Hamburg/Gronau (epd). Mit Schlapphut und Zigarre steht er auf dem Dach der Hamburger Elbphilharmonie: „Ey willkommen mittendrin, schönen Gruß hier aus dem Hurricane“, singt Udo Lindenberg in dem Video. Der Song „Mittendrin“ ist Udos Botschaft in der Corona-Zeit: „Wir starten wieder durch, das war genug Entbehrung.“ Denn auch die dunkelste Stunde habe schließlich nur 60 Minuten.
Mit dem Stück melde sich der Panik-Präsident zurück, schreibt Lindenberg auf seiner Facebook-Seite, „mittendrin im Auge des Orkans, des Hurricanes“, wo der „Udonaut“ relaxe und seine Power nachladen könne. Am 17. Mai wurde er 75 Jahre alt, er kam 1946 in der westfälischen Kleinstadt Gronau zur Welt.
Höhen und Abstürze
Während der Pandemie hat er sich, wie er berichtet, wieder mehr mit seiner Kunst beschäftigt, den mit bunten Likörsorten kolorierten „Likörellen“. Neue Songs hat er aber auch aufgenommen. Sie erscheinen zu seinem Geburtstag in der großen Werkschau über seine 50-jährige musikalische Karriere. Titel: „Udopium - Das Beste“.
Lindenberg hat in seiner Laufbahn jede Menge Höhen, aber auch Abstürze überlebt. Inzwischen hat er seine Alkoholexzesse hinter sich gelassen und ist seit Jahren wieder ganz oben: Sein Comeback-Album „Stark wie zwei“ (2008) und der Nachfolger „Stärker als die Zeit“ (2016) landeten ebenso an der Spitze der Albumcharts wie auch seine beiden in Hamburg aufgenommenen „MTV Unplugged“-Livealben von 2011 und 2018.
Mit seinen Konzerten füllte er bis zur Corona-Zwangspause die großen Stadien. Auch im Kino feierte im vergangenen Jahr „Lindenberg! Mach dein Ding!“ über die Anfangsjahre des Musikers Erfolge.
„Partytime-bedingter Durchhänger“
Der „kleine Partytime-bedingte Durchhänger“ von zehn, 20 Jahren sei nötig gewesen, erzählt er rückblickend. „Als Sänger musst du ja auch was zu erzählen haben: ohne Drama kein Comeback.“
Lindenberg hat gezeigt, dass auf Deutsch zu singen auch cool sein kann. Musiker einer neuen Generation wie Jan Delay, Max Herre oder Clueso treten mit ihm gemeinsam auf. Lindenberg sei „der Auslöser, das Fundament und der Wegbereiter für eine neue deutsche Songsprache“ gewesen, sagt Johannes Oerding, der mit ihm „Mittendrin“ geschrieben hat.
Lindenberg sei zwar nicht der Erste gewesen, der deutschgesungene Texte in die Rockmusik eingeführt habe, sagt der Kurator des Gronauer Rock'n'Popmuseums, Thomas Mania. Er habe jedoch diesen spielerischen Umgang mit der deutschen Sprache gehabt: „Lindenbergs Texte waren geerdet, lebten von ihrer Inspiration durch den Alltag“.
„Fast nur Schlagermist“
Anfang der 70er Jahre habe es an deutschsprachiger Musik „fast nur so Schlagermist“ gegeben, erinnert sich Lindenberg: „Dem musste man was entgegensetzen.“ Seine Redewendungen in „Udo-Deutsch“ wie „keine Panik auf der Titanic“ gehören schon zum Kulturgut. Für seine Verdienste um die deutsche Sprache erhielt er im Jahr 2010 den Jacob-Grimm-Preis.
Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen gehört auch das Bundesverdienstkreuz , das er 1989 für Verdienste um die Verständigung zwischen Ost und West erhielt. Seine Heimatstadt Gronau ernannte ihn zum Ehrenbürger, Fans ließen ihm dort ein Udo-Denkmal errichten. Lindenberg stieß auch die Gründung des Gronauer „Rock’n’Popmuseums“ an. Zu den Exponaten gehört der Astronautenanzug, den Lindenberg bei diversen Live-Auftritten nutzte.
Seit Jahren residiert Udo Lindenberg überwiegend im Hamburger Hotel Atlantic. Er selbst strickte in seinem ersten großen Hit Anfang der 70er Jahre „Hoch im Norden“ noch die Legende, dass er hoch im Norden, hinter den Deichen, geboren sei und nicht in Westfalen.
Trommelte bei Klaus Doldinger
Der Musiker wuchs mit drei Geschwistern in bescheidenen Verhältnissen auf. Schon als Kind begann er, mit einem ausgeprägten Rhythmusgefühl auf Fässern zu hämmern. Der damals bereits berühmte Jazz-Saxophonist Klaus Doldinger engagierte Lindenberg als Schlagzeuger für seine Formation „Passport“. Der Durchbruch gelang ihm dann 1973 mit der Platte „Alles klar auf der Andrea Doria“.
Lindenberg engagierte sich immer wieder politisch: gegen Nazis, Atomkraft, Rüstung sowie jede Art von Diskriminierung und Spießertum. Corona habe ihm neulich zugeflüstert: „Umdenken ist möglich“, sagt er dem UN-Kinderhilfswerk Unicef. „Stoppt Klimawandel und Kriege, Schluss mit Egomanie und Profitdenken.“ Die Pandemie zeige ja, dass vieles gehe, was vorher undenkbar gewesen sei.
Er wolle nicht nur den Entertainer geben, sondern sich einmischen, „vor allem für die Schwächsten, die sich am wenigsten wehren können“, sagte er anlässlich seiner Auszeichnung mit dem Unicef Ehrenpreis Kinderrechte im vergangenen Jahr.
Aktuell steht er in Hamburg beim „Tatort“-Dreh vor der Kamera. In der Folge, die Ende des Jahres zu sehen sein soll, sind unter anderen Udo-Lindenberg-Doppelgänger mordverdächtig.
Dass es mit 75 Jahren um Lindenberg ruhiger wird, ist nicht zu erwarten. Er habe schon mal einen Club der 100-Jährigen gegründet, sagte er kürzlich in einem Interview, denn: „Jetzt macht es keinen Sinn mehr aufzuhören.“

