Menschenbilds überhaupt nicht oder unzutreffend berücksichtige, hob das OLG hervor. Die Entscheidung ist nicht anfechtbar.

Hamburg/Berlin (epd). Eine Straßenlaterne im Hamburger Schanzenviertel. Überall verteilt bunte Sticker, von Musikgruppen und Fußballvereinen bis zu politischen Parolen. Mittendrin ein rechteckiger, schlichter weißer Flyer mit dem Text: Lieben statt Liken. Die Botschaft stammt von Benno Flügel und der Radikalen Anti Smartphone Front (RASF). Ihr Ziel: Menschen dazu bringen, ihre Smartphones bewusster und weniger zu nutzen.
„Jede Minute, die Menschen weniger vor Social Media verbringen, ist ein Erfolg für uns“, sagt Benno Flügel. Der gebürtige Stuttgarter lebt in Berlin, aber auch Hamburg kennt er gut. Die sozialen Medien erlebt er als Bedrohung für ein friedliches Miteinander. „Jeder gelöschte Social Media Account ist ein Erfolg für uns. Weniger Hass, eine gerechtere Gesellschaft und mehr Demokratie sind unsere Ziele.“
Tausende Flyer haben Benno Flügel und seine Kollegen schon in Hamburg und Berlin verteilt, jetzt wird die Aktion auf Europa ausgeweitet. Aktuell reist der Aktivist nach Brüssel, Paris und London, um auch dort seine Botschaften zu verbreiten. In Landessprache natürlich.
„Wir nutzen Sprüche wie 'To scroll or not to scroll' frei nach Shakespeare oder 'Liberté, Egalité, Realité' als Anlehnung an das französische Motto 'Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit', nur eben leicht geändert.“
Gegründet wurde die RASF vor zehn Jahren von Benno Flügel und einem Kumpel in einer Studentenbude in Lissabon. Zwischenzeitlich umfasste die Gruppe fast 50 Aktivisten. Durch Corona war der Protest etwas zurückgegangen, aber jetzt möchte er die Botschaften wieder verstärkt auf die Straße bringen. Denn die Probleme, auf die sie hinweisen, sind nicht weniger geworden, ist der 35-Jährige überzeugt.
„Wenn man sich anschaut, wie Depressionen und Angststörungen gerade unter Jugendlichen gestiegen sind, wenn man sich die wachsende Polarisierung in unserer Gesellschaft anschaut und auch die digitale Gewalt, die zugenommen hat, dann sind das Gründe für uns, aktiv zu werden.“
Statistisch nutzen 59 Prozent der deutschen Bevölkerung im Alter von 16 bis 74 Jahren aktiv soziale Medien. Mehr als ein Viertel der Menschen zwischen 18 und 42 Jahren gibt an, selbst digitale Gewalt erlebt zu haben, also Beleidigungen, Hass oder sexualisierte Belästigungen. Das hat eine Umfrage der Organisation „HateAid“ ergeben.
Für ihr ernstes Anliegen nutzt die RASF ganz bewusst humorvolle Mittel. Die Sprüche sollen die Menschen nicht nur zum Nachdenken bringen, sondern auch zum Lachen, meint Benno Flügel. Auch der Name der Gruppe ist mit einem Augenzwinkern zu verstehen.
„Unter 'Front' versteht man ja eigentlich eine aggressive Organisation, die mit dem Straßenkampf die Revolution hervorbringen will. Aber wir sind da das totale Gegenteil“, sagt er lächelnd. „Wir bringen nur Flyer heraus und wollen mit der Macht des Wortes in die Debatte eingreifen.“
Die Papierflyer werden mit Malerkrepp an den Straßenlaternen befestigt und können komplett ohne Rückstände entfernt werden. Viele nehmen sich die Zettel auch mit nach Hause, weil ihnen die Botschaft gefällt, erzählt der Berliner. Auf der Straße kommt er immer wieder ins Gespräch mit Passanten. Die Reaktionen zur Protestaktion sind fast immer positiv, sagt er.
„Wir wollen den öffentlichen Raum auf der Straße ein Stück weit zurückerobern“, sagt der Aktivist. „Je mehr Zeit wir vor Bildschirmen verbringen, desto mehr leiden wir psychologisch, aber auch gesellschaftlich.“ Die Flyer können die Menschen direkt auf der Straße sehen, lesen und darüber ins Gespräch kommen, in der echten Welt, beschreibt Benno Flügel das Konzept.
Dabei geht es der RASF nicht generell darum, moderne Technik zu verteufeln. Die Gruppe hat eine Website und auch Benno Flügel nutzt ein Handy, aber er möchte sein Leben nicht von dessen Apps bestimmen lassen. Für den Herbst plant er schon die nächste Reise durch Europa. Dann will er in Wien, Barcelona und Zürich die Menschen zum Nach- und Umdenken bewegen.
epd video: „Lieben statt Liken“: Protest gegen Smartphones

Hamburg (epd). Freiwillig würden sich Bäume den Standort zwischen hohen Häusern und Straßen wohl nie aussuchen: verdichteter Boden, Feinstaub, Versiegelung, Baustellen und Autos, die auf ihren Wurzeln parken. Hinzu kommen steigende Temperaturen durch die Klimakrise. Straßenbäume in Großstädten stehen zunehmend unter Druck. „Es wird schwerer, unseren Bestand weiterhin so zu erhalten“, sagt Torsten Melzer, Straßenbaum-Manager der Stadt Hamburg. Dieser Frühling beispielsweise sei bisher viel zu trocken. „Zum Glück hatten wir im Winter viel Schnee und das Grundwasser befindet sich aktuell auf unbedenklichem Niveau“, sagt der Biogeograph.
Das Grün sorgt dafür, dass Städte in Zeiten des Klimawandels lebenswert bleiben. Städte heizten sich besonders auf, aber unter Bäumen herrsche ein angenehmes Mikroklima, erklärt Melzer. „Das Zusammenspiel aus Schatten und Verdunstungskälte wirkt wie eine grüne Klimaanlage.“ Eine Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich ergab, dass Bäume eine Stadt im Sommer um durchschnittlich zehn Grad Celsius herunterkühlen können.
Außerdem produzieren Straßenbäume Sauerstoff, filtern Schadstoffe und verbessern die Luftqualität, wie der Naturschutzbund (Nabu) Hamburg informiert. Sie bieten Schatten, schützen vor Wind, halten Lärm ab und sind Lebensraum für Tiere. „Bäume liefern all diese Ökosystemleistungen kostenlos“, sagt Katharina Schmidt, Referentin für Stadtnatur.
Welche Vorteile zusätzliches Grün für die Stadtbevölkerung haben kann, zeigt das Online-Tool „Stadtgrün wertschätzen“ des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Für 23 große deutsche Städte lässt sich die Leistung des Grüns berechnen. Was wäre etwa, wenn eine Stadt wie Hamburg die Zahl der Straßenbäume von aktuell sechs auf zwölf pro 100 Meter verdoppeln würde? Durch Luftreinhaltung oder Kohlenstoffregulation summiert sich nach den Berechnungen des IÖW die zusätzliche Ökosystemleistung der Bäume auf mehr als 42 Millionen Euro pro Jahr.
In Hamburg kontrollieren Straßenbaum-Manager Melzer und sein Team die Stadtbäume regelmäßig: „Wie bei einer Krankenakte dokumentieren wir jeden einzelnen Baum in einem Baumkataster“, erläutert Melzer. Seit 2018 steigt ihre Zahl, aktuell gibt es rund 230.000 Straßenbäume in Hamburg, der älteste ist eine 305 Jahre alte Stiel-Eiche in Othmarschen. Für sein Stadtbaum-Management wurde Hamburg 2025 vom Europäischen Baumpflegerat mit dem Preis „Europäische Stadt der Bäume“ geehrt.
„Altbäume sind praktisch nicht ersetzbar“, sagt Melzer. Sie hätten es geschafft, ihr Wurzelsystem weit auszubreiten und könnten Trockenperioden für eine gewisse Zeit gut überstehen. Wassermangel schade vor allem Jungbäumen, die noch ein Wurzelgeflecht ausbilden müssten.
„Je älter ein Baum, desto mehr leistet er“, erklärt Biologin Schmidt. Eine 80 Jahre alte Linde bilde jährlich 89.000 Liter Sauerstoff und binde 160 Kilogramm CO2 - eine 20 Jahre alte Linde bilde dagegen nur 10.000 Liter Sauerstoff und binde 18 Kilogramm CO2. Für einen gefällten Altbaum mit einer 20 Meter großen Krone brauche es etwa 400 neue Jungbäume, um den Verlust auszugleichen, heißt es in einer Studie der Technischen Universität Dresden.
Die meisten Straßenbäume wie Linden, Ahorne oder Eichen sind vor Jahrzehnten in großen Zahlen gepflanzt worden. Melzer: „Sie galten damals als ideale Stadtbäume.“ Ob das in Zukunft so bleibt, sei angesichts immer neuer Schädlinge oder Krankheiten ungewiss. Die rotblühende Rosskastanie habe sich bereits vom Hoffnungsträger zum Problembaum gewandelt: Wurde sie vor Jahren wegen ihrer Widerstandskraft gegen Miniermotten als Zukunftsbaum gefeiert, ist die Euphorie längst vorbei: „Durch ein eingeschlepptes Bakterium stirbt bei dieser Kastanienart die Rinde ab“, erklärt Melzer.
„Viele verschiedene Arten zu pflanzen, macht Bäume widerstandsfähiger gegen Krankheiten und Schädlinge“, sagt er. Aktuell wachsen an Hamburgs Straßen 320 Baumarten. Neben den bekannten Arten wie Eiche, Ahorn, Hainbuche und Platane setzt die Stadt auf klimaresistente Gattungen wie Amberbaum oder Zelkove. Dabei appellieren Naturschützer, nicht zu exotisch zu werden. „Es sollten Baumarten aus Europa sein, die auch auf natürlichem Wege einwandern könnten“, sagt Schmidt. Bei Arten aus Übersee sei das Risiko größer, dass diese keine ökologischen Funktionen wie Lebensraum und Nahrung für heimische Tiere böten.
Menschen sind da weniger wählerisch: Jeder Baum macht glücklich. Laut Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung sind Menschen weniger depressiv, wenn sie Bäume vor der Tür haben. Und viele setzen sich für „ihre“ Bäume ein. In Hamburg beispielsweise demonstrieren viele Leute gegen Abholzungen, gießen Jungpflanzen und spenden, wie Melzer erzählt: „Im vergangenen Jahr waren es rund 70.000 Euro für neue Bäume.“ Damit die Zukunft grüner wird.

Hannover (epd). Männer ziehen mit Bier, Bratwurst und Bollerwagen durch die Gegend, Christinnen und Christen begehen einen religiösen Feiertag - in Deutschland fallen der Vatertag und Christi Himmelfahrt auf denselben Tag. „Das scheint allerdings eine deutsche Spezialität zu sein“, sagt der evangelische Theologe Wolfgang Reinbold. Einen Vatertag gebe es zwar in vielen Ländern. Allerdings werde er nicht zu Christi Himmelfahrt gefeiert, sondern an anderen Tagen.
In der Schweiz feiern die Menschen den Vatertag am ersten Sonntag im Juni, in Österreich am zweiten, in vielen anderen Ländern am dritten. „So geht es weiter, fast das ganze Jahr hindurch, bis hinein in den November und sogar den Dezember“, sagt Reinbold. Die Idee sei überall gleich: „Wenn die Mütter einen Muttertag haben, sollen die Väter auch einen Vatertag haben“, erläutert der Professor für Neues Testament an der Universität Göttingen.
An Himmelfahrt feiern Christinnen und Christen zwar, dass Jesus 40 Tage nach Ostern zu Gott, seinem Vater, aufgenommen wurde. Deshalb richtet sich das Fest selbst aber nicht ausschließlich an Väter. Dass der Vatertag in Deutschland mit Himmelfahrt zusammenfällt, hängt laut Reinbold vielmehr mit früher üblichen Himmelfahrtsprozessionen zusammen. Dabei ging eine christliche Festgesellschaft nach draußen und zog durch die Stadt oder über Land, ähnlich wie es in manchen katholischen Gegenden bis heute beim Fronleichnamsfest üblich ist.
„Dieser Brauch scheint dann vor etwa 100 Jahren von einigen Herren an ihre Bedürfnisse angepasst worden zu sein“, erläutert Reinbold. In Berlin entstand damals die sogenannte „Berliner Herrenpartie“, bei der Männer mit Bier und Gesang in Gruppen aufs Land zogen. Dieser Brauch verbreitete sich vermutlich von der Hauptstadt aus im ganzen Land.
So sei das mit religiösen Bräuchen, sagt der Theologe. „Sie verändern sich ständig, und oft produzieren sie Formen, die mit dem ursprünglichen Inhalt wenig oder auch gar nichts mehr zu tun haben, siehe etwa den Karneval, das buddhistische Holi-Fest oder den Osterhasen.“ Beispiele für eine Entwicklung in die umgekehrte Richtung gebe es auch, allerdings viel seltener. „Das beste Beispiel, das mir einfällt, sind die Kirchenlieder. Einige von ihnen waren vorher große weltliche Hits, ohne jeden religiösen Bezug.“

Berlin (epd). Eine Gruppe von Abgeordneten fast aller im Bundestag vertretenen Fraktionen macht einen neuen Vorstoß zur Einführung der Widerspruchsregelung bei der Organspende. Die Gruppe um Gitta Connemann (CDU), Sabine Dittmar (SPD) und Armin Grau (Grüne) präsentierte am 7. Mai in Berlin einen entsprechenden Parlamentsantrag. Ihr Ziel ist eine Erhöhung der Organspendezahlen. Es sei eine „echte, reale Chance, Leben zu retten“, sagte Dittmar.
Der Gruppe gehören auch Abgeordnete der CSU und Linken an. Sie hatten gemeinsam bereits in der vergangenen Wahlperiode das Ziel einer Änderung des Transplantationsgesetzes verfolgt. Es kam aber zu keinen konkreten Beratungen mehr in der Ampel-Zeit.
In Deutschland gilt, dass nach dem Tod einer Person Organe nur dann zum Zweck einer Spende entnommen werden dürfen, wenn sie oder deren nächste Angehörige dem zustimmen. Bei der Widerspruchsregelung würde gelten, dass Organe entnommen werden dürfen, wenn kein Widerspruch vorliegt.
Laut dem Antrag würde das für volljährige und einwilligungsfähige Menschen gelten. Bei Minderjährigen entscheiden die Angehörigen. Bei nicht einwilligungsfähigen Menschen sollen keine Organe entnommen werden, wenn sie zu einem früheren Zeitpunkt, zu dem sie einwilligungsfähig waren, keine anderslautende Erklärung abgegeben haben. In jedem Fall soll es dem Antrag zufolge aber ein Gespräch mit den Angehörigen geben, etwa für den Fall, dass eine früher abgegebene Zustimmung zur Organspende in jüngster Zeit revidiert wurde.
Gegen die Widerspruchsregelung gibt es im Parlament auch Widerstand. Am Mittwoch veröffentlichte eine andere fraktionsübergreifende Gruppe einen Antrag. Sie will an der jetzigen Regelung festhalten, die Hürden für die Dokumentation des Spendewillens aber senken. In der Widerspruchsregelung sehen diese Abgeordneten einen Verstoß gegen das Selbstbestimmungsrecht. Connemann widersprach: „Niemand wird gegen seinen Willen zum Organspender.“ Auch Grau betonte, die Spende bleibe freiwillig.
Noch vor der Sommerpause soll es laut Dittmar eine Orientierungsdebatte zur Organspende im Bundestag geben. Eine Abstimmung wünscht sich die Gruppe bis Ende dieses Jahres, um genügend Zeit für die organisatorischen Vorbereitungen einer neuen Regelung zu haben. Inkrafttreten würde die Widerspruchsregelung nach ihren Vorstellungen im Jahr 2030.
Der Bundestag hatte zuletzt 2020 entschieden, an der Zustimmungsregelung festzuhalten, gleichzeitig aber breiter über Organspende zu informieren. Umfragen zeigen, dass die Spendebereitschaft der Menschen in Deutschland sehr hoch ist, viele ihre Zustimmung aber nicht dokumentieren. Im Online-Organspenderegister etwa haben nur rund 550.000 Bundesbürger ihren Willen dokumentiert. Die Zahl der Organspender ist im internationalen Vergleich niedrig und reicht bei Weitem nicht aus, den Bedarf zu decken.
Auch außerhalb des Parlaments gehen die Meinungen über die Regelung zur Organspende auseinander. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation begrüßte den Vorstoß für die Widerspruchsregelung, weil sie ein wichtiger Baustein zur Förderung sei. Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, lehnt sie dagegen ab. „Denn wer schweigt, stimmt nicht automatisch zu“, sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Auch die evangelische Kirche sieht eine Umkehrung des bisherigen Prinzips kritisch. „Nächstenliebe ist freiwillig“, sagte die Bevollmächtigte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Anne Gidion, dem epd. Sie verliere ihren Charakter, „wenn sie ungefragt vorausgesetzt wird“.

Berlin (epd). Das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) soll die Benachteiligung von Menschen mit Behinderungen beseitigen und verhindern - so steht es im ersten Paragrafen. Dazu macht das Gesetz vor allem öffentlichen Stellen in Bundesverantwortung eine Reihe von Vorschriften. Eine Reform, die am 7. Mai erstmals im Bundestag diskutiert wurde, soll nun weitere Fortschritte bringen. Ein Überblick:
Zur Barrierefreiheit von Gebäuden des Bundes gibt es derzeit nur Soll-Vorschriften. Nun kommen laut dem Gesetzentwurf des Bundesarbeitsministeriums konkrete Zeitvorgaben und eine Muss-Regel hinzu: In öffentlichen Gebäudeteilen sollen Barrieren bis 2035 abgebaut werden, bis 2045 muss dieser Schritt vollzogen sein. Zum 1. Dezember 2027 und dann alle fünf Jahre müssen die jeweiligen Eigentümer eine Bestandsaufnahme veröffentlichen. Neubauten des Bundes sollen barrierefrei sein - eine harte Verpflichtung gibt es aber nicht. Auch wenn zusätzliche Gebäude gemietet werden, gibt es nur eine Soll-Vorschrift. Militärisch genutzte Gebäude und Einrichtungen der Sicherheitsbehörden sind von den Vorgaben ausgenommen.
Die Pflicht von Bundesbehörden, Unterlagen wie Bescheide und Formulare barrierefrei anzubieten, wird auf weitere Dokumentenarten erweitert. Außerdem wird die Bundesfachstelle für Barrierefreiheit ausgebaut: Hier soll ein „Bundeskompetenzzentrum für Leichte Sprache und Deutsche Gebärdensprache“ entstehen. Dieses Zentrum soll dann Bundesbehörden beraten, damit sie mehr Informationen auch in diesen Sprachen zur Verfügung stellen. Die Bundesfachstelle berät bereits Behörden, Unternehmen und Organisationen zu Fragen der Barrierefreiheit.
Künftig soll hier das Konzept der „angemessenen Vorkehrungen“ gelten, die getroffen werden müssen, um Menschen mit Behinderungen Zugang und Teilhabe zu ermöglichen. Das Konzept findet sich bereits im BGG, aber nur mit Bezug auf „Träger öffentlicher Gewalt“ - das sind insbesondere Bundesbehörden. Als angemessene Vorkehrung definiert das BGG „Maßnahmen, die im Einzelfall geeignet und erforderlich sind, um zu gewährleisten, dass ein Mensch mit Behinderung gleichberechtigt mit anderen alle Rechte genießen und ausüben kann“, und die keinen unverhältnismäßigen Aufwand bedeuten. Ein Beispiel ist das Anlegen einer Rampe für eine Rollstuhlfahrerin bei einem Eingang mit Stufen.
Bei der Ausweitung auf die Privatwirtschaft - dazu gehören beispielsweise auch Arztpraxen und gemeinnützige Einrichtungen - setzt die Regierung laut dem Gesetzentwurf auf „Eigenverantwortung und Dialog der Beteiligten“. Grundsätzlich sollen „alle baulichen Veränderungen sowie Änderungen an Gütern und Dienstleistungen als unverhältnismäßige und unbillige Belastung“ gelten - das heißt, dass die Firmen diese Veränderungen nicht vornehmen müssen. Für private Mietverhältnisse gilt der Anspruch auf angemessene Vorkehrungen gar nicht. Diese Ausnahme wurde kurz vor dem Kabinettsbeschluss im Februar in den Gesetzentwurf eingefügt.
Sieht sich jemand durch ein Unternehmen unrechtmäßig benachteiligt, soll er oder sie ein kostenfreies Schlichtungsverfahren nutzen können. Die Schlichtungsstelle gibt es schon für Streitigkeiten mit Bundesbehörden. Einen Anspruch auf Schadenersatz, wie er bei öffentlichen Stellen möglich ist, soll es für den privatwirtschaftlichen Bereich nicht geben.
Das Amt der oder des Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen wird ein wenig gestärkt. Bereits heute müssen die Bundesministerien die fragliche Person - aktuell ist es der Jurist Jürgen Dusel - bei allen größeren Vorhaben einbeziehen, die Fragen von Inklusion oder Teilhabe berühren. Künftig muss dies „frühzeitig“ passieren. In einer früheren Fassung des Gesetzentwurfs war allerdings vorgesehen, dass die Ressorts es begründen müssen, wenn sie im weiteren Verfahren von den Vorschlägen des oder der Beauftragten abweichen. Dieser Satz wurde vor der Verabschiedung im Kabinett gestrichen.

Berlin (epd). Die Tafeln stehen derzeit wegen der hohen Spritpreise als Folge des Iran-Krieges zusätzlich unter Druck. „Die Tafeln sind spendenfinanziert. Und wenn alles teurer wird, ist das natürlich problematisch“, sagte Verbandschef Andreas Steppuhn dem Evangelischen Pressedienst (epd). Zudem wachse die Armut und damit auch die Zahl neuer Kunden bei den Tafeln, die gespendete Lebensmittel an Bedürftige verteilen.
Grundsätzlich sei das Netzwerk mit 981 Einrichtungen bundesweit gut ausgebaut. „Einzelne Tafeln kommen hinzu, während andere Standorte ihre Arbeit einstellen. Diese Entwicklung ist dynamisch und stark von regionalen Bedingungen abhängig“, sagte Steppuhn. Neue Ausgabestellen seien nicht immer sinnvoll, weil sie auf ausreichende Lebensmittelspenden angewiesen seien. „Und die zu bekommen wird zunehmend schwieriger, weil nicht mehr so viel Überschuss produziert wird“, erläuterte er.
Steigende Kosten beträfen jedoch nicht nur Benzin oder Diesel, sondern auch die Ausgaben für Mieten, Heizung oder Strom. Im Osten des Landes ist das nach Steppuhns Worten „noch mal schwieriger. Hier haben viele Tafeln im ländlichen Raum so gut wie keine finanziellen Reserven.“
„Preise für Sprit über zwei Euro pro Liter sind heftig“, so Steppuhn, denn die Tafeln sind spendenfinanziert. Der Kostenanstieg liege bei 30 Prozent. Das sei kaum zu kompensieren, denn die Tafel-Abläufe seien ja weitgehend fix. Er fürchte weiterhin hohe Preise an den Tankstellen: „Und vermutlich wird die Spritpreisreduzierung des Bundes keine großen Auswirkungen haben.“
Einzelne Tafeln dünnten ihre Angebote aus, um Spritkosten zu sparen. Schon seit der Corona-Pandemie und dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gebe es bei vielen Tafeln mehr Kundinnen und Kunden, als unterstützt werden könnten. Etwa ein Viertel der Tafeln habe Wartelisten. „Ich gehe davon aus, dass sich dieses Problem weiter zuspitzen wird, weil auch die Lebensmittelpreise durch die hohen Transportkosten steigen werden“, sagte der Verbandsvorsitzende. Dabei seien die Lebensmittelpreise seit 2020 im Durchschnitt schon um 37 Prozent gestiegen.
Laut Steppuhn müssten die Tafeln schneller auf E-Autos umsteigen, doch das sei immer auch eine Kostenfrage. „Die Zahl der E-Autos nimmt langsam zu.“ Bundesweit sind ungefähr zehn Prozent elektrische Fahrzeuge für die Tafeln im Einsatz. „Wir sehen hier zwar eine positive Entwicklung, aber unabhängig von Kraftstoffen sind die Tafeln noch lange nicht“, so Steppuhn.
Steppuhn ist 64 Jahre alt, stammt aus Münster und ist gelernter Stahlbetonbauer. In den 1990er und 2000er Jahren engagierte er sich gewerkschaftlich vor allem bei der IG BAU (Bauen-Agrar-Umwelt). Von 2005 bis 2009 saß Steppuhn für die SPD im Bundestag, seit 2023 leitet er den Bundesverband der Tafeln.

Leipzig (epd). Das Leipziger Grassi Museum zeigt rund 200 Exponate lateinamerikanischer Kunst. Die Ausstellung unter dem Titel „The Soul of Objects“ umfasse Arbeiten von 56 Kunstschaffenden aus 13 Ländern, sagte die argentinischstämmige Kuratorin Lujan Cambariere am 6. Mai in Leipzig. Darunter befinden sich etwa Schmuck, rituelle Gegenstände, kunstvolle Kleidung, handbemalte Vögel aus Holz, Skulpturen, Keramik und farbenfrohe Wandteppiche.
Wie die stellvertretende Direktorin des Museums, Anett Lamprecht, am Mittwoch in Leipzig sagte, ist es die erste Überblicksausstellung zum Kunsthandwerk Lateinamerikas in Europa. Bisher habe es im europäischen Raum lediglich Präsentationen zum Werk einzelner Designerinnen und Designer gegeben, sagte sie. Nun seien Objekte aus Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Ecuador, El Salvador, Guatemala, Kolumbien, Mexiko, Peru, Paraguay, Uruguay und Venezuela vereint zu sehen.
Kuratorin Cambariere sagte, Lateinamerika sei keine Region der großen Technologien und Industrien wie etwa Europa. Es gebe eine ganz eigene DNA. „Die Seele ist nicht etwas Esoterisches für uns, sondern etwas, was wir mit anderen teilen“, sagte die in Berlin lebende Journalistin Cambariere. Dies spiegele sich auch im Design.
Die Objekte seien nicht nur natürlich, schön und nützlich, sie hätten auch einen rituellen Wert. Zudem zeigten sie die Leidenschaft der Künstlerinnen und Künstler. „Das Herz ist ganz wichtig in der Kunst“, sagte sie: „Wir arbeiten immer mit dem Herz in der Hand.“
Mit der Ausstellung in Leipzig wolle sie auch zeigen, wie Gemeinschaft in Lateinamerika funktioniert, sagte Cambariere. In dieser Region werde Design und Kunst dafür genutzt, soziale Inklusion zu erreichen und Menschen einzubinden.
„Design ist für uns wichtig und bedeutet, eine bessere Welt zu zeigen“, sagte die Kuratorin. Die Kunst der Gegenwart nehme das Erbe der Vorfahren auf, die „große Meister“ waren und „ganz und gar nicht primitiv“.
Laut Lamprecht gibt die Präsentation einen Überblick auf „die lebendige, vielschichtige und heterogene Kunstszene“ Lateinamerikas. Etwa sind gefärbte Bohnensamen der Kolumbianerin Xandra Uribe zu sehen, die in Zusammenarbeit mit Goldschmiedinnen und Goldschmieden kunstvolle Stücke formt. Von den mehr als 400.000 bekannten Pflanzenarten in Lateinamerika sind Bohnen ursprünglich auch zur Herstellung von Schmuck angebaut worden und für das Ritual des Wahrsagens.
Die Exponate von indigenen Gruppen, Kunsthandwerkern und Künstlerinnen sowie von Newcomern sind oft aus natürlichen Materialien wie Holz, Pflanzenfasern, Wolle, Ton und Metallen gefertigt. Die ältesten Stücke stammen aus den 1940er Jahren, die Mehrzahl sei ab den 1970er Jahren bis heute entstanden. Themen der Ausstellung, die bis zum 27. September in Leipzig zu sehen ist, sind auch der ökologische Umgang mit natürlichen Ressourcen, die Rolle des Kunsthandwerks im Prozess der Dekolonialisierung sowie das Recycling von Materialien und fairer Handel.

Berlin/New York (epd). Verschachtelte Baukörper, schräge Fensterschlitze, spitze Winkel, Stahlelemente, die wie Speere in den Himmel ragen: Daniel Libeskinds Architektur bricht mit traditionellen Bauformen. Sie visualisiert Gewalt und Terror, will zugleich Zeichen für Aufbruch und Hoffnung setzen. Bauen ist für ihn Teil der Erinnerungskultur: „Warum wurden Tempel gebaut, warum entstanden die großen antiken Monumente? Sie sind Teil des visuellen Gedächtnisses der Menschheit“, sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd) kurz vor seinem 80. Geburtstag am 12. Mai. Der polnisch-amerikanische Architekt hat in Deutschland unter anderem das Jüdische Museum in Berlin entworfen, sein 2001 eröffnetes Erstlingswerk in Form eines zerbrochenen Davidsterns.
„Ich habe Projekte realisiert, die Orte und Räume der Erinnerung schaffen und Menschen emotional ansprechen wollen“, sagte Libeskind, der mit seiner Frau Nina Lewis-Libeskind hauptsächlich in New York lebt. Als seine persönlichen Favoriten nennt er neben dem Berliner Jüdischen Museum seinen Masterplan für „Ground Zero“ in New York, dem Ort der Terroranschläge vom 11. September 2001. Der 2014 fertiggestellte 541 Meter hohe Turm des One World Trade Center (WTC), in den Plänen Libeskinds als „Freedom Tower“ benannt, wurde zwar vom Büro Skidmore, Owings and Merrill (SOM) entworfen, jedoch in der von Libeskind festgelegten Höhe von 1776 amerikanischen Fuß realisiert - als Erinnerung an die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten im Jahr 1776.
Zur Architektur fand Daniel Libeskind über den Umweg der Musik. Geboren 1946 als Kind polnischer Juden in Lodz in einem Flüchtlingslager, wuchs er in einem kriegszerstörten Land auf. 1957 emigrierte die Familie nach Israel, 1960 in die USA nach New York. Er galt als „Wunderkind“ auf dem Akkordeon, bereits mit 13 trat er in der Carnegie Hall auf, studierte zunächst Musik und erst später Architektur. Er habe die Musik nicht aufgegeben, sondern nur das Instrument gewechselt, erklärte Libeskind: „In der Architektur kommt es wie in der Musik darauf an, präzise zu arbeiten, keine falsche Note zu erzeugen, um die emotionale Verbindung zur Welt herzustellen.“
Zunächst macht er sich als Architekturtheoretiker einen Namen. Bis heute ist Architektur für ihn ein kultureller Diskurs, der von anderen Künsten wie Philosophie und Literatur beeinflusst wird. 1986 gründete er das private Architekturinstitut „Intermundium“ in Mailand, das er bis 1989 leitete.
Zum Architekten wurde Libeskind erst in Berlin, wo er 1989, kurz vor dem Fall der Mauer, ein Büro gründete und den Wettbewerb für das Jüdische Museum im damaligen West-Berlin gewann. Das zwischen 1993 und 1999 realisierte Haus ist für ihn bis heute sein wichtigster Bau. „Er berührt mein Herz und meine Seele“, bekennt Daniel Libeskind gegenüber epd, „damit begann meine Karriere als Architekt“.
Das mit glänzendem Titanzink verkleidete Gebäude erinnert an einen Blitz, mit dem sich das Museum zeichenhaft in der Stadt positioniert. Der unsagbaren Erfahrung der Schoah gibt die Architektur räumliche Gestalt in den sogenannten „Voids“, leeren Betonschluchten, die den Bau im Inneren vertikal zerteilen. Der hohe, nur durch einen schmalen Schlitz belichtete Holocaust-Turm ist ein beklemmender Ort.
Eröffnet wurde die Dauerausstellung des Museums 2001. Museumsmanagerin Hetty Berg, seit 2018 Direktorin des Hauses, ist seit ihrem ersten Besuch 2003 von der emotionalen Wirkung des Libeskind-Baus beeindruckt, wie sie sagt. Es stellt die Kuratoren und Gestalter jedoch immer wieder vor Herausforderungen.
Zu Libeskinds weiteren Museumsbauten gehören das bereits 1998 fertiggestellte Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück, das Imperial War Museum in Manchester mit seinen ineinandergeschichteten Dächern, das Contemporary Jewish Museum in San Francisco/USA sowie der Umbau des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden. Für Lüneburg entwarf er das 2017 eröffnete Zentralgebäude mit Audimax der Leuphana Universität, 2024 entstand sein Entwurf für das Albert Einstein Discovery Center in Ulm, dem Geburtsort des Physikers. Daneben realisierte er Wohnhäuser, entwarf Bühnenbilder und schuf Installationen wie das 2021 eingeweihte „Holocaust Namenmonument“ in Amsterdam, das zentrale Holocaust-Mahnmal der Niederlande.
Eines seiner jüngsten Projekte widmet sich erneut dem Thema des Holocaust: die Ergänzung der Dienstvilla des Auschwitzkommandanten Rudolf Höß in Oswiecim/Auschwitz bei Krakau in Polen durch ein Studienzentrum. An dem Ort des Grauens, den er als „Herz der Finsternis“ bezeichnet, will Libeskind bewusst ein Zeichen der Hoffnung gegen die Hilflosigkeit setzen, wie er dem epd sagte: „Man muss etwas schaffen, das dazu ermutigt, Extremismus und Terror heute zu bekämpfen, damit 'Nie wieder' nicht ein Slogan bleibt.“ Er hoffe, dass das Projekt, das sich noch in der ersten Abstimmung befindet, auch umgesetzt werde.
Das Anwachsen von Gewalt und Antisemitismus ist für Daniel Libeskind kein Anlass zu Pessimismus - das sei eine Zeitverschwendung: „Ich werde nie den Glauben aufgeben, dass die Menschheit zu Besserem fähig ist“, sagte der Vater von drei Kindern: „Wir tragen die Verantwortung dafür, die Welt zu verbessern, jeder nach seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten.“

Nürnberg (epd). Seit Ende vergangenen Jahres sorgt der Feldhase, Albrecht Dürers wohl bekannteste Naturstudie, für mehr Verkehrssicherheit in der Nürnberger Innenstadt. Ein roter sitzender und ein grüner springender Hase zieren die Fußgängerampel in der Äußeren Laufer Gasse. Mit diesen Leuchtsignalen weist die Stadt sowohl auf den 555. Geburtstag des berühmtesten Sohns der Stadt in diesem Jahr als auch auf das Jahr 2028 hin. Dann jährt sich der Todestag des Malers und Kupferstechers zum 500. Mal. Am Ende dieses Dürerjahres verschwinden die Motive der Ampel.
Das jetzige Jubiläumsjahr ist für die Stadtführerin und Historikerin Susanne Rieger vom Nürnberger Testimon Verlag Grund genug, sich in zwei unterschiedlichen Rundgängen mit Tops und Flops in der Dürer-Rezeption zu beschäftigen. „Bis heute ist Dürer die Marke der Stadt Nürnberg - das ist einzigartig.“ In Museen schaffe es der Maler auch jetzt noch, Betrachter zum Innenhalten und Verstummen zu bringen. „Die Wirkung ist auch in der heutigen Zeit fantastisch.“
Eine Tour von Rieger führt vom Hauptmarkt entlang des vom Meister ausgemalten großen Rathaussaals und dem Albrecht-Dürer-Denkmal zum Tiergärtnertorplatz. Dort findet sich die Hasenskulptur von Jürgen Goertz, eine Auftragsarbeit der Stadt zum 500. Geburtstag Dürers. Anders als dessen naturalistische Arbeit ist das Werk von Goertz eine überdimensionierte Bronzeskulptur. Mit weit aufgerissenem Auge scheint der Hase mit seinem Nachwuchs aus einem Holzverschlag zu quellen. Die Pfote mit kräftigen Krallen ruht auf einem menschlichen Fuß. Goertz' moderne Interpretation des Dürerhasen ist auf Lob und Kritik gestoßen und gilt als Klage über die Kommerzialisierung des berühmtesten Künstlers Nürnbergs.
Klaus Staeck malte den Dürer-Hasen zum Welttierschutztag 1987 gefangen in einem geschlossenen Holzblock, aus dem nur der Kopf und die Vorderpfoten herausschauen. 2003 installierte Ottmar Hörl 7.000 Dürer-Hasen in Grün als „Das große Hasenstück“ in Anlehnung an Dürers Aquarell „Das große Rasenstück“ auf dem Hauptmarkt. Als die Großskulptur aufgelöst wurde, konnten sich die Nürnbergerinnen und Nürnberger einen Rasenhasen als „Kulturbotschafter für die Dürer-Stadt Nürnberg“ für 30 Euro sichern.
Das Bewusstsein der Stadt für die Markenkraft Dürers begann bereits mit dem ersten Dürerjahr 1928. Damals wurde ein offizielles Logo mit Dürers Initialen geschaffen. In dem Jahr kam auch die erste Werbung für Albrecht-Dürer-Zeichenstifte von einem Nürnberger Stifthersteller heraus. Heute kenne die „Verkitschung“ keine Grenzen mehr, beklagt Rieger. Zu den Flops zählt sie einen Dürer-Gin, Corona-Masken mit Dürer-Mund, Teddybären mit Dürer-Wams entsprechend seinem Selbstporträt, Lebkuchendosen oder Stofftaschen mit Dürer-Motiven in vielen Farben.
Der Vermarktungs-Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. In Anlehnung an die Mozartkugeln können Touristen auch Original Nürnberger Dürer-Kugeln kaufen, zum Albrecht-Dürer-Glühwein oder Pils greifen sowie einen Playmobil-Dürer mit Staffelei erstehen. „Dürer würde heulen“, ist sich Rieger sicher - sie spricht von „Missbrauch“.
Andererseits gilt Albrecht Dürer selbst als erfolgreicher Unternehmer und wohl als erster Künstler, der von seinen Druckgrafiken leben konnte. Das städtische Museum Albrecht-Dürer-Haus widmet sich aktuell seinem „AD“-Monogramm als erstes erfolgreiches Markenlogo der Geschichte. Daher würdigt das Haus seinen Namenspatron als Selfmade-Millionär.
Rieger berichtet auch von sprunghaft angestiegenen Besucherzahlen, wenn Museen Dürer neu oder anders inszenieren, wie im Dürer-Haus nach der Renovierung zum zweiten Dürerjahr der Stadt Nürnberg 1971. So werde es auch 2028 in der Wiener Albertina sein, die dann unter anderem Dürers Locke und die betenden Hände, eigentlich eine Vorstudie für ein Altarbild, zeigen wollen.
Die Rezeptionsgeschichte mit weiteren Tops und Flops beleuchtet Rieger mit ihrer zweiten Tour, bei der unter anderem das Selbstbildnis im Pelzrock und eben die betenden Hände im Mittelpunkt stehen. Diese Tour führt zum Johannisfriedhof mit Dürers Grab vor den Toren der Altstadt.
Auch wenn viele Werke Dürers im Laufe der Jahrhunderte verloren gingen - bis heute gibt es noch etwa 90 Gemälde, 100 Kupferstiche, 300 Holzschnitte und etwa ebenso viele Buchillustrationen. „Dürer hätte sich über die anhaltende künstlerische Adaption gefreut“, ist sich die Stadtführerin sicher.
Ob das auch für Toni Burghardts Spaniel-Hund in Anlehnung an den Pelzrock-Dürer gilt, ist unklar. Diese „freche Version“ brachte dem Nürnberger Künstler Burghardt 1971 zahlreiche Drohbriefe ein. Diese und viele andere kleine Anekdoten an historischen Ereignissen, kunstgeschichtlichen Deutungen, Kitsch und Kommerz bündelt Rieger auf ihren abwechslungsreichen Touren.
Nürnberg/Göttingen (epd). Die Berliner Schriftstellerin Annett Gröschner erhält den diesjährigen Evangelischen Buchpreis für ihren Roman „Schwebende Lasten“. Die Autorin beschreibe darin fast ein Jahrhundert deutscher Geschichte entlang des Lebens der Magdeburger Arbeiterin Hanna, erklärte das Evangelische Literaturportal (Eliport) am 6. Mai.
Der Evangelische Buchpreis wird seit 1979 vergeben und ist mit 10.000 Euro dotiert. Die Preisverleihung findet am 20. Mai in Nürnberg statt. Im vergangenen Jahr ging die Auszeichnung an den Autor, Satiriker und Verleger Volker Surmann.
Für die Jury liegt die politische Kraft von Gröschners Roman „Schwebende Lasten“ darin, dass die Hauptfigur ihre Entscheidungen nicht aus ideologischen Gründen trifft, sondern sich „von Menschlichkeit und Anstand“ leiten lasse. Die Schriftstellerin zeige, „dass Geschichte nicht nur von Parolen, Systemen und Machtverhältnissen geprägt wird, sondern von vielen unsichtbaren Entscheidungen gewöhnlicher Menschen“. Hanna stehe für unzählige andere Frauen, die sonst keine Stimme erhalten.
Gröschner wurde 1964 in Magdeburg geboren und lebt seit 1983 in Berlin. „Schwebende Lasten“ erschien im vergangenen Jahr im Verlag C.H.Beck. Bekannt wurde die Autorin mit den Romanen „Moskauer Eis“ (2000) und „Walpurgistag“ (2011). 2025 veröffentlichte sie gemeinsam mit zwei weiteren Autorinnen das Buch „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“.
Andor Hirsch
Ein Junge spricht im Keller mit einem Heizkessel, flüstert ihm Fragen zu, als könne aus dem dumpfen Dröhnen eine Antwort steigen. Die wiederkehrende Szene bündelt, worum sich der dritte Spielfilm von László Nemes dreht: Verlust, Fantasie, Trotz und die verzweifelte Sehnsucht nach Ordnung in einer zerfallenen Welt. Im Budapest der späten 1950er Jahre wächst der jüdische Junge Andor mit der Gewissheit auf, sein Vater sei im Lager ermordet worden. Aus den Erzählungen der Mutter formt er sich ein Idol - bis das moralische Koordinatensystem des Jungen ins Wanken gerät. Nemes erzählt aus der Perspektive des Kindes, ohne sich ganz in die radikale Subjektivität seines Oscar-prämierten Holocaustdramas „Son of Saul“ zurückzuziehen. Trotz formaler Präzision wirkt die Inszenierung stellenweise überkonstruiert und distanziert. Erst im letzten Drittel entfalten Wut, Paranoia und familiäre Lügen einen eigentümlichen Sog.
Andor Hirsch (Ungarn/Deutschland/Frankreich/Großbritannien 2025). Regie: László Nemes. Buch: László Nemes, Clara Royer. Mit: Bojtorján Barabas, Andrea Waskovics, Grégory Gadebois. Länge: 132 Min.
Palästina 36
Ein Mann mit angeklebtem Bart tritt vor ein Mikrofon, sagt ein paar Worte und verschwindet wieder. Es ist einer der wenigen Momente, in denen in „Palästina 36“ ein jüdischer Charakter sichtbar wird. Mehr Stimme wird ihm nicht zugestanden. Der Film von Annemarie Jacir führt ins Jahr 1936, in die Anfangsphase des Arabischen Aufstands gegen die britische Mandatsmacht. Verschiedene Figuren - ein junger Kämpfer, Dorfbewohner, Kinder - bewegen sich durch eine zunehmend militarisierte Welt, während britische Offiziere mit wachsender Härte reagieren. Straßensperren, Razzien und kollektive Bestrafungen prägen das Bild. Problematisch ist weniger das Gezeigte als das Ausgelassene. Komplexe politische Dynamiken werden auf klare Fronten reduziert, differenzierte Perspektiven fehlen. Handwerklich hat der Film stellenweise durchaus Potenzial mit starken Bildern und integriertem Archivmaterial. Doch insgesamt wirkt er wie eine historische Folie für gegenwärtige Debatten - als künstlerische Setzung legitim, als Annäherung an Geschichte jedoch ärgerlich verkürzt.
Palästina 36 (Palästinensergebiete/Jordanien/Großbritannien/Katar/Saudi-Arabien/Frankreich/Dänemark 2025). Regie, Buch: Zinnini Elkington. Mit: Kamel El Basha, Hiam Abbass, Yumna Marwan, Yasmine Al Massri, Dhafer L’Abidine, Robert Aramayo, Jeremy Irons. Länge: 119 Min.
Was an Empfindsamkeit bleibt
„Er sagt, dass er mich jetzt umbringen wird.“ Mit ruhiger Stimme schildert die Filmemacherin Daniela Magnani Hüller zu Beginn den Messerangriff eines Mitschülers 2011. Mehrfach sticht er zu, sie überlebt schwer verletzt. Von dieser Tat ausgehend spricht sie mit Beteiligten von damals: einer Lehrerin, einer Mitschülerin, einer Kommissarin und einem Arzt. Sie sucht weder Mitleid noch Rache, sondern Verständnis für ein Verbrechen, das sich lange ankündigte und doch nicht verhindert wurde. Die Schauplätze sind nicht die originalen Orte, sondern austauschbare Räume wie Bushaltestellen oder Klassenräume. Gerade diese Sachlichkeit macht deutlich, dass es kein Einzelfall ist. Der autobiographische Debütfilm benennt die Tat als versuchten Femizid und verweigert psychologisierende Tätererklärungen. Zwischen den Interviews öffnet sich eine subjektive Ebene: körnige Naturbilder, ein leiser Kommentar, der die anhaltenden Folgen spürbar macht.
Was an Empfindsamkeit bleibt (Deutschland 2026). Regie, Buch: Daniela Magnani Hüller. Länge: 91 Min.
Ein Münchner im Himmel
Basierend auf der satirischen Vorlage von Ludwig Thoma erzählt Regisseur David Dietl eine himmlisch-irdische Komödie um den Münchner Wiggerl (Maximilian Brückner), einen charmanten Hallodri mit krimineller Vergangenheit und zerrütteten Familienverhältnissen. Nach seinem Tod landet er im Himmel, wo ihn Gott (Ina Müller) wegen seines schlechten Karmas kurzerhand zurück auf die Erde schickt. Unsichtbar für die meisten, erhält er die Chance, seine Fehler wiedergutzumachen - vor allem gegenüber seiner Tochter und seinem Vater (Heiner Lauterbach). Der Film spielt augenzwinkernd mit Motiven von Schuld, Reue und Erlösung und zeichnet zugleich ein selbstironisches Bild bayerischer Eigenheiten. Trotz konventioneller Erzählweise überzeugt er durch charmante Momente und ein spielfreudiges Ensemble.
Ein Münchner im Himmel (Deutschland 2026). Regie: David Dietl. Buch: Marcus Pfeiffer, Christian Lex. Mit: Maximilian Brückner, Momo Beier, Hannah Herzsprung, Marcel Mohab, Heiner Lauterbach. Länge: 94 Min.

Nzara (epd). Wer zur „Equatoria Teak Company“ möchte, muss durch die Sicherheitsschleuse. Während einer der hier viel genutzten großen weißen Geländewagen zwischen den beiden Toren steht und der Fahrer geduldig die Fragen der Sicherheitsleute beantwortet, zeigt sich bereits eine andere Welt. Eine Umgebung, die im Südsudan eher selten ist: Alles wirkt geordnet und sauber, der gerollte Stacheldraht auf den Holzpalisaden glänzt in der Sonne. Hier, mitten im Regenwald des Bundesstaates Western Equatoria, wachsen Pflanzen der Kaffeesorte Excelsa, die die Welt noch kaum kennt.
Kaffee ist ein junger, aber wachsender Markt in dem ostafrikanischen Land, das seit der Unabhängigkeit vom Sudan 2011 nicht zur Ruhe kommt und von Gewalt erschüttert wird. Bisher bezieht der Südsudan mehr als 90 Prozent seiner Staatseinnahmen aus dem Erdölgeschäft.
„Mit Kaffee können wir einen nachhaltigen Gegenpunkt setzen“, sagt der Schotte Ian Paterson, Geschäftsführer der „Equatoria Teak Company“, die zur panafrikanischen Investitionsgesellschaft Maris Africa gehört. Derzeit wird gerade einmal weniger als 0,1 Prozent der südsudanesischen Agrarfläche für den Kaffeeanbau genutzt, so gibt es die Nichtregierungsorganisation Technoserve an.
Michael Ontego strahlt über das ganze Gesicht, als der weiße Toyota hinter der Sicherheitsschleuse, im Inneren des Camps, zum Stehen kommt. „Wir haben hier nur selten Besuch“, sagt er und bittet zu Tisch. Ontego ist 38 Jahre alt und kommt aus dem kenianischen Hochland. Er sei für die Finanzen des Projekts zuständig, erklärt er, und läuft auf eine große Freifläche im Außenring des Camps zu. „Die Kaffee-Thematik habe ich während meines Berufslebens erlernt. Inzwischen verstehe ich wirklich etwas davon“, sagt er und bleibt vor großen Holztischen stehen. Einst waren auf dem Gelände US-Soldaten stationiert, nun sind sie der Landwirtschaft gewichen.
Auf den Tischen liegen Tausende von Kaffeebohnen in verschiedenen Trocknungsgraden, braun, gelb oder grün. Und sie alle haben einen sehr eigenen Duft. „Der Kaffee-Geruch kommt erst mit der Röstung“, sagt Ontego und führt weiter zu einer offenen, überdachten Fläche. Hier sitzen Arbeiterinnen an vollgepackten Tischen und sortieren die rohen Bohnen händisch.
Von hier aus werden die Bohnen in Säcke gefüllt und verkauft. Derzeit sind es mehrere Hundert Kilogramm pro Jahr, vorrangig für den lokalen Markt. Ein kleiner Teil geht in den Export, vor allem nach Europa. Perspektivisch sollen mehrere Tonnen nach Europa verschickt werden, sagt Geschäftsführer Paterson.
Nur ein paar Schritte entfernt stehen sie: mannshohe dunkelgrüne Kaffeepflanzen, sauber aufgereiht. Es sei aber nur das Versuchsfeld, sagt Ontego. Der Großteil der Pflanzen stehe im Wald, eine Dreiviertelstunde vom Camp entfernt.
Das Unternehmen hat sich vor 20 Jahren zunächst auf Teakholz spezialisiert, das nach wie vor den Hauptumsatz ausmacht. Dennoch seien die Jahrzehnte, die Teak zum Wachsen braucht, eine enorme wirtschaftliche Herausforderung, sagt Ontego. Daher sei man vor einigen Jahren auf Kaffee gekommen und auf Kakao, der derzeit als weitere Anbaukultur erprobt wird.
Inzwischen wachsen die Kaffeesorten Excelsea und Robusta im südsudanesischen Anbaugebiet gut. Die Excelsa-Sorte ist dabei besonders: Ihre tiefen Wurzeln und robusten Blätter machen sie widerstandsfähig gegen Dürre und Schädlinge. Eine Eigenschaft, die angesichts des Klimawandels, der auch der Landwirtschaft im Südsudan zu schaffen macht, zunehmend an Bedeutung gewinnt. Bisher gilt die Sorte als Rarität. Schätzungen zufolge liegt der Weltmarktanteil bei rund einem Prozent.
Das Unternehmen gibt die Samen der Kaffeepflanzen auch an Landwirte in der Region weiter. „Das hilft bei der Einkommenssicherung und wirkt zugleich gegen die Bodenerosion“, sagt Otengo.
Die Landwirte werden nach Kilogramm bezahlt, der Preis orientiert sich an den internationalen Märkten, die derzeit stark steigen. Bis zu 400 Arbeiterinnen und Arbeiter hat das Unternehmen selbst angestellt. Geschäftsführer Paterson hofft auf wachsende Märkte für den südsudanesischen Kaffee. Dies könne auch zur politischen und wirtschaftlichen Stabilität des Landes beitragen, sagt er.

Nairobi/Hargeisa (epd). Es ist ein Land, das offiziell keines ist. Somaliland, halb so groß wie Deutschland, am Horn von Afrika, sagte sich 1991 von Somalia los. Im Dezember erkannte Israel nun als erster Staat Somaliland als souverän an. Für Somaliland ist das ein Schritt von immenser Bedeutung, für Israel ist es vor allem ein geopolitischer Schachzug: Es gehe dabei besonders um Sicherheit von Handelswegen über das Rote Meer und Allianzen gegen die Huthi-Rebellen im Jemen, schreibt das Nationale Institut für Sicherheitsstudien in Tel Aviv.
Ob in der Hauptstadt Hargeisa oder in kleineren Städten in Somaliland - die grün-weiß-rote Flagge ist omnipräsent, gemeinsam mit dem Datum des Unabhängigkeitstags. „18 May“ steht in Graffiti an Hauswänden und Ladenfronten. Die Anerkennung seitens Israels gibt Rückenwind. "Israel wäre nicht unbedingt die erste Wahl gewesen, aber wir mussten die Dinge ein bisschen aufrütteln”, sagt der Anwalt und politische Analyst Guleid Ahmed Jama in der Hauptstadt Hargeisa. Er glaubt, dass die Debatten der letzten Wochen vielen Ländern, die Somaliland gar nicht auf dem Schirm hatten, gezeigt hätten, dass dieses es ernst meint mit der Unabhängigkeit.
Nur wenige Länder haben direkte, praktisch informelle diplomatische Beziehungen mit Somaliland. Auf der Straße, die vom Flughafen ins Zentrum der Hauptstadt führt, fallen Schilder zur Zusammenarbeit mit Taiwan auf - das seinerseits von China unabhängig sein will, aber international nicht anerkannt ist. Seit 2020 verbindet die beiden Länder eine strategische Partnerschaft, in der technische Zusammenarbeit, zum Beispiel beim Straßenbau, im Zentrum steht.
Etwa sieben Millionen Einwohner hat Somaliland am Horn von Afrika. Es lebt vom Export von Ziegen, Schafen, Kühen und Kamelen in die Golf-Staaten. Somaliland steht aber auch im Zentrum der Klimakrise, die sich vor allem in Dürren in zunehmend kürzerem Abstand zeigt. Israel hat angekündigt, Wasserinfrastrukturprojekte zu unterstützen und umzusetzen. Denn das Budget der Regierung von Somaliland ist klein und erreicht bei weitem nicht alle Bürgerinnen und Bürger mit Infrastruktur, die zum Teil von Hilfsorganisationen übernommen wird.
Somalia sieht die Anerkennung von Somaliland als "Verletzung seiner Souveränität und Integrität”. Doch vor Ort gibt es vom Staat Somalia in Somaliland keine Spuren. Somaliland hat eine eigene Flagge, eine eigene Währung, komplett unabhängige Regierungsinstitutionen, verhältnismäßig regelmäßige Wahlen. Anders als in Somalia, das seit den 1990er Jahren immer wieder von Bürgerkrieg und islamistischem Terror erschüttert wird, konnte Somaliland relative Stabilität aufbauen.
In den USA gibt es inzwischen einige republikanische Kongressabgeordnete, die für eine Anerkennung von Somaliland plädieren und lobbyieren. "Der US-Präsident hat gezeigt, dass er unorthodoxe Entscheidungen trifft, davon könnten wir profitieren”, sagt Guleid.
Hinsichtlich des großen Nachbarn Äthiopien war Anfang 2024 schon einmal die Hoffnungen groß, dass ein Abkommen über Seezugang des westlich gelegenen Binnenlands die Grundlage für eine Anerkennung bilden könnte. Doch das Abkommen sei auch in Somaliland umstritten gewesen, erklärt Guleid. Denn es sei unklar gewesen, auf welcher Basis der Zugang zum Meer gewährt werden würde. Würde ein Stück Küste an Äthiopien abgegeben werden? Unter welchen Bedingungen könnte Äthiopien das Land nutzen? Wenn die Regierung die Verhandlungen wieder aufnehme, sei es wichtig, den Prozess transparenter zu gestalten und das Parlament und die Öffentlichkeit einzubeziehen, betont Guleid.
Auch die Anerkennung seitens Israels sehen manche mit Vorbehalt. Sie könnte laut einer Analyse des Horn-Instituts für Sicherheitsstudien mit Sitz in Nairobi auch problematische Folgen haben. Zum Beispiel könnte Somaliland durch die Assoziation mit Israel zum Ziel von Angriffen der Huthi-Rebellen aus dem Jemen werden, von dem Somaliland nur 250 Kilometer Meer trennen. "Wir müssen die Debatte weg von Israel und zurück auf Somaliland lenken”, sagt Guleid. Er hofft, dass in naher Zukunft weitere Länder Somaliland anerkennen.
Genf (epd). Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat zusammen mit dem Roten Kreuz und „Ärzte ohne Grenzen“ die Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen in Kriegen und Konflikten angeprangert. In den vergangenen zehn Jahre hätten sich die Attacken weiter verschlimmert, warnten die Chefs der drei Organisationen am 4. Mai in Genf.
Sie erinnerten an die Verabschiedung der Resolution 2286 im UN-Sicherheitsrat im Mai 2016, welche den Schutz von Krankenhäusern, Kliniken, Ambulanzen, Personal und Patienten fordert. Die Resolution hält fest, dass beabsichtigte Angriffe auf das Gesundheitswesen Kriegsverbrechen sind. Die drei Chefs der Hilfswerke verlangten nun, dass die Staaten die Resolution endlich umsetzen.
Jeden Tag erlebten die Teams der drei Organisationen die katastrophalen Folgen der Angriffe. Krankenhäuser würden in Schutt und Asche gelegt, Rettungswagen aufgehalten. Ärzte, Pflegekräfte und Patienten gerieten in tödliche Angriffe, heißt es in dem Aufruf, der im Namen der Präsidentin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Mirjana Spoljaric, des WHO-Generaldirektors Tedros Adhanom Ghebreyesus und des Präsidenten von „Ärzte ohne Grenzen“, Mohamed Javid Abdelmoneim, veröffentlicht wurde.
Die WHO hat für das laufende Jahr 2026 bereits 518 Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen in zwölf Ländern erfasst, darunter im Libanon und in der Ukraine. Dabei seien 402 Menschen getötet und 894 verletzt worden. Das humanitäre Völkerrecht stellt Gesundheitseinrichtungen unter einen besonderen Schutz, die Resolution 2286 bekräftigt dies.
13.5. Evangelische Akademie Wittenberg
Gemeinwohlorientierung und Medien - konstruktiver Journalismus Magdeburger Ringvorlesung 2026. Wie können Medien ihrer Verantwortung für das Gemeinwohl gerecht werden? Welche Rolle spielt konstruktiver Journalismus, der nicht nur Missstände aufzeigt, sondern Perspektiven für Lösungen eröffnet?
5.-7.6. Evangelische Akademie Tutzing
Zivilgesellschaft und Demokratie Zivilgesellschaftliches Engagement ist eine unverzichtbare Stütze der liberalen Demokratie. In einer Vielzahl von freiwilligen Vereinigungen - von den Sportvereinen über die freiwillige Feuerwehr und Migrant*innenorganisationen bis hin zu Umweltorganisationen, Kirchen und Gewerkschaften - werden demokratische Werte praktiziert und verteidigt. Welchen Beitrag kann die Zivilgesellschaft leisten, um die Demokratie vor den derzeitigen inneren und äußeren Gefährdungen zu schützen? Wie kann sie zur Zivilisierung von Konflikten beitragen?
7.-8.6. Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt
Verantwortung für ein schwieriges Erbe - Fachtag zu judenfeindlichen Darstellungen an Kirchen An zahlreichen Kirchen in Deutschland finden sich bis heute judenfeindliche Darstellungen - Reliefs, Figuren, Inschriften oder Bildprogramme, die ein schwieriges Erbe sichtbar machen. Wie aber können Gemeinden, die solche Werke an oder in ihren Gebäuden haben, verantwortungsvoll mit diesem Erbe umgehen? Zwischen Aufarbeitung und Empörung, Skandalisierung und Schweigen, Mahnung und Denkmalpflege spannt sich ein breites Feld kirchlicher und gesellschaftlicher Auseinandersetzung.