Prag (epd). Der berühmte Schuh ist immer noch in einer Vitrine zu sehen: jener leicht glitzernde Pumps, den die Heldin im Weihnachtsklassiker „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ verliert und mit dessen Hilfe der Prinz sie schließlich wiederfindet. „Dieser Schuh hier ist für die Proben verwendet worden“, erklärt Jakub Zika vom Filmstudio Barrandov in Prag, wo viele Szenen des Kultfilms entstanden sind.
In dem Studio ist der Film aus dem Jahr 1973, eine Ko-Produktion der CSSR und der DDR, immer noch allgegenwärtig. Auch die Festkleider von Aschenbrödel lagern hier, geschützt hinter dickem Glas. In Tschechien wurden sie inzwischen zum nationalen Kulturerbe erklärt.
Eigentlich aber beschäftigen sich Zika und seine Kollegen nur selten mit der cineastischen Vergangenheit, denn sie sind auch in der Gegenwart vielbeschäftigt: In den Ateliers des Prager Studios ist vor einigen Jahren die Historienserie „Knightfall“ abgedreht worden, die Arbeiten an „Carnival Row“ mit Orlando Bloom sind noch in vollem Gange.
James Bond und Pan Tau
„Eigentlich ist hier immer etwas los“, sagt Jakub Zika, „und sehr viele der Produktionen kommen aus Amerika, aber auch aus Deutschland hier zu uns.“ Auch Kassenschlager wie „Mission Impossible“ oder Szenen des Bond-Streifens „Casino Royale“ wurden in Prag gedreht. Die Kinderserie „Pan Tau“ entstand in den 60er und 70er Jahren in Kooperation mit dem WDR.
Die Barrandov-Studios zählen zu den traditionsreichsten in Mitteleuropa. Vor 90 Jahren wurden sie gegründet: Die Brüder und Unternehmer Milos und Vaclav Havel - Onkel und Vater des späteren Präsidenten Vaclav Havel - waren auf einer Amerika-Reise schwer beeindruckt vom Filmgeschäft in Hollywood. Sie nahmen sich vor, so etwas auch zu Hause in Prag zu etablieren.
Es entstand ein Studiokomplex, der in Europa damals seinesgleichen suchte. Die Ateliers waren hochmodern ausgestattet, und die 400.000 Quadratmeter Außenfläche waren dank der Lage auf einem Hügel so perfekt gewählt, dass sie einen völlig freien Horizont boten - keine Häuser, keine Strommasten im Hintergrund stören bei den Dreharbeiten.
Studio aus den 30er Jahren
Das Hauptgebäude entstand im funktionalistischen Stil - ein spektakulärer Bau, dessen Grundriss nach dem Willen der Gründerväter den mythischen Vogel Phönix symbolisieren sollte. Die tschechische Filmbranche, wie Phönix aus der Asche erstanden, das sollte allein schon dieses imposante Gebäude symbolisieren.
„Kommen Sie, ich führe Sie mal in eines der Studios“, ruft Jakub Zika und läuft voraus über die langen Flure. Er schließt eine schwere Tür auf - und steht auf einmal in einer riesigen Halle mit schwarz verkleideten Außenwänden. „Das hier ist unser Atelier 1 aus den 1930er Jahren“, sagt er. Vor wenigen Tagen erst hat eine Filmproduktionsgesellschaft hier ihre Requisiten und Kulissen abgebaut, bald kommen die Handwerker und richten die Halle für die nächste Produktion her.
Der Boden besteht aus Holzplatten, damit sich die Kulissen gut festschrauben lassen, Wände aus isolierendem Material verhindern, dass Hall entsteht. Die Decken sind so hoch wie in einer Kathedrale, so finden auch große Kamerakräne und mehrgeschossige Kulissen hier ihren Platz.
„Die Studios waren damals schon so modern, dass sie bis heute in Betrieb sind, auch fast ein Jahrhundert später“, sagt Jakub Zika. Nur eines hat sich geändert: Heute verlangen viele Film-Crews Studios mit 1.000 Quadratmetern Grundfläche, die beiden ältesten hier in Barrandov messen allerdings nur 600 und 650 Quadratmeter. „Für manche Zwecke sind sie trotzdem sehr gut geeignet, und für alle anderen Vorhaben gibt es unsere neueren Studios“, sagt Zika. Und sie alle lassen sich im Handumdrehen in neue Welten verwandeln.
Stolz auf Handwerk
„Wir sind bekannt für unsere Handwerker“, erzählt er, und der Stolz ist ihm anzuhören: Die Profis bauen aus Sperrholz Kulissen zusammen, die dann im Film so aussehen wie Burgen, Schlösser oder Industrieanlagen. Dieses Know-how und dazu eine der weltgrößten Sammlungen an Kostümen und Requisiten machen Barrandov bis heute zum Anziehungspunkt für Filmproduktionen aus aller Welt.
Neun riesige Studiohallen stehen auf dem Gelände von Barrandov, ausgebucht sind sie meist Jahre im Voraus. Eine eigene Autowerkstatt gibt es hier, in der Filmfahrzeuge hergerichtet werden, und an einer anderen Stelle ist sozusagen halb Paris eingelagert. „Für einen Film ist hier das Paris des 14. Jahrhunderts entstanden“, erklärt Jakub Zika: 80 historische Häuser, allesamt aus Holz originalgetreu nachgebaut. Für Historienfilme ist das eine beliebte Kulisse, die mit Komparsen, Pferden und alten Kutschen wieder zum Leben erweckt werden kann.
Für den Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ war das damals im Jahr 1973 nicht nötig: Viele der Außenaufnahmen entstanden im Schloss Moritzburg nahe Dresden, in Prag wurden nur Szenen aus den Innenräumen gedreht. Der Märchenfilm ist für seine Fans unsterblich - und das stolze Prager Studio ist es spätestens seitdem ebenfalls.

