Im oberbayerischen Oberammergau läuft seit Jahresbeginn der Countdown: In vier Monaten feiern die 42. Passionsspiele Premiere. 2.300 Einheimische stehen dann - neben Beruf und Schule - 103 Spieltage lang auf der Bühne. Gastronomie und Hotellerie laufen auf Hochtouren, um zwischen 16. Mai und 4. Oktober rund 500.000 Besucher zu versorgen. Und auch die Kirchen fahren Sonderschichten mit mehr als 30 Seelsorgern und Kirchenmusikern.

Für den evangelischen Ortspfarrer Peter Sachi ist diese Passion eine Doppelpremiere: Obwohl er kein gebürtiger Oberammergauer ist, darf er im Chor mitsingen. "Eine große Ehre", sagt der 63-Jährige. Dafür lässt sich der Theologe seit Aschermittwoch 2019 auch den ersten Bart seines Lebens wachsen - wie es Pflicht ist für alle mitwirkenden Männer. Für rund 70 Aufführungen ist Sachi im "hohen Bass" eingeteilt. Daneben ist er mitverantwortlich für das ökumenische Begleitprogramm der beiden Ortskirchen.

Die Passion ist nicht irgendein Theaterstück. Sie ist ein monumentales Epos um die letzten Tage Jesu, auf die Bühne gebracht alle zehn Jahre seit 1634. Damals hatten die Oberammergauer gelobt, die Passion in genau diesem Rhythmus aufzuführen, wenn niemand mehr an der Pest sterbe.

Fünfeinhalb Stunden Spielzeit

Die reine Spielzeit beträgt knapp fünfeinhalb Stunden. Das ist für Darsteller wie Zuschauer ein körperlicher und emotionaler Marathon. Wenn das Volk aus 900 Kehlen "Ans Kreuz mit ihm!" brüllt, wenn der Jesus-Darsteller 20 Minuten lang am vier Meter hohen Kreuz hängt, sorgt das bei vielen Besucherinnen und Besucher für seelische Erschütterung, weiß Pfarrer Sachi.

"Wir öffnen deshalb in der Pause von 17 bis 20 Uhr unsere Gemeinderäume für Gespräche und Begegnungen", sagt der Seelsorger. Vor jeder Aufführung gibt es eine theologische Einführung vor und einen geistlichen Impuls hinter der Bühne. 16 Pfarrerinnen und Pfarrer und 10 Kantoren aus ganz Deutschland bereitet allein die evangelische Kirche mit einem zweitägigen Seminar Ende Januar auf ihren Passions-Einsatz vor. "Wir haben aus allen Erdteilen Menschen mit ihren geistlichen Traditionen zu Besuch", erklärt Sachi die akribische Vorarbeit.

Im Passionstheater wird derweil gesägt, gehämmert, genäht, geklebt: Das Bühnenbild wird komplett erneuert, eine strenge Tempelanlage ist Schauplatz des Geschehens. An den Wänden vor der Schneiderei hängen schon die 63 Schilde der künftigen Römer. Drinnen entstehen mehr als 2.000 Kostüme. 400 Quadratmeter türkischen Kelim, 1.200 Meter handbedruckten Stoff und sechs Kilometer Textil allein für die Gewänder des Volks verarbeiten die 14 Schneiderinnen.

Seit Aschermittwoch wachsen Bart und Haare

In der "Flügelei" nebenan wachsen aus Truthahnfedern mächtige Engelsschwingen für die biblischen Standbilder zwischen den Spielszenen. Viel Zeit ist nicht mehr: "Ende Februar muss alles fertig sein, denn ab 9. März werden drei Wochen lang die Fotos für den Bildband zum Spiel gemacht", erklärt Pressesprecher Frederik Mayet, der gleichzeitig Hauptdarsteller ist: Zum zweiten Mal spielt er die Rolle des Jesus.

Seit Aschermittwoch 2019 wachsen Haare und Bart, seit Oktober übt der 100-köpfige Chor, seit Anfang Dezember proben die Schauspieler. Der Tanker "Passion" ist auf Kurs, mittlerweile stampfen die Motoren in immer schnellerem Takt. Mitte Februar gibt es die ersten "Volksproben" auf der winterkalten Freiluftbühne. "Dann stehen plötzlich 900 Leute auf der Bühne", sagt Mayet. Mitte April kommen Chor und Orchester dazu. "Dann wird das Spiel zusammengebaut", erklärt der Jesus-Darsteller.

Am letzten April- und ersten Maiwochenende werde Tag und Nacht geprobt, denn am 8. und 9. Mai finden - erstmals in der Geschichte der Passion - Jugendtage statt. 8.000 junge Leute dürfen sich dann für kleines Geld die Probespiele der Passion ansehen.

Denn der Traditionsabbruch der Kirchen könnte auch Oberammergau treffen: Wer kommt in 20 oder 30 Jahren noch zur Passion? Mit den Jugendtagen will Spielleiter Christian Stückl eine neue Generation an die Spiele heranführen. "Für uns ist das schon die Premiere", sagt Frederik Mayet. Offiziell eröffnet werden die Spiele am 16. Mai mit einem ökumenischen Gottesdienst von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und Kardinal Reinhard Marx.

Wirtschaftsfaktor

Der Ernst, mit dem die Oberammergauer Laiendarsteller ihre Rollen studieren und die Zeit, die sie dafür opfern, ist die faszinierende Seite der Passion. Die profane Seite ist der Wirtschaftsmotor, der Oberammergau und der Region fünf Monate lang Einnahmen beschert: Die Zimmerpreise ziehen auf das Kräftigste an, und jeder Imbiss rüstet sich, um die Besucher zu verköstigen.

5.200 Einwohner hat Oberammergau, 4.600 Zuschauer passen ins Passionstheater: Um den Ausnahmezustand im Dorf zu bewältigen, sind zahlreiche Polizisten, Feuerwehrleute und Sanitäter im Einsatz. Dieses Mal greift außerdem ein mehrstufiges Sicherheitskonzept. Der Veranstaltungsbereich rund ums Theater ist für Fahrzeuge gesperrt, es wird Einlasskontrollen und Security geben.

Das System funktioniere dank Shuttle-Bussen und Sonderfahrplan der Bahn reibungslos, sagt Mayet: "20 Minuten nach Spielende sind alle weg." Die Oberammergauer selbst haben immer nur kurze Verschnaufpausen: Lediglich Montag und Mittwoch sind spielfreie Tage.

Im langen Spannungsbogen bis Oktober gebe es deshalb auch mal Ärger und Stimmungstiefs, sagt Pfarrer Peter Sachi. Trotzdem seien die Passionsspiele "ein Sammelort für die Menschen im Dorf". Vom Baby bis zum Greis spielten alle mit: "Die Integrationskraft des Spiels erstaunt mich immer wieder." Und wenn sich dann am 4. Oktober der Vorhang für die nächsten zehn Jahre schließe, "dann fließen Tränen". Seit 1634 ist das der Rhythmus von Oberammergau. Für Pfarrer Sachi ist es: ein Wunder.