Frankfurt a. M. (epd). Von der Künstlichen Intelligenz (KI) wäre er wohl fasziniert gewesen. E.T.A. Hoffmann (1776-1822), Spätromantiker und Dichter des Unheimlichen, interessierte sich zeitlebens für „menschliche“ Maschinen. Auf die „Automate“, die zu seiner Zeit en vogue waren, warf er einen sowohl begeisterten als auch äußerst kritischen Blick: Offenbar lehrten ihn die damals spektakulär vorgeführten tanzenden Puppen das Gruseln, aus der Verwischung der Grenze zwischen Mensch und Maschine zog er ethische Schlüsse, die heute geradezu aktuell sind.
Ernst Theodor Amadeus (E.T.A.) Hoffmann, der vor 250 Jahren, am 24. Januar 1776, in Königsberg geboren wurde, war von Beruf Jurist und später in Berlin Kammergerichtsrat. Zugleich schrieb er Novellen, manchmal aus Langeweile im Gerichtssaal. Er komponierte und betätigte sich als Musikkritiker, zeichnete Karikaturen und verfolgte lebhaft die neuesten technischen Entwicklungen. Zu den bekanntesten literarischen Werken des Multitalents zählen „Die Elixiere des Teufels“ (1815/16) und die „Lebensansichten des Katers Murr“ (1819/21).
Nachtseiten der Existenz
Ihn faszinierten die Nachtseiten der menschlichen Existenz. Kaum ein Autor ist so häufig verfilmt worden wie E.T.A. Hoffmann, mehr als 100 Literaturverfilmungen gibt es, darunter Edgar Reitz' Kriminalgeschichte „Cardillac“ (1969) und Andreas Dresens „Die Brautwahl“ (1992).
In Hoffmanns berühmter Erzählung „Der Sandmann“ (1816), Inbegriff der schwarzen Romantik, geht es ganz explizit um die Vermenschlichung „tot lebendiger“ Figuren im Auge des Betrachters. Der Heidelberger Musikwissenschaftler, Soziologe und Philosoph Boris Voigt hat sie näher untersucht und stellt fest, Hoffmann sei ein herausragender Diagnostiker der Folgen, die sich aus einem wenig reflektierten Umgang mit „intelligenter“ Technologie für das menschliche Denken, Wahrnehmen und Fühlen ergäben.
Der Plot: Student Nathanael verliebt sich in die schöne Roboter-Puppe Olimpia, die der zwielichtige Coppola auftreten und tanzen lässt. Außer den Worten „Ach, ach“ und „Gute Nacht, mein Lieber“ kann sie zwar nichts hervorbringen, aber Nathanael legt es als Gemütstiefe aus und fühlt sich von ihr vollkommen verstanden. Dagegen gerät ihm seine Verlobte Clara, eine Frau der vernünftigen Tagwelt, immer mehr aus dem Blick. In völliger Verkennung der Fakten beschimpft er am Ende sie, die seine Fantasien infrage stellt, als „lebloses, verdammtes Automat“.
Der Sandmann: Liebe der Automatenfrau
Nathanael verliert den Blick auf die Realität. Was er als Liebe der Automatenfrau empfinde, sei letztlich „nichts anderes als seine eigene Projektion auf sie“, erklärte Voigt in einem wissenschaftlichen Essay im SIM-Jahrbuch (Jahrbuch des Staatlichen Instituts für Musikforschung) 2022. Die Zerstörung der Puppe, die Nathanael das eigene Innere spiegele, ziehe folgerichtig dessen Sturz in den Tod nach sich.
Nach Hoffmann leisteten „Automaten“ der menschlichen Projektion Vorschub und zeigten - anders als das reale Gegenüber - keine „Widerständigkeit“, erklärt Voigt. Diese aber sei für das Leben des „Subjekts“, der unverwechselbaren einzelnen Persönlichkeit, eine Grundvoraussetzung. „Mit dem Verlust der Widerständigkeit der physischen Realität und der Widerständigkeit der anderen Subjekte … löst sich letztlich das Subjekt als eigenständige, ihrer selbst bewusste Instanz auf“, erklärt der Forscher.
Mit der KI vertraute heutige Leser dürften bei der „Sandmann“-Geschichte an jene Menschen denken, die KI-Companion-Apps nutzen und sich in Liebes-Beziehungen und Freundschaften mit KI-generierten Figuren wähnen.
Verhältnis Mensch und Maschine
Auch in der Erzählung „Die Automate“ (1814) beschäftigt sich Hoffmann mit dem Verhältnis Mensch-Maschine. Ausgiebig diskutieren die Protagonisten Ludwig und Ferdinand manipulative Aspekte von Technik. Hier geht das Unheil - äußerlich gesehen - von einer Maschine aus, die „sprechender Türke“ genannt wurde und Arme, Kopf und Augen bewegte und so die Illusion von Lebendigkeit erzeugte. Während Ludwig spöttisch auf die Inszenierung reagiert, nimmt sein Freund einen düsteren Orakelspruch des „Türken“ ernst. Ferdinand, der Inneres und Äußeres, Gefühl und Technik durcheinanderbringt, gerät in einen Zustand der Zerrüttung.
Nach Ansicht Voigts lohnt es sich, in der Debatte um KI auf E.T.A. Hoffmann zurückzukommen. Der Forscher verweist darauf, dass sich die Romantiker mit Naturwissenschaft und Technologie besser auskannten als gemeinhin vermutet. Schon im frühen 19. Jahrhundert entstand die Vorstellung, das Denken sei etwas Maschinelles und mit Algorithmen zu erfassen.
Mit diesen Theorien setzt sich Hoffmann kritisch auseinander. Er erkennt im „nachgeäfften“ menschlichen Verhalten eine „Täuschung“, wie er Ludwig in „Die Automate“ empört erklären lässt. Auch die KI, die sich einen menschlichen Anstrich gebe, arbeite mit Täuschung, so Voigt. Sie verändere „das Verhältnis des Menschen zu sich selbst und sein Verhältnis zur Realität“ elementar.
E.T.A. Hoffmann starb am 25. Juni 1822 in Berlin im Alter von 46 Jahren. Was er nicht mehr erlebte: Nur wenige Jahre später entwickelte Charles Babbage die erste funktionierende Rechenmaschine, die viele Eigenschaften heutiger Rechner vorwegnahm.

