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Corona

Studie: Psyche von Kindern besonders belastet




Die Wassertorstraße im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wird zur Spielstraße.
epd-bild/Rolf Zöllner
Die psychische Belastung von Kindern durch die Corona-Pandemie ist deutlich höher als Experten bislang vermutet haben. Vor allem arme Familien seien betroffen, heißt es in einer Studie. Helfen können Gespräche und eine feste Tagesstruktur, betonen Experten.

Die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen hat sich während der Corona-Pandemie deutlich erhöht. Betroffen seien vor allem Kinder aus armen Familien und mit ausländischen Wurzeln, sagte die Kinder- und Jugendpsychiaterin Ulrike Ravens-Sieberer, Professorin an der Hamburger Uni-Klinik Eppendorf, am 10. Juli bei der Vorstellung der COPSY-Studie (Corona und Psyche). 71 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen fühlten sich psychisch stark belastet, vor der Pandemie war es nur etwa ein Drittel.

Man habe mit einer Verschlechterung des psychischen Wohlbefindens gerechnet, sagte Ravens-Sieberer: "Dass sie allerdings so deutlich ausfällt, hat auch uns überrascht." Die Grünen sehen in der Studie ein Indiz für dringenden Handlungsbedarf.

27 Prozent der Kinder und Jugendlichen sowie 37 Prozent der befragten Eltern gaben an, dass es mehr Streit in der Familie gab. Das ist laut Ravens-Sieberer dann häufiger der Fall, wenn die Familien nur wenig Platz haben und eine feste Tagesstruktur fehlt. Fast jedes dritte Kind (31 Prozent) zeigt ein Risiko für psychische Auffälligkeiten, vorher war es nur jedes fünfte (18 Prozent). Bei 24 Prozent gab es Anzeichen für eine Angststörung, vorher waren es nur 15 Prozent. Bislang sei aber nicht zu beobachten, dass dies zu häufigeren klinischen Behandlungen geführt habe, sagte die Psychiaterin.

"Lage nicht dramatisieren"

Ravens-Sieberer warnte auch vor einer Dramatisierung. Viele Kinder und Jugendliche hätten Ressourcen, um sich zu stabilisieren. Wichtig sei dafür ein gutes Klima in den Familien. Eltern sollten sich Zeit für Unternehmungen und Gespräche nehmen, eine gute Tagesstruktur einrichten und ihren Kinder das Gefühl vermitteln, dass sie gebraucht werden.

Die Corona-Krise hat laut Studie auch die allgemeine Gesundheit beeinträchtigt. Kinder und Jugendliche ernähren sich ungesünder, treiben weniger Sport und nehmen zu. Dazu kommen Einschlafprobleme, Kopf- und Bauchschmerzen. Zwei Drittel gaben an, dass sie das Smartphone häufiger nutzen. Dies ist nach Einschätzung von Ravens-Sieberer nicht unbedingt von Nachteil, weil damit auch soziale Kontakte aufrecht erhalten werden.

Sollte es zu einer zweiten Corona-Welle kommen, müssten die Kinder und Jugendlichen stärker in den Fokus rücken, forderte die Kinderpsychiaterin. Gerade belastete Familien müssten mehr Unterstützung beim Homeschooling erfahren. Auch sollten Möglichkeiten gefunden werden, wie sich Kinder in kleinen Gruppen treffen können.

Ziel der COPSY-Studie ist es nach Angaben der Uni-Klinik Eppendorf, die Kinder und Jugendlichen selbst zu Wort kommen zu lassen. Befragt wurden zwischen dem 26. Mai und 10. Juni 1.040 Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren und mehr als 1.500 Eltern von Kindern zwischen 7 und 17 Jahren per Online-Fragebogen. Zum Vergleich mit der Zeit vor Corona nutzten die Forscher Daten aus anderen bundesweiten Studien.

Maria Klein-Schmeink, Sprecherin der Grünen für Gesundheitspolitik, sagte, die Daten zeigten Handlungsbedarf. Ein schneller Zugang zu Hilfe und Therapie müsse sichergestellt werden. "Das bedeutet beispielsweise auch eine höhere Flexibilität für die Art der Hilfeleistung, also ob telefonisch oder auch per Videotherapie. Es hat sich gezeigt, dass die niedergelassenen Psychotherapeutinnen sich im Rahmen ihrer gesetzlichen Möglichkeiten sehr bemüht haben, ihre Patientinnen und Patienten zu erreichen."

Schnelle Hilfe verhindert chronische Erkrankung

Auch der Zugang zu Institutsambulanzen muss laut der Grünen erleichtert werden. Zugleich müssen die Wartezeit auf eine reguläre Therapie verkürzt und mehr Kinder-und Jugendpsychotherapeutinnen zugelassen werden: "Denn schnelle Hilfe und Therapie verhindern, dass psychische Belastungen zu chronischen Erkrankungen führen. Schon in normalen Zeiten sind die Hürden und insbesondere die Wartezeiten zu hoch. Dies rächt sich nun erst recht."

Insgesamt zeigen die Zahlen, dass Menschen in engen Wohnungen und ohne ihre regulären Alltagsbezüge in den Kitas, Schulen und Jugendeinrichtungen die coronabedingten Einschränkungen sehr viel schlechter weg stecken können. Deshalb ist bei allen Schutzmaßnahmen immer darüber nachzudenken, wie sie sich auf Kinder und Jugendliche gerade aus sozial benachteiligten Gruppen auswirken."

Thomas Morell