Kirchen

Trauer um südafrikanischen Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu




Desmond Tutu ist tot.
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Der frühere Erzbischof Desmond Tutu ist im Alter von 90 Jahren gestorben. Er war ein Vorkämpfer gegen die Apartheid und galt als "Gewissen Südafrikas". Sein Leben lang setzte er sich für Gleichheit, Gerechtigkeit und Versöhnung ein.

Frankfurt a.M./Kapstadt (epd). Der Tod des früheren südafrikanischen Erzbischofs und Friedensnobelpreisträgers Desmond Tutu ist weltweit mit Trauer aufgenommen worden. Tutu habe sich mit außergewöhnlichem Intellekt, Integrität und Unbesiegbarkeit gegen die Kräfte der Apartheid gewandt, erklärte der südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa am 26. Dezember. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte Tutu als Vorbild im Kampf gegen Rassismus und Ungleichbehandlung und als Versöhner.

Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) bezeichnete den früheren Erzbischof von Kapstadt als wichtigen Anführer im moralischen Kampf gegen die Apartheid. Tutu, Freund und Weggefährte des ersten demokratisch gewählten Präsidenten Nelson Mandela, war am 26. Dezember in Kapstadt im Alter von 90 Jahren gestorben.

Friedensnobelpreis 1984

Als Generalsekretär des Südafrikanischen Rats der Kirchen und später als anglikanischer Erzbischof von Kapstadt kritisierte Tutu die Rassentrennung in Südafrika. Für seine Rolle als Anführer des gewaltlosen Einsatzes gegen die Apartheid erhielt er 1984 den Friedensnobelpreis. Nach der Abschaffung der Apartheid und den ersten demokratischen Wahlen 1994 wurde Tutu Vorsitzender der Wahrheits- und Versöhnungskommission, die die Verbrechen und Ungerechtigkeiten des rassistischen Systems aufarbeitete.

Das geistliche Oberhaupt der anglikanischen Kirche, Erzbischof Justin Welby, bezeichnete Tutu als Mann der Worte und der Taten, der Hoffnung und Freude verkörperte. Er habe enorme Vision bewiesen und die Chancen von Südafrika als Regenbogennation verschiedener Bevölkerungsgruppen als einer der ersten erkannt. Bei Einschüchterungsversuchen des Apartheid-Regimes habe er persönlichen Mut und Tapferkeit bewiesen, betonte Welby. Tutu habe sich auch nach dem Ende der Apartheid unermüdlich für Gerechtigkeit eingesetzt, erklärte der Weltkirchenrat in Genf.

Auch in Deutschland wurde der Tod des früheren Erzbischofs und Apartheid-Gegners mit Trauer aufgenommen. Bundespräsident Steinmeier erklärte in einem Kondolenzschreiben an den südafrikanischen Präsidenten Ramaphosa: „Mit ihm ist einer der international markantesten Kämpfer gegen Apartheid und für Demokratie und Menschenrechte von uns gegangen. Sein Beispiel hat die Welt inspiriert, den universalen Menschenrechten zum Durchbruch zu verhelfen.“

Kurschus: Sprachrohr für die Menschen in Südafrika

Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Annette Kurschus, erklärte: „Desmond Tutu hat die Stimme für diejenigen erhoben, die nicht gehört wurden. Er war das Sprachrohr für die Menschen in Südafrika, die jahrzehntelang unter der Apartheid gelitten haben.“ Seine Stimme werde nun fehlen. „Desmond Tutu war einer der Menschen, die diese Welt so dringend braucht“, erklärte der Berliner evangelische Bischof Christian Stäblein auf Twitter.

Die Nelson-Mandela-Stiftung erklärte, Tutus Leben sei für viele Menschen in Südafrika und weltweit ein Segen gewesen. Der Erzbischof von Kapstadt, Thabo Makgoba, erklärte, sein Vermächtnis sei moralische Stärke, Mut und Klarheit. Der Dalai Lama, mit dem Tutu eine langjährige Freundschaft unterhielt, erklärte, Tutu habe sich vollständig dem Dienst für andere gewidmet, besonders für die am stärksten Benachteiligten.

Sohn eines Lehrers und einer Hausangestellten

Tutu wurde 1931 als Sohn eines Lehrers und einer Hausangestellten geboren. Er wurde zunächst selbst Lehrer, gab den Beruf aber wegen der Einführung der Rassentrennung in allen Teaser: Bildungseinrichtungen nach drei Jahren auf. Tutu studierte Theologie und wurde 1960 als Geistlicher der anglikanischen Kirche ordiniert. 1975 wurde er in Johannesburg zum ersten schwarzen Dekan berufen, 1986 zum Erzbischof von Kapstadt und damit zum ersten Schwarzen an der Spitze der anglikanischen Kirche in Südafrika.

Auch nach seinem Abschied als Erzbischof 1996 sprach er sich als „Südafrikas Gewissen“ unter anderem für die Gleichberechtigung von Homosexuellen, das Recht auf Sterbehilfe und gegen Korruption in der Regierung aus. Das UN-Hilfsprogramm Unaids würdigte Tutu als Kämpfer gegen Rassismus und Ungerechtigkeit in der Welt. „Er war eine mächtige Stimme im Kampf gegen Aids“, erklärte Unaids-Direktorin Winnie Byanyima. Tutu habe sich gegen die Diskriminierung von HIV-Infizierten gewandt und Behandlungsmöglichkeiten für alle gefordert.



EKD-Ratsvorsitzende: Weihnachten ist mehr als Feiern




Annette Kurschus
epd-bild/Meike Böschemeyer
Annette Kurschus wünscht sich in der Corona-Pandemie eine Besinnung auf die Weihnachtsbotschaft. "Die Freude der Weihnachtsbotschaft zaubert die Not nicht weg, sondern hält ihr stand", sagt sie im epd-Interview.

Bielefeld (epd). Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Annette Kurschus, wünscht sich in der Corona-Pandemie eine Besinnung auf die Weihnachtsbotschaft. Die Verletzlichkeit, die die Menschen zurzeit erleben, werde nicht das Letzte sein. „Ich hoffe, in ihr steckt eine verwandelnde Kraft, die zum Leben hilft“, sagte die westfälische Präses dem Evangelischen Pressedienst (epd).

epd: Frau Präses Kurschus, in wenigen Tagen ist Weihnachten, das Hoffnungsfest der Christen. Was kann uns nach fast zwei Jahren Corona-Pandemie noch Hoffnung geben?

Annette Kurschus: Die Weihnachtsbotschaft selbst gibt uns Hoffnung! Ursprünglich kommt sie eher leise, gebrochen und verletzlich daher. Es geht um Menschen, die nach einer Unterkunft suchen, nur einen Stall finden, das Ganze auf einem dunklen Feld. Erst ganz allmählich brechen sich Licht und Freude Bahn.

Weihnachten ist ursprünglich nicht das romantische, glitzernde Lichterfest, als das wir es heute feiern. Die Freude der Weihnachtsbotschaft zaubert die Not nicht weg, sondern hält ihr stand. Gerade darin liegt ihre besondere Kraft. Ein Fest, das alles Schäbige übertünchen und ein Mäntelchen über alles Hässliche breiten wollte, könnte uns nicht viel geben.

epd: Worauf hoffen Sie ganz persönlich?

Kurschus: Ich hoffe, dass wir in der gegenwärtigen Verunsicherung durch die Pandemie besonders intensiv mit dem Kern der Weihnachtsbotschaft in Berührung kommen. Gott kommt in die Welt als verletzliches Kind. Das Kind wurde erwachsen und hielt die Verletzlichkeit aus bis zum Tod am Kreuz. Daraus wurde neues Leben - für uns alle. Auch die Verletzlichkeit, die wir zurzeit erleben, wird nicht das Letzte sein. Ich hoffe, in ihr steckt eine verwandelnde Kraft, die zum Leben hilft.

epd: Die Zahl der Kirchenmitglieder in Deutschland sinkt. Weihnachten bleibt das Familienfest schlechthin, vermehrt scheinen aber Konsum und gutes Essen dabei wichtiger zu sein als die christliche Botschaft. Stört Sie das?

Kurschus: Ich sehe darin naheliegende, teilweise rührende menschliche Versuche, das weihnachtliche Geheimnis zu feiern. Und ich beteilige mich selbst ja auch daran. Erschreckt hat mich im vergangenen Jahr aber schon, als Menschen fragten, ob Weihnachten wegen der Pandemie „ausfällt“. Wenn wir die Art, wie wir feiern, mit dem verwechseln, was wir feiern, dann wird es gefährlich.

epd: Was ist Ihr liebstes Ritual an Weihnachten?

Kurschus: Ich liebe es, zu Beginn der Adventszeit das Haus zu schmücken. Über viele Jahre habe ich ein ganzes Orchester samt Chor aus diesen kleinen Erzgebirgsengeln gesammelt. Manche finden die furchtbar kitschig, ich freue mich daran. Und ich hänge viele Sterne auf. Licht ist mir in dieser Zeit besonders wichtig.

epd: Was verbinden Sie aus Kindheitstagen mit Weihnachten?

Kurschus: Das Schmücken gehörte schon immer dazu, und vor allem die Musik. Wir hatten zu Weihnachten aber auch regelmäßig hitzige Diskussionen zu Hause. Ich bin in einem Pfarrhaus groß geworden, und mein Vater hat sehr gern auch an den Feiertagen Obdachlose und Bettler zu uns eingeladen. Einem hatte er an Heiligabend unsere Badewanne zur Verfügung gestellt. Meine Mutter fand das begreiflicherweise gar nicht lustig. Als wir Kinder älter wurden, gab es oft intensive Gespräche darüber, welche konkreten Folgen unser Glaube hat. Wie genau zeigt sich zum Beispiel, dass wir besonders für die Armen und Schwachen da sind?

epd: Was ist aus diesen Gesprächen bei Ihnen hängen geblieben?

Kurschus: Das ernsthafte Nachdenken darüber, wie ich als vergleichsweise wohlsituierter, abgesicherter Mensch die Botschaft vom „Frieden auf Erden“ konsequent lebe. Gott kommt als Erstes zu denen, die nicht einmal das Nötigste zum Leben haben. Ich frage mich immer wieder: Sehe ich diese Menschen? Habe ich ihre Situation ausreichend im Blick? Wie passt das, was ich tue und lasse, zu dem, was ich sage und predige?

epd: Gottesdienste zu Weihnachten werden je nach Region in Deutschland unter sehr unterschiedlichen Corona-Auflagen gefeiert. Meist liegt es in der Entscheidung der Gemeinden, ob sie über die Hygienekonzepte hinaus den Zugang an 3G- oder 2G-Regeln knüpfen. Was empfehlen Sie?

Kurschus: Die Empfehlungen werden von den Landeskirchen ausgesprochen. Sogar innerhalb der Landeskirchen ist die Infektionslage regional unterschiedlich. Wo man in geschlossenen Räumen relativ dicht zusammensitzt, ist es geboten, den Gottesdienst ausschließlich mit Geimpften und Genesenen zu feiern, wobei Kinder grundsätzlich als immunisiert gelten. In großen Kirchenräumen lässt sich auch eine 3G-Regelung verantworten. Darüber hinaus gibt es an vielen Orten Open-Air-Gottesdienste und natürlich auch die Möglichkeit, digital Gottesdienst zu feiern. Maßstab ist bei allem, dass wir den Menschen, die unsere Gottesdienste besuchen, die größtmögliche Sicherheit bieten. Es ist unsere Verantwortung, auf die Schwächsten zu achten.

epd: Sie haben sich wenige Tage nach Ihrer Wahl zur Ratsvorsitzenden im November öffentlich für eine Impfpflicht ausgesprochen. Wie viele Hassmails haben Sie seitdem bekommen?

Kurschus: Ich habe sie nicht gezählt, aber es waren viele. Mich beschäftigt dabei besonders, wie hoch emotionalisiert die Stimmungslage bei uns ist.

epd: Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Kurschus: Lange Zeit habe ich mich bemüht, viel Verständnis aufzubringen für diejenigen, die sich aus unterschiedlichsten Gründen nicht gegen Corona impfen lassen wollen. Nachdem sich allerdings die Infektionslage derart rasant zuspitzt und medizinisch erwiesen ist, dass von der Impfung keine erkennbaren gesundheitlichen Schäden ausgehen, hat sich meine Einstellung verändert. Eine Eindämmung des Infektionsgeschehens ist letztlich nur über das Impfen möglich, das bedeutet: Ob ich mich impfen lasse oder nicht, ist keine private Entscheidung, die in meine eigene Beliebigkeit gestellt ist. Hier geht es nicht zuerst um meine eigenen Interessen, es geht darum, durch mein Verhalten das Leben anderer Menschen zu schützen.

epd: Sind unter den Absendern der Mails auch Kirchenmitglieder?

Kurschus: Ja, natürlich. Mir schreiben auch Gemeindeglieder, die ich gut kenne, und äußern ihr Unverständnis. Manche werfen mir vor, Ungeimpfte abzuwerten und auszugrenzen. Aber das sind nicht die Hassmails, hier wird vielmehr leidenschaftlich argumentiert. Hassmails dagegen sind unverschämt und verächtlich, teilweise richtig böse und gemein, die kommen von anderen. Oft anonym.

epd: Antworten Sie den Mailschreibern?

Kurschus: Auf wenige, die mich persönlich ansprechen und ihren Namen nennen, schon. Meine Ansicht muss ja niemand teilen, aber mir liegt daran, dass man sie wenigstens nachvollziehen kann.

epd: Und bei Hassmails, erstatten Sie Anzeige?

Kurschus: Einige Mails habe ich tatsächlich in unsere Rechtsabteilung gegeben. Dort, wo wüste Diffamierungen oder Drohungen ausgesprochen werden, prüfen wir, ob wir Anzeige erstatten.

epd: Ist Deutschland gepalten?

Kurschus: Die Spaltung unserer Gesellschaft ist derzeit in aller Munde. Ich bin da vorsichtig. Man kann ein solches Phänomen auch durch ständiges Beschwören herbeireden. Viele Menschen sind derzeit erschöpft, gereizt und dünnhäutig, das geht mir selbst auch so. In einer emotional aufgeladenen Atmosphäre ist Zündstoff, in den sogenannten sozialen Netzwerken wird die gereizte Stimmung immer weiter getragen und verstärkt. Kaum jemand gebietet dieser Spirale Einhalt. Wir müssen aufpassen, dass die Rede von der Spaltung auf diese Weise nicht zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung wird.

epd: Wir erklären Sie sich die Stimmung?

Kurschus: Zweifellos gibt es in unserer Gesellschaft Ungleichheiten: Da ist die wachsende Schere etwa zwischen Arm und Reich, zwischen den Generationen, zwischen verschiedenen Milieus - um nur einige Beispiele zu nennen. Die Pandemie hat solche bestehenden Ungleichheiten wie unter einem Brennglas überdeutlich zutage treten lassen und noch einmal verschärft. Wer vorher arm war, ist jetzt noch ärmer. Wer vorher einsam war, ist jetzt noch einsamer. Dafür brauchen wir einen wachen Blick, gerade als Kirche.

epd: Kann Kirche etwas gegen die aufgeheizte Stimmung tun?

Kurschus: Wir schaffen Räume und Gelegenheiten zu Austausch und Begegnung. Das ist eine große Stärke von Kirche. Sie hat sich in großartiger Weise bewährt, als 2015/2016 so viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen und Kirchengemeinden sich bundesweit engagiert und die Menschen bei sich untergebracht haben. Das hat Einstellungen und Vorurteile spürbar verändert. Sobald Menschen einander real begegnen, wird Erstaunliches möglich.

epd: Für jeden von uns hat die Corona-Pandemie Einschränkungen zur Folge. Was vermissen Sie am meisten?

Kurschus: Ich vermisse vor allem die unbefangene Begegnung mit Menschen. Gern sitze ich in großer Runde mit Freunden bei mir zu Hause zusammen zum gemeinsamen Essen und Trinken. Ich liebe es, Menschen einzuladen. Das fehlt mir sehr. Das weihnachtliche Feiern wird auch dieses Jahr bei mir wieder kleiner ausfallen.

epd: Lassen Sie uns abschließend noch einen Blick in die Zukunft richten: Was haben Sie sich für 2022 vorgenommen?

Kurschus: Ich möchte die Erfahrungen der beiden vergangenen Jahre nicht einfach abstreifen und hinter mir lassen. Ich hoffe vielmehr, gerade aus den irritierenden und verstörenden Erfahrungen zu lernen, so dass ich zuversichtlich und gestärkt nach vorn gehen kann. Wie nie zuvor ist uns bewusst geworden, wie wenig wir unser Leben selbst in der Hand haben. Theoretisch haben wir das immer gewusst, jetzt erleben wir es hautnah, und zwar alle - nicht nur einige besonders gefährdete Menschen. Nichts läuft zurzeit so, wie wir es von langer Hand geplant haben.

Diese Erfahrung hat etwas verändert. Das muss nicht unbedingt nur negativ sein, im Gegenteil: Es liegt auch eine neu gewonnene Freiheit darin. Wir sind nicht Knechte und Mägde unserer eigenen Pläne und Termine. Es geht immer auch ganz anders. Das haben wir gemerkt - und darin liegt etwas Hoffnungsvolles.

epd-Gespräch: Corinna Buschow und Karsten Frerichs


Kirchen rufen an Weihnachten zu Zusammenhalt und Zuversicht auf



Die Kirchen haben in ihren Weihnachtsbotschaften dazu aufgerufen, sich in der Pandemie weiter solidarisch zu zeigen. Notleidende Menschen dürften nicht aus dem Blick geraten, Feindschaft und Abgrenzung müsse mehr widersprochen werden.

Frankfurt a.M., Rom (epd). Die Kirchen haben am zweiten Weihnachtsfest in der Corona-Pandemie zu Zusammenhalt und Zuversicht aufgerufen. Kirchenvertreter in Deutschland betonten die Bedeutung der Weihnachtsbotschaft als Versprechen Gottes und Aufforderung an die Menschen zugleich. Papst Franziskus rief zu mehr Dialog sowie Solidarität mit Notleidenden und Verzweifelten auf.

Die Botschaft der Weihnachtsgeschichte sei „sehr wohl eine für alles Volk“, sagte die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Annette Kurschus, an Heiligabend in Bielefeld. Sie erinnerte an eine Weihnachtspredigt von Martin Luther King, der betont habe, dass alle Menschen ungeachtet von politischen und ideologischen Unterschieden Brüder seien. Sie wünsche sich mehr solcher Reden gegen Feindschaft und Abgrenzung - „ob in der Kirche, in Parlamenten oder am Familientisch über der Weihnachtsgans“, sagte Kurschus.

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, sagte in Limburg, wieder könnten die Menschen Weihnachten wegen der Corona-Pandemie nicht so gestalten, wie sie es gerne täten: „Doch ich bin sicher, all dies hindert Jesus nicht, bei uns anzukommen und unsere Herzen zu erwärmen mit seinem Licht und seiner Nähe.“

Latzel: Menschen sollten Hirten werden

Der rheinische Präses Thorsten Latzel ermunterte die Menschen dazu, füreinander zu Hirten zu werden. „Hirten sind die, die sich um andere kümmern und sie schützen“, sagte der Theologe in einem Gottesdienst in der Justizvollzugsanstalt Wuppertal-Vohwinkel. Weihnachten sei Gott selbst in Christus als guter Hirte an die Seite der Menschen gekommen.

Der bayerische evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm stellte die Kinder ins Zentrum seiner Weihnachtsbotschaft: Er rief dazu auf, die Verletzungen wahrzunehmen, die die Corona-Pandemie bei Kindern hinterlassen habe. Sorge, Anspannung und Genervtheit, die von den Erwachsenen ausgehe, habe sich „wie eine Wolke“ auf das Gemüt der Kinder gelegt, sagte der frühere EKD-Ratsvorsitzende.

Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck sieht in der Pandemie auch Gefahren in falschen Gewissheiten. „Zeiten der Unsicherheit sind gefährliche Zeiten, weil manche Menschen scheinbare Sicherheiten oder einfache Lösungen versprechen, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen“, erklärte der Essener Bischof in seiner Predigt zu Heiligabend.

In der Pandemie würden unsere Fähigkeiten zu sozialen Beziehungen auf eine harte Probe gestellt, sagte der Papst in seiner Weihnachtsansprache am 25. Dezember vor Gläubigen auf dem Petersplatz in Rom. Er verwies auf eine Tendenz, alles allein machen zu wollen, die er wahrnehme. Auch auf internationaler Ebene käme die Dialogbereitschaft zu kurz. Das Oberhaupt der katholischen Kirche erinnerte auch an das Leid in Konflikten und Not in aller Welt und mahnte zu Solidarität, Geschwisterlichkeit und Versöhnung, bevor er den feierlichen Segen „Urbi et orbi“ spendete.



Theologin: Bilder vom weißen Jesuskind infrage stellen



Wuppertal (epd). Die evangelische Theologin Sarah Vecera hat Christen dazu aufgerufen, Darstellungen und eigene Vorstellungen vom weißen Jesuskind infrage zu stellen. „Es fühlt sich selbst für mich ungewohnt an und auch ich kriege das weiße Baby nur schwer aus meinem Kopf raus, auch wenn ich mir intellektuell darüber im Klaren bin, dass das richtig ist“, sagte Vecera dem Evangelischen Pressedienst (epd). Aber: „Der uns an Weihnachten geborene Retter der Welt war Person of Color. Punkt.“

Der holde Knabe mit lockig blondem Haar sei allgegenwärtig, sagte die Bildungsreferentin mit Schwerpunkt „Rassismus und Kirche“, die für die Vereinte Evangelische Mission (VEM) mit Sitz in Wuppertal arbeitet. Seit dem 15. Jahrhundert begegne Christen nur einer der „Weisen“ hin und wieder als Person of Color an der Krippe.

Die vertrauten Bilder aus der Erzählung von Jesu Geburt an Weihnachten seien tief verankert in den Menschen. Manche dächten vielleicht, es sei klar, dass man sich Jesus bildlich so vorstelle, wie die Menschen hier aussähen. Doch dabei seien zwei entscheidende Punkte nicht berücksichtigt. Dahinter stehe zum Einen die Annahme, dass Deutsch gleich weiß sei. Das stimme so nicht mehr, denn 25 Prozent aller Erwachsenen und 42 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren hätten eine Migrationsgeschichte.

Geschichte weißer Vorherrschaft

Zum anderen bestehe für weiße europäische Menschen eine besondere Gefahr, sich Jesus anzueignen. „Mit der Geschichte weißer Vorherrschaft im Gepäck geht dies nämlich Hand in Hand mit ungleichen Machtverhältnissen, die wir geschichtlich und strukturell nicht ausklammern dürfen als Kirchen. Es waren europäische Christ:innen, die die Rassenideologie mit erfunden haben“, betonte Vecera.

Der Aufschrei gegen einen schwarzen Jesus sei in der Debatte immer noch größer als der gegen einen weißen Jesus, unterstrich sie. „Das ist doch schräg und zeigt, wie sehr wir uns - und da schließe ich mich ein - an den holden Jungen im gold-lockigen Haar gewöhnt haben und wie selbstverständlich Weiß-Sein in der Kirche vertreten ist.“ Vecera empfiehlt Christen, in der eigenen Kirche oder der eigenen Familie vorzuschlagen, die Krippendarstellungen zu ändern und dann zu sehen, wie die Menschen darauf reagierten.

Sarah Vecera bringt mit dem sogenannten Glottisschlag, einer kurzen Sprechpause vor der weiblichen Endung, zum Ausdruck, wenn männliche, weibliche, trans, inter und queere Menschen gleichermaßen gemeint sind. In der Schriftform verwendet der epd in diesem Fall zur Kenntlichmachung der gendersensiblen Sprache einen Doppelpunkt.

epd-Gespräch: Franziska Hein


Rörig: Evangelische Kirchen müssen 2022 bei Aufarbeitung vorankommen




Johannes-Wilhelm Rörig
epd-bild/Christian Ditsch

Berlin (epd). Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, erwartet von der evangelischen Kirche im kommenden Jahr deutliche Fortschritte bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in ihren Gemeinden und Einrichtungen. Rörig sagte dem in Berlin erscheinenden „Tagesspiegel“ (22. Dezember), 2022 müssten die ersten Aufarbeitungskommissionen in den Landeskirchen ihre Arbeit aufnehmen. In den Kommissionen müssten Betroffene mitwirken und in ihrer Arbeit unterstützt werden. Außerdem müssten die Gremien nach verbindlichen Standards arbeiten.

Rörig begrüßte, dass die im November neu gewählte Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Annette Kurschus, den Umgang mit Missbrauchsfällen zur Chefinnensache erklärt habe. Er würdigte auch das Eingeständnis der EKD-Synode, dass die Aufarbeitung bisher nur schleppend vorangekommen und im Umgang mit Betroffenen erhebliche Fehler gemacht worden seien. „Das sollte nun helfen, eine angemessene Betroffenenbeteiligung sicherzustellen“, sagte Rörig. Die EKD hatte im Frühjahr den Betroffenenbeirat ausgesetzt.

Katholische Diözesen seien weiter

Der Missbrauchsbeauftragte, der nach rund zehn Jahren sein Amt demnächst aufgeben will, sieht die evangelische Kirche bei der Aufarbeitung gegenüber der katholischen Kirche bisher im Hintertreffen. Trotz der Querelen im Kölner Erzbistum um den inzwischen in einer Auszeit befindlichen Kardinal Rainer Maria Woelki sei man in den 27 katholischen Diözesen in Deutschland bei der Einrichtung von Aufarbeitungskommissionen weiter als in den evangelischen Landeskirchen, erklärte Rörig.

In den Kommissionen habe die Kirche keine Mehrheit und Betroffene seien beteiligt, „was wichtig ist“, sagte Rörig, der mit der katholischen Deutschen Bischofskonferenz eine entsprechende Vereinbarung erarbeitet hatte. Auf evangelischer Seite steht eine solche Abmachung noch aus.



Umfrage: Nur wenige Kirchenmitglieder im Glauben fest verankert



Frankfurt a.M. (epd). Nur wenige Kirchenmitglieder sind einer Umfrage zufolge eigenen Angaben nach noch überzeugte Gläubige. Das geht aus einer Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (22. Dezember) hervor. Demnach gaben 23 der befragten Katholiken und 12 Prozent der Protestanten an, sie seien gläubiges Kirchenmitglied. Dies entspreche knapp sechs beziehungsweise etwas mehr als drei Prozent der Gesamtbevölkerung.

Dass die Kirche für Bürgerinnen und Bürger weiter an Bedeutung verliere, zeigten auch die weiterhin rückläufigen Mitgliederzahlen beider Kirchen. Es sei nur noch eine Frage von Monaten bis die Zahl der christlichen Kirchenmitglieder die 50-Prozent-Schwelle unterschreite. Im Jahr 2020 waren laut Kirchenstatistik noch knapp 51 Prozent der Deutschen Mitglied der katholischen oder evangelischen Kirche.

Glaube an Sohn Gottes rückläufig

In der Umfrage gaben 28 Prozent der Befragten an, sie seien Mitglied der evangelischen Kirche. 1995 seien es noch rund 37 Prozent gewesen. Auch die Angaben für die katholische Kirche sanken demnach weiter: Während vor 26 Jahren noch 36 Prozent der Befragten angab Kirchenmitglied zu sein, waren es im Dezember 2021 nur noch 25 Prozent.

Auch zeigen die Ergebnisse der Umfrage des Allensbach-Instituts, dass die Kerninhalte des christlichen Glaubens heute nur noch von einer Minderheit der Bevölkerung vertreten werden. Während 1986 noch 56 Prozent der in Westdeutschland Befragten angab, sie glaubten daran, dass Jesus der Sohn Gottes sei, waren es 2021 nur noch 37 Prozent. Auch der Glaube an die Dreifaltigkeit und die Auferstehung der Toten sei den Ergebnissen zufolge zurückgegangen.



Antisemitismusbeauftragter: Kirchen sollen NS-Aufarbeitung fortsetzen



Berlin (epd). Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, beklagt Defizite bei den Kirchen im Kampf gegen Antisemitismus. Die Kirchen seien hier eigentlich wichtige Verbündete, sagte Klein dem „RedaktionsNetzwerk Deutschland“ (23. Dezember). Gut sei, dass sich viele Gemeinden auch stark gegen Antisemitismus einsetzten, und sich die beiden großen Kirchen von ihrer Rolle im Nationalsozialismus distanziert hätten. Allerdings sei die Aufarbeitung noch nicht abgeschlossen, erklärte der Beauftragte. So seien zum Beispiel weiterhin Kirchen nach Namen erwiesener Judenfeinde benannt.

Außerdem gebe es unverändert sogenannte Judensau-Darstellungen an Kirchen, wie etwa in der Lutherstadt Wittenberg, sagte Klein. Auch läuteten in Deutschland weiter einige Kirchenglocken, die in 1930er-Jahren gegossen worden und mit einem Hakenkreuz versehen seien. Solche judenfeindlichen Traditionen fielen noch zu häufig unter den Tisch und müssten stärker thematisiert werden, forderte er: „Das muss von oben kommen, also vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz oder vom Vatikan. Gerade in der katholischen Kirche ist es ja möglich, dass Autoritäten etwas vorgeben.“

Klein sprach auch von erheblichem Nachholbedarf der Justiz im Kampf gegen Antisemitismus. „Ich finde es gut, dass sich der Rechtsstaat des Falls Gil Ofarim annimmt und so ausführlich ermittelt wird; darüber bin ich sehr froh“, sagte er den Zeitungen mit Blick auf den Sänger, der erklärt hatte, in einem Leipziger Hotel von Mitarbeitern antisemitisch behandelt worden zu sein. „Ich würde mir aber wünschen, dass dieselbe Energie von Polizei und Staatsanwaltschaften auch bei anderen antisemitischen Verdachtsfällen aufgebracht würde.“ Das seien allein 2020 rund 2.200 gewesen. Viele Ermittlungen würden stattdessen sehr schnell eingestellt.



Eröffnung der Sternsinger-Aktion pandemiebedingt verkleinert



Aachen (epd). Die bundesweite Eröffnung der Aktion Dreikönigssingen 2022 wird pandemiebedingt deutlich kleiner gefeiert als geplant. Statt der 240 Mädchen und Jungen werden nur acht Sternsingergruppen mit 32 Mädchen und Jungen die Eröffnung im Regensburger Dom mitfeiern, wie die Organisatoren am 23. Dezember in Aachen mitteilten. Eine Gruppe werde den traditionellen Segen „Christus mansionem benedicat“ („Christus segne dieses Haus“) am historischen Rathaus anbringen.

Entscheidend sei „eine sichere und verantwortungsvolle Eröffnung der Sternsingeraktion“, erklärten das Bistum Regensburg, das Kindermissionswerk und der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Für die gesamte Veranstaltung gelte die 2G-Plus-Regel. Zum Schutz aller Beteiligten sei zudem ein spezielles Hygienekonzept erarbeitet worden.

Die Diözese Regensburg ist den Angaben zufolge nach 1998 zum zweiten Mal Gastgeber des bundesweiten Aktionsauftakts. Am 6. Januar empfängt zudem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vier Sternsingerinnen und Sternsinger aus dem Bistum Aachen. Coronabedingt fällt auch dieser Empfang kleiner aus.

Rund um den Jahreswechsel sammeln Mädchen und Jungen bei der Sternsinger-Aktion bundesweit Spenden für benachteiligte Kinder in aller Welt. Wegen der Corona-Pandemie läuft das Dreikönigssingen 2022 bis zum 2. Februar und damit länger als sonst. Das Motto der 64. Aktion Dreikönigssingen lautet „Gesund werden - gesund bleiben. Ein Kinderrecht weltweit“. Die Sternsinger wollen dabei auf die Gesundheitsversorgung von Kindern in Afrika aufmerksam machen.




Gesellschaft

Schwere Zeiten, schlechte Zeiten




Bad Münstereifel im Dezember 2021
epd-bild/Matthias Kehrein
Die Flutkatastrophe im Juli hat das Eifelstädtchen Bad Münstereifel zerstört. Die historische Altstadt ist ein Trümmerfeld. Ein Weihnachtsmarkt der örtlichen Ladenbesitzer lockt dennoch Touristen - und verbreitet etwas weihnachtliche Hoffnung.

Bad Münstereifel (epd). „Die Zeiten sind schwer, die Zeiten sind schlecht. Leg jeder mit Hand an, dann wird’s wieder recht.“ Die Inschrift steht auf der Wand von Haus Nr. 53 in der Werther Straße, in der Bad Münstereifler Altstadt. Das Haus ist aus dem Jahr 1932, die Inschrift könnte aber ebenso gut aus dem Jahr 2021 sein. Im Erdgeschoss des Hauses befindet sich ein leeres Ladenlokal, vor dem Haus fehlt auf der ganzen Straße das Kopfsteinpflaster.

Wenige Schritte entfernt fließt die Erft - der Fluss, der am 14. Juli sein Bett verließ und die Altstadt zerstört hat. Das Wasser hat die 1.000 Jahre alte Mauer, die das Flussbett einfasste, weggespült. In Nordrhein-Westfalen kamen bei der Hochwasserkatastrophe 49 Menschen ums Leben, knapp 180 Städte und Gemeinden sind von der Zerstörung betroffen. In Rheinland-Pfalz, wo auch das benachbarte Ahrtal liegt, starben mehr als 130 Menschen.

Eine Familie geht langsam an den leeren Ladenlokalen vorbei. Es ist ein trüber Nachmittag im Advent. Das Lindt-Outlet ist nun mit Spanplatten verbarrikadiert. Durch ein bodentiefes Fenster, dem die Scheibe fehlt, kann man in eine ehemalige Pizzeria blicken. Dahinter tut sich ein schwarzes Loch auf. Außer rohen Wänden und ein paar Kabeln und Leitungen kann man in der Dunkelheit nichts erkennen. „Traurig ist das“, sagt ein junger Mann mit Basecap, „Das ist mehr wie traurig“, entgegnet ein älterer Mann leise. Als nächstes gehen sie an einem Fachwerkhäuschen vorbei, in dem sich ein Geschäft für Wohndekorationen befindet. Die Fenster im ersten Stock sind gekippt, Lautsprecher übertragen Weihnachtsmusik. Es läuft „Thank God It’s Christmas“.

Leitungswasser wird weiter abgekocht

Bad Münstereifel, die mittelalterliche Pilgerstadt, Stadt der Wollwerker, Gerber und Bierbrauer - ist als Heimatort des Schlagersängers Heino bekannt. Vor einigen Jahren zog außerdem das City Outlet in die leerstehenden Ladenlokale in der Altstadt. In der Advents- und Weihnachtszeit gab es dort sonst einen großen Weihnachtsmarkt, der viele Touristen aus der ganzen Region anzog. 8.000 Quadratmeter Kopfsteinpflaster müssen neu verlegt werden. Bis zum 30. Juni 2022 sollen die Bauarbeiten abgeschlossen sein, damit die Läden wieder öffnen können.

Die Ladenbesitzer und Gewerbetreibenden aus Bad Münstereifel haben sich für die Weihnachtszeit etwas einfallen lassen. Rund um die Stiftskirche, zu der man von der Werther Straße durch enge Gassen in wenigen Hundert Metern gelangt, gibt es einen kleinen Weihnachtsmarkt, auf dem nur ortsansässige Einzelhändler ihre Waren verkaufen.

Andrea Berkmüller betreibt das „Trachtenstüberl“. Sie und ihr Mann Theo Broere haben auch einen kleinen Marktstand. „Natürlich ist das kein Ersatz. Hier kann man nichts anprobieren“, sagt Berkmüller. Aber sie sei trotzdem froh, dass sie hier etwas verkaufen könne. Heute am vierten Adventssonntag sei auch mehr los. Weihnachtsstimmung wolle aber nicht wirklich aufkommen, sagt sie.

Berkmüller und Broere haben ihr Trachtengeschäft samt Warenlager durch die Flut verloren. Der Schaden gehe in die Hunderttausende. Ihre Wohnung liegt direkt über dem Geschäft. Der Telefon- und Internetanschluss ist noch nicht wieder neu verlegt, Leitungswasser kochen sie immer noch ab wegen der Keimbelastung. Seit kurzem haben sie einen kleinen Verkauf in einem benachbarten Geschäft eröffnet, die Ladenfläche teilen sie sich mit dem Nachbar. Wann sie in ihren eigenen Laden zurückkönnen, wissen sie nicht.

Kunstschätze der Stiftskirche gerettet

Auch die Stiftskirche hat einen Wasserschaden. An der Holztür im Kirchenportal sieht man genau, wie hoch das Wasser stand. Bernhard Ohlert ist vom Erzbistum Köln als Flutkoordinator eingesetzt worden. Der gelernte Schreiner und Restaurator sitzt im Kirchenvorstand und als CDU-Mitglied im Stadtrat. Wie hoch der Schaden ist, kann er noch nicht beziffern.

Die Stiftskirche braucht eine neue Heizung, eine neue Lichtanlage, auch der Computer, der die Glocken steuert, muss repariert werden. Außerdem braucht die Orgel mit ihren 2.138 Pfeifen eine Reinigung, und der Kirchraum muss neu gestrichen werden. Aber die Kunstschätze, darunter eine Madonna und eine Pietà aus dem 15. Jahrhundert, sowie die Reliquien der heiligen Schutzpatrone Chrysanthus und Daria haben sie gerettet, erzählt Ohlert stolz.

Pastor Christian Herrmanns wohnt auf der anderen Seite des Kirchplatzes. Er hat die Stiftskirche und den kleinen Weihnachtsmarkt im Blick, wenn er aus den Fenstern seines Pfarrhauses schaut. Im Pfarrgarten hält er Hühner. Es gebe etliche Münstereifler, die zu Weihnachten nicht in ihre Wohnungen und Häuser zurückkönnten, erzählt er. Herrmanns ist Notfallseelsorger und hat mit seinen evangelischen Kollegen ein psychosoziales Hilfezentrum geöffnet.

„Ich will hier nie mehr weg“

In der Münstereifler Altstadt seien viele Geschäftsräume betroffen, doch in den Ortschaften vor und hinter Münstereifel seien es hauptsächlich Privathäuser. „Viele gucken jetzt langsam nach vorne“, sagt Herrmanns. Häufig höre von Menschen, für die nichts sei wie zuvor, den Satz: „Anderen geht es noch schlimmer.“ „Das macht mich sprachlos“, sagt der Pastor.

Günter Porz lebt seit 48 Jahren in Bad Münstereifel. „Ich will hier nie mehr weg“, sagt er, während er seine Kunden auf dem Weihnachtsmarkt mit Lebkuchen versorgt. Porz ist der Inhaber des „Printenhauses“, das auch saniert werden muss. Auf dem Weihnachtsmarkt hat er seine Hütte gleich rechts neben dem Eingangsportal der Stiftskirche. Für ihn sei es dieses Jahr eigentlich der schönste Weihnachtsmarkt. Die Leute kämen von überall her, sogar aus Mainz oder Frankfurt. Er findet, die Flut sei auch eine Chance. „Die alte Erftmauer hat 1.000 Jahre gehalten, die neue wird bestimmt 2.000 Jahre halten“, sagt er und lacht.

Von Franziska Hein (epd)


Ohne Party und Böller: Diese Corona-Maßnahmen kommen zum Jahresende



Berlin (epd). Zur Eindämmung der hochansteckenden Omikron-Variante des Coronavirus wird es nach Weihnachten auch für Geimpfte und Genesene deutliche Kontaktbeschränkungen geben. Sie sollen spätestens ab dem 28. Dezember gelten. Für die Weihnachtsfeiertage setzen Bund und Länder hingegen auf das Verantwortungsbewusstsein der Bürgerinnen und Bürger. So wird dazu geraten, mit möglichst wenigen Menschen zu feiern, Abstand zu halten, zu lüften und vor einem Treffen einen Test zu machen. Die Beschlüsse im Einzelnen:

KONTAKTBESCHRÄNKUNGEN

Aktuell gelten weitreichende Kontaktbeschränkungen für Ungeimpfte: Sie müssen sich testen lassen, bevor sie zur Arbeit gehen oder Bus und Bahn nutzen. In viele Geschäfte kommen sie nicht mehr rein, und bei privaten Treffen dürfen sie sich nur mit höchstens zwei Personen aus einem anderen Haushalt treffen. Nach Weihnachten kommen auch für Geimpfte und von Covid-19 Genesenen weitere Beschränkungen hinzu: Sie dürfen privat dann nur noch mit maximal zehn Personen zusammenkommen. Kinder im Alter von bis zu 14 Jahren werden nicht mitgezählt. Zudem wird empfohlen, sich vor privaten Treffen zu testen.

KEINE FUSSBALLSPIELE MIT FANS, KEINE PARTYS UND KEIN FEUERWERK

Es sei nicht die Zeit für Partys, sagt Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). Clubs und Discos werden bis auf Weiteres geschlossen. Überregionale Veranstaltungen wie Fußballspiele wird es mit Publikum nicht mehr geben. An Silvester und Neujahr sind Versammlungen von Menschen verboten. Der Verkauf von Raketen und Böllern wird wie im vergangenen Jahr verboten. Grund ist die hohe Verletzungsgefahr und die Befürchtung, dass Krankenhäuser dadurch zusätzlich belastet werden.

GOTTESDIENSTE ZU WEIHNACHTEN

Da die von Bund und Ländern beschlossenen Maßnahmen erst nach Weihnachten gelten sollen, ergeben sich daraus für die Gottesdienste an den Festtagen keine Konsequenzen. Wie die Vespern und Gottesdienste stattfinden, ist aber je nach Bundesland, Region und Infektionsgeschehen unterschiedlich. Die Kirchengemeinden entscheiden in der Regel selbst, unter welchen Bedingungen sie die Feiern abhalten. Mancherorts gibt es Freiluftandachten. Auch die 2G-Regel - Zutritt nur für Geimpfte und Genesene - oder 3G - Zutritt auch mit tagesaktuellem Test - werden von einigen Gemeinden angewendet.

IMPFKAMPAGNE

Bund und Länder sind zuversichtlich, dass das gesteckte Ziel, bis Jahresende 30 Millionen Impfungen, vor allem zur Auffrischung, erreicht wird. Dafür soll auch über die Feiertage weiter geimpft werden. Bis Ende Januar sollen weitere 30 Millionen Impfungen verabreicht werden. Zudem sollen die Impfangebote für Kinder nach der Zulassung des Biontech-Vakzins auch für Fünf- bis Elfjährige ausgeweitet werden.



Amnesty weist Vorwurf des Antisemitismus zurück



Amnesty International stößt mit einem Solidaritätsaufruf für eine palästinensische Jugendliche auf Kritik des Zentralrats der Juden in Deutschland. Die Menschenrechtsorganisation weist den Antisemitismus-Vorwurf als unbegründet zurück.

Berlin (epd). Amnesty International hat einen Vorwurf des Zentralrates der Juden zurückgewiesen, mit einer Brief-Aktion zugunsten einer palästinensischen Jugendlichen antisemitische Vorurteile zu schüren. Die Menschenrechtsorganisation sei sich des Risikos einer Instrumentalisierung der Arbeit zu Israel und den palästinensischen Gebieten bewusst, sagte Amnesty-Sprecher Hyun-Ho Cha am 22. Dezember in Berlin dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Organisation begegne dieser Gefahr „durch eine klare Abgrenzung von jeder Form von Antisemitismus“.

Im Begleitmaterial für den diesjährigen sogenannten Briefmarathon fänden sich daher entsprechende Informationen, um den Fall differenziert darstellen zu können, fügte der Sprecher hinzu. Der Schwerpunkt der diesjährigen Mitmach-Aktion liege auf jungen Menschen unter anderem aus der Ukraine, aus Belarus, Thailand und Mexiko. Ziel sei es, diese in ihrem friedlichen Einsatz für Menschenrechte zu bestärken.

Die international anerkannte Arbeitsdefinition von Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) stelle überdies klar, dass Kritik an Israel, die mit der an anderen Ländern vergleichbar sei, nicht als antisemitisch betrachtet werden könne, fügte Cha hinzu.

Kritik von Josef Schuster

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hatte der Menschenrechtsorganisation vorgeworfen, mit dem Appell zur Unterstützung der Jugendlichen im Westjordanland Antisemitismus zu schüren. „Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut gemacht“, erklärte Schuster in Berlin. Amnesty wolle mit seinem „Briefmarathon“ offenbar zu einer Verbesserung der Menschenrechtslage im Nahen Osten beitragen. „Leider bedient die aktuelle Aktion zum Westjordanland das antisemitische Narrativ, das Israel als alleinigen Täter darstellt“, beklagte Schuster.

Altersgerechte Erläuterungen über die Lage im Westjordanland, die den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern objektiv einordnen, fehlen dem Zentralratspräsidenten zufolge in dem Appell. Die Amnesty-Aktion könne daher dazu beitragen, israelbezogenen Antisemitismus zu verstärken, der ohnehin an vielen Schulen vorhanden sei. Schuster äußerte die Hoffnung, dass sich die Schulen ihrer Verantwortung bewusst seien und die Kampagne nicht an ihre Schüler herantragen oder sie kritisch hinterfragen.

Amnesty ruft im Internet dazu auf, sich mit Schreiben an das israelische Parlament zugunsten einer jugendlichen Palästinenserin an der Solidaritätsaktion zu beteiligen. Die Bürgerjournalistin werde wegen ihrer Berichte über Unterdrückung und Gewalt der israelischen Armee gegenüber der palästinensischen Bevölkerung im Westjordanland schikaniert. Sie erhalte Todesdrohungen, heißt es in der Amnesty-Erklärung zum Appell.

Die 15-jährige Janna Jihad sei eine bekannte palästinensische Aktivistin, die sich mit friedlichen Mitteln gegen die Besatzung der palästinensischen Gebiete durch Israel einsetze, sagte der Amnesty-Sprecher. Sie zeige jungen Palästinenserinnen und Palästinensern auf, wie wirkmächtig friedlicher Widerstand sein könne. Damit ermutige sie diese, sich ebenfalls friedlicher Mittel zu bedienen.



Millionenbetrag für Aufarbeitung der SED-Diktatur



Berlin (epd). Auch mehr als 30 Jahre nach der Wiedervereinigung fördert die Bundesstiftung Aufarbeitung Projekte zur historischen Einordnung der SED-Diktatur. Im kommenden Jahr 2022 stünden dafür 2,31 Millionen Euro zur Verfügung, teilte die Stiftung am 22. Dezember in Berlin mit. Das Geld fließt nach den bisherigen Planungen in insgesamt 106 Projekte zur Diktatur-Aufarbeitung. Konkret werden laut Stiftung etwa Digitalisierungsvorhaben, Dokumentarfilme, Publikationen, Multimedia-Anwendungen sowie diverse Veranstaltungsformate und Bildungsmaterialien unterstützt.

Wie die Stiftung weiter mitteilte, befassen sich 38 der geförderten Projekte aus unterschiedlichen Perspektiven mit Repression und Verfolgung, aber auch dem Widerstand gegen das SED-Regime. Dafür würden insgesamt 527.000 Euro aufgewendet. Ein weiterer Förderschwerpunkt ist den Angaben zufolge 2022 der Bereich Revolution und Transformation. Bundesweit würden zu diesem Themenkomplex 23 Vorhaben gefördert. Sie thematisieren Umbrüche und Transformationsprozesse nach 1989/90.

Außerdem werde nach mehr als 30 Jahren auch der Aufarbeitungsprozess selbst zum Thema, hieß es. Neben eigenen Vorhaben der Bundesstiftung würden dazu bundesweit sechs Projekte realisiert, wie etwa das Internetforum „heute und gestern“ des Bürgerkomitees 15. Januar oder eine entsprechende Untersuchung der Landesbeauftragten für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur zur Auseinandersetzung mit der kommunistischen Diktatur.



Mit Überraschungstüten und Zeitkapsel ins neue Jahr



Auch ohne Böller und große Partys mit Freunden muss Silvester in der Familie nicht langweilig werden. Überraschungstüten, Zeitungstanz, gemeinsam das alte Jahr vorbeiziehen lassen: Pädagoginnen geben Tipps für den Silvesterabend mit Kindern.

Gießen, Berlin (epd). Aufbleiben bis Mitternacht, Kindersekt, Tischfeuerwerk, Wunderkerzen, Konfetti werfen: An Silvester dürfen sich Kinder ein bisschen wie Erwachsene fühlen. Aber die Zeit bis Mitternacht kann sich ziehen. „Es gibt tausend Möglichkeiten, den Abend kurzweilig zu gestalten“, sagt Bettina Kruse-Volkmann von der Evangelischen Familien-Bildungsstätte in Gießen. „Man braucht eigentlich gar keinen Fernseher.“

Die pädagogische Mitarbeiterin erinnert sich an einen besonders schönen Silvesterabend, den sie gemeinsam mit ihrer Tochter für die Enkelkinder vorbereitete: Zu jeder Stunde gab es eine Überraschungstüte, auf der die Uhrzeit stand. Darin befanden sich zum Beispiel kleine Verkleidungssachen wie Hütchen oder Schnurrbärte - lustige Fotos entstanden. Wachs fürs Wachsgießen. Glückskekse. Und Vorschläge für Spiele: Topfschlagen, Puzzle-Challenge oder Zeitungstanz, bei dem die Zeitung immer kleiner gefaltet wird. „Da gewinnen immer die Kinder.“ Der Abend sei unheimlich schnell rumgegangen.

Einteilung in Stunden

Durch die Einteilung in Stunden bekämen „Kinder ein Gefühl für die Zeit“, sagt die Sozialpädagogin Katja Wienecke vom Familientreffpunkt des SOS-Familienzentrums Berlin, das zum SOS-Kinderdorf gehört. Sie hat es mit Ballons ausprobiert, auf denen ebenfalls die Uhrzeit stand. Vorteil: Die Kinder können sie knallen lassen. Wienecke schlägt außerdem vor, den Abend über im Hintergrund einen digitalen Jahresrückblick mit Fotos laufen zu lassen. „Kinder finden es immer toll, Fotos von sich zu sehen.“

Wienecke rät, auch eine ruhige Phase einzuplanen, mit Film und Popcorn. Gerade kleine Kinder schafften es oft nicht, bis Mitternacht wachzubleiben. Wenn sie während des Films einschliefen, müssten sie halt ins Bett. Die verpassten Spiele werden dann am Neujahrstag nachgeholt.

Pädagogin Kruse-Volkmann schlägt vor, die Kinder schon nachmittags in die Vorbereitung der Silvesterparty einzubinden. Sie könnten Gemüse schnippeln fürs Raclette oder die Pizza für den Abend selber belegen. „Das schafft Vorfreude auf das, was kommt.“

Knallbonbons aus Klopapierrollen

Die Mamabloggerin Anita Gries von „Mamaskiste“ aus Berlin gibt Tipps, wie man Knallbonbons aus Klopapierrollen basteln kann. Gefüllt werden sie mit kleinen Botschaften, Schoko-Marienkäfern oder Gummibärchen. Mamabloggerin Sandra Genzel von der „Lieblingsbande“ stanzt zusammen mit den Kindern aus gebrauchtem Geschenkpapier mit einem Locher Konfetti aus.

„Ich glaube, dass es wichtig ist, Abschnitte im Leben zu haben, ein Gerüst“, sagt Bettina Kruse-Volkmann. „Silvester ist ein innerlicher Neustart, ein Aufbruch und ein Abschließen mit alten Dingen.“ Das könnten Eltern auch den Kindern vermitteln, etwa indem sie bei einem Spaziergang im Wald gemeinsam überlegten: „Was war eigentlich dieses Jahr?“

Katja Wienecke schlägt vor, eine Wunschliste zu schreiben und diese in eine „Zeitkapsel“ zu packen, die dann nächstes Jahr Silvester geöffnet wird. Was hat sich erfüllt? „Das kann man jährlich weiterführen“, sagt Wienecke.

„Jugendliche wollen sich ernst genommen fühlen“

Der österreichische Journalist und Schriftsteller Christoph Frühwirth hat ein Buch geschrieben über die „Raunächte“, die zwölf Nächte zwischen der Christnacht und dem Dreikönigstag, in denen die Natur und die Zeit still stehen, wie er sagt. Er besuchte dafür die Keramikerin und Pädagogin Veronika Stockert, die eine Reformschule mitgegründet hat. Sie schreibe mit ihrer Familie auf kleine Zettel, wovon sie sich verabschieden wolle. „Diese Zettel verbrennen wir und nehmen bewusst wahr, wie das Feuer das Dunkle in Licht verwandelt“, erzählt Stockert in dem Buch.

Eine Idee, die sich auch gut für den Silvesterabend und gerade auch für Jugendliche eignet: „Jugendliche wollen sich ernst genommen fühlen“, erklärt Sozialpädagogin Wienecke. Nachdenken über das vergangene Jahr, das so schnell verging, könne ein „Ansporn sein, etwas für seine Wünsche und Träume zu tun“.

Bei Katja Wienecke zu Hause wird dieses Jahr an Silvester auf jeden Fall ein digitaler Jahresrückblick mit Bildern laufen, denn es gab ein wichtiges Ereignis: die Einschulung ihres Sohnes. „Edelsteinmomente“ nennt Pädagogin Bettina Kruse-Volkmann solche Augenblicke. Bitte unbedingt aufbewahren.

Von Stefanie Walter (epd)


Aus dem Schaum der Götterpferde




Fliegenpilz
epd-bild / Steffen Schellhorn
Knallrot mit weißen Pünktchen: Der Fliegenpilz gilt als glückverheißender Bote für das neue Jahr. Und 2022 ist er sogar "Pilz des Jahres".

Frankfurt a. M. (epd). Er ist schön und gilt als Glückssymbol: der Fliegenpilz (Amanita muscaria). Deshalb kürte ihn die Deutsche Gesellschaft für Mykologie, die gerade 100 Jahre alt geworden ist, auch zum „Pilz des Jahres“ 2022. „Gefährdet ist er nicht“, sagt Stefan Fischer von der Mykologischen Gesellschaft. Man sieht den Giftpilz häufig, vor allem unter Birken, Fichten und Kiefern.

Aber geheimnisvoll ist er. Schon sein Name gibt Rätsel auf. Heißt er Fliegenpilz, weil er Fliegen vergiftet? Zumindest glaubten die Menschen das früher, als man ihn noch in Milch eingeweicht auf den Tisch stellte, um die Insekten zu loszuwerden.

Wolfgang Bauer schmunzelt am Telefon: „Na ja, die Fliegen sind aber nur betäubt, und wenn sie aufwachen, fliegen sie wieder davon.“ Der Frankfurter Volkskundler weiß, worauf der volkstümliche Namen verweist: „Der Fliegenpilz lässt fliegen“, sagt er und meint archaischen Rausch: Der Pilz wurde rituell von Priestern und Schamanen verspeist, die Kontakt mit Göttern und Geistern suchten.

Halluzinationen

Die Ibotensäure im Fliegenpilz, die beim Trocknen zu Muscimol zerfällt, wirkt psychoaktiv und löst Halluzinationen aus. Alice im Wunderland wechselt die Körpergröße, nachdem sie am Pilz geknabbert hat. Auch ihr geistiger Vater, der Autor Lewis Caroll, hat gern mit dubiosen Substanzen experimentiert.

Die Deutsche Mykologische Gesellschaft rät aber dringend von Selbstversuchen als Rauschmittel ab. Denn der Fliegenpilz ist giftig, insbesondere kann er Kindern und geschwächten Menschen schaden. Die Dosis ist zudem unberechenbar, weil jeder Pilz unterschiedlich viel von der giftigen Ibotensäure enthält.

Die rauschartige Wirkung könnte auch der Grund sein, warum er symbolisch als „Glücksbringer“ gesehen wurde. Der Begriff „Glückspilz“ wiederum kommt aus dem 19. Jahrhundert: So nannte man Emporkömmlinge, die sich ihr Glück nicht redlich verdient hatten und die emporschossen wie ein Pilz.

Fliegenpilze schießen vor allem in Märchen und Sagen aus dem Boden. Wichtel hausen in dem weißen Stiel dieser Wulstlinge aus der biologischen Amanita-Familie und schlürfen „Zwergenwein“ - Regenwasser, das sich in dem roten Hut sammelt, nachdem es die weißen Schuppen weggespült hat, die den Pilz so unverwechselbar machen. Die Pünktchen sind die Überreste des „Velums“, einer Schutzschicht des jungen Fruchtkörpers.

In Symbiose mit Birken

Erwachsene Fliegenpilze sehen aus, als seien sie mit Perlen bestickt. Das wirkt besonders hübsch unter lichten Birken, mit denen der Fliegenpilz in Symbiose lebt. Der eigentliche Pilz wächst unterirdisch in einem Fadengeflecht, dem Myzel, dessen Hyphen sich um die Wurzeln der Bäume winden. Der Pilz versorgt den Baum mit Wasser und Salzen aus der Erde und erhält von ihm den Zucker aus der Photosynthese der Blätter. Was man sieht, ist nur der oberirdische Fruchtkörper, der die Sporen zur Vermehrung aus seinen weißen Lamellen streut.

Früher waren rituelle Rauschgetränke mit beigemischtem Fliegenpilz vom Hindukusch bis nach Mitteleuropa und sogar bei den Ojibwa im südlichen Kanada üblich, schließlich sind die First Nations Nachkommen der Sibirier. Wolfgang Bauer verweist auch auf das Rauschgetränk im antiken Mysterienkult um den Lichtgott Mithras, der mit seiner „fliegenpilzroten persischen Kappe“ ins römische Reich eingewandert war und dem jungen Christentum Konkurrenz machte. Diese „phrygische Mütze“ machte später Karriere - bis zu den Jakobinern, den Gartenzwergen und dem Weihnachtsmann.

Für den Ethnologen und Ethnopharmakologen Christian Rätsch klingt im Weihnachtsfest ohnehin ein Echo schamanischer Rituale um die Wintersonnenwende nach: „Der Weihnachtsmann fliegt mit seinem Schlitten, von Geisterrentieren gezogen. Auch die Fliegenpilz-Schamanen reiten auf Zauberrentieren durch die Lüfte.“

Schaum aus dem Maul eines achtbeinigen Pferdes

Einer Legende nach sollen die Fliegenpilze aus dem Schaum entstanden sein, der aus dem Maul des achtbeinigen Pferdes Sleipnir tropfte - dem Reittier des germanischen Schamanengottes Wodan. Im christlichen Mittelalter waren Fliegenpilze als Hexenwerk verschrien. Bezeichnungen wie „Hexensessel“ und „Krötenstuhl“ kündeten davon. Man glaubte, dass Kröten und Salamander ihr Gift auf den Pilz übertrugen.

Aber in den „Hexenringen“ der Pilze tanzen keine Hexen: Fliegenpilze wachsen kreisförmig, wenn sich das unterirdische Myzel ausbreitet. Dann schießen die Fruchtkörper in die Höhe, sobald es warm und feucht genug ist, meist von Juli bis Oktober. Und das nicht nur im Wald: Fliegenpilze, erklärt die Gesellschaft für Mykologie, sind ein guter Anzeiger für naturnahe Gärten und Parkanlagen.

Von Claudia Schülke (epd)



Soziales

Oberlinhaus-Prozess: Täterin zu langer Haftstrafe verurteilt




Angeklagte am Tag der Urteilsverkündung im Landgericht Potsdam
epd-bild/Annette Riedl/dpa Pool
Psychiatrie und 15 Jahre Haft: Im Mordprozess wegen des Amoklaufs einer Pflegekraft im evangelischen Oberlinhaus mit vier Toten hat das Landgericht Potsdam die Höchststrafe verhängt. Die Frau sei weiter eine Gefahr, betonte das Gericht.

Potsdam (epd). Wegen Mordes an vier schwerst behinderten Menschen im evangelischen Oberlinhaus und weiterer Straftaten hat das Landgericht Potsdam die 52-jährige Täterin zu 15 Jahren Haft verurteilt. Das Gericht ging in seinem Urteil am 22. Dezember aufgrund einer schweren Persönlichkeitsstörung der Frau von einer erheblich verminderten Schuldfähigkeit aus und verhängte die in diesem Fall mögliche Höchststrafe. Zugleich ordnete das Gericht die Unterbringung der früheren langjährigen Pflegekraft in der Psychiatrie an. Damit muss die Frau nun zunächst weiter in einem psychiatrischen Krankenhaus bleiben. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. (AZ: 21 Ks 6/21)

Die Gewalttaten in einer Potsdamer Wohneinrichtung für behinderte Menschen am 28. April hatten bundesweit Entsetzen ausgelöst. Eine Frau überlebte den Amoklauf schwer verletzt. Die zwei Frauen und zwei Männer, die den Angriff nicht überlebten, waren zwischen 31 und 56 Jahren alt. Das Landgericht verurteilte die Täterin wegen Mordes, versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung und wegen schwerer Misshandlung von Schutzbefohlenen. Die Höchststrafe zu verhängen, sei „angesichts des großen Schuldgehaltes“ erforderlich, sagte der Vorsitzende Richter Theodor Horstkötter in der mehr als anderthalbstündigen Urteilsbegründung.

Persönlichkeitsstörung aus Jugendtagen

Mit der diagnostizierten schweren emotionalen Persönlichkeitsstörung der Täterin vom Borderline-Typus gehe eine erhebliche Beeinträchtigung der Impulskontrolle und der Fähigkeit zur Steuerung vor allem von negativen Gefühlen einher, sagte Horstkötter. Diese Persönlichkeitsstörung habe sich in der Jugend entwickelt. Am Tattag habe sich eine bereits „latent vorhandene große Wut“ Bahn gebrochen, Gewalt- und Tötungsfantasien, die sie schon lange beschäftigten, seien in tatsächliche Gewalt umgeschlagen.

Ines R. sei „Pflegerin mit Leib und Seele“ gewesen, habe sich lange liebevoll und mit Hingabe um andere gekümmert und auch mehrere Schicksalsschläge im privaten Bereich verkraften müssen, sagte Horstkötter. Ihre schwere psychische Krankheit, die Ursache der Gewalttaten sei, habe sie hinter einer Fassade verborgen gehalten, vor allem am Arbeitsplatz. Medikamente hätten zumindest phasenweise für eine gewisse Stabilität gesorgt. Sie habe unter großen Belastungen gestanden und sei in den Tagen vor den Gewalttaten physisch und psychisch am Ende gewesen. Die Taten seien dennoch „für alle Außenstehenden nicht voraussehbar“ und für die Kollegen nicht vorstellbar gewesen.

Das Oberlinhaus erklärte, für das Diakonie-Unternehmen blieben „die Tat und das grenzenlose Leid, das damit über die Opfer und ihre Angehörigen gebracht wurde, unermesslich“. Kein Urteil könne das Verbrechen und den Verlust auch nur ansatzweise abbilden.

Mit dem Strafmaß folgte das Gericht weitgehend den Anträgen der Staatsanwaltschaft, die eine Unterbringung in der Psychiatrie und für die einzelnen Straftaten Haftstrafen von jeweils acht bis zwölf Jahren gefordert hatte, die zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von 15 Jahren zusammengefasst werden sollten. Solche Gesamtstrafen sind im deutschen Recht üblich. Auch der Verteidiger hatte eine Unterbringung seiner Mandantin in der Psychiatrie beantragt.



Ethikrat für Ausweitung der Corona-Impfpflicht



Im Bundestag steht eine Debatte über die Einführung einer allgemeinen Impfpflicht bevor. Auch der Ethikrat ist mehrheitlich dafür. Bei anderen Experten wachsen angesichts der Notwendigkeit von Auffrischungsimpfungen aber auch Zweifel.

Berlin (epd). Der Deutsche Ethikrat hat sich mehrheitlich für eine allgemeine Corona-Impfpflicht ausgesprochen. Wie aus einer am 22. Dezember veröffentlichten Stellungnahme des Gremiums hervorgeht, befürworten 20 von 24 Mitgliedern eine Ausweitung der bereits beschlossenen Impfpflicht in Einrichtungen mit besonders von Covid-19 gefährdeten Menschen, allerdings in zwei abgestuften Varianten. Einen mit körperlicher Gewalt verbundenen Impfzwang lehnt der Ethikrat ab. Gleichzeitig empfehlen die Experten zur Umsetzung einer Impfpflicht die Einführung eines nationalen Impfregisters sowie viele niedrigschwellige Impfangebote. Die politische Debatte über die Impfpflicht dürfte damit wieder an Fahrt gewinnen. Es gibt aber auch Skepsis.

Die Ministerpräsidentenkonferenz hatte den Ethikrat Anfang Dezember gebeten, über eine allgemeine Impfpflicht zu beraten. Nach einem Treffen der Regierungschefs und -chefinnen von Bund und Ländern bekräftigten die Länder am 21. Dezember ihren Wunsch, die Vorbereitungen „zügig“ voranzutreiben. Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe, sie lade dazu ein, sich im Januar fraktionsübergreifend mit Fachleuten aus Wissenschaft und Gesellschaft über die Umsetzung einer allgemeinen Impfpflicht auszutauschen und dann anhand der Richtlinien des Ethikrates die einrichtungsbezogene Impfpflicht auf die Bevölkerung auszuweiten. Vereinbart ist bereits, dass über eine Impfpflicht ohne Fraktionszwang abgestimmt werden soll.

Annette Kurschus unterstützt Impfpflicht für alle

Die Forderung nach einer Impfpflicht wird von vielen unterstützt, unter anderem von Wohlfahrtsverbänden. Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Annette Kurschus, die ebenfalls für eine Impfpflicht plädiert hatte, sagte dem Evangelischen Pressedienst (epd): „Eine Eindämmung des Infektionsgeschehens ist letztlich nur über das Impfen möglich.“ Auch DGB-Chef Reiner Hoffmann sprach sich in der „Rheinischen Post“ für die allgemeine Impfpflicht aus. „Man muss die Bedenken der Impfskeptiker ernst nehmen, aber am Ende auch konsequent sagen: Jetzt sind wir nach 24 Monaten Pandemie in einer Situation, in der wir die Impfpflicht als Ultima Ratio brauchen“, sagte er.

In seiner Stellungnahme wägte der Ethikrat rechtliche Bedenken und ethische Grundsätze über Freiheit, Solidarität und Selbstbestimmung gegeneinander ab. In der Konsequenz votierten 13 Mitglieder für eine allgemeine Impfpflicht für alle Erwachsenen ab dem 18. Geburtstag. Ihr Argument ist im Wesentlichen die nachhaltige Beherrschung der Corona-Pandemie. Sieben Ethikratsmitglieder plädierten dafür, eine Impfpflicht auf diejenigen zu begrenzen, die ein hohes Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf haben. Dies erscheine ausreichend, um das Ziel, eine Überlastung des Gesundheitswesens zu vermeiden, zu erreichen, begründeten sie ihren Vorschlag. Vier Experten votierten gegen die Impfpflicht, wobei die Stimmen nicht namentlich zugeordnet wurden.

Petra Bahr für begrenzte Impfpflicht

Zu den Ethikratsmitgliedern, die für eine auf gefährdete Gruppen begrenzte Impfpflicht sind, gehört die evangelische Theologin Petra Bahr. „Eine allgemeine gesetzliche Impfpflicht für alle Erwachsenen kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht unterstützen“, sagte die Regionalbischöfin aus Hannover dem epd. Sie warnt unter anderem vor den Folgen: „Menschen, die bislang nur impfskeptisch oder abwartend sind, könnten in den Einfluss von radikalen Impfgegnern und verfassungsfeindlichen Kräften gelangen.“

Auch der Bonner Virologe Hendrik Streeck, der dem Corona-Expertenrat der Bundesregierung angehört, ist derzeit gegen eine allgemeine Impfpflicht. Die Wirksamkeit der Impfstoffe gegen die hochansteckende Omikron-Variante des Coronavirus sei zu gering, sagte Streeck dem Fernsehsender „Welt“: „Wo wir weder sagen können, wie lang die Schutzwirkung ist, wie lange die Schutzdauer sein wird, auch in Hinblick auf zukünftige Varianten, die kommen können, da kann man im Moment keine langfristige Empfehlung aussprechen.“

Skepsis gegenüber einer allgemeinen Impfpflicht kommt auch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Sie müsse „muss vom Ende her gedacht werden“, sagte Vorstand Eugen Brysch dem epd. „Deutschland hat heute nicht die Infrastruktur, in relativ kurzen Intervallen 70 Millionen Menschen zu impfen.“ Ohne zentrales Impfregister sei „das ganze Vorhaben zum Scheitern verurteilt“, erklärte Brysch. Die bereits beschlossene Impfpflicht für das Personal bestimmter Einrichtungen tritt Mitte März 2022 in Kraft.



Ethikrats-Mitglied Petra Bahr gegen allgemeine Corona-Impfpflicht




Petra Bahr
epd-bild/Jens Schulze

Hannover (epd). Die evangelische Regionalbischöfin Petra Bahr aus Hannover, Mitglied des Deutschen Ethikrats, ist gegen eine allgemeine Corona-Impfpflicht. „Eine allgemeine gesetzliche Impfpflicht für alle Erwachsenen kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht unterstützen“, sagte die Theologin am 22. Dezember dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Dieses Instrument erscheint mir angesichts der Härte des Eingriffs und der extrem unterschiedlichen Risikoverteilung nicht angemessen und nicht effektiv zu sein.“ Der Ethikrat hatte zuvor in einer Stellungnahme mehrheitlich für eine Impfpflicht plädiert. Allerdings gibt es in dem Gremium unterschiedliche Sichtweisen.

Plausibel erscheine aus ihrer Sicht eine Ausweitung der Impfpflicht auf Risikogruppen wie Ältere, Vorerkrankte oder Schwangere, sagte Bahr. „Auch die bereichsbezogene Ausweitung, etwa für die Teile des öffentlichen Dienstes, deren Mitarbeitende eine besonders hohe Exposition haben, ist vorstellbar.“ Generell sei die Impfung eine moralische Verpflichtung, weil sie dazu beitrage, dass andere seltener angesteckt würden und das Gesundheitssystem nicht zusammenbreche.

„Schwerwiegender Eingriff in die Selbstbestimmung“

Eine allgemeine Impfpflicht sei allerdings selbst in einer Katastrophensituation ein schwerwiegender Eingriff in die Selbstbestimmung, betonte die promovierte Theologin: „Die Selbstbestimmung über den eigenen Körper zu erlangen ist das Ergebnis der Freiheits- und Demokratiegeschichte. Sie wurde hart errungen.“ Die sozialen Folgen einer Pflicht wären erheblich: „Menschen, die bislang nur impfskeptisch oder abwartend sind, könnten in den Einfluss von radikalen Impfgegnern und verfassungsfeindlichen Kräften gelangen.“

Bei einer Impfpflicht sei allerdings ungeklärt, wie mit denjenigen umgegangen werden solle, die sich weiterhin weigerten, geimpft zu werden, sagte Bahr. Denn jede rechtliche Regelung verlange nach Zwang und Sanktionierung. Zudem seien viele praktische Fragen der Umsetzung noch offen. Es fehle ein zentrales Impfregister und eine Prognose, wann welche Impfstoffe zur Verfügung stehen könnten, welche Anpassungen vorgenommen werden müssten und welche Priorisierung angestrebt werde.

Forderung nach zielgenaueren Impfkampagnen

Die Gruppe der Ungeimpften sei divers, und über ihre Motive sei zu wenig bekannt, argumentierte Bahr. Dabei spielten regionale, kulturelle und religiöse Prägungen eine Rolle. „Dazu Desinformationskampagnen, denen nicht hart genug widersprochen wurde, oder eine gesellschaftliche Marginalisierung.“ Deshalb seien zielgenauere Impfkampagnen nötig, forderte die Theologin. „In den letzten Wochen hat sich gezeigt, dass aufsuchendes Impfen, individuelle Aufklärung und eine zugewandte Art der Vermittlung durchaus erfolgreich sein können.“ Freiwilligkeit sei auch deshalb wichtig, weil die anderen Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung ohne die Normtreue weiter Teile der Bevölkerung nicht mehr griffen.

Im Ethikrat votierten 13 Mitglieder für eine allgemeine Impfpflicht für alle Erwachsenen ab dem 18. Geburtstag. Sieben Ethikratsmitglieder plädierten dafür, eine Impfpflicht auf diejenigen zu begrenzen, die ein hohes Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf haben. Vier Experten votierten gegen die Impfpflicht

epd-Gespräch: Michael Grau


Gesetzentwurf für Streichung von Paragraf 219a soll im Januar kommen



Berlin (epd). Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) hat einen Gesetzentwurf zur Abschaffung des Werbeverbots für Abtreibungen für Januar angekündigt. Der Paragraf 219a im Strafgesetzbuch bedeute für Ärztinnen und Ärzte ein strafrechtliches Risiko, wenn sie beispielsweise auf ihrer Webseite sachliche Informationen über Schwangerschaftsabbrüche bereitstellten, sagte Buschmann den Zeitungen der Funke Mediengruppe (22. Dezember). „Das ist meiner Meinung nach absurd. Im Januar werde ich dazu einen Gesetzentwurf vorlegen.“ SPD, Grüne und FDP hatten sich bereits in den Koalitionsverhandlungen auf eine Abschaffung des Werbeverbots für Abtreibungen geeinigt.

Der Paragraf 219a im Strafgesetzbuch verbietet die Werbung für Schwangerschaftsabbrüche aus wirtschaftlichen Interessen und in „grob anstößiger Weise“. Das führte in der Vergangenheit zu Verurteilungen von Ärztinnen und Ärzten, die aus ihrer Sicht sachlich auf der Internetseite ihrer Praxis darüber informiert hatten, dass sie Abtreibungen durchführen und welche Methoden sie anwenden.

In der vergangenen Legislaturperiode hatte die SPD mit der Union einen Kompromiss geschlossen, wonach das Werbeverbot gelockert, aber nicht abgeschafft wurde. Danach dürfen Ärztinnen und Ärzte zwar darüber informieren, dass sie Abtreibungen machen, nicht aber darüber, welche Methoden sie anwenden. Stattdessen führt die Bundesärztekammer entsprechende Listen.



Dachverband: Pläne für Ausbau von Sozialwohnungen unzureichend




Immer mehr Menschen sind in Deutschland auf Hilfseinrichtungen angewiesen.
epd-bild/Rolf Zöllner
Die Corona-Pandemie hat die Lage von Wohnungslosen verschärft. Die Zahl der Plätze in Hilfseinrichtungen sank aufgrund der Beschränkungen. Dabei seien immer mehr Menschen auf sie angewiesen, beklagt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe.

Berlin (epd). Die Pläne der Bundesregierung für den Ausbau von Sozialwohnungen sind laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) unzureichend. Um Wohnungslosigkeit zu bekämpfen, müssten wesentlich mehr Sozialwohnungen errichtet werden als im Koalitionsvertrag vorgesehen, erklärte der Dachverband am 21. Dezember in Berlin. Bislang sieht die neue Bundesregierung laut Koalitionsvertrag den Bau von 100.000 Sozialwohnungen pro Jahr vor.

Während der Corona-Krise stieg die Zahl der Wohnungslosen der jüngsten Schätzung der BAGW zufolge um acht Prozent von 237.000 Menschen im Jahr 2018 auf 256.000 Personen im Jahr 2020.

Die Zahlen schließen nach Aussage der Bundesarbeitsgemeinschaft den Anteil anerkannter Geflüchteter nicht ein. Die Zahl der Geflüchteten ohne eigene Wohnung sank den Angaben zufolge analog zur stark abnehmenden Zahl der Menschen, die in Deutschland aufgenommen wurden, im gleichen Zeitraum um 64 Prozent.

Rückgang um 40 Prozent seit 2018

Die Jahresgesamtzahl aller wohnungslosen Menschen inklusive Geflüchtete betrug laut Schätzung des Dachverbands vergangenes Jahr 417.000. Seit 2018 sei die Zahl um knapp 40 Prozent zurückgegangen, hieß es.

„Auch wenn die Zahl der Wohnungslosen im Geflüchtetensektor sinkt, kann von einer Entspannung des Wohnungsmarktes keine Rede sein, wie der Anstieg der Zahlen im Sektor der Wohnungslosenhilfe deutlich zeigt“, sagte die Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, Werena Rosenke. Sie forderte eine Quotenregelung für Wohnungslose bei der Zuteilung von Sozialwohnungen, denn diese seien stigmatisiert und hätten größere Schwierigkeiten als andere Berechtigte, ihren Anspruch geltend zu machen.

Mehr als ein Drittel der befragten Dienste und Einrichtungen hätten ihr Hilfsangebot pandemiebedingt einschränken müssen, betonte Rosenke unter Hinweis auf eine geringere Zahl an Plätzen und Beratungsterminen: „Wir müssen also vermuten, dass es mehr verdeckt wohnungslose Menschen gibt.“

Ein Drittel Frauen

Mit 180.000 Menschen sind laut Bundesarbeitsgemeinschaft 70 Prozent der Wohnungslosen alleinstehend. Der Frauenanteil liegt der Schätzung zufolge bei einem Drittel. Insgesamt 45.000 Menschen leben demnach ohne jede Unterkunft auf der Straße, davon allein 6.000 in Berlin.

Hauptgründe für steigende Zahlen im Wohnungslosensektor sind für die BAGW das nach wie vor unzureichende Angebot an bezahlbarem Wohnraum, der weitere Rückgang des Bestands an Sozialwohnungen und eine Verfestigung von Armut. Es mangele insbesondere an bezahlbarem Wohnraum für Menschen mit niedrigen Einkommen. Besonders betroffen seien einkommensschwache Ein-Personen-Haushalte, Alleinerziehende und kinderreiche Paare.

Der Anteil der Menschen, die trotz Erwerbsarbeit wohnungslos seien, habe sich innerhalb der vergangenen zehn Jahre verdoppelt, beklagte Rosenke. Der großen Gruppe von 16,5 Millionen Einpersonenhaushalten stand im vergangenen Jahr demnach ein Angebot von 5,5 Millionen Ein- bis Zweizimmerwohnungen gegenüber. Der Bestand an Sozialwohnungen habe sich in den Jahren 2019 und 2020 weiter reduziert. Allein seit 2017 schrumpfte er laut BAGW um 90.000 Wohnungen.




Medien & Kultur

"Gewonnen kann durch Trübseligkeit nie etwas werden"




Klaus Wagenbach
epd-bild/privat
Er war eine schillernde Persönlichkeit: Mit 91 Jahren ist der Verleger Klaus Wagenbach in Berlin gestorben - "begleitet von seiner Familie und umgeben von seinen Büchern", heißt es auf der Internetseite seines Verlags.

Berlin/Frankfurt am Main (epd). Sein Herz schlug links. Daran hat Klaus Wagenbach nie einen Zweifel gelassen. Er ließ ein Manifest der „Roten Armee Fraktion“ (RAF) drucken und publizierte das Fernsehspiel „Bambule“ von Ulrike Meinhof. Damals galt der 1930 geborene Wagenbach als das Enfant terrible unter den deutschen Verlegern. Nun ist er mit 91 Jahren am 17. Dezember in Berlin gestorben, wie der Verlag Klaus Wagenbach am Montag mitteilte. Auf der Internetseite heißt es: „Seinem Lebensmotto entsprechend werden wir seinen Verlag weiterführen: 'Gewonnen kann durch Trübseligkeit nie etwas werden.'“ Stets begleitete der Leitspruch Theodor Fontanes Wagenbachs Leben.

2018 wurde sein Verlag mit dem erstmals ausgelobten Berliner Verlagspreis ausgezeichnet, 2020 mit dem Deutschen Verlagspreis. „Klaus Wagenbach ist für mich immer ein Vorbild gewesen: ein Verleger im ursprünglichen Sinn, unbeugsam bei der Qualität seines Verlagsprogramms“, sagte die Münchner Verlegerin Antje Kunstmann im Juli 2020 dem Evangelischen Pressedienst (epd): „Ein Mensch mit Haltung, Humor, liebenswürdig und immer hilfsbereit, wenn man Fragen hatte.“

Biermann-Verleger und Kafka-Kenner

In den 60er und 70er Jahren galt Wagenbach als ein Sprachrohr der Außerparlamentarischen Opposition (APO). 1974/75 verlor er mehrere Prozesse, unter anderem wegen der Veröffentlichung des RAF-Manifests, und erhielt eine Haftstrafe von neun Monaten auf Bewährung. Die DDR verbot dem Verleger zeitweilig Ein- und Durchreise, weil er Wolf Biermanns Lyrikband „Die Drahtharfe“ verlegt hatte.

Sein Geschichtsbewusstsein war vom Nazi-Regime und vom Zweiten Weltkrieg geprägt, den er mit seiner Mutter und seinem Bruder im Westerwald überlebte. Sein Elternhaus in Berlin-Tegel wurde ausgebombt.

Auch Franz Kafka hat ihn geprägt. Dessen Romane lernte er in Frankfurt am Main kennen, wo er ab 1949 eine Buchhandelslehre absolvierte. Fritz Hirschmann, Herstellungsleiter bei S. Fischer, drückte ihm Kafkas „Prozess“ in die Hand. 1951 schrieb sich Wagenbach für Germanistik, Kunstgeschichte und Archäologie an der Frankfurter Goethe-Universität ein und promovierte 1957 über Kafka. Später veröffentlichte er eine rororo-Monographie über den Prager Schriftsteller. „Kafkas dienstälteste Witwe“ nannte er sich einmal selbst.

Er wurde zunächst Lektor für deutsche Literatur bei S. Fischer. Mit den Einnahmen seiner Kafka-Monographie konnte er 1964, drei Jahre nach dem Mauerbau, einen eigenen Verlag in West-Berlin gründen - unter der Devise „Geschichtsbewusstsein, Anarchie, Hedonismus“.

Erfolg mit Fried und italienischer Literatur

Mit Autoren und Autorinnen wie Günter Grass, Ingeborg Bachmann und Johannes Bobrowski legte Wagenbach die Grundsätze seiner Verlagsarbeit fest. 1966 lernte er Erich Fried kennen und verlegte dessen berühmten Gedichtband „und Vietnam und“. Zu einem der erfolgreichsten Bücher des Verlags wurden Frieds „Liebesgedichte“.

Wagenbachs „Rotbücher“ waren der APO gewidmet. 1970 übernahm der Verlag außerdem Hans Magnus Enzensbergers „Kursbuch“ von Suhrkamp. Das Experiment mit einer kollektiven Verlagsarbeit scheiterte allerdings, weil der Verleger auf der Autonomie seines Lektorats beharrte. Der Verlag spaltete sich: Aus Wagenbachs Verlag ging 1973 der Rotbuch-Verlag hervor. Noch bis 1999 wirkte Wagenbach als Herausgeber am „Freibeuter“ mit, einer linksorientierten Vierteljahresschrift für Kultur und Politik. Seit 1987 wurde die Reihe „Salto“ mit Texten zeitgenössischer Autoren im roten Leineneinband zum Markenzeichen seines Verlags.

Nach und nach änderte der Verleger sein Konzept und verlegte sich mehr und mehr auf italienische Literatur. Für deren Verbreitung im deutschen Sprachraum erhielt Wagenbach 1990 den „Nationalen Übersetzerpreis“ vom römischen Kulturministerium, überdies das Bundesverdienstkreuz. 2001 folgte das Große Bundesverdienstkreuz.

Nach seinem 80. Geburtstag zog sich der Verleger allmählich zurück. Er könne nicht mehr lesen, berichtete vergangenes Jahr seine Frau dem epd. Er sei aber immer guter Laune gewesen.

Von Claudia Schülke (epd)


Bilanz 2021: Mehr als 500 neue Wörter in Online-Duden aufgenommen




Kathrin Kunkel-Razum
epd-bild/Felix Poehland Photography

Berlin (epd). Von „boostern“, „Long Covid“ und „Piks“ bis zu „woke“ und „trans“: Die Duden-Redaktion hat in diesem Jahr mehr als 500 neue Wörter in den Online-Duden aufgenommen. Das war etwa ein Viertel mehr als in früheren Jahren, wie die Duden-Chefredakteurin Kathrin Kunkel-Razum dem Evangelischen Pressedienst (epd) sagte. „2021 war ein sehr sprachbewegtes Jahr, in dem so viel über Sprache diskutiert wurde wie seit der Rechtschreibreform 1996 nicht mehr“, erklärte sie. Das habe sich zum einen in der Entwicklung des Wortschatzes gezeigt, vor allem in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. Prägend seien zum anderen aber auch bestimmte gesellschaftliche Diskussionen gewesen, etwa über Political Correctness oder das Gendern.

„Vor allem auf dem Gebiet Corona, Medizinversorgung und Epidemiologie hatten wir in diesem Jahr wie auch schon 2020 eine große Dynamik“, sagte Kunkel-Razum. Die Redaktion habe einen hohen Informationsbedarf zur korrekten Schreibweise neuer oder plötzlich für die Allgemeinheit relevant gewordener Begriffe verzeichnet wie „PCR-Test“ oder „Boosterimpfung“. Deshalb seien Wörter zum Teil schneller in den Online-Duden eingetragen worden als sonst üblich. Etwa ein Fünftel der 2021 neu eingefügten Begriffe habe einen Corona-Bezug.

„N-Wort“ und „woke“

Auch beim Thema Politische Korrektheit gab es nach Angaben der Duden-Chefredakteurin viel Bewegung. So seien in das Online-Wörterbuch etwa Ausdrücke aufgenommen worden wie „N-Wort“ (als Vermeidungsbegriff für eine „stark diskriminierende Bezeichnung für Menschen mit dunkler Hautfarbe“), „Systemsprenger“ und „Systemsprengerin“ (verhaltensauffällige oder psychisch kranke Person, „die kaum oder nicht in vorhandene Betreuungs- und Behandlungssysteme integriert werden kann“) oder „woke“ („in hohem Maß politisch wach und engagiert gegen insbesondere rassistische, sexistische, soziale Diskriminierung“).

Hinzu kamen Wörter aus sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, die teils auch „wortbildnerisch interessant“ waren, wie Kunkel-Razum sagte. Als Beispiel nannte sie das Verb „podcasten“, das sich erst aus dem zugehörigen Substantiv entwickelt habe - „das gleiche Modell wie bei whatsappen“. Zu neuen Substantiven zählten etwa „Rudelsingen“ („gemeinsames Singen vieler Menschen“), „On-off-Beziehung“ („Liebesbeziehung mit häufigen Trennungsphasen“) und „Stadtradeln“ („Kampagne zur Förderung des Radverkehrs in Städten“).

Die über das Jahr auf „Duden online“ neu erfassten Wörter schaffen es laut Kunkel-Razum in aller Regel auch in die jeweils nächste Ausgabe des gedruckten Dudens, der alle drei bis vier Jahre neu erscheint. Sie würden aber stets durch viele weitere Begriffe ergänzt, bei jeder Auflage seien es insgesamt zwischen 3.000 und 5.000 Neueinträge. Die jüngste, 28. Auflage des Standardwerks der deutschen Rechtschreibung erschien im August 2020 mit einer Rekordzahl von insgesamt 148.000 Stichwörtern.

epd-Gespräch: Michaela Hütig


Unsterblich seit Aschenbrödel




Barrandov-Filmstudios in Prag
epd-bild/Kilian Kirchgessner
Die Barrandov-Film-Studios in Prag zählen zu den traditionsreichsten in Mitteleuropa. Hier wurden Teile von "Mission Impossible" gedreht und von "Casino Royale" - und viele Szenen eines fast 50 Jahre alten Weihnachtsklassikers.

Prag (epd). Der berühmte Schuh ist immer noch in einer Vitrine zu sehen: jener leicht glitzernde Pumps, den die Heldin im Weihnachtsklassiker „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ verliert und mit dessen Hilfe der Prinz sie schließlich wiederfindet. „Dieser Schuh hier ist für die Proben verwendet worden“, erklärt Jakub Zika vom Filmstudio Barrandov in Prag, wo viele Szenen des Kultfilms entstanden sind.

In dem Studio ist der Film aus dem Jahr 1973, eine Ko-Produktion der CSSR und der DDR, immer noch allgegenwärtig. Auch die Festkleider von Aschenbrödel lagern hier, geschützt hinter dickem Glas. In Tschechien wurden sie inzwischen zum nationalen Kulturerbe erklärt.

Eigentlich aber beschäftigen sich Zika und seine Kollegen nur selten mit der cineastischen Vergangenheit, denn sie sind auch in der Gegenwart vielbeschäftigt: In den Ateliers des Prager Studios ist vor einigen Jahren die Historienserie „Knightfall“ abgedreht worden, die Arbeiten an „Carnival Row“ mit Orlando Bloom sind noch in vollem Gange.

James Bond und Pan Tau

„Eigentlich ist hier immer etwas los“, sagt Jakub Zika, „und sehr viele der Produktionen kommen aus Amerika, aber auch aus Deutschland hier zu uns.“ Auch Kassenschlager wie „Mission Impossible“ oder Szenen des Bond-Streifens „Casino Royale“ wurden in Prag gedreht. Die Kinderserie „Pan Tau“ entstand in den 60er und 70er Jahren in Kooperation mit dem WDR.

Die Barrandov-Studios zählen zu den traditionsreichsten in Mitteleuropa. Vor 90 Jahren wurden sie gegründet: Die Brüder und Unternehmer Milos und Vaclav Havel - Onkel und Vater des späteren Präsidenten Vaclav Havel - waren auf einer Amerika-Reise schwer beeindruckt vom Filmgeschäft in Hollywood. Sie nahmen sich vor, so etwas auch zu Hause in Prag zu etablieren.

Es entstand ein Studiokomplex, der in Europa damals seinesgleichen suchte. Die Ateliers waren hochmodern ausgestattet, und die 400.000 Quadratmeter Außenfläche waren dank der Lage auf einem Hügel so perfekt gewählt, dass sie einen völlig freien Horizont boten - keine Häuser, keine Strommasten im Hintergrund stören bei den Dreharbeiten.

Studio aus den 30er Jahren

Das Hauptgebäude entstand im funktionalistischen Stil - ein spektakulärer Bau, dessen Grundriss nach dem Willen der Gründerväter den mythischen Vogel Phönix symbolisieren sollte. Die tschechische Filmbranche, wie Phönix aus der Asche erstanden, das sollte allein schon dieses imposante Gebäude symbolisieren.

„Kommen Sie, ich führe Sie mal in eines der Studios“, ruft Jakub Zika und läuft voraus über die langen Flure. Er schließt eine schwere Tür auf - und steht auf einmal in einer riesigen Halle mit schwarz verkleideten Außenwänden. „Das hier ist unser Atelier 1 aus den 1930er Jahren“, sagt er. Vor wenigen Tagen erst hat eine Filmproduktionsgesellschaft hier ihre Requisiten und Kulissen abgebaut, bald kommen die Handwerker und richten die Halle für die nächste Produktion her.

Der Boden besteht aus Holzplatten, damit sich die Kulissen gut festschrauben lassen, Wände aus isolierendem Material verhindern, dass Hall entsteht. Die Decken sind so hoch wie in einer Kathedrale, so finden auch große Kamerakräne und mehrgeschossige Kulissen hier ihren Platz.

„Die Studios waren damals schon so modern, dass sie bis heute in Betrieb sind, auch fast ein Jahrhundert später“, sagt Jakub Zika. Nur eines hat sich geändert: Heute verlangen viele Film-Crews Studios mit 1.000 Quadratmetern Grundfläche, die beiden ältesten hier in Barrandov messen allerdings nur 600 und 650 Quadratmeter. „Für manche Zwecke sind sie trotzdem sehr gut geeignet, und für alle anderen Vorhaben gibt es unsere neueren Studios“, sagt Zika. Und sie alle lassen sich im Handumdrehen in neue Welten verwandeln.

Stolz auf Handwerk

„Wir sind bekannt für unsere Handwerker“, erzählt er, und der Stolz ist ihm anzuhören: Die Profis bauen aus Sperrholz Kulissen zusammen, die dann im Film so aussehen wie Burgen, Schlösser oder Industrieanlagen. Dieses Know-how und dazu eine der weltgrößten Sammlungen an Kostümen und Requisiten machen Barrandov bis heute zum Anziehungspunkt für Filmproduktionen aus aller Welt.

Neun riesige Studiohallen stehen auf dem Gelände von Barrandov, ausgebucht sind sie meist Jahre im Voraus. Eine eigene Autowerkstatt gibt es hier, in der Filmfahrzeuge hergerichtet werden, und an einer anderen Stelle ist sozusagen halb Paris eingelagert. „Für einen Film ist hier das Paris des 14. Jahrhunderts entstanden“, erklärt Jakub Zika: 80 historische Häuser, allesamt aus Holz originalgetreu nachgebaut. Für Historienfilme ist das eine beliebte Kulisse, die mit Komparsen, Pferden und alten Kutschen wieder zum Leben erweckt werden kann.

Für den Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ war das damals im Jahr 1973 nicht nötig: Viele der Außenaufnahmen entstanden im Schloss Moritzburg nahe Dresden, in Prag wurden nur Szenen aus den Innenräumen gedreht. Der Märchenfilm ist für seine Fans unsterblich - und das stolze Prager Studio ist es spätestens seitdem ebenfalls.

Von Kilian Kirchgeßner (epd)


Der Selfmademan und sein Kindheitstraum von Troja



Den einen gilt er als Pionier archäologischer Forschung, anderen als geltungssüchtiger Schatzgräber. Heinrich Schliemann, zu Lebzeiten als Entdecker von Troja verehrt, ist bis heute umstritten.

Ankershagen (epd). Mit Handelsgeschäften in Russland und Investitionen in den kalifornischen Goldrausch wurde Heinrich Schliemann (1822-1890) zum Millionär. Dank seines Reichtums konnte er sich ab 1864 auf ausgedehnte Reisen begeben und dabei ausgiebig die Antike studieren. Berühmt wurde er, weil er dabei archäologische Überreste des antiken Troja mit dem „Schatz des Priamos“ entdeckt haben will.

Geboren wird Schliemann vor 200 Jahren am 6. Januar 1822 in Neubukow in der Nähe von Rostock als fünftes von neun Kindern des Pastors Ernst Schliemann und dessen Frau Luise. Der Vater übernimmt 1823 eine einträgliche Pfarrstelle im ostmecklenburgischen Ankershagen, und Heinrich verlebt dort bis zum Alter von zehn Jahren seine nicht sehr glückliche Kindheit. Schliemanns Mutter stirbt früh, sein Vater ist, wie der Sohn viele Jahre später über ihn schreibt, „ein liederlicher Mensch, ein Wüstling“.

Träumer und Autodidakt

Es ist nicht genügend Geld da, um den jungen Heinrich aufs Gymnasium zu schicken. Nach einer abgebrochenen Lehre als Handelsgehilfe arbeitet Schliemann zunächst als Bürobote in Amsterdam. Dort fängt er an, autodidaktisch mehrere Sprachen zu lernen, und wird bald ein international erfolgreicher Geschäftsmann. Er bringt es als Bankier, Eisenbahninvestor und Lieferant der zaristischen Armee im Krimkrieg zu einem stattlichen Vermögen. Dann verkauft er seine Firmen und studiert in Paris Altertumskunde, Literatur und Sprachen.

Mit Anfang 40 beginnt er, sich ausschließlich der Suche nach Troja zu widmen - seinem Kindheitstraum, wie er später der Weltöffentlichkeit erzählen wird: Als Siebenjähriger habe er zu Weihnachten Georg Ludwig Jerrers „Weltgeschichte für Kinder“ geschenkt bekommen und in dem Buch die Abbildung des brennenden Trojas entdeckt. Darauf habe er zu seinem Vater gesagt, dass er einst die Mauern der sagenumwobenen Stadt Homers ausgraben werde.

Tatsächlich verantwortet Schliemann als erster Forscher umfassende Ausgrabungen im westtürkischen Hisarlik.1873 entdeckt er den „Schatz des Priamos“, des legendären Königs von Troja - so glaubt er jedenfalls. Heute ist sich die Wissenschaft sicher, dass er sich um gut 1.250 Jahre in der Datierung geirrt hat, der Goldschatz gehörte einer früheren Hochkultur. Am Ende des Zweiten Weltkriegs gelangte er als Kriegsbeute der Roten Armee nach Russland.

1876 meint Schliemann, in Mykene die Goldmaske von König Agamemnon gefunden zu haben. Auch hier geht die Forschung davon aus, dass es sich um das Grab eines mykenischen Fürsten einer vorangegangenen Dynastie handelt.

Schliemann sei ein Schwärmer, den nicht wissenschaftliche Hinweise dazu brachten, ausgerechnet dort am Hügel Hisarlik nach der sagenhaften Stadt zu graben, sondern die griechische Heldensage, schreibt der Althistoriker Theodor Kissel in einem Aufsatz. Dabei sei die „eigentliche Tragik dieses großen Amateurarchäologen“: Bei seiner „ungestümen Suche“ nach dem Troja, wie Homer es beschrieb, habe Schliemann zwar genau an der richtigen Stelle gegraben, aber viel zu tief.

Gut 1.000 Jahre zu weit sei Schliemann in die Vergangenheit vorgedrungen, zu einer Schicht, die man heute Troja II nennt. Dabei hat er die Reste der homerischen Stadt - nach heutiger Auffassung wohl Troja VI oder VIIa - zerstört. Die Wissenschaft wirft Schliemann vor, er habe alle Fundstücke, die nicht zu seinem Troja passten, einfach mit dem Schutt wegkippen lassen.

Als letztes großes Projekt setzt sich Hobby-Archäologe Schliemann Ende der 1880er Jahre in den Kopf, das Grab Alexanders des Großen zu finden. Doch dazu kommt es nicht mehr. Er stirbt am 26. Dezember 1890 im italienischen Neapel. Seine Leiche wird nach Athen überführt und dort in einem prächtigen neoklassizistischen Mausoleum auf dem Ersten Friedhof von Athen beigesetzt.

Historiker Kissel: „Imagebildung mit alternativen Fakten“

Schliemann sei einer der ersten Kosmopoliten seiner Zeit und gleichzeitig „Identifikationsfigur“ gewesen, sagt Undine Haase, Leiterin des Schliemann-Museums in Ankershagen. Das Museum zeige mit seiner Dauerausstellung und drei Sonderausstellungen im Jahr 2022, wie Schliemann, „aus der mecklenburgischen Provinz kommend, es mit Fleiß und Glück und allen Widrigkeiten zum Trotz schaffte, sich seinen Kindheitstraum zu erfüllen und ganz nebenbei zu einem der reichsten Privatmänner seiner Zeit zu werden“.

Der Mainzer Historiker Kissel sieht das Erbe Schliemanns dagegen kritischer: Er habe „Imagebildung mit alternativen Fakten“ betrieben, indem er manche Begebenheit seines Lebens stark idealisiert und bisweilen Geschichten auch komplett erfunden habe. Doch: „Das von ihm selbst verbreitete Narrativ vom bürgerlichen Autodidakten, der es mit Fleiß und Willenskraft zum großen Entdecker bringt, wirkt über seinen Tod hinaus.“

Von Nicole Kiesewetter (epd)


Filme der Woche



Die Königin des Nordens

1402: Ein Unbekannter erhebt Anspruch auf den Thron der drei Reiche und droht die Kalmarer Union von Dänemark, Norwegen und Schweden zum Platzen zu bringen. Im Mittelpunkt des Dramas einer politischen Intrige, die Herzen zerreißt, steht die dänische Herrscherin Margrete, deren verstorben geglaubter Sohn plötzlich auftaucht - aber ist es wirklich ihr Sohn? Über allem steht für Margrete die Staatsräson. Die dänische Regisseurin Charlotte Sieling hat ihr Historienstück um Intrigen am Königshof kühl inszeniert und weitgehend auf die genretypischen Schauwerte verzichtet.

Die Königin des Nordens (Dänemark/Schweden/Island/Niederlande//Belgien/Tschechien/2021). R: Charlotte Sieling. B: Charlotte Sieling, Jesper Fink, Maya Ilsøe. Mit Trine Dyrholm, Søren Malling, Morten Hee Andersen, Jakob Oftebro, Bjørn Floberg. Länge: 120 Min.

Moleküle der Erinnerung - Venedig, wie es niemand kennt

Der italienische Regisseur Andrea Sehr ist Ende Februar 2020 nach Venedig gekommen, um einen Dokumentarfilm über das Hochwasser und die Touristen zu machen. Darum geht es immer noch in diesem Film, wenn auch nur am Rande: Durch den Lockdown hat sich die Richtung verändert. Segre zeigt das leere Venedig des Lockdowns, ohne Boote, ohne Wellen, ohne Menschen. Und verbindet in einem biografischen Bogen das Venedig von heute mit den Erinnerungen an seinen Vater, dessen Super-8-Filme aus dem Venedig der 70er Jahre der Film präsentiert. Ein beeindruckender Filmessay.

Moleküle der Erinnerung - Venedig, wie es niemand kennt (Italien/2020). R u. B: Andrea Segre. Mit Elena Almansi, Maurizio Calligaro, Gigi Divari. Länge: 68 Minuten.

Schwestern - Eine Familiengeschichte

England 1924: Das Dienstmädchen Jane (Odessa Young) hat eine Affäre mit dem aus gutem Hause stammenden Paul (Josh O'Connor), der demnächst standesgemäß heiraten soll. Bei ihrer letzten Verabredung kurz vorm Festakt kommt es zu einer schicksalshaften Wendung, die die spätere Schriftstellerin nachhaltig prägt. Die Verfilmung von Graham Swifts Bestseller bietet sinnliche Szenenbilder und ein intensives Frauenporträt. Olivia Colman, Glenda Jackson und Colin Firth komplementieren die herausragende Besetzung.

Schwestern - Eine Familiengeschichte (Frankreich/Algerien/2020). R: Yamina Benguigui. B: Yamina Benguigui, Farah Benguigui, Maxime Saada, Jonathan Palumbo. Mit Maïwenn, Rachida Brakni, Isabelle Adjani, Hafsia Herzl. Länge: 99 Minuten.

www.epd-film.de




Entwicklung

Unicef-Fotos des Jahres zu Klimawandel und Corona




Unicef-Foto des Jahres 2021 von Supratim Bhattacharjee
epd-bild/Supratim Bhattacharjee
Ein Mädchen vor seinem ins tosende Meer gewehten Teehaus, ein Freiluftklassenzimmer während des Lockdowns in Indien, Kinder von schwer kriegsverletzten Vätern: Unicef Deuschland hat wieder die Fotos des Jahres gekürt.

Berlin (epd). Das Unicef-Foto des Jahres 2021 zeigt ein elfjähriges indisches Mädchen, dessen Teeausschank von einem verheerenden Wirbelsturm auf das offene Meer gefegt wurde. Das eindringliche Siegerbild des indischen Fotografen Supratim Bhattacharjee aus dem Nordosten des Subkontinents zeige den Überlebenskampf von Kindern angesichts fortschreitender Umweltzerstörung und des Klimawandels, sagte Unicef-Vorstand Peter-Matthias Gaede am 21. Dezember in Berlin.

Im August 2020 hatte in den Sundarbans, den größten Mangrovenwäldern der Erde in Westbengalen in Indien, ein tropischer Wirbelsturm gewütet und die Küstenregion schwer verwüstet. Bhattacharjee, der sich in seinen Arbeiten mit Umwelt- und Menschenrechtsfragen beschäftigt, reiste einen Tag später in die Gegend, um die verheerenden Folgen zu dokumentieren. In dem komplett zerstörten Dorf Fraserganj liefen die Menschen durcheinander und versuchten verzweifelt, die Reste ihres Hab und Guts aus dem Meerwasser zu retten, berichtete der Fotograf in einem Video: „Pallavi, das Mädchen auf dem Foto, war eine von ihnen.“

„Starke Persönlichkeit“

Ihr Zuhause, in dem sich auch ein kleiner Teeladen befand, war komplett zerstört und auf den Golf von Bengalen hinausgeweht worden. Die Elfjährige habe sich aber tapfer der verheerenden Situation gestellt und versucht, ruhig zu bleiben: „Ihre starke Persönlichkeit, die sie dem zerstörerischen Anstieg des Meeres entgegensetzte, brachte mich dazu, sie zu fotografieren“, sagte Bhattacharjee.

Pallavis Blick könne niemanden unberührt lassen, sagte Unicef-Schirmherrin Elke Büdenbender am Dienstag bei der Präsentation der Siegerbilder. „Das Bild zeigt auf einen Blick, was Kinder in dieser Welt so stark belastet: Armut, Umweltzerstörung, Klimawandel.“ Das Foto fordere dazu auf, über die Konsequenzen der Lebensweise in reichen Länder nachzudenken und sie zu verändern. Das mache den seit dem Jahr 2000 jährlich stattfindenden Wettbewerb von Unicef Deutschland aus, sagte die Ehefrau des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier: eindringliche Fotos mit großen Themen dahinter. Büdenbender sprach von der „Macht des stillen Bildes“.

Freiluftklassenzimmer

Den zweiten Preis erhielt die Reportage des indischen Fotografen Sourav Das über einen Lehrer, der während des Corona-Lockdowns ein ganzes Dorf in ein Freiluftklassenzimmer verwandelt hat. Auf dem Höhepunkt der Lockdowns konnten laut Unicef weltweit 1,6 Milliarden Kinder nicht zur Schule gehen. Für viele habe das bedeutet, dass auch die einzige richtige Mahlzeit am Tag wegfiel, sagte Unicef-Vorstand Peter-Matthias Gaede.

Der dritte Preis ging an den irakischen Fotografen Younes Mohammad für seine Serie über kurdische Kinder kriegsverletzter Väter. Diese waren im Kampf gegen die Terrororganisation „Islamischer Staat“ verwundet worden. Mit dem Unicef-Foto des Jahres prämiert das Kinderhilfswerk jährlich Fotos und Fotoreportagen, die die Lebensumstände von Kindern weltweit dokumentieren. Für den Wettbewerb 2021 hatten 86 professionelle Fotografinnen und Fotografen aus 26 Nationen etwa 1.300 Bilder eingereicht.



Die verlorene Heimat der Flüchtlinge von Cabo Delgado




Cristina Graziani, Chefin des UN World Food Programme in Cabo Delgado
epd-bild / Stefan Ehlert
Rund 3.500 Tote und mehr als 730.000 Geflüchtete sind die Bilanz von vier Jahren Terrorkrieg in Cabo Delgado im Norden von Mosambik. Die Gewalt hält an, für Hunderttausende Menschen steht in den Sternen, ob sie je zurückkehren.

Pemba (epd). Ancha Omar Malique spricht mit klarer Stimme, anders als vor einem Jahr, als sie hochschwanger am Strand von Paquitiquete in Pemba eintraf. Erschöpft von der Flucht, traumatisiert von der Gewalt, gestrandet ohne Hoffnung. Seitdem hat sie Kraft geschöpft. Doch eine Perspektive hat sie nicht.

„Was soll jetzt aus mir werden, allein mit sechs Kindern?“, fragt Omar Malique, ihre jüngste Tochter auf dem Arm. Amina wurde kurz nach der Flucht vor der islamistischen Gewalt in der Provinz Cabo Delgado im Norden von Mosambik geboren. Damals fand die Mutter zusammen mit 43 anderen Personen Zuflucht bei einem Cousin, aus Platzmangel mussten aber viele am Strand schlafen. Tagelang sei sie unterwegs gewesen, berichtet Omar Malique, und dass sie in ihrem Heimatort Mucojo mitansehen musste, wie die Extremisten die Köpfe ihrer Nachbarn auf die Straße warfen.

Ihr Mann, Anlawe Almasse, war nicht bei ihr. Er kam erst kurz darauf nach und gab dem neugeborenen Mädchen seinen Namen. Ihren Vater wird Amina jedoch nie wiedersehen. Der 40 Jahre alte Fischhändler wurde einem Zeugen zufolge ermordet, als er wenige Wochen nach Aminas Geburt in die Nähe der alten Heimat fuhr, um Trockenfisch und Langusten zu kaufen.

„Ich habe zu viel Angst“

Eine Rückkehr in die von Überfällen, Gewalt und Tod gezeichnete Heimat steht für Omar Malique und ihre Kinder außer Frage. Selbst wenn es sicher wäre, würde sie das niemals tun, sagt sie ohne zu zögern. „Ich habe zu viel Angst. Ich will nicht daran erinnert werden, was ich dort erlebt habe.“

3.500 Tote und mehr als 730.000 Geflüchtete sind die Bilanz von vier Jahren Terrorkrieg in Cabo Delgado. Mithilfe ruandischer Truppen und Kontingenten der südafrikanischen Entwicklungsgemeinschaft SADC ist es seit August zwar gelungen, wichtige Städte zurückzuerobern. Doch nun drängen die Al-Shabaab oder Mashababos genannten Islamisten in die Nachbarprovinzen. Und auch in Cabo Delgado haben die Attacken keineswegs aufgehört.

Der Psychologe und Sozialarbeiter Vasquinho King in Pemba verweist auf Umfragen, wonach gut die Hälfte der Geflüchteten nicht in ihre Heimatorte zurückkehren will. Viele leben schon seit Jahren in Grashütten und einem Provisorium: abhängig von Lebensmittelhilfe, die Kinder ohne Schule, die Familie ohne nennenswertes Einkommen.

Im Lager Nangua steckt der Bauer Geraldo António fest. Vor einem Jahr war er noch guten Mutes, bald auf sein Land in Quissanga zurückkehren zu können. Seitdem ist er dünner geworden, die Kleidung ist verschlissen, die Zuversicht geschwunden. Die einzige Hilfe, die er und seine Familie erhielten, sei das Nahrungsmittelpaket des Welternährungsprogramms (WFP), sagt António. Doch auch das sei gekürzt worden, es reiche nicht.

Essensrationen halbiert

Die Chefin des WFP in Cabo Delgado, Cristina Graziani, bestätigt, dass die Rationen halbiert wurden, weil es an Geld fehle. Erst ab Januar werde es wieder die volle monatliche Ration von 50 Kilogramm Reis, Bohnen, Salz und Öl je fünfköpfiger Familie geben können. Jetzt, kurz vor der Regenzeit, sei es wichtig, dass viele Menschen ihre eigene Nahrung anbauten, zumal unklar ist, wie lange die Krise noch anhält. Mindestens 60.000 Bedürftige hat allein das WFP laut Graziani Worten in ein Programm zur Selbstversorgung aufgenommen. So werden etwa auf der Insel Ibo Frauen darin geschult, Fisch zu trocknen oder Gemüse anzubauen.

Zu den Empfängerinnen von Saatgut gehört auch die dreifache Mutter Anli Omar in der Ortschaft Milamba. 42 Kilo Samen schleppt die 42-Jährige auf ihrem Kopf. Warum sie nicht in ihrem Dorf im Bezirk Quissanga lebt? „Vita“, antwortete die Frau. Das sagt alles: Vita bedeutet in der Kimwani-Sprache Krieg. Der sei noch nicht vorbei.

Und selbst dort, wo die Gewalt abflaut, ist der Weg für eine Rückkehr noch längst nicht geebnet. Die Sicherheit sei natürlich ein zentraler Aspekt, sagt der Gouverneur von Cabo Delgado, Valige Tauabo. Aber eben auch ein Minimum an Infrastruktur müsse wiederhergestellt sein: Wasser, eine Gesundheitsstation, Schulgebäude.

„Es war alles zerschlagen und verwüstet“, berichtet Amorane Arune. Vor sechs Wochen kehrte der Steuerberater mit Genehmigung der Behörden nach Mocímboa da Praia zurück, um beim Wiederaufbau zu helfen. „Es ist schwer“, sagt er. Die Stadt sei menschenleer. Zum Essen geht er ins Feldlager der Ruander. Sie versorgen ihn mit.

Von Stefan Ehlert (epd)


"Brot für die Welt"-Chefin sorgt sich um Weihnachts-Einnahmen




Dagmar Pruin
epd-bild/Christian Ditsch

Berlin (epd). Die Präsidentin von „Brot für die Welt“, Dagmar Pruin, bangt im zweiten Corona-Jahr um die Einnahmen aus den Weihnachtsgottesdiensten für das evangelische Hilfswerk. Zwar sei die diesjährige Spendenaktion gut angelaufen, sagte sie dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Aber wir kennen diese Situation ja nicht, wir kennen nicht ein zweites Pandemiejahr, keiner von uns weiß, wo es hingehen wird.“ Die Kollekten der Weihnachtsgottesdienste in evangelischen Kirchen gehen traditionell an Projekte von „Brot für die Welt“. Die Spendenaktion der Organisation stellt in diesem Jahr das Thema Klimagerechtigkeit in den Mittelpunkt und begann wie jedes Jahr am ersten Advent.

Im vergangenen Jahr seien zwar die Einnahmen aus den Kollekten sehr zurückgegangen, die Spenden über andere Kanäle aber gestiegen, sagte Pruin. Auch in diesem Jahr sei ein Impuls spürbar gewesen, nachdem die Weihnachtsgalas begonnen hatten und der Fernsehgottesdienst zur Eröffnung der Aktion gelaufen war. „Bisher sind die Spenden auf einem guten Niveau, gleichzeitig steht ja wieder die Frage im Raum, wie die Weihnachtsgottesdienste stattfinden werden“, sagte Pruin. „Das macht mir große Sorgen.“ Spenden und Kollekten tragen mehr als ein Fünftel der Einnahmen von „Brot für die Welt“ bei, die Kollekten aus der Weihnachtzeit machen davon einen erheblichen Anteil aus.

Spender „nicht alle kirchlich“

Trotz des Spardrucks kirchlicher Institutionen sieht Pruin keinen der derzeitigen Arbeitsbereiche als verzichtbar, die „Brot für die Welt“ als Hungerbekämpfung, Klimagerechtigkeit, Stärkung der Zivilgesellschaft und Friedensarbeit, Frauenrechte sowie faire Digitalisierung definiert. „Wenn die Mittel weniger werden, wird man in den Bereichen schauen müssen, gibt es Dinge, die wir noch verändern, wo wir Mittel anders einsetzen können?“ Wenn weniger Geld da sei, könne man weniger machen. Einer Studie von 2019 zufolge könnte sich die Mitgliederzahl der evangelischen Kirche bis 2060 halbieren, was entsprechende Auswirkungen auf die Steuereinnahmen hätte.

„Brot für die Welt“ soll nach dem Willen Pruins jedoch ein Teil dessen sein, was Menschen für Kirche begeistert. Oft seien die Menschen in Kontakt mit Kirche, wo Kirche sich für andere einsetze. „Unsere Spenderinnen und Spender sind nicht alle kirchlich“, betont sie. „In diesem Sinne hat 'Brot für die Welt' eine Scharnierfunktion, und das würde ich gerne stark machen.“ Man könne den Trend zwar nicht umkehren. „Aber wir können sagen, lasst uns nicht dastehen wie das Kaninchen vor der Schlange, sondern sehen, was wir dazu beitragen können, dass Menschen weiter starke Berührungspunkte finden.“

epd-Gespräch: Natalia Matter und Mey Dudin



Termine

13.1. Bonn Online Die Sehnsucht nach dem nächsten Klick. Medienresilienz und Glück - vom guten Leben in einer digitalen Gesellschaft. Wie können wir Digitalisierung annehmen, ohne uns von ihr beherrschen zu lassen? Welche Rahmenbedingungen brauchen wir, um eine gute digitale Gesellschaft zu gestalten? https://www.ev-akademie-rheinland.de/tagung/die-sehnsucht-nach-dem-naechsten-klick-839

17.1. Frankfurt am Main Online Wem gehört die Paulskirche? Was von 1848 blieb. 1848 war ein Jahr mit vielen Facetten. Demokratie, Freiheit, Nation, Sozialismus - vieles lag in der Luft, nichts davon wurde unmittelbar erreicht, manches konnte erst später umgesetzt werden. Worin könnte das Erbe der Paulskirche bestehen? https://www.evangelische-akademie.de/kalender/wem-gehoehrt-die-paulskirche-2022-01-17/

25.1. Tutzing Gesellschaftliche Risiken: Analyse und Gestaltung. Gesellschaften sind heute komplex und global interdependent - und damit in hohem Maße verletzlich und anfällig für verschiedenste Risiken. Die Entwicklung von systemischen Gefahren muss daher vorausschauend abgeschätzt, bewertet und eingegrenzt werden. Wie wandelt der Gegenwartskapitalismus Unsicherheiten in berechenbare Risiken? https://www.ev-akademie-tutzing.de/veranstaltung/gesellschaftliche-risiken-analyse-und-gestaltung/