Berlin/Frankfurt am Main (epd). Sein Herz schlug links. Daran hat Klaus Wagenbach nie einen Zweifel gelassen. Er ließ ein Manifest der „Roten Armee Fraktion“ (RAF) drucken und publizierte das Fernsehspiel „Bambule“ von Ulrike Meinhof. Damals galt der 1930 geborene Wagenbach als das Enfant terrible unter den deutschen Verlegern. Nun ist er mit 91 Jahren am 17. Dezember in Berlin gestorben, wie der Verlag Klaus Wagenbach am Montag mitteilte. Auf der Internetseite heißt es: „Seinem Lebensmotto entsprechend werden wir seinen Verlag weiterführen: 'Gewonnen kann durch Trübseligkeit nie etwas werden.'“ Stets begleitete der Leitspruch Theodor Fontanes Wagenbachs Leben.
2018 wurde sein Verlag mit dem erstmals ausgelobten Berliner Verlagspreis ausgezeichnet, 2020 mit dem Deutschen Verlagspreis. „Klaus Wagenbach ist für mich immer ein Vorbild gewesen: ein Verleger im ursprünglichen Sinn, unbeugsam bei der Qualität seines Verlagsprogramms“, sagte die Münchner Verlegerin Antje Kunstmann im Juli 2020 dem Evangelischen Pressedienst (epd): „Ein Mensch mit Haltung, Humor, liebenswürdig und immer hilfsbereit, wenn man Fragen hatte.“
Biermann-Verleger und Kafka-Kenner
In den 60er und 70er Jahren galt Wagenbach als ein Sprachrohr der Außerparlamentarischen Opposition (APO). 1974/75 verlor er mehrere Prozesse, unter anderem wegen der Veröffentlichung des RAF-Manifests, und erhielt eine Haftstrafe von neun Monaten auf Bewährung. Die DDR verbot dem Verleger zeitweilig Ein- und Durchreise, weil er Wolf Biermanns Lyrikband „Die Drahtharfe“ verlegt hatte.
Sein Geschichtsbewusstsein war vom Nazi-Regime und vom Zweiten Weltkrieg geprägt, den er mit seiner Mutter und seinem Bruder im Westerwald überlebte. Sein Elternhaus in Berlin-Tegel wurde ausgebombt.
Auch Franz Kafka hat ihn geprägt. Dessen Romane lernte er in Frankfurt am Main kennen, wo er ab 1949 eine Buchhandelslehre absolvierte. Fritz Hirschmann, Herstellungsleiter bei S. Fischer, drückte ihm Kafkas „Prozess“ in die Hand. 1951 schrieb sich Wagenbach für Germanistik, Kunstgeschichte und Archäologie an der Frankfurter Goethe-Universität ein und promovierte 1957 über Kafka. Später veröffentlichte er eine rororo-Monographie über den Prager Schriftsteller. „Kafkas dienstälteste Witwe“ nannte er sich einmal selbst.
Er wurde zunächst Lektor für deutsche Literatur bei S. Fischer. Mit den Einnahmen seiner Kafka-Monographie konnte er 1964, drei Jahre nach dem Mauerbau, einen eigenen Verlag in West-Berlin gründen - unter der Devise „Geschichtsbewusstsein, Anarchie, Hedonismus“.
Erfolg mit Fried und italienischer Literatur
Mit Autoren und Autorinnen wie Günter Grass, Ingeborg Bachmann und Johannes Bobrowski legte Wagenbach die Grundsätze seiner Verlagsarbeit fest. 1966 lernte er Erich Fried kennen und verlegte dessen berühmten Gedichtband „und Vietnam und“. Zu einem der erfolgreichsten Bücher des Verlags wurden Frieds „Liebesgedichte“.
Wagenbachs „Rotbücher“ waren der APO gewidmet. 1970 übernahm der Verlag außerdem Hans Magnus Enzensbergers „Kursbuch“ von Suhrkamp. Das Experiment mit einer kollektiven Verlagsarbeit scheiterte allerdings, weil der Verleger auf der Autonomie seines Lektorats beharrte. Der Verlag spaltete sich: Aus Wagenbachs Verlag ging 1973 der Rotbuch-Verlag hervor. Noch bis 1999 wirkte Wagenbach als Herausgeber am „Freibeuter“ mit, einer linksorientierten Vierteljahresschrift für Kultur und Politik. Seit 1987 wurde die Reihe „Salto“ mit Texten zeitgenössischer Autoren im roten Leineneinband zum Markenzeichen seines Verlags.
Nach und nach änderte der Verleger sein Konzept und verlegte sich mehr und mehr auf italienische Literatur. Für deren Verbreitung im deutschen Sprachraum erhielt Wagenbach 1990 den „Nationalen Übersetzerpreis“ vom römischen Kulturministerium, überdies das Bundesverdienstkreuz. 2001 folgte das Große Bundesverdienstkreuz.
Nach seinem 80. Geburtstag zog sich der Verleger allmählich zurück. Er könne nicht mehr lesen, berichtete vergangenes Jahr seine Frau dem epd. Er sei aber immer guter Laune gewesen.

