
Frankfurt a.M. (epd). Trotz der Veröffentlichung der ForuM-Studie über sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche und der Diakonie treten Protestanten offenbar nicht vermehrt aus ihrer Kirche aus. Eine stichprobenartige Anfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) in großen, eher protestantisch geprägten Städten ergab weitgehend gleichbleibende Austrittszahlen. Der Religionssoziologe Detlef Pollack sieht die Skandalträchtigkeit des Themas Missbrauch als „weitgehend verbraucht“.
In Berlin traten nach Angaben der Amtsgerichte im ersten Quartal des Jahres 2024 3.558 Menschen aus der evangelischen Kirche aus. Im ersten Quartal 2023 waren es 3.576 gewesen. In Hannover hätten zwischen Januar und März 1.134 Menschen die evangelische Kirche verlassen, teilte die Stadt dem epd mit, im Vergleich zu 1.110 Menschen im Vorjahreszeitraum.
Bielefeld verzeichnete sogar einen merkbaren Rückgang der Austrittszahlen. Hier beim Amtsgericht erklärten im ersten Quartal 640 Protestantinnen und Protestanten ihren Austritt. In den ersten drei Monaten 2023 waren es 762. Auch in Stuttgart ging nach Angaben des Standesamts die Zahl der Kirchenaustritte zurück: von 926 Personen im ersten Quartal 2023 auf 844 im ersten Quartal 2024.
Die Zahlen verharrten damit auf dem vergleichsweise hohen Niveau der vergangenen Jahre. Sie sind allerdings nicht repräsentativ. Die Wege zum Kirchenaustritt unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland. In einigen erklärt man seinen Austritt bei Bürger- oder Standesämtern, in anderen beim Amtsgericht.
Ende Januar hatte ein unabhängiges Forschungsteam die ForuM-Studie vorgestellt. Es geht darin von mindestens 2.225 Betroffenen und 1.259 mutmaßlichen Tätern aus, vermutet aber eine deutlich höhere Dunkelziffer.
Pollack vermutete, nach den früher bekannt gewordenen Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche hätten viele Menschen kaum noch Erwartungen an die Kirchen gehabt, die somit auch nicht enttäuscht werden konnten. „Ich kann mir vorstellen, dass das Teil der Erklärung ist“, sagte er dem epd. Zwischen evangelischer und katholischer Kirche differenzierten viele, vor allem kirchendistanzierte Menschen nicht.
Besonders Kirchenmitglieder räumten der evangelischen Kirche hingegen noch ein Vorschussvertrauen ein, sagte der Soziologe: „Es haben sogar Katholiken im Durchschnitt mehr Vertrauen in die evangelische Kirche als in die eigene.“ Auch in der Durchschnittsbevölkerung sei das Vertrauen in die evangelische Kirche noch bedeutend höher als das in die katholische.
Ob dieses Vertrauen erhalten bleibt, hängt nach Pollacks Worten stark vom Umgang der evangelischen Kirche mit der ForuM-Studie ab. Der Umgang der katholischen Kirche mit ihren Missbrauchsfällen sei in dieser Hinsicht ein warnendes Beispiel. In der Öffentlichkeit sei nicht der Eindruck entstanden, dass es den Bischöfen um schonungslose Aufklärung gehe. Sollte die evangelische Kirche hier nicht wesentlich besser agieren, könne die Studie doch noch für höhere Austrittszahlen sorgen.

Loccumb (epd). Mit einem persönlichen Bericht hat die Missbrauchsbetroffene Nancy Janz vor der hannoverschen Landessynode für einen Kulturwandel in der evangelischen Kirche geworben. Sie erzählte, wie sie als Jugendliche von einem späteren Pastor der Landkirche sexualisierte Gewalt erfuhr. „Ich war 17 Jahre alt“, sagte sie am 7. Juni vor dem Kirchenparlament in Loccum bei Nienburg. „Er nahm sich meinen Körper, und ich durfte dazugehören.“
Sie sei ein Mensch voller Selbstzweifel gewesen, der sich nirgends zugehörig fühlte, berichtete die 44-Jährige. Ihr Fall sei kein Einzelfall, sagte Janz, eine der Sprecherinnen der Betroffenenvertretung im Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Sie sei nicht nur missbraucht, sondern auch ihrer geistigen Heimat und ihres Glaubens beraubt worden, „weil kein Bruder und keine Schwester sich zu mir stellte“. Janz appellierte an die Synodalen: „Es ist an Ihnen allen hier, denen die Tür zu öffnen, die sich verraten fühlen.“ Für ihren Vortrag erhielt Janz stehenden Applaus.
Landesbischof Ralf Meister wies vor Journalisten erneut Forderungen von Missbrauchsbetroffenen zurück, sein Amt niederzulegen. Seine Versäumnisse rechtfertigen einen Rücktritt nicht und würden nicht helfen, den von der Landeskirche begonnenen Prozess der Aufarbeitung und Prävention fortzuführen. „Wollen wir für ein dreiviertel Jahr in eine institutionelle Chaoslage kommen?“, fragte Meister.
Ähnlich sieht es Nancy Janz. „Ich sehe im Moment nicht, dass Ralf Meister zurücktreten müsste“, sagte sie. Einen Rücktritt fordere nur „ein kleiner Teil“ der Betroffenen. Chaos an der Führungsspitze sei nicht im Sinne der Betroffenen. Die Personalie stehe für sie aber nicht im Vordergrund: „Ich möchte, dass Beschlüsse gefasst werden. Ich möchte, dass sich etwas verändert.“
Missbrauchsbetroffene hatten vor Beginn der Tagung einen Brief öffentlich gemacht, in dem sie den Landesbischof insbesondere für Versäumnisse in der landeskirchlichen Fachstelle Sexualisierte Gewalt verantwortlich machen und seinen Rücktritt fordern. Betroffene, die sich an die Fachstelle wenden, machten „weiterhin sehr negative Erfahrungen“, heißt es in dem Schreiben.
Wie schon in ihrer am 4. Juni veröffentlichten Erklärung stellten sich die Landessynode, der Bischofsrat und das Landeskirchenamt am 7. Juni hinter Ralf Meister. Die gesamte Kirchenleitung trage Verantwortung, nicht nur der Bischof, sagte der Vorsitzende des Landessynodalausschusses, Jörn Surborg. Die Fachstelle leiste eine ausgezeichnete Arbeit. Kritik an der Fachstelle treffe in Wahrheit kirchenleitende Organe, die diese bisher nicht ausreichend personell ausgestattet hätten.
Der Theologische Vizepräsident des Landeskirchenamtes, Ralph Charbonnier, räumte mit Blick auf bisherige Versäumnisse bei der Missbrauchsaufarbeitung vor der Synode ein, die Landeskirche sei „mit einem komplexen Leitungsmodell sehr anfällig für Verantwortungsdiffusion“. Er kündigte unter anderem eine weitere deutliche Aufstockung von Personal in der Fachstelle an.
Bereits im April sei eine „Arbeitsgruppe gegen sexualisierte Gewalt“ eingerichtet worden, die von der persönlichen Referentin des Landesbischofs geleitet werde, berichtete Charbonnier. Im gleichen Monat habe die Geschäftsstelle der „Unabhängigen Regionalen Aufarbeitungskommission“ der evangelischen Kirchen in Niedersachsen und Bremen ihre Arbeit aufgenommen.

Tübingen (epd). Jürgen Moltmann zählt zu den großen Theologen der jüngeren Kirchengeschichte. Er baute Brücken zwischen christlicher Frömmigkeit und einer revolutionären Hoffnung auf eine solidarische und friedliche Welt. Damit prägte er das Denken ganzer Pfarrergenerationen - und von Christen weltweit. Als „großen Lehrer der Kirche“ würdigte ihn einmal der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm. Am 3. Juni starb der Ausnahmegelehrte im Alter von 98 Jahren in Tübingen, wie seine Familie dem Evangelischen Pressedienst (epd) am 4. Juni mitteilte.
Bis zuletzt meldete sich Jürgen Moltmann zu aktuellen politischen Themen zu Wort. So regte er Ende 2021 ein jährliches Gedenken für Corona-Tote an. Sollten die Zehntausenden von Toten „nicht zu einem Volkstrauertag in jedem Jahr führen?“, erklärte er: „Wir gedenken doch auch der Kriegstoten.“
Der am 8. April 1926 in Hamburg geborene Sohn einer kirchenfernen Lehrerfamilie war zunächst Professor für Dogmengeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal, ehe er 1963 nach Bonn berufen wurde. Von 1967 bis zu seiner Emeritierung 1994 lehrte er in Tübingen. Moltmann war mit der 2016 verstorbenen, international renommierten feministischen Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel verheiratet. Beide hatten vier Kinder.
Jürgen Moltmann wird durch den Zweiten Weltkrieg tief geprägt. Als junger Luftwaffenhelfer bei der Alster-Flakbatterie erlebt er das Bombeninferno mit Feuersturm, das im Juli 1943 über Hamburg hergeht. Ein Schulfreund wird dabei neben ihm zerrissen. Mit 19 Jahren kommt er in britische Kriegsgefangenschaft. Dort beschäftigt er sich intensiv mit religiösen Fragen.
Sein Erstlingswerk „Theologie der Hoffnung“ von 1964 galt damals als Aufbruch in der Theologie. In den USA wurde er nach dem Erscheinen als „Herold eines neuen Protestantismus“ gerühmt, wie es in einem „Spiegel“-Artikel Ende der 1960er Jahre hieß: Moltmann propagiere ein umstürzlerisches, gesellschaftsänderndes Christentum. Dagegen argwöhnte die Schweizer Theologielegende Karl Barth (1886-1968), mit seiner Theologie der Hoffnung habe Moltmann das legendäre „Prinzip Hoffnung“ - Hauptwerk des neomarxistischen Philosophen Ernst Bloch - christlich „getauft“.
Man dürfe Moltmann nicht auf seine „Theologie der Hoffnung“ reduzieren, geben Experten zu bedenken. In „Der gekreuzigte Gott“ von 1972 entfaltet er eine Theologie nach Auschwitz und fragt nach der Bedeutung des Todes Jesu für die Gegenwart. Zwischen 1980 und 1995 legt er die Kernthemen christlicher Theologie in fünf Bänden neu aus: die Lehre von Gott, der Schöpfung, von Jesus Christus, vom Heiligen Geist (Pneumatologie) sowie der Lehre von den letzten Dingen im Leben jedes Menschen, der ganzen Welt und des Kosmos (Eschatologie).
Zentrales Thema von Moltmanns Denken ist schon früh die globale ökologische Krise. Die Herausforderung der Klimakrise durchzieht auch sein Spätwerk „Politische Theologie in der modernen Welt“ (2021) wie ein roter Faden, so einmal der evangelische Sozialethiker Jörg Hübner. Moltmann fordere darin eine „grüne Reformation“, eine „Sympathie aller Dinge“, eine „neue ökologische Anthropologie“, eine „Liebe zur Erde“ mit all ihren Kreaturen.
Mit über 90 Jahren dachte Moltmann neu über Tod und Auferstehung nach. Nach dem Tod seiner geliebten Frau Elisabeth „hat sich sein Dasein radikal verändert“, heißt es im Schweizer Kirchenportal „ref.ch“. Damit sei das Thema für ihn auch zum persönlichen Problem geworden. In seinem 2020 erschienenen Buch „Auferstanden in das ewige Leben: Über das Sterben und Erwachen einer lebendigen Seele“ verband er theologische Überlegungen mit persönlichen Gedanken und Erfahrungen.
Moltmann steht in einer Reihe mit großen theologischen Denkern wie Wolfhart Pannenberg (1928-2014), Johann Baptist Metz (1928-2019), Hans Küng (1928-2021) und Eberhard Jüngel (1934-2021). „Hundert Jahre alt möchte ich nicht mehr werden“, bekannte er noch auf der Feier seines 95. Geburtstages: „Aber wir leben in die Auferstehung hinein, nicht in den Tod.“

Heidelberg (epd). Von der Straße in die Kirche: In Heidelberg ist am 9. Juni ein „Streetdance-Gottesdienst“ gefeiert worden, bei dem auch Profi-Tänzer ihr Können gezeigt haben. Citykirchenpfarrer Vincenzo Petracca von der Heiliggeistkirche bezeichnete es als „verstaubte Ansicht“, dass Tanzen nicht in die Kirche gehöre. Vielmehr sei Tanz eine „sinnliche Darstellung der eigenen Spiritualität“. Moderne Tanzformen passten durchaus in ein 600 Jahre altes Gotteshaus.
Auch Jesus habe nichts gegen das Tanzen gehabt, sagte Petracca. Schon König David habe laut dem Alten Testament getanzt. Er habe dies sogar buchstäblich auf der Straße getan und sich damit auf eine Ebene mit den Sklaven begeben, unerhört für die damalige Zeit. „David ist für mich der erste Streetdancer in der Geschichte“, sagte der Pfarrer.
Bei solchen modernen Tanzformen würden Grenzen und Hindernisse in Kreativität umgewandelt. Bei aller Individualität sei den Tänzern Gemeinschaft wichtig, sagte der evangelische Theologe. Die Werte der Streetdancer seien "Realness (Authentizität), Kreativität, Gleichheit und Respekt. Diese Werte vertrete auch die Kirche.
Unter Streetdance oder Urban Dance versteht man verschiedene Tanzstile, die in den 1970er Jahren auf den Straßen New Yorks entstanden sind. Wie genau die aussehen, zeigten Jugendliche im Gottesdienst bei mehreren Performances. Unter ihnen waren auch die neunjährige Aurelia Demaio, die amtierende Deutsche Meisterin U10 im Streetdance ist, und der Urban Dancer Zoo Real. Beide sehen den Streetdance als universelle Sprache.
„Wir sprechen zur Seele und zum Herzen des Anderen, auch wenn wir dessen Sprache nicht sprechen“, sagte Zoo Real. Für ihn war der Auftritt in einer Kirche ein besonderes Anliegen. Als erfolgreicher Streetdancer habe er durch eine Erkrankung gemerkt, dass der Erfolg allein nicht glücklich mache. Während der Krise habe er durch Gespräche mit Christen zum Glauben gefunden.
Nach dem Gottesdienst gab es einen kostenlosen Hip-Hop Workshop mit dem Tänzer Rayboom, in dem auch Pfarrer Petracca im Talar und mit viel Enthusiasmus neue „moves“ lernte. Erst vor wenigen Wochen hatte er mit einem „Taylor-Swift-Gottesdienst“ bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Für den Nachmittag war in der Kirche ein Tanzbewerb „Church Battle“ geplant, zu dem rund 50 Streetdancer aus ganz Deutschland erwartet wurden. Der Sieger sollte am Abend gekürt werden.
Heidelberg (epd). Der Taylor-Swift-Gottesdienst in Heidelberg hat international Schlagzeilen gemacht: Nun hat eine US-Band dazu einen Song auf Instagram gestellt. In einem 35-sekündigen Instagram-Reel fasst die Comedy-Band Lewberger aus Los Angeles den Gottesdienst zusammen und fragt „Würdest du hingehen?“. In den ersten 18 Stunden nach Veröffentlichung am 5. Juni hatten bereits mehr als 217.000 Menschen den englischsprachigen Video-Beitrag gesehen und über 9.500 Mal geliked.
„Hättest ihr gewusst, dass sich in Swifts Liedern eine religiöse Botschaft verbindet?“, fragt Sänger Alex Lewis: „Ich wusste es auch nicht.“ Die Kirche sage, dass Swift mit ihrem Engagement für soziale Gerechtigkeit und Feminismus ihren christlichen Glauben zeige, heißt es weiter. In dem kurzen Sprechgesang wird der evangelische Citykirchen-Pfarrer Vincenzo Petracca zitiert, mit den Worten „Theologisch gesprochen, verweist sie auf die Gerechtigkeit Gottes“.
Dass über seinen Gottesdienst jetzt ein Song erschienen ist, hat Petracca völlig überrascht. „Ich finde es klasse, der Beitrag ist so liebevoll gemacht und bringt die Kernaussagen rüber“, sagte Petracca dem Evangelischen Pressedienst (epd). Nachdem Medien im Vorfeld bundesweit berichtet hatten, hatten mehr als 1.000 Menschen zwei Taylor-Swift-Gottesdienste am 12. Mai in der 600 Jahre alten Kirche besucht. Darüber hatten auch internationale Medien berichtet, etwa in Indien und den USA.

Berlin (epd). Mit einem Gottesdienst haben Vertreter von Kirchen und Politik in Deutschland an den im Februar in russischer Haft gestorbenen Putin-Gegner Alexej Nawalny erinnert. Am 48. Geburtstag von Nawalny versammelten sich in der gut gefüllten Berliner Marienkirche Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne), mehrere Abgeordnete sowie Weggefährtinnen und Weggefährten des Dissidenten. Ehefrau Julia Nawalnaja war am 4. Juni ebenfalls unter den Gästen des in englischer und russischer Sprache abgehaltenen Gottesdienstes.
Eingeladen hatte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Der Berliner Landesbischof Christian Stäblein sagte, man werde Nawalny nicht vergessen; denn das sei, was die Verfolger und Machthaber wollten: Nawalny und das, was ihm widerfahren sei, zu vergessen. Viele von Nawalnys 47 Lebensjahren hätten in einem Ringen bestanden, einer Suche nach Freiheit und Gerechtigkeit, „darin immer wieder Haft und Gefängnis, Drangsalierung, seelische Folter und körperliches Erniedrigen“. Er sei ein „Streiter für Menschenrechte“ gewesen, sagte Stäblein, der Flüchtlingsbeauftragter der EKD ist.
Der orthodoxe Priester Andrei Kordochkin, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, Erzpriester Radu Constantin Miron, und die Präses der EKD-Synode, Anna-Nicole Heinrich, wirkten im Gottesdienst mit. Der russische Journalist Ilya Barabanov sowie die Deutschlandfunk-Journalistin und Russlandkennerin Sabine Adler erinnerten an den russischen Oppositionellen. Nawalny habe seinen Landsleuten die Augen geöffnet und sei zu einer echten Konkurrenz für Präsident Wladimir Putin geworden, sagte Adler: „Je klarer er Putins Reich entlarvte, desto unversöhnlicher reagierte der Mann im Kreml.“
Nawalny starb im Februar in einem Straflager in Sibirien. Seit 2021 saß der Dissident in Lagerhaft. Seine Todesumstände wurden nicht unabhängig aufgeklärt. 2020 hatte Nawalny einen Giftanschlag überlebt. Nach seiner erfolgreichen Behandlung in Deutschland kehrte er nach Russland zurück. Am Dienstag wäre Nawalny 48 Jahre alt geworden.
Frankfurt/Oder (epd). Kultur, Diskussionen, Gebete: Mehrere tausend Menschen haben in Frankfurt an der Oder und im polnischen Slubice den internationalen Kirchentag der Christlichen Begegnungstage gefeiert. Verschiedene Kirchenvertreter riefen bei dem dreitägigen Treffen, das am 9. Juni mit einem Open-Air-Gottesdienst zu Ende ging, dazu auf, die gesellschaftliche Bedeutung des christlichen Menschenbildes in Öffentlichkeit und Politik stärker zu betonen. Insgesamt standen unter dem Motto „Nichts kann uns trennen“ rund 150 Veranstaltungen auf dem Programm. Schirmherr war Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD). Die nächsten Christlichen Begegnungstage evangelischer Kirchen sollen 2027 im tschechischen Prag ausgerichtet werden.
In der Debatte über sinkende Mitgliederzahlen und den Bedeutungsverlust der Kirchen forderte die Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Anna-Nicole Heinrich, in Frankfurt an der Oder mehr kirchliches Selbstbewusstsein. „Wir haben eine so mächtig menschenliebende Botschaft“, sagte sie. Die Überzeugung, dass alle Menschen gleich viel wert sind, auch in politische Debatten einzubringen, sei eine wichtige Aufgabe der Kirchen. Kirchliche und außerkirchliche Jugendarbeit hätten zudem große Möglichkeiten, demokratische Werte zu vermitteln und einzuüben. Demokratie sei „das Beste, was wir haben und was uns zusammenhält“.
Der Bischof der gastgebenden Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Christian Stäblein, sagte, kirchliche Aufgabe im politischen Bereich sei vor allem, „den Möglichkeitssinn zu erweitern und den Gewissenssinn zu schärfen“. Lösungen für aktuelle Herausforderungen müssten hingegen in der Politik gefunden werden. Dies gelte derzeit insbesondere mit Blick auf Fragen von Migration und Flüchtlingen. Dort müssten gemeinsame europäische Lösungen entwickelt werden, die die komplexen Herausforderungen berücksichtigen, sagte er.
Stäblein kritisierte die anhaltende Zurückweisung von Flüchtlingen an den europäischen Außengrenzen durch sogenannte „Pushbacks“. Die Geflüchteten seien dabei „schrecklichen Menschenrechtsverletzungen“ ausgesetzt, sagte der EKD-Flüchtlingsbeauftragte. Dies müsse beendet werden. Stäblein rief zugleich zur weiteren Unterstützung der Ukraine auf. Die Menschen, die dort unter dem russischen Angriffskrieg litten, hätten ein Recht auf Solidarität.
Der ukrainische Bischof Sandor Zan Fabian, der wegen verschärfter Ausreisebedingungen sein Land nicht verlassen konnte, um an den Begegnungstagen teilzunehmen, rief in einem Videogrußwort zu weiterer Hilfe für die Ukraine auf. Der EKD-Friedensbeauftragte, der mitteldeutsche evangelische Bischof Friedrich Kramer, rief zu Verhandlungen und einem Ende des „Waffengangs“ auf. Der ungarische Bischof Tamas Fabiny forderte die Kirchen auf, sich nicht in zu große Staatsnähe zu begeben, sondern an der Seite der Armen und Schwachen zu stehen.
Zu den Höhepunkten der Begegnungstage gehörte eine Abendessen-Tafel in der Innenstadt unter dem Motto „Speisung der 4.000“. Am Eröffnungsgottesdienst am 7. Juni nahmen nach Veranstalterangaben rund 2.000, am anschließenden Abend der Begegnung rund 4.500 Menschen teil. In seinem Grußwort nach dem Eröffnungsgottesdienst sagte Ministerpräsident Woidke, von dem Kirchentag gehe das Signal aus, dass Vertrauen, Zusammenhalt, Weltoffenheit und Toleranz wachsen müssen. Herausforderungen müssten gemeinsam gelöst werden.

Frankfurt a.M. (epd). Die beiden großen christlichen Kirchen begleiten die Fußball-Europameisterschaft der Männer in Deutschland vom 14. Juni bis 14. Juli mit eigenen Angeboten. Auf der gemeinsamen Internet-Materialplattform „fussball-begeistert.de“ von evangelischer und katholischer Kirche beispielsweise können Fußballbegeisterte Ideen und Material für Aktionen und Gottesdienste rund um die EM finden. Kirchengemeinden können dort eigene Projekte einstellen.
Ebenfalls von evangelischer und katholischer Kirche gemeinsam verantwortet wird die Übernachtungsplattform „host4euro.com“. Hier können Fans Übernachtungsmöglichkeiten anbieten oder suchen. Ziel der Übernachtungsplattform ist es nach Angaben der Kirchen, Menschen aus unterschiedlichen Ländern zusammenzubringen und ein weltoffenes Bild der Gesellschaft zu zeigen, in der Kirche eine wichtige Rolle spiele.
Von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) allein kommt eine Kampagne auf Sozialen Medien. Auf den Instagram- und Facebook-Accounts der EKD und des EKD-Sportbeauftragten und Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Thorsten Latzel, werden Text- und Videobeiträge zum Thema Glauben, Sport und Fairplay veröffentlicht. Bei Instagram und Facebook sollen bis zum Ende der Europameisterschaft am 14. Juli Fußballerinnen und Fußballer vorgestellt werden, die in ihrem Alltag als Profisportler Halt und Zuversicht aus ihrem christlichen Glauben ziehen.
Die Evangelische Kirche im Rheinland lädt zu einem Tippspiel ein. Auf der Plattform „kicktipp.de“ können sich Interessierte registrieren. Danach können sie Ergebnisse tippen und zwei Bonusfragen beantworten: „Wer wird Europameister?“ und „Welche Mannschaft stellt den Spieler mit den meisten Toren?“ Der Einsatz liegt bei fünf Euro, zu gewinnen gibt es einen signierten Fairtrade-Fußball. Außerdem wählen die Gewinnerin oder der Gewinner aus, an welches soziale Projekt der gesamte Tippspieleinsatz geht. Dabei muss es sich um ein Projekt oder eine Initiative innerhalb der rheinischen Kirche und der dazu gehörenden Einrichtungen, Werke sowie der Diakonie handeln.
Während der EM-Spieltage finden Fans in der Alten Nikolaikirche auf dem Römerberg in Frankfurt am Main einen Ort der Ruhe. Dort gibt es eine Installation mit einem Fußballtor und kleinen Texten zu Gott und Fußball. Besucherinnen und Besucher können Gebete aufschreiben, Wünsche oder anderes und die Zettel in das Tornetz hängen.
Einige Meter weiter, in den Räumen der St. Paulsgemeinde in der Neuen Altstadt wird zu Beginn der EM eine Wanderausstellung zu weiblichen Fußballfans gezeigt. Unter dem Titel „Fun.Tastic-Finals.“ werden Zitate und Fotos von weiblichen Fans aus ganz Europa zu sehen sein. Vor dem Spiel Deutschlands gegen die Schweiz am 23. Juni feiern Fans mit Vertretern verschiedener Religionen ab 13.30 Uhr vor der Skyline-Bühne am Eisernen Steg.
In Gelsenkirchen lädt die „Offene Kirche Schalke“ der katholischen Propsteipfarrei St. Augustinus Fans ein. Die Kirche St. Joseph im Stadtteil Schalke ist geöffnet, wenn Spiele in der Veltins-Arena stattfinden. Bei Spielen mit deutscher Beteiligung an anderen Spielorten gibt es Public Viewing in der Kirche.

Hannover (epd). Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat eine vorläufige Bilanz ihrer Taufaktion gezogen. Im Rahmen der Aktion „Viele Gründe, ein Segen. Deine Taufe“ hätten sich in 430 teilnehmenden Kirchengemeinden gut 3.100 Personen taufen lassen, teilte die EKD am 3. Juni in Hannover mit. Das entspreche rund einem Drittel aller jährlichen Taufen in diesen Gemeinden. Die EKD hatte 2023 als Jahr der Taufe begangen.
89 Prozent der in der Bilanz erfassten Taufen seien Kindertaufen gewesen, 7 Prozent Taufen im Jugendalter, teilte die EKD weiter mit. In 4 Prozent der Fälle ließen sich Erwachsene taufen. Durchschnittlich 155 Personen besuchten ein Tauffest. Mehr als die Hälfte der Gemeinden (53,7 Prozent) gab an, dass sie zuvor noch nie Tauffeste gefeiert hätten.
Die Auswertung beruht auf Fragebögen, die Pfarrerinnen, Pfarrer, andere Beschäftigte von Kirchengemeinden oder Kirchenvorstände im Nachgang von Tauffesten ausgefüllt haben. Ausgewertet wurden dabei 430 Antworten von bundesweit 2.345 Gemeinden, die im Jahr 2023 Tauffeste angeboten hatten.
Ob es durch die Aktion im vergangenen Jahr mehr Taufen gegeben hat, kann die Untersuchung nicht beantworten. Dies könne „erst die kirchenamtliche Statistik im Rückblick zeigen“, heißt es darin. Die EKD betont jedoch, dass eine Steigerung der Taufzahlen nicht Ziel ihrer Aktion gewesen sei.
Die Taufe ist das grundlegende Ritual des Christentums und eines der beiden Sakramente in der evangelischen Kirche. Sie geht auf Jesu eigene Taufe durch Johannes den Täufer im Fluss Jordan zurück, von der die Bibel erzählt. Mit der Taufe wird ein Mensch in die christliche Gemeinde aufgenommen.
Frankfurt/Oder (epd). Der ungarische Theologe Sándor Fazakas hat den Karl-Barth-Preis der Union Evangelischer Kirchen (UEK) erhalten. Der UEK-Vorsitzende und hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung überreichte Fazakas am 8. Juni die Auszeichnung bei den Christlichen Begegnungstagen in Frankfurt (Oder).
Fazakas, der Professor für Sozialethik an der Debrecen Reformed Theological University ist, sei ein Beispiel dafür, „was geschieht, wenn jemand mit Barth über Barth hinausdenkt“, sagte der Theologe Michael Beintker laut Manuskript in seiner Laudatio. Die reformierte Kirche in Ungarn habe während der Zeit der kommunistischen Diktatur den Sozialismus als dem Evangelium gemäße Gesellschaftsform betrachtet und sich dabei auf Barth berufen. „Fazakas weist immer wieder nach, dass es sich um eine missbräuchliche Inanspruchnahme Barths gehandelt habe“, sagte Beintker.
Der mit 10.000 Euro dotierte Karl-Barth-Preis wird seit 37 Jahren alle zwei Jahre in Erinnerung an den Theologen Karl Barth (1886-1968) verliehen, der als evangelischer „Kirchenvater“ des 20. Jahrhunderts gilt. Mit dem Schweizer Pfarrer begann vor 100 Jahren eine neue Epoche der Theologie.
Zu den bisherigen Preisträgern gehören die Theologen Eberhard Jüngel (1986), Wolfgang Huber (2012), Michael Beintker (2020), Katherine Sonderegger (2022) sowie der frühere Bundespräsident Johannes Rau (2004). Zur UEK gehören zwölf Landeskirchen innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), vor allem diejenigen mit reformierter oder unierter Tradition.

Frankfurt a.M./Nairobi (epd). Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße hat auf seiner Kenia-Reise auf die Not der Flüchtlinge in Ostafrika aufmerksam gemacht. Es sei völlig verfehlt, „wenn der Eindruck erweckt wird, Europa würde den Großteil aller Flüchtlinge aufnehmen - das Gegenteil ist der Fall“, sagte der Vorsitzende der Migrationskommission der katholischen Deutschen Bischofskonferenz dem Evangelischen Pressedienst (epd) kurz vor Abschluss seiner siebentägigen Kenia-Reise. Der Erzbischof war am 2. Juni in der kenianischen Hauptstadt Nairobi eingetroffen. Bis zum 7. Juni wollte er sich vor Ort über die Situation von Geflüchteten informieren.
In der gesamten Region Ostafrika gebe es mehr als fünf Millionen Flüchtlinge und über 18 Millionen Binnenvertriebene, sagte Heße. „Diese Zahlen lassen erahnen, wie groß die Herausforderungen sind.“ Außerdem seien zunehmend Naturkatastrophen zur Fluchtursache geworden. In Kenia selbst haben Heße zufolge insgesamt etwa 800.000 Menschen Zuflucht gefunden: „Obwohl das Land selbst mit großer Armut zu kämpfen hat, zeigt es sich seit vielen Jahren gastfreundlich. Die Flüchtlinge, die ich auf meiner Reise getroffen habe, betonten, wie froh sie sind, hier in Sicherheit leben zu können.“
Die meisten Flüchtlinge in Kenia stammten aus Somalia und dem Südsudan. Weitere Herkunftsländer seien die Demokratische Republik Kongo, Äthiopien, Burundi, der Sudan, Uganda, Eritrea und auch Ruanda. „Die Schutzsuchenden, mit denen ich gesprochen habe, berichteten von gewaltsamen Konflikten und schweren Menschenrechtsverletzungen in ihren Heimatländern“ sagte der Erzbischof.
Die Bundesregierung hat mit Kenia ein Migrationsabkommen verhandelt, das nach letzter rechtlicher Prüfung im September unterzeichnet werden soll. Dazu sagte Heße: „Das geplante Migrationsabkommen war immer wieder Thema. Wenn es dabei fair zugeht und Kenia nicht um jene Fachkräfte gebracht wird, auf die das Land selbst angewiesen ist, kann ein solches Abkommen für beide Seiten ein Gewinn sein.“ Flüchtlingspolitisch werde ein Migrationsabkommen mit Kenia jedoch kaum eine Rolle spielen - „schon allein deshalb, weil Kenia glücklicherweise kein nennenswertes Herkunftsland von Asylbewerbern ist“.
Klimabedingte Migrationsbewegungen seien in Ostafrika zu einer „existenziell wichtigen Frage geworden“, bilanzierte Heße: „Bei meinem Besuch im Turkana County im Nordwesten Kenias haben die Menschen berichtet, dass sie die Folgen des Klimawandels ganz handfest spüren: Sowohl extreme Dürreperioden als auch extreme Überschwemmungen rauben ihnen die natürlichen Lebensgrundlagen.“ Deshalb seien zum Beispiel Maßnahmen zur Stärkung der Klimaresilienz im ländlichen Raum überlebensnotwendig. Solche Ansätze sollten auch in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit gestärkt werden.

Berlin (epd). In der politischen Diskussion um Abschiebungen schwerer Straftäter nach Afghanistan und Syrien ist unklar, um wie viele Fälle es dabei bundesweit überhaupt geht. In einer Umfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) unter den zuständigen Ministerien konnte kaum ein Land Angaben dazu machen. Zwar nannten die Behörden in der Regel die Gesamtzahl afghanischer und syrischer Straftäter. Eine Statistik darüber, wie viele schwere Straftäter darunter sind, um die es in der Debatte geht, gibt es allerdings nicht.
Dazu lägen keine Daten vor, hieß es etwa aus dem bayerischen Justizministerium. Auch Nordrhein-Westfalen konnte keine detaillierten Angaben zu den Delikten machen, die zur Verurteilung führten. Die Erfassung bedürfte einer händischen Auswertung und sei in kurzer Frist nicht darstellbar, teilte das niedersächsische Justizministerium mit. Aus Rheinland-Pfalz hieß es zusätzlich, es sei unklar, was unter „schweren Straftätern“ zu verstehen sei. In Hamburg, dessen Innensenator Andy Grote (SPD) die Debatte über Abschiebungen nach Afghanistan mit angestoßen hatte, stellte die Justizbehörde detaillierte Angaben für die nächste Woche in Aussicht.
Einzig Baden-Württemberg und Bremen gaben konkretere Auskunft. In Stuttgart werden demnach die Fälle von 41 Afghanen und 4 Syrern in den „Sonderstäben Gefährliche Ausländer“ bearbeitet. Das Justizressort nannte zwei konkrete Fälle, die zur aktuellen Diskussion passen. Das Land würde gern einen Afghanen, der wegen Unterstützung der Terrormiliz „Islamischer Staat“ verurteilt wurde, und einen weiteren Afghanen, der wegen Mittäterschaft einer Gruppenvergewaltigung im Jahr 2019 zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurde, abschieben, was derzeit nicht möglich ist.
In Bremen sitzen nach Angaben der dortigen Innenbehörde fünf Straf- beziehungsweise Gewalttäter aus Afghanistan in Haft, sechs aus Syrien. Gründe seien unter anderem besonders schwere Eigentumsdelikte wie räuberische Erpressung, Totschlag, schwerer sexueller Missbrauch von Kindern, schwere Körperverletzung und Brandstiftung.
Nach der Gewalttat eines mutmaßlichen Islamisten aus Afghanistan in Mannheim, bei der ein Polizist getötet wurde, ist die Debatte über die Wiederaufnahme von Abschiebungen nach Afghanistan zumindest von Personen, die ein Sicherheitsrisiko darstellen, neu entbrannt. Deutschland hatte Abschiebungen dorthin nach dem Wiedererstarken der radikalislamischen Taliban 2021 ausgesetzt.
Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) prüft, ob und wie schwere Straftäter - gemeint sind laut Ministerium Gewalttäter - und Gefährder nach Afghanistan und Syrien abgeschoben werden können. Nach Angaben eines Sprechers dauert die Prüfung bereits geraume Zeit an, mindestens seit der tödlichen Messerattacke in einem Regionalzug bei Brokstedt vor rund anderthalb Jahren. Auch das Bundesministerium konnte aber zur Zahl der Fälle, um die es bei einer Wiederaufnahme der Abschiebungen nach Afghanistan ginge, keine Angaben machen und verwies dabei auf die Zuständigkeit der Länder.
Im Bereich der Gefährder geht das Bundesinnenministerium nach eigenen Angaben derzeit von insgesamt 480 Fällen aus. Etwa die Hälfte davon sei im Ausland oder in Haft. Die Fälle beziehen sich auf alle Staatsbürgerschaften, nach Angaben des Innenministeriums zählen auch Deutsche zu diesem Kreis.
Insgesamt befinden sich bundesweit nach Angaben der Länder mindestens rund 1.100 Syrer und mehr als 550 Afghanen in Haft, wobei offen blieb, wie viele davon wegen schwerer Gewalttaten verurteilt wurden. Die Zahlen umfassen nicht alle Bundesländer. Hessen, Sachsen und Thüringen gaben bis Freitagmorgen keine Rückmeldung.

Mannheim (epd). Als 50 Streifenpolizistinnen und -polizisten am 7. Juni um 11.15 Uhr den Marktplatz in Mannheim betreten, applaudieren die etwa 2.000 anwesenden Menschen. Teils mit Blumen in den Händen sind sie zu einer Gedenkveranstaltung für den bei einem Messerangriff getöteten Polizist Rouven Laur gekommen. Der Beamte war eine Woche zuvor von einem afghanischen Mann attackiert und schwer verletzt worden. Er erlag am 2. Juni seinen Verletzungen.
Auf dem Marktplatz in Mannheim wird es ganz still, als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gemeinsam mit den Eltern und der Schwester des getöteten Polizisten den Platz betritt und Blumen niederlegt. Bei dem zehnminütigen, schweigenden Gedenken sind auch der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), Innenminister Thomas Strobl (CDU), Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne) und Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) vor Ort.
Um genau 11.34 Uhr, der Uhrzeit des Angriffs, ertönt ein einzelner Glockenschlag. Die Polizistinnen und Polizisten nehmen ihre Mützen für die Schweigeminute ab, die Angehörigen kämpfen mit den Tränen. Sie blicken auf ein Meer von Blumen, Kerzen, Karten und Fotos des Getöteten.
Zwei rote Herz-Luftballons wehen im Wind. Plakate rufen zur Versöhnung und Mitmenschlichkeit auf. Auf einem anderen schreibt eine Gruppe, die sich „Integrationskurs mit vielen Muslimen“ nennt: „Ein Moslem kann kein Terrorist sein. Ein Terrorist kann kein Moslem sein.“
Als „grausamen Terrorakt von Mannheim“ bezeichnet Bundespräsident Steinmeier später die Messerattacke vor Journalisten im Polizeipräsidium Mannheim. Der „blutige Terrorakt“, bei dem ein 25-jähriger Afghane mehrere Menschen angegriffen hatte, habe einen „offenbar politischem, mutmaßlich islamistischem Hintergrund“.
„Die Tat darf uns nicht lähmen. Wir müssen zusammenstehen und gemeinsam Gewalt, Menschenfeindlichkeit und Extremismus entgegentreten“, fordert der Bundespräsident. Es sei Aufgabe des demokratischen Staates, das Gewaltverbot in der politischen Debatte durchzusetzen. Aufgabe aller sei es, der Verrohung der Umgangsformen entgegenzutreten.
„Wir schulden der Polizei Respekt und Wertschätzung“, sagte Steinmeier weiter. Polizistinnen und Polizisten schützten jeden Tag die Freiheit der Menschen. Er dankte ihnen für ihr „mutiges und entschlossenes Handeln“. Sein Dank ging auch an den Passanten, der geholfen hatte, den Angreifer niederzuringen.
Auch in anderen Städten Baden-Württembergs und darüber hinaus hätten Zehntausende mit einer Schweigeminute des „mutigen Polizisten“ gedacht. Dieser habe bei seinem „Einsatz für Recht und Freiheit sein Leben verloren“, so Steinmeier.
Der mutmaßliche Täter, der seit zehn Jahren in Deutschland lebt, hatte mehrere Menschen am Stand der islamkritischen Bürgerbewegung „Pax Europa“ auf dem Mannheimer Marktplatz mit einem Messer angegriffen. Der 29-jährige Polizeibeamte Laur wollte eingreifen und erlitt mehrere Stiche im Kopfbereich. Daraufhin stoppte ein anderer Polizist den Angreifer mit einem Pistolenschuss.
Abseits des Marktplatzes und des Medienrummels versammelten sich am Nachmittag zahlreiche Polizistinnen und Polizisten vor dem Schloss Mannheim. Dort ließen sie in Erinnerung an ihren Kollegen weiße Luftballons in den Himmel steigen.

Berlin/Düsseldorf (epd). Die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer hat die Mevlüde-Genç-Medaille des Landes Nordrhein-Westfalen erhalten. Die 102-Jährige sei „ein Vorbild für echte Versöhnung, für Toleranz und Verständigung“, sagte Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) am 4. Juni bei der Ehrung im Berliner Bode-Museum laut Redetext.
Er würdigte Friedländers großes Engagement in der Erinnerungsarbeit, für Toleranz und Versöhnung zwischen den Kulturen sowie ein friedliches Miteinander der Religionen. „Sie erinnern, Sie mahnen, Sie schenken jungen Leuten Vertrauen, Hoffnung und Liebe, Menschenliebe“, betonte Wüst. Ihre Weigerung zu hassen und ihr Glauben an das Gute im Menschen eine sie mit Mevlüde Genç, an die die Auszeichnung erinnert.
Die Mevlüde-Genç-Medaille wird seit 2018 an Menschen oder Gruppen verliehen, die sich für Verständigung und Toleranz einsetzen. Sie wird jährlich rund um den Jahrestag des Brandanschlags von Solingen vom 29. Mai 1993 verliehen. Mevlüde Genç (1943-2022) verlor bei dem fremdenfeindlichen Anschlag zwei Töchter, zwei Enkelkinder und eine Nichte verloren. Dennoch rief sie immer wieder zu Versöhnung und einem friedlichen Miteinander auf. Genç erhielt unter anderem das Bundesverdienstkreuz und den Verdienstorden des Landes NRW.
Margot Friedländer stammt aus einer jüdischen Familie. Die gebürtige Berlinerin wurde im Juni 1944 ins KZ Theresienstadt deportiert, überlebte den Holocaust und wanderte 1946 nach New York aus. 2003 kehrte sie auf Einladung des Berliner Senats ein erstes Mal nach Deutschland zurück, weitere Aufenthalte folgten. 2010 ließ sich Friedländer dauerhaft in einem Seniorenheim in Berlin nieder und wurde wieder eingebürgert. Seither engagierte sie sich als Überlebende und Zeitzeugin des Holocaust in der Erinnerungsarbeit, mit Lesungen und Vorträgen und bei hunderten Besuchen an Schulen.

Berlin (epd). Die vier hungerstreikenden Klimaaktivisten im Berliner Regierungsviertel wollen ihren sogenannten absoluten Hungerstreik für eine Woche aussetzen. Das bedeutet, sie nehmen weiterhin keine feste Nahrung zu sich, sondern nur verdünnten Saft und Wasser. Damit wollten sie einen Schritt auf den Bundeskanzler zugehen und dem Vorwurf der Erpressung entgegentreten, erklärten die Aktivisten am 6. Juni in Berlin: „Wir wollen nicht weiter eskalieren.“ Aus dem Bundeskanzleramt erhoffen sie sich in dieser Zeit ein Gesprächsangebot. „Wir wollen damit zeigen, dass wir flexibel sind und keine Wahnsinnigen“, sagte der Klimaaktivist Richard Cluse, der seit 74 Tagen keine feste Nahrung mehr zu sich nimmt.
Alternativ könne Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) die geforderte Regierungserklärung abgeben. Darin solle er eingestehen, dass der Fortbestand der menschlichen Zivilisation durch die Klimakatastrophe extrem gefährdet sei, dass es kein CO2-Restbudget mehr gebe und dass deshalb in der Klimapolitik sofort radikal umgesteuert werden müsse.
„Unser Ziel ist weiterhin, dass das in der Öffentlichkeit ausgesprochen wird“, sagte Wolfgang Metzeler-Kick. Mehr als 140 Klimawissenschaftlerinnen und -wissenschaftler hätten diese wissenschaftlichen Fakten bestätigt. Der Bundeskanzler müsse deshalb „Klartext“ reden und solle nicht weiter „herumscholzen“.
Der 49-jährige Ingenieur aus München befindet sich nach eigenen Angaben bereits seit 92 Tagen im Hungerstreik. Weitere Aktivisten hatten sich ihm seit dem 7. März nach und nach angeschlossen. Um bleibende Schäden zu verhindern, nehmen die Hungerstreikenden in der Regel täglich wenige Gramm Kohlenhydrate, Vitamine und Elektrolyte in Form von Säften und Brausetabletten zu sich.
Um den Druck auf den Kanzler zu erhöhen, verweigerten Metzeler-Kick und Mitstreiter Adrian Lack seit einer Woche die Einnahme dieser Zusätze. Ursprünglich wollten sie von diesem Donnerstag an dann auch auf Flüssigkeiten verzichten und in den sogenannten trockenen Hungerstreik übergehen.
Metzeler-Kick war allerdings am 3. Juni nach einem Kreislaufkollaps vorübergehend ins Krankenhaus eingeliefert worden. Um ihn zu stabilisieren, werden ihm jetzt kontrolliert Nährstoffe zugeführt. „Wir wollen damit die absolute Lebensgefahr herausnehmen“, sagte der Klimaaktivist.
Angesichts der Hochwasserkatastrophe in Süddeutschland hatte Scholz am 6. Juni in einer Regierungserklärung gesagt, „der menschengemachte Klimawandel ist die größte globale Herausforderung, vor der wir stehen“. Wenn solche extremen Wetterereignisse häufiger passierten, sei das „nicht mehr nur ein Unglück. Dann ist das ein Ergebnis des Klimawandels“.
Damit habe Scholz bei gutem Willen „in etwa“ eine der geforderten Erklärungen ausgesprochen, sagte Metzeler-Kick: „Aber das reicht nicht.“
Mitstreiter Richard Cluse sieht trotzdem in öffentlichen Äußerungen des Bundeskanzlers in den vergangenen Wochen positive Signale. Auf Fragen zu dem Hungerstreik reagiere Scholz „dünnhäutig“. „Wir werden wahrgenommen“, ist sich Cluse sicher. Sollte sich in den nächsten Tagen nichts bewegen, wollen die Klimaaktivisten ihren Hungerstreik in einer Woche fortsetzen.
Bremerhaven (epd). Die Nordsee war im vergangenen Jahr so warm wie nie zuvor seit Beginn der regelmäßigen Messungen im Jahr 1962. Untersuchungen der Biologischen Anstalt Helgoland des Alfred-Wegener-Instituts zeigten, dass diese Entwicklung nicht abbricht, teilte das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven am 4. Juni mit. Januar, Februar, März und April dieses Jahres gehörten im Mittel durchweg zu den „Top 10“ der jeweils wärmsten Monate seit 1962. Der März 2024 sei mit einer mittleren Wassertemperatur von 6,9 Grad Celsius sogar der wärmste März seit 1962.
Seit den 1990er Jahren sei eine Zunahme der starken und schweren marinen Hitzewellen zu beobachten, hieß es. Im selben Zeitraum seien auf Helgoland und Sylt neue Temperaturmuster aufgetreten. Während es im Sommer deutlich mehr wärmere Tage gab, habe es in den Wintern deutlich seltener extrem kalte Tage gegeben.
Die hohen Temperaturen und extremen Ereignisse sind laut den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine Folge des Klimawandels. Sie gehen davon aus, dass sich die marinen Hitzewellen unter anderem auf die Lebensräume am Meeresboden auswirken.
Köln (epd). 20 Jahre nach dem ausländerfeindlichen Nagelbombenanschlag der NSU in der Kölner Keupstraße haben am 9. Juni Tausende Menschen mit einem Kultur- und Begegnungsfest am Ort des Attentats ein Zeichen gegen Rassismus gesetzt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier rief zum couragierten Einsatz für Demokratie und eine offene Gesellschaft auf. Es komme darauf an, dort „Stopp!“ zu sagen, wo jemand anderes Menschen erniedrige, sagte Steinmeier. „Die Demokratie fragt nicht danach, aus welcher Richtung der Extremismus kommt, der ihr ans Leder will! Die Demokratie fragt nach der Kraft und der Solidarität der Mehrheit, die sie verteidigt!“
Das Fest stand unter dem Motto „Birlikte“, türkisch für „Zusammenstehen“. Auf mehreren Bühnen rund um die Keupstraße sollten bis zum späten Abend bekannte Bands wie Bläck Fööss, der Rapper Eko Fresh und die Comedian Carolin Kebekus auftreten. Das Schauspiel Köln und verschiedene Kinos boten eigene Programme an. Eine Ausstellung informierte zudem über die Planungen für ein Mahnmal zum Gedenken an den NSU-Anschlag.
In der migrantisch geprägten Keupstraße im Kölner Stadtteil Mülheim war am 9. Juni 2004 eine mit Nägeln gespickte Bombe explodiert. 22 Menschen wurden bei dem Anschlag zum Teil schwer verletzt. Die Ermittler hatten die Täter zunächst in der türkischen Gemeinschaft vermutet. Erst 2011 wurde deutlich, dass der rechtsextremen terroristischen Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) auch dieser Anschlag zuzuschreiben ist. Deutschlandweit hatte der NSU zwischen 2000 und 2007 neun Menschen mit Migrationsgeschichte ermordet sowie eine Polizistin.
Überschattet wurde das Kulturfest am Sonntag vor Beginn von Sicherheitsmaßnahmen der Polizei, nachdem Bombenspürhunde an der Hauptbühne angeschlagen hatten. Der Bereich wurde zeitweilig abgesperrt. Verdächtige Gegenstände seien aber nicht gefunden worden, sagte ein Sprecher der Polizei dem Evangelischen Pressedienst (epd).
„Wir alle sind zusammen hier, weil es wichtig und auch dringlich ist, dass wir die Geschichten und den Schmerz derjenigen sehen, hören und würdigen, die heute vor 20 Jahren hier schwer an Leib und Seele verletzt und dazu auch noch zu Unrecht verdächtigt wurden“, erklärte Steinmeier. Auch in der Zeit der Aufklärung sei die Notwendigkeit oftmals in den Hintergrund gerückt, die Geschichten der Opfer und ihrer Angehörigen zu hören, ihre Erinnerungen wahrzunehmen, beklagte er. „Dies bleibt beschämend für unser Land.“
Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Henrik Wüst (CDU) äußerte ebenfalls sein Bedauern über die schweren Ermittlungsfehler. Es erfülle ihn mit Trauer und Scham, was der „menschenverachtende Terroranschlag“ von 2004 an körperlichen, vor allem aber an seelischen Verletzungen hinterlassen habe, die bis heute nachwirkten.
Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) nannte das Birlikte-Fest einen Appell für ein respektvolles, friedliches und lebensfrohes Aufeinandertreffen der Kulturen. Die Keupstraße sei ein Ort, der den Willen zum friedlichen Miteinander besonders ausstrahle, sagte sie laut Redetext. Doch sitze der „Schmerz vom 9. Juni 2004“ bei vielen Kölnerinnen und Kölnern immer noch tief. Das Denkmal, das in Sichtweite des Anschlagsortes geplant sei, solle zur Heilung beitragen.
Frankfurt a.M. (epd). Zehntausende Menschen haben vor der Europawahl in zahlreichen Städten gegen Rechtsextremismus demonstriert. Dazu aufgerufen hatten unter dem Motto „Rechtsextremismus stoppen - Demokratie verteidigen“ Verbände, Religionsgemeinschaften sowie Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen. Größere Kundgebungen gab es in Berlin, Leipzig, Dresden und Hamburg. Nach Veranstalter-Angaben nahmen im ganzen Land über mehrere Tage hinweg insgesamt 150.000 Menschen an den Kundgebungen und Demonstrationen teil.
In Leipzig kamen am 8. Juni laut den Veranstaltern etwa 15.000 Menschen in der Innenstadt zusammen. Dabei hielt die Schauspielerin Sandra Hüller eine Rede. „Ich bin Europäerin und verantwortlich dafür, wie Europa aussehen wird“, sagte sie von der Bühne. Es gebe keine einfachen Lösungen, Demokratie und Denken seien anstrengend. „Lasst euch niemals entmutigen, niemals.“
In Berlin nahmen laut Polizei bis zu 15.000 Menschen an einer Demonstration teil. Die Veranstalter sprachen von rund 30.000. Bei der Dresdner Kundgebung waren auf der Bühne auf dem Theaterplatz unter anderem „Prinzen“-Sänger Sebastian Krumbiegel und das prominente Dresdner Raptrio „01099“ dabei. Laut den Organisatoren nahmen etwa 8.000 Menschen an dem Protest teil.
In Stuttgart und München kamen nach Polizei-Angaben jeweils etwa 5.000 Menschen zusammen. Die Veranstalter gaben die Teilnehmerzahlen mit 5.000 für Stuttgart und 25.000 für München an. Auch in Frankfurt am Main gingen die Angaben zu den Anwesenden stark auseinander. Die Polizei zählte 4.000 Menschen, die Organisatoren über 30.000.
Bereits am 7. Juni hatte es Veranstaltungen in verschiedenen Städten gegeben. In Hamburg kamen dabei laut Polizei-Angaben 26.000 Menschen zusammen. Die Veranstalter sprachen von 30.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Die amtierende EKD-Ratsvorsitzende, Bischöfin Kirsten Fehrs, rief in ihrer Rede zur Gewaltfreiheit in politischen Auseinandersetzungen auf. „Echte Demokratie kann nur im gewaltfreien Miteinander gedeihen“, sagte Fehrs. Mit Blick auf die Europawahl sagte die Theologin, es liege „in unserer Hand, welche Richtung Europa einschlägt“.
Laut dem Bündnis „Rechtsextremismus stoppen - Demokratie verteidigen“ fanden vom 23. Mai bis 8. Juni Kundgebungen und Veranstaltungen in mehr als 220 Orten statt.

Stuttgart (epd). Bei Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) ist man es gewohnt. Aber auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und die Hauptmoderatoren in den Öffentlich-Rechtlichen tun es immer öfter: Sie verzichten auf die Krawatte. Lapsus oder Geschmackssache?
„Kleider machen Leute, zumindest bis zu einem gewissen Punkt“, sagt Bernhard Roetzel, Autor der in 18 Sprachen übersetzten Stilbibel „Der Gentleman“. Kleidung unterstreiche die eigene Persönlichkeit, habe aber immer auch etwas mit Wert zu tun: „Sich gut zu kleiden ist Wertschätzung für sich selbst und für das Gegenüber.“ Allerdings sei das Wissen darüber hierzulande deutlich weniger ausgeprägt als in Ländern wie Italien, Frankreich und England, beklagt er.
„Politiker und Nachrichtensprecher wollen mit dem Verzicht auf die Krawatte nahbarer, weltoffener und flexibler wirken“, erklärt Marion Ising. Dieser Anspruch müsse sich dann nur auch in deren Inhalten wiederfinden, sagt die Stil- und Persönlichkeitsberaterin aus Freudenberg bei Siegen. Sonst fühle sich der Betrachter schnell betrogen.
Kleidung spreche im ersten Moment lauter als alle Worte, erklärt Ising und nennt ein Beispiel: „Stellen Sie sich vor, die politische Weltspitze trifft sich, und nur der deutsche Bundeskanzler steht im Pulli neben all den Persönlichkeiten in Anzügen und Kostümen. Dadurch disqualifiziert er sich optisch sofort vor der gesamten Weltöffentlichkeit und verliert schlagartig an Kompetenz.“
Marion Ising berät Menschen, die ihren Auftritt optimieren möchten - Mütter, Berufseinsteiger, Führungskräfte. Das Interesse daran hat nach ihren Worten infolge der Corona-Pandemie deutlich zugenommen. Es gebe quer durch alle Branchen eine große Unsicherheit in Kleidungsfragen: „Im Homeoffice fühlt man sich unbeobachtet. Da geht gefühlt auch der Schlafanzug. Und man hat einfach Haare, aber keine Frisur.“ Die Rückkehr ins öffentliche Leben verunsichere viele.
Der Ur-Vater guten Stils, Adolf Freiherr von Knigge (1752-1796), habe für derartige Situationen in seinem Standardwerk „Über den Umgang mit Menschen“ geraten: „In deiner Kleidung verfalle nie in Nachlässigkeit, wenn du allein bist. Gehe nicht schmutzig, nicht krumm noch mit groben Manieren einher, wenn dich niemand beobachtet.“ Generell - ob im Büro oder Homeoffice - empfiehlt Marion Ising: „Kleiden Sie sich im Zweifel lieber etwas kompetenter als zu leger.“
Für den katholischen Theologen Johannes Hartl aus Augsburg haben Stil und Benehmen auch etwas mit Schönheit zu tun. Und die sei eine genuine Idee Gottes. „Gott hätte die Welt auch farblos und langweilig erschaffen können, doch er wollte es offenbar anders. Das Schöne gehört zur Handschrift des Schöpfers“, sagt Hartl, der auch Mitglied im Deutschen Knigge-Rat ist.
Unter Christen gebe es leider manchmal das Missverständnis, dass es allein auf innere Werte ankomme. Natürlich zähle für Gott zuerst die Herzenshaltung. „Aber daran, wie ein Mensch sich benimmt, wie er sich kleidet und wie er lebt, erkennt man diese Herzenshaltung eben auch“, stellt Hartl klar. Am Sonntag, erst recht aber an kirchlichen Feiertagen wäre aus seiner Sicht eine Renaissance des festlichen Anzugs durchaus erstrebenswert.
Ernst-Wilhelm Gohl, Bischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, sieht das anders. „Im Mittelpunkt des christlichen Glaubens steht die Gewissheit, dass Gott uns Menschen so annimmt, wie wir sind. Unser Aussehen und unsere Kleidung spielen dabei keine Rolle“, sagt er. Das Tragen des Sonntagsanzugs im Gottesdienst stamme aus einer Zeit, in der noch klar zwischen Arbeit und Freizeit getrennt wurde. Das sei vorbei, sagt Gohl.
Wichtiger als die Kleidung findet er die Art des Umgangs miteinander: „Als Christen sehen wir in jedem Menschen ein Geschöpf und Ebenbild Gottes. Das sollten unsere Mitmenschen daran merken, wie wir mit ihnen reden und wie wir sie behandeln.“ Diese Einsicht sei für das gesellschaftliche Miteinander grundlegender als die Frage nach einer Krawatte.

Frankfurt a.M. (epd). Eingekauft wird mit dem Tablet oder dem Smartphone. Das geschieht bequem auf der Couch. Ausgegeben werden oft kleine Beträge. Hier sieben Euro für eine Pizza, dort 20 Euro für ein Paar Sportsocken. Bezahlt wird später, gerne auch in kleinen Raten. Es scheint ganz leicht, kann aber übel ausgehen, warnen Schuldnerberater. „Buy now, Inkasso später“ lautet daher das Motto der bundesweiten „Aktionswoche Schuldnerberatung“, die vom 10. bis 14. Juni stattfindet.
„Seit einem Dreivierteljahr wächst bei uns die Zahl der Klienten, die sich wegen Online-Einkäufen verschulden“, sagt Mark Schmidt-Medvedev, Geschäftsführer der gemeinnützigen Gesellschaft afg worknet aus Hamburg. Damit tauche eine neue Klientel in den Schuldnerberatungsstellen auf.
Die große Gefahr beim Online-Shoppen bestehe für Verbraucher darin, die eigenen Ausgaben und Zahlungsverpflichtungen aus den Augen zu verlieren. Das könne gerade dann passieren, wenn Zahlungsanbieter wie etwa Klarna, Riverty oder Otto Payments eingeschaltet seien. Dass es schier unmöglich ist, mit diesen Anbietern den Überblick über die getätigten Einkäufe zu erhalten, erfuhr Mark Schmidt-Medvedev kürzlich bei der Beratung einer 24-jährigen Klientin.
„Obwohl ich technikaffin bin, bekam ich über ihre App nicht heraus, wie viele Forderungen aktuell offen sind und wann die nächsten Forderungen ins Inkasso gehen“, sagte der Hamburger Berater dem Evangelischen Pressedienst (epd). Mehr als 5.000 Euro waren bei der jungen Frau aufgelaufen. Ein Anruf beim Zahlungsanbieter mit der Bitte um eine Aufstellung aller Forderungen sei abschlägig beschieden worden: „Mir wurde gesagt, dass man solche Auskünfte nicht gibt.“
Die Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände bestätigt, dass viele Konsumenten, die über Zahlungsanbieter shoppen, irgendwann den Überblick verlieren. „Es ist nahezu aussichtslos, eine Aufstellung über alle bei einem Anbieter abgeschlossenen Zahlungsvereinbarungen zu bekommen“, erklärt die Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung.
Laut Schuldneratlas der Wirtschaftsauskunftei Creditreform waren im vergangenen Jahr 8,15 Prozent aller privaten Haushalte überschuldet. Schmidt-Medvedev sieht an der Nachfrage nach der Offenen Beratung seiner Einrichtung, wie sehr die Zahlen steigen: „Letztes Jahr kamen über 4.000 Leute, das waren doppelt so viel wie im Vor-Corona-Krisen-Jahr 2019.“
„Sich über Bezahldienste zu verschulden, geht schnell“, sagt auch André Robin, Schuldner- und Insolvenzberater beim Verein „Gesellschaft für Arbeit und Soziales“ im brandenburgischen Erkner. Auch er erfährt durch seine Klienten, wie verlockend es ist, sich etwas zu bestellen, was sie erst zwei Monate später bezahlen müssen. Robin hatte erst kürzlich mit einem 20-Jährigen zu tun, der auf diese Weise zu einem Laptop und einem iPhone kam. Als die Geräte bezahlt werden mussten, war er blank. Es fielen Mahngebühren an. Fließt auch dann kein Geld, drohen hohe Inkassogebühren.
Die Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung fordert vor diesem Hintergrund mehr Transparenz bei „Kauf jetzt, bezahl später“-Angeboten. Das würde sich auch André Robin wünschen. „Ich schätze, dass von unseren Klienten inzwischen mehr als zehn Prozent durch Online-Shopping verschuldet sind.“
Robert Morfeld, Schuldnerberater bei der Würzburger Christophorus-Gesellschaft, hält Schulunterricht zu Finanzthemen auch deshalb für wichtig, weil gerade jüngere Menschen regelrecht verführt würden, online über ihre Verhältnisse zu bestellen. Es werde zum Beispiel so getan, als sei ein angebotenes Produkt sehr knapp, schildert der Sozialpädagoge. Auf diese Weise würden junge Leute animiert, möglichst rasch auf den Bestellknopf zu klicken. Oder es wird mit Preisaktionen in begrenzten Aktionszeiträumen geworben. Nur wer solche Locktricks mit geübtem Blick durchschaut, könne sich davor schützen, den virtuellen Einkaufskorb vorschnell zu füllen.

Berlin (epd). Die Zahl der Opfer häuslicher Gewalt ist im vergangenen Jahr erneut deutlich gestiegen. Wie aus dem am 7. Juni in Berlin vorgestellten Lagebild des Bundeskriminalamts (BKA) zur häuslichen Gewalt hervorgeht, gab es 2023 mehr als 256.000 Opfer. Das waren 6,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Opfer von Gewaltdelikten sind vor allem Frauen. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) und Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) kündigten Gesetze für einen besseren Schutz an. Wann es aber einen Rechtsanspruch auf Hilfen und damit verbunden mehr der aktuell knappen Frauenhausplätze geben wird, blieb aber offen.
Das Lagebild zur häuslichen Gewalt analysiert, wie oft ausgewählte Straftaten wie Tötungsdelikte, Körperverletzung, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, Zuhälterei und Stalking in der Partnerschaft oder Familie begangen werden. Insgesamt gab es in diesen Bereichen im vergangenen Jahr 1,05 Millionen Opfer. Damit ist jedes vierte dieser Opfer in der Partnerschaft oder Familie angegangen, verletzt, bedroht oder drangsaliert worden. 155 Frauen sind 2023 durch den Partner oder Ex-Partner getötet worden, 24 Männer durch die aktuelle oder ehemalige Partnerin.
Überwiegend sind Frauen Opfer häuslicher Gewalt, nämlich 70,5 Prozent. Bei Gewalt in der Partnerschaft sind sogar vier von fünf Opfern Frauen. Die Vize-Präsidentin des Bundeskriminalamts, Martina Link, macht zwei Gründe für den Anstieg der Zahlen aus. Die gesellschaftliche Entwicklung habe insgesamt zu einem Anstieg der Gewaltkriminalität geführt, was sich auch in dieser Statistik niederschlage. Zudem geht sie davon aus, dass die bessere gesellschaftliche Wahrnehmung des Themas die Anzeigebereitschaft hat steigen lassen.
Link geht dennoch von einem weiter großen Dunkelfeld häuslicher Gewalt aus. Das BKA erarbeitet ihren Angaben zufolge deswegen ein Lagebild zu speziell gegen Frauen gerichtete Gewalt. Ergebnisse soll es im nächsten Jahr geben. Auch das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ meldete am Freitag einen Anstieg der Anrufe. Rund 59.000 Beratungsanfragen habe es 2023 gegeben, zwölf Prozent mehr als im Jahr davor, sagte Leiterin Petra Söchting. In 60 Prozent der Fälle gehe es um Partnerschaftsgewalt.
Um Frauen besser zu schützen, plädierte Innenministerin Faeser für verpflichtende Anti-Gewalt-Trainings für mutmaßliche Täter. In Österreich gelte, dass, wer das Verbot bekommt, sich einer bestimmten Frau zu nähern oder die Wohnung zu betreten, solch ein Training absolvieren müsse, sagte sie. Sie plädierte dafür, die Kontaktverbote auch in den deutschen Regelungen entsprechend zu ergänzen und äußerte sich zuversichtlich, dass eine Änderung des Gewaltschutzgesetzes noch in dieser Wahlperiode gelingen könne. Sie sei dazu bereits mit Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) im Gespräch.
Paus arbeitet derweil nach eigenen Worten an einem Gewalthilfegesetz, das Frauen verlässlich Zugang zu Beratung und Hilfen verschaffen soll. Sie sprach sich für einen Rechtsanspruch darauf aus. Zudem soll der Bund sich dauerhaft an den Kosten etwa für Frauenhäuser beteiligen. Über ein entsprechendes Gesetz gibt es Gespräche mit den Ländern, die die Einrichtungen betreiben.
Bundesweit gibt es Paus zufolge rund 350 Frauenhäuser, 100 Schutzwohnungen und mehr als 600 Beratungsstellen. Das Angebot reiche aber nicht aus. Die Einrichtungen selbst schätzen demnach, dass 10.000 zusätzliche Plätze benötigt werden. Zu einem konkreten Zeitplan des Ausbaus und der konkreten finanziellen Unterstützung des Bundes nannte Paus mit Verweis auf die laufenden Gespräche mit den Ländern und die Haushaltsverhandlungen auf Bundesebene keine Details.
Verbände dringen auf schnelles Handeln. „Die jüngsten Zahlen zeigen eindringlich, dass Bund, Länder und Kommunen es sich schlicht nicht erlauben können, weiter untätig zu bleiben“, erklärte die Präsidentin der Arbeiterwohlfahrt (AWO), Kathrin Sonnenholzner.
Berlin (epd). Nordrhein-Westfalen will mithilfe der sogenannten Widerspruchslösung die Zahl der Organspenden in Deutschland erhöhen. Ein am 4. Juni von Landesgesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) in Berlin vorgestellter Gesetzentwurf sieht vor, dass zukünftig alle Menschen in Deutschland grundsätzlich als Organspender gelten, wenn sie dem nicht widersprechen. Eine entsprechende Bundesratsinitiative soll am 14. Juni in die Länderkammer eingebracht werden. Patientenschützer äußerten sich skeptisch.
Aktuell wird der Gesetzesentwurf aus Nordrhein-Westfalen von Baden-Württemberg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein unterstützt. Die nordrhein-westfälische Landesregierung erwartet, dass weitere Bundesländer nach dort noch ausstehenden Kabinetts- oder Senatsabstimmungen hinzukommen. Findet die Gesetzesinitiative eine Bundesratsmehrheit, muss sich der Bundestag mit ihr befassen. 2020 hatte das Parlament mehrheitlich eine Widerspruchslösung abgelehnt.
Hintergrund des Vorschlages aus Nordrhein-Westfalen ist die Lücke zwischen gespendeten Organen und Menschen, die ein Spenderorgan benötigen. Bei der Widerspruchslösung wird grundsätzlich jeder in Deutschland gesetzlich zur Organspenderin oder zum Organspender erklärt. Sollte er damit nicht einverstanden sein, muss er aktiv Widerspruch einlegen. Aktuell gilt die Entscheidungslösung: Danach dürfen Organe und Gewebe nur dann nach dem Tod entnommen werden, wenn die verstorbene Person dem zu Lebzeiten zugestimmt hat.
Die meisten europäischen Länder haben die Widerspruchslösung bereits eingeführt. Deutschland importiert Organe aus vielen dieser Länder mit entsprechend höheren Spenderzahlen über die internationale Vermittlungsstelle Eurotransplant. Aber auch in diesen beteiligten Ländern seien Spenderorgane knapp, erklärte Laumann. Deutschland stehe mit der Entscheidungslösung europaweit allein und habe im Ländervergleich die wenigsten Organentnahmen. Damit sei es Zeit, das System der Organspende hierzulande zu ändern: „Solidarität hat immer einen Hin- und Herweg.“
Die Deutsche Stiftung Patientenschutz bezweifelt hingegen, dass eine Widerspruchslösung zu mehr Organspenden führt. Es gelte, nicht in Grundrechte einzugreifen, sagte der Vorsitzende der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, der Düsseldorfer „Rheinischen Post“. „Stattdessen müssen der Ressort-Chef und seine Amtskollegen endlich die organisatorischen Mängel im Organspendesystem beseitigen“, mahnte er.
Verantwortlich für die höheren Organspendenzahlen etwa in Spanien sind nach Worten Bryschs strukturelle und organisatorische Maßnahmen. Dazu gehörten finanzielle Anreize für Krankenhäuser, ein effektives Transplantationsnetzwerk, Bildungsprogramme und die Schulung von Koordinatoren im Umgang mit Angehörigen.
In Deutschland warteten nach Zahlen des Gesundheitsministeriums Ende 2023 knapp 8.400 Patientinnen und Patienten auf ein Spenderorgan. Dem standen lediglich 2.900 Organspenden gegenüber. „Die Zahlen bewegen sich seit Jahren auf einem vergleichbaren Niveau, und das ist deutlich zu wenig“, sagte Laumann. Das sei „eine massive Lücke, die für viele Menschen am Ende womöglich den Tod bedeuten kann“.

Leipzig (epd). Die Welt der Musik erschließt sich Gehörlosen über Zeichen. Liedtexte werden gebärdet, die Stimmung des Musikstücks durch Mimik und Gestik übertragen. Zur „Freude“ gehört ein lachendes Gesicht, zum „Schmerz“ ein trauriges. „Welt“ wird mit zwei Fingern übersetzt, die einen Kreis in die Luft zeichnen. Für die „Liebe“ werden beide Hände über der Brust gekreuzt. Beim Applaus gehen alle Arme nach oben und werden geschüttelt.
Ein Ensemble, das die visuelle Sprache beherrscht, ist „Sing & Sign“ („Singen und Gebärden“). Es hat sich zum Ziel gesetzt, Musik inklusiv aufzuführen und zu erleben. Die 2017 in Leipzig gegründete Formation dürfte zumindest im Bereich der klassischen Musik einmalig in Deutschland sein. Beim Leipziger Bachfest bringt sie die Johannespassion von Johann Sebastian Bach (1685-1750) auf die Bühne.
Die inzwischen knapp 30 hörenden und hörbehinderten Mitglieder übersetzen musikalische Werke in eine Sprache für Gehörlose, vor allem Bachs Musik. Neben der Deutschen Gebärdensprache (DGS), bei der Text eins zu eins übertragen wird, nutzen sie auch sogenannte lautsprachbegleitende Gebärden. Außerdem beherrschen einige von ihnen die Kunst der sogenannten Deaf Performance, bei der Gehörlose Musik in einer freieren Form darbieten. Diese Interpretation ist quasi Gebärdenpoesie. Bei der Johannespassion wird sie für Arien und Choräle genutzt.
Der Gründerin und Leiterin des Ensembles, Susanne Haupt, ist es wichtig, dass Hörende und hörbehinderte Menschen gemeinsam agieren. „Die Vorstellung, dass wir musizieren und die Hörgeschädigten neben uns gebärden, ist für mich ein Bild der Trennung“, sagt sie. Sie will einen Austausch zwischen der Musikkultur und der Gehörlosenkultur. Das Projekt sei ein großer Gewinn, weil beide Kulturen einen Perspektivwechsel erlebten. Dies ermögliche eine „neue Sicht auf dieselben Dinge aus verschiedenen Richtungen“.
Gerade in der klassischen Musik fehle es oft an Teilhabe. „Wir versuchen, Barrieren abzubauen und einander zu verstehen“, sagt Haupt. Gehörlose Menschen erlebten oft Diskriminierung, bekämen kaum eine Bühne. Auch darauf wolle „Sing & Sign“ aufmerksam machen. Zum Ensemble gehören Menschen mit verschiedenen Hörbehinderungen, aber auch sehbehinderte, lernbehinderte und gehbehinderte Menschen.
Andrea Schmetzstorff ist seit mehreren Jahren engagiertes Ensemblemitglied und Gebärdensolistin. Bei der Open-Air-Aufführung zum Leipziger Bachfest übernimmt sie den Part der Evangelistin. Die 30-Jährige kann mithilfe eines Cochlea-Implantats hören. Das Ensemble sei für sie Familie, Hobby und Spaß zugleich.
Ohne „Sing & Sign“ würde ihr etwas fehlen, es sei ein Stück zu Hause, auch vor großen Auftritten. Ein „bisschen Panik“ habe sie schon, erzählt sie. Denn sie gebärde in der Aufführung, was der Tenor Andrew Irwin als Evangelist singt.
Bachfest-Intendant Michael Maul begrüßt das Projekt: Die inklusive Aufführung der Johannespassion auf dem Leipziger Marktplatz sei „das schönste Beispiel für Barrierefreiheit“ beim Festival. Er erwarte ein intensives, emotionales Erlebnis für alle Konzertgäste.
„Wir gehen auf den öffentlichsten Platz der Stadt, es gibt keine Eintrittsbarrieren“, sagt Maul. Man müsse weder in eine Kirche gehen, noch Eintritt zahlen. Dafür wurden Solisten engagiert, die laut Maul mit großen Handicaps leben und Spitzenmusiker sind, etwa die Sängerin Gerlinde Sämann, die blind ist und eine der führenden Bach-Sopranistinnen.
Auch die Barriere zwischen passivem Publikum und aktiven Musikern werde durchbrochen. So etwa sollen Choräle der Johannespassion nicht nur mitgesungen, sondern auch nach Anleitung mitgebärdet werden. Maul hofft auf einen prall gefüllten Marktplatz, wo gefühlt ganz Leipzig gemeinsam Bach-Choräle singt und zeigt.

Kassel (epd). Das Kasseler documenta-Archiv hat mit dem international einzigartigem Performance-Archiv „Schwarze Lade“ eine bedeutende Schenkung erhalten. Das 480 Regalmeter umfassende Archiv sei ein Spiegel der internationalen performativen Kunst, würdigte der documenta-Geschäftsführer Andreas Hoffmann die Schenkung am 6. Juni in Kassel. Übergeben wurde die Sammlung von dem Performance-Künstler Boris Nieslony, der maßgeblich am Aufbau des bisher in Köln befindlichen Archivs beteiligt war.
Die Sammlung umfasse neben filmischen Dokumenten und Fotografien auch Projektskizzen, Drehbücher, Korrespondenzen und Performance-Relikte, beschrieb Birgitta Coers, Direktorin des documenta-Archivs, den Inhalt der Schenkung. Untergebracht sind die Materialien in rund 70 großen, aufklappbaren Regalen, die auf Rollen stehen. Das documenta-Archiv werde versuchen, den Bestand in seine bisherige Sammlung einzupflegen, sagte sie. Zahlreiche der in der Kölner Sammlung vertretenen Künstler seien auch schon auf einer documenta zu sehen gewesen. Langfristig werde für die Arbeit aber eine neue Arbeitsstelle nötig sein.
Nieslony hatte das Archiv 1981 ins Leben gerufen. Anlass dazu war ein Treffen mit dem Namen „Das Konzil“, an dem sich 70 Künstler 30 Tage im Künstlerhaus Stuttgart trafen. Das neu gegründete Archiv sollte künftig nicht nur erweitert, sondern auch auf weiteren Künstlertreffen stets mit dabei sein, sagte Nieslony. Diesen Gedanken sowie den Begriff „Lade“ habe er der Bibel entnommen. Im Alten Testament wird vom Volk Israel die Bundeslade mit den zehn Geboten 40 Jahre lang durch die Wüste getragen. Ganz so lange habe er es allerdings nicht geschafft, die Schwarze Lade zu allen Treffen mitzunehmen. „Ab 1998 war das nicht mehr machbar“, sagte Nieslony unter Hinweis auf die inzwischen immer umfangreicher gewordene Sammlung.
Das 1961 von Arnold Bode gegründete documenta-Archiv widmet sich der Dokumentation und wissenschaftlichen Bearbeitung von Text- und Bildquellen zur zeitgenössischen Kunst. Einer der Schwerpunkte liegt auf den seit 1955 stattfindenden documenta-Ausstellungen.
Kassel (epd). Die Journalistin und Medienmanagerin Tanit Koch ermuntert die Medienbranche dazu, stärker die Chancen Künstlicher Intelligenz (KI) als deren Risiken zu sehen. KI sei ein Freund des Journalismus, sagte Koch am 6. Juni beim christlichen Medienkongress Moveo in Kassel. Sie erledige Routineaufgaben, helfe unter anderem bei der Recherche und der gezielten Ansprache von Zielgruppen.
KI nehme Arbeit ab, aber nicht den Journalismus weg. „Ich glaube nicht an die feindliche Übernahme unserer Branche durch die KI“, sagte Koch. Sie räumte zugleich ein: „Natürlich gibt es Missbrauch.“ Doch auch wenn Gefahren unter anderem durch Desinformation, Manipulation und Urheberrechtsverletzungen bestehen, stehe keine „digitale Apokalypse“ bevor, wie es gelegentlich suggeriert werde.
Die Branche sollte nach den Worten Kochs die Künstliche Intelligenz nutzen, um besseren Journalismus zu machen, nicht um Personal einzusparen. Der Faktor Mensch werde nicht verschwinden, nur Journalistinnen und Journalisten könnten rausgehen, Menschen treffen und Empathie entwickeln.
Aus Kochs Sicht hat sich der Journalismus in der Vergangenheit nicht als starker Innovationstreiber erwiesen. Bahnbrechende Erfindungen seien meist außerhalb der Medienbranche erfolgt und hätten diese dann grundlegend verändert. Koch erklärt sich die verbreitete Skepsis gegenüber technisch getriebenen Veränderungen damit, dass sich Journalistinnen und Journalisten berufsbedingt als kritische Geister sehen und Neues stets stark hinterfragen.
Die Medienmanagerin ermunterte dazu, nicht allein die journalistische Frage zu stellen: „Was macht KI mit der Gesellschaft?“ Hinzutreten müsse das Nachdenken darüber: „Was machen wir denn mit der KI?“
Koch war Chefredakteurin der „Bild“-Zeitung, Geschäftsführerin des Nachrichtensenders n-tv sowie Chefredakteurin der RTL-Zentralredaktion. Im Bundestagswahlkampf 2021 beriet Koch den Unions-Spitzenkandidaten Armin Laschet (CDU). Derzeit ist sie freiberuflich als Journalistin und Beraterin tätig
Der zweitägige Moveo-Kongress zum Thema „Medien, Glaube und KI - Wo künstliche Intelligenz auf göttliche Weisheit trifft“ ging am 7. Juni zu Ende.
Karlsruhe (epd). Das Landgericht Karlsruhe hat am 6. Juni einen Redakteur des Freiburger Radios Dreyeckland vom Vorwurf der Unterstützung der verbotenen Vereinigung „linksunten.indymedia“ freigesprochen. Das bestätigte ein Sprecher des Gerichts dem Evangelischen Pressedienst (epd). In der mündlichen Urteilsbegründung habe das Landgericht darauf verwiesen, dass die Existenz der Archivseite nicht die Fortexistenz der verbotenen Vereinigung beweise, teilte der Sender mit.
Radio Dreyeckland hatte im Januar 2023 in einem Artikel die Archivseite der 2017 verbotenen Internetplattform „linksunten.indymedia“ verlinkt. Darin sah die Staatsschutzabteilung der Staatsanwaltschaft Karlsruhe eine strafbare Unterstützung einer verbotenen Vereinigung und ließ die Redaktionsräume sowie Mitarbeiterwohnungen wie die des Redakteurs Fabian Kienert durchsuchen.
Die Gesellschaft für Freiheitsrechte legte daraufhin gemeinsam mit Radio Dreyeckland und den betroffenen Journalisten Beschwerde gegen die Durchsuchungs- und Beschlagnahmebeschlüsse ein. Das Landgericht Karlsruhe gab den Beschwerden statt und erklärte die Maßnahmen für rechtswidrig. Das Oberlandesgericht Karlsruhe bestätigte jedoch auf Beschwerde der Staatsanwaltschaft die Rechtmäßigkeit der Durchsuchung in den Privaträumen von Kienert, woraufhin er gemeinsam mit der Gesellschaft für Freiheitsrechte Verfassungsbeschwerde einreichte.
Leipzig (epd). Mit einem Konzert in der Thomaskirche ist am 7. Juni in Leipzig das diesjährige Bachfest eröffnet worden. Bis zum 16. Juni stehen nach Angaben der Festivalleitung knapp 160 Veranstaltungen auf dem Programm. Unter dem Motto „Choral total“ werden unter anderem sämtliche 66 Kantaten aus dem zweiten Leipziger Amtsjahr 1724/25 von Johann Sebastian Bach (1685-1750) aufgeführt. Dazu hat das Festival weltweit Bach-Chöre eingeladen. Allein an diesem Projekt seien etwa 2.500 Sängerinnen und Sänger aus 13 Ländern beteiligt, hieß es.
Zur Eröffnung führten der Thomanerchor und das Gewandhausorchester Leipzig unter der Leitung von Thomaskantor Andreas Reize Werke von Bach und Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) auf. Außerdem stand das Violinkonzert von Alban Berg (1885-1935) mit der französischen Geigerin Chouchane Siranossian auf dem Programm.
Das Bachfest feiert neben 300 Jahren Choralkantaten-Zyklus auch das Erscheinen des ersten lutherischen Gesangbuchs mit Chorälen vor 500 Jahren. Auf dem Programm stehen neben Konzerten auch Orgelfahrten, Führungen, Vorträge und Gespräche sowie Gottesdienste. Bachs Musik erklingt unter anderem an den originalen Wirkungsstätten des Komponisten, in der Thomaskirche und der Nikolaikirche.
Die Bach-Medaille der Stadt Leipzig geht in diesem Jahr an den Cembalisten und Pianisten Andreas Staier. Sie wird am 14. Juni überreicht.
Erfurt (epd). Mit der Vergabe der „Goldenen Spatzen“ ist das gleichnamige Kindermedien-Festival am 7. Juni in Erfurt auf die Zielgerade eingebogen. Als „Bester Langfilm“ wurde der Kinofilm „Checker Tobi und die Reise zu den fliegenden Flüssen“ ausgezeichnet, wie die Festivalleitung in Erfurt mitteilte. Damit verbunden ist die Verleihung des mit 1.500 Euro dotierten Sonderpreises des Thüringer Ministerpräsidenten an die Produktionsfirma megaherz.
Die Jury aus Kindern und Jugendlichen im Alter von neun bis 13 Jahren lobte den Film als ein informatives Abenteuer, bei dem die Spannung durchgängig gehalten werde. Ebenso habe an der internationalen Produktion die Vielfalt der Handlungsorte gefallen. Beeindruckt habe nicht zuletzt die Botschaft des Films, wonach die Luft mehr wertgeschätzt und geschützt werden müsse.
Vergeben wurden die „Goldenen Spatzen“ in insgesamt sechs Kategorien von einer 27-köpfigen Kinderjury. Zum besten Darsteller des Wettbewerbs wurde der 2012 geborene Berliner Theo Kretschmer für seine Rolle als Tom in „Grüße vom Mars“ gekürt. Sein Spiel habe überzeugt, indem er in einer schweren Rolle mit Trauma und Krankheit eine breite Palette an Emotionen gezeigt habe, die sehr realistisch auf den Betrachter gewirkt haben, hieß es.
Als bester Kurzfilm wurde „Farah“ von Drehbuch-Autorin und Regisseurin Alissa Jung ausgezeichnet. Den „Goldenen Spatzen“ für den besten Animationsfilm erhielten die Macher von „Fritzi und Sophie - grenzenlose Freundschaft“.
Zur besten Doku kürten die Nachwuchskritiker das Nachrichtenformat „Logo: Kinder in der Ukraine - ein Jahr im Krieg“„. In der Kategorie Unterhaltung bekam die sechste Folge von “Elefant, Tiger & Kids„ einen “Goldenen Spatzen„. Den Wettbewerb Digital gewann mit “Mission 1929 - Freiheit unter Druck" ein Online-Game für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren.
Ausgenommen waren die Kinderjuroren bei den dotierten Auszeichnungen. Der mit 4.000 Euro dotierte Urkunden-Preis für das beste Drehbuch des MDR-Rundfunkrates ging an die Berliner Autorin Soleen Yusef für „Sieger sein“. Der Autorin sei es gelungen, in einem fein austarierten Gleichgewicht von Unterhaltung und Ernsthaftigkeit viele relevante Themen zu behandeln, befand die Jury. Sie schaffe es, die zahlreichen jungen Figuren vielschichtig darzustellen.
Den Publikumspreis für den besten Jugendfilm holte sich die Produktion „Ellbogen“ von Asli Özarslan nach der gleichnamigen Romanvorlage von Fatma Aydemir. Die Produktion überzeuge mit bemerkenswerter Schauspielkunst, der Darstellung der Emotionen sowie einer beeindruckender Intensität der Handlung, so das Votum der Festivalbesucher.
Die Mitglieder der Kinderjury kamen aus ganz Deutschland und den deutschsprachigen Regionen Europas. Das jährlich in Gera und Erfurt stattfindende Kindermedien-Festival ist das größte seiner Art in Deutschland und richtet sich gleichermaßen an Publikum wie an Fachleute. Anliegen ist es, einen Überblick über deutschsprachige Filme, Fernsehprogramme sowie digitale Medienangebote für Kinder zu gewähren.
Veranstalter sind die Deutsche Kindermedienstiftung Goldener Spatz sowie die Fernsehsender MDR, ZDF und RTL. Im kommenden Jahr findet der 33. Goldene Spatz vom 1. bis 7. Juni in Gera und Erfurt statt.
Frankfurt a.M. (epd). Der Schriftsteller Daniel Kehlmann hat den Ludwig-Börne-Preis 2024 entgegengenommen. Kehlmanns Romane ließen sich als Kommentar auffassen zu dem Jetzt, in dem sie gelesen werden, sagte die Verlegerin des Piperverlags, Felicitas von Lovenberg, bei der Preisübergabe am 9. Juni in Frankfurt am Main laut Manuskript ihrer Laudatio.
Kehlmann spiele mit Erwartungen, „indem er immer wieder neue Blickwinkel und Deutungen anbietet, bis wir begreifen, dass Erkenntnis und Wahrheit keine festen Größen sind und die Grenzen zwischen Literatur und Leben, Geschichte und Gegenwart verwischen“, erklärte von Lovenberg. Er sei einer der vielfältigsten, nachdenklichsten, interessantesten Schriftsteller. Für ihn seien Sprache und Literatur Mittel, „um die Welt gleichermaßen zu gestalten, zu hinterfragen und zu kritisieren“.
Der nach dem Publizisten Ludwig Börne (1786-1837) benannte und mit 20.000 Euro dotierte Preis für herausragende Essays, Kritik und Reportagen wurde erstmals 1993 vergeben. Er erinnert an den Frankfurter Schriftsteller und Journalisten, der wegen seiner scharfzüngigen Prosa als einer der Erfinder des Feuilletons gilt. Preisträger waren unter anderen der Literat Hans Magnus Enzensberger, Ex-Bundespräsident Joachim Gauck, der Philosoph Peter Sloterdijk, der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki und „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein. Im vergangenen Jahr erhielt Vizekanzler Robert Habeck (Grüne) den Preis.
Ein Schweigen
Francois (Daniel Auteuil) ist ein angesehener Anwalt, der Missbrauchsopfer vor Gericht vertritt und mit seiner Familie ein privilegiertes Leben führt. Doch er hütet ein dunkles Geheimnis, zu dem seine Ehefrau Astrid (Emmanuelle Devos) seit einem Vierteljahrhundert schweigt. Ihre Kinder sowie Astrids Bruder drängen sie dazu, endlich die Wahrheit zu sagen, aber sie versucht mit aller Macht, die Fassade aufrechtzuerhalten. Bis irgendwann auch ihr Adoptivsohn Raphaël (Matthieu Galloux) davon erfährt und durchdreht. Einige Motive des Dramas bleiben unklar, auch die Darstellung der Presse gerät etwas arg klischeehaft. Insgesamt aber gelingt Regisseur Joachim Lafosse eine gelungene Auseinandersetzung mit einer gesamtgesellschaftlichen Haltung des strukturellen Wegschauens und Schweigens, bei der die Hintergründe der Geschichte bis zum verstörenden Ende meisterhaft umkreist werden.
Regie: Joachim Lafosse. Buch: Chloé Duponchelle, Paul Ismael, Thomas van Zuylen. Mit Emmanuelle Devos, Matthieu Galloux, Daniel Auteuil, Jeanne Cherhal, Damien Bonnard, Louise Chevillotte. Länge: 99 Minuten FSK: ohne Angabe. FBW: ohne Angabe.
Fossil
Vier Jahrzehnte hat Michael im Kohleabbau die Bagger gewartet. Demnächst aber soll Schluss sein, ein Zusammenbruch seiner Welt. Er weigert sich, den Wandel hinzunehmen, und versucht verbissen, seine Kollegen zum Protest zu animieren. Unterdessen schließt sich die Tochter eines Kollegen, der Suizid begangen hat, mit ihrem kleinen Sohn dem Protestcamp der Klimaaktivisten an. Es ist eine faszinierende Idee, die Klimadiskussion aus der Perspektive der Verlierer zu zeigen, Handlung und Figuren bleiben aber eher konstruiert. Hervorstechen tun vor allem die ruhigen Bilder, die auf beeindruckende Weise die von Menschenhand geschaffene Wüstenlandschaft des Kohlebaus zeigen.
Fossil (Deutschland 2023). Regie: Henning Beckhoff. Buch: Bastian Köpf, Henning Beckhoff. Mit Markus Hering, Ruth Reinecke, Victoria Schulz, Sohel Altan Gol, Godehard Giese. Länge: 94 Minuten FSK: ab 12 Jahren, ff. FBW: ohne Angabe.
Sleep with your Eyes Open
Eigentlich wollte die Taiwanesin Kai (Liao Kai Ro) mit ihrem Freund in Recife Urlaub machen, doch dieser hat spontan Schluss gemacht mit ihr. Nun ist Kai alleine vor Ort und anstelle von Urlaubsstimmung und Entdeckerlust bestimmen eher Einsamkeit und Verlorenheit ihren Alltag. In einem Regenschirmladen stößt sie auf einen Stapel Postkarten, auf der die Chinesin Xiao Xin (Chen Xiao Xin) von ihrem Leben als Hilfsarbeiterin berichtet. Ohne dass sie sich kennen, fühlt Kai eine besondere Verbindung zu Xiao Xin. Mit dokumentarisch wirkenden, einfachen Szenen erforscht die deutsche Regisseurin Nele Wohlatz, die lange in Argentinien gelebt hat und dort auf die Lebenswirklichkeit chinesischer Migranten gestoßen ist, Gefühle des Fremdseins, die sich trotz unterschiedlicher Umstände über kulturelle Grenzen hinweg spiegeln können.
Sleep with your Eyes Open (Brasilien/Argentinien/Taiwan/Deutschland 2024). Regie und Buch: Nele Wohlatz. Mit Chen Xiao Xin, Wang Shin-Hong, Liao Kai Ro, Nahuel Pérez Biscayart, Lu Yang Zong. Länge: 97 Minuten FSK: ab 6 Jahren, ff. FBW: ohne Angabe.
Problemista
Twen Alejandro (Julio Torres) ist ein gutgläubiger Spielzeugdesigner aus El Salvador. Da seine Arbeit nicht läuft wie erhofft, droht sein Visum abzulaufen. Rettung bietet ihm die exzentrische Kunstkritikerin Elizabeth (Tilda Swinton), die ihn sponsern will, sofern er eine Ausstellung von ihrem „missverstanden“ Künstler-Ehemann organisiert. Das Spielfilmdebüt des vierfach Emmy-nominierten Autors, Regisseurs und Hauptdarstellers Julio Torres („Saturday Night Live“) kommt als schräge Aneinanderreihung von Sketchen daher und zeigt sowohl die Wirren der amerikanischen Einwanderungsbürokratie als auch die Absonderlichkeiten New Yorks.
Problemista (USA 2023).Regie und Buch: Julio Torres. Mit: Julio Torres, Tilda Swinton, RZA, Catalina Saavedra, Larry Owens, Greta Lee Länge: 104 Minuten FSK: ab 12 Jahren, ff. FBW: ohne Angabe.

Santiago de Chile (epd). Noch bewahrt sich Gabriel Huentemann trotz allem etwas Hoffnung. „Ich möchte weiter daran glauben, dass die Verantwortlichen in der Regierung ernsthaft an der Lösung unserer Probleme interessiert sind.“ Seine Familie, die dem indigenen Volk der Mapuche in Chile angehört, kämpft seit Jahrzehnten um ihr Land.
Ungeklärte Landrechte und Landraub durch Großgrundbesitzer haben zu einem Konflikt zwischen den Mapuche und dem chilenischen Staat geführt. Der im März 2022 angetretene linke Präsident Gabriel Boric versprach einen anderen Umgang mit der größten indigenen Gruppe als die Vorgängerregierungen, die meist mit Militäreinsätzen auf die Forderungen der Mapuche reagierten. Doch nach der Hälfte der Legislaturperiode hat sich kaum etwas geändert.
Die Pehuenche, eine Untergruppe der rund 1,8 Millionen Mapuche, leben als Halbnomaden in den Anden an der Grenze zu Argentinien und lassen ihre Tiere Bergwiesen weiden. Ende des 19. Jahrhunderts sei seiner Familie bei der militärischen Eroberung des heutigen Südchiles ein kleines Grundstück zugewiesen worden, sagt Huenteman. Doch die eigentliche Weidefläche wurde nie rechtlich als ihr Eigentum eingetragen. Seit den 2000er-Jahren beansprucht eine Unternehmerfamilie das traditionell beweidete Land.
Seitdem folgten Räumungsdrohungen durch die Polizei, die Rückkehr der Familie auf das Weideland und erneute Anzeigen. „Zuletzt kam die Polizei im April“, erzählt Huenteman. „Allerdings waren wir schon wieder von der Sommerweide ins Tal zurückgekehrt.“ So sei die Polizei ohne die Vollstreckung der Räumung abgezogen und habe das Land für unbesetzt erklärt.
Seit 2003 erkennt der chilenische Staat offiziell eine historische Schuld am Landraub der indigenen Gebiete an. Im Zuge dessen wurde die Nationale Kooperation für indigene Entwicklung (CONADI) eingesetzt, die fortan Ländereien kaufen und an die Mapuche zurückgeben soll. Doch der Prozess läuft nur schleppend. Bis 2023 erhielten demnach 807 indigene Gemeinschaften Ländereien zurück - ein Bruchteil der offiziell 235.000 Mapuche-Gruppen. Und es ist bis heute unklar, wie viel Land überhaupt zurückgegeben werden muss.
Aus Frust über den schleppenden Prozess haben sich manche Mapuche radikalisiert, äußern ihre Wut mit Brandanschlägen und Landbesetzungen. Die Regierung reagiert wie ihre Vorgänger mit der Verschärfung von Gesetzen und Repression. So erlaubt die Mitte 2023 geänderte Regelung gegen Landbesetzung eine schnellere Räumung und höhere Strafen für die Besetzer. Zudem ist das Militär fast seit Beginn von Borics Amtszeit in einem Großteil der Region für die Sicherheit zuständig.
„Die Politik der Regierung führt zu Angst und Misstrauen“, sagt der Mapuche und Universitätsprofessor Claudio Millacura. „Die Vorstellungen der politischen Amtsträger über die Mapuche sind voller Vorurteile und unheimlich rassistisch“, auch in linken Parteien. „Die Gemeinschaften wollen nicht, dass ihnen jemand konkrete Lösungen anbietet, die von einem Schreibtisch aus erarbeitet wurden“, betont Millacura, der an der staatlichen Universidad de Chile in der Hauptstadt Santiago lehrt. „Es braucht zuerst Gespräche, die überhaupt erst Vertrauen schaffen.“
Millacura zufolge liegt das fehlende Interesse auch daran, dass die Mapuche keine homogene Wählerschaft bilden. Das führe dazu, dass sich die Parteien nicht richtig mit deren Forderungen auseinandersetzen. Auch der gescheiterte Prozess für eine neue Verfassung von 2021 bis 2023 habe daran trotz der Teilnahme der Indigenen nichts geändert.
In den Anden hofft Gabriel Huenteman weiter auf die Gespräche mit lokalen Vertreterinnen und Vertretern der Regierung. Derweil läuft allerdings ein juristisches Verfahren gegen seinen Großvater, Atilo Pereira. Huenteman hat Angst um ihn. „Früher bedeutete eine Verurteilung wegen Landbesetzung eine Geldstrafe, mit dem neuen Gesetz kann mein 92-jähriger Großvater ins Gefängnis kommen.“

Quito (epd). Gewächshäuser so weit das Auge reicht: Auch im Garten von Rosa Cualchi stehen die rund fünf Meter hohen Tunnel aus weißem Plastik. Die 55-jährige Ecuadorianerin züchtet Rosen auf ihrem halben Hektar Land direkt neben ihrem Wohnhaus. Hier in den Anden auf etwa 3.000 Metern Höhe wachsen die Blumen durch die direkte Sonneneinstrahlung, die heißen Tage und kühlen Nächte besonders gerade und langstielig, mit handgroßen Köpfen.
Ecuador ist weltweit einer der Hauptexporteure der beliebten Blumen. Rund die Hälfte der Produktion geht nach Europa. Viele Bewohner der kleinen Gemeinde Tupigachi, anderthalb Autostunden nordöstlich der Hauptstadt Quito, bauen Rosen an. Auch Cualchis Brüder.
Die ersten Rosenfarmen entstanden hier Ende der 1980er Jahre. Sie brachten Arbeit und Wachstum und erlaubten den Frauen eine gewisse Emanzipation. Doch die Löhne waren niedrig und die Arbeitsbedingungen schlecht. Deshalb nutzten ab Mitte der 2010er Jahre immer mehr Beschäftigte ihr Wissen, um eigene kleine Rosenfarmen aufzubauen.
Die Massenentlassungen während der Corona-Pandemie, insbesondere der älteren Beschäftigten, beschleunigten diese Entwicklung. Inzwischen soll es um die 5.000 kleine Blumenfarmen in der Region geben, zunehmend mehr Dörfer verschwinden unter weißen Planen.
Rosa Cualchi hat mehr als 30 Jahre in der Rosenernte gearbeitet. Als junge Frau sei sie für sechs Jahre auf einer Farm gewesen. „Doch als wir eine Gewerkschaft gründen wollten, um unsere Bedingungen zu verbessern, wurden wir alle entlassen und kamen auf eine schwarze Liste“, erzählt sie. Dennoch schaffte sie es, wieder Arbeit zu finden. 26 Jahre blieb sie in dem Betrieb. Dann habe die Geschäftsleitung 2020 einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgefordert, ein Dokument zu unterschreiben. „Sie sagten, es sei eine Arbeitszeitverkürzung, um uns während der Pandemie zu schützen, aber in Wirklichkeit war es unsere freiwillige Kündigung.“
„Dieses Vorgehen war gang und gäbe“, sagt Lorena Caluguillín, Anwältin bei der Gewerkschaft FTNE. Geschätzte 16.000 Menschen seien auf diese Weise von den Blumenfarmen ohne Abfindung entlassen worden, offizielle Zahlen gebe es jedoch nicht. Die Regierung nutzte zugleich die Pandemie, um die Arbeitsgesetze zu liberalisieren.
Als ehemalige Gewerkschafterin weigerte sich Cualchi zu unterschreiben und ging stattdessen vor Gericht. Die Abfindung, die sie mithilfe der Gewerkschaft erstritt, investierte sie in ihren eigenen kleinen Rosenbetrieb, so wie andere auch.
Doch die Ausbreitung der Monokulturen mit hohem Pestizid-Einsatz bringt auch Konflikte in die Dorfgemeinschaften und Familien. „Es gab lange Diskussionen“, erzählt Edison Tuquerrez, ehemaliger Vorstand der etwas östlicher gelegenen Gemeinde Paquiestancia. Er hatte die Erlaubnis zum Blumenanbau in der Vollversammlung durchgebracht und zieht eine positive Bilanz: „Die Blumenproduktion hat Wachstum in die Dörfer gebracht.“ Nun gebe es in Paquiestancia eine Eisenwarenhandlung und eine Schlosserei, und der Transport und die Restaurants hätten höhere Einnahmen.
Lilian Gualavisí sieht das anders. Sie lebt mit ihrer Tochter auf dem Bio-Bauernhof ihrer Mutter in der Gemeinde. „Wir haben hier nachhaltige Alternativen aufgebaut, zum Beispiel den Gemeindetourismus“, erzählt sie. „Wir hatten ein Tourismuszentrum, Gästezimmer in den Häusern, boten Ausritte an, Fahrrad- und Wandertouren, Stickereiwaren, wir erzielten Einnahmen.“ Doch mit den Gewächshäusern war Schluss. „Wer will schon dort wandern gehen, wo alles unter Plastik ist!“
Die Rosenzucht habe außerdem die Konflikte um Ressourcen verschärft, sagt Gualavisí, Vize-Präsidentin einer der wichtigsten Indigenen-Organisationen des Landes Ecuarunari. „Es gibt immer weniger Wasser, und die Blumenproduzenten wollen einen immer größeren Anteil.“ Zugleich steige wegen des vieles Plastiks das Überschwemmungsrisiko bei Regenfällen. Und die hochgiftigen Pestizide mitten im Dorf seien ebenfalls ein Problem. Einen weiteren Nachteil sieht Gualavisí in den hohen Anfangsinvestitionen von etwa 20.000 US-Dollar (rund 18.400 Euro) für eine Rosenzucht, durch die sich viele Dorfbewohner verschuldet hätten.
Auch Rosa Cualchi bestätigt: Einfach sei es nicht, die Preise pro Rose seien von etwa 40 auf 17 bis 20 Cent gesunken. Zudem zahlten die Mittelsmänner sehr unregelmäßig. Fast die Hälfte ihrer Einnahmen gingen zudem für Pestizide und andere Ausgaben drauf. Dennoch ist Cualchi zufrieden mit ihrer Entscheidung. „Ich bin zu Hause und kann nebenher meine Enkel hüten. Am Vormittag ernte ich, und am Nachmittag sprüht mein Mann die Pestizide.“ Zwar trage er auf Drängen der Tochter einen Schutzanzug, die Gasmaske jedoch nutze er nicht.
Berlin/Mexiko-Stadt (epd). Der Wahlsieg Claudia Sheinbaums ist historisch. „Ich werde die erste Präsidentin in der 200-jährigen Geschichte Mexikos sein“, sagte die 61-jährige Linkspolitikerin in der Wahlnacht vor Tausenden Anhängern im Zentrum von Mexiko-Stadt. Die Wahlbehörde hatte sie am 3. Juni mit 58 bis 60 Prozent der Stimmen nach Hochrechnungen zur Siegerin erklärt.
Im Wahlkampf war Kontinuität eines von Sheinbaums häufigsten Schlagworten. Auch jetzt versprach die promovierte Umweltingenieurin, die Politik ihres populären Vorgängers und politischen Mentors, Andrés Manuel López Obrador, fortzusetzen. Eigene Akzente erhoffen sich ihre Wählerinnen beim Schutz von Frauen sowie im Kampf gegen Gewalt und den weit verbreiteten Machismus.
Doch für viele Mexikanerinnen und Mexikaner bleibt Sheinbaum eine Sphinx, manche nennen sie profillos. Als Präsidentin will sie die üppigen Sozialprogramme weiterführen, mehr in Bildung und Gesundheit investieren. Aber die ehemalige Bürgermeisterin von Mexiko-Stadt wird sich auch am Kampf gegen die ausufernde Gewalt und die Femizide im Land messen lassen müssen. Mexiko ist für Frauen eines der gefährlichsten Länder weltweit: Im Schnitt werden zehn Mexikanerinnen pro Tag ermordet, von gewalttätigen Ehemännern, Menschenhändlern oder Vergewaltigern.
Von ihrer politischen Konkurrentin und Zweitplatzierten, der Mitte-Rechts-Kandidatin Xóchitl Gálvez, wird Sheinbaum als „Eiskönigin“ beschrieben, unnahbar und arrogant. Anders als López Obrador ist sie keine Menschenfängerin, gilt aber als fleißig und stets gut informiert.
Sheinbaum wuchs in einer Familie jüdischer Einwanderer aus Litauen und Bulgarien auf. Wie ihr Bruder studierte sie Physik. Sie war Teil einer marxistischen Studentengruppe. Mit ihrem damaligen Lebensgefährten und späteren Ehemann Carlos Imaz gehörte sie 1989 zu den Gründungsmitgliedern der Partei der Demokratischen Revolution (PRD) - genau wie López Obrador. Nach dem Studium arbeitete Sheinbaum bei den Vereinten Nationen. Doch dann entschied sie sich ganz für die Politik.
Als ihr Mentor López Obrador im Jahr 2000 zum Bürgermeister von Mexiko-Stadt gewählt wurde, machte er sie zu seiner Umweltsekretärin. Von 2015 bis 2017 war sie Stadtteilbürgermeisterin in Tlalpan, einem Mittelklasseviertel im Süden der Metropole. Ihr Mann, der zuvor diesen Posten innegehabt hatte, musste wegen illegaler Wahlkampffinanzierung zurücktreten. Auch Sheinbaum geriet in die Kritik, als bei einem schweren Erdbeben 2017 eine Schule einstürzte, in deren Trümmern 26 Menschen starben. Ihr wurde vorgeworfen, Baumängel zu vertuschen.
2018 fuhren López Obrador und Sheinbaum einen Doppelsieg ein: Er als Präsident, sie als Bürgermeisterin der Hauptstadt. Sheinbaum erreichte einen Rückgang der Kriminalität, wurde aber auch wegen weit verbreiteter Straflosigkeit kritisiert. Mehrere schwere Unfälle im öffentlichen Nahverkehr, wie bei der Metro, die auf Baumängel und fehlende Instandsetzung zurückgeführt wurden, brachten sie ebenfalls in Bedrängnis.
Doch letztlich tat dies Sheinbaums Erdrutschsieg bei den Wahlen am 2. Juni keinen Abbruch. Als Staatsoberhaupt will sie ein eigenes Profil erarbeiten, will erneuerbare Energien fördern und umweltverträgliche Industrien unterstützen.
Befürchtungen wegen einer allzu linken und populistischen Richtung versuchte sie in ihrer Siegesrede zu entkräften. Ihre Regierung werde die Grundrechte wie Meinungs- und Versammlungsfreiheit garantieren und jede Form von Diskriminierung bekämpfen, betonte Sheinbaum. Auch sei ihr die Trennung von wirtschaftlicher und politischer Macht wichtig, ebenso wie die Förderung privater Investitionen aus dem In- und Ausland.
Wie sie die grassierende Gewalt gegen Frauen beenden will, ließ die Mutter zweier Kinder allerdings offen. Als Bürgermeisterin ging sie teils rabiat gegen Aktivistinnen vor, die gegen Frauenmorde demonstrierten und mied den Kontakt zu Organisationen von Frauenrechtlerinnen. So wird Sheinbaum zwar als erste Präsidentin Mexikos in die Geschichte eingehen, doch vermutlich nicht als Feministin.
Genf (epd). UN-Generalsekretär António Guterres hat das Massaker in einem Dorf im Zentralsudan scharf verurteilt. Bei dem Angriff der paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) auf die Ortschaft Wad Al-Nura in Sudans Bundesstaat Al-Dschasira seien möglicherweise mehr als 100 Menschen getötet worden, teilten die UN am 7. Juni in Genf mit. Guterres forderte alle Parteien des Konflikts im Sudan auf, sich jeglicher Angriffe zu enthalten, die der Zivilbevölkerung Schaden zufügen könnten. Auch die zivile Infrastruktur dürfe nicht attackiert werden.
Laut lokalen Medien wie der „Sudan Tribune“ wurden bei dem RSF-Angriff 180 Zivilistinnen und Zivilisten getötet, Unicef sprach von mindestens 35 toten und weiteren 20 verletzten Kindern. Die RSF und die Armee bekämpfen sich im Sudan in einem eskalierten Machtkampf seit April 2023. Seitdem wurden tausende Menschen getötet, Millionen sind auf der Flucht. Besonders schlimm ist die Lage in der westlichen Region Darfur und der Hauptstadt Khartum.
Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration sind innerhalb nordostafrikanischen Landes 9,9 Millionen Menschen auf der Flucht. Die Binnenvertriebenen irrten in allen 18 Staaten des Sudans umher. Darüber hinaus seien mehr als zwei Millionen Sudanesinnen und Sudanesen über die Grenzen in die Nachbarländer geflohen, vor allem in den Tschad, den Südsudan und nach Ägypten. Hilfswerke und die Vereinten Nationen sprechen von einer drohenden Hungersnot im Land, die medizinische Versorgung ist zudem weitgehend zusammengebrochen.
New York, Genf (epd). Rund 181 Millionen Mädchen und Jungen unter fünf Jahren weltweit leiden laut Unicef unter schwerer Ernährungsarmut. Damit sei jedes vierte Kind dieser Altersgruppe betroffen, teilte das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen am 6. Juni in New York mit.
Laut Unicef werden Millionen Kinder unter fünf Jahren nicht so nahrhaft und abwechslungsreich ernährt, wie sie es für gesundes Wachstum und ihre Entwicklung benötigten. Unicef analysierte nach eigenen Angaben für den Bericht „Ernährungsarmut in der frühen Kindheit“ Auswirkungen und Ursachen von Ernährungsarmut bei Kindern in fast 100 Ländern und über alle Einkommensgruppen hinweg.
Als von schwerer Ernährungsarmut betroffen gelten demnach Kinder, die Nahrungsmittel aus nicht mehr als zwei von acht definierten Lebensmittelgruppen zu sich nehmen. Die meisten betroffenen Kinder erhielten lediglich Muttermilch, Milch oder stärkehaltige Grundnahrungsmittel wie Reis, Mais und Weizen. Nur weniger als zehn Prozent essen Obst und Gemüse. Weniger als fünf Prozent erhalten nährstoffreiche Lebensmittel wie Eier, Fisch, Geflügel oder Fleisch.
19.6. Evangelische Akademie Sachsen
Online Caspar Davis Friedrich - Sein Naturbegriff und sein Verhältnis zum Göttlichen Caspar David Friedrich, der bedeutendste Maler der deutschen Romantik, schuf in seinen Gemälden einen ganz eigenen Blick auf die Natur. Dabei ging es ihm nicht um eine naturgetreue Abbildung, sondern um Emotionen und religiöse Aspekte.
21.6. Evangelische Akademie Frankfurt
Mit Livestream Kriegstüchtig mit KI und Aufrüstung. Wo bleibt die Friedenspolitik? Aufrüstung statt Abrüstung ist die neue Sicherheitsdoktrin. Weltweit steigen die Militärausgaben. Das neue Friedensgutachten der vier führenden Institute für Friedens- und Konfliktforschung in Deutschland thematisiert diese Zeitenwende, in der Rüstungsdynamiken - verbunden mit neuer Militärtechnologie wie Satellitentechnik, Drohnen und künstlicher Intelligenz - Kriege verändern. Am Beispiel des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine soll diese Entwicklung diskutiert und sicherheits- und friedenspolitisch eingeholt werden.
24.6. Evangelische Akademie im Rheinland
Online Die ForuM Studie zur sexualisierten Gewalt und ihre Folgen Zu Beginn des Jahres ist die ForuM Studie veröffentlicht worden: „ForuM - Forschung zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der Evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland“. Wo stehen wir heute, ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung? Wie geht es weiter?