Ausgabe 15/2018 - 13.04.2018
Marburg, Berlin (epd). Über den naturwissenschaftlichen Campus der Marburger Universität fegt ein frischer Wind. Nur ein paar Studenten eilen über die Wege und verschwinden schnell hinter Glastüren. Etwas abseits, nah der Straße, liegt ein eigentümliches Gebäude: ein kubusförmiger Klotz, Videokameras an allen Ecken, die wenigen Fenster schusssicher. Die Wände sind mattrot gestrichen, mit einigen gelben Schlieren - so sehen Viren unter dem Elektronenmikroskop aus.
In diesem Gebäude ist das Marburger Hochsicherheitslabor untergebracht, in dem Wissenschaftler an todbringenden Viren forschen. Sie suchen nach Therapien und Impfstoffen gegen Erreger von Krankheiten wie Ebola oder SARS.
Vom großen Glasfenster aus kann Stephan Becker, Leiter der Virologie an der Uni Marburg, auf das rote Gebäude gegenüber schauen. Nur etwa 25 Mitarbeiter dürfen das BSL-4-Labor (englisch: biosafety level 4) betreten. Becker arbeitet nicht im Labor. "Zu zeitaufwendig" ist das für ihn. Die Mitarbeiter tragen spezielle Vollschutzanzüge und Atemmasken, über ein Schleusensystem betreten sie das Gebäude. Im Labor herrscht ständiger Unterdruck. Nichts darf hinein, nichts darf heraus.
In Beckers Büro hängt ein grau-schattiertes Foto: zwei lange schlangenartige Gebilde, an einem Ende zusammenhängend. "Das Marburg-Virus", erklärt der Virologe. Das todbringende Virus verdankt seinen Namen der Stadt, in der es 1967 auftauchte.
Mitarbeiter der Marburger Behringwerke testeten damals an Affen einen Impfstoff. Mit grippeähnlichen Symptomen kamen sie ins Krankenhaus, ihr Zustand verschlechterte sich dramatisch, sie litten an inneren Blutungen, mehrere Menschen starben. "Die Panik in Marburg war groß", berichtet Becker.
Blutproben gingen in alle Welt, und in Hamburg entdeckten Wissenschaftler den Auslöser - das Marburg-Virus. Dort, am Bernhard-Nocht-Institut, befindet sich ebenso wie in Marburg ein BSL-4-Labor. Zwei weitere deutsche Labore auf der Ostseeinsel Riems und in Berlin sind eingeweiht worden und nehmen nun schrittweise die Arbeit auf.
Die meisten Labore höchster Sicherheitsstufe arbeiten in den USA. Eine Woche nach den Terror-Anschlägen auf das World-Trade-Center im Jahr 2001 erhielten US-Senatoren und Nachrichtensender Briefe, die mit Anthrax-Sporen verseucht waren. Die Furcht vor Anschlägen mit tödlichen Viren wuchs, die Amerikaner steckten Milliarden Dollar in die Virenforschung.
Die Terror-Angst sei einer der "wesentlichen Gründe" für den Bau weiterer BSL-4-Labore gewesen, sagt die Sprecherin des Robert Koch-Instituts (RKI) in Berlin, Susanne Glasmacher. Das Berliner Labor am RKI befinde sich als einziges in Bundesbesitz: Der Bund habe ein Labor am Regierungssitz gewollt, um schnell reagieren zu können, auch auf Epidemien.
Vor Beckers Büro in Marburg hängt ein weiteres graues Foto, drei Kreise mit kleinen Punkten drumherum: SARS-Viren, sie führen zu einer schweren Lungenerkrankung. Sie gehören zu den Erregern, die die Marburger Forscher bislang untersucht haben, ebenso wie die Viren der Infektionskrankheit MERS, des Lassa-Fiebers und von Ebola.
Eine Ebola-Epidemie brach 2014 in Westafrika aus. Zwar war zuvor viel Geld in die Virenforschung geflossen. Aber: Impfstoffe und Medikamente wurden nur bis zum Test an Tieren entwickelt, es gab keinen Ebola-Impfstoff für Menschen. "Wir hatten nichts in der Hand", sagt Becker selbstkritisch.
Die Angst vor Viren habe viel damit zu tun, dass "oft weder Impfung noch Therapie" vorhanden seien, erklärt auch Susanne Glasmacher vom Robert Koch-Institut. Im Fall Ebola allerdings machte die Forschung nach dem Ausbruch einen Sprung. Relativ schnell kam ein Impfstoff auf den Markt - entwickelt unter Beteiligung der Marburger Forscher. Zurzeit erzielen die Wissenschaftler nach eigenen Angaben Fortschritte bei der Entwicklung eines Medikaments gegen Ebola.
Nach Zahlen der Weltgesundheitsorganisation sind bis 2016 rund 11.000 Menschen am Ebolafieber gestorben. "Es kam sehr schnell zu einer politischen Krisensituation", erinnert sich Becker an den Ausbruch der Epidemie. In Sierra Leone schlossen alle Krankenhäuser, auch Malariakranke wurden nicht mehr behandelt. Eines der größten Probleme bei einer Epidemie sei daher, das öffentliche Leben aufrecht zu erhalten.
Wann das Berliner Labor offiziell seine Arbeit aufnimmt, stehe noch nicht fest, es laufe im Probebetrieb, sagt Glasmacher. Eine Forschungsfrage werde sein: "Welche Viren zirkulieren noch in Wildtieren, wo sind Reservoire?". Auf der Insel Riems konzentrieren sich die Forscher des Friedrich-Loeffler-Instituts auf Tierkrankheiten. "Es gibt massenhaft Viren", sagt der Chef der Marburger Virologie, "viel mehr, als wir kennen".