Hamnet
William Shakespeare (Paul Mescal) und Agnes (Jessie Buckley) werden gegen alle Widerstände ihrer Familien ein Ehepaar, obwohl sie gegensätzlicher nicht sein könnten. Susanna kommt zur Welt, die Zwillinge Judith und Hamnet (zur damaligen Zeit ein Name austauschbar mit Hamlet) werden geboren. Dann wütet die Pest in England. Hamnet stirbt, und sein Tod droht die Familie zu zerreißen, denn Shakespeare ist selten zu Hause, feiert in London Erfolge im Theater. Agnes, die in Stratford mit Tod und Trauer weitgehend allein fertigwerden muss, nimmt die zentrale Position des Films ein. Jessie Buckley geht an die Grenzen des Darstellbaren und erschafft eine Kinofigur für die Ewigkeit. Nach Hamnets Tod wirkt sie unwiederbringlich verloren, sie taumelt durch ein Leben, das nicht wiederzuerkennen ist, treibt haltlos dahin. Chloé Zhao („Nomadland“) hat Maggie O’Farrells Romanvorlage in einen bravourösen Film verwandelt, dessen Ensemble fabelhaft agiert und das sich mit maximaler Wirkung an Herz und Hirn wendet. Ein Meisterwerk.
Hamnet (Großbritannien/USA 2025). Regie und Buch: Chloé Zhao. Mit: Jessie Buckley, Paul Mescal, Zac Wishart, James Lintern, Joe Alwyn. Länge: 125 Min. FSK: ab 12.
Die Stimme von Hind Rajab
Während des Gazakriegs 2024 steckt ein sechs Jahre altes Mädchen namens Hind Rajab im Wrack eines Autos fest, das von der israelischen Armee zerstört wurde. Ihre Angehörigen, mit denen sie die Flucht aus Gaza riskierte, sind tot. Ihre einzige Verbindung mit der Welt ist das Mobiltelefon, mit dem sie um Hilfe fleht. Bei der Organisation Roter Halbmond wird nun versucht, das Mädchen zu retten und dafür einen Korridor auszuhandeln, da sonst der Krankenwagen beschossen wird. Nach vielen Anstrengungen scheint alles klar, doch eine Straßenblockade führt zu kleinen Abweichungen - mit fatalen Folgen. Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit, die 70-minütige Aufzeichnung des realen Anrufs ist zu hören. Die Szenen in der PRCS-Einsatzzentrale entsprechen dagegen den emotionalen Codes eines Hollywoodthrillers. Der Film ist ein mutiges Unterfangen, aber die Anwendung der dramatisierenden Stilmittel und die Mischung von Realität und Fiktion hinterlassen ein mulmiges Gefühl.
Die Stimme von Hind Rajab (Tunesien/Frankreich/USA 2025). Regie und Buch: Kaouther Ben Hania. Mit: Saja Kilani, Motaz Malhees, Clara Khoury, Amer Hlehel. Länge: 89 Min. FSK: ohne Angabe.
Astrid Lindgren - Die Menschheit hat den Verstand verloren
Astrid Lindgren ist als Schöpferin von Figuren wie Pippi Langstrumpf, Ronja Räubertochter und Michel aus Lönneberga bekannt. Weniger bekannt ist sie als politischer Mensch und Chronistin des Zweiten Weltkriegs. Wilfried Hauke nun hat ihre 2015 veröffentlichten Kriegstagebücher verfilmt, indem er dokumentarische mit oft in skandinavischer Idylle inszenierten Szenen elegant verknüpft. Lindgrens Tochter Karin Nyman, Enkelin Annika Lindgren und Urenkel Johan Palmberg erinnern sich, stöbern in Tagebüchern und versuchen, zwischen den Zeilen zu lesen. Das meiste erzählt Astrid Lindgren selbst, gespielt von Sofia Pekkari, die in ihre Rolle schlüpft. Vom Kriegsbeginn 1939 an bis einige Monate nach dessen Ende folgt man ihr, wie sie über ihr Leben und das Weltgeschehen reflektiert und immer wieder politische Weitsicht beweist. Ein eindrückliches Porträt einer mutigen Feministin, liebevollen Mutter und begnadeten Autorin sowie eine sehr persönliche Chronik des Zweiten Weltkriegs.
Astrid Lindgren - Die Menschheit hat den Verstand verloren (Deutschland/Schweden 2025). Regie und Buch: Wilfried Hauke. Mit: Annika Lindgren, Johan Palmberg, Karin Nyman. Länge: 103 Min. FSK: ohne Angabe.
Die progressiven Nostalgiker
Das Ehepaar Dupuis führt in den 50ern ein Leben wie aus dem Bilderbuch. Papa Michel fährt zur Arbeit, Mutter Hélène putzt das Heim, der kleine Sohn ist ein drolliger Schussel und die Tochter ein verschlossener Teenager. Am Wirtschaftswunder hat die Familie ihren Anteil in Form eines hübschen Häuschens, in dessen Garten man die Nachbarn zum Grillen einladen kann. Aber plötzlich passiert etwas Mysteriöses. Beim Streit um eine moderne Waschmaschine, die Mama Dupuis im Preisausschreiben gewonnen hat, kommt es zu einem Stromschlag. Und plötzlich findet sich die Familie in der Gegenwart wieder... Nicht nur die Technik hat sich verändert, sondern auch die Rollenteilung: Statt Michel geht Hélène arbeiten. Wie sich Michel und Hélène mit dieser revolutionären Umstellung arrangieren, ist vergnüglich anzuschauen: Man kann sich zusammen mit dem Paar auf wohlige Weise über die Errungenschaften des modernen Lebens erschrecken. Durch die nicht immer ganz plausible Handlung trägt am Ende das Darstellerduo Didier Bordon und Elsa Zylberstein: Sie verleihen dem zwischen reaktionären Impulsen und progressiven Gelüsten schwankenden Geist der 50er großartig Gestalt.
Die progressiven Nostalgiker (Frankreich/Belgien 2025). Regie: Vinciane Millereau. Buch: Julien Lambroschini, Vinciane Millereau. Mit: Elsa Zylberstein, Didier Bourdon, Mathilde Le Borgne, Maxim Foster. Länge: 103 Min. FSK: ab 12 Jahren.
