Andor Hirsch
Ein Junge spricht im Keller mit einem Heizkessel, flüstert ihm Fragen zu, als könne aus dem dumpfen Dröhnen eine Antwort steigen. Die wiederkehrende Szene bündelt, worum sich der dritte Spielfilm von László Nemes dreht: Verlust, Fantasie, Trotz und die verzweifelte Sehnsucht nach Ordnung in einer zerfallenen Welt. Im Budapest der späten 1950er Jahre wächst der jüdische Junge Andor mit der Gewissheit auf, sein Vater sei im Lager ermordet worden. Aus den Erzählungen der Mutter formt er sich ein Idol - bis das moralische Koordinatensystem des Jungen ins Wanken gerät. Nemes erzählt aus der Perspektive des Kindes, ohne sich ganz in die radikale Subjektivität seines Oscar-prämierten Holocaustdramas „Son of Saul“ zurückzuziehen. Trotz formaler Präzision wirkt die Inszenierung stellenweise überkonstruiert und distanziert. Erst im letzten Drittel entfalten Wut, Paranoia und familiäre Lügen einen eigentümlichen Sog.
Andor Hirsch (Ungarn/Deutschland/Frankreich/Großbritannien 2025). Regie: László Nemes. Buch: László Nemes, Clara Royer. Mit: Bojtorján Barabas, Andrea Waskovics, Grégory Gadebois. Länge: 132 Min.
Palästina 36
Ein Mann mit angeklebtem Bart tritt vor ein Mikrofon, sagt ein paar Worte und verschwindet wieder. Es ist einer der wenigen Momente, in denen in „Palästina 36“ ein jüdischer Charakter sichtbar wird. Mehr Stimme wird ihm nicht zugestanden. Der Film von Annemarie Jacir führt ins Jahr 1936, in die Anfangsphase des Arabischen Aufstands gegen die britische Mandatsmacht. Verschiedene Figuren - ein junger Kämpfer, Dorfbewohner, Kinder - bewegen sich durch eine zunehmend militarisierte Welt, während britische Offiziere mit wachsender Härte reagieren. Straßensperren, Razzien und kollektive Bestrafungen prägen das Bild. Problematisch ist weniger das Gezeigte als das Ausgelassene. Komplexe politische Dynamiken werden auf klare Fronten reduziert, differenzierte Perspektiven fehlen. Handwerklich hat der Film stellenweise durchaus Potenzial mit starken Bildern und integriertem Archivmaterial. Doch insgesamt wirkt er wie eine historische Folie für gegenwärtige Debatten - als künstlerische Setzung legitim, als Annäherung an Geschichte jedoch ärgerlich verkürzt.
Palästina 36 (Palästinensergebiete/Jordanien/Großbritannien/Katar/Saudi-Arabien/Frankreich/Dänemark 2025). Regie, Buch: Zinnini Elkington. Mit: Kamel El Basha, Hiam Abbass, Yumna Marwan, Yasmine Al Massri, Dhafer L’Abidine, Robert Aramayo, Jeremy Irons. Länge: 119 Min.
Was an Empfindsamkeit bleibt
„Er sagt, dass er mich jetzt umbringen wird.“ Mit ruhiger Stimme schildert die Filmemacherin Daniela Magnani Hüller zu Beginn den Messerangriff eines Mitschülers 2011. Mehrfach sticht er zu, sie überlebt schwer verletzt. Von dieser Tat ausgehend spricht sie mit Beteiligten von damals: einer Lehrerin, einer Mitschülerin, einer Kommissarin und einem Arzt. Sie sucht weder Mitleid noch Rache, sondern Verständnis für ein Verbrechen, das sich lange ankündigte und doch nicht verhindert wurde. Die Schauplätze sind nicht die originalen Orte, sondern austauschbare Räume wie Bushaltestellen oder Klassenräume. Gerade diese Sachlichkeit macht deutlich, dass es kein Einzelfall ist. Der autobiographische Debütfilm benennt die Tat als versuchten Femizid und verweigert psychologisierende Tätererklärungen. Zwischen den Interviews öffnet sich eine subjektive Ebene: körnige Naturbilder, ein leiser Kommentar, der die anhaltenden Folgen spürbar macht.
Was an Empfindsamkeit bleibt (Deutschland 2026). Regie, Buch: Daniela Magnani Hüller. Länge: 91 Min.
Ein Münchner im Himmel
Basierend auf der satirischen Vorlage von Ludwig Thoma erzählt Regisseur David Dietl eine himmlisch-irdische Komödie um den Münchner Wiggerl (Maximilian Brückner), einen charmanten Hallodri mit krimineller Vergangenheit und zerrütteten Familienverhältnissen. Nach seinem Tod landet er im Himmel, wo ihn Gott (Ina Müller) wegen seines schlechten Karmas kurzerhand zurück auf die Erde schickt. Unsichtbar für die meisten, erhält er die Chance, seine Fehler wiedergutzumachen - vor allem gegenüber seiner Tochter und seinem Vater (Heiner Lauterbach). Der Film spielt augenzwinkernd mit Motiven von Schuld, Reue und Erlösung und zeichnet zugleich ein selbstironisches Bild bayerischer Eigenheiten. Trotz konventioneller Erzählweise überzeugt er durch charmante Momente und ein spielfreudiges Ensemble.
Ein Münchner im Himmel (Deutschland 2026). Regie: David Dietl. Buch: Marcus Pfeiffer, Christian Lex. Mit: Maximilian Brückner, Momo Beier, Hannah Herzsprung, Marcel Mohab, Heiner Lauterbach. Länge: 94 Min.
