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Behinderung

80 Jahre nach Kriegsende: Verbände mahnen zur Wachsamkeit




Einweihung der Gedenkstätte der Stiftung Alsterdorf für Opfer der NS-Zeit 2022
epd-bild/Philipp Reiss
Sozialverbände haben am 80. Jahrestag des Kriegsendes der Opfer der NS-Gewaltherrschaft gedacht und besonders an die ermordeten Menschen mit Behinderungen erinnert. Unrecht und Ausgrenzung dürften auch künftig nicht in Vergessenheit geraten.

Berlin (epd). Zum 80. Jahrestag des Kriegsendes haben mehrere Sozialverbände der Opfer der NS-Gewaltherrschaft und der Kriegstoten gedacht. VdK-Präsidentin Verena Bentele mahnte am 7. Mai zur Wachsamkeit gegenüber extremistischen und antidemokratischen Strömungen. Ähnlich äußerten sich die Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie, der Bundesverband Rehabilitation und die AWO.

„Als Sozialverband VdK erinnern wir heute, 80 Jahre danach, an das unfassbare Leid, das die Nationalsozialisten mit dem Grauen des Zweiten Weltkriegs über Europa und die ganze Welt gebracht haben“, sagte Bentele in Berlin. Aus der historischen Verantwortung heraus sei es dem VdK ein zentrales Anliegen, Unrecht und Ausgrenzung nicht in Vergessenheit geraten zu lassen: „Die Erinnerung ist für alle Generationen eine Verpflichtung, jetzt und in Zukunft. Das Gedenken an die Opfer des Weltkriegs und der Nazi-Diktatur mahnt uns, wachsam zu bleiben gegenüber jeder Form von Diskriminierung, Ausgrenzung oder Abwertung von Menschen.“

„Menschenwürde ist unantastbar“

Sie sagte, unhaltbare Thesen zur Integration und Inklusion sowie Vorurteile beispielsweise gegen Menschen mit Behinderungen, arme Menschen oder jene, die aus anderen Ländern kommen, würden in Teilen der Gesellschaft wieder laut. „Auch Artikel 1 des Grundgesetzes, “Die Würde des Menschen ist unantastbar„, wird von antidemokratischen Kräften angezweifelt“, so Bentele. Es gelte, gemeinsam all jenen entgegenzutreten, „die heute wieder Menschenrechte und den Wert der Vielfalt in Frage stellten - mit Mut und mit der festen Überzeugung: Nie wieder!“.

Der Bundesfachverband Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie (CBP) verwies auf alarmierende Umfrageergebnisse. Der „Gedenkanstoß MEMO Deutschland - Multidimensionaler Erinnerungsmonitor“ der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft habe deutlich gemacht, dass in der Bevölkerung in Deutschland kaum Wissen über die Ermordung von Menschen mit Behinderung und Menschen mit psychischer Erkrankung in der NS-Zeit feststellbar ist. Nur 36 Prozent der Befragten konnten den Angaben nach unter dem Begriff der „Euthanasie“ die Ermordung von Menschen mit Behinderung in der NS-Zeit einordnen. Fast 29 Prozent der Befragten kannten den Begriff der „Euthanasie“ überhaupt nicht.

Gedenkstätten umfassend fördern

Vor diesem Hintergrund forderte der CBP eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung, die Förderung von Gedenkstätten und der Erinnerungskultur sowie die Verankerung der historischen Ereignisse in die allgemeine Bildung sowie in allen Ausbildungsgängen bei medizinischen, pflegerischen sowie pädagogischen Berufen.

Der BDH Bundesverband Rehabilitation erinnerte an die systematische Ermordung von Menschen mit Behinderung und psychischen Erkrankungen durch das NS-Regime. „Zahlreiche Mitglieder unseres Verbandes - insbesondere hirnverletzte Kriegsopfer - wurden im Rahmen der sogenannten 'Euthanasie'-Programme verfolgt, entrechtet und ermordet“, sagte die Vorsitzende Ilse Müller. Insgesamt wurden über 300.000 Menschen mit Behinderung und psychischen Erkrankungen ermordet: „Ein beispielloses Menschheitsverbrechen, das in der Erinnerung unserer Gesellschaft nicht verblassen darf.“

Warnung vor Abwertung der Erinnerungskultur

Wer die Vergangenheit verdränge, gefährde die Zukunft, so Müller. „Die Erinnerung an die grausame Ermordung von Menschen mit Behinderung im Nationalsozialismus ist Mahnung und Verantwortung zugleich: Für eine Gesellschaft, in der Menschenwürde und Inklusion unantastbar bleiben“, betonte die Vorsitzende.

Sie warnte vor einer schleichenden Abwertung der Erinnerungskultur. Rechtspopulistische und autoritäre Strömungen stellten gezielt die historische Wahrheit infrage. Sie verbreiteten Narrative, die auf Abgrenzung, Entwertung von Minderheiten und geschichtsrevisionistischen Mythen basierten. „Dagegen braucht es eine starke, aufgeklärte Zivilgesellschaft und eine Erinnerungskultur, die nicht nur zurückblickt, sondern auch wachsam in die Gegenwart schaut.“

Michael Groß, Präsident der Arbeiterwohlfahrt (AWO), sagte, das heutige Gedenken an die Opfer „muss uns auch zum Handeln bringen: Die offene und freiheitliche Gesellschaft ist heute wieder akut in Gefahr“. Er rufe alle Verantwortlichen in Politik und Zivilgesellschaft dazu auf, „sich nicht nur zu bekennen, sondern Rechtsextremismus, Antisemitismus und jeden Rassismus entschlossen zu bekämpfen“.

Dirk Baas


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