No Other Choice
Nach der Übernahme seines Unternehmens verliert ein erfolgreicher Familienvater seinen Job - ein sozialer Absturz, der ihn zunehmend zermürbt. Während der Wohlstand der Familie schwindet und der Verkauf des Hauses droht, sieht er sich von jüngeren, besser vernetzten Konkurrenten umkämpft. Aus der Überzeugung, keine andere Wahl zu haben, entwickelt er eine mörderische Strategie: Unter falschem Firmennamen lockt er qualifizierte Mitbewerber an, um sie systematisch auszuschalten. Lee Byung-hun verkörpert diesen Mann als verletzten, beschämten Antihelden, dessen Handeln ebenso monströs wie nachvollziehbar wirkt. Park Chan-wook inszeniert in seiner Kapitalismussatire „No Other Choice“ den Abstieg mit viel schwarzem Humor und teils grotesker Gewalt. Im Fokus steht der moralische Zerfall der Mittelschicht unter Leistungsdruck - und die Frage, wie weit Menschen gehen, um Würde und Identität zu bewahren.
No Other Choice (Südkorea 2025). Regie: Park Chan-wook. Buch: Park Chan-wook, Lee Kyoung-mi, Jahye Lee, Don McKellar. Mit: Lee Byung-hun, Son Ye-jin, Park Hee-soon, Lee Sung-min. Länge: 139 Min. FSK: ab 12.
Der Schimmelreiter
Theodor Storms „Schimmelreiter“ ist in der Gegenwart angekommen. Francis Meletzky verlegt die Novelle in ein nordfriesisches Dorf, das vom steigenden Meeresspiegel bedroht ist, und verbindet Storms Motive von Naturkampf und Hybris eines Außenseiters mit dem Klimawandel. Hauke Haien, neuer Leiter der Küstenschutzbehörde, will ein Dorf umsiedeln und auf „amphibisches Wohnen“ setzen. Dafür erntet er Widerstand von Dorfbewohnern, Lokalpolitik und einem intriganten Bürgermeister. Der Film entfaltet daraus Konflikte zwischen Vernunft, Macht und Beharrung, die in ein apokalyptisches Finale münden. Bildstark arbeitet die Inszenierung mit Symbolen, Naturgewalten und einem mythisch aufgeladenen Schimmel als Zeichen für Neubeginn. Zugleich wird der Film politisch, dabei ein bisschen zu deutlich belehrend und das Publikum unterfordernd. Überzeugend bleibt die Figur Hauke Haien: ein radikaler Visionär, der recht hat, aber an seiner Unfähigkeit scheitert, Menschen mitzunehmen.
Der Schimmelreiter (Deutschland/Österreich 2025). Regie: Francis Meletzky. Buch: Léonie-Claire Breinersdorfer. Mit: Max Hubacher, Olga von Luckwald, Annette Frier, Lisa Hofer, Joshua Jagersberger. Länge: 89 Min.
Ungeduld des Herzens
Würde man die Nennung im Vorspann verpassen, käme man kaum auf die Idee, dass Lauro Cress’ Langfilmdebüt eine Adaption von Stefan Zweigs gleichnamigem Roman ist. Isaac, ein ruppiger Soldat aus einfachen Verhältnissen, gerät in den Bann der wohlhabenden Familie Schwarz und insbesondere der querschnittsgelähmten Edith. Ihre Stärke und Verletzbarkeit fordern seine neu entdeckte Empfindsamkeit heraus und konfrontieren ihn mit einer Verantwortung, die auch seiner Eitelkeit schmeichelt. Cress und Co-Autor Florian Plumeyer übertragen Zweigs Konflikt souverän in die heutige Zeit einer brandenburgischen Garnisonsstadt. Sie verzichten auf bloße Aktualisierung und finden eigene, präzise Bilder für die „Vergiftung durch Mitgefühl“. Der Film umgeht gängige deutsche Kino-Reflexe, zeichnet seine Figuren ohne Karikatur und lebt von einnehmenden Darstellerleistungen. Zweig erweist sich dabei als zeitloser Erforscher menschlicher Empfindungen - unpathetisch, genau und überraschend frisch.
Ungeduld des Herzens (Deutschland 2025). Regie: Lauro Cress. Buch: Florian Plumeyer, Lauro Cress. Mit: Ladina von Frisching, Giulio Brizzi, Livia Matthes, Thomas Loibl. Länge: 104 Min. FSK: ab 12.
Ein Kuchen für den Präsidenten
Irak, 1991. Eine Neunjährige soll zum Geburtstag Saddam Husseins einen Kuchen backen und muss dafür Zutaten auftreiben, die sanktionierter Luxus sind. Hasan Hadis Spielfilmdebüt erzählt diese Mission als kindliche Odyssee durch Mangel, Angst und Alltagswillkür. Lamia lebt mit ihrer kranken Großmutter im Sumpfgebiet; Geld fehlt, der staatliche Auftrag duldet keinen Widerspruch. Auf dem Weg in die Stadt, später gemeinsam mit dem Klassenkameraden Saeed, begegnet sie Korruption, Gleichgültigkeit und Versuchungen. Hadi bleibt konsequent auf Augenhöhe seiner Kinderfiguren und macht den Schrecken spürbar, indem er ihn als Normalität zeigt. Zwischen Lamias Wachheit und Saeeds Pragmatismus entsteht eine brüchige Solidarität. Gedreht mit Laien, warm und körnig fotografiert, verbindet der Film dramatische und komische Töne. Am Ende steht der bittere Kontrast zwischen privater Not und öffentlichem Zwang - und kleine Momente von Würde, die sich das Kind bewahrt.
Ein Kuchen für den Präsidenten (Irak, USA, Katar 2025). Regie: Hasan Hadi. Buch: Hasan Hadi. Mit: Baneen Ahmad Nayyef, Sajad Mohamad Qasem, Waheed Thabet Khreibat. Länge: 105 Min. FSK: 12.
