Berlin (epd). Nachdem Ilker Çataks letzter, Oscar-nominierter Film „Das Lehrerzimmer“ bei der Berlinale 2023 noch in die Nebenreihe Panorama geschoben wurde, war sein neuer Film „Gelbe Briefe“ nun nicht nur im Wettbewerb vertreten, sondern gewann gleich den Hauptpreis, den Goldenen Bären. Es ist die erste deutsche Produktion seit 2004, als Fatih Akin mit „Gegen die Wand“ triumphierte, die den Wettbewerb der Berlinale gewann.
„Gelbe Briefe“ erzählt von einem türkischen Künstlerehepaar, das mit der 13-jährigen Tochter in Ankara lebt und ins Visier des Staates gerät, woraufhin sie ihre Arbeit und ihre Wohnung verlieren. Mit klugem Drehbuch und starken Schauspielern stellt „Gelbe Briefe“ die Frage, inwiefern Kunst als politische Opposition fungieren sollte und welche Kompromisse man als Künstler gehen muss, um für sich und seine Familie zu sorgen.
„Familie im Druckkochtopf der Politik“
Gedreht wurde „Gelbe Briefe“ in Deutschland. Berlin und Hamburg fungieren als Ankara und Istanbul. Das gibt der Handlung des Films eine universelle Bedeutung. Jurypräsident Wim Wenders bezeichnete den Film in der Begründung als „akkurate Beobachtung einer Familie im Druckkochtopf der Politik“ und „eine angsteinflößende Vorhersage der näheren Zukunft, die sich möglicherweise auch in unseren Ländern entwickeln könnte.“
Eine kleine Überraschung war am 21. Februar der Große Preis der Jury für „Kurtuluş“ von Emin Alper. „Kurtuluş“ seziert den Konflikt eines Clans in einem abgelegenen Dorf in den türkischen Bergen und zeigt die Folgen fanatisch geführter Machtkämpfe auf, wobei sich früh abzeichnet, dass die Geschichte in einer Katastrophe enden wird.
Als Favorit auf einen Bären galt vorab der österreichische Film „Rose“ von Markus Schleinzer. Am Ende gab es einen verdienten Preis als beste Hauptdarstellerin für Sandra Hüller. Ihre Darstellung der titelgebenden Hauptfigur, die sich im 17. Jahrhundert als Mann ausgibt und einen Hof in einem protestantischen Dorf übernimmt, besticht durch nuanciertes Schauspiel, das sich perfekt in einen insgesamt starken Film einfügt.
„Queen at Sea“ großer Gewinner
Ein großer Gewinner war zudem der britische Film „Queen at Sea“. Das Demenzdrama von Lance Hammer sorgte für die seltene Konstellation, gleich zwei Silberne Bären zu gewinnen: den Preis der Jury und den Preis für die beste Nebenrolle. Letzterer wurde, wie im Vorfeld gemutmaßt, aufgeteilt zwischen Anna Calder-Marshall als die an Demenz erkrankte Leslie und Tom Courtenay als ihr Ehemann Martin.
Weitere Preise gingen an „Everbody Digs Bill Evans“ für die beste Regie, „Nina Roza“ für das beste Drehbuch und „Yo (Love is a Rebellious Bird)“ für eine herausragende künstlerische Leistung; zudem gab es Preise außerhalb des Wettbewerbs in den Kategorien Kurzfilm, Dokumentarfilm und bester Debütfilm.
Wie sehr die Sympathien bei den 22 Filmen des Wettbewerbs auseinandergingen, zeigte sich bei den Preisen der unabhängigen Jurys. Sowohl der von der Ökumenischen Jury ausgezeichnete mexikanische Film „Flies“ als auch der vom Kritikerverband Fipresci prämierte französisch-tschadische Beitrag „Soumsoum, the Night of the Stars“ fanden bei der offiziellen Preisverleihung keine Berücksichtigung.
Debatte über Haltung zum Krieg in Gaza
Das spiegelt die allgemein unterschiedlichen Meinungen zum Wettbewerb der Berlinale wider. Während einige das Niveau der Filme eher als mittelmäßig einstuften, lobten andere zurecht die vielfältigen erzählerischen und ästhetischen Handschriften der Filme.
Begleitet wurde die 76. Berlinale von der Debatte um die politische Haltung des Festivals zum Krieg in Gaza. Während der Abschlussgala nutzen einige der Preisträger ihre Dankesrede für pro-palästinensische Statements und Symbole.
Der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib, der für sein Spielfilmdebüt „Chronicles of the Siege“ ausgezeichnet wurde, warf Deutschland vor, an einem „Genozid in Gaza“ mitzuwirken. Auch aus dem Publikum gab es zeitweise Zwischenrufe. Désirée Nosbusch erklärte auf die Statements unter anderem: „Unsere Herzen gelten allen Menschen, die leiden, sei es unter Krieg und Terrorismus“.
Regisseur Emin Alper wiederum bekundete Solidarität mit den Menschen in Gaza ebenso wie mit den Menschen im Iran, den Kurden und den Inhaftierten in der Türkei. Festivaldirektorin Tricia Tuttle rief schließlich bei ihren Abschlussworten dazu auf, die Komplexität des Meinungsaustauschs aufrechtzuerhalten und erklärte „Wir sind alle Teil der Berlinale-Familie und stellen uns hinter das Recht, die Stimme erheben zu dürfen.“

