

Hamburg (epd). Dieses „Sorry, kein Geld dabei“ hören sie dauernd. Verkäuferinnen und Verkäufer von Straßenmagazinen haben es seit der Corona-Pandemie schwerer: „Immer mehr Menschen haben kein Bargeld dabei, was für unsere Verkäuferinnen und Verkäufer eine echte Herausforderung bedeutet“, sagt Jörn Sturm, Geschäftsführer des Hamburger Straßenmagazins „Hinz&Kunzt“. Seine Lösung: Als erstes Straßenmagazin in Deutschland bietet „Hinz&Kunzt“ mit der März-Ausgabe auch eine bargeldlose Bezahlung an. Als nächster Schritt ist eine digitale Zeitung geplant.
Ab dem 26. Februar haben die rund 450 Verkäuferinnen und Verkäufer einen Ausweis mit QR-Code „Hinz&Pay“ bekommen. Kundinnen und Kunden scannen ihn mit ihrem Smartphone, wählen das gewünschte Produkt wie Magazin, Sondermagazin oder Kalender und die Zahlungsmethode, etwa PayPal, Apple Pay oder Google Pay. „Wer möchte, kann auch Trinkgeld hinterlassen“, erklärt „Hinz&Kunzt“-Sprecherin Sybille Arendt. Da die meisten Verkäuferinnen und Verkäufer kein eigenes Bankkonto haben, wird das Geld über den Vertrieb von „Hinz&Kunzt“ direkt ausgezahlt.
Vorbild ist das digitale Bezahlmodell der österreichischen Straßenzeitung „Augustin“ aus Wien, auch die Tiroler Zeitung „20er“ bietet bargeldloses Bezahlen bereits seit Herbst 2024 an. In Deutschland ist „Hinz&Kunzt“ den Angaben nach das erste Straßenmagazin mit diesem Angebot. Zunächst haben 15 Verkäuferinnen und Verkäufer von November bis Januar das neue „Hinz&Pay“ getestet. Ihre Erfahrungen waren sehr unterschiedlich, manche haben sehr viel über den QR-Code verkauft, andere wenig. „Verkäufer, die vor dem Supermarkt stehen, nutzen es kaum. Ihre vielen Stammkunden haben ja extra Zeitungsgeld in der Tasche“, berichtet Arendt.
Dagegen kam das bargeldlose Bezahlen bei Gastronomie-Verkäufern sehr gut an. „Das ist ein Quantensprung. Damit ist “Hinz&Kunzt„ endlich im digitalen Zeitalter angekommen. Meinen Kunden gefällt es - vor allem den technikaffinen“, sagt Klaus (61), der die Zeitung in Kneipen, Cafés oder Restaurants in Eimsbüttel und Eppendorf verkauft.
Auch Jasmin (51) hat gute Erfahrungen gemacht: Ihre Kunden seien überrascht und hocherfreut. „Für mich ist es ein Bonbon, der die Lücke wieder schließt, die durch das überall übliche digitale Bezahlen entstanden ist“, sagt Jasmin, die das Blatt in Övelgönne und Ottensen verkauft. Vor allem jüngere Menschen, die bargeldlos unterwegs sind, könnten jetzt besser angesprochen werden, ist Arendt überzeugt. Sie hofft, dass mithilfe von „Hinz&Pay“ künftig wieder mehr Zeitungen verkauft werden.
Seit November 1993 wird das Heft von Obdachlosen, Wohnungslosen, Ex-Obdachlosen und Menschen in prekären Lebenslagen auf den Straßen der Hansestadt verkauft. Vom Preis von 2,80 Euro behalten sie die Hälfte. Arendt: „Der Verkauf des Monatsmagazins soll dazu beitragen, Berührungsängste und Vorurteile zwischen Arm und Reich abzubauen.“ Unter bundesweit rund 30 Straßenmagazinen ist „Hinz&Kunzt“ das auflagenstärkste Heft. Doch auch in Hamburg geht der Verkauf zurück: Im vergangenen Jahr betrug die „Hinz&Kunzt“-Auflage durchschnittlich 44.000, in den besten Jahren waren es 70.000 Exemplare.
Das Problem: Immer weniger Menschen wollen gedruckte Zeitungen lesen. „Nach dem digitalen Bezahlsystem arbeiten wir jetzt an einer digitalen Straßenzeitung“, erklärt Arendt. Sie rechnet damit, dass es neben dem gedruckten Heft im Laufe des Jahres eine digitale „Hinz&Kunzt“ gibt. Einfach werde es nicht. Arendt: „Straßenzeitungen sind keine normalen Medien, bei uns hängen Menschen daran.“ So werde es auch eine digitale „Hinz&Kunzt“ nur bei den Verkäuferinnen und Verkäufern auf der Straße geben.