Bad Aibling (epd). Vor etwa fünf Jahren bemerkte Jeanette Acht-Prause, dass sich ihre Mutter veränderte. „Sie ist immer vergesslicher geworden, man musste Dinge immer wieder erzählen. Ich habe mir damals gedacht: Das geht in keine gute Richtung“, erinnert sich die 50-Jährige aus der Eifel. Damals war ihre Mutter 77 Jahre alt.

„Ich hatte mich schon mit meinem Vater darüber unterhalten, dass das nicht mehr normal ist“, sagt Acht-Prause. Anfangs schrieb sie die Symptome noch dem Alter zu. „Außerdem hatte sie zwei gutartige Gehirntumore, wegen denen sie operiert werden musste. Das hat natürlich auch seine Spuren hinterlassen.“ 2023 ergab eine Nervenwasseruntersuchung die Diagnose Alzheimer.

Demenz entwickelt sich oft zunächst unbemerkt

Klaus Jahn ist Chefarzt im Fachzentrum der Neurologie und Geriatrie in der Schön Klinik Bad Aibling Harthausen. „Eine Demenz entwickelt sich oft über Jahre unbemerkt im Gehirn durch Funktionsverlust von Nervenzellen und entsprechenden Folgen für die Hirnfunktion“, erklärt er. Wenn ein solcher Abbau beginnt, können ein gesunder Lebensstil und ausreichend körperliche und geistige Aktivität das Ausbrechen einer Krankheit verzögern oder ganz verhindern. „Die frühe Diagnosestellung ist hierbei wichtig“, betont der Neurologe.

Demenz habe verschiedene Ursachen. Bei manchen Formen sei die Rückbildung der Defizite möglich. „Das gilt zum Beispiel für Demenzen bei Vitaminmangel, Fehlernährung oder gestörten Hirnwasserkreislaufs“, erklärt Jahn. Für die häufigste Demenzform, die Alzheimer-Erkrankung, gibt es inzwischen Medikamente, die in bestimmten Fällen und im frühen Stadium den Krankheitsverlauf verzögern können.

Auf welche Symptome Angehörige laut Jahn besonders achten sollten: „Bei der Alzheimer-Demenz ist die Störung der räumlichen Orientierung, also das Zurechtfinden in der Umgebung, ein frühes Zeichen des Nachlassens der geistigen Leistungsfähigkeit.“ Oft falle auch eine gewisse Persönlichkeitsveränderung, reduziertes Interesse und verminderte soziale Aktivitäten auf. „Im Laufe der Zeit kommen dann Gedächtnisstörungen dazu.“

Belastung für Erkrankte und Angehörige

Nachdem ihr Vater im vergangenen August verstorben war, zog Jeanette Acht-Prause bei ihrer Mutter ein und lebt seitdem dort. „Ich habe mich auch vorher, besonders in den letzten zwei bis drei Jahren, um meine Eltern und ums Haus gekümmert, den Garten gepflegt, Einkäufe erledigt“, sagt sie. Aktuell macht ihre Mutter eine Physiotherapie, auch auf tägliche Bewegung wird geachtet. Eine Zeit lang machte die 82-Jährige eine Ergotherapie. „Aber mittlerweile ist die Ergotherapeutin schwanger und es ist schwierig, Ersatz zu finden, gerade im Hausbesuch.“

Nicht nur für die an Demenz Erkrankten selbst ist die Krankheit eine Belastung, sondern auch für die Angehörigen. Acht-Prause hat für die Pflege ihrer Mutter ihren Beruf und auch ihr Privatleben zurückgestellt. „Ich lebe seit einem Jahr räumlich getrennt von meinem Mann“, beschreibt sie. „Ich habe meine Stundenzahl reduziert, arbeite nun nur noch 25 Stunden die Woche. Das konnte ich nur machen, weil mein Mann auch arbeitet, sonst könnte ich auch meine Wohnung nicht behalten.“

Die Situation sei belastend, sagt sie: „Emotional ist das mit jedem Tag herausfordernd. Es ist immer wieder traurig zu sehen, dass Dinge, die vor ein paar Wochen noch gingen, plötzlich nicht mehr gehen. Es geht nur noch in die eine Richtung: bergab.“ Die organisatorischen und bürokratischen Aufgaben rund um Krankenkasse, Pflegekasse und Ärzte kosten zusätzlich Zeit und Kraft. „Wenn man beim Arzt anruft, geht kaum noch jemand ran“, klagt sie. „Es ist schwer, einen Termin zu bekommen.“

Mehr Unterstützung gewünscht

Acht-Prause wünscht sich im Alltag mehr Entlastung. Um sich mit anderen Betroffenen auszutauschen, engagiert sich Acht-Prause im Verein „wir pflegen“, der sich für mehr Anerkennung, Mitbestimmung und bessere Unterstützung für pflegende Angehörige einsetzt. „Man muss vieles durch sein Umfeld regeln, Freunde und Bekannte oder auch Ehrenamtliche, die mal spazieren gehen“, sagte sie.

Sie wünscht sich, dass die Hürden für einen höheren Pflegegrad niedriger wären. Aktuell allerdings plant die Bundesregierung, die Hürden für Pflegegrade anzuheben. „Es ist kräftezehrend“, beschreibt Acht-Prause. „Pflegende Angehörige erbringen viel Leistung, die der Staat einspart, und ich würde mir wünschen, dass die Regierung sagt: Ihr tut was für uns, also tun wir etwas für euch.“