sozial-Branche

Behinderung

Eine besonders schwierige Wohnungssuche




In der Wohngruppe des Gesundheitspflegedienst "Helle Mitte" in Berlin.
epd-bild/Rolf Zoellner
Junge Erwachsene ziehen nach dem Auszug aus dem Elternhaus gerne in eine WG. Dort versprechen sie sich gleichermaßen Gemeinschaft und persönliche Freiheit. Auch Schwerstbehinderten sind solche Wünsche nicht fremd - die Umsetzung ist schwierig.

Als Paul Böttcher 21 Jahre alt war, hatte er keine Lust mehr, bei seinen Eltern zu leben. Eine eigene Wohnung sollte her - aber das gestaltete sich in seinem Fall äußerst schwierig. "Drei Jahre habe ich nach einer passenden Wohnung gesucht", erzählt er. Er fand einfach nichts, was seinen Vorstellungen entsprochen habe. Böttcher ist Rollstuhlfahrer und pflegebedürftig - Menschen wie er leben eigentlich immer in Wohnheimen.

Doch das kam für ihn nicht infrage: "Ich wollte nicht mit so vielen Leuten zusammenwohnen", sagt Böttcher. Also wandte er sich an den Gesundheitspflegedienst Helle Mitte e.V. in Berlin. Der Verein betrieb bereits eine Wohngemeinschaft für behinderte Kinder.

Die Fachleute des Vereins fanden schließlich eine geeignete Wohnung für insgesamt acht Menschen mit Behinderung. Am 1. Dezember des vergangenen Jahres wurde die Wohnung in Berlin-Lichtenberg bezogen. Geschäftsführerin Karin Graff ist mit dem Ergebnis zufrieden: "Es funktioniert ganz gut. Inzwischen haben sich auch die Pfleger und Pflegehelfer darauf eingestellt, dass sie es hier nicht mit alten Leuten, sondern mit jungen Erwachsenen zu tun haben", sagt sie.

Zehn Mitarbeiter teilen sich den Schichtdienst

Zehn Mitarbeiter betreuen die Wohngemeinschaft im Schichtdienst rund um die Uhr, denn fast alle Bewohner können weder allein essen noch allein zur Toilette gehen. Vier der fünf Bewohner fahren jeden Morgen zur Arbeit in die Berliner Werkstätten für Menschen mit Behinderung, eine bleibt zu Hause.

Die ehemalige Büroetage bietet Platz für acht Menschen, für die fehlenden drei Mitbewohner wollen die WG und ihre Helfer demnächst ein Casting veranstalten. Auch sonst können Paul Böttcher und seine Mitbewohner, so weit es geht, mitentscheiden: über das Essen ebenso wie über die Wohnungseinrichtung oder das nächste Ausflugsziel. "Als Max Geburtstag hatte, waren wir bowlen", erzählt Böttcher. "Wir sind gute Freunde geworden."

Luna Cosci, die ebenfalls seit Dezember hier wohnt, kann das bestätigen. "Es ist sehr unterhaltsam", sagt sie. Auch sie hat drei Jahre nach einer Wohnung gesucht. Eine Arbeitskollegin habe ihr einmal angeboten, in ihre Wohngemeinschaft einzuziehen. "Die hatten aber keine 24-Stunden-Betreuung", sagt sie. Also sei das nicht gegangen. "Für Menschen wie mich gibt es sonst nur Heime, aber die haben eher die Atmosphäre eines Krankenhauses", sagt Cosci.

Wohngemeinschaften bundesweit noch selten

Wohngemeinschaften für junge Menschen mit einem hohen Betreuungsbedarf sind nicht nur in Berlin, sondern bundesweit sehr selten. Wer sich auf die Suche begibt, wird meist nur in größeren Städten fündig, und auch dort nur vereinzelt. Es mangelt an Wohnungen, die rollstuhlgerecht sind oder zu einem entsprechenden Umbau taugen. Coscis Betreuerin Nancy Ludwig sagt: "Ich glaube, es fehlt ein wenig das Verständnis, dass diese Menschen auch ein Recht auf ein selbstbestimmtes und eigenes Leben haben." Dabei hätten die jungen Erwachsenen trotz ihrer körperlichen und teilweise kognitiven Einschränkungen natürlich die gleichen Bedürfnisse wie alle Menschen.

So wie eben Paul Böttcher, der selbst initiativ wurde, um eine für ihn passende Wohngemeinschaft zu finden. Was ihm jetzt noch Sorge bereite, sei die Tatsache, dass ihm trotz positivem Gutachten immer noch kein persönlicher Pflegeassistent bewilligt worden sei. Er komme deswegen nur selten nach draußen. Ansonsten ist er aber zufrieden: "Es ist schön, wenn die Eltern nicht mehr so hinter einem her sind", sagt der 25-Jährige.

Sophie Elmenthaler

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