Ausgabe 15/2018 - 13.04.2018
Würzburg (epd). Pflegepersonal sollte dem Ethikberater Jochen Scheidemantel zufolge in Diskussionen über lebensverlängernde Maßnahmen mit einbezogen werden. "Pfleger können den Lebenswillen der Patienten oft besser einschätzen als die Angehörigen, die vielleicht kaum Zeit für Besuche haben", sagte das Gründungsmitglied des "Ethiknetzes Mainfranken" am 11. April bei einem Vortrag in Würzburg. Das Pflegepersonal könnte eine "Schlüsselrolle" einnehmen, wenn über künstliche Ernährung oder Beatmungsmaßnahmen entschieden werden muss.
"Das Problem ist, dass in unserer Gesellschaft zu wenig über das Sterben nachgedacht wird", sagte Scheidemantel. Es gebe zahlreiche Senioren, die keine Patientenverfügung verfasst und auch mit ihren Angehörigen nicht über den Einsatz lebenserhaltender medizinischer Maßnahmen gesprochen hätten. Verlören sie dann durch Demenz oder einen Schlaganfall die Fähigkeit, diese Entscheidung selbst zu treffen, sei die Familie oft überfordert.
Im Nachhinein den Patientenwillen zu rekonstruieren sei eine große Belastung: "Besonders wenn verschiedene ethische oder religiöse Weltanschauungen aufeinanderprallen."
Beratungsangebote könnten dabei helfen, Blockaden zu lösen und Kompromisse zu finden. In Kliniken gebe es solche Beratungen schon seit Jahrzehnten. Durch den demografischen Wandel nehme aber auch die Zahl der nicht mehr selbstbestimmungsfähigen Senioren zu, die zu Hause oder in Heimen gepflegt werden. Hier wolle das "Ethiknetz Mainfranken" Hilfestellungen für überforderte Familien bieten - und auch die Pflegekräfte stärker in die Gespräche einbinden.