Der verlorene Mann
Als Kurt (Harald Krassnitzer) plötzlich vor Hannes (Dagmar Manzel) Haus steht, das sie einst gemeinsam bewohnten, ist sie völlig perplex. Seit 20 Jahren haben sie sich kaum gesehen, inzwischen lebt sie glücklich mit Bernd (August Zirner). Erst ein Armband mit Telefonnummer klärt auf: Kurt leidet an Alzheimer, lebt in Kurzzeitpflege und ist orientierungslos. Als Hanne und Bernd ihn nicht zurückbringen können, bleibt er bei ihnen - überzeugt, ihre Ehe bestehe noch. Was wie eine Demenzgeschichte beginnt, wird zum sensiblen Beziehungsdrama. Hanne wird in die Vergangenheit zurückgeworfen, während Kurt seine Persönlichkeit bewahrt: charmant, aufmerksam, liebebedürftig. Bernd versucht zunächst, seine Eifersucht zu unterdrücken, setzt der Situation aber schließlich ein Ende. Der Film zeigt behutsam das Fortschreiten der Krankheit und wie Erinnerungen und Gegenwart ineinanderfließen. Ohne Pathos vertraut er ganz auf die Kraft der Bilder und das Spiel seiner Darsteller.
Der verlorene Mann (Deutschland 2026). Regie: Welf Reinhart. Buch: Tünde Sautier, Welf Reinhart. Mit: Dagmar Manzel, Harald Krassnitzer, August Zirner, Lene Dax, Dionne Wudu. Länge: 106 Min. FSK: ab 12.
Nachbeben
Das Second-Victim-Phänomen beschreibt die Belastung und mögliche Traumatisierung von medizinischem Personal nach Behandlungsfehlern. Im Zentrum steht die Neurologin Alex (Özlem Saglanmak), die einen jungen Patienten trotz warnender Anzeichen entlässt - mit fatalen Folgen. Der Film zeigt eindringlich, dass es mehr als ein Opfer gibt: Neben dem Verstorbenen leiden auch Ärztin, Angehörige und das soziale Umfeld. In ruhigen, intensiven Bildern entfaltet sich ein System aus Druck, Verantwortung und Angst vor Konsequenzen. Alex erscheint zugleich kompetent und überfordert, ihre Härte kaschiert Unsicherheit. Auch die Mutter (Trine Dyrholm) durchläuft einen glaubwürdigen Wandel von Vertrauen zu Wut. Ohne einfache Antworten zeichnet Regisseurin Zinnini Elkington ein beklemmendes Bild struktureller Überlastung, getragen von nuanciertem Schauspiel und einer dichten Atmosphäre.
Nachbeben (Dänemark 2025). Regie, Buch: Zinnini Elkington. Mit: Özlem Saglanmak, Trine Dyrholm, Mathilde Arcel Fock, Olaf Johannessen, Anders Matthesen. Länge: 92 Min. FSK: ab 12.
Nürnberg
Rund 80 Jahre nach Beginn der Nürnberger Prozesse greift der Film das historische Tribunal auf, das erstmals Angriffskrieg, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit juristisch ahndete. Im Mittelpunkt steht der amerikanische Militärpsychologe Douglas M. Kelley (Rami Malek), der die Angeklagten begutachten soll. Zunehmend verlagert sich der Fokus auf seine Beziehung zu Hermann Göring, der als charismatische, manipulative Figur inszeniert wird. Besonders diese Darstellung ist ambivalent: Zwar von Russell Crowe eindrucksvoll gespielt, erhält Göring eine problematische Größe, die historisch fragwürdig wirkt. Zwischen ihm und Kelley entsteht eine emotionale Dynamik, die jedoch psychologisch nicht überzeugend erklärt wird. Trotz ambitionierter Perspektive gelingt es dem Film nur teilweise, seinem Anspruch gerecht zu werden.
Nürnberg (USA 2025). Regie, Buch: James Vanderbilt. Mit: Russell Crowe, Rami Malek, Michael Shannon, Leo Woodall, Richard E. Grant. Länge: 148 Min. FSK: ab 12.
Wild Foxes
Im Boxfilm wird traditionell Männlichkeit verhandelt - vom Aufstiegskämpfer bis zum selbstzerstörerischen Macho. Der belgische Regisseur Valéry Carnoy richtet den Blick nach innen: In einem französischen Elite-Sportinternat folgt er dem talentierten Nachwuchsboxer Camille (Samuel Kircher). Zwischen hartem Training, Konkurrenzdruck und toxischer Gruppendynamik, geprägt durch Trainer Bogdan (Jean-Baptiste Durand) und Rivalitäten mit Matteo (Fayçal Anaflous), will Camille Profi werden. Nach einem schweren Unfall leidet er jedoch unter Schmerzen und Panikattacken. Schnell wird er wegen seiner psychischen Vulnerabilität zum Außenseiter und von seinen Mitschülern, auch von Matteo, gnadenlos malträtiert. Das preisgekrönte Drama verbindet ein hartes Coming-of-Age mit einer sensiblen Analyse männlicher Rollenbilder. In der Begegnung mit Yas (Anne Heckel) eröffnet sich Camille eine Alternative zur brutalen Kultur der Stärke.
Wild Foxes (Frankreich/Belgien 2025). Regie, Buch: Valéry Caroy. Mit: Samuel Kircher, Fayçal Anaflous, Anna Heckel. Länge: 92 Min. FSK: ab 12.
