Ihr wöchentlicher Branchendienst
Ausgabe 14/2025 - 04.04.2025
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Berlin (epd). Die soziale Schuldnerberatung braucht nach der Überzeugung von Ines Moers, der Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung, politische Entscheidungen für eine verlässliche Finanzierung ihres Angebots. Ein weiterer Stellenabbau in den Beratungsstellen erhöhe das Risko, dass finanziell klamme Bürgerinnen und Bürger nicht rechtzeitig kompetente Hilfe erhielten. Die Fragen stellte Markus Jantzer.
epd sozial: Sie stellen einen Stellenabbau in den Schuldnerberatungen fest. Was genau beobachten Sie?
Ines Moers: Die Schuldenberatung gerät in mehreren Bundesländern spürbar unter Druck. Aus unserer Mitgliedschaft erhalten wir vermehrt Hinweise, dass einzelne Stellen abgebaut oder nicht nachbesetzt werden - etwa in Brandenburg mit angekündigten Kürzungen oder in Mecklenburg-Vorpommern, wo es 2024 bereits zu ersten Schließungen kam. In Hamburg sorgt eine neue Ausschreibung für erhebliche Unsicherheit. Auch in Schleswig-Holstein bleibt die Situation in den Beratungsstellen angespannt. Ohne systematische Abfrage, allein durch Rückmeldungen unserer Mitglieder, sehen wir derzeit konkrete Auswirkungen in mindestens vier Bundesländern.
epd: Was sind für die Bürgerinnen und Bürger die unmittelbar spürbaren Folgen des Stellenabbaus?
Moers: Wer heute einen Termin in der Schuldenberatung braucht, braucht vor allem Geduld. In vielen Regionen warten Ratsuchende mehrere Wochen oder sogar Monate auf einen Termin. Sollte es zu weiteren Kürzungen kommen, könnte sich dieser Zustand weiter verschärfen. Besonders in ländlichen Gegenden sind viele Menschen ohnehin auf wenige Anlaufstellen angewiesen. Fallen dort Stellen weg, drohen noch längere Wege und eingeschränkte Erreichbarkeit. Auch Beratungsstellen, die bisher Erwerbstätige oder Kleinselbstständige mitberaten konnten, könnten gezwungen sein, den Zugang zu begrenzen. Das bedeutet: weniger kostenlose Hilfe und ein erhöhtes Risiko für Mahnungen, Stromsperren oder Mietrückstände, die durch rechtzeitige Beratung vermeidbar wären.
epd: Sie sehen die Schuldnerberatungsstellen an der Belastungsgrenze. Was bedeutet das konkret?
Moers: Viele Beratungsstellen arbeiten seit Jahren mit voller Auslastung und müssen Anfragen priorisieren. Zugleich steigt die Komplexität der Fälle deutlich: Ratsuchende kommen häufig mit mehreren Problemen gleichzeitig - etwa Zahlungsrückständen, gesundheitlichen Einschränkungen oder familiären Krisen.
epd: Das verändert Ihre Arbeit ...
Moers: Solche Fälle erfordern deutlich mehr Zeit und intensivere Begleitung. Der Schuldenreport 2024 aus Schleswig-Holstein beschreibt eine deutlich angespannte Lage in vielen Stellen - mit hoher Auslastung, steigenden Anforderungen und begrenzten Ressourcen. Die Beratungskräfte setzen sich mit großem Engagement ein, stoßen aber zunehmend an strukturelle Grenzen, die eine bedarfsgerechte Unterstützung erschweren.
epd: Warum hat sich die Lage in den Schuldnerberatungsstellen in den vergangenen Jahren verschärft?
Moers: In vielen Beratungsstellen hat sich die Lage vor allem in Bezug auf Fallzahlen und Problemlagen deutlich verändert. Die AG Schuldnerberatung der Verbände hat 2024 in einer bundesweiten Umfrage eine deutliche Zunahme von Beratungsanfragen festgestellt. Gleichzeitig zeigen sich neue Herausforderungen: Laut Überschuldungsreport 2024 des Instituts für Finanzdienstleitungen sind gesundheitliche Probleme wie Krankheit oder Sucht inzwischen der häufigste Überschuldungsgrund. Solche Fälle sind oft komplex und zeitintensiv. Eine bundesweit einheitliche Erhebung zur Inanspruchnahme der Beratung gibt es bislang nicht. Entwicklungen können nur punktuell erfasst werden - etwa über regionale Reports oder Rückmeldungen unserer Mitgliedschaft. Das erschwert die politische und fachliche Steuerung.
epd: Sie erklärten kürzlich, dass „tragfähige, verlässliche Strukturen“ notwendig seien. Was meinen Sie damit? Und was müsste künftig dafür getan werden?
Moers: Die Schuldnerberatung ist bundesweit sehr uneinheitlich organisiert. Es gibt große Unterschiede bei Zuständigkeiten, Finanzierungsmodellen und Zugangswegen. Einige Stellen werden mit Fallpauschalen finanziert - unabhängig vom tatsächlichen Aufwand. Gerade bei komplexen Fällen stößt dieses Modell jedoch an Grenzen. Auch Ausschreibungen führen immer wieder zu Unsicherheit - etwa in Hamburg, wo regelmäßig neu entschieden wird, welche Stellen weiter bestehen können. Wir fordern deshalb klare und langfristige Rahmenbedingungen, die bundesweit Planungssicherheit schaffen. Nur so kann gewährleistet werden, dass Ratsuchende überall Zugang zu qualifizierter und nachhaltiger Beratung haben.
epd: Was kommt infolge der neuen EU-Verbraucherkreditlinie in diesem Jahr auf die Beratungsstellen und ihre KlientInnen zu?
Moers: Das hängt stark davon ab, wie die Bundesregierung die EU-Verbraucherkreditrichtlinie umsetzt. Deren Ziel ist es, Überschuldung frühzeitig zu vermeiden - auch durch besseren Zugang zur Beratung. Aus unserer Sicht bedeutet das: Die Schuldnerberatung muss für alle erreichbar und verlässlich finanziert sein. Ein Vorschlag zur Finanzierung ist eine Abgabe auf neue Kredite durch die Kreditgeber, wie es der europäische Verband ECDN (European Consumer Debt Network) empfiehlt. Denn auch die Gläubiger profitieren davon, wenn Rückzahlungen realistisch bleiben. Wie genau die Umsetzung der EU-Verbraucherkreditrichtlinie in Deutschland erfolgt, ist noch offen, aber sie wird entscheidend dafür sein, ob Ratsuchende künftig schneller und wohnortnah Hilfe bekommen.
epd: Was erwarten Sie hier von der neuen Bundesregierung?
Moers: Wir erwarten, dass die neue Bundesregierung die Umsetzung der EU-Verbraucherkreditrichtlinie als Chance begreift - nicht als reine Pflichterfüllung. Es braucht einen politischen Rahmen, der den Zugang zu Schuldenberatung langfristig absichert und bundesweit vergleichbare Bedingungen schafft. Eine verlässliche Finanzierung, die nicht von Ausschreibungen oder Einzelfällen abhängt, ist dafür zentral. Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten - etwa bei Stellenabbau in großen Unternehmen - dürfen überschuldete Haushalte nicht allein gelassen werden. Die soziale Schuldenberatung stabilisiert frühzeitig und vermeidet soziale Folgekosten. Auch die Arbeit der Beratungskräfte verdient mehr Anerkennung - durch Rahmenbedingungen, die Engagement ermöglichen, statt zu überfordern. Die Richtlinie erlaubt es ausdrücklich, die Beratungsstrukturen zu stärken.
epd: Wie blicken Sie als Fachverband der Schuldnerberatungsstellen in Deutschland auf die aktuellen Gespräche zur Bildung einer neuen Bundesregierung?
Moers: In den bisherigen Gesprächen wurde die Schuldnerberatung nicht erwähnt und der soziale Bereich insgesamt kaum berücksichtigt. Gleichzeitig heißt es im Sondierungspapier: „Wir werden im Rahmen der Haushaltsberatungen auch Einsparungen vornehmen.“ Das lässt befürchten, dass wichtige soziale Angebote weiter unter Druck geraten könnten. Dabei ist die soziale Schuldenberatung ein zentrales Instrument, um Menschen in Krisen zu stabilisieren und gesellschaftliche Folgekosten zu vermeiden. Wir hoffen, dass die neue Bundesregierung diesen Zusammenhang erkennt und die Beratungsstrukturen in den weiteren Koalitionsverhandlungen stärker berücksichtigt.
epd: Was ist Ihr dringendster Appell an die neue Bundesregierung?
Moers: Sie muss den kostenlosen Zugang zur Schuldenberatung sichern - und zwar dauerhaft und bundesweit. Die soziale Schuldenberatung ist kein Randthema, sondern Teil der Daseinsvorsorge. Wer frühzeitig unterstützt wird, gerät seltener in existenzielle Notlagen und braucht weniger staatliche Hilfe. Deshalb braucht es jetzt klare politische Entscheidungen für eine verlässliche Finanzierung. Nur so kann Beratung dort ankommen, wo sie gebraucht wird: rechtzeitig, erreichbar und qualifiziert.