Hamburg (epd). Wer wissen will, wo der Nachkriegsschriftsteller Wolfgang Borchert (1921-1947) gearbeitet hat, findet dessen Zimmer nachgebaut in der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek. Borcherts Mutter Hertha hatte Möbel, Bücher und Tabakspfeife bereits 1976 der Bibliothek vermacht. Zum 100. Geburtstag Borcherts wurde die neu gestaltete „Borchert-Box“ am 11. Mai im Hauptgebäude der Bibliothek eröffnet.
Bislang war das Borchert-Zimmer eher versteckt im Altbau der Bibliothek untergebracht. Der neue Standort im Hauptgebäude zeigt einen Glaskasten mit zwei Räumen, von denen einer begehbar ist. „Dissonanzen“, der Titel der Ausstellung, soll auch auf die Widersprüche in Leben und Werk Borcherts hinweisen, wie es hieß: Der Tragik seiner Werke stehe die Lebenslust des Dichters gegenüber, sein Soldatenleben dem Pazifismus.
Borchert wurde am 20. Mai 1921 in Hamburg geboren und gilt als einer der prominentesten Schriftsteller der deutschen Nachkriegszeit. Sein Gesamtwerk mit Gedichten und Erzählungen ist vergleichsweise schmal. Bekannt ist vor allem sein Drama „Draußen vor der Tür“: Der Kriegsheimkehrer Beckmann muss ernüchternd feststellen, dass es für ihn keinen Platz in der Nachkriegsgesellschaft gibt. Einen Tag vor der Uraufführung starb Borchert am 20. November 1947 im Alter von 26 Jahren in Basel auf dem Weg zu einer Kur.
Dauerhaftes Angebot
Die Eröffnungsfeier in der Bibliothek fand im kleinen Rahmen statt. Die Borchert-Box sei als dauerhaftes Angebot geplant, sagte Kurator Konstantin Ulmer. Die Ausstellung soll künftig durchgehend zu den Öffnungszeiten der Bibliothek zugänglich sein. Neben dem Zimmer informieren die virtuelle Karte „Borcherts Hamburg“ und vier Sideboards die Besucher über das kurze, intensive Leben des Autors. Der Gedichtautomat „Borchert-Bot“ mit dichtender künstlicher Intelligenz ist über einen Touchscreen zu benutzen. Die Ausstellung wurde von der Hermann Reemtsma Stiftung und der „Zeit“-Stiftung gefördert.
Hamburg feiert den 100. Geburtstags des Dichters mit mehr als 30 Veranstaltungen. Höhepunkt ist die Jubiläumswoche, die am 17. Mai in den Hamburger Kammerspielen mit Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) eröffnet wird. Die meisten Veranstaltungen sollen online stattfinden.

