Düsseldorf (epd). Fünf Jahre nach der Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschlands ist vielerorts wieder aufgebaut, was im Juli 2021 von Wassermassen weggerissen wurde: Häuser und Brücken, Straßen und Bahngleise, Kitas und Krankenhäuser. Mindestens 185 Menschen kamen ums Leben, Hunderte wurden teils schwer verletzt, Zehntausende verloren ihr Hab und Gut.

Den Betroffenen wurde schnelle und unbürokratische Hilfe versprochen. Doch der Wiederaufbau kam zunächst vielerorts nur schleppend voran. Die Schutzmaßnahmen gegen künftige Hochwasser sind noch nicht so weit, dass ähnliche Fluten künftig in Schach gehalten werden könnten.

Finanzierung von Rückhaltebecken noch unklar

Der besonders hart getroffene Kreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz hat Stabsstellen eingerichtet, Einsatzpläne angepasst und Warnwege verbessert. Brücken wurden strömungsdurchlässiger neu gebaut und die Ahr wiederhergestellt. Ziel des besonders hart getroffenen Kreises ist es, ein mögliches weiteres „Jahrhunderthochwasser“ schadlos durch die Ortschaften zu bekommen.

Das sei aber „leider aufgrund der topografischen Gegebenheiten nicht immer möglich“, räumt der Kreis auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) ein. Ähnliche Wassermassen wären nur durch den Bau großer Wasserrückhaltebecken im Ahr-Einzugsgebiet aufzuhalten. Der Kreis kalkuliert dafür Kosten von rund 1,7 bis 2 Milliarden Euro. Die Summe sei von den Kommunen nicht zu stemmen und die Finanzierung sei damit noch unklar. Landrätinnen und Landräte aus der Region schlagen vor, dafür Gelder aus dem Wiederaufbaufonds zu verwenden. Darum baten sie Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) Mitte Juni in einem Brief.

Wiederaufbaufonds wird nicht ganz abgerufen

Bund und Länder hatten für den Wiederaufbau 30 Milliarden Euro bereitgestellt, davon 15 Milliarden für Rheinland-Pfalz und 12,3 Milliarden für Nordrhein-Westfalen. Vermutlich wird das Geld nicht komplett abgerufen.

Fünf Jahre nach der Katastrophe ist der Wiederaufbau teils abgeschlossen, wird mancherorts aber noch dauern. Laut den zuständigen Ministerien wurden in Nordrhein-Westfalen bis Anfang Juli 2026 insgesamt rund 4,7 Milliarden Euro an Förderung bewilligt, in Rheinland-Pfalz gut 3,7 Milliarden Euro.

Viele Privatleute konnten ihre Häuser mittlerweile wieder aufbauen. In dem Bereich sind die Arbeiten nach Angaben der nordrhein-westfälischen Landesregierung mittlerweile etwa zu 80 Prozent abgeschlossen. Rund 900 Millionen Euro seien für private Wohngebäude und Hausrat bewilligt und davon bereits 785 Millionen Euro ausgezahlt worden. Rheinland-Pfalz berichtet von 682 Millionen Euro an bewilligter Förderung in dem Bereich.

Betroffene leiden unter psychischen Folgen

Psychosoziale Angebote sind weiterhin nötig für Betroffene, die noch unter den Folgen des Katastrophe leiden. Bei manchen von ihnen seien Albträume, Schlaflosigkeit oder Alkoholprobleme erst Jahre nach der Flutnacht aufgetreten, sagte der Opferbeauftragte der rheinland-pfälzischen Landesregierung, Detlef Placzek, dem epd. In einigen Fällen verzögere sich zudem der Wiederaufbau zerstörter Häuser wegen widersprüchlicher Gutachten oder unvollständig eingereichter Anträge.

Fehler und Versäumnisse in Behörden und Politik waren nach der Flut ein großes Thema. Die nordrhein-westfälische Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) musste ihren Posten räumen, ebenso wie in Rheinland-Pfalz der Innenminister Roger Lewentz (SPD) und die Umweltministerin Anne Spiegel (Grüne).

Ausschüsse untersuchen Fehler und Versäumnisse

Um detaillierter aufzuarbeiten, welche Versäumnisse zu einer Katastrophe dieses Ausmaßes führten, wurden in beiden Landtagen Untersuchungsausschüsse eingerichtet. In Nordrhein-Westfalen wurden im Abschlussbericht etwa eine „mangelnde Lagekommunikation“ und die „unzureichende Warnung der Bevölkerung“ kritisiert. Entscheidungen der damaligen schwarz-gelben Landesregierung wurden von dem Ausschuss ebenfalls bemängelt, eindeutige Beweise für ein fehlerhaftes Krisenmanagement der Regierung gab es allerdings nicht.

In Rheinland-Pfalz stellte der Ausschuss unter anderem „massive Versäumnisse“ beim Krisenmanagement des damaligen Landrats von Ahrweiler, Jürgen Pföhler (CDU), fest. Der Landkreis hatte den Katastrophenfall erst kurz vor Mitternacht ausrufen lassen, als zahlreiche Ortschaften bereits komplett überflutet und von der Außenwelt abgeschnitten waren.

Keine Verantwortung vor Gericht

Die Staatsanwaltschaft Koblenz ermittelte wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung im Amt gegen Pföhler. Die Strafverfahren gegen ihn und den ehrenamtlichen Leiter seines Krisenstabs wurden allerdings im Sommer 2024 ohne Anklage eingestellt. Ein Zusammenhang zwischen den Fehlern beim Katastrophenmanagement und den Todesopfern habe nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden können. Ein Disziplinarverfahren gegen Pföhler läuft noch.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) sieht Deutschland im Jahr 2026 besser vorbereitet. Die Katastrophe im Ahrtal sei eine „Zäsur für den Bevölkerungsschutz“ gewesen. Vieles sei mittlerweile verbessert worden, etwa die Zusammenarbeit im Krisenmanagement der Kommunen und Warnsysteme mit Meldungen per Cell Broadcast auf Mobiltelefonen und mehr Sirenen. Auch der Deutsche Wetterdienst will seine Warnungen verständlicher und zielgerichteter kommunizieren.

Viele Spenden

Unvergessen bleibt riesige Hilfs- und Spendenbereitschaft. Laut dem Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) wurden mehr als 650 Millionen Euro für die Betroffenen gespendet. Tausende Menschen halfen in den betroffenen Regionen beim Aufräumen und beim Wiederaufbau. Bis heute bewirtschaftet etwa die Initiative „HelfAHRwein“ ehrenamtlich einen Weinberg.