
Berlin (epd). Zum 100-jährigen Bestehen der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) haben die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Kirsten Fehrs, und der Magdeburger Bischof Gerhard Feige die Freikirchen als wichtige Partner für Demokratie, Religionsfreiheit und ökumenische Zusammenarbeit gewürdigt. „Gerade in Zeiten politischer Spannungen und gesellschaftlicher Verunsicherung ist es ein starkes Zeichen, dass Freikirchen und Landeskirchen gemeinsam aus dem christlichen Glauben heraus für Nächstenliebe, Menschenwürde, Zusammenhalt und Demokratie eintreten“, erklärte die Hamburger Bischöfin Fehrs am 29. April in Berlin. Der katholische Ökumene-Bischof Gerhard Feige würdigte die VEF als wichtige ökumenische Wegbereiterin.
Fehrs lobte laut EKD eine klare Haltung der Freikirchen gegen politische Vereinnahmung: „Wer versucht, einen Keil zwischen unsere Kirchen zu treiben, scheitert an unserer gelebten Geschwisterlichkeit. Für diese immer wieder öffentlich sichtbare Haltung bin ich den Freikirchen sehr dankbar“, sagte die Bischöfin. Verbindend wirke dabei nicht zuletzt die geistliche Dimension der Freikirchen. Diese weckten Gottvertrauen, „allemal in Zeiten der Verlorenheit, die viele Menschen auch derzeit empfinden.“ Zum 100-jährigen Bestehen der Vereinigung Evangelischer Freikirchen fand am Abend eine Festveranstaltung in der Berliner Lukas-Gemeinde statt.
Der Vorsitzende der Ökumenekommission der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, der Magdeburger Bischof Feige, würdigte die Vereinigung Evangelischer Freikirchen als ökumenische Pionierin: „Ich tue dies im Wissen darum, dass die katholische Kirche im Umgang mit den Freikirchen Schuld auf sich geladen hat und sie erst lernen musste, die Freikirchen als ökumenische Partner wahrzunehmen und zu respektieren“, sagte Feige laut Manuskript. Er sei dankbar für die wichtigen Impulse, die die Freikirchen in die Gemeinschaft der Christen einbringen und habe große Bewunderung für die Entschiedenheit, mit der freikirchliche Christinnen und Christen ihren Glauben leben.
„Und es ist gut, dass sie das Bewusstsein dafür wachhalten, dass das Verhältnis von Kirche und Staat stets einer kritischen Reflexion bedarf, dass sie daran erinnern, die friedensethischen Impulse des Christentums ernst zu nehmen, und dass sie unbeirrbar für Glaubens- und Gewissensfreiheit eintreten - auch gegen Widerstände“, fügte Feige hinzu. Diese besonderen Gaben seien für die Ökumene eine Bereicherung und würden auch in Zukunft gebraucht.
Die Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) wurde 1926 gegründet und vereint heute 15 Mitgliedskirchen mit rund 280.000 Mitgliedern. 2024 hatten EKD und VEF eine gemeinsame Erklärung über eine vertiefte Predigtgemeinschaft unterzeichnet, die zum gegenseitigen Kanzeltausch einlädt. Von den großen Kirchen unterscheiden sich die Freikirchen in manchen theologischen Fragen, aber auch in der Organisationsform. Sie betonen die freiwillige Mitgliedschaft und finanzieren sich in der Regel über freiwillige Beiträge ihrer Mitglieder.

Hannover (epd). Angesichts wachsenden Drucks durch Extremismus und eines schwindenden Vertrauens in staatliche Institutionen haben die lutherischen Kirchen in Deutschland ein Plädoyer für die Verteidigung der Demokratie veröffentlicht. „Die Demokratie ist mehr denn je nicht mehr selbstverständlich“, erklärte der Leitende Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), der hannoversche Landesbischof Ralf Meister, am 27. April. Die Universalität der Menschenrechte werde von zahlreichen Akteuren infrage gestellt oder verleugnet. „Demokratie ist nicht perfekt, aber sie ist die bislang beste Staatsform, weil sie Gerechtigkeit, Freiheit und einen friedlichen Interessenausgleich ermöglicht“, so Meister.
„Die politischen Ränder werden stärker, extremistische Stimmen werden lauter und gewinnen zunehmend Gehör“, heißt es in dem Grundsatztext „Gut begründet - Ein Wort der lutherischen Kirchen zur Demokratie“. Weltweit würden Populismus und autoritäre politische Kräfte an Einfluss gewinnen. Viele fühlten sich nicht mehr gehört. „Diese Krise der Demokratie wird mit Begriffen wie 'Demokratiedämmerung' oder 'Postdemokratie' beschrieben“, heißt es in dem Plädoyer, das konkret keine bestimmten Parteien oder Politiker nennt.
„Wir möchten damit in einem Jahr, in dem autoritäre Machtpolitik unsere Freiheit von außen und innen bedroht, ein klares Zeichen setzen“, fügte Meister hinzu: „Die historische Tatsache, dass die Kirchen in der Vergangenheit bei solchen Bedrohungslagen versagt haben, verpflichtet uns dazu umso mehr.“
Der Text mache deutlich, dass Demokratie eine stets neu zu gestaltende Lebensform ist. Der Text wolle dazu ermutigen, demokratische Prozesse aktiv mitzugestalten und Verantwortung im Gemeinwesen zu übernehmen. Die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) wurde 1948 gegründet und ist ein Zusammenschluss von sieben Landeskirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit über sieben Millionen Christen.

Saarbrücken (epd). Kirche darf nach den Worten der pfälzischen Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst nicht nur von der Seitenlinie kommentieren, sondern muss „mitten auf dem Spielfeld stehen“. „Wenn wir als Kirche uns politisch äußern und verhalten, dann aus Interesse für die Menschen mit ihren Nöten und Sehnsüchten“, sagte sie am 28. April in der Saarbrücker Johanneskirche. Kernaufgabe der Kirche seien die Menschen. „Nehmen wir unser Evangelium in seiner politischen Dimension ernst, dann können wir nicht unpolitisch sein“, unterstrich die leitende Theologin der Evangelischen Kirche der Pfalz.
„Damit werden wir nicht zu Politikerinnen und Politikern“, erläuterte Wüst. Aber mit ihnen sei gemein, dass „wir aus tiefstem Herzen das Interesse am Gemeinwohl und an einer Gesellschaft, in der ein jeder Mensch sein Recht und seinen Platz hat“ teilten. „In diesem Sinne verstehen wir uns als Partner und Partnerinnen, manchmal auch als Gegenüber, auf jeden Fall als eine Stimme, die ihren eigenen und unverwechselbaren Klang und Wert hat im Konzert der vielen Stimmen dieser Tage“, erläuterte sie.
Bei dem Gottesdienst und Empfang in der Saarbrücker Johanneskirche wurde der bisherige Beauftragte der Evangelischen Kirchen für das Saarland, Frank-Matthias Hofmann, in den Ruhestand verabschiedet und sein Nachfolger Thomas Bergholz eingeführt. Zu der Veranstaltung der Evangelischen Kirche im Rheinland und der Evangelischen Kirche der Pfalz hatten sich rund 350 Menschen angemeldet - darunter die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD). Der Beauftragte der Evangelischen Kirchen für das Saarland pflegt im Auftrag der Kirchenleitungen die Beziehungen zwischen den Landeskirchen und dem Saarland.
Bergholz war seit 2016 Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Saarbrücken-Mitte und damit der Ludwigskirche. Davor war er unter anderem wissenschaftlicher Mitarbeiter der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und Dozent für Neues Testament und Kirchengeschichte an einer Theologischen Hochschule in Indonesien.

Braunschweig (epd). Bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt hat die neue Bischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig, Christina-Maria Bammel, die Bedeutung der Musik für das demokratische Gemeinwesen hervorgehoben. Die Musik helfe aufzustehen, wo es dran ist, sagte die leitende Theologin am 1. Mai im Braunschweiger Dom.
Sie sprach anlässlich eines Eröffnungskonzertes zu den Feierlichkeiten zum 50-jährigen Bestehen der Domsingschule. „Wer mal tödliche und eingrenzende Mauern in Köpfen und in Stadt und Land erlebt hat, weiß, welche Lob-Strophen sich auf ein freiheitliches demokratisches Zusammenleben anstimmen lassen und wie sehr es sich lohnt, dafür die Stimme zu erheben“, erklärte Bammel laut vorab veröffentlichtem Grußwort.
„Wer singt, lebt aufgeweckter, beziehungsreicher“, führte die Landesbischöfin aus. Im musikalischen Zusammenklang höre sie auch das Fundament für eine mehrstimmige Demokratie. Eintracht entstehe nicht durch Gleichheit, sondern durch Zusammenklang, der immer wieder eingeübt werden müsse: „Damit niemand hinter seiner eigenen dicken Mauer nur auf der Lauer bleibt.“
Mit mehr als 500 Sängerinnen und Sängern gilt die Braunschweiger Domsingschule als eine der größten Einrichtungen für evangelische Kirchenmusik in Deutschland. Zu ihrem Jubiläum ist bis zum 10. Mai ein umfangreiches Programm geplant. Bammel war im November 2025 von der braunschweigischen Landessynode zur Nachfolgerin von Christoph Meyns gewählt worden. Ihre offizielle Einführung als Landesbischöfin ist am 27. Juni geplant.

Rom (epd). Langsam hat sich der neue Papst in seinem Amt eingerichtet. Das ist auch nach außen hin sichtbar. Seit Ende Januar strahlt in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern das Mosaikporträt von Leo XIV. neben den Bildnissen seiner Vorgänger. Acht Monate lang waren die Scheinwerfer dort auf einen leeren runden Platz neben dem Porträt des verstorbenen Amtsvorgängers, Papst Franziskus, gerichtet.
Dabei hatte man für den am Ostermontag vergangenen Jahres gestorbenen Pontifex schnell einen Nachfolger gefunden. Vor einem Jahr, am 8. Mai 2025, wurde Robert Francis Prevost vom Konklave in der Sixtinische Kapelle in Rom zum Nachfolger von Papst Franziskus gewählt.
Der gebürtige US-Amerikaner wählte für sich den Namen Leo XIV. und machte damit bereits klar, wo einer der Schwerpunkte seines Pontifikats liegen wird. So galt sein Namensvorgänger, Papst Leo XIII. (1878 bis 1903), als politischer Papst: Er verfasste in der Zeit der Industrialisierung die erste Sozialenzyklika der katholischen Kirche.
Wie auch der „Arbeiterpapst“ hebt Leo XIV. soziale Themen hervor. Er hat etwa schon mehrfach auf die Gefahren von Künstlicher Intelligenz hingewiesen. Damit führt der 70-Jährige einen thematischen Fokus fort, den Franziskus bereits gelegt hatte. Auch für den Klima- und Umweltschutz setzt er sich wie schon sein Vorgänger leidenschaftlich ein. Am 23. Mai will Leo die Region Acerra besuchen, die wegen illegaler Giftmüllentsorgung und -verbrennung durch die Mafia als „Terra dei Fuochi“ (Landschaft der Feuer) bekannt ist.
Doch nicht erst seit dem Iran-Krieg ist der Begriff „Frieden“ ein Dauerthema in Leos Reden. Schon die ersten Worte, die Prevost als neuer Papst vom Balkon des Petersdoms zu den Menschen sprach, legten dafür den Grundstein: „Der Friede sei mit euch allen“, rief er der Welt zu.
In den vergangenen Wochen wurde der US-Amerikaner bei seinen Friedensappellen im Ton immer schärfer - was nicht allen gefällt. So machte die erste längere Auslandsreise des katholischen Kirchenoberhaupts nach Westafrika nicht etwa Schlagzeilen mit der Botschaft des Evangeliums und dem interreligiösen Dialog. Im Mittelpunkt der Berichterstattung stand der Schlagabtausch mit US-Präsident Donald Trump, der sich von der Friedensbotschaft des Papstes persönlich angegriffen fühlte. Viele sehen in Papst Leo auch einen mächtigen Gegenspieler des US-Präsidenten.
In dieser indirekt ausgetragenen Auseinandersetzung zeigte sich eine weitere Stärke des Papstes: sein subtiles diplomatisches Geschick. So prangerte Leo bei einem Friedenstreffen in Kamerun zwar eine zerstörerische Macht von „Tyrannen“ an, kritisierte kurz darauf aber, dass Medien diese Aussage in Bezug zu seiner Auseinandersetzung mit Trump gesetzt hatten. Die Rede sei vorbereitet gewesen. Es liege nicht in seinem Interesse, mit dem Präsidenten zu debattieren. Prompt zeigte man sich in Washington gemäßigter.
Nach einem Jahr im Amt wird klar: Dieser neue Papst scheut den Konflikt nicht - er lässt sich auch nicht von Debatten oder Medienberichten treiben. Das zeigt auch seine Reaktion auf die Erlaubnis der Segnung homosexueller Paare einiger deutscher Bischöfe. Der Heilige Stuhl billige keine formalen Segnungsfeiern nicht, stellte Leo XIV. klar, Fragen zur Sexualmoral sollten außerdem nicht über Einheit oder Spaltung der Kirche entscheiden.
„Wir neigen dazu zu glauben, dass, wenn die Kirche von Moral spricht, das einzige moralische Thema die Sexualität ist“, sagte der Papst. Tatsächlich gebe es aus seiner Sicht weitaus größere und wichtigere Themen, „wie Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, die Freiheit von Männern und Frauen sowie Religionsfreiheit“. Diese Themen sollten Vorrang vor „dieser speziellen Frage“ haben.
Nach einem Jahr ist der neue Papst nun nicht nur als Mosaik in Sankt Paul vor den Mauern sichtbar. Leo ist im Rampenlicht seines Amtes angekommen. Und auch das Licht im Apostolischen Palast brennt seit ein paar Wochen wieder: Der 70-Jährige konnte nach Monaten intensiver Renovierungs- und Sanierungsarbeiten endlich die repräsentative päpstliche Wohnung in Besitz nehmen.
Franziskus hatte auf den traditionellen Wohnsitz der Päpste verzichtet und während seines zwölfjährigen Pontifikats im vatikanischen Gästehaus Santa Marta gewohnt. Wenn sie sich auch thematisch ähnlich sind, macht Papst Leo doch einiges anders als sein Vorgänger.

München/Köln (epd). Katholische Laienorganisationen haben zum bundesweiten „Tag der Diakonin“ die Öffnung aller kirchlichen Dienste und Ämter für Frauen gefordert. „Frauen prägen die Kirche entscheidend mit“, sagte die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, laut Mitteilung am 27. April. In der Ämterstruktur der katholischen Kirche bleibe dieses Engagement unsichtbar. „Das ist ein Unding - und war schon immer eines.“
Das Motto der zentralen Veranstaltung zum „Tag der Diakonin“ in der Münchner Abtei St. Bonifaz lautete „Gott diskriminiert nicht“, wie das Netzwerk Diakonat der Frau mitteilte.
Der Reformprozess Synodaler Weg und die Weltsynode im Vatikan zeigten, dass Veränderung möglich sei, erklärte die ZdK-Präsidentin. „Warum nicht endlich auch bei der Gleichberechtigung der Geschlechter? Verrückt, dass das immer noch keine Selbstverständlichkeit ist“, sagte Stetter-Karp.
Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) können verheiratete Männer ab 35 Jahren in der katholischen Kirche zum Diakon geweiht werden. Frauen sind grundsätzlich von allen Weiheämtern ausgeschlossen. Dadurch verletze und verliere die Kirche „viele Menschen, die für die frohe Botschaft brennen“, heißt es in der Mitteilung.
Für die Öffnung des niederen Weiheamts für Frauen plädiert der „Tag der Diakonin“, der seit 1998 immer am 29. April, dem Gedenktag der Heiligen Katharina von Siena, stattfindet. Veranstalter sind das Netzwerk Diakonat der Frau, der Katholische Deutsche Frauenbund, die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands und seit 2011 auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken.

Bonn (epd). Kein Kontinent erwärmt sich so schnell wie Europa - und die Folgen des Klimawandels sind deutlich zu spüren. Zu diesem Schluss kommt der Europäische Klimazustandsbericht, der am 29. April veröffentlicht wurde.
Der Bericht bestätige, dass sich Europa seit 1980 zweimal so schnell wie der globale Durchschnitt erwärmt habe, „was Europa zum sich schnellsten erwärmenden Kontinent der Welt macht“, sagte die Generalsekretärin der Weltwetterorganisation (WMO), Celeste Saulo. Hitzewellen träten häufiger auf und sie würden stärker. Insbesondere in Südeuropa hätten Dürren Waldbrände befeuert. „Gletscher in allen europäischen Regionen sind weiter geschmolzen.“
Der Report „European State of the Climate 2025“ wurde vom Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage (EZMW) und der WMO erstellt. Rund 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben Beobachtungen zu zahlreichen Klimaindikatoren für Europa zusammengetragen.
Dem Bericht zufolge verzeichneten mindestens 95 Prozent des Kontinents im vergangenen Jahr überdurchschnittlich hohe Temperaturen. „2025 war eines der wärmsten Jahre in Europa seit Beginn der Aufzeichnungen“, sagte Samantha Burgess, Leiterin für strategische Klimaforschung beim EZMW.
Auch die Meeresoberflächentemperatur für die europäische Meeresregion habe das vierte Jahr in Folge einen Höchststand erreicht, sagte Burgess. Im Mittelmeer habe die Temperatur auf dem zweithöchsten Stand gelegen, knapp unter dem Wert von 2024. Den Daten zufolge wurden im Jahresdurchschnitt etwas über 21 Grad Celsius gemessen.
Die Klimafachleute verweisen auf einen „anhaltenden Trend zur raschen Erwärmung der kältesten Regionen Europas - darunter die Arktis und die Alpen“. So habe das subarktische Fennoskandien, also Gebiete Norwegens, Finnlands und Schwedens nahe dem nördlichen Polarkreis, im Juli eine Hitzewelle über drei Wochen erlebt, die längste seit Beginn der Aufzeichnungen.
Während dieses Zeitraums hätten die Temperaturen in der Nähe und innerhalb des Polarkreises 30 Grad Celsius überschritten, hieß es. Der Höchstwert von 34,9 Grad sei im norwegischen Frosta gemessen worden.
Auch der Rückgang der Gletscher hat sich laut dem Bericht im vergangenen Jahr fortgesetzt. Klimaforscherin Burgess äußerte sich besorgt über den Rückgang des grönländischen Eisschildes: Dieses habe rund 139 Gigatonnen Eis verloren, was einem Verlust von 100 olympischen Schwimmbecken „jede einzelne Stunde“ entspreche, sagte Burgess.
Alarmierend sind auch die zahlreichen Waldbrände in Europa. Insgesamt sei eine Rekordfläche von rund 1.034.000 Hektar abgebrannt, eine Fläche größer als Zypern, heißt es in dem Bericht.
In Europa liegt der Temperaturanstieg im Vergleich zur vorindustriellen Zeit dem Report zufolge derzeit bei rund 2,5 Grad Celsius und damit deutlich über dem globalen Schnitt von 1,4 Grad. Burgess begründete die schnellere Erwärmung des Kontinents mit mehreren Faktoren, darunter eine geografische Nähe zur Arktis, die sich besonders schnell aufheizt, sowie veränderte Wetterverhältnisse. Auch der Rückgang der Schneebedeckung spielt laut Bericht eine Rolle, weil dadurch weniger Sonnenlicht reflektiert wird.
Der Bericht zum Zustand des Klimas in Europa ergänzt andere Analysen zum Klimajahr 2025, das als eines der drei weltweit wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen eingestuft wird. Der Klimawandel wird maßgeblich durch den menschlichen Ausstoß von Treibhausgasen wie CO2 verursacht. Um das international vereinbarte Ziel zu erreichen, die Erderwärmung auf möglichst 1,5 Grad zu beschränken, müsste der Verbrauch der fossilen Energieträger Kohle, Öl und Gas rasch sinken.

Berlin (epd). Eine neue Strömung der Klimabewegung will den Zusammenhang von Klimawandel, Wasser und lokaler Betroffenheit stärker in den Fokus rücken. „Die Wasserkrise ist Teil der Klimakrise“, sagte die Aktivistin Lena Eyerich vom Klimakollektiv im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Wenn Wasser verschwindet oder zu viel wird, wird die Krise greifbar.“
Dürreperioden und Hochwasser hätten das in den vergangenen Jahren deutlich gezeigt. Ohne schnellen Kohleausstieg und konsequenten Klimaschutz werde sich die Lage weiter verschärfen, mahnte Eyerich.
Wasser als verbindendes Element
Die Bewegung will auf Vernetzung vor Ort setzen, um die Aufmerksamkeit zu erhöhen. Geplant sind vier mehrtägige Camps an Flüssen, die laut Eyerich als „Kristallisationspunkte“ dienen sollen. Dort sollen Protest, Bildungsangebote und Kulturprogramm zusammenkommen. „Sie sind Orte, an denen die Wasserkrisen erfahrbar sind - und strahlen gleichzeitig nach außen“, erläuterte sie. Aktionen wie der Protest gegen die Tesla-Gigafabrik in Grünheide hätten bereits gezeigt, dass Wasserschutz breite Aufmerksamkeit erzeugen könne.
Die Aktivistin sieht im Wasser ein „verbindendes Thema“, das den Alltag vieler Menschen unmittelbar betreffe. Es sei ein Gemeingut, auf das ein Menschenrecht bestehe.
Kritisch äußerte sich Eyerich zu kommunalen Aufrufen, Wasser im Alltag zu sparen. „Undifferenzierte Appelle an Einzelne helfen leider wenig“, sagte sie. Rund 70 Prozent des Wasserverbrauchs in Deutschland entfielen auf die Industrie. Besonders problematisch sei der Kohlebergbau, der große Mengen Grundwasser abpumpe. Auch Versuche, Tagebaue mit Wasser aus Flüssen zu fluten, verschärften Nutzungskonflikte.
Große Unternehmen müssten „angemessen“ für ihren Verbrauch zahlen, etwa durch sozial gestaffelte Entgelte. Zudem müsse das Verursacherprinzip gelten: „Wer Wasser verschmutzt, muss die Schäden tragen“, sagte Eyerich.

München (epd). Ein Bauwagen als Anlaufstelle für Jugendliche war für den 15-jährigen Felix Benneckenstein der Einstieg: „Der war von den Republikanern“, erinnert er sich. Über dieses Mini-Jugendzentrum der rechten Partei geriet der gebürtige Starnberger in die rechtsextreme Szene. Neun Jahre lang gehörte er ihr an, wie er sagt. Heute ist er davon weit entfernt: Seit zehn Jahren berät er selbst Aussteiger, ist Mitgründer des Vereins „Aussteigerhilfe Bayern“. Um die 100 Menschen half der 39-Jährige nach eigenen Angaben schon, sich von der NS-Ideologie zu verabschieden.
In seiner Jugend sei viel schiefgelaufen, erzählt er. Die Schule verließ er ohne Abschluss, mehrmals fiel er wegen kleinkrimineller Delikte auf. Aus persönlicher Unzufriedenheit habe er der Gesellschaft gegenüber eine feindselige Haltung entwickelt, so beschreibt er es heute. Die Rechtsextremen hätten ihm das Gefühl gegeben, wieder irgendwo zu Hause zu sein. Mit Aussagen wie: „Der deutschen Jugend wird alles genommen“ habe er sich identifizieren können.
Ein tiefes Misstrauen gegenüber allen staatlichen Institutionen durchziehe die Szene. Holocaustleugnung ist laut Felix Benneckenstein eher die Regel denn die Ausnahme.
Sein Geld verdiente er in jener Zeit als rechtsextremer Musiker namens „Flex“. Nicht zuletzt die Musik hält junge Leute in der Szene. Nach Kenntnis der Bundesregierung fanden von Anfang Juli bis Ende Dezember 2025 bundesweit 120 rechtsextremistische Musikevents statt.
Doch irgendwann habe er gemerkt, dass es ihm psychisch nicht mehr gut ging: „Im letzten Jahr in der Szene war ich fast nicht mehr nüchtern.“ Vor 15 Jahren kam Felix Benneckenstein dann in Kontakt mit dem Ausstiegsprogramm „Exit“-Deutschland„. Der Weg zurück war alles andere als leicht, wie er sagt. Am schwersten sei der Abschied von alten Kameraden gewesen: “Mit einem hab' ich mich menschlich noch sehr verbunden gefühlt."
Die 2000 in Berlin gegründete Organisation „Exit“ hat nach eigenen Angaben mehr als 1.000 Ausstiegswillige beraten, mit wenigen Ausnahmen erfolgreich. „Mehrheitlich wollen sie militant-rechtsextremistische Gruppen verlassen“, sagt „Exit“-Leiter Bernd Wagner. „Exit“ finanziert sich laut Wagner fast ausschließlich aus Spenden. Die geringe politische Unterstützung frustriere ihn sehr.
Dem Bundesinnenministerium liegen keine Zahlen vor, wie viele Aussteigerprojekte es deutschlandweit gibt. Grundsätzlich seien die Bundesländer für Deradikalisierung und Ausstiegsarbeit zuständig, erklärte eine Sprecherin. Wie es mit den Angeboten der Ausstiegs- und Distanzierungsberatung generell weitergeht, hängt auch mit der Neuausrichtung des Bundesprogramms „Demokratie Leben!“ zusammen. Bisher wurden in jedem Bundesland entsprechende Angebote durch das Programm gefördert. Ab 2027 soll eine neue Förderrichtlinie greifen, deren Anpassung laut Bundesregierung noch nicht abgeschlossen ist.
Stefan Tepper vom Landespräventionsrat Niedersachsen betont gegenüber epd: Längerfristig ausgerichtete, verlässliche Förderstrukturen seien notwendig. Denn Ausstiegsberatungsprozesse könnten einen Zeitraum von mehreren Jahren umspannen.
Das wissen auch die Mitarbeitenden der kleineren Initiative „Rote Linie“ des St. Elisabeth-Vereins im hessischen Marburg. Dort wird Distanzierungsarbeit als Einzelfallhilfe angeboten. Finanziert wird dies laut Co-Leiter Torsten Niebling hauptsächlich über „Demokratie leben!“, als Projekt. Das bedeute letztlich, von der Hand in den Mund zu leben: „Ich kann mich an kaum ein Jahr erinnern, in dem wir am 1. Januar wussten, wie es weitergeht.“
Das Team der „Roten Linie“ arbeitet mit jungen Menschen, denen wegen rechtsextremistischer Äußerungen oder Handlungen Strafen drohen. Ziel sei es, sie vor dem Einstieg in verhärtete extremistische Gruppen zu bewahren. Über Eltern, Lehrer, Jugendarbeiter oder die Jugendgerichtshilfe kommen Niebling und seine Kollegen mit den Teenies im Alter zwischen 14 und 18 in Kontakt: „Wobei wir schon Anfragen bekamen, die Elfjährige betrafen.“
Häufig kämen die jungen Leute über Social Media mit rechtsextremen Positionen in Kontakt. Auffällig ist laut Torsten Niebling, dass viele der begleiteten Jugendlichen von Mobbing berichten. „Und zwar nicht nur von Mobbing an sich, sondern auch davon, dass niemand sie unterstützt hat.“ In rechtsextremen Szenen erhoffen sich die Teenager die Erfüllung eines großen Wunsches: Nicht länger „Opfer“ zu sein.
In München hilft Daniela Marckmann, Leiterin der 2009 gegründeten Bayerischen Informationsstelle gegen Extremismus (BIGE), Rechtsextremisten und Reichsbürgern beim Ausstieg. Es gehe beim Prozess der Abspaltung von der Szene keineswegs nur darum, sich mit der extremistischen Ideologie auseinanderzusetzen, sagt Marckmann. Nicht selten müssten auch Krisensituationen bewältigt werden: Berater seien mit psychischen Problemen, Sucht oder einer Leidenschaft für Waffen konfrontiert.
Felix Benneckenstein wollte sich vor seinem endgültigen Ausstieg aus der rechtsextremen Szene von dem „Kameraden“, mit dem er sich noch verbunden fühlte, persönlich verabschieden. Sein „Exit“-Berater riet ab, das könne gefährlich werden. Benneckenstein hörte nicht auf ihn, nahm Abschied und beschreibt den Moment so: „Da waren meine Zweifel weg: Ich will da weg.“

Frankfurt a.M. (epd). Auf die jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes zur Geburtenrate haben Familienverbände mit großer Sorge reagiert. „Dass die Geburtenzahl auf den niedrigsten Stand seit 1946 gesunken ist, ist kein historischer Zufall, sondern das Ergebnis einer jahrzehntelangen strukturellen Benachteiligung von Familien“, erklärte der Deutsche Familienverband am 28. April auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd). Der Familienbund der Katholiken bezeichnete die Statistik als „alarmierend“. Dies sei auch Ergebnis politischer Versäumnisse.
Im vierten Jahr in Folge ist die Zahl der Geburten in Deutschland gesunken und hat den niedrigsten Stand seit 1946 erreicht. Im vergangenen Jahr seien nach vorläufigen Ergebnissen rund 654.300 Kinder geboren worden, teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mit. Das seien 3,4 Prozent weniger als im Jahr zuvor gewesen, als 677.117 Neugeborene das Licht der Welt erblickten.
Die Zahl der Sterbefälle von rund 1,01 Millionen überstieg die Zahl der Geburten 2025 den Angaben nach um etwa 352.000. Das sei das größte Geburtendefizit der Nachkriegszeit, erklärte das Bundesamt. Der Bundesgeschäftsführer des Deutschen Familienverbandes, Sebastian Heimann, bezeichnete die Zahlen als „dramatischen Weckruf“.
Die niedrigen Geburtenzahlen der vergangenen Jahre ergeben sich den Statistikern zufolge aus zwei Entwicklungen: Es gibt derzeit weniger Frauen, die Kinder bekommen können, weil die zahlenmäßig kleinen 1990er Geburtsjahrgänge in das entscheidende Alter von Anfang 30 kämen. Außerdem sinke seit 2022 die zusammengefasste Geburtenziffer, die angibt, wie viele Kinder eine Frau heute im Durchschnitt bekommt.
Einen Rückgang der Geburtenzahlen melden laut vorläufigen Ergebnissen für 2025 auch andere Staaten der Europäischen Union, darunter Frankreich, Österreich, Italien und Schweden, wie das Bundesamt weiter mitteilte.
Die Ursachen für den Rückgang seien systemisch, fügte Heimann hinzu: „Unser Sozialversicherungssystem, insbesondere die gesetzliche Rente, bestraft Eltern regelrecht für ihre Erziehungsleistung, indem sie im Alter leer ausgehen. Vor allem Mütter.“ Wenn die Politik dann noch Leistungen wie das Elterngeld über Jahrzehnte nicht anhebe oder die spezifischen Bedürfnisse von Mehrkindfamilien ignoriere, dürfe sie sich über sinkende Geburtenraten nicht wundern.
Der Familienbund der Katholiken mahnte, die Familienpolitik müsse dringend handeln. Denn viele Menschen wünschten sich mehr Kinder, als sie tatsächlich bekommen, teilte der Verband dem epd mit. Der Geburtenrückgang sei daher nicht allein Ausdruck eines veränderten Lebensstils und Kinderwunsches, sondern auch Folge unzureichender Rahmenbedingungen, hieß es weiter. Wer sich gegen Kinder oder auch gegen mehr Kinder entscheide, tue dies oft nicht aus Überzeugung, sondern aus Mangel an Geld, Unterstützung und Planungssicherheit.
Die diskutierte Abschaffung des Ehegattensplittings wäre ein weiterer Schlag gegen eine kinderorientierte Familienpolitik, mahnte Heimann: „Kinder zu haben, darf in Deutschland kein Armutsrisiko sein. Wir brauchen dringend eine familiengerechte Reform der Sozialversicherungen und eine echte Elternrente, die den Generationenvertrag wieder vom Kopf auf die Füße stellt.“
Auch der Familienbund der Katholiken hält die Diskussion über die Abschaffung des Ehegattensplittings für problematisch: Denn gerade diese Regelungen gäben Familien die notwendige Flexibilität, um Familie und Beruf zu vereinbaren.

Bremerhaven, Offenbach (epd). Ihre Namen finden sich allesamt im ökumenischen Heiligenkalender. Gemeint sind Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius und dazu noch die kalte Sophie. Sie stehen für die Tage vom 11. bis 15. Mai, für die „Eisheiligen“, einem besonderen Wetterphänomen im Frühjahr. In diesen Tagen nämlich, so besagen alte Bauernregeln, kann es noch einmal richtig kalt werden. Aber stimmt das auch? Wissenswertes über zusammenbrechende Polarwirbel, späte Fröste, verwundbare Knospen, Märtyrer und Heilige.
Damit ist eine alte Bauernregel gemeint, die früher ganz allgemein beherzigt wurde. Gemeint ist mit der „kalten Sophie“ der 15. Mai, der Tag der heiligen Sophia. Tatsächlich könne es sein, dass im Mai noch einmal kalte Polarluft Deutschland erreiche, erläutert die Wetter-Expertin Annika Brieber, Meteorologin im „Klimahaus“ Bremerhaven. „In der Übergangszeit bricht über dem Nordpol der Polarwirbel zusammen, der die kalte Luft festhält, die dann zu uns kommt.“ Das sei für Mitteleuropa durchaus typisch und werde als meteorologische Singularität bezeichnet. Späte Fröste gefährden zum Beispiel blühende Obstbäume, Weinreben, Gemüsepflanzen oder Sommerblumen.
Doch der pünktliche Wetterumschwung zwischen dem 11. und 15.Mai ist eher die Ausnahme. Eine päpstliche Kalenderreform im 16. Jahrhundert hat zudem das Zeitfenster verschoben, sodass die Regel heute noch weniger exakt zutrifft. „Die Eisheiligen halten sich nicht an den Kalender“, bringt es Brieber auf den Punkt. Die Wahrscheinlichkeit für späte Fröste sei im Mai generell erhöht. „Aber eben nicht speziell an den Tagen der Eisheiligen.“
Annika Brieber hat da vielmehr einen Zeitkorridor im Blick, der mehrere Wochen im Mai umfassen kann, auch schon die Tage Anfang des Monats. Mit dem Setzen junger Pflanzen bis Mitte Mai und darüber hinaus zu warten, um sie vor zerstörerischem Frost zu schützen, sei insofern „keine schlechte Idee“. Das gelte, auch wenn es keine langjährigen Messreihen gebe, die zeigten, dass es eine statistisch signifikante Häufung von Frost- oder Kälteeinbrüchen exakt im Zeitraum der Eisheiligen gebe.
Das hat mit historischen Beobachtungen zu tun, nach denen Kälterückschläge in der zweiten Maidekade häufiger auftreten. Benannt ist die Zeit nach katholischen Heiligen, die dann ihre Gedenktage haben. „Wie viele Heilige tatsächlich zu den Eisheiligen gezählt werden, ist regional unterschiedlich“, heißt es auf dem Portal www.katholisch.de. „Während in Norddeutschland Mamertus am 11. Mai als erster Eisheiliger gilt, starten die frostigen Gedenktage in Süddeutschland und Österreich erst mit Pankratius am 12. Mai.“ Den Abschluss am 15. Mai markiert die „kalte Sophie“.
Aber wer waren nun die „Eisheiligen“? Erster im Bunde ist Mamertus (11. Mai), um 461 Erzbischof von Vienne in Frankreich. „Nach zahlreichen Feuern und Erdbeben und großen Zerstörungen in seiner Heimatstadt führte er die Drei Bittgänge vor dem Fest Christi Himmelfahrt ein, Prozessionen zur Abwendung von Gefahren und zur Erflehung göttlicher Hilfe“, erläutert Joachim Schäfer, evangelischer Pfarrer in Stuttgart und Webmaster des digitalen Heiligenlexikons (www.heiligenlexikon.de ). Pankratius (12. Mai) wurde um 289 in Phrygien in der heutigen Türkei geboren. Er gilt als Märtyrer, weil er sich nicht von seinem christlichen Glauben abbringen ließ und deshalb öffentlich enthauptet wurde.
Servatius (13. Mai) stammt vermutlich aus dem heutigen Armenien und wurde um 340 Bischof der belgischen Stadt Tongern in der Nähe von Lüttich. „Von ihm werden zahlreiche Heilungen und Wunder berichtet“, erklärt Schäfer. „Legenden erzählen, er sei mit einem Holzschuh erschlagen worden. Andere berichten, dass Servatius, seinen Tod vorausfühlend, nach Maastricht ging, da er dort begraben werden wollte.“ Die dortige Servatiusbasilika gilt als älteste erhaltene Kirche der Niederlande.
Bonifatius (14. Mai), der laut Überlieferungen im dritten Jahrhundert in Rom geboren wurde, ließ sich angesichts der Christenverfolgung unter Kaiser Galerius taufen. „Worauf er selbst durch siedendes Pech sterben musste“, sagt Schäfer. Als Letzte in der Reihe der Eisheiligen folgt Sophia von Rom (15. Mai), die Schäfer zufolge als junge Frau um 304 den Martertod erlitt, wahrscheinlich in der Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian.
„Für den Zeitraum vom 10. bis 15. Mai ist noch keine konkrete Wettervorhersage möglich“, sagt Karsten Kürbis vom Deutschen Wetterdienst (DWD) mit Sitz in Offenbach auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd). „Die Mehrheit der Modellberechnungen zeigen Szenarien mit Temperaturen leicht unter dem langjährigen Mittel bis zum Ende der laufenden Woche. Danach gibt es den Trend für eine leichte Erwärmung Richtung Normalwerte.“ Laut 10-Tage-Vorhersage des DWD für Deutschland ist in der Nacht gebietsweise mit Frost in Bodennähe zu rechnen.

Berlin (epd). Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will die Finanzen der gesetzlichen Krankenversicherung stabilisieren und dreht dazu an vielen Stellschrauben. Ihr Gesetzentwurf wurde nach diversen kurzfristigen Änderungen am 29. April vom Kabinett gebilligt. Ein Überblick:
Ob Medikamente, Hilfsmittel oder Klinikaufenthalt: Bei vielen Kassenleistungen müssen Versicherte Zuzahlungen tragen. Diese sollen in den meisten Fällen um 50 Prozent steigen; zugleich werden Mindest- und Höchstbeträge angehoben. Beispielsweise sollen pro Tag im Krankenhaus 15 Euro statt 10 Euro fällig werden. Bei Arzneimitteln soll es bei zehn Prozent Zuzahlung bleiben, die Unter- und Obergrenzen steigen aber. Allein nächstes Jahr sollen so insgesamt 1,9 Milliarden Euro zusammenkommen.
Teurer wird es auch beim Zahnersatz. Hier tragen die Kassen feste Prozentsätze der Gesamtkosten. Diese sollen um zehn Prozentpunkte sinken. Statt heute maximal 75 Prozent werden dann nur noch 65 Prozent gezahlt.
Andere Leistungen sollen wegen mangelnder Wirksamkeit gar nicht mehr von den Krankenkassen gezahlt werden. Dazu gehören Homöopathie und das allgemeine Hautkrebsscreening.
Während Kinder weiter beitragsfrei mitversichert sein können, soll dies bei Ehepartnern ohne nennenswertes eigenes Einkommen künftig nicht mehr automatisch der Fall sein. Für sie ist ein Beitrag von 2,5 Prozent auf die beitragspflichtigen Einnahmen des Hauptversicherten geplant - zunächst waren 3,5 Prozent vorgesehen. Kostenlos bleibt die Mitversicherung für Rentnerinnen und Rentner sowie für Menschen, die Kinder unter sieben Jahren, Kinder mit Behinderungen oder pflegebedürftige Angehörige betreuen.
Teurer soll es außerdem für Gutverdiener werden: Die Beitragsbemessungsgrenze soll 2027 zusätzlich zur normalen jährlichen Anpassung um etwa 300 Euro steigen. Auf Einkünfte unterhalb dieser Grenze werden Krankenkassenbeiträge fällig, auf darüber hinaus gehendes Einkommen nicht. Aktuell liegt der Wert bei 69.750 Euro im Jahr. Auch die Versicherungspflichtgrenze - derzeit 77.400 Euro im Jahr - soll um 300 Euro steigen. Wer mehr verdient, kann sich privat krankenversichern.
Für Menschen mit Minijob sollen die Arbeitgeber höhere Kassenbeiträge zahlen, nämlich 17,5 Prozent. Aktuell sind es 13 Prozent.
Künftig soll es die Möglichkeit einer teilweisen Krankschreibung von 25, 50 oder 75 Prozent geben. Gedacht ist dies für längerfristige Erkrankungen, die einen reduzierten Einsatz im Job zulassen. Es soll dann auch Teilkrankengeld gezahlt werden können. Die zunächst vorgesehene allgemeine Kürzung des Krankengelds wurde hingegen verworfen.
Der Bund will seine Zahlungen an die Kassen für die Gesundheitsversorgung von Bürgergeldbeziehenden erhöhen: Nächstes Jahr gibt es 250 Millionen Euro zusätzlich, 2028 sind 500 Millionen vorgesehen, 2029 eine Milliarde und 2030 dann 1,5 Milliarden Euro. Ab 2031 sind jährlich zwei Milliarden Euro eingeplant. Allerdings schätzte die von Warken eingesetzte Fachkommission die Finanzlücke auf 12 Milliarden Euro jährlich. Der allgemeine Bundeszuschuss an die Kassen von zuletzt 14,5 Milliarden Euro pro Jahr soll ab 2027 dauerhaft um 2 Milliarden Euro gekürzt werden.
Ab 2028 soll eine Abgabe auf zuckergesüßte Getränke eingeführt werden. Die Details sind noch unklar; im Gesetzentwurf werden die Einnahmen auf 450 Millionen Euro im Jahr geschätzt. Das Geld soll „der gesetzlichen Krankenversicherung in geeigneter Art und Weise entlastend zugutekommen“, heißt es dort. Zudem erhofft sich die Regierung eine gesundheitsfördernde Wirkung, wenn weniger Zucker konsumiert wird.
Für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte sollen bestimmte Sondervergütungen wegfallen. Dabei geht es unter anderem um Geld für das Anbieten offener Sprechstunden oder die Vermittlung eines Facharzttermins. Auch bei den Krankenhäusern sollen die Vergütungsregeln verändert werden. Um unnötige Operationen zu verhindern, soll außerdem vor bestimmten Eingriffen das Einholen einer Zweitmeinung verpflichtend werden. Dies dürfte etwa das Einsetzen künstlicher Knie- und Hüftgelenke betreffen. Sowohl die Pharmaindustrie als auch die Apotheken sollen zu höheren Rabatten auf Medikamente verpflichtet werden.

Berlin (epd). Bei der geplanten Reform des Heizungsgesetzes hat sich die Regierungskoalition auf eine Kostenbremse für Mieter geeinigt. Vermieterinnen sollen sich künftig an den laufenden Heizkosten beteiligen, wenn sie sich für eine neue fossile Heizung entscheiden. Das geht aus dem Entwurf des Gebäudemodernisierungsgesetzes hervor, der dem Evangelischen Pressedienst (epd) vorliegt.
Vermieter müssen dem Entwurf zufolge in Zukunft die Hälfte der Netzentgelte, des CO2-Preises und der Kosten für biogene Kraftstoffe tragen. Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) sprach von einer „fairen Lösung“, die die richtigen Anreize setze. „Wer über das Heizungssystem entscheidet, trägt auch die wirtschaftlichen Folgen mit.“
Wenn ein Vermieter „fossile Fakten schafft“, müsse er künftig ökonomisch die Verantwortung übernehmen, sagte SPD-Fraktionschef Matthias Miersch. „Klimaschutz muss für die Mieterinnen und Mieter bezahlbar bleiben.“ Die Regelung solle für alle bestehenden und künftigen Mietverhältnisse nach einem Heizungstausch gelten.
Zuvor vereinbarte Eckpunkte der schwarz-roten Koalition für die Reform sehen vor, die Vorgabe von mindestens 65 Prozent an erneuerbaren Energieträgern beim Heizungstausch abzuschaffen. Stattdessen soll für neue Öl- und Gasheizungen vorgeschrieben werden, dass sie einen wachsenden Anteil an Biogas oder synthetischen Treibstoffen verbrennen.
Umweltverbände sehen darin einen klimapolitischen Rückschritt. WWF-Klimachefin Viviane Raddatz erklärte, die Regierung öffne „inmitten einer fossilen Energiekrise“ neuen Investitionen in Öl- und Gasheizungen „Tür und Tor“. Das gefährde die Wärmewende und bleibe auch sozial riskant. Der BUND fordert, dass Vermietende die Kostenrisiken ihrer „fossilen Fehlentscheidung“ vollständig selbst tragen sollen.
Linken-Politikerin Violetta Bock kritisiert einen „Freifahrtschein für die Gaslobby“, für deren Preise Mietende in Haft genommen würden. Die Einigung setze zudem nicht bei einer hälftigen Aufteilung der gesamten fossilen Heizkosten an, sondern nur bei minimalen zusätzlichen Kostenanteilen.
Aus Sicht des Immobilienverbands Deutschland IVD wird die angekündigte Wahlfreiheit im Heizungskeller für Vermieter mit den neuen Plänen faktisch wieder einkassiert.
Bis ein neues Gesetz gilt, will die Koalition bestehende Fristen für neue Heizungen verschieben. So soll verhindert werden, dass weitere Regelungen des Gebäudeenergiegesetzes bereits Anfang Juli greifen. Betroffen ist die 65-Prozent-Quote beim Heizungstausch in Städten mit 100.000 Einwohnern. Sie soll bis zum 1. November ausgesetzt werden, wie aus einem Kabinettsbeschluss von Mittwoch hervorgeht.
Der Deutsche Städtetag forderte mehr Planungssicherheit und Unterstützung von Bund und Ländern. „Wir hätten uns viel früher Klarheit gewünscht“, sagte Hauptgeschäftsführer Christian Schuchardt dem „RedaktionsNetzwerk Deutschland“. Viele Städte befänden sich auf der Zielgeraden, um die Wärmepläne bis Ende Juni zu erstellen.
Das Gebäudeenergiegesetz war unter der Ampelregierung beschlossen worden und galt zunächst für Neubauten. Für Bestandsgebäude bestehen Übergangsfristen. Ende Februar hatten Union und SPD Eckpunkte für ein neues Gebäudemodernisierungsgesetz vorgelegt. In der Koalition waren hauptsächlich Regelungen zum Mieterschutz umstritten, insbesondere wegen Befürchtungen steigender Nebenkosten.

Berlin (epd). Die weltweite Situation der Presse hat sich nach Angaben von „Reporter ohne Grenzen“ erneut verschlechtert. Zum ersten Mal in der 25-jährigen Geschichte der Rangliste der Pressefreiheit fielen mehr als die Hälfte aller Länder in die beiden schlechtesten Kategorien „schwierig“ und „sehr ernst“, erklärte die Journalistenvereinigung am 29. April in Berlin.
Christian Mihr, Geschäftsführer für Politik und Strategie bei „Reporter ohne Grenzen“ (RSF), sprach von einem „dramatischen Befund“. Nur noch einer von 100 Menschen weltweit könne sich durch eine vielfältige, gesunde Medienlandschaft informieren.
Auch die Pressefreiheit in Deutschland bleibt unter Druck. Die Bundesrepublik stieg um drei Plätze nach unten ab und liegt nun auf Platz 14. „Dass Deutschland erneut Plätze verliert, ist auch Ausdruck eines aufgeheizten Klimas“, erklärte Mihr.
Bei der Berichterstattung über rechtsextreme Milieus oder den Krieg in Gaza berichteten viele Journalistinnen und Journalisten „von starkem Druck, hitzigen Debatten und der Sorge, öffentlich an den Pranger gestellt zu werden“. Die Lage in Deutschland sei damit insgesamt nur „zufriedenstellend“.
Zum zehnten Mal in Folge belegt Norwegen den ersten Platz der Rangliste. Eritrea im Nordosten Afrikas ist zum dritten Mal in Folge Schlusslicht. In Syrien verbesserte sich die Situation nach dem Sturz des Assad-Regimes im Vergleich aller Länder am deutlichsten, das Land kletterte von Rang 177 auf 141. Am stärksten rutschte das westafrikanische Niger ab, um 37 Plätze auf Rang 120. Dieser Absturz stehe sinnbildlich für die sich verschlechternde Situation der Pressefreiheit in der gesamten Sahel-Region, erklärte RSF.
Die USA fielen um sieben Plätze auf Rang 64. Unter US-Präsident Donald Trump hätten Angriffe auf Medien und Pressevertreter „mittlerweile System“, erklärte RSF. In Argentinien (Platz 98, minus 11 Ränge) und El Salvador (Platz 143, minus 8 Plätze) seien mit Javier Milei und Nayib Bukele zwei Präsidenten an der Macht, die zu den lautstärksten Unterstützern Trumps in Lateinamerika zählen und ihre Pressefeindlichkeit „offen zur Schau stellen“.
Israel rutsche vor allem wegen des Gaza-Kriegs um vier Plätze auf Rang 116 ab. Seit Oktober 2023 tötete die israelische Armee nach RSF-Angaben in Gaza mehr als 220 Journalisten, darunter mindestens 70 bei der Ausübung ihrer Arbeit. Die Palästinensischen Gebiete fielen um vier Plätze auf Rang 163. Auch in Ländern wie dem Sudan (Platz 161, minus 5 Ränge), Irak (Platz 162, minus 7 Ränge) oder Jemen (Platz 164, minus 10 Ränge) seien die Auswirkungen von bewaffneten Konflikten spürbar.
Besonders die rechtlichen Rahmenbedingungen hätten sich für Medienschaffende weltweit verschlechtert, kritisierte RSF. Journalismus werde immer häufiger kriminalisiert. Auch in demokratischen Ländern werde das Recht der Bürger auf Information zunehmend beschnitten.
Die RSF-Rangliste der Pressefreiheit vergleicht die Situation für Journalisten und Medien in 180 Ländern und Territorien. Sie stützt sich auf die Indikatoren Sicherheit, politischer Kontext, rechtlicher Rahmen sowie wirtschaftliches und soziokulturelles Umfeld.

Brüssel (epd). Instagram und Facebook verstoßen nach vorläufiger Einschätzung der Europäischen Kommission gegen das EU-Gesetz über digitale Dienste (DSA). Die Plattformen setzten das in ihren Nutzungsbedingungen festgelegte Mindestalter von 13 Jahren nicht ausreichend durch, teilte die Kommission am 29. April in Brüssel mit. „Unsere vorläufigen Ermittlungen zeigen, dass Instagram und Facebook sehr wenig tun, um zu verhindern, dass Kinder unter diesem Alter auf ihre Dienste zugreifen“, erklärte EU-Digital-Kommissarin Henna Virkkunen.
Nach dem DSA müssen Plattformen ihre eigenen Vorschriften durchsetzen. Laut Angaben der Kommission nutzen dennoch etwa zehn bis zwölf Prozent der unter 13-Jährigen in der EU die Plattformen. Studien deuteten darauf hin, dass jüngere Kinder besonders anfällig für mögliche Schäden durch solche Dienste sind.
Die Kommission fordert den Instagram- und Facebook-Mutterkonzern Meta auf, seine Maßnahmen zu verstärken, um den Zugang von Kindern unter 13 Jahren wirksam zu verhindern, sie zu erkennen und von den Diensten zu entfernen. Zudem müsse das Unternehmen Risiken für Minderjährige besser bewerten und ein hohes Maß an Privatsphäre, Sicherheit und Schutz gewährleisten.
Meta kann nun zu den Vorwürfen Stellung nehmen und nachbessern. Bestätigt sich der Verdacht, drohen dem Konzern Geldbußen von bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.
Zugleich rief die Kommission die EU-Staaten auf, die Einführung einer europäischen App zur Altersüberprüfung zu beschleunigen. Um den Jugendschutz zu verbessern, hatte die EU kürzlich eine App zur Altersverifizierung entwickelt.

Berlin (epd). Im Streit um die Verleihung des Deutschen Buchhandlungspreises hat Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) eine gerichtliche Niederlage erlitten. Das Berliner Verwaltungsgericht untersagte Weimer vorläufig in einem am 30. April veröffentlichten Eilbeschluss, die Betreiberinnen der Berliner Buchhandlung „Zur schwankenden Weltkugel“ als politische Extremisten zu bezeichnen. (VG 6 L 229/26)
Die Äußerung Weimers verletze das allgemeine Persönlichkeitsrecht der beiden Buchhändlerinnen. Für die Bewertung des Kulturstaatsministers existiere keine belastbare Tatsachengrundlage. Sie verstoße zudem gegen das „amtliche Sachlichkeitsgebot“.
Die Buchhandlung „Zur schwankenden Weltkugel“ war Anfang des Jahres zusammen mit zwei weiteren Buchhandlungen von Weimer von der Preisträgerliste des Deutschen Buchhandlungspreises gestrichen worden. In einem Zeitungsinterview am 19. März hatte er dazu erklärt: „Wenn der Staat Preise vergibt und Steuergelder einsetzt, dann kann er das nicht für politische Extremisten tun.“ Zu den betroffenen Buchhandlungen gehörten auch die „Rote Straße“ in Göttingen und der „Golden Shop“ in Bremen.
Alle drei haben einer Gerichtssprecherin in Berlin zufolge auch gegen die Aberkennung des Buchhandlungspreises sowie gegen die Anwendung des sogenannten Haber-Verfahrens geklagt. Entscheidungen dazu stehen noch aus. Das Haber-Verfahren sieht vor der Vergabe einer staatlichen Förderung die Überprüfung möglicher Bezüge zum Extremismus vor. Benannt ist das Überprüfungsverfahren nach der früheren Staatssekretärin im Bundesinnenministerium, Emily Haber.
Das Berliner Verwaltungsgericht urteilte jetzt, dass Weimer auch auf Nachfrage nicht aufgeklärt habe, aufgrund welcher Informationen des Bundesamtes für Verfassungsschutz er zu der Extremismus-Bewertung gekommen sei. Die Mitteilung des Verfassungsschutzes, es lägen „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ gegen die Buchhandlung vor, reiche für die zuspitzende Bewertung als politische Extremisten nicht.
Weimer hatte es vor dem Beschluss des Gerichts abgelehnt, eine Unterlassungserklärung abzugeben. Gegen den Beschluss kann beim Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg Beschwerde eingelegt werden.
Rechtsanwalt Jasper Prigge, der die „Schwankende Weltkugel“ vertritt, erklärte am Donnerstag: „Herr Weimer hat meine Mandantinnen ohne jede faktische Grundlage rechtswidrig in der Öffentlichkeit diffamiert.“ Dies stelle eine grobe Verletzung seiner Amtspflichten dar. Im Verfahren habe Weimer seine schwerwiegenden Anschuldigungen nicht belegen können.
Prigge betonte, die Gerichtsentscheidung bestätige, dass die Tatsachengrundlage für den Ausschluss der Buchhandlungen vom Deutschen Buchhandlungspreis nicht tragfähig ist. Weimer habe sich offensichtlich auf die knappe Einschätzung des Verfassungsschutzes verlassen, anstatt nachzufragen. Dies belege, dass das „Haber-Verfahren“ rechtlich nicht haltbar ist. Prigge forderte die Bundesregierung auf, „diese rechtswidrige Praxis einzustellen“.

Erfurt (epd). Der Friedensbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Friedrich Kramer, wünscht sich mehr Differenzierung in den Medien bei der Berichterstattung über Krieg und Frieden. Es gebe eine „extreme Erwartungshaltung“ nach schnellen Antworten und klaren Statements, sagte der mitteldeutsche Bischof Kramer am 2. Mai in Erfurt. Das mache es schwierig, differenzierte Positionen darzustellen.
Kramer sprach bei der Tagung „Gut informiert? Frieden und Kriege in den Medien“ der Bonhoeffer-Niemöller-Stiftung über seine Erfahrungen nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022. Die mediale Debatte habe sich schnell auf die Frage deutscher Waffenlieferungen an die Ukraine verengt. Das sei der Komplexität des Konflikts nicht angemessen gewesen.
Zudem habe er angesichts der Debatten innerhalb der evangelischen Kirche die Erfahrung gemacht, dass vor allem Streit und Unordnung interessant seien. Das habe er vor allem gespürt, weil er sich bis heute als einer der wenigen für Friedensverhandlungen einsetze und kritisch zu deutschen Waffenlieferungen äußere. Das habe ihm nicht nur Kritik in Kommentaren von Journalistinnen und Journalisten, sondern auch Anfeindungen in Internet-Netzwerken eingebracht.
Kramer äußerte sich anerkennend zu der Arbeit kirchlicher Medien. Diese seien aus seiner Sicht um Differenzierung bemüht.

Stuttgart (epd). Mit einem Rekord von mehr als 5.000 Teilnehmern ist am 3. Mai in Stuttgart der 12. Internationale Gospel-Kirchentag zu Ende gegangen. Das „eigentliche Highlight“ liege jedoch nicht im Wachstum der Zahlen, „sondern im stillen unsichtbaren Wachstum der Herzen für ein positives Miteinander“, sagte Festivalleiter Martin Bartelworth von der Creativen Kirche Witten dem Evangelischen Pressedienst (epd). Diese hatte das Festival gemeinsam mit der Evangelischen Landeskirche in Württemberg veranstaltet.
Unter dem Motto „Colour the world“ (Gib der Welt Farbe) hatten sich drei Tage lang mehr als 200 Chöre aus 23 Ländern in der baden-württembergischen Landeshauptstadt versammelt. Mehrere zehntausend Interessierte hatten die Konzerte und Veranstaltungen vor Ort verfolgt. Zu den Höhepunkten zählten laut Bartelworth neben dem Festivalkonzert in der Porsche-Arena zur Eröffnung am Freitagabend das „Treppenkonzert“ von „Gospel im Osten“ mit 600 Sängern und die „Nacht der Chöre“, bei der in 20 Kirchen parallel gesungen wurde.
Bei dem Stuttgarter Projekt „Gospel im Osten“ sei laut Bartelworth sichtbar, wie sich die evangelische Kirche neu ausrichten und „eine neue Form von attraktiver anziehender Kirche“ sein kann. Das Festival habe gezeigt, dass Gospelmusik viele Menschen unabhängig von ihrem religiösen Hintergrund anspreche.
Der württembergische Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl sagte im Abschlussgottesdienst in der Porsche-Arena, Gospelmusik mache Hoffnung hörbar: Sie verbinde Menschen über Grenzen hinweg und setze einen „anderen Klang“ gegen Angst, Ausgrenzung und gesellschaftliche Spaltung.
Der nächste Gospel-Kirchentag soll laut den Veranstaltern vom 15. bis 17. September 2028 stattfinden. Der Ort steht noch nicht fest.

Dresden (epd). Er war ein Künstler mit Markenzeichen: Seine Motive hat er gern auf den Kopf gestellt. Er wolle das Bild aus der fatalen Abhängigkeit von der Wirklichkeit befreien, erklärte Georg Baselitz einmal. Nun ist der Maler und Bildhauer mit 88 Jahren gestorben, wie unter anderem „Welt“ und „Spiegel“ am 30. April berichteten.
Der gebürtige Sachse zählte zu den bedeutendsten deutschen Künstlern der Gegenwart. Sein Werk war provokant, radikal und unangepasst. Regel- und Tabubrüche gehören dazu. „Künstler müssen widersprechen - wer, wenn nicht wir?“, sagte Baselitz vor einigen Jahren bei einem Besuch in Dresden.
Schon Jahre zuvor hatte er behauptet: Für einen Künstler sei Talent gar nicht nötig, nur „das Anderssein ist existenziell“. Seine Werke vermitteln den Eindruck von Zerrissenheit und Disharmonien. Er selbst fühlte sich aber nach eigenen Aussagen nicht besonders aggressiv oder zerrissen. Er wolle vor allem „Bilder malen, die bisher nicht da waren“.
Baselitz wurde am 23. Januar 1938 als Hans-Georg Kern in Deutschbaselitz geboren, einem heutigen Stadtteil von Kamenz im sächsischen Landkreis Bautzen. Sein Künstlername nimmt Bezug auf den Ort seiner Kindheit. Er war Kriegskind, sein Vater Nazi, ihr Verhältnis schwierig. 1956 begann Kern ein Studium an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Ost-Berlin, wurde jedoch nach nur zwei Semestern wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“ von der Hochschule verwiesen.
Der Maler wuchs im Kalten Krieg auf und gehörte zu den frühen Emigranten aus der DDR: 1958 zog er nach West-Berlin, wo er sein Studium an der Hochschule für bildende Künste fortsetzte. Später lehrte er an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe und an der Hochschule der Künste in Berlin. Mit seiner Frau Elke war er seit Jahrzehnten verheiratet, lebte mit ihr seit 2013 in Salzburg.
Die erste Einzelausstellung hatte er 1963 in der Berliner Galerie Werner & Katz. Mit Darstellungen von nackten Männern sorgte er für Aufsehen. Zwei Gemälde wurden gar als sexuell anstößig angesehen und von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Neben Gemälden, Holzschnitten und Linolschnitten begann Baselitz Ende der 70er Jahre mit Plastiken aus Holz. Er formte Figuren und Köpfe, die er nur grob bearbeitete und mit Farbe bemalte.
Am liebsten stelle er seine neuesten Bilder aus, hat er einmal betont, denn von denen sei er „vollständig überzeugt“. Vielleicht arbeitete er auch deshalb ab 2005 an einem „Remix“: Dazu hat er einige seiner Werke noch einmal gemalt. Das Ergebnis war 2006 in der Pinakothek der Moderne in München zu sehen.
Den späteren Werkgruppen sagen Kritiker eine Leichtigkeit nach, die früher bei ihm nie erwartet wurde. Allen seinen Arbeiten eigen aber sei die Vehemenz, das Ungestüme. „Ich bin ein renitenter Typ“, sagte Baselitz einmal. Überall sei er rausgeflogen. Aber er habe auch unbedingt auffallen wollen. Schließlich müsse sich ein Maler durchsetzen.
Bekannt wurde er für neoexpressionistische Gemälde, eine unverwechselbare, grobe Pinselführung sowie kräftige Farben. Den abstrakten Expressionismus der US-amerikanischen Maler und später die Pop-Art zählte er zu seinen wichtigsten Inspirationen.
Baselitz hat sich mit der deutschen Geschichte, vor allem dem Trauma der Kriegs- und Nachkriegszeit, auseinandergesetzt. Seine grotesk überzeichnete Darstellung von arg zugerichteten, entwurzelten „Helden“ provozieren. Auch sein Arbeitsstil war durchaus ungewöhnlich: Baselitz malte in der Hocke, auf den Knien oder auch mal im Liegen.
Im Jahr 1992 schenkte er der evangelischen Kirchengemeinde von Luttrum bei Hildesheim das Gemälde „Tanz ums Kreuz“. In dem Dorf war der Protest allerdings so stark, dass Baselitz das Gemälde wieder entfernte und in sein damaliges Domizil im nahegelegenen Schloss Derneburg brachte.
Arbeiten von ihm hängen weltweit in Museen und Sammlungen. Als einer der wenigen Deutschen durfte er eine Einzelausstellung im MoMA in New York gestalten. „Baselitz war immer und wollte immer ein moderner Künstler sein“, sagt der Galerist Fred Jahn in einem 2013 erschienenen Film, „nur die Moderne, die er wollte, die gab’s nicht“.
Aus Protest gegen das Kulturgutschutzgesetz - es soll die Abwanderung von bedeutenden Kulturgütern ins Ausland verhindern - ließ Baselitz 2015 seine Dauerleihgaben in bekannten deutschen Museen abhängen.
2018 präsentierten die Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD) eine Grafik-Werkschau zum 80. Geburtstag von Baselitz. Etwa 80 seiner Arbeiten wurden Grafiken deutscher, italienischer und niederländischer Altmeister des 16. Jahrhunderts gegenübergestellt. Baselitz war begeistert: „Ich habe eine Sache noch nie so schön vor mir hängen sehen, also muss es wertvoll sein.“
Mit 83 Jahren hatte sich der Maler noch ein neues Atelier in Salzburg eingerichtet. Über den Antrieb für seine Kunst sagte er: „Am Ende wollte ich aus diesem Grau rauskommen.“

Bonn (epd). Einsiedlerkrebse haben häufig mit Obdachlosigkeit zu kämpfen. Denn die Meeresschneckenhäuser, die den Tieren als Behausung dienen, werden an den Stränden massenhaft von Touristen oder für die Schmuckherstellung gesammelt. Wie so oft steht Ökonomie gegen Ökologie. Die japanische Künstlerin Aki Inomata entwickelt aus diesem Dilemma Kunst.
Sie erstellt aus biologisch abbaubarem Kunstharz 3D-gedruckte Schneckenhäuser für die Krebse, welche mit den Skylines verschiedener Städte geschmückt sind. Inomatas erste Museumsausstellung in Deutschland, die in Bonn zu sehen ist, steht an der Seite einer Installation der deutschen Medienkünstlerin Hito Steyerl.
Auch Steyerl, die als eine der weltweit einflussreichsten Künstlerinnen gilt, reflektiert in ihrer Rauminstallation „Animal Spirits“ die Zusammenhänge zwischen Mensch, Natur und Ökonomie. Das immersive Werk der Berliner Künstlerin ist erstmals wieder in einem deutschen Museum zu sehen, seit Steyerl es auf der documenta 2022 in Kassel kurz nach der Eröffnung schon wieder abbauen ließ. Sie protestierte damit gegen die aus ihrer Sicht unzureichende Aufarbeitung des Antisemitismusskandals durch die damalige documenta-Leitung. Die raumgreifende Installation kam als Dauerleihgabe ins Kunstmuseum Bonn.
Den thematischen Auftakt zu Steyerls Installation bildet die Ausstellung „Aki Inomata. Mit-Werden“, die drei Werkserien aus den vergangenen 15 Jahren präsentiert. Die 1983 in Tokio geborene Künstlerin versteht ihre Arbeit als Miteinander von Mensch, Maschine und Natur. Sie bindet Meerestiere in die Schaffung ihrer Werke ein. So entsteht ihre Serie „Why Not Hand Over a 'Shelter' to Hermit Crabs?“ in Kooperation mit Einsiedlerkrebsen.
In der Ausstellung sind bis zum 1. November die 3D-gedruckten transparenten Schneckenhäuser mit den Stadtbildern Tokios, New Yorks und Santorinis zu sehen. In einem Video lässt sich beobachten, wie ein Einsiedlerkrebs in das künstliche Schneckenhaus einzieht.
Einsiedlerkrebse müssen in ihrem bis zu 30 Jahre dauernden Leben immer wieder in größere Schneckenhäuser umziehen, um weiter wachsen zu können. Falls das nicht gelingt, ist ihr Leben gefährdet. Für viele Menschen stelle sich ebenfalls die Frage: „Was passiert, wenn man sein Zuhause verlassen muss?“, sagt Inomata. Zugleich trage der Mensch zum „Wohnungsmangel“ der Krebse bei.
Für „Memory of Currency“ applizierte Inomata die 3D-gedruckten Konterfeis von auf Geldscheinen abgebildeten Personen in das Innere von Perlaustern. Diese umschlossen den Gesichtsabdruck - etwa von Queen Elizabeth, George Washington oder Karl Marx - mit Perlmutt. Inomata erinnert damit an die Vergänglichkeit der materiellen Bedeutung von Geldscheinen und den Zusammenhang von Warenaustausch, Währung und Natur. Muscheln wurden bei indigenen Völkern als Währung verwendet.
Für die Arbeit „Think Evolution #1: Kiku-ishi (Ammonite)“ rekonstruierte Inomata nach dem Vorbild einer Fossilie mit 3D-Drucktechnik die Schale eines Ammoniten. Diese mit den Tintenfischen verwandten Meerestiere starben zeitgleich mit den Dinosauriern aus. Inomata filmte den Einzug eines kleinen Tintenfisches in das rekonstruierte Schneckenhaus und zieht damit eine Linie über Millionen Jahre evolutionärer Entwicklung bis zu hochaktuellen technischen Verfahren.
Hito Steyerl, 1966 in München geboren, spannt mit ihrer Installation einen Bogen von rund 40.000 Jahre alten Höhlenmalereien bis zu KI-getriebenen Techniken. Sie schafft eine Höhle mit animierten steinzeitlichen Malereien, die über die meterhohen Wände flackern. Im Raum verteilt hängen Glaskugeln, in denen Kräuter in violettem Licht wachsen. Sie erinnern an futuristische Modelle einer Welt, in der Menschen entweder auf der luftverschmutzten Erde oder auf fremden Planeten unter einer Glocke mit künstlicher Atmosphäre leben.
Im Zentrum von Steyerls Installation steht der Film „Animal Spirits“. Der Titel bezieht sich auf einen von John Maynard Keynes (1883-1946) geprägten Begriff. Damit beschrieb der britische Wirtschaftswissenschaftler den Einfluss von irrationalen Elementen wie Gefühlen oder Herdenverhalten im Wirtschaftsgeschehen, die zu konjunkturellen Schwankungen führen können.
Steyerls Film behandelt in einer Mischung aus Reality-TV-Show, Dokumentarfilm und Animationen Themen wie die Verbreitung von Kryptowährungen und die Bedeutung unterschiedlicher landwirtschaftlicher Systeme. Zu Wort kommt der Aktivist und YouTuber Nel. Der Historiker stieg aus dem Stadtleben aus, wurde zum Ziegenhirten und produziert seinen eigenen Käse. Die gelben Käselaiber in seinen Regalen mit ihren in die Rinde eingeprägten Nummern erinnern dabei seltsamerweise an Goldbarren in einem Banktresor.

Nairobi (epd). Es ist ein sommerlicher Samstag in Nairobi. Das Restaurant „Carnivore” ist beliebt bei Touristen und berühmt für den Grill mit Krokodil-, Straußen- und Kamel-Fleisch. Heute steht hier Musik auf dem Plan, die man in Kenia vielleicht nicht erwartet: ein Metal-Konzert. Schon der Soundcheck mit Gitarre, Drums und Gesang ist ein absoluter Clash der Kulturen. Die Mitglieder der Black-Metal-Band “Chovu" headbangen mit ihren langen Dreadlocks, alle tragen dunkle Klamotten. Neugierige Kinder sehen zu, machen die Bewegungen des Sängers Preston Samanda nach.
„Ich bin mit einem Interesse an Mystik und den dunklen Künsten als Ausdrucksform aufgewachsen“, sagt Samanda. Als er zum ersten Mal Metal gehört habe, habe er gedacht: „Das ist es endlich!“ Samanda: „Ich konnte kaum glauben, dass es erlaubt war, so etwas aufzunehmen.“ Mittlerweile hat er mit seiner Band mehrere Alben aufgenommen. Der Name Chovu bedeutet in Kisuaheli „etwas Schlechtes“: „Unser Name soll symbolisieren, wie viel tiefe Kultur durch das Schlecht-Machen unserer Traditionen seit der Kolonialzeit verloren gegangen ist“, erklärt Samanda.
Er und seine Band haben sich für dieses Jahr ein Ziel gesetzt: Sie möchten zwischen dem 29.7. und 1.8. beim „Wacken Open Air“ auftreten. Seit 2004 gibt es einen weltweiten Wettbewerb, in dem sich Bands für einen Slot auf dem Kult-Metal-Festival auf dem schleswig-holsteinischen Land bewerben können. Bands aus 54 Ländern können 2026 am sogenannten Metal Battle teilnehmen. Der Kenianer Samanda schätzt an Wacken, wie viel Aufwand die Organisatoren in die Präsentation der besten Metal-Band stecken, wenn diese dort auf der Bühne steht. Mit dem Wettbewerb öffne das Wacken-Festival auch für afrikanische Bands wie Chovu neue Räume, sagt der 29-Jährige.
Weil sich in Kenia nur eine Band beworben hat, ist Chovu direkt qualifiziert für das Afrika-Finale in Südafrika im Juni. Amos Kiptoon von der Rock Society of Kenya organisiert seit 2023 den Wacken-Auswahl-Wettbewerb in Kenia. „Diese Art von Wettbewerb aus Deutschland bietet diesen Bands wirklich gute Möglichkeiten, ihren Bekanntheitsgrad über die Region hinaus zu steigern“, sagt er. Und das sei wichtig, denn Metal-Musiker bekämen nicht viel Unterstützung von der lokalen Unterhaltungsindustrie. „Die sieht diese Musik leider eher negativ. Sie meidet sie. Veranstaltungsorte sind nicht wirklich aufgeschlossen.“
Die Reisekosten zum Afrika-Finale in Südafrika und - falls sie dort gewinnen - zum großen Finale in Deutschland müssen die Bands selbst tragen. Wenn sie Glück haben, gibt es Unterstützung von der Wacken Stiftung. Wer das Finale in Deutschland gewinnt, bekommt einen Slot beim Wacken Open Air, Equipment und ein Preisgeld von 5.000 Euro. Vor zehn Jahren gelang das der südafrikanischen Band „The Zombies ate my girlfriend“. Nicht in Wacken, aber in Süddeutschland und der Schweiz sollte Chovu vergangenes Jahr schon spielen, aber die Visaanträge für Deutschland wurden abgelehnt.
Der Abend im „Carnivore“ in Nairobi ist fortgeschritten. Vor Chovu spielen die beiden Metal-Bands, die in den vergangenen Jahren für Kenia zum Finale nach Südafrika gereist sind. Das Publikum findet sich langsam ein, am Ende sind es vielleicht 40 Leute, viele kennen sich. Als Chovu um halb zwölf anfängt zu spielen, regnet es draußen, als würde die Welt untergehen.
Die fünf jungen Männer und zwei jungen Frauen mit weiß geschminkten Gesichtern ziehen das Publikum in ihren Bann. Beamer-Projektionen zeigen die Jahreszahl 1653 - das Jahr, in dem die Sklavenhandelsfestung im ghanaischen Cape Coast gebaut wurde. Daneben Bilder von den geschundenen Rücken von Sklaven und der Satz „Ein Portal zur Hölle wurde geöffnet“. Die Band will dazu beitragen, die bis heute von der britischen Sichtweise geprägten, oft verharmlosenden Narrative über Sklaverei und die koloniale Ausbeutung des afrikanischen Kontinents zu korrigieren.
„Ich möchte, dass Chovu eine Plattform von kultureller Relevanz ist und dass sie informiert“, sagt Samanda. Sein Drummer Larry Kim stimmt zu: „Wir sind eine kulturelle Band.“ Für ihn ist eine der Missionen von Chovu auch, unterschiedliche afrikanische Mythen bekannter zu machen. „Jeder kennt Zeus und Athene - allein in Kenia gibt es 42 ethnische Gruppen mit unterschiedlichen Legenden, die es wert sind, zu kennen.“
Chovus' Performance zieht das Publikum in den Bann. Sie ist ein ein bisschen gruselig und lässt die Zuhörer nachdenklich zurück - vielleicht auch bald die Metaller in Wacken.
Mainz (epd). Die Stadt Mainz, das ZDF und der Sender 3sat haben den Mainzer Stadtschreiberpreis an den Schriftsteller und Musiker Sven Regener verliehen. „Seine Romane, Drehbücher und Songtexte beschreiben die Dramen des Alltäglichen und wissen um die Poesie des Strauchelns“, hob die Jury nach der Mitteilung des ZDF vom 30. April hervor. Mit dem melancholischen Ton seiner Band Element of Crime und dem lakonisch norddeutschen Sound seiner Romane um Herrn Lehmann in Zeiten deutscher Umbrüche erreiche Regener ein großes Publikum.
Regener sei bekannt dafür, „mit großer Genauigkeit auf das Alltägliche zu schauen und die leisen Zwischentöne ernst zu nehmen, aus denen sich das Leben einer Stadt oft erst wirklich erschließt“, sagte der Mainzer Oberbürgermeister Nino Haase (parteilos). Der Preisträger kommentierte die am Mittwoch erfolgte Preisvergabe mit den Worten: „Das hat was, weil es absurd ist und deshalb genau richtig und angemessen, das Absurde ist ja immer das Gute, wenn es um die Kunst geht.“
Der Mainzer Stadtschreiber-Literaturpreis ist mit 12.500 Euro dotiert. Der Preisträger erhält für ein Jahr Wohnrecht in der Stadtschreiberwohnung in der Altstadt sowie das Angebot, zusammen mit dem ZDF und 3sat einen Film nach freier Themenwahl zu produzieren. Im vergangenen Jahr war die Schriftstellerin Annett Gröschner Mainzer Stadtschreiberin.
Der verlorene Mann
Als Kurt (Harald Krassnitzer) plötzlich vor Hannes (Dagmar Manzel) Haus steht, das sie einst gemeinsam bewohnten, ist sie völlig perplex. Seit 20 Jahren haben sie sich kaum gesehen, inzwischen lebt sie glücklich mit Bernd (August Zirner). Erst ein Armband mit Telefonnummer klärt auf: Kurt leidet an Alzheimer, lebt in Kurzzeitpflege und ist orientierungslos. Als Hanne und Bernd ihn nicht zurückbringen können, bleibt er bei ihnen - überzeugt, ihre Ehe bestehe noch. Was wie eine Demenzgeschichte beginnt, wird zum sensiblen Beziehungsdrama. Hanne wird in die Vergangenheit zurückgeworfen, während Kurt seine Persönlichkeit bewahrt: charmant, aufmerksam, liebebedürftig. Bernd versucht zunächst, seine Eifersucht zu unterdrücken, setzt der Situation aber schließlich ein Ende. Der Film zeigt behutsam das Fortschreiten der Krankheit und wie Erinnerungen und Gegenwart ineinanderfließen. Ohne Pathos vertraut er ganz auf die Kraft der Bilder und das Spiel seiner Darsteller.
Der verlorene Mann (Deutschland 2026). Regie: Welf Reinhart. Buch: Tünde Sautier, Welf Reinhart. Mit: Dagmar Manzel, Harald Krassnitzer, August Zirner, Lene Dax, Dionne Wudu. Länge: 106 Min. FSK: ab 12.
Nachbeben
Das Second-Victim-Phänomen beschreibt die Belastung und mögliche Traumatisierung von medizinischem Personal nach Behandlungsfehlern. Im Zentrum steht die Neurologin Alex (Özlem Saglanmak), die einen jungen Patienten trotz warnender Anzeichen entlässt - mit fatalen Folgen. Der Film zeigt eindringlich, dass es mehr als ein Opfer gibt: Neben dem Verstorbenen leiden auch Ärztin, Angehörige und das soziale Umfeld. In ruhigen, intensiven Bildern entfaltet sich ein System aus Druck, Verantwortung und Angst vor Konsequenzen. Alex erscheint zugleich kompetent und überfordert, ihre Härte kaschiert Unsicherheit. Auch die Mutter (Trine Dyrholm) durchläuft einen glaubwürdigen Wandel von Vertrauen zu Wut. Ohne einfache Antworten zeichnet Regisseurin Zinnini Elkington ein beklemmendes Bild struktureller Überlastung, getragen von nuanciertem Schauspiel und einer dichten Atmosphäre.
Nachbeben (Dänemark 2025). Regie, Buch: Zinnini Elkington. Mit: Özlem Saglanmak, Trine Dyrholm, Mathilde Arcel Fock, Olaf Johannessen, Anders Matthesen. Länge: 92 Min. FSK: ab 12.
Nürnberg
Rund 80 Jahre nach Beginn der Nürnberger Prozesse greift der Film das historische Tribunal auf, das erstmals Angriffskrieg, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit juristisch ahndete. Im Mittelpunkt steht der amerikanische Militärpsychologe Douglas M. Kelley (Rami Malek), der die Angeklagten begutachten soll. Zunehmend verlagert sich der Fokus auf seine Beziehung zu Hermann Göring, der als charismatische, manipulative Figur inszeniert wird. Besonders diese Darstellung ist ambivalent: Zwar von Russell Crowe eindrucksvoll gespielt, erhält Göring eine problematische Größe, die historisch fragwürdig wirkt. Zwischen ihm und Kelley entsteht eine emotionale Dynamik, die jedoch psychologisch nicht überzeugend erklärt wird. Trotz ambitionierter Perspektive gelingt es dem Film nur teilweise, seinem Anspruch gerecht zu werden.
Nürnberg (USA 2025). Regie, Buch: James Vanderbilt. Mit: Russell Crowe, Rami Malek, Michael Shannon, Leo Woodall, Richard E. Grant. Länge: 148 Min. FSK: ab 12.
Wild Foxes
Im Boxfilm wird traditionell Männlichkeit verhandelt - vom Aufstiegskämpfer bis zum selbstzerstörerischen Macho. Der belgische Regisseur Valéry Carnoy richtet den Blick nach innen: In einem französischen Elite-Sportinternat folgt er dem talentierten Nachwuchsboxer Camille (Samuel Kircher). Zwischen hartem Training, Konkurrenzdruck und toxischer Gruppendynamik, geprägt durch Trainer Bogdan (Jean-Baptiste Durand) und Rivalitäten mit Matteo (Fayçal Anaflous), will Camille Profi werden. Nach einem schweren Unfall leidet er jedoch unter Schmerzen und Panikattacken. Schnell wird er wegen seiner psychischen Vulnerabilität zum Außenseiter und von seinen Mitschülern, auch von Matteo, gnadenlos malträtiert. Das preisgekrönte Drama verbindet ein hartes Coming-of-Age mit einer sensiblen Analyse männlicher Rollenbilder. In der Begegnung mit Yas (Anne Heckel) eröffnet sich Camille eine Alternative zur brutalen Kultur der Stärke.
Wild Foxes (Frankreich/Belgien 2025). Regie, Buch: Valéry Caroy. Mit: Samuel Kircher, Fayçal Anaflous, Anna Heckel. Länge: 92 Min. FSK: ab 12.

Nzara (epd). An diesem Sonntagmorgen ist es voll im St. Theresa-Hospital in Nzara im südsudanesischen Bundesstaat Western Equatoria. Die Regenzeit beginnt und die Straßen zum Klinikum sind verschlammt. Trotzdem haben sich mehr als 100 Menschen aufgemacht, um sich in St. Theresa behandeln zu lassen. Schon Tage zuvor haben örtliche Radiosender von der Ankunft eines deutschen Zahnarztteams berichtet, auch im sonntäglichen Gottesdienst wurden die Mediziner angekündigt.
Während sich die Patientinnen und Patienten vor der Tür der kleinen Zahnklinik auf lange Wartezeiten einrichten, baut drinnen Zahnarzt Armin Reinartz aus dem rheinischen Stolberg mit einem Schreibtischstuhl und einer Stirnleuchte seine improvisierte Untersuchungspraxis auf. Hier sollen zunächst die Schmerzpatienten von den weniger dringlichen Fällen getrennt werden. „Wir machen hier erst einmal eine Triage“, sagt Reinartz und bittet seinen Kollegen Andrew Ngbamboligbe um Unterstützung bei der Erstbegutachtung.
Ngbamboligbe kam vor einigen Jahren als Flüchtling aus dem Kongo in den Südsudan. Er lebte im Flüchtlingslager Makpandu, bot dort seine Dienste als Zahnarzt an und ist inzwischen Leiter der Dentalabteilung in Nzara. Eine neue Patientin hält sich die Wange vor Schmerz. „Abszess“, sagt Armin Reinartz auf Englisch und sein Kollege stimmt ihm nickend zu. Ein Notfall, der sofort behandelt werden muss.
Reinartz ist zum zweiten Mal für etwas mehr als eine Woche im Südsudan. Seine Tochter führt die gemeinsame Praxis in der Zeit allein. 2025 war er über die Vermittlung eines befreundeten Entwicklungshelfers und auf Bitten der nationalen Bischofskonferenz zum ersten Mal in das Krankenhaus gekommen, um die beiden Kollegen vor Ort zu unterstützen. „Das ist hier die einzige Zahnklinik weit und breit“, sagt er. „Die nächste Möglichkeit ist in der Hauptstadt Juba. Das sind von hier aus rund zwölf Stunden mit dem Auto oder mehr als eine Stunde mit dem teuren Flugzeug. Für die hiesigen Patienten mehr als eine Zumutung - oft auch finanziell.“
Südsudan, das 2011 seine Unabhängigkeit vom Sudan erlangte, ist eines der ärmsten Länder der Welt. Gewalttätige ethnische und politische Konflikte, Dürren und Überschwemmungen haben viele Menschen zu Vertriebenen werden lassen. Rund 70 Prozent der gut zwölf Millionen Einwohner sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, gerade einmal 1,3 Prozent des Staatshaushalts werden in die Gesundheitsversorgung investiert.
Unzählige Male war Reinartz bereits zur zahnmedizinischen Unterstützung in afrikanischen Ländern unterwegs. Vier Monate lang lebte und arbeitete er zusammen mit seiner Frau in einem Dorf in Kamerun. „Es geht uns eigentlich darum, dass wir hier nicht zum Behandeln kommen, sondern um Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Wir besorgen zahnmedizinisches Equipment aus Europa und bilden die Leute vor Ort weiter“, erklärt Reinartz den Ansatz der Organisation, für die er seit Jahren unterwegs ist.
„Secours Dentaire International“ wurde 1986 von Schweizer Zahnärzten gegründet. Sie haben zunächst in West- und Ostafrika Dentaltherapeuten ausgebildet. Inzwischen gehören rund 50 Schweizer Zahnärzte und drei Kollegen aus Deutschland dazu. Viele von ihnen reisen immer wieder auf den afrikanischen Kontinent, geben dort ihr Wissen weiter und sammeln in Deutschland und der Schweiz Geld- und Sachspenden.
An diesem Sonntag im Nzara mitten im Äquatorregenwald-Gebiet müssen sich Armin Reinartz und sein deutscher Kollege Alexander Schafigh aufteilen: Reinartz und Ngbamboligbe übernehmen die Triage, Schafigh und der kongolesische Zahnarzt Joseph Kindosa behandeln die ersten Akutfälle. Vornehmlich gehe es darum, Zähne zu ziehen und Infektionen vorzubeugen, weist Kindosa seinen deutschen Kollegen ein. Auf rund zehn Quadratmetern haben sie ihren Behandlungsraum eingerichtet. Immer zwei Patienten können parallel versorgt werden, örtliche Helfer unterstützen.
In der Ecke steht ein kleiner Instrumenten-Sterilisator, welcher in diesen Tagen im Dauereinsatz ist und vor sich hin brummt. Ein deutscher Augenarzt hatte ihn einige Jahre zuvor für die örtliche Augenklinik besorgt. Armin Reinartz hatte schon im vergangenen Jahr einige zahnärztliche Geräte nach Nzara transportiert, wie einen Poliermotor für Zahnprothesen. Dieses Jahr brachten die deutschen Ärzte zusätzliche Instrumente und Materialien für Zahnfüllungen mit.
Mehr als 100 Zähne müssen Reinartz und seine Kollegen jeden Tag ziehen. Oftmals sei nur noch die Wurzel im Kiefer, berichtet Reinartz. Hinzu kommen Abszesse und andere Entzündungen. Viele Patientinnen wiesen zudem Anzeichen von häuslicher Gewalt auf: Es sei keine Seltenheit, sagt Armin Reinartz, dass Frauen beschädigte Zähne hätten.
Am Ende des Tages haben Reinartz und Schafigh unzählige Spritzen mit Betäubungsmitteln aufgezogen, der kleine Sterilisator in der Ecke hat durchgehalten. Nur der Akku der Stirnleuchte schwächelt. Am Tag darauf werden die beiden Zahnärzte wieder in das Krankenhaus kommen, wieder Zähne ziehen und ihren afrikanischen Kollegen zeigen, wie sie mit dem mitgebrachten Material aus Deutschland Zahnfüllungen herstellen können. Damit die Patientinnen und Patienten auch versorgt werden können, wenn Reinartz und Schafigh wieder abgereist sind.

Düsseldorf (epd). Die Schuldenkrise zahlreicher Länder im Globalen Süden droht sich zu verschärfen. Hohe Energie- und Lebensmittelpreise als Folge des Iran-Kriegs werden die Staatshaushalte in vielen der hoch verschuldeten Länder weiter belasten, wie aus dem am 28. April veröffentlichten Schuldenreport 2026 von Misereor und erlassjahr.de hervorgeht.
Demnach sind inzwischen 69 Länder im Globalen Süden „hoch oder sehr hoch“ verschuldet, darunter Pakistan, Kenia, Libanon und Sri Lanka. Sie alle müssten im Schnitt rund 13 Prozent ihrer Staatseinnahmen für Zins- und Tilgungszahlungen an ausländische Gläubiger entrichten. In den finanziell besser gestellten Industrieländern sei diese Quote mit knapp sechs Prozent dagegen weniger als halb so hoch, hieß es. Als Folge übersteige der Schuldendienst der Entwicklungsländer in vielen Fällen die nationalen Ausgaben für Bildung und Gesundheit.
Die steigenden finanziellen Engpässe stoßen dabei auf eine sinkende Unterstützung durch Geberländer. Eine Entspannung sei deshalb nicht zu erwarten, heißt es in dem Report: „Die öffentliche Vergabe von Zuschüssen und Krediten an Länder des Globalen Südens ist zuletzt deutlich eingebrochen, auch infolge gekürzter Mittel in der Entwicklungszusammenarbeit.“
Einen besonders radikalen Kurswechsel hätten im Vorjahr die USA unter der Regierung von Präsident Donald Trump mit der faktischen Auflösung der Entwicklungsbehörde USAID vollzogen. Hinzukomme der Rückzug aus multilateralen Abkommen und Organisationen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Es bestehe daher die Gefahr einer weiteren Verschleppung der Schuldenkrise, mit der Folge, dass die finanzielle Abhängigkeit betroffener Länder weiter zunehme.
Vor diesem Hintergrund forderten Fachleute bei Misereor und erlassjahr.de eine „radikale Neugestaltung“ der internationalen Schulden- und Finanzarchitektur. Dazu gehörten eine stärkere Mitbestimmung der Schuldnerländer sowie Schuldenerleichterungen, um den betroffenen Staaten wieder mehr Spielraum zu geben. Die Industrieländer blockierten das bisher.
Aktuell müssen laut dem Report afrikanische Länder am internationalen Markt im Schnitt rund dreieinhalbmal so hohe Zinsen wie die USA zahlen. Auch sei in den Ländern mit einer sehr hohen Last an Auslandsschulden der Anteil von Menschen in extremer Armut mit rund 18 Prozent fast doppelt so hoch wie im weltweiten Durchschnitt, hieß es.
Der Schuldenreport wird jährlich vom katholischen Hilfswerk Misereor und dem Bündnis erlassjahr.de herausgegeben. Dieses wird von 500 Organisationen aus Kirche, Politik und Zivilgesellschaft getragen und ist eingebunden in ein weltweites Netzwerk nationaler und regionaler Entschuldungsinitiativen.

Guadalajara (epd). Die Cumbia-Musik aus dem Nachbarhaus dröhnt, als die Spitzhacke auf etwas Hartes stößt. Freigelegt werden: graue Nike-Turnschuhe, Größe 37, eine Goldkette mit dem Anhänger eines Heiligen. Dinge, die mutmaßlich einem 13-Jährigen gehörten, bevor er in einem verlassenen Haus in Tlajomulco endete. Von dem Jungen sind nur Knochenfragmente und sein Gebiss geblieben.
Es sind Mitglieder der „Guerreros Buscadores“, der „suchenden Krieger“, die hier graben: Angehörige von Verschwundenen aus dem Bundesstaat Jalisco im Westen Mexikos, die regelmäßig mit Spaten, Handschuhen und anonymen Hinweisen aus dem Netz ausrücken. Lupita Gutiérrez Avilo und vier weitere Mitglieder bilden einen Halbkreis um die Überreste des Kindes, fassen sich an den Händen und beten. Die 54-Jährige sucht ihren eigenen Sohn: José Manuel. „Seit vier Jahren, einem Monat und vier Tagen“, betont sie. Auf ihrem weißen T-Shirt ist sein Foto gedruckt.
Tlajomulco ist ein schnell gewachsener Bezirk am südlichen Rand der Stadt Guadalajara. Wegen Zehntausender leerstehender Wohnungen trägt die Gegend den Spitznamen „Tschernobyl“. Sie steht exemplarisch für die Fehlentwicklung in der Region: halbfertige Straßen, Bauruinen, abgelegene Orte, an denen kriminelle Gruppen versuchen, ihre Spuren zu verwischen. Kein Zufall, dass die „Guerreros Buscadores“ hier immer wieder fündig werden. Im Bundesstaat Jalisco gelten laut staatlichem Register mehr als 16.000 Menschen als verschwunden, die höchste Zahl im ganzen Land.
Das Ausmaß dieser Krise wurde wenige Monate vor dem Anstoß zur Fußball-WM, die in den USA, Kanada und Mexiko ausgetragen wird, schlagartig sichtbar. Am 22. Februar wurde „El Mencho“, der mächtige Anführer des Kartells „Jalisco Nueva Generación“, bei einem Militäreinsatz gefasst und starb auf dem Weg in die Hauptstadt. Die Reaktion des Kartells folgte unmittelbar: 252 Straßenblockaden, brennende Fahrzeuge - in 20 der 32 Bundesstaaten. FIFA-Präsident Gianni Infantino kommentierte die Ereignisse kurz darauf knapp: „Wie überall passieren Dinge. Die Weltmeisterschaft wird ein unglaubliches Fest sein.“
Gutiérrez Avilo und die „Guerreros Buscadores“ waren nur wenige Tage zuvor in Sichtweite des Estadio Akron unterwegs, jenem Stadion, in dem vier WM-Spiele ausgetragen werden und in dessen Umgebung die Gruppe seit Jahren sucht. Indira Navarro, die Gründerin, macht keinen Hehl aus ihrer Verbitterung: „Jetzt kommt die Weltmeisterschaft, und sie wollen die Funde der geheimen Massengräber rund um das Stadion herunterspielen - dabei sind wir nicht einmal einen Kilometer davon entfernt.“ Laut dem Angehörigen-Kollektiv wurden in der Region rund um das Stadion in den vergangenen Jahren 456 Tüten mit menschlichen Überresten gefunden. „Statt dass die Staatsanwaltschaft ermittelt, finden oft wir die Beweise.“
Während die Suchenden graben, wird die Stadt für die Weltöffentlichkeit hergerichtet. Fassaden werden neu gestrichen, Plätze begrünt. Doch an Orten, an denen WM-Werbung prangt, hängen auch Fotos von Vermissten. Viele Angehörige ärgern sich darüber, dass sie diese Plakate nicht mehr überall anbringen dürfen. Einige sehen darin den Versuch, die Verschwundenen gerade jetzt weniger sichtbar zu machen.
Mexiko verzeichnet offiziell mehr als 130.000 Vermisste. Die Regierung von Präsidentin Claudia Sheinbaum ließ die Zahlen vor der WM überprüfen und stufte nur noch rund 43.000 Fälle als aktuell aktiv ein. Angehörige und NGOs kritisieren, dass die Krise dadurch kleingerechnet werde. Und auch die Vereinten Nationen schlagen Alarm: Es gebe „wohlbegründete Hinweise“, dass das Verschwindenlassen in Mexiko „weit verbreitet oder systematisch“ sei - und damit den Charakter von Verbrechen gegen die Menschlichkeit annehmen könne.
Die Antwort der Regierung auf die Sicherheitslage ist vor allem militärisch. Sheinbaum stellte den „Plan Kukulkán“ vor: Rund 99.000 Einsatzkräfte sollen die WM absichern. David Mora, Mexiko-Experte bei der Denkfabrik Crisis Group, sagte dem kanadischen Radiosender CKOM News: Der Touristenstrom sei „gewissermaßen ein Glücksfall“ für die organisierte Kriminalität. Kartelle verdienten an Drogen, Sexarbeit und nutzten Großveranstaltungen zur Geldwäsche, etwa über Cateringfirmen, Shuttle-Dienste oder Sicherheitsunternehmen. Möglicherweise sorgt gerade dieses Eigeninteresse für relative Ruhe, solange die Welt hinschaut.
Für Lupita Gutiérrez Avilo sind solche Überlegungen weit entfernt. Laut dem Nationalen Institut für Statistik und Geografie werden rund 90 Prozent der Straftaten in Mexiko nicht aufgeklärt. Seit mehr als vier Jahren hatte Gutiérrez Avilo nur vier Termine bei der Staatsanwaltschaft. Statt neuer Erkenntnisse wird sie dort gefragt, ob sie selbst Hinweise habe. Zuletzt fand ihr Kollektiv, nach einem anonymen Tipp, in einem verlassenen Haus die Leichenteile eines Uber-Fahrers, der seit 2022 vermisst wird.
Die Weltmeisterschaft, sagt sie, sei auch eine Chance: „Aber wir müssen laut bleiben. Die Menschen sollen wissen: Jalisco ist ein riesiges Massengrab, und in unseren Häusern bleiben viele Stühle leer. Hunderte Familien sind zerbrochen.“

Brüssel (epd). Mit dem Inkrafttreten des Mercosur-Abkommens will die EU den Handel mit Südamerika deutlich ausbauen. Während Kritiker vor Risiken für Umwelt, Menschenrechte und europäische Landwirte warnen, betont der SPD-Europaabgeordnete und Mitglied im Ausschuss für internationalen Handel Udo Bullmann die Chancen des Abkommens. Es sichere hohe Standards für Verbraucherinnen und Verbraucher, schaffe erstmals verbindliche Nachhaltigkeitsregeln und stärke die Partnerschaft mit den Mercosur-Staaten.
Sorgen um mögliche Risiken durch importierte Lebensmittel weist der Europaabgeordnete zurück. „Die europäischen Lebensmittelstandards gelten weiterhin uneingeschränkt. Produkte, die diese Standards nicht erfüllen, dürfen nicht auf den europäischen Markt. Das ist klar geregelt, und die Kontrollen werden sogar verstärkt“, sagte Bullmann dem Evangelischen Pressedienst (epd).
In der Vergangenheit hatten Tests, etwa von Greenpeace, gezeigt, dass importierte Waren die zulässigen Pestizidrückstände überschreiten. Die Debatte über Pestizide sei zwar berechtigt, sagte Bulmmann, müsse aber getrennt vom Handelsabkommen geführt werden. Der Europapolitiker spricht sich dafür aus, den Export von in der EU verbotenen Pestiziden grundsätzlich zu beenden. Dies diene nicht nur dem Schutz europäischer Verbraucherinnen und Verbraucher, sondern auch der Menschen in den Herkunftsländern. Das Mercosur-Abkommen sei dafür jedoch nicht verantwortlich.
Auch die Kritik von Nichtregierungsorganisationen an möglichen Folgen für Umwelt und Menschenrechte nimmt Bullmann ernst. „Die Risiken sind real - aber genau deshalb brauchen wir dieses Abkommen“, betonte er. Das Abkommen enthalte erstmals einklagbare Nachhaltigkeitskapitel. Bei Verstößen gegen Umwelt- oder Sozialstandards könne es teilweise oder vollständig ausgesetzt werden. Das sei „ein Novum“ in der EU-Handelspolitik.
Die EU wolle mit dem Mercosur-Abkommen weg vom reinen Import billiger Rohstoffe hin zu einer echten Partnerschaft: Künftig sollen auch verarbeitete Produkte zollfrei gehandelt werden. Das stärke die Wertschöpfung in den Partnerländern, schaffe dort Arbeitsplätze und wirke dem Vorwurf eines „Rohstoff-Kolonialismus“ entgegen, erklärte Bullmann.
Mit Blick auf europäische Landwirte verweist Bullmann auf starke Schutzklauseln im Abkommen. Die Probleme vieler Betriebe lägen nicht im internationalen Handel, sondern in ungleichen Preisstrukturen innerhalb Europas, etwa durch die Marktmacht großer Handelsketten. Handelsabkommen zu blockieren, sei der falsche Ansatz. „Andere Abkommen, etwa mit Kanada, zeigen, dass auch die Landwirtschaft profitieren kann.“
7.5. Evangelische Akademie in Rheinland
Online Meine Hoffnungsperspektive für die Kirche im ländlichen Raum Angesichts der Veränderungen in den ländlichen Regionen Deutschlands stellt sich die Frage, welche Perspektive der Hoffnung Kirchengemeinden prägen können. Im Rahmen der Veranstaltung wird der Austausch zwischen Studierenden des Studiengangs „Pioneer Ministry“ der Theologischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Teilnehmenden der interessierten Öffentlichkeit gefördert. Dabei stehen neben der gegenseitigen Inspiration aus ländlichen Kirchengemeinden verschiedener Regionen folgende Fragen im Mittelpunkt: Welche „Hoffnungsperspektive“ habe ich im Hinblick auf die Kirchengemeindearbeit? Welche Veränderungsprozesse finden momentan im ländlichen Raum statt? Welche Aufgabe könnte Kirche positiv wahrnehmen?
15.-17.5. Evangelische Akademie Tutzing
Vergesellschaftung - Lassen sich Wohnraum, Energie und Digitales demokratisieren Vom Wohnraum über Boden und Energie bis hin zum Gesundheitswesen und digitalen Plattformen: Könnte Vergesellschaftung eine gerechte, demokratische und nachhaltige Wiederaneignung unserer Lebensbedingungen ermöglichen? Welche konkreten Formen sind denkbar, welche dekolonialen Perspektiven müssen mitgedacht werden, und was muss dabei kritisch diskutiert werden? Wie kann eine demokratische Eigentumspolitik für das 21. Jahrhundert aussehen?
3.-5.6. Evangelische Akademie Loccum
Flüchtlingsschutz in Deutschland und weltweit: Evidenz- und Reflexionsmöglichkeiten für Politik, Zivilgesellschaft und Verwaltung Die Tagung beleuchtet den Flüchtlingsschutz in Deutschland, Europa und international vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Herausforderungen und polarisierter Diskurse. Auf Basis des jährlich im Transcript Verlag erscheinenden „Reports Globale Flucht“ bietet sie eine evidenzbasierte Reflexion von Stand und Zukunft des Flüchtlingsschutzes. Ziel ist es, Brücken zwischen Forschung, Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft zu schlagen.