Bonn (epd). Einsiedlerkrebse haben häufig mit Obdachlosigkeit zu kämpfen. Denn die Meeresschneckenhäuser, die den Tieren als Behausung dienen, werden an den Stränden massenhaft von Touristen oder für die Schmuckherstellung gesammelt. Wie so oft steht Ökonomie gegen Ökologie. Die japanische Künstlerin Aki Inomata entwickelt aus diesem Dilemma Kunst.

Sie erstellt aus biologisch abbaubarem Kunstharz 3D-gedruckte Schneckenhäuser für die Krebse, welche mit den Skylines verschiedener Städte geschmückt sind. Inomatas erste Museumsausstellung in Deutschland, die in Bonn zu sehen ist, steht an der Seite einer Installation der deutschen Medienkünstlerin Hito Steyerl.

Auch Steyerl, die als eine der weltweit einflussreichsten Künstlerinnen gilt, reflektiert in ihrer Rauminstallation „Animal Spirits“ die Zusammenhänge zwischen Mensch, Natur und Ökonomie. Das immersive Werk der Berliner Künstlerin ist erstmals wieder in einem deutschen Museum zu sehen, seit Steyerl es auf der documenta 2022 in Kassel kurz nach der Eröffnung schon wieder abbauen ließ. Sie protestierte damit gegen die aus ihrer Sicht unzureichende Aufarbeitung des Antisemitismusskandals durch die damalige documenta-Leitung. Die raumgreifende Installation kam als Dauerleihgabe ins Kunstmuseum Bonn.

Video zeigt Bezug des neuen Schneckenhauses

Den thematischen Auftakt zu Steyerls Installation bildet die Ausstellung „Aki Inomata. Mit-Werden“, die drei Werkserien aus den vergangenen 15 Jahren präsentiert. Die 1983 in Tokio geborene Künstlerin versteht ihre Arbeit als Miteinander von Mensch, Maschine und Natur. Sie bindet Meerestiere in die Schaffung ihrer Werke ein. So entsteht ihre Serie „Why Not Hand Over a 'Shelter' to Hermit Crabs?“ in Kooperation mit Einsiedlerkrebsen.

In der Ausstellung sind bis zum 1. November die 3D-gedruckten transparenten Schneckenhäuser mit den Stadtbildern Tokios, New Yorks und Santorinis zu sehen. In einem Video lässt sich beobachten, wie ein Einsiedlerkrebs in das künstliche Schneckenhaus einzieht.

Einsiedlerkrebse müssen in ihrem bis zu 30 Jahre dauernden Leben immer wieder in größere Schneckenhäuser umziehen, um weiter wachsen zu können. Falls das nicht gelingt, ist ihr Leben gefährdet. Für viele Menschen stelle sich ebenfalls die Frage: „Was passiert, wenn man sein Zuhause verlassen muss?“, sagt Inomata. Zugleich trage der Mensch zum „Wohnungsmangel“ der Krebse bei.

Perlmutt-Porträts historischer Persönlichkeiten

Für „Memory of Currency“ applizierte Inomata die 3D-gedruckten Konterfeis von auf Geldscheinen abgebildeten Personen in das Innere von Perlaustern. Diese umschlossen den Gesichtsabdruck - etwa von Queen Elizabeth, George Washington oder Karl Marx - mit Perlmutt. Inomata erinnert damit an die Vergänglichkeit der materiellen Bedeutung von Geldscheinen und den Zusammenhang von Warenaustausch, Währung und Natur. Muscheln wurden bei indigenen Völkern als Währung verwendet.

Für die Arbeit „Think Evolution #1: Kiku-ishi (Ammonite)“ rekonstruierte Inomata nach dem Vorbild einer Fossilie mit 3D-Drucktechnik die Schale eines Ammoniten. Diese mit den Tintenfischen verwandten Meerestiere starben zeitgleich mit den Dinosauriern aus. Inomata filmte den Einzug eines kleinen Tintenfisches in das rekonstruierte Schneckenhaus und zieht damit eine Linie über Millionen Jahre evolutionärer Entwicklung bis zu hochaktuellen technischen Verfahren.

Hito Steyerl, 1966 in München geboren, spannt mit ihrer Installation einen Bogen von rund 40.000 Jahre alten Höhlenmalereien bis zu KI-getriebenen Techniken. Sie schafft eine Höhle mit animierten steinzeitlichen Malereien, die über die meterhohen Wände flackern. Im Raum verteilt hängen Glaskugeln, in denen Kräuter in violettem Licht wachsen. Sie erinnern an futuristische Modelle einer Welt, in der Menschen entweder auf der luftverschmutzten Erde oder auf fremden Planeten unter einer Glocke mit künstlicher Atmosphäre leben.

Käselaiber erinnern an Goldbarren

Im Zentrum von Steyerls Installation steht der Film „Animal Spirits“. Der Titel bezieht sich auf einen von John Maynard Keynes (1883-1946) geprägten Begriff. Damit beschrieb der britische Wirtschaftswissenschaftler den Einfluss von irrationalen Elementen wie Gefühlen oder Herdenverhalten im Wirtschaftsgeschehen, die zu konjunkturellen Schwankungen führen können.

Steyerls Film behandelt in einer Mischung aus Reality-TV-Show, Dokumentarfilm und Animationen Themen wie die Verbreitung von Kryptowährungen und die Bedeutung unterschiedlicher landwirtschaftlicher Systeme. Zu Wort kommt der Aktivist und YouTuber Nel. Der Historiker stieg aus dem Stadtleben aus, wurde zum Ziegenhirten und produziert seinen eigenen Käse. Die gelben Käselaiber in seinen Regalen mit ihren in die Rinde eingeprägten Nummern erinnern dabei seltsamerweise an Goldbarren in einem Banktresor.