Ausgabe 15/2018 - 13.04.2018
Reutlingen/Ludwigsburg (epd). Er habe 25 pflegende Männer ausführlich interviewt und finde, "dass sie das ausgesprochen gut machen und man das auch zeigen muss", sagte Hammer im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Männer hätten ein großes Pflegepotenzial, das vor allem in Zeiten des Pflegenotstandes noch mehr gefördert werden muss, sagte der Sozialwissenschafter und Männerberater aus Reutlingen. Was noch getan werden muss, damit das Pflegepotenzial, das in Männern steckt, noch mehr gefördert wird, verrät er im Gespräch mit Judith Kubitscheck.
epd sozial: Herr Professor Hammer, wenn Menschen pflegebedürftig werden, dann scheint es meist klar zu sein, dass nun die Frauen gefragt sind, die Pflege zu übernehmen - sei es die Partnerin, die Tochter, Schwiegertochter oder professionelle Pflegekräfte. Sie allerdings sind da anderer Meinung...
Eckart Hammer: Ja, denn die Pflege von Angehörigen ist längst auch schon Männersache. Gut ein Drittel aller häuslich pflegenden und betreuenden Angehörigen sind Männer. Ich habe 25 pflegende Männer ausführlich interviewt und finde, dass sie das ausgesprochen gut machen und man das auch zeigen muss. Männer haben ein großes Pflegepotenzial, das vor allem in Zeiten des Pflegenotstandes noch mehr gefördert werden muss.
epd: Welche Angehörigen pflegen Männer vorrangig?
Hammer: Wenn Männer im Ruhestand sind, pflegen sie hauptsächlich ihre eigene Ehefrau beziehungsweise Partnerin und sprechen oft trotz schwerer Belastung auch positiv davon. Sie sagen, dass die Pflege ihnen Erfüllung und Lebenssinn gibt und sie ihrer Frau dadurch etwas zurückgeben können. Häufig teilen sie sich die Pflege mit professionellen Diensten, was in der Forschung als ideale Mischung gilt.
epd: Wie bewerten Sie das?
Hammer: Viele Männer wachsen in der Pflege über sich selbst hinaus. Sie machen Dinge, von denen sie früher niemals gedacht hätten, dass sie das können, wie kochen, putzen. Und sie meistern die eigentliche Pflege, vor der Männer oft großen Respekt haben, weil sie das noch nie in ihrem Leben gemacht haben, auch bei ihren eigenen Kindern nicht.
epd: Und wie sieht es mit der Pflege der Eltern oder Schwiegereltern aus?
Hammer: Da ist es in der Regel immer noch die Frau, die die Pflege übernimmt, weil sie oft nicht Vollzeit arbeitet - oder wenn doch, weniger Geld als der Mann verdient. Abgesehen von der klassischen Rollenverteilung kann man sich die Pflege eher leisten, wenn es der übernimmt, der weniger verdient.
epd: Heißt das, es bräuchte finanzielle Anreize, damit auch erwerbstätige Männer mit Hand anlegen?
Hammer: Es gibt inzwischen das Familienpflegezeitgesetz, das eine Auszeit ermöglicht und das bis zu zwei Jahre Geld auf Darlehensbasis gewährt. Doch das wird wenig genutzt, weil sich das nicht jeder das leisten kann. Man müsste also ähnlich wie beim Elterngeld über Pflegegeld nachdenken, damit pflegende Angehörige unterstützt werden, ohne zu verarmen.
epd: Und die Unternehmen?
Hammer: Es ist wichtig, dass Betriebe pflegefreundlich werden und es selbstverständlich wird, Pflegezeit zu beantragen. Eine große Vorbildfunktion hätten Führungskräfte, die das vorleben und selbst einige Zeit die Pflege übernehmen. Ich bin zuversichtlich, dass sich da bald einiges tun wird. Der Pflegenotstand wird sich verschärfen und man muss neue Ideen entwickeln wie man Beruf und Pflege vereinbaren kann.